Arno Abendschön
Mitglied
Bis in die gebildeten Schichten hinein herrschte dieser Geschmack am Drastischen und auch am Ordinären. Der Ausdruck schenkelklopfend traf den Kern der Sache recht gut. Man wollte sich auf Deibel komm raus amüsieren, koste es, wen es was wolle, diesen oder jenen zumindest den Anspruch auf guten Geschmack. Eine zentrale Rolle spielte das Mitlachen. Man bestärkte sich gegenseitig, indem man gemeinsam laut herauslachte. Vielleicht ist das alles im Wesentlichen noch immer so, nur die äußeren Formen, die Stichwörter haben sich geändert? Mag sein. Hier eine kleine Sammlung für ein Museum der Humoraltertümer.
Wenn unsere junge Mathematiklehrerin einem witzigen Schüler den Schneid abkaufen, ihre Stellung als die dominante Witzemacherin schlechthin verteidigen wollte, stieß sie heraus: „Wirf mir mal eine Straßenbahn ins Kreuz, damit ich lachen kann!“ Der Spruch war natürlich nicht von ihr. Beim Folgenden bin ich mir nicht ganz so sicher. In der Abiturklasse pflegte sie schon mal zu sagen: „Die Reifeprüfung, Schneider, die Reifeprüfung? Reif ist auch ein fauler Apfel, der vom Baum fällt.“ Pflichtschuldig lachten alle mit, außer Schneider.
Opas Lieblingssentenzen, die er erst schmunzelnd, dann wiehernd mehrfach wiederholte, verrieten seinen gesellschaftspolitischen Standpunkt. Ein alter Mensch, dessen Geisteskräfte nachgelassen hatten, litt immer an „Artillerieverkalkung“. Opa hasste alles Militärische, das gab er gern zu verstehen und arbeitete sich dafür auch an weniger geeigneten Objekten ab: „Ha, ha, er hat Artillerieverkalkung!“ Und Oma fiel wie immer in sein Lachen ein.
Opas Aversion gegen die oberen Klassen äußerte sich etwa, indem er den Straßennamen in einer noblen Gegend so verhohnepiepelte: „Er wohnt auf der Bellewuppdich …“ Oma, die den Scherz längst kannte, lachte wieder mit über die Leute, die sich auf die Adresse „Bellevue“ etwas einbildeten.
Neben solchen Wortspielereien gab es auch Standardgeschichten, die viele Hundert Male in geselligem Kreis zum Besten gegeben wurden. Opas Favorit: wie sich seine Schwester vor langen Jahren versehentlich mit dem Allerwertesten auf ein Blech mit backfertigen Fastnachtsküchlein gesetzt und sie sämtlich plattgewalzt hatte. Die drastisch vor Augen geführte Situationskomik ließ keinen Zweifel an sich selbst zu. Man fühlte sich gut unterhalten und sogar die Großtante deutete etwas auf ihrem Gesicht an, das halb Amüsement, halb peinliche Erinnerung schien. Wie oft hat der Alte diese Szene vor uns beschworen …
Einmal setzte der Applaus nur zögernd ein. Ein älterer Mann war geschäftlich bei den Großeltern und zufällig war gerade eine nicht mehr ganz junge Nachbarin bei ihnen zu Besuch. Alle kamen ins Plaudern, der Geschäftsmann bezog sich auf etwaige Kinder der Nachbarin, da schnitt ihm Opa lachend das Wort ab: „Kinder? Ha, ha, sie ist doch ein Blindgänger!“ - War er diesmal zu weit gegangen, was war da so lustig? Der Besucher sah irritiert drein, aber die Nachbarin rettete die Situation, indem sie souverän schmunzelte. Dann grinsten die vier Erwachsenen, wie ich beobachtete.
Und ein Patenonkel von mir, Fuhrmann mit zwei großen Lkws, musste immer wieder zur Belustigung erzählen, was seiner Eheliebsten als Beifahrerin vordem passiert war: Sie war beim Auskundschaften, ob die Kreuzung frei sei, mit dem Kopf gegen das nicht heruntergekurbelte Seitenfenster geknallt. Die Ärmste wollte jetzt zum x-ten Male erklären, wie es dazu hatte kommen können, und wie immer kam sie gegen seine Stimmgewalt und das rundum einsetzende Gelächter nicht an.
Zwischen meinen Eltern herrschte ein anderer, feinerer Ton. Sie spielten eine Szene von vor Jahrzehnten nach, meine Mutter war gerade beim Suppeausteilen. Mein Vater, am Tisch sitzend: „Es ist noch Suppe da, Martha, sagt er zu ihr, es ist noch Suppe da …“ Sie schmunzelten sogleich in völliger Übereinstimmung. Da ich die ursprüngliche Szene nicht kannte, war das Zitat aus ihr für mich sozusagen abstrakter Humor. Sie bestätigten sich gegenseitig dessen Substanz und ich blieb auch hier ausgeschlossen.
„Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ (Otto Julius Bierbaum) - Ich sage, Humor ist vor allem, wenn man gemeinsam lacht.
Wenn unsere junge Mathematiklehrerin einem witzigen Schüler den Schneid abkaufen, ihre Stellung als die dominante Witzemacherin schlechthin verteidigen wollte, stieß sie heraus: „Wirf mir mal eine Straßenbahn ins Kreuz, damit ich lachen kann!“ Der Spruch war natürlich nicht von ihr. Beim Folgenden bin ich mir nicht ganz so sicher. In der Abiturklasse pflegte sie schon mal zu sagen: „Die Reifeprüfung, Schneider, die Reifeprüfung? Reif ist auch ein fauler Apfel, der vom Baum fällt.“ Pflichtschuldig lachten alle mit, außer Schneider.
Opas Lieblingssentenzen, die er erst schmunzelnd, dann wiehernd mehrfach wiederholte, verrieten seinen gesellschaftspolitischen Standpunkt. Ein alter Mensch, dessen Geisteskräfte nachgelassen hatten, litt immer an „Artillerieverkalkung“. Opa hasste alles Militärische, das gab er gern zu verstehen und arbeitete sich dafür auch an weniger geeigneten Objekten ab: „Ha, ha, er hat Artillerieverkalkung!“ Und Oma fiel wie immer in sein Lachen ein.
Opas Aversion gegen die oberen Klassen äußerte sich etwa, indem er den Straßennamen in einer noblen Gegend so verhohnepiepelte: „Er wohnt auf der Bellewuppdich …“ Oma, die den Scherz längst kannte, lachte wieder mit über die Leute, die sich auf die Adresse „Bellevue“ etwas einbildeten.
Neben solchen Wortspielereien gab es auch Standardgeschichten, die viele Hundert Male in geselligem Kreis zum Besten gegeben wurden. Opas Favorit: wie sich seine Schwester vor langen Jahren versehentlich mit dem Allerwertesten auf ein Blech mit backfertigen Fastnachtsküchlein gesetzt und sie sämtlich plattgewalzt hatte. Die drastisch vor Augen geführte Situationskomik ließ keinen Zweifel an sich selbst zu. Man fühlte sich gut unterhalten und sogar die Großtante deutete etwas auf ihrem Gesicht an, das halb Amüsement, halb peinliche Erinnerung schien. Wie oft hat der Alte diese Szene vor uns beschworen …
Einmal setzte der Applaus nur zögernd ein. Ein älterer Mann war geschäftlich bei den Großeltern und zufällig war gerade eine nicht mehr ganz junge Nachbarin bei ihnen zu Besuch. Alle kamen ins Plaudern, der Geschäftsmann bezog sich auf etwaige Kinder der Nachbarin, da schnitt ihm Opa lachend das Wort ab: „Kinder? Ha, ha, sie ist doch ein Blindgänger!“ - War er diesmal zu weit gegangen, was war da so lustig? Der Besucher sah irritiert drein, aber die Nachbarin rettete die Situation, indem sie souverän schmunzelte. Dann grinsten die vier Erwachsenen, wie ich beobachtete.
Und ein Patenonkel von mir, Fuhrmann mit zwei großen Lkws, musste immer wieder zur Belustigung erzählen, was seiner Eheliebsten als Beifahrerin vordem passiert war: Sie war beim Auskundschaften, ob die Kreuzung frei sei, mit dem Kopf gegen das nicht heruntergekurbelte Seitenfenster geknallt. Die Ärmste wollte jetzt zum x-ten Male erklären, wie es dazu hatte kommen können, und wie immer kam sie gegen seine Stimmgewalt und das rundum einsetzende Gelächter nicht an.
Zwischen meinen Eltern herrschte ein anderer, feinerer Ton. Sie spielten eine Szene von vor Jahrzehnten nach, meine Mutter war gerade beim Suppeausteilen. Mein Vater, am Tisch sitzend: „Es ist noch Suppe da, Martha, sagt er zu ihr, es ist noch Suppe da …“ Sie schmunzelten sogleich in völliger Übereinstimmung. Da ich die ursprüngliche Szene nicht kannte, war das Zitat aus ihr für mich sozusagen abstrakter Humor. Sie bestätigten sich gegenseitig dessen Substanz und ich blieb auch hier ausgeschlossen.
„Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ (Otto Julius Bierbaum) - Ich sage, Humor ist vor allem, wenn man gemeinsam lacht.