Jammerossis Gegenwart

5,00 Stern(e) 5 Bewertungen
Edit ohne "h" hinten hat sich klammheimlich wieder zu mir gesellt. Ich kann zwar mit meinen scheuen Blicken immer noch nicht sicher erkennen, ob es Mann, Frau oder Dazwischen oder Außerhalb ist. Aufgrund des Namens habe ich mich aber entschlossen, die Person weiblich "zu lesen" und entsprechend mit "ihr" zu kommunizieren, bei aller gebotenen höflichen Zurückhaltung.

Ich will mit meinen Notizen weiterkommen. Das Osterwochenende liegt mir allerdings wie ein biblischer Berg im Gedankenweg. Ständig Besuche, kleine Ausflüge usw. - alles wichtig, alles richtig, alles gut. Und doch tut es mir schon jetzt um die derweil verloren gehenden Gedanken leid, welche ich pausenlos in die Tastatur hacken möchte. Und einen Teil davon würde ich tatsächlich schaffen, wenn ... seufz.
 

petrasmiles

Mitglied
Das aus meinem Munde laut gewordene NEIN! zum Wehrdienst mit der Waffe, ausgesprochen bei meiner Musterung, war gar nicht möglich ohne den in mir gekeimten Glauben und die damit einhergehende Ethik, die mir eine neue, ungeahnte Freiheit für mein Denken und Handeln bot. Nun bedaure ich schon seiteinigen Jahren den Verlust von Schutzräumen für Suchende, die in einer existenziellen Entwicklungsphase stecken, welche ihnen Entscheidungen abverlangen, die manchmal kaum bewältigbar scheinen.
Lieber Clown,

das mag sich für einen gläubigen Menschen ketzerisch anhören, aber wenn man diesen 'Schutzraum', den Du schilderst, rational betrachtet, dann kann es sich eigentlich nicht um einen echten 'Schutzraum' gehandelt haben, denn er war ja 'Partei', nur eben nicht die gängige, sondern einer Minderheit.

Ich will damit nicht in Abrede stellen, dass es für Dich - und möglichweise viele mehr - de facto ein Schutzraum war, aber bei der Frage der Schaffung solcher Räume für gegenwärtige junge Menschen, sehe ich ein Problem, denn dieser Raum schützte ja in erster Linie Gläubige, oder die es werden könnten. Das klingt schon sehr nach Eintrittsvoraussetzungen, die ein echter Schutzraum nicht haben dürfte.
Und dann sind wir beim Kapitalismus und wie man eine gesellschaftliche Leistung erbringt, die Aufwand hat aber keinen Ertrag; dann sind wir beim Staat und der Überlegung, was wohl seine Aufgaben wären - wenn dann aber der Schutz eben vor dem Staat - oder zumindest die Möglichkeit seiner kritischen Hinterfragung - bestehen soll, sieht es zappenduster aus.
Das Besondere an der Kirche in der DDR war ihre Distanz zum Staat - wobei die wohl eher vom Staat ausging - und diese 'Gegnerschaft' gab der Kirche erst die Möglichkeit, vor dem Staat und seiner Beeinflussung Schutzsuchenden Raum zu geben.
Wäre dann nicht die EIngangsvoraussetzung für solche Schutzräume Staatsferne und welche Institutionen könnten das heute sein?

Vielleicht zeigen schon diese Überlegungen die ganze Misere auf. Alle möglichen Organisationen verbinden ihre Schutzräume mit Eingangsvoraussetzungen, etwas anderes steht im Vordergrund als Schutzraum zu sein, seien es Vereine oder Parteien - oder Kirchen.
Aber vielleicht ist es auch so, dass man diese Schutzräume gar nicht 'organisieren' kann - wie eine Kältehilfe - , sondern jeder sich selbst seinen Schutzraum suchen muss - so, wie Du es getan hast.

Liebe Grüße
Petra
 

John Wein

Mitglied
Hallo werter Freund,

Es freut mich sehr, dass dir das Buch gefällt, obwohl es dir gleichfalls nahe geht, weil viele Schilderungen Meyerhoffs deinen Erfahrungen gleichen. Ich glaube, nein, ich weiß, dass du einen ganz anderen Blick als wir auf das Leben und das Gegenwärtige hast. Ich erkenne das auch an deiner Spontanität und der Tiefe, die deine Tagebuchgeschichten abbilden. In diesen Worten liegen große Weisheit und viel Liebe. Dieses Vermögen macht dich kreativ und schärft dir den Blick für die Dinge, die hinter den vielen wieso‘s und warum‘s liegen. Unser Glück besteht darin, sich mitteilen und ausdrücken zu können und dadurch Gemeinsamkeit zu erfahren. Es braucht nur drei Buchstaben vom Einsam zum Gemeinsam.

In diesem Sinne wünsche ich dir weiterhin viel Schreib- und Lesevergnügen und wenn du wieder einmal etwas davon vermisst, dann schreib mir gern eine PN.

Liebe Grüße, John
 
.



Eine nicht tagaktuelle Aufzeichnung, nein, schon ein paar Monate alt:



Tage & Themen



Mittwochabend, Fußball-EM der Frauen, Viertelfinalspiel Norwegen gegen Italien


Ich weiß nicht, weshalb mich die Tatsache irgendwie unzufrieden macht. Ich habe mir das Viertelfinalspiel der Norwegerinnen gegen die Italienerinnen angeschaut, habe den Skandinavierinnen die Daumen gedrückt, sie haben verloren. Es ist nichts dabei. Ich bin kein Norweger, kein Skandinavier, ich habe keine wie auch immer geartete Beziehung zu einem oder mehreren Menschen aus Skandinavien, und andersherum habe ich auch nichts gegen Italienerinnen oder allgemeiner: Menschen des Mittelmeerraums. Trotzdem spürte ich einen winzigen Sympathievorsprung zu den Norwegerinnen. Ja, ich war vor zwei Wochen beim Eröffnungsspiel zur Fußball-EM der Frauen berührt von der Art und Weise, wie eine norwegische Sängerin ihre Nationalhymne sang. Still, innig, wie ein Volkslied, wie ein Liebeslied. Berührend. Das haben wohl viele so empfunden, erfuhr ich heute Abend durch die Moderation des aktuellen Spiels. Ja, vielleicht war es einfach der Vortrag der Hymne vor dem ersten Spiel, dass ich jetzt wünschte, die Norwegerinnen mögen gewinnen. Einen anderen Grund sehe ich nicht. Ihre Spielweise ist nicht herausragend. Aber sie hatten ihre Chancen, das entscheidende Tor zu schießen. Italien war nicht unbedingt besser. Mit ihrer Hymne an diesem Abend schon, ja. Das Rausschmettern der Liedzeilen hat etwas Besonderes. Ich weiß nie, ob ich es gelassen genießen will oder mich darüber lustig machen möchte, dass man eine Nationalhymne so inbrünstig von sich gibt. Ich fremdele damit. Zurück zum Sport. Wenn man als Zuschauer beim Spiel zweier Mannschaftenn für eines der beiden Teams „mitfiebert“, tut einem dessen Niederlage mehr weh, als wenn man sich so ein Spiel völlig gelassen anschaut, ohne dem einen oder dem anderen mehr zuzuneigen. So weit, so gut. Ich musste also eine Niederlage verarbeiten, als hätte ich sie persönlich erlitten. Dabei war mein Anteil an allem denkbar gering.

Dann lag ich im Bett, konnte aber nicht einschlafen, blieb aufgewühlt. Ich suchte nach einem angenehmen, vielleicht sogar einschläfernden Gedanken, dem ich ins große Dunkel folgen konnte. Mir fiel der vergangene Samstag ein:

Gegen Mittag atmeten wir erleichtert durch, weil es den ganzen Vormittag kräftig geregnet hatte, und sich der Himmel nun zu lichten schien. Nach eins wollten wir los. Alles Nötige war schon im Auto. Als wir in den Hof traten, hatte es tatsächlich aufgehört. Die Luft war klar. Was fehlte, war die Sonne, die leider für den Rest des Tages hinter Wolken versteckt blieb. In der Kleinstadt angekommen, parkten wir das Auto in einer ruhigen Nebenstraße. Ich hievte mich schwerfällig hinaus und machte ein paar Lockerungsschritte am Stock. Frau und Tochter entfalteten den Rollstuhl. Und schon saß ich wieder. Meine Tochter schob mich. Sie machte dabei wieder die sich allmählich vertiefende Erfahrung, wie schon wenige Zentimeter Bordstein das Fahren eines sehr einfachen Rollstuhls behindern können. Vorausschauendes Fahren bekommt eine neue Bedeutung. Immer prüft der Blick: Wo ändert sich der Bodenbelag, wo könnte der Bordstein besonders gut abgesenkt sein, wo drohen auf der Fahrbahn Schienen oder irgendwelche Vertiefungen, in die der Rolli rutschen kann? Ungezählte Male zuckte ich zusammen, wenn wir einem vor uns Gehenden zu nahe kamen und ihm in die Hacken zu fahren drohten. Die mich schiebende Person kann nicht ständig auf meine Füße schauen und den Sicherheitsabstand permanent beachten. Der Blick geht auch mal nach rechts, nach links, man unterhält sich mit jemandem, man blickt in Schaufenster.

Wir kommen auf dem Marktplatz im Schatten der großen Stadtkirche an, wo sich schon eine Menge bunten Volks gesammelt hat. Unser Ziel. Ich bin, obwohl das nicht in Frage stand, sehr froh, dass ich mit Frau und Tochter hier herfahren konnte, dass sie mich mitgenommen haben. Ich hätte es sofort verstanden, wenn eine gesagt hätte „Du, weil nicht ganz klar ist, ob der Regen wirklich vorbei ist und nicht wieder anfängt, würde ich dich lieber zuhause lassen. Außerdem kann es beim CSD immer auch zu stressigen Situationen kommen.“ Ohne zu murren wäre ich da geblieben. Zuhause. Nun sind wir aber gemeinsam hier, freuen uns gemeinsam über die vielen Leute, erkennen Bekannte, Freundinnen und Freunde, Genoss*innen, sogar die Oberbürgermeisterin der Stadt. Ich werde von vielen umarmt. Es entbrennt fast ein Streit, wer mich zuerst weiterschieben darf. Es ist schön. Es ist anregend. Es ist bestärkend. Jemand sagt, dass die Atmosphäre überraschend politisch sei. Mir sind sofort die vielen Menschen der Linkspartei aufgefallen, auch ihrer Jugendorganisation. Ich sehe aber auch welche von den Grünen, von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppen, Organisationen, Initiativen gegen Rechtsextremismus und für ein buntes, demokratisches Land. Ich bin mir sicher, dass ich nicht alle vertretenen Parteien und Organisationen entdeckt habe. Nach einer Weile bin ich mir aber sicher, dass zwar zum einen die unmittelbare Kleinregion sehr gut vertreten ist, auch von Dörfern der Gegend, aber darüber hinaus auch viele Menschen weitere Anreisen in Kauf genommen haben. Aus Magdeburg, aus Hamburg entdecke ich Leute, eine kleine Männergruppe in Schwarzwälder Frauentrachten fällt mir besonders auf – die werden doch nicht wirklich aus dem Schwarzwald hierhergekommen sein, ins piefigste Sachsen-Anhalt? Verliert man sie kurz aus dem Blick, findet man ihre schwarzen Hüte mit den knallroten Kugeln darauf schnell wieder. Eine kolossal witzige Erscheinung sind sie. Auch mindestens ein weiterer Rollifahrer ist außer mir im Demozug. Er, mit Sicherheit noch ein paar Jahre älter als ich, fühlt sich sichtlich gut. Soweit es ihm möglich ist, übernimmt er die wummernden Bassrhythmen mit Kopf, Armen und Händen. Er feiert und hat viel Spaß. Als ich ihn mit meiner aktuellen Schieberin überhole, lupfe ich grüßend den Hut, den ich trage. Wir schauen uns kurz an, lächeln verständnisvoll. Zwei Schwerbehinderte im Glück.

Auch Pressevertreter*innen sind natürlich im Trubel. Ich übe immer wieder im Stillen, was ich antworten werde, wenn mich so eine*r anspricht und fragt, warum ich hier bin. „Fast normal und gar nicht queer, solidarisch trotzdem hier.“, so will ich mich erklären. Und darauf hinweisen, dass heute wieder viele Teilnehmer*innen dabei sind, die wahrscheinlich so wie ich keinen queeren Hintergrund haben, aber dabei sein wollen, weil sie schwule, nichtbinäre Freundinnen und Freunde haben, Menschen, die zu ihnen gehören, weil man sich sympathisch ist, von denen man aber weiß, dass sie für ihr Anderssein von anderen gemieden, verstoßen, beleidigt, beschimpft, diskriminiert, ja, vereinzelt körperlich angegriffen werden. Oder sie kennen niemanden, haben aber das Problem der Ungleichbehandlung von Menschen als solches erkannt und wollen durch ihr Dabeisein die eigene innere Haltung deutlich machen. Ein wenig erinnern mich meine Gefühlsaufwallungen an 1989, als man auch eine Weile den Eindruck auf der Straße oder in vielen Kirchen bekommen konnte, dass hier viele verschiedene Leute bereit sind, für die Freiheiten und Rechte der Anderen einzutreten, auch, wenn es wehtun sollte. Der Gedanke weckt ein ganz seltenes Glücksgefühl in mir. Dass es im organisatorischen Vorfeld zu Spannungen rund um den CSD gekommen ist, erfahre ich zum Glück im Detail erst später. Ein Wermutstropfen, der unbedingt in Zukunft vermieden werden muss. Und weil diese Aufgabe für mich viel zu groß ist und gar nicht meine, schlafe ich endlich ein.

Nicht, ohne vorher einen erschreckenden Umweg über Bilder der Erinnerung an sogenannte Schrumpfköpfe machen zu müssen. Gänzlich unerwartet, unangekündigt, sind sie da, im gleichen Moment, wie ich die Augen zuschlage. Bilder, die sich beim Museumsbesuch des ethnologischen Museums in Wittenberg vor etwa fünfzig Jahren eingebrannt haben. Schrumpfköpfe aus Südamerika. Ich erkenne Details wieder, die mir schon damals aufgefallen waren. Die dunkle Haut. Große, wulstige Lippen. Barthaare. Holzpflöcke durch Nasen, Lippen, Wangen der Getöteten. Körperschmuck. Das alles ein völkerkundliches Phänomen für mich. Phänomen, dass die Menschheitsgeschichte solche Barbareien überhaupt hervorgebracht hat, Phänomen, dass es Seefahrer und Forschungsreisende gab, die die Köpfe an Orten gesammelt haben, wo Menschen auf die Idee gekommen waren, die Köpfe getöteter Feinde durch einen sicherlich aufwendigen Prozess schrumpfen zu lassen, bis sie nur noch die Größe von Tennisbällen hatten. Dann wurden sie als Trophäen, als Zeichen der Krieger-Macht, vielleicht als Opferzeichen für archaischen Vorstellungen entsprungenen Gottheiten an Hüttenpfosten gehangen oder als Schmuck von Altären benutzt.

Ich habe diese Köpfe ein paarmal als Kind gesehen und kaum mehr als schaudernde Verwunderung darüber empfunden. Später, wenn ich als Erwachsener das Museum wieder besuchte, packte mich eher das Mitgefühl über das, wofür ich im ersten Erschrecken nur Begriffe wie barbarisch, mörderisch, grausam und ähnliches fand. Die Beschäftigung mit den kulturellen Hintergründen half natürlich, das Gesehene einzuordnen und einem Trauma entgegen zu wirken. Wie tief der Eindruck sich aber festgesetzt hatte, bewiesen mir die Bilder in jener Nacht, als ich einfach nur einschlafen wollte. Schließlich gelang es mir, die Bilder abzuschütteln. Ich wachte am nächsten Morgen ausgeschlafen auf.




.
 
Beim Kramen gefunden.
Hier nachgeschlagen, ob ich es schon mal geposte habe. Nein.
Dafür mehrere Texte gleichen Titels von anderen gefunden. Das macht Spaß.





Nähe

Ich möchte dir nahe sein, Geliebte
Nah, wie es näher nicht geht
Will
Knotenschlingende Nähe spüren
Nägelhämmernde Nähe
Atemverzehrende Nähe
Brustbeerenfressende Nähe
Tief eintauchende Nähe
Weltentdeckende Nähe
Kosmosvergessende Nähe
Unwiederholbare Nähe
Zeeitlos
Ausweglos
Alles vergessend
Alles erfahrend
Bei dir alles findend
In Nähe, Geliebte






.
 
.



Die Liebe ist aufgezehrt

Wie eine Salami, Scheibe für Scheibe.

Den Begriff Dauerwurst falsch verstanden,

ging sie den Weg allen Fleisches, dahin.

Und plötzlich lag der letzte Rest, ein trostloser Zipfel,

auf dem Tisch der längst Vegetarierin gewordenen Frau,

die kein Interesse an Nachschub zeigte.

Sie deckte zwar den Tisch weiterhin regelmäßig mit frischen Laken,

doch nur, um den Duft frischer Wäsche zu genießen – eine Salami

störte da nur durch ihren Geruch und ihr fettiges Wesen,

ob luftgetrocknet oder nicht, das spielt ja keine Rolle.

Der Zipfel verschwand wort- und klaglos im Restmüll.





.
 
.




Zukunftsgedanken im Rückblick Eine Erinnerung



„Nächste Woche kommste mittags mal ins Depot zum Essen.“

Als mir das zum ersten mal gesagt wurde, bekam ich das Flattern. Ich war neun, zehn oder elf Jahre alt. Eine unbekannte Situation, nie geübte Wege, fremde Menschen, die mir über den Weg laufen würde, mit denen ich womöglich sprechen müsste. Schrecklich. Furchtbar schrecklich.

„Du brauchst keine Angst zu haben, am ersten Tag hole ich dich vorn ab, du wartest einfach beim Dispatcher!“

„Wo ist denn das?“

„Gleich vorn am Tor. Da hat der Dispatcher sein Büro. Wenns regnet, gehste rein, bei schönem Wetter kannste dich auf die Bank davor hinsetzen. Wenn dich einer fragt, wo du hin willst, sagste einfach, dass du der Junge von Frau M-m-m bist und gleich abgeholt wirst. Dann wissen alle Bescheid. Wenn ich es nicht schaffe dich abzuholen, dann sage ich jemand anders Bescheid, der dich holt und zur Kantine hinterbringt. Das schaffst du schon! Montag gibt’s Königsberger Klopse. Mit Kapern. Die magste doch.“

Ich brauchte sicher zehn Nachfragen und immer neue Erklärungen, bis mir klar war, dass ich besser nicht nochmal fragen sollte. Vielleicht klappte ja alles ganz einfach, ganz normal, ohne Zwischenfälle.

Ja, die Klopse mochte ich. Die schmeckten super. Und nach der ersten Woche mochte ich auch das Essenfahren nach Süd, zum Depot. Es war zwar eine Ferienwoche, und kurz nach Elf musste ich nun jeden Tag das Fernsehen unterbrechen, aber eigentlich war es toll, zum Depot zu fahren. Ich stieg an der Museumskreuzung in die Bahn, fuhr bis zum Depot, stieg aus, und nach ein paar Tagen war mir sogar der dunkle Weg durch die Reparaturhalle schon fast vertraut. Durch einen schweren Vorhang trat ich in die kaum beleuchtete Halle mit den etwa sechs Schienensträngen, die jeweils einen gemauerten oder betonierten Graben hatten, in denen die Schlosser aufrecht an den Fahrgestellen der Bahnen schrauben und reparieren konnten, ohne sich auf kalten harten Boden legen zu müssen. Nicht nur das funzlige Licht – dort brannten kaum mehr als die Reparaturleuchten und an den Werktischen der Meister, die auch immer mal was schreiben mussten, jeweils eine Schreibtischlampe. Also nicht nur das dämmrige Licht umfing mich jedes Mal schlagartig, ich lernte dort auch den typischen Werkstattgeruch kennen, der wohl überall so oder ähnlich herrscht, wo mit Metallen gearbeitet wird. Öle, Fette, Benzin, Diesel, Waschpaste und andere Stoffe sorgten für diesen unvergessenen Mischgeruch. Viele Werkzeuge, die Lampen, Stühle und anderen Ausstattungsgegenstände sahen aus, als gehörten sie schon seit Gründung der Städtischen Straßenbahngesellschaft dazu. Alles war altmodisch und ölig verstaubt. Mutter hatte mir eingeschärft, auf die Gräben zu achten, dass ich nicht reinfiele, jeden zu grüßen, der mir begegnen würde, und nicht Maulaffen feilzuhalten. „Geh einfach zügig durch, aber renne nicht. Das gibt Ärger.“ Wenn ich die etwa sechzig Meter durch die dunkle Werkhalle geschafft hatte, gelangte ich an einen weiteren Vorhang und eine Blechtür. Dahinter war wieder Tageslicht. Bei schönem Sonnenschein kniff ich jedesmal erschrocken die Augen zu. Nur vage kann ich mich an den Lichthof erinnern, den ich dort noch zu etwa dreiviertel seiner Gesamtlänge abschreiten musste. Vielleicht war dieser Hof etwas lieblos begrünt, vielleicht standen sich in der Mitte zwei Gartenbänke gegenüber, ein Tisch mit Kunststoffdecke dazwischen, auf welchem vielleicht ein meist hoffnungslos überfüllter Aschenbecher stand. Also vielleicht ein Pausenplatz. Für Raucher. Um die schlecht gepflegte Grünfläche führte ein schmaler, aus Ziegelsteinen gelegter Weg, den man nur hintereinander beschreiten konnte, so schmal war er. Vom Ausgang aus der Werkhalle bis zum Eingang in die Kantine waren es noch mal etwa zwanzig, dreißig Meter. Eine kurze Strecke, auf der man jeden Tag schon riechen konnte, was es zu essen geben würde. Selten lag ich mit meiner Erwartung daneben. Die Küchenfrauen nahmen mich freundlich auf. „Ach, du bist der Junge von Ruttchen! Na lass es dir schmecken. Und hol dir n Nachschlag, wenn du noch Hunger hast. Bleibt ja immer was übrig.“ Ich lernte schnell, dass ich, wenn ich möglichst etwas später kam, also kurz vor Küchenschluss, auch noch ein zweites Schnitzel bekam, einen zweiten Pudding oder so. Also all die Dinge, die relativ genau abgezählt waren, anhand der gemeldeten Esser. Ehrlich gesagt, wurde es eine feine Ferienwoche. Ich saß gern allein an einem der Tische, weil ich dann nicht in die Verlegenheit kam, mit jemandem reden zu müssen. Und die Arbeiterklasse wiederum ließ mich in Ruhe. Ich grüßte jede und jeden freundlich, damit war das Wichtigste getan, was Mutter von mir erwartete.

Beim Kauen fragte ich mich, und nicht nur am ersten Tag dort, ob so eine Werkhalle meine Zukunft als Erwachsener sein würde. Dieser Vorstellung konnte ich nichts abgewinnen. Jeden Tag acht Stunden im Dunkeln arbeiten müssen, ohne Märchen oder Indianergeschichten lesen zu dürfen – unvorstellbar! Aber was könnte ich sonst machen? Ich kaute ratlos weiter, auf einem Brocken Klops, einem Stück Schnitzel, einem Würfel Jagdwurst und zwei Spirellinudeln, einer Kaper oder einem Stück Bratwurst. Beim Essen fühlte ich mich wie Gott in Frankreich. Die Zukunft lag in der Ferne.

Ja, irgendwann fragte Mutter mich tatsächlich einmal, ob ich nicht auch das machen wolle, das sie beruflich tat, und worauf sie wahrscheinlich auch stolz war. Wollte ich Straßenbahnfahrer werden? Nein, nie. Als Kind stellte ich mir die Frage nicht ernsthaft, und später lag es außerhalb all meiner persönlichen Vorstellungen und Pläne. Täglich und nach einem komplizierten Vier-Schicht-Plan geordnet die acht Stunden durch unsere langweilige Stadt zu fahren, möglichst noch in einer Uniform, das war es nicht. Nein. Das war es nicht.




.
 
.




Ja, auch mein Vater hätte mich gern in seiner Uniform gesehen. Hätte er mir das offenbart, als ich noch ein kindliches Kind war, hätte es mich wahrscheinlich angenehm aufgeregt. Das traut er mir wirklich zu? Toll! Vater war Polizist. Und je kleiner ich war, desto mehr glaubte ich, dass das für eine gewisse Stärke, für Bedeutung und Anerkennung durch all die anderen Menschen spricht. Dies verkehrte sich immer mehr ins Gegenteil, je näher ich dem Erwachsensein kam. Polizisten wurden in meiner Jugend zu einer Art natürlicher Feind. Und ich für sie. Meine langen Haare bedrohten ihre Ernsthaftigkeit, ihr Selbstwertgefühl, ihr Machtbewusstsein, die Erfüllung ihres gesellschaftlichen Auftrags. Es machte sie unsicher, wenn ich in mehrfach geflickten Jeans, in ungebügelten Hemden, in Jesuslatschen und eben mit ungezogen langen Haaren fröhlich durch die Stadt zog. Auf meinen nächtlichen Streifzügen hielten sie mich regelmäßig an, ich musste immer meinen Schulterbeutel bis zum Grund leeren, weil sie auf das Einbruchswerkzeug lauerten, das ich doch irgendwo versteckt haben MUSSTE. Sie fanden nur jedes Mal ein o der zwei Bücher, gelegentlich eine kleine Wolldecke, die ich mir gern überwarf, wenn es zu kühl wurde auf der Bank unter einer Straßenlaterne. Nicht mal Zigaretten hatte dieser Heini, der ich war, bei sich! Also befragten sie mich halbe Ewigkeiten für den Grund meines „Spaziergangs“, ob ich denn am nächsten Tag nicht zur Schule oder Arbeit müsse, ob mir was Auffälliges aufgefallen wäre, wofür ich die Decke bräuchte, ob ich allein sei. „Was haben denn Ihre langen Haare zu bedeuten, Bürjer?“ „Ich mag Albrecht Dürer sehr.“ „Verklapsen können wir uns alleine. Wir können Sie auch für soundsoviele Stunden mit aufs Revier nehmen!“

Wollte ich solch ein Gesetzeshüter werden? Mann Vater, ich bin doch nicht völlig balla-balla.
 



 
Oben Unten