Humor damals

Bis in die gebildeten Schichten hinein herrschte dieser Geschmack am Drastischen und auch am Ordinären. Der Ausdruck schenkelklopfend traf den Kern der Sache recht gut. Man wollte sich auf Deibel komm raus amüsieren, koste es, wen es was wolle, diesen oder jenen zumindest den Anspruch auf guten Geschmack. Eine zentrale Rolle spielte das Mitlachen. Man bestärkte sich gegenseitig, indem man gemeinsam laut herauslachte. Vielleicht ist das alles im Wesentlichen noch immer so, nur die äußeren Formen, die Stichwörter haben sich geändert? Mag sein. Hier eine kleine Sammlung für ein Museum der Humoraltertümer.

Wenn unsere junge Mathematiklehrerin einem witzigen Schüler den Schneid abkaufen, ihre Stellung als die dominante Witzemacherin schlechthin verteidigen wollte, stieß sie heraus: „Wirf mir mal eine Straßenbahn ins Kreuz, damit ich lachen kann!“ Der Spruch war natürlich nicht von ihr. Beim Folgenden bin ich mir nicht ganz so sicher. In der Abiturklasse pflegte sie schon mal zu sagen: „Die Reifeprüfung, Schneider, die Reifeprüfung? Reif ist auch ein fauler Apfel, der vom Baum fällt.“ Pflichtschuldig lachten alle mit, außer Schneider.

Opas Lieblingssentenzen, die er erst schmunzelnd, dann wiehernd mehrfach wiederholte, verrieten seinen gesellschaftspolitischen Standpunkt. Ein alter Mensch, dessen Geisteskräfte nachgelassen hatten, litt immer an „Artillerieverkalkung“. Opa hasste alles Militärische, das gab er gern zu verstehen und arbeitete sich dafür auch an weniger geeigneten Objekten ab: „Ha, ha, er hat Artillerieverkalkung!“ Und Oma fiel wie immer in sein Lachen ein.

Opas Aversion gegen die oberen Klassen äußerte sich etwa, indem er den Straßennamen in einer noblen Gegend so verhohnepiepelte: „Er wohnt auf der Bellewuppdich …“ Oma, die den Scherz längst kannte, lachte wieder mit über die Leute, die sich auf die Adresse „Bellevue“ etwas einbildeten.

Neben solchen Wortspielereien gab es auch Standardgeschichten, die viele Hundert Male in geselligem Kreis zum Besten gegeben wurden. Opas Favorit: wie sich seine Schwester vor langen Jahren versehentlich mit dem Allerwertesten auf ein Blech mit backfertigen Fastnachtsküchlein gesetzt und sie sämtlich plattgewalzt hatte. Die drastisch vor Augen geführte Situationskomik ließ keinen Zweifel an sich selbst zu. Man fühlte sich gut unterhalten und sogar die Großtante deutete etwas auf ihrem Gesicht an, das halb Amüsement, halb peinliche Erinnerung schien. Wie oft hat der Alte diese Szene vor uns beschworen …

Einmal setzte der Applaus nur zögernd ein. Ein älterer Mann war geschäftlich bei den Großeltern und zufällig war gerade eine nicht mehr ganz junge Nachbarin bei ihnen zu Besuch. Alle kamen ins Plaudern, der Geschäftsmann bezog sich auf etwaige Kinder der Nachbarin, da schnitt ihm Opa lachend das Wort ab: „Kinder? Ha, ha, sie ist doch ein Blindgänger!“ - War er diesmal zu weit gegangen, was war da so lustig? Der Besucher sah irritiert drein, aber die Nachbarin rettete die Situation, indem sie souverän schmunzelte. Dann grinsten die vier Erwachsenen, wie ich beobachtete.

Und ein Patenonkel von mir, Fuhrmann mit zwei großen Lkws, musste immer wieder zur Belustigung erzählen, was seiner Eheliebsten als Beifahrerin vordem passiert war: Sie war beim Auskundschaften, ob die Kreuzung frei sei, mit dem Kopf gegen das nicht heruntergekurbelte Seitenfenster geknallt. Die Ärmste wollte jetzt zum x-ten Male erklären, wie es dazu hatte kommen können, und wie immer kam sie gegen seine Stimmgewalt und das rundum einsetzende Gelächter nicht an.

Zwischen meinen Eltern herrschte ein anderer, feinerer Ton. Sie spielten eine Szene von vor Jahrzehnten nach, meine Mutter war gerade beim Suppeausteilen. Mein Vater, am Tisch sitzend: „Es ist noch Suppe da, Martha, sagt er zu ihr, es ist noch Suppe da …“ Sie schmunzelten sogleich in völliger Übereinstimmung. Da ich die ursprüngliche Szene nicht kannte, war das Zitat aus ihr für mich sozusagen abstrakter Humor. Sie bestätigten sich gegenseitig dessen Substanz und ich blieb auch hier ausgeschlossen.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ (Otto Julius Bierbaum) - Ich sage, Humor ist vor allem, wenn man gemeinsam lacht.
 

Anders Tell

Mitglied
Ach Arno,
das klingt ja fast wie behütete Kindheit. Ich bin im Pott unter Malochern aufgewachsen und da wurde ein sehr derber Humor gepflegt. Davon schildere ich besser nichts. Der ein oder andere Zartbesaitete könnte sonst einen Hörsturz erleben.
Anders
 
Tja, Anders, es ist eben die subjektive Auswahl eines Zartbesaiteten. Ob auch regionale Mentalitätsunterschiede eine Rolle gespielt haben könnten, kann ich nicht einschätzen.

Schöne Sonntagsgrüße
Arno
 
Der Humor ist also entweder zu tief oder zu hoch. Da bleibt einem nur die Humorlosigkeit
Was ich als Verfasser zugeben muss: Die Sammlung oben spiegelt tatsächlich eine gewisse Fremdheit gegenüber dem humoristischen Empfinden der Umgebung damals wieder. Das Kind bzw. der Jugendliche beobachtet und hört zu als humorloser Kritiker. Das bedeutet jedoch nicht, dass es im weiteren Verlauf immer so weitergegangen wäre. Nur ist das in diesem kleinen Versuch hier nicht das Thema.
 

Anders Tell

Mitglied
Lieber Arno,
ich möchte Abbitte leisten für meine missverständliche Einlassung. Erwachsenenhumor ist für Kinder oft verwirrend oder verletzend. Ich wollte nur sagen, dass ich davon kräftigere Dosen abgekriegt habe als jene, die du geschildert hast. Mein Bruder war oft Tage geknickt, weil man ihn aufgefordert hat, etwas vorzumachen, wofür er dann ausgelacht wurde.
Durch diese harte Schule war ich zunächst nicht sehr zimperlich im Austeilen, aber heute bin ich auch dafür, dass etwas nur lustig ist, wenn alle lachen können und der Humor nicht zulasten von jemandem geht. Wortgewalt kann sehr gewalttätig sein.
Anders
 

steyrer

Mitglied
Was ich als Verfasser zugeben muss: Die Sammlung oben spiegelt tatsächlich eine gewisse Fremdheit gegenüber dem humoristischen Empfinden der Umgebung damals wieder. Das Kind bzw. der Jugendliche beobachtet und hört zu als humorloser Kritiker. Das bedeutet jedoch nicht, dass es im weiteren Verlauf immer so weitergegangen wäre. Nur ist das in diesem kleinen Versuch hier nicht das Thema.
Als Kind und Jugendlicher hatte ich ein ähnliches Problem mit Literatur: Die für mein Alter empfohlene war mir zu dämlich, die für Erwachsene uninteressant oder zu hoch.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ (Otto Julius Bierbaum) - Ich sage, Humor ist vor allem, wenn man gemeinsam lacht.
Diese beiden Sprüche schließen einander nicht aus. Der eine bezieht sich auf den einzelnen Menschen, der andere auf die Gesellschaft.

steyrer
 
Schon recht, liebe Autorenkollegen, wenn ihr das von mir eng gefasste Thema erweitert. Es ist ja schier unerschöpflich und einzelne Aspekte hängen oft miteinander zusammen.

Der Philosoph Bergson hat 1900 seine Untersuchung "Das Lachen" veröffentlicht, in dem er diesen Vorgang als eine Art gesellschaftlichen Reinigungsprozess interpretiert. So scharfsinnig seine Ausführungen auch sind, ich fand sie zum Teil einseitig und in ihrer affirmativen Tendenz überhaupt bedenklich, wenn nicht empörend. Nur zwei Kostproben:

"Das Lachen ist mit einer gewissen Empfindungslosigkeit verbunden."

"Das Lachen ist eine bestimmte soziale Geste. die eine bestimmte Art des Abweichens vom Lauf des Lebens und der Ereignisse sichtbar macht und gleichzeitig verurteilt."

Auf solches empfindungslose Verurteilen reagiere ich halt mit Humorlosigkeit.

Abendliche Grüße
Arno
 



 
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