Jammerossis Gegenwart

5,00 Stern(e) 5 Bewertungen

Anders Tell

Mitglied
Jesus sagt es ganz klar: Nicht ich, sondern Dein Glaube hat Dich geheilt. Die Kraft des Glaubens ist wissenschaftlich erwiesen. Nichts anderes ist der Placebo-Effekt. Auch die Schulmedizin kann nur helfen, wenn man an sie glaubt, also Compliance entwickelt. Es gibt auch die Beispiele von verunfallten Sportlern mit schlechter Prognose, die nur durch ihre Vision wieder ganz fit geworden sind. Alles entsteht aus der Vorstellung und Visualisierung. Das gilt besonders bei psychisch überlagerten Erkrankungen. Die Selbstheilungskräfte sind enorm wirksam. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Sonst würde ich es nicht erzählen, weil ich nicht missionieren.
Mit liebem Gruß
Anders
 
.


Der Christian
geht wie eh und je durch unseren Lieblingsfilm –
sympathisch palavernd und polternd,
sich und die Welt hinterfragend, trinkfest Nächte durchwandernd –
ewig jugendlicher Kerl im lustig rauen Kreuzberg der sachlich richtig
und historisch falsch mit Parolen beklebten Häuserwände.

Wir sitzen davor und blicken vor Schrecken erstarrt in dieses Gesicht:
Der KristJan, sümpatisch palawernd und pollternd,
drinkfest wie eh und je mit den alten Kumpels aus den Kneipen einer sich akut wandelnden Welt
durch das nächtliche Berlin ziehend.

Wir haben uns ausgeklickt.
Wir haben Verlustschmerz.
Komm, lass uns ohne ihn um die Ecken ziehen.
Es ist Freitag und die Kneipen haben sich seit damals verändert, Christian.
Doch nicht nur die.



.
 
Fortsetzung des Eintrags #100

Edit

Während ich noch dabei war, mental in den Tag zu starten, ich saß im Startblock, also am Küchentisch, setzte sich eine Person unbekannten Geschlechts und schwer zu schätzenden Alters dazu. Etwas überrascht sagte ich "Hallo!" und schob ein fragendes "Ja?" hinterher. "Edit", antwortete die Person. "Ahaaaa", "Edith mit "h" am Ende?", fragte ich. "Nein, ohne h am Ende. Und - ja, ich werde jetzt öfters kommen, aber keine Angst, ich will Sie nicht verunsichern. Meine Absichten sind völlig wohlwollend. Ich will, wenn nötig, ein wenig für Ordnung und Klarheit sorgen. Wie gesagt, nur wenn nötig." "Danke" entgegnete ich, und wusste schon wieder nicht weiter. Ob das jemand ist, den mir die Pflegefirma vorbeischickt, und die Absprachen dafür sind im Hintergrund gelaufen? Ordnung und Klarheit. Mh. Klingt ein wenig nach Pflege. Die Person lächelte mich an. "Schreiben Sie das ruhig so auf, wie sie es eben gedacht haben. Spontan ist immer am besten, sagt meine Chefin oft. Und wenn nötig, werden wir losgeschickt."
Ich wurde zunehmend verwirrter.
"Sie sehen verwirrt aus. Dabei ist alles ganz einfach. Tun Sie einfach so, als wäre ich gar nicht hier", versuchte die Person mich zu beruhigen. Gut, dachte ich. Versuche ich es mal. Edit ist gar nicht hier. Ich schrieb weiter:


Die erste Schlagzeile aus der großen Nachrichtenwelt, die mich heute erreichte, lautete: Wirtschaftsministerin Reiche warnt vor Treibstoffknappheit ab Ende April. Das halte ich für einen ganz besonders klugen Schachzug unserer Ministerin, ging es mir durch den Kopf. Die krisentrainierten deutschen Prepper fahren nun also in Massen zu den Tankstellen und pumpen sich dort Benzinkanister, Kaffeekannen, Gurkengläser und Thermosflaschen ohne Zahl voll, dass es aus den Kellern und Garagen bald nur so stinken wird. Panikostern. Wir haben ein wirklich tolles Führungspersonal. LEUTE, der SPRIT WIRD KNAPP!!!
Eine Stimme raunt mir zu: "Schreiben Sie ruhig, dass Sie das Ihrer Frau so getextet haben. Und die dann geantwortet: Man könnte nur noch heulen. Worauf Sie schrieben: Vor lachen. Ich starre Edit an."Woher wissen Sie von meinem Chatverlauf, sind Sie IT-Russin, -Amerikanerin, -Chinesin?" Betretenes Schweigen.
Dann: "Entschuldigen Sie. Ich habe einen unverzeihlichen Fehler begangen. Ein Datenschutzvergehen. Ich verlasse Sie auf der Stelle. Tut mir leid."
Hä? - Hä? Zum ersten mal bin ich mir sicher zu wissen, was "konsterniert sein" bedeutet. Oder wenigstens, wie es sich anfühlt. Ich starre noch eine Weile auf den leeren Stuhl neben mir.


.
 
@Anders Tell
Guten Morgen, Anders.
Hast du extra nochmal ins Neue Testament geschaut, oder sind dir diese Verse allgegenwärtig?
Aus meiner Bibeltexte-Lernphase blieb nur die einigermaßen sichere Kenntnis des Grundaufbaus und der ungefähren theologischen Bedeutung der einzelnen Bücher. Aber du wolltest auf den Zusammenhang von Glaube, Placebo-Effekt und Selbstheilungskräften hinweisen. Ja, damit beginnen oft die kleinen oder auch großen Wunder in unseren Gesundheits-Biographien.
Aber ich finde, wem so etwas widerfährt, der sollte gern und bereitwillig davon erzählen, was geschehen ist und was man denkt bzw. glaubt, was dazu geführt hat. Du weißt ja, schlechte Nachrichten gibt es in Unmengen. Gute dagegen sind rar. Dabei können sie ermutigen und damit neue Heilung in Gang setzen - nicht nur auf biologische Gesundheit bezogen.
Einen schönen Tag
wünscht dir der Clown
 
.


Heute, ein Freitagmorgen. Kurz nach sieben Uhr. Der Sohn stellt mir einen Becher Kaffee mit Milchschaumkrone auf den Schreibtisch, an dem ich schon seit etwa einer Stunde sitze, und er verabschiedet sich in den Schultag. Der Abschiedsgruß der Tochter dringt aus dem Wintergarten zu mir. Ich rufe zurück, winke sicherheitshalber noch extra, falls meine Stimme noch nicht kräftig genug ist, so zeitig am Morgen und überhaupt. Manches, was einem durch Altern und Krankheit abhanden kommt, stellt man erst mit der Zeit fest. Ich hatte mal eine verlässlich kräftige Stimme. Zum Singen habe ich sie selten genutzt, aber gern beim Grölen in Fußballfanmassen oder am Rande rechtsextremer Versammlungen oder in Momenten, die den Homo cholericus in mir wachriefen. Die Stimme, laut und modulierbar, tat mir auch gute Dienste beim Vorlesen meiner Lieblingsliteraturen, das war immer eine Art Hobby von mir. Hatte ich ein Buch entdeckt, von dem ich besonders berührt war, dann wollte ich es immer so schnell wie möglich mit anderen teilen, es weiterempfehlen. Gern mit ein wenig „Budenzauber“ drumherum, wie dem offenen Feuer auf offener Bühne eines Kulturvereins. Ein ganz kleines Feuer, in der Fläche nicht größer als eine Untertasse. Aber mit gehörig Qualm und Geruch. Mehrere Leute steckten während der Lesung erschrocken ihre Gesichter durch den Türspalt … Jedenfalls musste das Feuer meiner Meinung nach sein. Es war eine moderne Indianergeschichte, was ich da vorlas.

Nun sitze ich hier mit geschwächter Stimme, schaue interessiert in den Morgen und will neue Lesungen planen, vorbereiten, suche nach Ideen. Da fällt mein Blick auf ein schönes, bisher unbenutztes Notizbuch, welches ich aber schon einige Jahre besitze. Solche Büchlein in unterschiedlichster Gestaltung schenkt mir meine Frau immer wieder, vielleicht als Anreiz zum Weiterschreiben. Lesen mag sie meine Texte eher nicht. Sie sind ihr zu traurig. Als sie mir das neulich mal sagte, stieg sofort Empörung in mir auf, aber ich dachte vor der spontanen wortreichen Gegenargumentation besser eine Weile darüber nach. Schreibe ich traurig? Bilden meine Gedichte, Notizen, Kurzprosen wirklich vor allem meine depressive Neigung bzw. melancholische Ader ab? Ich will es nicht glauben. Ich bin „The natural born Klassenkasper“, immer gewesen, und immer habe ich diese Rolle weiterkultiviert, von Lebensphase zu Lebensphase. Womit ich mir nicht nur Freunde gemacht habe. Aber ich bin gern albern. Und wo es mir zu ernst zugeht, was ja auch nicht immer der Situation oder dem Thema gerecht wird, bin ich gelegentlich auch bereit, mit meiner Rumalberei den Rahmen zu sprengen. Ja, sogar vorsätzlich, was das Strafmaß erhöhen kann. Aber lange Rede, kurzer Sinn: Beim Schreiben neige ich nicht zu derben Späßen und ich habe eine Abneigung gegen Schenkelklopfer. Vielleicht achte ich in Zukunft mal darauf, ob mir hier und da auch ein optimistischer Gedanke einfällt und freundliche Dankbarkeit, die ich an meine Mitmenschen richten kann. Drama gibt es schon genug in der Kunst.

Aber – genug geplaudert. Vorerst.



.
 
.






Eine Pappel pflanzen

Gleich dort, wo die alte stand.

Wässern.

Einen Segen sprechen.

Warten.

Irgendwann wird sie rauschen wie das Meer

an mäßig windigen Tagen.




.
 
@Otto Lenk / @fee_reloaded

Lieber Otto, liebe fee,

der Raum, den keine zehn Meter vom Haus entfernt bis vor etwa zehn Jahren die Pappel einnahm, empfinde ich oft als Fehlstelle. Wir sind 2009 hierher gezogen, nachdem wir jahrelang an dem Haus saniert, umgebaut, angebaut, gestaltet hatten. Oft wurden wir von Besuchern gefragt,ob ganz nah ein See wäre,
"... es rauscht hier so. Wie an der Ostsee." Dieses phänomenale Rauschen hat jeden entzückt. Wenn wir dann sagten, dass es nur von dem Baum käme, unter dem wir gerade standen, war das Erstaunen jedesmal groß. Eine schnöde alte Pappel. Unscheinbare Blätter, keine herausragende Baumform. Im Herbst hat man ihre Blätter nicht aufgehoben, um sie zu pressen oder sie sonstwie als Schmuck zu verwenden. Ich kann mich sogar erinnern, dass ich als Kind lernte, dass die heimischen Pappeln fast wertlose Bäume sind, nur für die Streichholzindustrie von Bedeutung.

Plötzlich und recht unerwartet beschlossen der Nachbar und mein Schwiegervater, dem eigentlichen Besitzer unseres Grundstücks, dass die Pappel zur Sicherheit gefällt werden müsse, "... eh sie uns bei einem Sturm aufs Haus fällt ..." - Der Baum stand ja auch genau auf der Grenzlinie unserer Grundstücke. Ich hasse diese als Pragmatismus daherkommende Angst vor allem Unwägbaren, das von den Ängstlichen natürlich in den schlimmsten Erscheinungsformen beschrieben werden. Ein großer Sturm wird kommen, der Baum wird fallen, den ganzen Anbau (unsere schöne Landküche!) zerquetschen, alle werden sterben, wahrscheinlich auch zehn Gäste, die gerade zu Besuch sind. Was für ein Drama. Dann den gefährlichen Baum lieber vorher wegnehmen. Dann leben wir alle viel ruhiger.
Es ist gemacht worden. Baum weg, Rauschen weg, Zauber weg.
Dem Nachbarn wird die Pappel kaum fehlen, er ist schon ein paar Jahre tot.
Mir fehlt er. Und ich werde dort keinen Baumm mehr erleben, der einen Stammdurchmesser von achtzig Zentimetern hat und dessen Laub rauscht wie die Ostsee.

Danke, dass ihr von meinem Traum berührt wurdet.

der Clown
 

Anders Tell

Mitglied
Hallo Clown,
mir hat Mal ein älterer Herr erzählt, dass Väter früher bei der Geburt einer Tochter eine Pappel gepflanzt haben, um bei der Vermählung Geld für die Aussteuer zu haben. Es hängt wohl von der Art ab, wie wertvoll Pappeln sind. Billige Hybridpappeln sind auch als Alleebäume kaum geeignet, weil sie innen hohl werden und nach wenigen Jahren wieder gefällt werden müssen. Die Krähen, die gerne in Pappeln nisten, müssen dann umziehen. Zum Beispiel auf den Kirchturm, wo die Leute dann wieder genervt sind.
Anders
 
@Anders Tell

Hallo Anders,

in meiner Kleinregion ist die Pappel ein landschaftsbildbestimmender Baum geworden, weil man ihn vielfach als windbrechende Reihen entlang von Ackerwegen gepflanzt hat. Ich bin mir nicht sicher, welche Sorte(n) dabei bevorzugt wurde(n). Unsere Gartenpappel war wohl eine Zitterpappel, das charakteristische Bild des Laubs, das im geringsten Wind "gezittert"hat, und dann dieses "Rauschen" erzeugte, lässt mich das vermuten.
Da ich Pappeln kaum als Solitairbäume kenne, kann es durchaus sein, dass seine Pflanzung Baum so eine Traditions-Bedeutung hatte. Zur Geburt, zur Hochzreit, zum Einzug als neue Bewohner eines Hauses ... es gibt ja viele Möglichkeiten, wann man einen Baum pflanzt, um ihn zum Sinnbild der Hoffnung auf kommende gute Zeiten wachsen zu lassen. Meine Schwiegermutter hat all ihren Kindern und Enkeln jeweils einen Baum als Lebensbaum gepflanzt. Eine schöne Tradition. Ich habe mir den schon öfter hier erwähnten Ginkgo gewünscht und bekommen. Eine wahre Pracht, wenn er sein frisches Laubkleid hat. Und im Herbst, wenn die Blätter goldgelb werden, erzeugt er bei mir Glücksgefühle. Dann bekomme ich Lust, noch ein zweites Leben anzuhängen, um zu sehen, wie alles wächst und sich die Welt verwandelt - oder eben untergeht, was eher zu befürchten ist für die nächsten hundert Jahre. Aber dann wäre ich gern dabei, um meine Nachfahren im Arm u halten, und ihnen einen eigentlich unmöglichen Trost zuzuflüstern.
 
.


Lebenserinnerungen
kommen nicht linear. Niemand, behaupte ich frech, kann erzählen: „im Januar neunzehnhundertsiebzig passierte mir dies und das, im Februar schneite es zur Beerdigung von Tante Sowieso, im März warteten wir auf die Auslieferung der Schokoladenhasen in die neue Kaufhalle, im April hatte ich einen furchtbaren Husten undsoweiter. Ich denke, solch ein Erinnern gibt es nicht. Erinnerungen sind ein kosmisches Rätsel. Oder gar ein komisches? Sie dringen durch Träume in unser Bewusstsein, setzen sich für eine Weile fest oder verschwinden schnell wieder, und es liegt an unseren individuellen Fähigkeiten, ob wir sie festhalten, in unser waches Denken einweben und vielleicht sogar künstlerisch verarbeiten können. Es ist echte Arbeit, die wir uns da abfordern. Das versteht ein Außenstehender aber meist nicht. Wer Erinnerungen aufschreibt oder daraus Bilder malt, Skulpturen formt oder Tänze entwickelt, oder gar Filme, wird häufig schräg angeschaut. Oft bleibt man total unverstanden. „Beschäftige dich doch mal mit normalen Sachen!“, heißt es gelegentlich. Ja, das ist ein guter Gedanke. Einmal in der Woche würde ich mich gern mit den Problemen wohlhabender Menschen befassen. Kreativ sein, produktiven Plänen folgen, das Mögliche behandeln, statt immer nur übers Unmögliche zu sinnen.

Das war jetzt eine heillose Gedankenholperei. Ich breche das jetzt lieber ab. Genießt den Regen!


.
 
.


Heute beginnt das diesjährige Pessachfest.

Nein, ich habe das Haus nicht darauf vorbereitet, habe nicht die Vorräte nach Chametz, dem Gesäuerten, durchsucht und die Küche, die vorrätigen Nahrungsmittel, den Keller davon befreit. Hier sieht alles wie immer so kurz vor Ostern aus, denn ich bin ja kein Jude. Aber die Gebräuche, die religiösen wie die „nur“ kulturbedingten, interessieren mich zunehmend. Und je mehr ich darüber erfahre, desto detaillierter werden meine anerlernten Vorstellungen von den biblischen Geschichten, von Geboten und Mahnungen. Das Jüdisch-Christliche wächst immer mehr zu einer Gesamtheit zusammen, vieles scheint mir klarer als vor vierzig Jahren, als ich mich dem christlichen Glauben zuwandte. Allein was ich im Winter aus einer „Biografie“ der Stadt Jerusalem an Bildern ziehen konnte, war mit meiner geringen Vorbereitung kaum zu fassen. Aber langsam lerne ich, was der erste Tempel, der zweite, die Zerstörungen für Wirkungen auf die Religionsgeschichte hatten und haben. Mein Erstaunen über die verschiedenen Herodesse bleibt mir wohl unvergessen. Ich hielt Herodes immer nur für einen, den Kindermörder, der selbst am Ende unter furchtbaren Krankheiten starb, ausgelöst oder begünstigt von Hurerei, Völlerei, Herrscherwahn und anderen naheliegenden Gewohnheiten. Eine unfassbar abstoßende Sippschaft, die sich damals als Herrscher und Hofstaat über Jerusalem und den halben Nahen Osten ausgebreitet hatte. Als Oberhäupter des „Heiligen Volkes“. Mit stets brüchigem „Segen“ römischer Statthalter oder gar des jeweiligen Kaisers … Aber das ist Geschichte. Ich suche eigentlich nach Antworten auf die ewig letzten Fragen. Nur scheint vieles so heillos und gleichermaßen logisch miteinander verwoben, dass jede Antwort tausend neue Fragen nach sich zieht. Man darf sich nicht verzetteln. Oder muss Ordnung in den Zetteln haben. Zettelkästen, sauber beschriftet. Diese Kästen werde ich vielleicht eines Tages vor Pessach auch penibel reinigen, weil gelegentlich beim Arbeiten mit den vielen Informationen Krümel von den beiläufig verzehrten Croissants oder Milchbrötchen hineinfallen.



.
 
.


Zeit

Wann fing ich wohl an, bewusst über Zeit nachzudenken, über Zeiträume, die vergangen waren und vor allem, die in Zukunft noch vergehen würden? Mit neun? Mit zehn, elf? Ich weiß es nicht mehr genau. Ich kann mich aber erinnern, dass ich Zählungen von Zeiträumen oft interessiert verfolgt habe. Etwas ganz Wichtiges für die kleine DDR schien es gewesen zu sein, dass jeder DDR-Bürger, jede DDR-Bürgerin jederzeit wusste, oder besser: sich jederzeit bewusst war, wie lange es die kleine DDR schon gab. Zum Einprägen dieser ungeheuer wichtigen, voranschreitenden Tatsache des Alters unseres Landes, nein, besser: unseres Staates, half man uns damit, in jedem Jahr den Republiksgeburtstag groß zu feiern. Ha! Dieser Begriff, für mich untrennbar mit meinem Leben, meiner Biografie verbunden, ist in der ganz modernen, der Nachwendezeit, offenbar schon getilgt. Die automatische Rechtschreibprüfung meines benutzten Schreibprogramms zeichnet mir ihre höfliche rote Wellenlinie unter das Wort.

REPUBLIKSGEBURTSTAG – In der Wort-Recherche wurden keine Ergebnisse gefunden. Das Programm ist möglicherweise nicht für Historiker*innen geeignet. Mein gelegentliches Gendern schon. Da kommt keine rote Wellenlinie. Okay, aber unter das Wort Gendern wird sie gezeichnet. Da fühle ich mich doch mitten im Kulturkampf.

Doch zurück zur Zeit als Gefühlsphänomen. 1949 wurde mein kleines Land gegründet. Als Resultat des etwa zwölf Jahre andauernden Tausendjährigen Reichs der armen größenwahnsinnigen „Nationalsozialisten“ oder des deutschen Faschismus. Such dir einen der Begriffe aus. Der eine mag Korinthen im Gugelhupf, der andere nicht. Mir ist das gleich.

Als ich das Licht der Wintersonne erblickte, war das 1949 neu erklärte kleine deutsche Land gerade dabei, sich auf seinen sechzehnten Geburtstag vorzubereiten. In den Schulen und Kindergärten wurden optimistische, lebensbejahende bis heroische Bilder gemalt, in den Redaktionen der Zeitungen sollte man sich wieder was Originelles zum Anlass ausdenken, nach dem Motto: „Kinder, denkt daran, die Zeit bis zum siebenten Oktober geht schneller rum, als wir es uns vorstellen können, und es soll ja nicht zu improvisiert wirken, was wir über unser Glück im ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat zu schreiben haben. Aber: Beachtet bitte, dass in vier Jahren großes Jubiläum ist, da brauchen wir dann die ganz großen Geschichten. So, nun aber wieder an die Arbeit, Genossen!“ Zu dem beschriebenen Zeitpunkt ahnte ich natürlich noch nichts von all dem, schließlich war ich eben erst geboren worden. Aber ich kann mich erinnern, dass ich bereits in den folgenden sechs Lebensjahren auf das Wesen – oder soll ich sagen auf das Wesentliche des Lebens in der kleinen DDR vorbereitet wurde? Egal. In diesen ersten Jahren meines Lebens lernte ich eine Menge über Zeit, und wie man sie nutzen und sogar verändern kann. Länger machen oder verkürzen zum Beispiel. Mein Vater lehrte mich bewusst oder unbewusst, dass man sich die Zeit beim lästigen Toilettengang angenehmer und produktiver gestalten kann, indem man dorthin seine Tageszeitung mitnimmt, um sie, bequem auf dem Klo sitzend, in aller Ruhe zu lesen, ohne dass eine Ehefrau ständig dazwischennörgelt, dass das „Neue Deutschland“ überm Tisch ihr das Licht nimmt.

Irgendwann bekam ich mit, dass im kleinen Land zu den runden Republiksgeburtstagen stets Jubiläumsausgaben von Zeitschriften, Briefmarken, Münzen, Medaillen und ähnlichem erschienen, die Schaufenster vieler Läden wurden hübsch gestaltet, rote Fahnen, DDR-Fahnen und bunte Girlanden schmückten die Wohnblöcke. Im Laufe der Zeit begann ich zu begreifen, was der Begriff Zeit bedeutet, was Jahre sind. Von Geburtstag zu Geburtstag ist ein Jahr. Oder von Weihnachten zu Weihnachten. Das waren gute Anhaltspunkte. So saß oder lag ich manchmal da, und dachte über notwendig zu ertragende Zeiträume nach. Zum Beispiel: „Noch vier Jahre, dann bin ich vierzehn. Das ist schon einigermaßen erwachsen. Aber bis ich wirklich erwachsen bin, och menno, das sind ja noch acht Jahre!“. Dann fiel mir das Millenium ein, das damals noch nicht so hieß. Für mich war es einfach das Jahr nach 1999. Aber 2000? Dann wäre ich 35 Jahre alt! Krass. Es schien mir völlig unvorstellbar, so alt zu werden. Was bis dahin alles passieren könnte! Tödliche Krankheiten, Unfälle und wer weiß, was noch. Vielleicht würde ich mit 23 ermordet, kann man’s wissen? Oder es gibt wieder Krieg. Als ich zehn war, war der Zweite Weltkrieg gerade dreißig Jahre her. Wir feierten es immer, als wäre es der alleinige Verdienst unserer sowjetischen Freunde, der deutschen Kommunisten und der Kommunisten überall auf der Welt sowieso. Ja, das hatten wir geschafft. Und dann die lange Periode des Friedens die wir den imperialistischen Kriegstreibern abgerungen haben. Mit unserer Hände täglicher friedlicher Arbeit, mit unserem fleißigen Lernen in den Schulen und mit dem Sammeln von Sekundärrohstoffen, bestehend aus Flaschen, Gläsern, Altpapier und Lumpen. Der Erlös dafür ging nämlich direkt als Solidaritätsspende zu den friedliebenden Völkern in Afrika, Lateinamerika und Asien. Die Eskimos bekamen nichts von uns. Deren Verbreitungsgebiete galten damals noch nicht als strategisch wichtig.


Über die Zeit und sein persönliches Verhältnis zu ihr kann und man nun unendlich mehr schreiben, ich belasse es aber im Moment dabei, weil ich gerade keine Zeit habe, daran weiterzuschreiben. So ist der Text wie ein Stück von einem Blechkuchen. Ich kann gelegentlich zurückkommen und ein nächstes Stück aus dem großen Ganzen herausheben ...


.
 

Anders Tell

Mitglied
Hallo Clown,
ich lese immer gerne über den Alltag in der DDR. Wenn man danach fragt, bekommt man oft nur verhalten Antworten. Entweder weil die Menschen sich nicht erinnern oder nicht gerne erinnern. Hier und da blitzt etwas auf. Wie die Unterthekenwaren. Insgesamt kann ich mir aber kein Bild zusammen setzen.
Anders
 

John Wein

Mitglied
Und vergiss auch die Zeitung nicht!
Ich hab mich gerade an deinen Zeilen recht auskömmlich erfreut!
Machs gut und schöne, christliche Ostertage!
John
 
.



Gründonnerstag
und ein kleiner Ausflug am frühen Abend



Große farbige Landschaftsfotos an den Wänden –

Reisterrassenfelder, eine Teeplantage,

Lotosblüten auf einem See,

alles kreischend bunt

und gerahmt in schlichte, fast grobe, rot lackierte Holzrahmen.

Die Asiatin und ihr Mann arbeiten still vor sich hin

an den Pfannen; haben sich wohl nichts zu sagen –

die Stimmung im Asia-Bistro am Markt wirkt gedrückt auf uns.

Ein Mann bestellt und setzt sich an einen anderen Tisch.

Wir warten schweigend auf das Essen.

„Nein, ich möchte nichts trinken.“

Auf der Rückfahrt betrachte ich desinteressiert

die recht altstilisch wirkende kantige Innenraumverkleidung

des neuen Autos, als säße ich in einem 70er-Jahre-Neuwagen-Oldtimer …





.
 
.


Karfreitag-Vormittag
nur ein paar Gedanken zum Tage


Ich kann jetzt schon darüber schreiben, weil ich bereits weiß, was für mich Wichtiges nicht geschehen wird. Nicht hier, an meinen erreichbaren Strecken, nicht für mich und meine – äh – Pläne? Träume? Hoffnungen für irgendeinen kommenden Karfreitag?

In meiner Jugend, in der Phase, als ich ein Suchender war, auf der Suche nach meiner religiösen Heimat, nahm ich mal an einer Karfreitags-Gebetsnacht teil, die für junge Menschen organisiert war. Eine Kirche voller brennender Kerzen, ein kurzweiliges geistliches Programm, Lieder, Musik und viel Freiraum für die jungen Leute, selbst zu Wort zu kommen oder auf der Gitarre zu spielen – eben jede und jeder, wie er sich einbringen konnte und wollte. Vielleicht habe ich mich damals sogar eingebracht. Wenn, dann sicher mit dem Vorlesen einer expressionistischen Kurzprosa über Erlittenes im Ersten Weltkrieg. Das war zu der Zeit ein großes Thema für mich. Es war die Zeit des Gemustertwerdens, der Entscheidung, wie man sich dieser Herausforderung stellen solle. Ich wollte keinen Wehrdienst leisten. Nicht bei der NVA, und nicht für irgendeinen beliebigen anderen Staat. Nun war die Frage, ob ich die einzige in der DDRhalbwegs offiziell wählbare Alternative wahrnehmen wollte, meine Zeit als „Bausoldat“ abzudienen, oder total zu verweigern, was ziemlich sicher eine ganze Weile Gefängnis bedeutet hätte. Sich dem Dienst bei der NVA völlig zu verweigern, galt als Verrat am Staat, als Bekenntnis, ein aktiver Gegner des Sozialismus zu sein, ganz egal, welche persönlichen Gründe man für dieses Verweigern hatte. Nun war ich zwar schon ein rebellischer junger Kerl, der bereits hier und da seine von der gesellschaftlichen Strömungsrichtung abweichende Haltung gezeigt hatte, aber in den Knast wollte ich dafür nicht unbedingt. Ich hatte neunzehn Jahre mit Blick in den Gefängnishof des hiesigen Jugendgefängnisses gewohnt, meine ganze Kindheit und Jugend sozusagen, und dadurch etwas mehr als nur eine Ahnung von der Gleichmacherei Gefangener als niedere menschliche Wesen mitbekommen. Selbst einer von denen da drüben, hinter der Gefängnismauer zu sein, war für mich gar nicht verlockend. Zumal ich von klein auf ein ängstlicher Hänfling war, dem man mit der geringsten Andeutung von Gewalt gehörig Angst machen konnte. Gefängnis machte mir Angst, die Aussicht auf einen möglichen Krieg machte mir Angst, eine gegen mich erhobene Hand machte mir Angst. Auch mehrere Jahre Training in einem Boxclub und der Versuch, mir dort das Herz kämpferisch umerziehen zu lassen, änderte daran erstmal nicht wirklich viel. Allerdings bekam ich nach einer Weile mit, dass ich beim Boxen zumindest lernte „einzustecken“ ohne zu heulen. Und selbst das brachte mir schon in der einen oder anderen Situation die Achtung von Gegnern und Zuschauern ein.

Aber zurück zur Karfreitagnacht. Diese kirchliche Veranstaltung hat lang anhaltenden Nachhall in mir hinterlassen. Ich erfuhr damals, dass der Glaube dem Suchenden in seiner Not, in seinen inneren Zwiegesprächen zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, Angst und Tapferkeit tatsächlich weiterhelfen kann. Der in diesem Fall extra für Jugendliche geschaffene Raum war großartig und in der DDR natürlich nur in diesem relativen Schutzraum Kirche vorstellbar. Das aus meinem Munde laut gewordene NEIN! zum Wehrdienst mit der Waffe, ausgesprochen bei meiner Musterung, war gar nicht möglich ohne den in mir gekeimten Glauben und die damit einhergehende Ethik, die mir eine neue, ungeahnte Freiheit für mein Denken und Handeln bot. Nun bedaure ich schon seiteinigen Jahren den Verlust von Schutzräumen für Suchende, die in einer existenziellen Entwicklungsphase stecken, welche ihnen Entscheidungen abverlangen, die manchmal kaum bewältigbar scheinen. Darum träume ich davon, solche Erlebnisse wie meine damalige Karfreitagnacht für die jetzige Generation zu ermöglichen. Dabei ist ja nicht nur die Frage von Wehrdienst und Krieg eine brennende. Es bedroht uns alle eine sich permanent verschärfende Klimakatastrophe. Die Erosion der in Stein gehauenen Demokratie ist beängstigend, das Gefüge der internationalen Beziehungen zwischen den Staaten wird immer stärker erschüttert … Es gibt so viele Themen, die auch junge Menschen betreffen und vielen die Lust an ihrer eigenen Zukunft nimmt. Was für ein Feld für gesellschaftliche Player wie Kirchen und andere soziale Konstrukte! Die verlockenden Früchte wären selbstbewusste und verantwortungsbewusste junge Menschen, die sich vielfältig, laut und mächtig in die nötigen und möglichen Diskurse gestaltend einbringen. Ich verstehe die ohnmächtige Stille um mich herum nicht.




.
 



 
Oben Unten