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Hummelreigen - Sonett amphibrachisch

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Walther

Mitglied
Hummelreigen


Es dreht sich der Reigen, um Leben zu zeigen;
Das ist ihm so eigen. Es laut laues Lüftchen,
Die Hummel, ein Schüftchen, folgt einem Düftchen:
Sie stiehlt sich ein Bisschen, sie dreht sich im Reigen

Und beißt sich ein Bisschen aus diesen Blüten,
Die beinah schon wüten, den Frühling zu grüßen.
Sie will sich’s versüßen und wird dafür büßen:
Sie trägt feinen Samen, die Beinchen in Tüten,

So schwer, dass sie taumelt, um die zu besamen,
Die sich ihr ergeben, in tanzendem Schweben.
Sie bringt neues Leben. Wer kennt ihre Namen,

Wer kennt ihre Herzen, die sehnsuchtsvoll schmerzen?
Es dreht sich der Reigen und tanzt um das Leben:
Die Blüten, die Dolden, die Hummeln, die Herzen.
 

Thylda

Mitglied
Das gefällt mir so gut, daß mich nicht mal die schmerzenden Herzen stören :)

Liebe Grüße
Thylda
 

Walther

Mitglied
Hummelreigen


Es dreht sich der Reigen, um Leben zu zeigen;
Das ist ihm so eigen. Es laut laues Lüftchen,
Die Hummel, ein Schüftchen, sie folgt einem Düftchen:
Und stiehlt sich ein Bisschen, sie dreht sich im Reigen

Und beißt sich ein Bisschen vom Nektar der Blüten,
Die beinah schon wüten, den Frühling zu grüßen.
Sie will sich’s versüßen und wird dafür büßen:
Sie trägt feinen Samen, die Beinchen in Tüten,

So schwer, dass sie taumelt, um die zu besamen,
Die sich ihr ergeben, in tanzendem Schweben:
Sie bringt neues Leben! Wer kennt ihre Namen,

Wer kennt ihre Herzen, die sehnsuchtsvoll schmerzen?
Es drehn sich im Reigen und tanzt um sein Leben:
Die Blüten, die Dolden, die Hummeln, die Herzen.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Walther,

ich wage mal einen Versuch: „lauen“ (wegen der Alliteration) als Verb?

Mir gefällt dieses Sonett. Der einzige wunde Punkt sind für mich die Herzen, die schmerzen. Aber das mindert nicht den guten Gesamteindruck. ;)

Gruß Ciconia
 

Mondnein

Mitglied
oooh!

Endlich mal einer, der weiß, daß die Amphibrachyen - die "um die betonte Länge herumgebauten Kürzen" - sich in der zweiten Silbe mit i schreiben, und daß das y zur brachys (= unbetonte Kürze) gehört.
Wesentlicher (als die Rechtschreibung) ist natürlich, daß gerade der Rhythmus, der sich durch die Amphibrachyen ergibt, so wundervoll leicht, beschwingt, volkslied-tänzerisch loslegt, daß die bodenlose lyrische Frechheit der "schmerzenden Herzen" den Leser zum Lachen befreit: bodenlos darf er schweben, stürzen, purzeln, seufzen.
 

wüstenrose

Mitglied
Hallo Walther,

besagte Stelle bleibt für mich etwas rätselhaft.

Hier würde ich umstellen:
Die [blue]ihr sich[/blue] ergeben
Dein Hummelreigen gefällt mir richtig gut, es kreiselt so schön, die Diminutive sind gut platziert und wirken ornamental, "volkslied-tänzerisch" (Mondnein) - ja, so wirkt es auch auf mich, kommt schön aus einem Guss daher, das Zarte / Verborgene und das Handfeste / Gegenständliche sind fein ausbalanciert, wirklich gelungen!

lg wüstenrose
 

Tula

Mitglied
Hallo Walther

auch mir gefällt es.

Was die Korrektur angeht:
Es dreht sich der Reigen und tanzt um das Leben
Es drehn sich im Reigen und tanzt um sein Leben


vielleicht auch:
Es schwingen im Reigen und Tanz für das Leben:

denn "um das Leben" erweckt in mir die doppelsinnige Befürchtung, es könnte der letzte Tanz sein.

Nun lass ich das Geigen und schmatz' meine Feigen...

LG
Tula
 

Walther

Mitglied
Lb mondnein,

lyrik darf spaß machen und humor haben. wir sollten nicht vergessen, daß sie ein gesprochenes lied ist, also eigentlich "rap", nur ohne begleit-beat, den muß sie metrisch-rhythmisch selbst erzeugen. ja, der amphibrachys macht mit der deutschen sprache, aber nicht nur mit ihr, wunderbares.

danke, mein lieber, daß du darauf wieder einmal aufmerksam machst.

texte wie dieser wollen deklamiert sein. sie erzeugen ihre wirkung am besten durch und mit dem durchaus "theatralischen" oder "kabarettistischen" vortrag ihre wirkung.

lieber gruß W.


lb. wüstenrose,

den einen vers habe ich wie vorgeschlagen umgestellt, danke für deinen guten vorschlag. so ist es leichter, richtig zu betonen.

das "laut" ist die "verbalisierung" des adjektivs "lau". der dadurch entstehende stabreim ist wichtig für das lautspiel. natürlich sollen "laut" und "laute", die ja das gegenteil von "lauem lüftchen" sind, mit anklingen, die hummel macht ja doch ziemlich betrieb (krach), wenn sie fliegt.

lieber gruß W.


lb. Tula,

danke für deine überlegungen. wenn du den text nochmals durchliest, werden die dir die wiederholungen auffallen, die eben doch meist keine sind, aber dennoch den klang aufnehmen. das ginge verloren, würde einer deiner vorschläge umgesetzt.

lieber gruu W.
 

Tula

Mitglied
rap

Hallo Walther

habe es jetzt noch einmal 'schnell' gelesen, d.h. das kommt in der Tat wie ein Rap herüber. - Cool !

Dass man das Amphibrachyen nennt, wusste ich nicht. Wieder etwas dazu gelernt...

LG
Tula
 

Walther

Mitglied
Hi Tula,

danke fürs ausprobieren. :) bevor mondnein zuschlägt, machs ich:

Amphibrachys (singular), Amphibrachen (plural). :)

lieber gruß W.


lb. Ciconia,

in der tat. die lüftchen lauen leise. :D

lieber gruß W.
 

Mondnein

Mitglied
Ich lasse Dir gerne den Vortritt - (Alter vor Schönheit).

Ja, Walther, da hast Du wohl recht.

In meinen Nachschlagewerken findet sich kein Plural zu dem Wort. Also muß ich die Griechischgrammatik nehmen - der Gemoll hat kein Lemma "amphibrachys", nur "brachys, bracheia, brachy" als Adjektiv - Deklination der Adjektive auf -ys: Nom.-Plural auf -eis (bracheis). Dazu eine Anmerkung, daß Substantive auf -ys (leider ohne Beispiel) das y behalten (wie auch immer).
Da brachys ein Maskulinum ist, heißt das Kompositum gewiß "der Amphibrachys". Da das Adjektiv das y im Nom.Pl. verliert, heißt es gewiß "die Amphibrachen", ich weiß auch nichts Besseres.

Ich bevorzuge den Ausdruck "daktylisch" für Verse, die von Doppelkürzen bestimmt sind. Aber für Dein Lied hier ist es besonders typisch, daß es die regelhafte xXx-Folge eines Frühlings-Kanons hat. Es spielet der Hirte auf seiner Schalmei.
 

Walther

Mitglied
Lb mondnein,

du bist hier der experte. :)

aber: es gibt auch die latinisierte version Amphibrachus. dann paßt das auch genau mit der mehrzahl.

natürlich soll das lied ein tanz sein, und warum mit der schalmei. die taktform ist sicherlich daktylisch, ohne zweifel. die deutsche sprache kennt den marsch (trochäen, jamben) und den tanu (daktylen etc.). der knittel, der vier hebungen je vers vorschreibt, paßt deshalb wohl am besten zu ihr.

lieber gruß W.
 

Mondnein

Mitglied
die brachiale Schalmei

Das war ein Zitatbeispiel für einen amphibrachischen Kanon, den wohl jeder Gernsingende im Ohr hat:

"Es tönen die Lieder
Der Frühling kehrt wieder
Es spielet der Hirte
Auf seiner Schalmei
La lalalalalala la la
La lalalalalala lei"
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Das Problem mit griechischen und lateinischen Bezeichnungen ist, dass sie ursprünglich jeweils für ein völlig anderes Sprachsystem gelten. Sie wurden dann auf das Deutsche sinngemäß übertragen.
In Deutsch gelten vorzugsweise taktgesteuerte und nicht längengesteuerte Werte. Allerdings ist auch das nicht absolut.

Jedenfalls sind dann die unterschiedlichen Bezeichnungen durchaus unterschiedlich auf die deutsche Sprache angepasst worden.

Das Gedicht selbst: Es gefällt mir gut und wirkt besonders durch das Liedhafte.
 

Walther

Mitglied
Hi mondnein,

danke für das bekannte beispiel. so sollte das wirken. :)

lieber gruß W.


Hallo Bernd,

das plural wird gerne eingedeutscht, wenn auch nicht immer. das sagt wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Amphibrachys

allerdings muß ich mich korrigieren. es heißt "Amphibrachien" oder "Amphibarchys", wenn die wikepedia recht hat. :) hat sie wohl, wenigstens in letzterer form, denn da sagt auch der Duden ja.

lieber gruß W.

ps.: daß dir mein sonett zusagt, freut mich!
 

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