@wiesner
Es handelt sich um ein modernes haiku, zudem in deutschland geschrieben, wir leben und schreiben nicht in der kultur des alten japan. Das sich auch in der japanische haikudichtung ein radikaler wandel seit basho vollzog, dürfte dir eigentlich nicht entgangen sein.
Matsuo Bashō (1644–1694)
Der alte Teich –
ein Frosch springt hinein,
Geräusch des Wassers
Die alte tradition:
Über Jahrhunderte hinweg durften Frösche in der klassischen Poesie (Waka) nur für ihr
schönes, melodisches Quaken im Frühling besungen werden. Sie standen für Frühlingsmusik und Romantik.
Bashōs radikaler Bruch :
Bashō ignorierte das Quaken völlig. Er konzentrierte sich stattdessen auf eine extrem profane, banale Handlung: das
plumpse Geräusch (
mizu no oto), wenn das Tier ins Wasser klatscht.
Kobayashi Issa 1763–1828
ku no shaba ya / sakura ga sakeba / saita tote
Solch eine schäbige Welt
doch von blühenden Kirschen
über und übervoll!
Bedeutung der kirschblüten in der japanischen lyrik:
Während die Kirschblüte vor Bashō in der Oberschicht vor allem für vollendete, sehnsuchtsvolle Eleganz, den höfischen Frühling und die bittere Süße des Vergänglichen stand, öffnete erst die spätere Haiku-Dichtung (durch Dichter wie Bashō, Buson und schließlich Issa) den Blick wieder für die ganz alltäglichen, humorvollen oder zutiefst menschlichen Facetten der Blütenpracht abseits des alten Adels-Protokolls
Masaoka Shiki (1867–1902)
Ich huste Blut –
die Pracht der Rote-Melonen-Blüte
verblasst.
*(痰一斗紫
So schrieb Taneda Santōka, sein haiku entstand zwischen 1932 und 1939
Kein Geld, keine Habe,
ohne Zähne –
ganz allein.
(一文なしの、歯もぬけて、ひとり – ichimon nashi no, ha mo nukete, hitori)