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Zeit
Wann fing ich wohl an, bewusst über Zeit nachzudenken, über Zeiträume, die vergangen waren und vor allem, die in Zukunft noch vergehen würden? Mit neun? Mit zehn, elf? Ich weiß es nicht mehr genau. Ich kann mich aber erinnern, dass ich Zählungen von Zeiträumen oft interessiert verfolgt habe. Etwas ganz Wichtiges für die kleine DDR schien es gewesen zu sein, dass jeder DDR-Bürger, jede DDR-Bürgerin jederzeit wusste, oder besser: sich jederzeit bewusst war, wie lange es die kleine DDR schon gab. Zum Einprägen dieser ungeheuer wichtigen, voranschreitenden Tatsache des Alters unseres Landes, nein, besser: unseres Staates, half man uns damit, in jedem Jahr den Republiksgeburtstag groß zu feiern. Ha! Dieser Begriff, für mich untrennbar mit meinem Leben, meiner Biografie verbunden, ist in der ganz modernen, der Nachwendezeit, offenbar schon getilgt. Die automatische Rechtschreibprüfung meines benutzten Schreibprogramms zeichnet mir ihre höfliche rote Wellenlinie unter das Wort.
REPUBLIKSGEBURTSTAG – In der Wort-Recherche wurden keine Ergebnisse gefunden. Das Programm ist möglicherweise nicht für Historiker*innen geeignet. Mein gelegentliches Gendern schon. Da kommt keine rote Wellenlinie. Okay, aber unter das Wort Gendern wird sie gezeichnet. Da fühle ich mich doch mitten im Kulturkampf.
Doch zurück zur Zeit als Gefühlsphänomen. 1949 wurde mein kleines Land gegründet. Als Resultat des etwa zwölf Jahre andauernden Tausendjährigen Reichs der armen größenwahnsinnigen „Nationalsozialisten“ oder des deutschen Faschismus. Such dir einen der Begriffe aus. Der eine mag Korinthen im Gugelhupf, der andere nicht. Mir ist das gleich.
Als ich das Licht der Wintersonne erblickte, war das 1949 neu erklärte kleine deutsche Land gerade dabei, sich auf seinen sechzehnten Geburtstag vorzubereiten. In den Schulen und Kindergärten wurden optimistische, lebensbejahende bis heroische Bilder gemalt, in den Redaktionen der Zeitungen sollte man sich wieder was Originelles zum Anlass ausdenken, nach dem Motto: „Kinder, denkt daran, die Zeit bis zum siebenten Oktober geht schneller rum, als wir es uns vorstellen können, und es soll ja nicht zu improvisiert wirken, was wir über unser Glück im ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat zu schreiben haben. Aber: Beachtet bitte, dass in vier Jahren großes Jubiläum ist, da brauchen wir dann die ganz großen Geschichten. So, nun aber wieder an die Arbeit, Genossen!“ Zu dem beschriebenen Zeitpunkt ahnte ich natürlich noch nichts von all dem, schließlich war ich eben erst geboren worden. Aber ich kann mich erinnern, dass ich bereits in den folgenden sechs Lebensjahren auf das Wesen – oder soll ich sagen auf das Wesentliche des Lebens in der kleinen DDR vorbereitet wurde? Egal. In diesen ersten Jahren meines Lebens lernte ich eine Menge über Zeit, und wie man sie nutzen und sogar verändern kann. Länger machen oder verkürzen zum Beispiel. Mein Vater lehrte mich bewusst oder unbewusst, dass man sich die Zeit beim lästigen Toilettengang angenehmer und produktiver gestalten kann, indem man dorthin seine Tageszeitung mitnimmt, um sie, bequem auf dem Klo sitzend, in aller Ruhe zu lesen, ohne dass eine Ehefrau ständig dazwischennörgelt, dass das „Neue Deutschland“ überm Tisch ihr das Licht nimmt.
Irgendwann bekam ich mit, dass im kleinen Land zu den runden Republiksgeburtstagen stets Jubiläumsausgaben von Zeitschriften, Briefmarken, Münzen, Medaillen und ähnlichem erschienen, die Schaufenster vieler Läden wurden hübsch gestaltet, rote Fahnen, DDR-Fahnen und bunte Girlanden schmückten die Wohnblöcke. Im Laufe der Zeit begann ich zu begreifen, was der Begriff Zeit bedeutet, was Jahre sind. Von Geburtstag zu Geburtstag ist ein Jahr. Oder von Weihnachten zu Weihnachten. Das waren gute Anhaltspunkte. So saß oder lag ich manchmal da, und dachte über notwendig zu ertragende Zeiträume nach. Zum Beispiel: „Noch vier Jahre, dann bin ich vierzehn. Das ist schon einigermaßen erwachsen. Aber bis ich wirklich erwachsen bin, och menno, das sind ja noch acht Jahre!“. Dann fiel mir das Millenium ein, das damals noch nicht so hieß. Für mich war es einfach das Jahr nach 1999. Aber 2000? Dann wäre ich 35 Jahre alt! Krass. Es schien mir völlig unvorstellbar, so alt zu werden. Was bis dahin alles passieren könnte! Tödliche Krankheiten, Unfälle und wer weiß, was noch. Vielleicht würde ich mit 23 ermordet, kann man’s wissen? Oder es gibt wieder Krieg. Als ich zehn war, war der Zweite Weltkrieg gerade dreißig Jahre her. Wir feierten es immer, als wäre es der alleinige Verdienst unserer sowjetischen Freunde, der deutschen Kommunisten und der Kommunisten überall auf der Welt sowieso. Ja, das hatten wir geschafft. Und dann die lange Periode des Friedens die wir den imperialistischen Kriegstreibern abgerungen haben. Mit unserer Hände täglicher friedlicher Arbeit, mit unserem fleißigen Lernen in den Schulen und mit dem Sammeln von Sekundärrohstoffen, bestehend aus Flaschen, Gläsern, Altpapier und Lumpen. Der Erlös dafür ging nämlich direkt als Solidaritätsspende zu den friedliebenden Völkern in Afrika, Lateinamerika und Asien. Die Eskimos bekamen nichts von uns. Deren Verbreitungsgebiete galten damals noch nicht als strategisch wichtig.
Über die Zeit und sein persönliches Verhältnis zu ihr kann und man nun unendlich mehr schreiben, ich belasse es aber im Moment dabei, weil ich gerade keine Zeit habe, daran weiterzuschreiben. So ist der Text wie ein Stück von einem Blechkuchen. Ich kann gelegentlich zurückkommen und ein nächstes Stück aus dem großen Ganzen herausheben ...
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