Homo Virtualis

Homo Virtualis

«Herzlich willkommen in den Sphären der Schmorazzen!» tönte es den beiden Gestrandeten in den Ohren. Eine Stimme war es, höflich und kühl, die von irgendwoher kam.
«Was … was ist geschehen?» murmelte der Mann. Er richtete sich auf. Kam mühsam auf die Beine.
«Wo … wo sind wir?» murmelte die Frau. Sie schüttelte sich Sand aus dem Haar.
Da war wieder die Stimme zu hören … von woher kam sie? «Wir Schmorazzen freuen uns, Sie bei uns willkommen heißen zu dürfen!»
Der Mann schaute sich um. Sein Blick fiel auf das Boot. Es war an Land gespült worden, so schien es.
«Ihr Boot haben wir gesichert!» teilte die Stimme mit.
«Wo … wer sind Sie?» fragte der Mann.
«Verehrte Ankömmlinge», meldete sich die Stimme, «wir können Ihnen gar nicht sagen, wie sehr wir uns gewünscht haben, dass Sie zu uns finden würden! Dass Sie den Weg wagen würden über den Ozean, den die große Explosion zwischen unseren Sphären aufgerissen hat. Sie wissen, wovon ich spreche?»
Der Mann sah sich um. Von woher kam diese Stimme?
«Ich spreche von unserem Versuch», fuhr die Stimme fort, «die Erdkernstrahlung abzubauen. Von der Katastrophe, die darauf folgte. Die vermutlich auch in Ihren Sphären zu gewaltigen Verwerfungen geführt hat.»
«Katastrophe?»
«Die große Explosion!» bestätigte die Stimme. «Sie liegt in unserer Verantwortung. Ein Störfall, für den wir uns entschuldigen. Unsere Energiereserven nahmen seit einiger Zeit in bedrohlicher Weise ab, also haben wir nach neuen Quellen geforscht. Ein gewagtes Experiment war unausweichlich. Daraus ist dann beinahe der Weltuntergang geworden.»
«Warum … wir … Weltuntergang?» murmelte der Mann.
«Höchst bedauerlich», erklärte die Stimme, «und höchst alarmierend zugleich. Mussten wir doch nach der großen Explosion damit rechnen, nicht nur unsere Verbrauchsenergien dahinschmelzen zu sehen. Auch unser Bedarf an Lebensenergie war auf einmal in Frage gestellt!»
«Wieso … ja … und …?» murmelte der Mann.
«Eine berechtigte Frage», antwortete die Stimme. «Nach der großen Explosion waren unsere Kontakte zu Ihren Sphären, verehrte Ankömmlinge, wie Sie sich vorstellen können, unterbrochen. Um nicht zu sagen: Sie waren abgerissen. Jedenfalls schätzten wir es so ein. Der Nachschub an Lebensenergie schien gestoppt. Für alle Zeiten gestoppt. Lebensenergie, mit der wir aus Ihren Sphären doch bis zum Tag der großen Explosion immer zuverlässig versorgt worden waren. Was für ein Schicksalsschlag, können Sie sich denken!»
«Ich … ich verstehe kein Wort …» Der Mann versuchte sich zu erinnern … was war geschehen?
Die Stimme fuhr fort: «Dann aber meldete unsere Empfangsstation L., dass ein Boot gesichtet worden sei. Und wir schöpften wieder Hoffnung.»
«L. …? Empfangsstation …?»
«L wie Lindenstraße! Die einzige Empfangsstation, die von der Katastrophe verschont geblieben war.»
«Was … wo sind wir?» fragte die Frau. Sie war auf die Beine gekommen. Stand jetzt neben dem Mann. Suchte seine Hand. Die Abenddämmerung zog langsam herauf und goss flirrende Schatten aus. «Was ist mit uns passiert?»
«Sie, sehr geehrte Ankömmlinge, Sie sind vermutlich die letzten Exemplare der Spezies Homo sensitivus. Die letzten Überlebenden Ihrer Sphären. Eine Folge der großen Explosion. Für die wir Schmorazzen – die wir uns zur Spezies Homo virtualis zählen dürfen – für die wir uns noch einmal bei Ihnen entschuldigen.»
«Sie … Sie haben …?» Die Frau schloss die Augen.
«Wir können Ihre Gedanken nicht lesen», meldete sich die Stimme, «so weit sind wir in unserer Entwicklung noch nicht vorangeschritten, aber wir nehmen an, Sie denken gerade an jenen Tag zurück, den Schreckenstag der großen Explosion. Sie zeigen dabei ein bemerkenswertes Gesichtsmuster. So sieht bei Ihnen allergrößtes Entsetzen aus – deuten wir das richtig?»
Die Frau öffnete die Augen.
«Es ist ein erhebender Moment für uns», fuhr die Stimme fort, «dass wir es heute leibhaftig miterleben dürfen.»
Und wie ein Echo kamen die Worte auf einmal aus allen Richtungen: « … heute leibhaftig miterleben dürfen!»
Die Stimme meldete sich wieder: «Mit unserem Experiment zum Abbau der Erdkernstrahlung sind wir im ersten Anlauf gescheitert, es führte zu einem Störfall, der uns von den Sphären des Homo sensitivus für immer abgekoppelt hat. So jedenfalls schien es uns zunächst. Jetzt aber hat uns das Meer Sie, verehrte Ankömmlinge, in unsere Mitte gespült!»
Aus allen Richtungen war tosendes Händeklatschen zu hören.
«Wer … wer sind Sie? Was … wollen Sie von uns?» stammelte die Frau.
«Wir Schmorazzen», meldete sich die Stimme, «wir dürfen uns zu den intelligentesten und insofern auch erhaltenswertesten Wesen unter der Sonne zählen. Allerdings, wir wollen es nicht verschweigen, wir haben auch einen kleinen Fehler.»
Aus allen Richtungen kam ein lamentierendes «Na ja, na ja!»
«Ein kleiner Fehler, über den Sie uns, und das erwarten wir von Ihnen, nun möglichst bald hinweghelfen werden.»
Wieder brach Händeklatschen los.
Und ein Geräusch … ein bedrohlich klingendes Klicken war unvermittelt zu hören, das vom Ufer her zu kommen schien.
«Was ist das? … Hörst du das … ?» murmelte der Mann. Er ging ein paar Schritte zum Ufer hin, die Frau klammerte sich an seinem Arm fest. Als sie den Blick hob, entdeckte sie eine Hütte.
«Nicht wahr, diese Hütte ist uns erstaunlich gut gelungen!» meldete sich die Stimme. «Wir haben unsere Empfangsstation L. zu Ihrem Nutzen, verehrte Ankömmlinge, in eine bewohnbare kleine Insel umgestaltet. Mit Hütte, Nahrungsvorräten und Energieversorgung! Nun, was sagen Sie?»
«Ich will hier weg!» sagte die Frau leise. Der Mann atmete heftig. «Die können uns hier nicht festhalten!»
«Sie sehen es nicht», meldete sich wieder die Stimme, «wir haben Ihre kleine Insel natürlich überkuppelt. Das Geräusch zeigte gerade an, dass die Kuppel sich geschlossen hat. Sie konnten es nicht sehen. Sie können auch uns nicht sehen. Weil: Im Laufe unserer Entwicklung haben wir die Dimension des Konkreten verlassen – mache ich mich verständlich? Wir Schmorazzen haben uns in die Sphären des Virtuellen hochgearbeitet! Hocharbeiten müssen! Eine schmerzliches Entscheidung, so schien es zunächst. Aber dann erkannten wir: Es war ein Evolutionssprung von überwältigender Tragweite! Können Sie mir folgen?»
Der Mann schüttelte den Kopf. Fühlte sich auf einmal hilflos. «Irgendwo müssen die doch sein!» knurrte er. Er hielt eine Hand über die Augen. Suchte.
«In den Regionen oberhalb Ihrer Wahrnehmung – dort müssten Sie suchen! Dort haben wir uns eingerichtet. Ihren Blicken entzogen. Sie werden uns nicht sehen können, aber wir sehen Sie!»
«Vielleicht stellen Sie sich ja erst einmal vor, ehe Sie hier irgendetwas überkuppeln, Herr … Herr …!»
«Wir haben keine Namen», erklärte die Stimme. «Als die fortschrittlichsten Wesen unter der Sonne haben wir Namen nicht mehr nötig. Wir Schmorazzen sind uns auf höchster Ebene namenlos gleich.»
«Namenlos gleich!» klang es wie ein Echo aus allen Richtungen.
«Meine Aufgabe», fuhr die Stimme fort, «ist die eines Vermittlers zwischen den Sphären. Und so viel möchte ich Ihnen zum Verständnis unserer gemeinsamen Zukunft sagen: Sie wurden überkuppelt, damit wir Sie für immer bei uns behalten können!» Die Stimme hatte sich verändert, jetzt klang sie beinahe wie ein inständiges Flehen. «Wir dürfen Ihnen nicht gestatten, uns zu verlassen! Sie sind für uns überlebensnotwendig! Weil, verehrte Ankömmlinge: Wir benötigen Sie als Vorlage!»
«Vorlage!» kam es als Echo zurück.
Die Frau zitterte. Der Mann strich ihr übers Haar. Die Frau drängte sich nahe an ihn.
Die Stimme meldete sich wieder: «Genau so haben wir es uns gewünscht! Und so können wir es als Vorlage auch nutzen!»
«Verdammt noch mal, was denn!» knurrte der Mann und stampfte mit dem Fuß auf. Die Angst machte ihn jetzt wütend. Die Frau hielt ihm den Mund zu. «Sag nichts!» flüsterte sie. «Es ist unheimlich!»
«Eben all das, was Sie uns da gerade gezeigt haben, das Fußaufstampfen, dass Sie sich den Mund zuhalten. Das Zittern. All das können wir als Vorlage gut gebrauchen. Denn es ist uns im Laufe unserer Entwicklungsprozesse verloren gegangen. Sehen Sie: Das ist unser kleiner Fehler.»
Aus allen Richtungen war wieder ein lamentierendes «Na ja, na ja!» zu hören.
«Seit einer Ewigkeit», lamentierte nun auch die Stimme des Vermittlers, «verfügen wir Schmorazzen über keinerlei Gefühle mehr. Lediglich das Wort «Gefühl» hat sich uns noch erhalten. Und die verstörende Gewissheit, dass die intelligentesten Wesen unter der Sonne ohne Gefühle nicht überlebensfähig sein werden. Warum das so ist, haben wir bedauerlicherweise noch nicht herausgefunden. Begreifen Sie die Problematik? Ohne eine gesicherte Basis an Grundgefühlen, so sagt es die Schmorazzenforschung voraus, werden wir uns schon bald nicht mehr zu den alles entscheidenden Hochgefühlen aufschwingen können. Drücke ich mich verständlich aus? Die Folge für uns wäre vernichtend: Eine Vervielfältigung unsererseits würde in Zukunft nicht mehr möglich sein, und wir müssten aussterben!»
«Aussterben, oh, aussterben, oh!» kam es als Lamento von überall her.
«Eine erholsame Nacht wünschen wir Ihnen jetzt, verehrte Ankömmlinge», sagte die Stimme, «wir Schmorazzen lassen es nun dunkel werden. In der Hütte haben wir Ihnen ein Lager hergerichtet. Morgen Früh nehmen wir Ihre Gegenwart dann wieder gern in Augenschein. Jetzt aber werden wir versuchen, noch einmal – und hoffentlich zum letzten Mal! – unsere Bildbestände als Vorlage zu nutzen.»

Es war dunkel geworden. Dunkel und still.
«In diese Hütte kriegst du mich nicht rein!» sagte die Frau leise.
«Wir bleiben im Freien!» sagte der Mann.
Sie hatten sich auf den Boden gesetzt. Waren eng aneinandergerückt.
Horchten in die Nacht hinaus.
Ein Streifen Mondlicht spukte über sie hinweg.
Erinnerungen drängten auf sie ein.
Erinnerungen an die Flut, der sie entkommen waren. Die große Explosion, von der die Stimme gesprochen hatte – es musste sie gegeben haben! Der Mann hörte in der Stille der Nacht wieder die Warnmeldungen der Nachrichtensender, hörte die Sprecher, die den Weltuntergang ankündigten. Er erinnerte sich, dass gemeldet worden war, die Menschheit sei einem heranstürmenden Inferno ausgeliefert, im Erdinnern habe man gewaltige Explosionen registriert, und es müsse mit der Vernichtung sämtlicher Zivilisationen gerechnet werden. Der Weltuntergang – so hatten es die Nachrichtensprecher von ihren hektisch in die Studios hereingereichten Blättern abgelesen – der Weltuntergang sei nur noch eine Frage von Stunden. Rettungsflugzeuge kreisten in Bereitschaft, allerdings wisse man nicht, ob sie überhaupt noch einen Landeplatz finden würden. Man müsse mit dem Aufplatzen der gesamten Erdoberfläche rechnen. Vorläufige Sicherheit könnten allenfalls noch Boote und kleinere Schiffe bieten, denn die Meteorologen rechneten vorerst nicht mit einer alles verschlingenden Flut, die über die Städte hereinbrechen könnte. Doch dann war die Flut gekommen. «An einem Stück Ast hab ich mich festgehalten!» murmelte der Mann. Er sah das Bild vor sich, wie er, an diesem Aststück hängend, durch die Straßen gespült wurde, wie plötzlich ein Boot auf ihn zugeschossen kam, wie ihn die Frau hineingezogen hatte in das Boot, sie kannten sich vom Einkaufen im Supermarkt … dann wurde das Boot in den Sturm hinausgetrieben, die Ufer waren überspült, die Häuser schwammen wie Pakete auf den Fluten, sie hatten sich an den Bootswänden festgeklammert, es wurde eine Fahrt, die nicht enden wollte, das Boot trieb irgendwohin, und es trieb irgendwann auf ein Stück Land zu. Dieses Stück Land war in der Ferne aus dem Wasser aufgetaucht. Zuerst hatte es ausgesehen wie ein schaukelnder Fisch. Dann wurde es größer. Wurde deutlicher. Kein Fisch … es war … der Mann erinnerte sich, er hatte die Arme hochgeworfen, wollte rufen, war gestolpert, dann schlug eine Welle über ihnen zusammen.
Die Frau stöhnte leise auf.
Der Mann legte einen Arm um sie. «Versuch zu schlafen», sagte er.
Die Frau hielt sich die Hände vors Gesicht. Die Erinnerungen kamen wie lautlos kreischende Vögel auf sie zugeflogen. «Ich sehe alles wieder vor mir», flüsterte sie, «es ist entsetzlich, das Boot ist gekentert, wir werden in die Tiefe gezogen, das Meer spuckt uns aus …!»
Der Mann redete beruhigend auf sie ein.

Dann war auf einmal Musik zu hören. Von irgendwoher.
Der Mann hielt einen Finger an die Lippen. Leise sagte er: «Hörst du das?»
Die Frau zitterte. Lächelte hilflos. Die Musik kam ihr vertraut vor. «Diese Musik … das … ja, die kenne ich!» Sie horchten angestrengt. «Das ist … ist das nicht …?»
Der Mann nickte. «Die Anfangsmusik zu … so fängt doch diese … mir fällt es nicht ein!»
Die Stimme des Vermittlers meldete sich: «Ich verrate es Ihnen, verehrte Ankömmlinge, dann aber legen Sie sich bitte zum Schlafen nieder, denn morgen Früh wollen wir Sie ausgeruht und mit pulsierendem Gefühlshaushalt neu erleben dürfen. Es ist die Einleitungsmusik zur Lindenstraße.
«Richtig!» Dem Mann war es eingefallen.
Die Stimme fragte: «Sie kennen diese ganz und gar gefühlsintensiven Bildergeschichten? Die Stimme verlor sich in einem Wehmutsseufzer. «Zwei unserer Jungschmorazzen werden sich gleich die Lindenstraßen-Folge dreimilliardendreihundertundelf anschauen, vielleicht erinnern Sie sich. Sie trägt den Titel: Im Rausch der Sinne. Die beiden werden sich diese Folge anschauen, um sie als Vorlage zu nutzen!»
Die Frau stammelte: «Das … das alles kann doch nur ein Albtraum sein!»
«Ganz und gar nicht!» widersprach die Stimme. «Mit Hilfe der Lindenstraßen-Bilder und ähnlich bewegender Erlebnisverdichtungen war es uns Schmorazzen bis zu dem Tag der großen Explosion immer möglich, zu den verloren gegangenen Gefühlen zurückzufinden. Wir haben eine Danksagung in die Unendlichkeit hinaus geschickt, als man in Ihren Sphären, verehrte Ankömmlinge, die Lindenstraße nach einem ersten Auslaufen im Jahre 2020 dann im Jahre 2070 wiederbelebt hat. Sofort haben wir uns erneut in all die berauschenden Bilder hineinziehen lassen, sind wieder den Gefühlen auf die Spur gekommen und konnten sie uns neu erschließen.»
Wieder war der Wehmutsseufzer zu hören, der nun aus allen Richtungen zu hören war.
Die Stimme meldete sich wieder: «Denken Sie auch an die konkurrierenden Gefühlsverdichtungen zur Lindenstraße, die aus Ihren Sphären den Weg zu uns fanden – denken Sie an Sissy, die junge Kaiserin! Eine Langzeitemission mit immateriellen Duftanteilen! Oder, erinnern Sie sich? An die Verhaltenheit des Eruptiven, wie sie der Schulmädchenreport in seiner wuchernden Unerschöpflichkeit vermittelte?»
Aus allen Richtungen war ein gurrendes «Urrurrurr!» zu hören.
«All diese Bilderwelten jedoch», fuhr die Stimme fort, «Sie werden mir zustimmen, verehrte Ankömmlinge, haben nie den Grad der Sensitivierungsdichte erreichen können, wie ihn uns die Lindenstraße als Maßstab gesetzt hatte … verzeihen Sie, wir verlieren uns in Erinnerungen … um es noch einmal zu sagen: Mit Hilfe der Lindenstraßen-Bilder und all der anderen Erlebnisströme war es uns Schmorazzen bis zu dem Tag der großen Explosion immer möglich, zu den verloren gegangenen Gefühlen zurückzufinden. Allerdings nur, solange für Bildernachschub gesorgt war. Solange unsere Empfangsstationen die täglichen Signale, die aus Ihren Sphären, verehrte Ankömmlinge, zu uns herüberschwirrten, empfangen und aufzeichnen konnten. Seit der großen Explosion haben wir aber ein Problem: Der Kontakt zu Ihren Sphären ist abgerissen. Der Bildernachschub bleibt aus. Es ist unsere Schuld, o ja, o ja! Wir haben keine Kenntnis darüber, ob die Lindenstraße seither weitererzählt wurde, also müssen wir davon ausgehen, dass sie die große Explosion nicht überdauert hat. Eine Schreckensvorstellung, nicht wahr? Seither müssen wir notgedrungen mit unseren Lagerbeständen vorlieb nehmen. Das ist ernüchternd. Die gefühlsbildende Wirkung der archivierten Lindenstraße – Sie werden es nicht für möglich halten! – Sie lässt erschütternd schnell nach! Aber von heute an ist für uns natürlich alles anders geworden: Jetzt haben wir ja Sie! Und die Gefühle gewissermaßen als urzuständliche Vorlage direkt auf unseren Monitoren. Gute Nacht.»
Die Musik verklang.
Stille legte sich über die Insel.
Die Frau und der Mann waren am Ufer hocken geblieben.
Irgendwann schliefen sie ein.

Vogelgezwitscher kündigte einen neuen Tag an.

«Guten Morgen!» Die Stimme des Vermittlers meldete sich wieder. «Verehrte Ankömmlinge, wir freuen uns, Sie anschauen zu dürfen. Tag eins der Lernprozesse hat nun für uns begonnen. Wir Schmorazzen wollen uns der Thematik «Rückgewinnung der Gefühle» in sehr kleinen Übungsschritten zu nähern versuchen. Ich wiederhole: in sehr kleinen Übungsschritten! Also werden wir viel Zeit miteinander verbringen. Sie und wir. Wenn Sie, bitteschön, jetzt einmal gefühlsgesteuert aufeinander zugehen würden! Nach einem gemeinsamen Aufwachen könnte eine solche Handlungsweise doch die natürliche Folge sein! So jedenfalls haben wir es aus so mancher Lindenstraßen-Folge in Erinnerung.» Die Stimme vibrierte. «Zu einer ersten gefühlsauslösenden Reaktion könnte das doch führen: nämlich unsererseits! Wir sind gespannt!»
Der Mann hob den Blick. Dann stand er langsam auf. Die Morgensonne tauchte die Insel in weiß fließendes Licht. Er sah sich um. Dort lag das Boot. Er ging zum Ufer. Und stieß unversehens mit dem Kopf gegen eine unsichtbare Wand.
«Noch ist die Kuppel geschlossen!» erklärte die Stimme des Vermittlers. «Wir werden sie später einen Spalt breit öffnen, verehrte Ankömmlinge, um Ihnen frische Morgenluft zuzuführen.»
«Wo … wo sind Sie?» fragte der Mann.
Die Frau war aufgestanden. War zum Ufer gelaufen. Hatte sich am Arm des Mannes festgeklammert. «Sie gucken uns an!» sagte sie leise. «Ich spüre es!»
«Es wird Sie schon bald nicht mehr stören, glauben Sie mir!» meldete sich die Stimme. «Von heute an werden wir immer mit Ihnen zusammen sein. Über unsere Monitore ist uns der freie Blick auf Sie möglich, Tag und Nacht. Jeder Schmorazze kann aus seiner Kabine Blickkontakt zu Ihnen aufnehmen. Daran gewöhnen Sie sich, glauben Sie mir. Sie sehen uns ja nicht. Wir Schmorazzen sind an unsere Monitore gebunden. Der intensive Blick auf den Monitor ist uns angeboren, seitdem wir in der Virtualität angekommen sind.» Die Stimme vibrierte. «Es gab eine Zeit … damals … als der Virus die Welt in seinen Klauen hielt, als auch wir Schmorazzen gezwungen waren, im Konkreten Abstand zu halten, als uns der Virus die Nähe zueinander genommen hatte … auf den Straßen sah man keine Individuen mehr zusammenstehen, in Häusern bezogen Einzelschmorazzen die Etagen … wir hatten keine Wahl, wir mussten die Abstände so weit wie möglich fassen: Schließlich blieb uns nur der Sprung aus der Realität eine Sphäre höher in die Virtualität. Der Weg dorthin war für uns unausweichlich geworden. Wir erkannten dann aber sehr schnell, dass wir unser Fortdauern einem großartigen Evolutionssprung zu danken hatten, ach, ja!»
Von überallher kam es wie ein Echo zurück: «Ach, ja … ach, ja …»
«Der Gang aus dem beengend Konkreten in die Weiten der Virtualität, ach ja! Seither erfüllt sich unser Sein im Einswerden mit dem Monitor. Kein Schmorazze wird sich von seinem Monitor lösen. Nur in Ausnahmefällen ist es ihm möglich. Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Gestern, als wir ihr Boot an Land zogen, als wir nach einem Lindenstraßen-Vorbild in Eile eine Hütte für Sie gezimmert haben, da war ein solcher Schritt ins Konkrete für uns unausweichlich. Für wenige Augenblicke. Normalerweise denkt aber kein Schmorazze daran. Darf gar nicht daran denken! Denn die Steuerungsmechanismen unserer Sphären können nur durch die koordinierten Blicke aller Schmorazzen auf die Gesamtheit der Monitore – ich betone: aller Schmorazzen – beherrscht werden! Jeder Schmorazze weiß das. Jeder erlebt es als die größte Herausforderung seines Schmorazzendaseins. Ein Glückskind sein zu dürfen im Rechenzauber der Algorithmen! Eingebunden zu sein in die Rätselwellen der Monitore und Datenbilder. Entschuldigen Sie das Pathos, verehrte Ankömmlinge, manchmal überkommt es auch einen auf Nüchternheit programmierten Schmorazzen, wie mich, verzeihen Sie. Bitte, wenn Sie sich jetzt einmal Ihren vormittäglichen Gefühlen hingeben würden! Weil: Es ist unumkehrbar – Sie gehören fortan zu uns, Sie und alle Ihre Empfindungen, die jetzt die Vorlage für unsere Empfindungen sein werden, das ist so, das können Sie nicht ändern!»
«Meine … meine Empfindungen gehen Sie, verdammtnochmal, einen Dreck an!» knurrte der Mann.
«Warum tun Sie das? Warum verweigern Sie sich unseren Bedürfnissen?» Die Stimme des Vermittlers klang auf einmal dünn und klagend. «Ohne Ihre Hilfe – ich sage es noch einmal mit aller Eindringlichkeit – ohne Ihre Hilfe können wir Schmorazzen nicht überleben. Und sollten wir unglücklicherweise tatsächlich aus unseren Sphären abtreten müssen, werden auch Sie, verehrte Ankömmlinge, nicht weiterexistieren. Ihr neues Zuhause würde mangels Zufuhr von Stabilisierungsenegie schon bald im Meer untertauchen. Das werden Sie doch nicht wollen, nicht wahr! Darum sage ich es noch einmal: Wir sind auf Ihre Gefühle angewiesen, das ist so! Unsere Bildvorräte, die wir auf millionen Speichermedien im Virtuellen lagern, sind leider ganz und gar unbrauchbar geworden. Die Medien verrottet. Es lässt sich keine Kraft mehr aus den Bildern ziehen. Erst vergangene Nacht ist es wieder geschehen – als über unsere Monitore die Lindenstraßen-Folge dreimilliardendreihundertundelf Im Rausch der Sinne flimmerte – nun, da löste diese Episode bei dem Jungschmorazzenpaar, das die Geschehnisse als Vorlage hätte nutzen sollen, keinerlei Reaktion aus. Das Leben in dieser Folge war erloschen! Eine zupackende Liebe hätte es werden sollen vergangene Nacht. Das Jungschmorazzenpaar hatte in einer freigeräumten Doppelkabine zueinander gefunden, die Lindenstraßen-Folge sollte Wirkung tun, die Episode wurde über den Doppelkabinenmonitor in höchster Auflösung ausgestrahlt, das Paar war bereit, Gefühle aus der Vorlage abzurufen, die Kabine war staubgereinigt, die Raumtemperatur betrug 33 Grad Celsius, ideale Bedingungen – was aber brach da über das Jungschmorazzenpaar herein?» Die Stimme des Vermittlers schwoll für einen Augenblick an: «Die schiere Lustlosigkeit! Erschütternd, nicht wahr? Die Vorlage war nichts mehr wert! Erschütternd, stimmen Sie mir zu? Das Jungschmorazzenpaar wollte es begreiflicherweise nicht wahrhaben! Beide stampften mit dem Fuß auf, wie sie es von Ihnen gelernt hatten! Erwogen sogar den Gifttod aus Verzweiflung, wie sie ihn aus der Lindenstraßen-Folge Romeo und Pittermanns Julchen in Erinnerung hatten! Beide waren zu allem entschlossen!»
«Zu allem entschlossen!» kam es als Echo von überallher.

Und plötzlich ist Sirenengeheul zu hören.

Die Stimme des Vermittlers überschlägt sich: «Fluchtversuch! Alles bleibt an den Monitoren! Fluchtversuch!»
Der Mann hört eine Stimme hinter sich. Nahe an seinem Ohr. Die ihm zuflüstert: «Lauf! Das Boot muss ins Wasser! Lauf! Ich öffne die Kuppel!» Und gleich darauf kommen Klickgeräusche vom Ufer her.
Die Frau hört eine Stimme hinter sich: «Hilf ihm schieben! Beeilt euch!»
Die Sirene heult schrill.
Der Mann ist zum Boot gerannt, zieht es hinter sich her zum Ufer.
Die Frau schiebt.
Das Boot gleitet ins Wasser.
Sie werfen sich ins Boot.
Hochschlagende Wellen tragen das Boot aufs offene Meer hinaus.
Gellendes Sirenengeheul folgt den Flüchtenden und erstirbt allmählich.

«Die Strömung ist ideal!» meldete sich eine Stimme aus dem Boot.
«Wir sind bei euch!» meldete sich eine zweite Stimme.
«Wer … wo … wer sind Sie?» fragte der Mann.
Die Stimmen antworteten.
«Jungschmorazze männlich, wir wollen Gefühle!»
«Jungschmorazze weiblich, so schnell wie möglich!»
«Keine kleinen Übungsschritte!»
«Alles auf einmal!»
«Jetzt!»
Das Boot schoss ins offene Meer hinaus. Die Worte verloren sich im Rauschen der Wellen.
 

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