Jana

Michele.S

Mitglied
Jürgen hörte, wie Jana sich im Badezimmer die Haare föhnte. Sie hatte gerade geduscht. Er sog den Geruch ihres Shampoos ein.
Sie kämmte sich ihre schwarzen Haare. Jürgen trat zu ihr und küsste ihr auf den Nacken.
Sie wich aus. "Ich muss schnell machen, ich bin echt spät dran."
Seine Frau war Lehrerin für Englisch und Erdkunde und würde heute mit ihren Schülern ein Bergwerk besichtigen.
"Du glaubst immer, du kommst zu spät, aber dann bist du pünktlich."
Jana legte sich etwas Lippenstift auf.
"Viel Spaß, Schatz. Vielleicht wird es ja richtig toll werden und dich beeindrucken."
Jana rollte die Augen "Ja sicher, ich werd bestimmt als völlig anderer Mensch zurückkommen."
Fünf Minuten später knallte sie eilig die Haustür hinter sich zu.


Um 21 Uhr war sie noch nicht zurück. Sie hatte eigentlich um 19 Uhr spätestens wieder zu Hause sein wollen. Jürgen las in seinem Buch, aber er war etwas nervös.
Gegen halb zehn klingelte es an der Tür.
Es war Jana.
"Sorry, ich hab meinen Schlüssel irgendwo in einer dieser Höhlen verloren."
"Ist ja nicht schlimm. Aber warum kommst du erst jetzt?"
Sie stöhnte. "Es war furchtbar! Erst hat sich der Führer total verspätet, und dann mussten wir noch eine Ewigkeit auf die Bahn warten."
"Aber jetzt bist du ja wieder da", sagte Jürgen und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
Dann schauten sie sich noch gemeinsam "Vertigo" an. Als der Film vorbei war, runzelte Jana die Stirn. "Okay. Und sowas nennt man dann quasi einen Filmklassiker".
Jürgen lachte. "Ich hab noch nie gehört, dass du das Wort "quasi" benutzt."
Ihre Antwort kam erst zwei Sekunden später. "Dann hab ich wohl mein Vokabular vergrößert"


Am nächsten Morgen saß Jürgen auf dem Sofa und las in seinem Buch. Aber er konnte sich nicht so richtig darauf konzentrieren. Da war irgendwas, das ihn irritierte, aber er konnte nicht sagen, was es war.
Er hatte gerade das Buch auf den Tisch gelegt, da hörte er Schritte, die Treppe hinunterkommen.
Er zuckte zusammen.
Er konnte nicht sagen, wer da die Treppe herunterkam. Normalerweise konnte er das immer sofort erkennen.
"Guten Morgen", gähnte Jana.
"Morgen", antwortete Jürgen knapp.
Sie ging in die Küche und setzte sich einen Kaffee auf.


Am Abend saß er mit Jana und seiner fünfjährigen Tochter Sophie am Wohnzimmertisch. Sie aßen Lasagne.
Jana erzählte von einer ihrer Schülerinnen. "Clara hat sich total in Levin verguckt, aber der interessiert sich so gar nicht für sie. Schon blöd sowas."
Jürgen lachte. "Ja, kann passieren. Ist mir leider selbst schon oft genug passiert. Oder denk nur an dich und Norbert."
"Ja!" rief Jana. "Ich war total besessen von ihm und er fand mich wohl einfach nur nervig."
Jürgen runzelte die Stirn.
"Nein, es war doch andersrum! Er war in dich verliebt, aber du konntest nichts mit ihm anfangen."
Jana schüttelte heftig den Kopf. "Nein, da bringst du was durcheinander."
Jürgen antwortete nicht.
Er war sich absolut sicher.


Vor dem Schlafengehen schaute er nochmal in Janas Zimmer vorbei.
Sie las.
Als sie ihn sah, legte sie das dünne Buch schnell beiseite.
"Was liest du denn da?"
"Ach, nicht wichtig."
"Es interessiert mich aber."
Sie errötete leicht. "Ach, ich lese nur ein bisschen in meinem alten Tagebuch."
Jürgen lachte. "Ich hab noch nie gesehen, dass du das gemacht hast"
"Ich bin halt grade ein bisschen nostalgisch"
Er betrachtete sie noch kurz aufmerksam, dann sagte er "Okay, Schatz. Dann stör ich dich nicht mehr. Schlaf gut"
"Gute Nacht", antwortete sie lächelnd.
Er schloss die Schlafzimmertür.


Am nächsten Tag war ein Samstag und Jürgen spielte mit seiner Tochter im Sandkasten.
Sie war heute sehr schweigsam.
"Alles okay bei dir, Schätzchen?"
Sophie stocherte lustlos mit ihrer Schaufel durch den Sand.
"Ja", sagte sie dann.
Sie bohrte ihre Schaufel so tief es ging in den Sand.
"Ganz sicher, Kleines?"
Sophie atmete schwer, dann sagte sie: "Eigentlich nicht"
Jürgen beugte sich zu ihr hinunter. "Was ist denn los, mein Liebling?"
Sophie blickte zu Boden.
"Mama ist weg"
Jürgen zuckte zusammen.
"Aber Mama ist doch da, gleich oben in ihrem Zimmer"
Sie schüttelte den Kopf.
"Die sieht nur so aus wie sie"
Jürgen schwieg.
Dann sagte er: "Du hast echt eine ausgeprägte Fantasie, Schätzchen."
Sie blieben noch eine Weile schweigend zusammen im Sandkasten sitzen.
"Kinder leben wirklich in ihrer ganz eigenen Welt", dachte Jürgen.
Ihm war auf einmal kalt.


Jürgen blickte sich im Zimmer um.
Er wusste selbst nicht genau, was er hier drinnen suchte. Jana hatte es nicht gern, wenn jemand ihr Zimmer betrat. Sie hatte fast seit Beginn ihrer Ehe einen eigenen Raum zum Schlafen, da Jürgen schnarchte. Ihr Bett war ordentlich gemacht. Auf der Kommode neben dem Bett lag ein aufgeschlagenes Buch und ein halbvolles Glas Orangensaft.
Er öffnete die Kommodenschublade: Bücher, zwei Packungen Taschentücher, ein Rosenkranz. Und Janas Tagebuch.
Sie war einkaufen gegangen.
Er nahm es heraus und hielt es eine Weile unschlüssig zwischen den Fingern. Er blickte zur Zimmertür. Im Haus war kein Geräusch zu hören.
Dann öffnete er das Tagebuch. In der Mitte, an einer zufälligen Stelle.
Die Seiten waren dicht mit Janas kleiner, ordentlicher Schrift gefüllt.
"Es wäre nicht fair von mir, darin zu lesen", dachte er entschlossen.
Er wollte das Buch gerade wieder zuklappen und zurück in die Schublade legen, da erstarrte er mitten in der Bewegung.
Einige Stellen des Textes waren mit Textmarker unterstrichen oder eingekreist.
Er blätterte hektisch und mit zitternden Fingern durch die übrigen Seiten.
Das Gleiche. Überall Markierungen.
Jana hatte Namen, Orte und Daten angestrichen. Als wollte sie sie auswendig lernen.
Er hörte von unten einen Schlüssel im Haustürschloss.
Er schloss das Tagebuch und legte es hastig zurück, genau dahin, von wo er es genommen hatte.


Es war früher Abend. Sophie übernachtete heute bei Janas Schwester. Jürgen und sie waren im obersten Stockwerk des Hauses. Die Klappfenster an beiden Seiten des großen Zimmers standen geöffnet und sorgten so für einen angenehm frischen Durchzug. Der Tag war sehr heiß gewesen.
Jana erzählte seit über zehn Minuten von ihrer Schwester. Jürgen schwieg und beobachtete sie genau.
"Sie hat bestimmt fünf Mal erwähnt, wie beschäftigt sie gerade ist, und dass es eigentlich überhaupt nicht reinpasst, aber dass ihre Nichte natürlich absolute Priorität hat." Jana lachte etwas gehässig "Kannst du mir sagen, was genau sie eigentlich den ganzen Tag zu tun hat?"
Jürgen schwieg. Dann merkte er, dass sie offenbar auf eine Antwort von ihm wartete und sagte langsam "Naja, du weißt ja, wie sie ist."
Jana erzählte weiter.
Jürgen schwieg.
Irgendwann unterbrach er sie mitten im Satz.
"Ich fände es so schön, wenn du mir mal wieder etwas auf dem Klavier vorspielen würdest."
Im Zimmer stand ein alter Flügel, den sie von Janas Eltern als Geschenk bekommen hatten. Sie hatte in ihrer Kindheit viele Jahre Unterricht bekommen und auch als Erwachsene hobbymäßig weitergespielt. Sie war sehr gut.
Jana schien nervös zu sein.
"Ich spiele nicht so gerne vor anderen. Das ist mir peinlich".
Er antwortete schnell: "Früher hat es dir nichts ausgemacht. Du hast immer für mich gespielt".
Sie fuhr sich mit der rechten Hand durch ihre Haare.
"Aber ich will es gerade einfach nicht machen, okay?"
Jürgen fixierte sie ununterbrochen mit den Augen. "Und warum bitte nicht?"
Er hatte die letzten Worte ziemlich laut gesagt. Jana schaute ihm ins Gesicht und sagte leise aber eindringlich "Mir ist einfach gerade nicht danach, kapiert?"
Jürgen stieg die Hitze ins Gesicht. Er stand auf, ballte die Hände zu Fäusten und rief "Ach, das ist also der Grund?"
Jana war zusammengezuckt.
Sie stand nun ebenfalls auf und rief mit wütender Stimme: "Du bist manchmal so ein Arschloch, wirklich!"
Sie ging aus dem Zimmer, knallte die Tür hinter sich zu und lief eilig ins Erdgeschoss.
Jürgen hörte durch die Tür ihre Schritte auf den Treppenstufen.
Schritte, die er nicht erkannte.
 

jon

Mitglied
Hallo Michele!
Dieser Text ist 5:08 Uhr eingestellt worden, der nächste schon 5:35 Uhr. Vielleicht hättest du erstmal diese Geschichte hier fertig machen sollen. Nicht nur, dass es (mal wieder) wie ein erster Entwurf wirkt (eine Szenensammlung statt einer flüssig lesbaren Geschichte), es ist fehlt auch ein Schluss. Die nicht erkennbaren Schritte gibt es oben schon mal, das taugt schon deshalb nicht als Ende. Auch die Tatsache, dass Jana fremd wirkt, ist an dieser Stelle nicht neu.
 

Michele.S

Mitglied
Hallo jon

Beide Geschichten waren bereits fertig. Ich habe die zweite also nicht innerhalb einer halben Stunde geschrieben. Ist es nicht legitim, dass eine Kurzgeschichte aus mehreren, zeitlich getrennten Szenen besteht? Ich weiß nicht, wie ich die flüssiger miteinander verknüpfen könnte (echt nicht). Und das Ende ist bewusst ein offenes Ende. Es gibt also keine Auflösung oder einen letzten Plottwist.
Liebe Grüße

PS: Ich sehe gerade, dass ich keine Berechtigung mehr habe, hier etwas einzustellen. Hast du das für mich gesperrt oder liegt es daran, dass ich zu viel in zu kurzer Zeit reingestellt habe?
 

jon

Mitglied
Ich kann gar nicht sperren, ich bin (schon längst) ein normales Mitglied. Außerdem: Ich bin zwar manchmal hart, aber nicht bösartig - warum hätte ich dich sperren sollen?

Ist es nicht legitim, dass eine Kurzgeschichte aus mehreren, zeitlich getrennten Szenen besteht?
Doch ist es. Hier wirkt es aber eben nur wie ein Sammlung, z. T. wegen der Kürze mancher Szenen. Ein Mittel wäre, manches zeitlich zusammenzulegen (oder wie hier die erste Treppen-Schritte-Szene einfach zu streichen), ein anderes, es als Fließtext zu formulieren (statt optisch zu zerhacken). Man kann auch an manchen Stellen weniger szenisch schreiben, dafür mehr erzählen.

Das Ende ist nicht offen, der aufgebaute Faden wird einfach abgehackt. Dein Plot geht so: Etwas ist komisch/fremd an Jana – zunehmend fremd – so fremd, dass die Tochter sagt: "Das ist nicht Mamma." – "Jana" muss offenbar ihr eigenes Leben auswendig lernen (die Tochter scheint recht zu haben) – Ihr Mann testet sie (Warum eigentlich? Reicht das Tagebuch denn nicht?) – sie wirkt fremd.
Ein guter Schluss wäre die Szene mit den Tagebuch – weil hier nach dem gefühlten "Jana ist komisch" ein "Beweis" kommt, dass es wohl nicht nur ein Gefühl ist. Dass man offenlässt, was genau passiert ist, wäre okay (wenn auch gemein dem Leser gegenüber, der wissen will, was eigentlich los ist - ob es gefährlich ist z. B. ;) ). Aber am Ende in Prinzip nur das zu sagen, was man eigentlich schon die ganze Zeit sagt, ist dramaturgisch nicht gut.
 
Hallo Michele und Jon,

ich verfolge euren noch kurzen Diskurs interessiert, und habe spontan Lust, ein wenig meinen Senf dazuzugeben.

Über ein paar (in meinen Leseraugen) schwache Formulierungen bin auch ich gestolpert. Das halte ich für behebbar. Dem letzten kritischen Gedanken Jons möchte ich aber unbedingt widersprechen. Die Wiederholung der Wahrnehmung von den fremden Schritten macht abschließend deutlich, dass Jürgen noch mitten in diesem Erkenntnisprozess steckt, in dem die Wahrnehmung, dass etwas nicht stimmt, noch mit der Abwehr kämpft: "Aber was soll schon nicht stimmen, sie ist es doch, gut, sie ist ein bisschen seltsam, aber ..." und dann kommt die Fantasie Hand in Hand mit der Angst. Ich denke, das ist der "Horrormoment", den Michele zeichnen will, um uns Leser hineinzuziehen. Das ist nachvollziehbar.

Aber sprachlich könnte es vielleicht kunstvoller gestaltet werden.

Hier würden mich weitere Meinungen interessieren.

Liebe Grüße vom Clown.
 

jon

Mitglied
Hallo Clown!
Die Erkenntnis, dass etwas tatsächlich nicht stimmt, gewinnt Jürgen aber schon viel früher im Text: Bei der Tagebuch-Szene nämlich. Der Test ist dramaturgisch gesehen überflüssig. Das Indiz (kein Klavierspielen) ist deutlich schwächer als das mit dem Tagebuch, ergo ist es ein dramaturgischer Rückschritt. Der Test wäre in diesem Sinne sinnvoll, wenn danach eine neue Qualität käme. Zum Beispiel "Das war nicht Jana." Ehe das jetzt kommt: Nein, "Schritte, die er nicht erkannte." heißt nur, dass er die Schritte nicht kennt - z. B. weil Jana sich verändert hat. Das ist nicht dasselbe wie, dass es nicht Jana ist.
 
Sie kämmte sich ihre schwarzen Haare. Jürgen trat zu ihr und küsste ihr auf den Nacken.
Hallo Michele,

es heißt: Er küsste sie auf den Nacken.

Ansonsten finde ich die Geschichte nicht wirklich gruselig, eigentlich passiert ja überhaupt nichts.


Jürgen beugte sich zu ihr hinunter. "Was ist denn los, mein Liebling?"
Sophie blickte zu Boden.
"Mama ist weg"
Jürgen zuckte zusammen.
"Aber Mama ist doch da, gleich oben in ihrem Zimmer"
Sie schüttelte den Kopf.
"Die sieht nur so aus wie sie"
Hier müsste schon etwas mehr geliefert werden, was mit Jana passiert ist und warum ihre Tochter so über sie denkt. Leider eine ziemliche flache Geschichte, auch wenn sie ganz interessant anfängt.

(Die anderen Kommentare habe ich noch nicht gelesen.)

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 



 
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