Katze zugelaufen

3,50 Stern(e) 2 Bewertungen
Ich spürte etwas hinten am Hosenbein entlangstreichen und sah mich um. Eine kleine schwarze Katze lief auf dem Feldweg hinter mir her und erwiderte meinen Blick. Sie war erst wenige Monate alt. Es ist eigentlich erstaunlich, dass so kleine Tiere einem für sie so großen Wesen, wie es ein erwachsener Mensch ist, in die Augen sehen können. Ich bin diesen kleinen Tieren gegenüber nicht so gefühllos, wie es meiner Verlobten bald vorkommen musste. Im Gegenteil, ich wundere mich immer wieder, wenn ich feststelle, wie wenig körperliche Ausdehnung zur Ausbildung eines individuellen seelischen Apparates genügt. Ja, ich erkenne es an, dieses Kätzchen hatte schon seinen eigenen Willen und war somit fast so etwas wie eine kleine Persönlichkeit. Sie sollte mir rasch lästig werden.

Doris ging in die Hocke und sprach auf diese verniedlichende Weise zu dem kleinen Tier: „Ja, wer bist du denn? Und woher kommst du denn?“ Dann in ihrer ziemlich tiefen normalen Stimmlage zu mir: „Sie ist noch keine drei Monate. Was macht sie hier auf dem Feld?“

Das Gut liegt etwa drei Kilometer von unserem Dorf entfernt. Davon hatten wir jetzt mindestens zwei schon zurückgelegt. Doris stand auf und strich sich das Kleid glatt. Sie sah mich fragend an.

„Sie wird vom Gut gekommen sein. Und jetzt findet sie den Weg nicht zurück.“ Wir gingen langsam weiter, und das Tier folgte uns mit flinken Trippelschrittchen. Es missfiel mir gleich, dass es dabei geradezu heiter und zuversichtlich wirkte. Alles wird gut, alles wird gut … Dieser Text schien seinem Hoppeln und Trippeln zugrunde zu liegen.

„Soll sie halt mitlaufen.“ So war es beschlossen. Übrigens lief das Kätzchen immer nur hinter mir her, nicht hinter Doris. Meine Verlobte wandte sich häufig nach ihm um. Ich konnte jetzt nicht von unserer Hochzeit anfangen. So hielt ich einen kleinen Vortrag über das Gut und über einen seiner früheren Besitzer. Das war eine ebenso eigenwillige wie unselige Persönlichkeit gewesen, sie versorgte mich mit Stoff, bis wir die ersten Gebäude erreichten. „Er ist schon so lange tot, aber sein Geist spukt noch immer bei uns herum.“

Ich drehte mich jetzt auch um. „So, jetzt bist du wieder daheim. Du weißt doch hoffentlich, wo du hingehörst?“

Die Katze schien durchaus noch nichts wiederzuerkennen. Wir gingen langsam die Reihe der Gutsgebäude entlang. Ich sah mir das Tier noch einmal an. Es wirkte jetzt weniger zuversichtlich, eher leicht irritiert. Es war wohl schon etwas überanstrengt.

Hinter dem Gut führt der Weg in den nahen Wald. „Lass uns jetzt schneller gehen, so schnell, dass sie nicht mitkommt. Dann muss sie zurückbleiben.“

„Du willst sie einfach zurücklassen? Wo soll sie denn hin?“ - „Einfach hier bleiben. Sie muss doch von hier sein.“

Wir gingen sehr schnell, rannten fast schon. Doch der Versuch führte zu nichts. Die kleine Katze folgte mir geradezu hündisch. Obwohl es ihr sichtlich schwer fiel, ließ sie uns keinen Vorsprung gewinnen. Nach fünf Minuten waren wir bereits tief im Wald. Und das Tier miaute jetzt auch noch fortwährend mit dünnem Stimmchen. Ich wusste, man soll das Verhalten der Tiere nicht mit der menschlichen Psychologie erklären. Aber das half mir nichts, es klang nun einmal enttäuscht, wenn nicht anklagend.

Doris protestierte, als ich weiter in den Wald vordringen wollte. Sie verlangte, dass wir den Versuch abbrächen und zum Gut zurückkehrten. Da das ohnehin unser Heimweg war, willigte ich ein. Unsere Prozession erreichte den Hof in der gleichen Formation wie bisher. Die Katze miaute lebhafter, seit wir den Wald verlassen hatten. Dennoch war nicht zu übersehen, wie erschöpft sie jetzt war. Wir blieben stehen.

„Nie im Leben kommt sie vom Gut“, sagte Doris.

„Dann hat sie einer auf den Feldern ausgesetzt, vielleicht einer aus der Stadt. So etwas kommt vor.“

„Und was soll nun werden? Können wir sie nicht mitnehmen? Sie meint ja offenbar, du bist jetzt ihr Mensch.“

„Das geht absolut nicht. Im Dorf gibt’s mehr als genug Katzen. Die nimmt keiner. Außerdem kann sie bald nicht mehr.“

„Dann musst du sie tragen.“ Ich hob sie hoch und trug sie einige Meter. Sie war so zappelig, dass ich sie bald wieder laufen lassen musste. „Geht ohnehin nicht“, sagte ich zu Doris. „Sie muss hier bleiben.“

Doris sah mich schweigend an. Wir gingen weiter. Ich versuchte noch zweimal, das Tier loszuwerden, indem ich es wieder packte und über eine Einfriedung aus Buchsbaum warf. Es fand beide Male eine Lücke in der Hecke und klebte mir wieder am Hosenbein.

Diese peinliche Geschichte, die mir schon viel zu lange dauerte, endete dann unversehens. Im Garten des letzten der Gesindehäuser stand eine junge Frau. Ich ergriff das Kätzchen noch einmal und brachte es ihr. Sie hörte sich an, was ich zu sagen hatte, und sagte dann ihrerseits: Ja, sie wolle das Tier annehmen. Ich segne sie noch heute dafür.
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo Arno!

Ich musste deine Geschichte zweimal lesen, um zu erfaasen, wie treffend du die innere Befindlichkeit deines Protagonisten darstellst: Wie er sich gegen das aufkommende Mitleid mit der Katze wehrt, (das ja eigentlich nur menschlich und sympathisch wäre,) weil er ja Wichtigeres (die bevorstehende Heirat u. ä.) zu bedenken hat, wie er Pragmatismus und Realitässinn zeigt, nur um nicht dem ganz normalen Impuls von Fürsorglichkeit und Verantwortungsgefühl nachgeben zu müssen.

Kann sein, dass ich deine Geschichte ganz falsch verstehe, denn vieles bleibt ungesagt und offen.

Gruß, Hyazinthe
 
Hyazinthe, im Wesentlichen deutest du die kleine Katzengeschichte richtig. Ja, "offen" sollte zweierlei bleiben: die weitere Perspektive für die Katze ebenso wie diejenige für die Ehe. Bei dem unvorhergesehenen Zwischenfall mit der Katze erweist sich die Verschiedenartigkeit der künftigen Eheleute. Welche Prognose kann man daraus für künftige, größere Krisen ableiten? Man kann wohl in beide Richtungen spekulieren.

Danke für deine freundliche Wortmeldung.

Arno Abendschön
 
A

aligaga

Gast
Jaja, die Katzengeschichten - früher oder später kommt jeder mal auf den Hund und schreibt was für die Katz.

Hier amüsiert @ali nicht nur der gestelzte Umgang eines "verlobten" Paares miteinander, sondern auch die völlig untypische Reaktion der Frau auf die Anhänglichkeit des Tierleins, die ausschließlich ihrem Zukünftigen gilt.

Jeder, der sich mit Mädelz ein bisschen auskennt, weiß doch, dass diese sowohl vor als auch nach der Eheschließung sehr sorgfältig darauf achten, dass ihr Liebster nicht von ihnen abgelenkt wird. Sie entwickeln - z. T. reflexhaft! - Abwehrstrategien, die dem significant other jedes außereheliche Gefühl verleiden sollen. Dabei richten sie ihr Augenmerk nicht nur auf Freundinnen und Freunde des Zukünftigen, sondern auch auf (Haus)tiere und Gegenstände wie Fußbälle, Laptops oder Modellflugzeuge.

Dieser ganz natürliche Trieb scheint der hier vorgestellten, als weiblich bezeichneten Person zur Gänze zu fehlen. Das ist so bemerkenswert, dass man sich wünschte, es fiele auch dem Ich-Protzen auf und er käme von dem Viecherl weg auf die Psyche seiner "Verlobten" zu sprechen, um zu ergründen, was sie dazu veranlasse, ihn in eine fremde "Bindung" zu treiben.

So aber plätschwert's seicht und beliebig dahin. A Katzng'schichterl, halt. Sonst nix.

Heiter

aligaga
 
A

aligaga

Gast
Kein Kommentar zu King Arnos "Kommentar".

Sehr heiter

aligaga
 

Wipfel

Mitglied
Hi Arno, es gab einen Moment, an dem ich dachte: da kommt noch etwas. Du legst dem Leser eine Spur.
Meine Verlobte wandte sich häufig nach ihm um. Ich konnte jetzt nicht von unserer Hochzeit anfangen.
Die Verlobte und die Hochzeit. Und was dann? Nix. Kein vorgezogener Ehekrach, kein ich bin vielleicht doch bi oder irgendeine Wendung, die der Geschichte Sinn geben würde. Der Geschichte fehlt etwas. Salz.

Grüße von wipfel
 
Wipfel, das von dir vermisste spezielle Salz würde eben nicht zu der Absicht passen, mit der ich den Text hier eingestellt habe. Hier ist es primär eine Tiergeschichte, bei der erst in zweiter Linie die charakterliche Verschiedenheit zweier Verlobten mitbehandelt wird.

Arno Abendschön
 
A

aligaga

Gast
Kein Kommentar von mir zu Arnos Bemerkungen.

Heiter

aligaga
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Arno,

als irgendwie muss ich Wipfel Recht geben.
Du schreibst in dem Stil eine Tiergeschichte und sonst nichts???
Natürlich schreibst Du nicht nur eine Tiergeschichte.
Tatsächlich könnte es sich statt des Kätzchens um eine Bierdose handeln, die einer der Verlobten herum kickt und ähnliche Dialoge könnten sich ergeben. Da ist eine merkwürdige Unvertrautheit zwischen den beiden.
Vielleicht lag daran nicht Dein Hauptaugenmerk, aber wenn es nur um die Katze ginge, dann wäre die Verlobte überflüssig - der Spannungsbogen fließt zwischen Mann und Kätzchen. Natürlich könnten so die Gedanken des Mannes nicht teilweise über Dialoge verlautbart werden, aber das ginge ...
Nein, ich fürchte der Leser setzt sich einfach über die Ambitionen des Autors hinweg ud möchte die Geschichte der Verlobten erzählt bekommen :)

Liebe Grüße
Petra
 
Liebe Petra, ich kann mich nur wiederholen. Die Geschichte des Kätzchens steht hier im Vordergrund, das Paar und seine unterschiedlichen Reaktionen auf die Situation bilden nur die Begleitmusik. Und selbstverständlich würde Letztere mit einer bloßen Bierdose so nicht funktionieren.

Arno Abendschön
 
A

aligaga

Gast
Kein Kommentar von mir zu Arnos Bemerkungen.

Heiter

aligaga
 

Label

Mitglied
Eine Geschichte die sich um eine Katze dreht?
Hmm, ja, die Katze kommt in der der Interaktion der Protagonisten vor, aber nicht als Protagonist selbst.
Das lenkt für mich die Aufmerksamkeit auf die Personen und die Katze ist dazu nur Beiwerk.
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Arno,

Für mich geht es in Deiner Geschichte doch eher um die Katze, denn das Thema Hochzeit kommt sehr spät. Es ist auch eindeutig, dass die Frau der Katze gegenüber Mitgefühl zeigt und sich für sie interessiert, während der Mann sie nur loswerden will. (Musste schmunzeln über: Na, wo kommst Duuu denn heeer? / Wer kennt das nicht? :))Ich verstehe nur nicht ganz die Konstruktion der Story und welcher der Sinn sein soll. So gelesen, läuft ein Paar über Feldwege, eine Katze hinterher, der Mann scheucht sie immer wieder fort, bis die Frau des Hofes sie annimmt. Es gibt garkein klaren Konflikt zwischen Mann und Frau.

"""Bei dem unvorhergesehenen Zwischenfall mit der Katze erweist sich die Verschiedenartigkeit der künftigen Eheleute. Welche Prognose kann man daraus für künftige, größere Krisen ableiten?"""

Villeicht könnte man die Katze erst einmal hinter beiden herlaufen lassen, und nicht nur hinter ihm (Mann und Frau gehen ja gemeinsam den Feldweg entlang und Du lässt die Frau sehr spät erscheinen) Dann könntest Du doch eine richtige Geschichte drausmachen: Ein bisschen Händehalten; ein bisschen Küsschen :), verliebt sein; sie,ganz hingerissen von der Katze und er, total genervt. Irgendwann bleibt das Tier zurück; es folgt der Heiratsantrag; sie sagt ja...Er ist seelig - bis sie sagt: Aber lass uns die Katze zurückholen. Da hätte er schonmal "sein erstes Problem"...(Und Du Dein offenes Ende.)
Oder ähnlich... :D
 
A

aligaga

Gast
Hihi - Ali schlägt vor, die Katze größer zu machen. Wie wär's mit einem Leoparden oder einem Säbelzahntiger?

Da wüssten beide gleich, was man künftig aneinander hätte - falls sie noch eine gemeinsame Zukunft haben sollten.

Wie schon gesagt - das G'schichterl zeigt uns, dass der Autor nicht recht weiß, wie (mit) Mädchen umgehen. Die Schweizer nennen sowas "g'stabig".

Amüsiert

aligaga
 
Werte Kommentatoren,

ihr wollt zum guten Teil eine andere oder zumindest anders akzentuierte Geschichte. Das zu erwarten, ist euer gutes Recht, und ich muss die Tatsache anerkennen, dass hier von mir Erwartungen enttäuscht werden. Auf der anderen Seite hatte ich eben eine grundsätzlich andere Vorstellung von Gehalt und Gestalt. Den Versuch, beide Konzeptionen zu vermischen, werde ich nicht unternehmen. Das dürfte eher zur Verwässerung führen, wie so oft hier, und überdeckt wird das dann gewöhnlich zum Abschluss mit dem Ausdruck persönlicher Befriedigung: Man hat etwas erreicht. Dafür stehe ich nicht zur Verfügung.

Arno Abendschön
 
A

aligaga

Gast
Die Kritiker dieses Textes "wollen" gar nichts, @Arno, sondern machen dich lediglich auf dessen Schwächen aufmerksam.

Was du mit ihren Ratschlägen anfängst oder nicht anfängst, darfst getrost du allein entscheiden. Sie müssen die Nummer ja nicht verkaufen.

Heiter

aligaga
 
S

steky

Gast
Ich verstehe den Sinn einer Geschichte nicht, die zwei separate Komponenten aufweist, die jeweils nicht für sich alleine stehen, und nicht miteinander verbunden sind bzw. werden.

Ist es am Ende gar eine politische Geschichte?

LG
Steky
 
A

aligaga

Gast
Im Gegenteil, ich wundere mich immer wieder, wenn ich feststelle, wie wenig körperliche Ausdehnung zur Ausbildung eines individuellen seelischen Apparates genügt.
@Ali hält das für den Schlüsselsatz des Texterls. Der Ich-Protz hat zu dem Frauenzimmer offenbar gar keine wirkliche Beziehung, und die s. o. (wie bereits weiter oben gesagt) zu ihm auch keine.

Normalerweise sollten während eines Waldspazierganges(!) bei Verlobten(!) die seelischen mit den körperlichen "Ausdehnungen" (sic!) sehr, sehr eng verwoben sein. Hier sind sie's offenbar überhaupt nicht.

Das ist keine "Geschichte", sondern die dünn bestückte Seite eines Einsteckalbums. Sie enthält nur drei gängige Marken, und alle drei sind ungestempelt.

Heiter immer weiter

aligaga
 
M

Metino

Gast
Hi Arno, putzige Story :) aber >
und erwiderte meinen Blick.
klingt so als hätte der Erzähler fortwährend Blickkontakt gehalten, bezüglich des kompletten Satzes. Vielleicht, immer wenn ich sie ansah erwiderte sie interessiert meinen Blick? Damit wäre der Satz dann auch kompletter, als ihn mit einem mehr unwichtigen Detail, getrennt durch und zu verlängern. Damit klingt der Satz zu gewöhnlich finde ich aber es ist Deine Geschichte!
Gruß
 

Oben Unten