Ich wünscht', ich wär ein Huhn

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Willst du wirklich ein Huhn sein? Legtest jeden Tag ein Ei, sonntags auch mal zwei? Stolziertest auf dem Hof herum, picktest im Regen nach Pfützen, schütteltest die Federn? Hättest keinen Verstand außer „picken und scharren“ und „die anderen picken und scharren nach mir“? Schmerz und Fressen und Ruhe ohne Sinn?

Willst du wirklich ein Huhn sein? Du hättest nicht viel zu tun. Aber auch nicht viel zu denken. Vielleicht ist das Leben ohne Denken erträglicher. Womöglich auch nicht. Wer weiß das schon. Hühner reden nicht.

Sind sie glücklich? Eier von glücklichen Hühnern, so heißt es doch. Das Huhn in der Legebatterie hat sicher Stress. Es möchte stolzieren und picken und scharren, aber es kann nicht stolzieren und nur auf einem Fleck picken und scharren, und vielleicht noch das Huhn im Nachbarkäfig anpicken und scharren. Tagein, tagaus: Drang nach Bewegung ohne Ventil.

Weiß das Huhn, dass es Stress hat? Oder erschöpft sich sein Körper bloß schneller, weil das Herz schneller schlägt und die Muskeln übersäuern, weil sie angespannter sind und sich unruhiger bewegen? Stirbt es einfach schneller? Wird es einfach schneller krank, ohne je zu wissen, dass es stirbt?

Der Luchs im Gehege tritt sich einen Pfad aus. Er setzt die Pfoten immer an die gleiche Stelle, dort wächst kein Gras mehr, dort ist nur Erde. Ob wohl auch die Pfote wund wird?

Weiß der Luchs, dass er im Kreis geht?
 
Mich beeindrucken hier vor allem Stil und Tonfall, Neisseria Meningitidis, Die Sätze sind tadellos und fließen so dahin, dass man sie beim Lesen fast schon im Kopf klingen hört.

Die aufgeworfenen Fragen! Nehme ich sie wörtlich, müsste ich, um ernsthaft mitreden zu können, viel mehr von Nutztieren und ihrer Psychologie verstehen. Mein Wissen ist insofern zu gering. Nun könnte man auch, wie es oft geschieht, Analogien zu menschlichen Situationen erkennen und sich darüber einen Zugang zu Interpretationsmöglichkeiten verschaffen. Ich bin allerdings auf diesem Gebiet gewöhnlich sehr zurückhaltend. Vergleicht man tierische mit menschlicher Existenz, gerät man leicht auf eine schiefe Bahn. In den meisten Beziehungen sind seriöse Vergleiche nach meinem Eindruck gar nicht möglich. Sie eignen sich allerdings für humoristische Effekte, aber so etwas war hier wohl nicht beabsichtigt.

Unterm Strich würde ich also gern davon ausgehen, dass es um reale Hühner und ihr Leben geht. Vielleicht in dem Sinn: das Huhn als rätselhaftes Wesen? (Ich müsste es eigentlich besser verstehen können als Sohn eines Landwirts, der vor allem Hühner in großer Zahl gehalten hat.)

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 
Hallo Neisseria Meningitidis ,

bei solchen recycelten Texten stellt sich mir immer die Frage, wie hoch der Anteil eigener Arbeit überhaupt ist. Du verwendest den Text eines UFA-Filmhits von 1936, ohne auf die Quelle und/oder die weitere Geschichte des Liedes hinzuweisen. Das ist mindestens schade, vielleicht sogar rechtlich in einer Grauzone. Aber darum geht es mir gar nicht. Ich finde das Verbraten von fremden Ideen immer zweifelhaft.
Das Lied hat eine sehr interessante Hintergrundgeschichte. Die 1933 in Deutschland an die Macht gekommenen Nazis forderten vom deutschen Volk schnell die Verwirklichung eines erzkonservativen Familienbildes: Zuhause sollten die Frauen der fürsorgliche Mittelpunkt der Familien sein, die den Haushalt schmeißen und möglichst viele gesunde Kinder hervorbringen. Man wollte die moderne Frau, die selbstbewusst arbeiten ging, sich also selbst versorgen konnte, und sich den Genüssen der Zeit hingab - Kino und Tanz, rauchend in Cafés sitzen, ... - dieses Modell der modernen Frau sollte aus der Gesellschaft verdrängt werden, weil der Mann als starke Führungsperson darin kleiner wirkte und tatsächlich an Bedeutung verlor.
Natürlich hat sich schon kurz nach der "Machtübernahme" kaum mehr jemand getraut, gegen die Nazis und ihre Erwartungen Kritik zu äußern. Da war der Film GLÜCKSKINDER von 1936 schon ein kleiner Geniestreich, weil er sehr schön die Absichten der Nazis, wie Frauen und Familien zu sein hätten, bloßstellte. So gesehen, hatte der Film ganz deutlich antifaschistische und feministische Züge - natürlich im gebotenen Rahmen. Schade, dass deine Verwurstung mit keinem Funken darauf eingeht.

Liebe Grüße
vom Clown
 
Okay. Folgendes:
Ich habe die Hühner in meinem Garten betrachtet und über ihr Verhalten nachgedacht. Picken, scharren, fressen, unmittelbare Aggressionen, unmittelbare Ausdrücke von Wohlbefinden. Ich dachte, wie das wohl sein mag, und was sie wohl wissen, und irgendwo auch: tja, das ist wohl einfacher so.
Dabei fiel mir eine Liedzeile ein: “Ich wünscht, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun, ich legte jeden Tag ein Ei und sonntags auch mal zwei“, so in etwa. Etwas, das ich für ein altes, bekanntes Lied hielt, das ich mal irgendwo gehört habe, ohne zu wissen, woher es stammt und ohne die Hintergrundinformationen, die du eben zusammengefasst hast. Bevor du dich über dieses Unwissen empörst, warte.

Ich dachte daraufhin über die Unterschiede zwischen Menschen- und Hühnerleben nach, über physischen und psychischen Schmerz, über Bewusstsein. Ich stellte mir die Frage, ist Schmerz körperlicher Art schon Leid, oder braucht man zum Empfinden von Leid schon ein höheres Bewusstsein, etc. Ich schrieb da sitzend dann assoziativ drauf los, einen Text über diese Themen. Ja, auch das fragen sich Philosophen seit über 2000 Jahren, und diese Fragen sind nicht neu, aber es ist meine mehr oder weniger künstlerische Umsetzung dieses Stoffs. Ein meiner Meinung nach gebräuchliches Vorgehen.

Ja, du hast Recht. Ich sehe jetzt, ich hätte auf die Liedzeile nicht einfach anspielen sollen, ohne einmal zu prüfen, woher sie stammt. Ich habe ihre Dimension nicht gekannt. Das war leichtfertig. Es ist mir sogar peinlich.

Aber nein, recycled habe ich nichts. Das Gedankengut ist mein eigenes, und eine fremde Idee habe ich nicht “verbraten“. Mein Text hat ja auch tatsächlich nichts mit den von dir erläuterten Sachverhalten zu tun.

Im Vergleich zu diesen ist er natürlich ungleich kleiner und schwächer. Du schilderst ein allem Anklang nach auch politisch sehr bedeutsames Kunstwerk. Dazu will ich mich überhaupt nicht in Relation setzen.

Ich danke für die Lehre, die ich daraus ziehe, vorsichtiger mit Assoziationen umzugehen.
Aber ich verwehre mich absolut dem Vorwurf, hier irgendwas geklaut zu haben.
 
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