Jammerossis Gegenwart

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So viel Bemühtes! Schreibarbeit vom Feinsten … Lautes Schmieden aus den Elfenbeintürmchen … Drechseln auf astigem Wortholz … Es berührt mich nicht.

Städte im Staub, Landschaften harren ihres nahen Schicksals, und irgendwo steht eine weiße Kuh und sagt ihr mattes Muh. Moment! Das schreib ich auf. Es erinnert mich an Rilke.

Und ringsum brennt das Land, oh! Und in Städten brechen Mauern. Und hinter den Mauern werden Schreibtische verschoben. Die KonterRenaissance erblüht auf albernen Balkonen.
 
Shida Bazyar erhält den Wilhelm Raabe Literaturpreis 2026 für DIE LÜCKEN.
.............................................................................Ich freue mich.

Eine gute Wahl. Große Themen, große Bögen, große Lesbarkeit, wie mir scheint. Aber ist es ein Anti-Heimatroman, wie ich schon mehrfach gelesen habe? Offenbar geht es um das Zuhause von Menschen, um ihr Dasein dort, darum, ob der Ort und die Nachbarn Schutz bieten oder nicht – wir wissen, dass es um unerträglich Tragisches geht – aber macht es das zum Anti-Heimatroman? Es ist diese doofe Abwehr des Begriffs Heimat, an dem ursächlich nichts Schlechtes oder Falsches ist. Und wer Heimat für falsch hält, kann sich über Heimatroman nur belustigen oder eben bei einer kritischen Schreibweise einen Antiheimatroman daraus machen. Dabei werden auf hier auf wichtige, auf richtige Art und Weise Konflikte um einen Ort beschrieben, der für alle handelnden Personen Heimat sein konnte und sollte. Und wie diese Heimat von einigen als „Ort nur für …“ umgedeutet und schließlich mörderisch definiert wird.

Mir fehlen die Mittel, aktuelle Bücher zeitnah zu kaufen. Ich brauche immer einige Zeit, bis diese Bücher gelesen angeboten werden, und selbst dann jemanden, der sie mir schenkt. Es wird also wieder dauern, bis ich auch darin blättere, über die Seiten streiche, Gedanken abgleiche.

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Liebe Winona,

hier ist Herbst in seiner schönsten Form. Das Laub der Bäume färbt sich bunt, alles, was Wiese war, ist gelb geworden – das schönste Gelb, das ich kenne. Matt, mit viel Grau. Gut, ich liebe auch das Gelb leuchtender Blüten oder Früchte, zum Beispiel das der Zitronen, ja. Aber die großen Flächen vertrockneter Gräser draußen in der Landschaft sind irgendetwas tief in meiner Seele Verwurzeltes. Ich habe mir immer gewünscht, das einmal auf euren unendlichen Weiten der Plains und Prärien zu erleben, wenn der Wind alles wogen lässt und man sich als einzelner Mensch wahrscheinlich sehr verloren fühlen kann. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Ich stehe auf einem Hügel, vielleicht an dem kleinen Friedhof von Wounded Knee, und rings um mich die Meereswellen aus Präriegras …
 
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Traum zum 13.Oktober 2026



Wir waren als Familie in Thüringen. Urlaub. Plötzlich bin ich mit der Tochter allein. Die anderen beiden sind abgereist. Aber ohne Konflikt. Es war wohl so geplant. Ich mache mit der Kleinen einen Ausflug. Unser Fahrzeug ist eine Art 45er Hybrid – Elektrisch und – ich kann es auch durch Treten bewegen. Geil! Das Kind ist etwa fünf Jahre alt. Es gibt viele lustige neunmalkluge Bemerkungen von sich.

Wir machen also einen Ausflug. Sie sitzt neben mir, klar, es ist ein Zweisitzer. Aufenthalt in einer kleinen bergigen Stadt. Holperpflaster. Enge Straßen. Gassen. In einer ist alles vollgeparkt. Kein Durchkommen. Wir parken uns also dazu, schauen, wohin alle gegangen sind. Ah, eine Art Heimatmuseum, ein Umweltzentrum oder so. Mit kleiner Gastronomie. Wir gehen also auch dort rein, schauen uns an, worüber informiert wird. Mir fällt eine Frage meiner Frau ein, etwas, das ich mal herausfinden solle. Es geht um Wanderziele, die passende Route. Ich stelle dem Mitarbeiter die Frage. Es gibt doch da und da ein Kloster, dann in der Nähe eine Burg – wie können wir das auf einer Tour erwandern? Er winkt uns, wir sollen ihm weiter hinter in den Raum folgen. Dort erzählt er uns das Passende. Danach verlassen wir die Einrichtung, es ist einfach zu voll, zu viel Palaver der Leute. Draußen ist die Situation auf der Straße nicht besser geworden. Wir können nicht einfach starten – und, weg! Nur, wenn es mir gelänge, das Fahrzeug zu drehen, könnten wir in die Richtung, aus der wir kamen, zurücksetzen, die vollgeparkte Gasse vielleicht umfahren. Plötzlich kommt aus der Richtung, in die wir eigentlich wollten, ein weiteres Fahrzeug gefahren, das rücksichtslos alles beiseite schubst und schiebt, das stört. Ohne alle Bedenken, dass die gestoßenen Fahrzeuge Schäden nehmen könnten. Gewaltsam, Ruck für Ruck, kommt uns das Auto näher. Mit großer Anstrengung ziehe, schiebe, stoße ich unser Fahrzeug auf den Fußweg, der gerade breit genug ist, um uns für den Moment der Not Schutz zu geben. So ist es dann. Die Fahrerin des sich ruppig durchkämpfenden Autos lächelt mir milde zu, als sie uns passiert. Es wirkt natürlich nicht wirklich freundlich, sondern ironisch, mit der Selbstsicherheit der Siegerin.

Danach können auch wir uns aus der engen Gasse befreien. Zufrieden sinke ich in eine weitere Tiefschlafphase.







Traum zum 15. Oktober



Ich bin in Dessau-Nord unterwegs. Nicht zum ersten Mal komme ich an dieser Bäckerei vorbei, die hier neu ist, aber innen wie außen wirkt, als gäbe es sie seit über hundert Jahren. Sie ist klein, hat eine typische dunkle Holzmöblierung, eine ältere Verkäuferin in Kittel – wer kennt die Bäckerei nicht? Im Vorübergehen umduftet einen der frische Brotgeruch, gehst du hinein, umfängt dich ein Mixduft von Brot, den verschiedenen Brötchen und natürlich einiger Sorten Bäckerkuchen. Das ist himmlisch irdisch.

Ich gehe natürlich hinein, und genieße die brummige Alte, die keine verkaufsfördernden Smalltalk-Formeln zu kennen scheint. Sie macht ihren Job freudlos, zeigt nie, ob sie einen der Kunden wiedererkennt, verkauft einfach Backwaren. Umständlich gibt sie Wechselgeld raus, hat bei jedem Probleme, es passend auf den Wechselgeldteller zu legen. Ich zähle nie nach, möchte mich nicht kleinlich erleben. Wieder draußen, möchte ich in das eben gekaufte Kuchenstück beißen, da werde ich wach. Irgendwer hat den Dimmer plötzlich auf taghell geschoben.


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