Jammerossis Gegenwart

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Die Suppe vom zwölften Januar



Etwas muss man ja essen,
denkt jemand in mir.


Im Vorraum steht noch halbgares TKGemüse
und muss weg.


Die Ukraine bekommt polnische Panzer.


Also auf den Ofen damit,
hintere Zone.


Lorbeerblätter rein, Pimentkörner dazu,
kräftig pfeffern, etwas Salz.


Vorn, wo es besonders heiß ist,
freut sich die kleine Pfanne.


Butter rein, aufschäumen lassen,
Mehl dazu.


Schnell eine Zwiebel schneiden,
nicht zu grob, nicht zu fein,
dazugeworfen.


Jeff Beck ist gestorben.


Die FreestyleMehlschwitzeZwiebeln bräunen
langsam vor sich hin.


Biden ist vergesslicher als befürchtet.


Ich liebe die Brauntöne beim Zwiebelnbraten.
Der Duft betört bodenständige Frauen.
Glaub ich.


Jeff Beck war mit Rod Stewart in einer Band.
Ach du scheiße!


Langsam wird es Zeit, den Pfanneninhalt
hinüber zu schütten.


Die Reste davon haften am Pfannenboden.
Mir fällt das dunkle Bier ein.


Klappt gut. Pfanne wieder sauber.
Alles sanft köcheln lassen.


Im Schrank lauert ein Weihnachtsgeschenk
vom vorigen Jahr:


Eine VielzweckSchüssel namens "Aphorism",
Made in China.


Die Suppe wird, durch das Bier,
exotisch säuerlich.


Nicht schlecht, aber auch nicht gut.
So mittel.




12. Januar 2023




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Ein Kurzgedichte


vom sechzehnten Novembernachmittag -

ein Regentag in Dessau

Hundertwasser hätte seinen Spaß

an tristen grauen Linien,

die alles zu 'ner Form verbinden,

so voll versteckter bunter Flächen

die keiner sieht



Aus der Musikschule

quietschen und tröten

und fiedeln und flöten

die sommerlichsten Töne

die keiner hören mag



im Kaufland zücke ich meinen Pass

und kaufe einen kleinen Strauß

gelb leuchtender Rosen

und lege sie später Ritsos aufs Grab







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Rechtsprechung über den Nahen Osten



Ich betrachte Fotos von Gerichten der palästinensischen Küche.

Ich betrachte Fotos von Gerichten der türkischen Küche.

Ich betrachte Fotos von Gerichten der syrischen Küche.

Ich betrachte Fotos von Gerichten der israelitischen Küche.

Ich betrachte Fotos von Gerichten der jordanischen Küche.

Ich betrachte Fotos von Gerichten der libanesischen Küche.



Kaum Unterschiede.

Richter essen überall mit gesundem Appetit.





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KriegsEndeBeton



hastig angerührt

nur für eine halbe Ewigkeit gedacht

die gerade so lange dauern mochte

wie man glaubte denken zu können

sechs Jahre wie der verloren gegangene Krieg

oder zwölf Jahre wie die Zeit des schreienden Männchens

oder fünfzehn Jahre wie die bittersüße Demokratie

oder fünfundvierzig Jahre, wie das Jahrhundert grad alt war

oder fünfundfünfzig Jahre, für den Rest des Jahrtausends – das klingt richtig lang!



Diesen schlechten Kriegsendebeton sah man wie eine Wohnlandschaftsmode eine halbe Ewigkeit auf wievielen Höfen liegen

Angeblich weil er damals billig war und den Hof für die immer größer werdenden Feldgeräte besser befahrbar machte – ach! Es gab so viele praktische Gründe, weshalb die Bauern billigen KriegsEndeBeton über ihre Feldsteinhöfe gossen und strichen

Und nun? Als müsse man sich vorbereiten auf irgendwas
wird pö-a-pö Hof für Hof vom schicken grauen KriegsEndeBeton befreit

Vielleicht auch nur, weil er von nunmehr vier Generationen mit Puppenwagen, Rollern, ratternden Handwagen, Traktoren, Tankanhängern doch zu sehr zerfahren wurde und es heute noch schönere Lösungen gibt für einen malerischen Bauernhof inmitten unseres ewigen Deutschlands und seiner ungewissen Zukunft

Dort taucht plötzlich ein großes Hundeskelett auf, War das nicht der Schäferhund vom Opa Horst? Und die Hélène aus Belgien meint irgendwer an den noch vorhandenen blonden Locken zuerkennen, "Hier schau das alte Foto von 1943!" … und dort der Kasimir, ein faules Fremdarbeiterstück aus Polen, der hier reihenweis die jungen Mädchen geschwängert haben soll, während ihre Väter und großen Brüder an der Front fielen, ach, ach, ach!, fangen die ältesten der Weiber wieder zu greinen an, auch aus nie versiegendem Ärger, dass der Kasimir sie damals verschmäht hat – „Naja, ich war ja auch zu jung …“

Was da so liegt unterm schlecht gewordenen KriegsEndeBeton! Auch ein paar Pistolen, Fahrtenmesser und Gewehre, auch fein eingeschlagene Uniformen, Fahnen, man weiß ja nie … und der Hartmann soll damals seine sauer im Osten verdienten Medaillen und Orden in der akkurat gemauerten zusätzlichen Schweinestalltrennwand verschwinden lassen haben. Ja, ja, das waren schwere Zeiten!

Ja, hin und wieder treffen sich nun in hellen Vollmondnächten ganze Familien beim Graben auf den Äckern, wo Knochen, angeblich unbekannter Herkunft, heimlich nach super Demeter-Anweisungen biologisch korrekt der Ewigkeit des Naturkreislaufs geopfert werden. Dafür gibt es sogar eine Förderung von der EU, wird behauptet.




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