hunderte - Haiku

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johP

Mitglied
hunderte - Haiku

jämmerlich welken
an deiner grabesstätte
hunderte rosen

Wut des hinterbliebenen, hilflosigkeit über den verlust, verachtung für aufgesetzte trauer . . .

So würde es sich öffnen

hunderte rosen
an deiner Grabstätte
welken

Rosen für echte anteilnahme?, ein anonymes "wir waren auch da", wer kümmert sich nun um das grab, was wird an erinnerungen von dem menschen bleiben oder welken die so schnell wie die rosen . . .
 
Zuletzt bearbeitet:

Zensis

Mitglied
Hey @johP, danke, dass du deine Eindrücke zum meinem Gedicht teilst. Ich hatte Teile deiner Lesart gar nicht so im Kopf beim schreiben und auch noch beim sennieren danach. Es macht mir immer Freunde neue Lesarten in meinen eigenen Gedichten zu finden.

hunderte rosen
an deiner Grabstätte
welken
Was deine Version angeht, so war das tatsächlich in etwa meine Erstversion von dem Gedicht, bevor ich es mir andern überlegte, weil es mir so doch besser gefiel. Mir ist das jämmerlich sehr wichtig hier, da es elementar für meine eigene Lesart ist, deshalb würde ich es keinesfalls streichen. Es öffnet das Gedicht aber weiter, da hast du recht.

Lieben Gruß
Zensis
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Zensis,

dein Gedicht spricht mich vielleicht weniger in seinem Bild, dafür aber umso mehr in seiner Emotion an. Ich fühle deine Zeilen, während die Metaphorik zwar auch da ist, aber in den Hintergrund rückt. Das, was du fühlbar übermittelst, ist für mich eine unglaublich tiefe Wut, und wenn ich den Kommentar von johP lese, bin ich damit nicht alleine.

Nur ändern würde ich deine Zeilen auf keinen Fall, denn gerade das Adjektiv jämmerlich, mit dem dein Text startet, gibt ihm seine Richtung und Energie. Ich lese es im Daktylus, welcher mit seiner betonten Silbe zu Beginn und den zwei unbetont folgenden sowohl Kraft als auch Melancholie verkörpert. Nichts könnte für dein Gedicht besser passen, als diese Form.

Die Überladung am Ende bildet für diesen düsteren Einstieg den kraftvollen Gegenpart: hunderte rosen - doch es hätte nur eine gebraucht, die nicht verblüht.

Ich glaube, ich habe ein bisschen kryptisch gesprochen, aber ich will dir auf jeden Fall sagen, dass dein Haiku absolut bemerkenswert und außergewöhnlich ist.

Viele Grüße
Frodomir
 

wiesner

Mitglied
"jämmerlich" ist die Katastrophe dieses Textes, eine solche Häme in direkter Totenansprache ist völlig undenkbar im japanischen Haikugeschehen! Das Totengedenken hat elementare Bedeutung in der Kultur (und Religion) Japans.
Typisch europäisch/abendländisch auch die maßlose Übertreibung "hunderte rosen". Eine einzige dem Tode geweihte Blume hätte vollkommen ausgereicht.
Dem Kollegen @Frodomir sei gesagt, dass man erst von einem bemerkenswerten und außergewöhnlichen Haiku sprechen kann, wenn es sich um ein Haiku handelt. Uns liegt hier alles mögliche vor - nur kein Haiku! Ein europäischer Dreizeiler allenfalls ... und der auch noch unterklassig. Na ja, Leselupe eben.

Gruß
Béla
 

johP

Mitglied
@wiesner

Es handelt sich um ein modernes haiku, zudem in deutschland geschrieben, wir leben und schreiben nicht in der kultur des alten japan. Das sich auch in der japanische haikudichtung ein radikaler wandel seit basho vollzog, dürfte dir eigentlich nicht entgangen sein.

Matsuo Bashō (1644–1694)

Der alte Teich –
ein Frosch springt hinein,
Geräusch des Wassers


Die alte tradition:
Über Jahrhunderte hinweg durften Frösche in der klassischen Poesie (Waka) nur für ihr schönes, melodisches Quaken im Frühling besungen werden. Sie standen für Frühlingsmusik und Romantik.

Bashōs radikaler Bruch :
Bashō ignorierte das Quaken völlig. Er konzentrierte sich stattdessen auf eine extrem profane, banale Handlung: das plumpse Geräusch (mizu no oto), wenn das Tier ins Wasser klatscht.


Kobayashi Issa 1763–1828

ku no shaba ya / sakura ga sakeba / saita tote


Solch eine schäbige Welt
doch von blühenden Kirschen
über und übervoll!

Bedeutung der kirschblüten in der japanischen lyrik:

Während die Kirschblüte vor Bashō in der Oberschicht vor allem für vollendete, sehnsuchtsvolle Eleganz, den höfischen Frühling und die bittere Süße des Vergänglichen stand, öffnete erst die spätere Haiku-Dichtung (durch Dichter wie Bashō, Buson und schließlich Issa) den Blick wieder für die ganz alltäglichen, humorvollen oder zutiefst menschlichen Facetten der Blütenpracht abseits des alten Adels-Protokolls


Masaoka Shiki (1867–1902)

Ich huste Blut –
die Pracht der Rote-Melonen-Blüte
verblasst.
*(痰一斗紫



So schrieb Taneda Santōka, sein haiku entstand zwischen 1932 und 1939

Kein Geld, keine Habe,
ohne Zähne –
ganz allein.
(一文なしの、歯もぬけて、ひとり – ichimon nashi no, ha mo nukete, hitori)
 

Frodomir

Mitglied
Hallo wiesner,

was ist wichtiger, als darüber zu sprechen, wie ein Haiku auszusehen hat? Meiner Meinung nach eine respektvolle und wertschätzende Kommunikation. Was drängt dich zu einem solchen Kommentar, aus dem deine Wut deutlich spürbar wird? Niemand greift dich an, wenn er seine Empfindung einem Text gegenüber schildert. Du musst dich nicht derart hart und abfällig äußern, um mitzuteilen, wie wichtig dir die Form und der Inhalt dieser Art von Gedichten ist. Wegen eines Gedichtes die Menschen, die es geschrieben haben oder die sich darüber austauschen, anzugehen, ist nicht die Grundlage, auf der unsere Gespräche stattfinden sollten.

Viele Grüße
Frodomir
 



 
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