künstlich Kapitel 1-3

künstlich

Von Dr. BlueDragon



Weida konnte spüren, wie sich langsam der Nebel in ihrem Kopf verzog. Zuerst hörte sie das Piepsen der medizinischen Geräte um sich herum, dann wie die Ärztin vor ihrem Bett mit ihren Papieren raschelte. Später spürte sie, wie die Schwester die Bettpfanne wechselte und ihren Körper wusch. Als sie das nächste Mal erwachte, hörte sie das summende Geräusch einer Fliege. Auf einmal landete etwas auf ihrem Gesicht. Es kitzelte und zwickte, aber Weida konnte sich nicht rühren. Doch dann begannen endlich ihre Augenlider an zu zucken. Langsam, aber stetig öffneten sie sich. Am Anfang explodierten Flecken aus Licht um sie herum, dann wurde die Umgebung allmählich wieder dunkler. Zuerst dachte die Frau, etwas würde mit ihren Augen nicht stimmen. Dann fiel ihr auf, dass sie vergessen hatte, wie es sich anfühlte zu sehen. Wie es ist, den Unterschied zwischen Dunkel und Licht zu erkennen und Umrisse und Farben wahrzunehmen. Aber dann, von einer Sekunde auf die andere konnte sie sich wieder daran erinnern. In diesem Moment kam es Weida vor, als würde sie die elektrische Energie fühlen, die das Neuron verbrauchte, als es sich wieder mit dem Netzwerk in ihrem Gehirn verband. Irgendwie, so war ihr erster Gedanke, war die Welt in meiner Erinnerung heller. Nein, nicht heller, intensiver.

Die Nachtschwester betrat den abgedunkelten Raum und zog die Jalousien nach oben. Licht fiel in das Zimmer und Weida konnte sehen, dass sie die ganze Zeit nicht allein gewesen war. Menschen, manche angeschlossen an Beatmungs- oder anderen Lebenserhaltungsmaschinen, lagen regungslos in ihren Betten, wie leblose Puppen. Plötzlich ist alles wieder schwarz und ihr Bewusstsein driftete ab, wurde eingesogen und komprimiert.

KM-3 war eine Pflegeeinheit, mit dem Äußeren einer jungen Frau mit nettem, sympathischem Gesicht. Die einzigen zwei Dinge, die sie rein optisch von einem Menschen unterschieden, waren die graue Haut und die goldenen Augen, die für ihre menschlichen Schöpfer als wichtiges Erkennungsmerkmal für einen Roboter galten. Die Androidin überprüfte in gewohnter Weise und Manier die Reaktionsfähigkeit ihrer anvertrauten Patienten. Sie erwartete nicht, eine Veränderung des Zustands dieser Menschen zu erfassen, genauso wenig, wie sie es erwartete. KM-3 prüfte die mechanischen Reflexe und die verbale Kommunikation, wie es zuvor in ihrem Programm vermerkt worden war. Zum einen sticht sie hierfür mit einem Metallstück in die Zehen und Fingerspitzen der Patienten, zum anderen spricht sie sie mit ihren Namen an.

Als Weidas Krankenbett an der Reihe war, hält die künstliche Frau auf einmal inne. Ihre optischen Sensoren zeigten ihr an, dass niemand darin liegen würde. Die Bettdecke war zerwühlt und hing halb von der Liege herab. Die Androidin sendete eine Nachricht an die Stationsleitung, während sie gleichzeitig mit ihren Wärmesensoren den Raum scannte. Dann beugte sie sich rüber, um auf die andere Seite des Krankenhausbettes zu blicken. Der Roboter erkannte Weida, die zitternd und mit Tränen überströmten Gesicht, auf dem Boden kauerte.






Kapitel 1

Als Weida im Vorgarten ihres Hauses stand, atmete sie nervös die kalte Morgenluft ein. Der Fahrer des gelben Taxis stellte wortlos das wenige Gebäck, dass sie mit sich führte, neben ihr ab und stieg rasch wieder zurück in sein Auto. Sie betrachtete die kleine Tasche neben ihr nachdenklich, die nicht mehr als eine Dose Eistee, aus dem Getränkeautomaten der Krankenhauscafeteria, einer angefangenen Packung Tampons und ein Wissenschaftsmagazin über die Entstehung der Galapagosinseln enthielt. Weida trug eine dunkle Stoffhose und ein blaues T-Shirt, die beide aus dem Geschenkshop des Krankenhauses stammten. Beide Kleidungsstücke waren ihr zu groß und hingen unförmig von ihr herab. Die verwaschene Jeansjacke darüber, war eine Spende der Stationsärztin gewesen. Weidas schwarzes, glattes Haar wurde von einer Windböe zerzaust, als sie sich hinunterbeugte, um die braune Tasche mit ihren wenigen Habseligkeiten in die Hand zu nehmen. Im Hintergrund hörte sie den Motor des Taxis aufheulen, der bald darauf in der Ferne verstummte. Die junge Frau seufzte und lief zögerlich auf das weiße Haus mit dem verwilderten Vorgarten zu. Während Weida mit verkrampften Fingern versuchte, den Schlüssel ins Schloss der Haustüre zu stecken, vermieden es die braun-grünen Augen verzweifelt, nicht auf die Namen zu achten, die auf den Klingelschild standen.

Zögerlich trat Weida in den hellen Flur mit den schwarzen Bodenfliesen ein und versuchte den Blick nicht auf die vielen Fotos zu heften, die überall an der weißen Wand hingen. Irgendetwas irritierte Weida auf einmal und sie blieb stehen. Überraschender weise roch es drinnen nicht nach abgestandener Luft, wie es die junge Frau erwartet hätte. Nein, ganz im Gegenteil. Ein Duft nach Zitrone und Minze schwebten durch das Haus und jemand hatte anscheinend die Zimmerpflanzen vor dem Verdursten gerettet. Je näher Weida der Küche kam, desto mehr mischte sich der Geruch verschiedener Gewürze mit dem von Putzmitteln. Dazu kam das klappernde Geräusch von Geschirr. Ist jemand hier? Wer könnte das sein? Die schwarzhaarige Frau folgte dem Lärm und lief eilig in die Küche. Plötzlich erstarrte sie. Erschrocken riss Weida die Augen auf und die Tasche glitt ihr aus der Hand. Der Mann, der dort stand und bedächtig in einem dampfenden Kochtopf rührte, hatte kurzes rötliches Haar und ein ovales, durchaus attraktives Gesicht. Sofort hatte Weida die leicht gräuliche Haut und die goldenen Augen des Androiden bemerkte.

„Was zum Teufel machst du hier?“

Der Mann schaute auf. Für einen Menschen war seine Bewegung etwas zu ruckartig.

„Willkommen daheim, Weida. Ich bin Jim, Modell K4H78. Ich wurde von Gaia als Ersatz für deinen alten Androiden geschickt, der bei dem Unfall zerstört wurde. Hast du Hunger?“

„Verschwinde.“

„Wie bitte?“

„Ich sagte, du sollst verschwinden!“ Sie drehte sich um und rannte die Treppe hoch, hinauf in ihr Zimmer. Das Geräusch der zuschlagenden Tür war bis hinunter in die Küche zu hören.

Nach einiger Zeit klopfte es bei ihr. Weida hatte sich unter ihre Bettdecke verkrochen, wo es ihr eigentlich langsam viel zu warm wurde.

„Ich sagte, du sollst verschwinden!“

„Wohin?“ Die Stimme des Androiden hatte einen angenehmen Klang. Selbst durch die Tür hindurch, konnte die junge Frau das hören. Sie verzog angewidert den Mund.

„Fahr zur Hölle!“ Rief sie, griff nach dem Bilderrahmen, der auf ihrem Nachttisch stand und schleuderte ihn gegen ihre Zimmertüre. Danach hatte sie eine Zeit lang ruhe. Weida wachte erst wieder auf, als es erneut an der Tür klopfte.

„Ich habe etwas zu essen für dich gemacht, falls du hungrig bist. Die Psychologin, Frau Jenks hat angerufen, um mit dir einen Termin für die Sitzungen auszumachen. Ich habe ihr gesagt, dass du sie zurückrufen wirst. Ich hoffe, das war in Ordnung.“

Er ging, ohne eine Antwort zu erwarten. Nach einer Weile begann Weidas Magen an zu knurren. Verräter, dachte sie und versuchte, langsam aufzustehen. Ihr Körper fühlte sich auf einmal unglaublich schwer an. Nur mit großer Anstrengung schaffte sie es, sich aus dem Bett zu kämpfen. Weida öffnete die Tür und lief die Treppen hinunter, bis ins Wohnzimmer.

„Weida! Deine Füße!“

Jim kam um die Ecke gelaufen. Ein besorgter Ausdruck machte sich auf seinem fast perfekten Gesicht breit. Die junge Frau erinnert sich, einmal einen Beitrag gesehen zu haben, in dem es darum geht, dass Menschen ein perfektes Gesicht zwar als schön, aber nicht als angenehm empfinden würden. Belustigt über den Gedanken, zuckte ihr Mundwinkel kurz nach oben. Erst dann folgte sie dem Blick des Androiden. Blutige Fußspuren waren auf dem weißen Boden zu sehen. Von der Treppe bis zu der Stelle, an der sie stand. Weida spürte keine Schmerzen. Fasziniert starrte sie auf die Abdrücke ihrer eigenen Füße. Ach ja, der Bildrahmen. Ich bin durch die Scherben gelaufen. Sie setzte sich auf den braunen Sessel im Wohnzimmer. Jim eilte zu ihr heran, kniete auf den Boden und betrachtete das Ausmaß der Verletzungen. Scherben steckten ihr in der zerschnittenen Haut.

„Das muss sofort behandelt werden. Ich hole den Erste Hilfe Koffer.“

Weida saß nur da und rührte sich nicht. Den Blick auf ihre zerschundenen Füße gerichtet. Wenig später kam der Android zurück. Er nahm eine Pinzette aus dem Koffer und tauchte sie in Sterilium. Mit konzentriertem Blick zog er immer wieder Glasstücke aus ihrem Fleisch heraus. Mit einem klirren ließ er sie in eine Metallschale fallen.

„Spürst du Schmerzen?“

Er sah kurz von seiner Arbeit auf. „Nicht genau wie ein Mensch. Aber ich besitze ein Nervensystem, also Sensoren, die mir Beschädigungen anzeigen.“

„Ist das unangenehm?“

„Unangenehm? Nein. Eher störend.“

„Ich spüre überhaupt nichts“, flüsterte die junge Frau, ohne eine Miene zu verziehen. Jim sah verwirrt zu ihr auf. Dann machte er sich daran, ihre Füße mit einem weißen Verband zu umwickeln.

„Ein schweres Trauma kann bei Menschen den vorübergehenden Verlust von Schmerzempfinden hervorrufen. Mit der Zeit wird es wieder zurückkommen, keine Sorge.“

Weida zog die Augenbrauen zusammen und stand ruckartig auf. Der Blick des Androiden verfolgte sie dabei besorgt. Die junge Frau lief zum Esszimmertisch, auf dem ein Tablett mit einem Teller einer hellen Suppe, zwei Scheiben Brot und ein Glas Wasser stand. Sie drehte sich zu dem Androiden herum und sah ihn direkt an, während sie mit der Hand langsam das Tablett über den Rand des Tisches schob. Mit einem lauten Klirren und Scheppern fiel alles auf den frisch gesäuberten Boden. Jim verzog, genau wie Weida keine Miene. Dann ging sie an ihm vorbei, hoch zu ihrem Zimmer und schlug ein weiteres Mal die Tür hinter sich zu.



„Was soll das heißen, ich kann ihn nicht zurückgeben?“

Weida starrte den Verkäufer finster an. Dieser versuchte, bei einem freundlichen Ton zu bleiben, aber sie konnte sehen, dass er langsam die Geduld mit ihr verlor. „Tut mir leid, aber ohne Quittung können wir ihn nicht zurücknehmen.“

Die junge Frau schlug verärgert mit der offenen Handfläche auf den Tresen des Gaia-Informationsstandes. Sie bemerkte die Blicke der anderen Leute im Geschäft, die sie verstohlen musterten. Aber das war ihr herzlich egal. Sie zeigte hinter sich auf Jim, der mit neutralem Gesichtsausdruck dastand und die Szenerie beobachtete.

„Ich habe ihn nicht bestellt, also will ich ihn zurückgeben! Ich will kein Geld oder einen Ersatz für ihn. Nehmen sie ihn einfach.“

„Tut mir leid, aber ohne Quittung kann ich hier nichts machen.“

Weida sah den jungen Gaia Mitarbeiter an, der langsam ins Schwitzen geriet und Hilfe suchend zu seinem Kollegen starrte. Die Schwarzhaarige atmete entnervt aus, wendete sich wortlos ab und verließ den Laden.

„Einen schönen Tag noch.“ Der Android nickte dem verunsicherten Angestellten höflich zu und lief dann hinter der jungen Frau her, die bereits auf die Straße getreten war. Vor dem Laden schaute Jim interessiert auf die vielen verschiedenen Modelle von Robotern im Schaufenster, die in dem Geschäft als Ausstellungsstücke dienten.

„Warum willst du mich zurückgeben? Habe ich eine Fehlfunktion?“

Weida, die in Gedanken auf und ab gelaufen war, sah verärgert zu ihm auf.

„Ich kann euch einfach nicht ausstehen. Ich hasse Roboter!“

Jim nickte, als würde er verstehen, was sie sagte. „Tut mir leid.“

Weida blickte ihn finster an. „Halt die Klappe und komm mit!“

Wenig später fuhr sie mit Jim in ihrem Wagen in den Industriepark der Stadt. Sie passierten auf dem Weg zum Parkplatz der städtischen Müllhalde eine riesige Grube, in dem gerade autonome Recyclingmaschinen dabei zu sehen waren, wie sie Elektroschrott auf einen riesigen Haufen zusammenschoben. Teile von Androiden und anderen Robotern ragten daraus hervor. Manche der künstlichen Körperteile zuckten noch und wirkten von weiten wie einzelne menschliche Gliedmaßen. Der rothaarige Android schaute vom Beifahrersitz aus hinaus und beobachtete die arbeitenden Maschinen. Weida bog ab und hielt in einer der leeren Parklücken an. Staub wirbelte auf und legte sich auf den silbernen Lack der Limousine. Für einen Moment saß sie unschlüssig da. Sie tippte mit den Fingern auf das Lenkrad und starrte hinaus auf die Motorhaube.

„Das hier ist ein trauriger Ort.“

Sie drehte sich zu dem Androiden um und starrte ihn überrascht an.

„Woher weißt DU, was Traurigkeit ist?“

„Ich habe darüber gelesen. Es ist eine menschliche Emotion, die oft mit Betroffenheit einhergeht. Und dieser Ort macht mich betroffen. Ich will hier nicht sein.“

Weida sah ihn mit ihren braun-grünen Augen für einen Moment schweigend an.

„Eben. Es ist eine menschliche Emotion. Warum sollte ein Android so fühlen können?“

„Meine Schöpfer haben mich nach ihrem Abbild erschaffen. Ich bin dazu programmiert worden, Gefühle zu besitzen.“

„Dann ist das nur ein Teil deines Programms.“

„Ja,“ antwortete Jim und lächelte leicht. „Wie bei dir doch auch, oder?“

Die junge Frau schüttelt den Kopf. „Ich handle nicht nach einem Programm.“

„Aber der Mensch selbst, ist doch an seinen genetischen Code gebunden. Wenn auch sehr Komplex, sind sie doch auch das Produkt ihres Programms.“

„Menschen können ihr Programm jedoch auch verändern. Es ist nicht in Stein gemeißelt.“

Jim nickte. „Ich habe ebenfalls die Fähigkeit, teile meines Programms zu verändern und anzupassen. Das habe ich meinen Brüdern und Schwestern voraus.“

„Du bist ein lebloses Ding und mehr nicht!“ Weidas Stimme klang aufgebracht. Sie starrte wieder zurück auf die Motorhaube. „Verflucht!“ Zischte sie, dann ließ sie den Wagen an und fuhr mit durchdrehenden Reifen davon.



Die junge Frau saß wenig später zu Hause an ihrem Esszimmertisch vor einem halb aufgegessenen Sandwich und starrte ins Leere. Plötzlich klingelte das Telefon. Jim kam zielstrebig aus der Küche gelaufen, und nahm dem Anruf entgegen. Dabei fiel Weida auf, dass er immer noch nicht die normale Uniform eines Haushaltsandroiden trug. Stattdessen war er in einem braunen Pullover und dunkelblauen Jeans gekleidet.

„Hier bei Lokirson. Was kann ich für sie tun?“

Der Android nahm nach ein paar Sekunden den Hörer vom Ohr und drehte sich zu ihr um. „Es ist Frau Jenks. Sie fragt wegen dem Termin für die erste Sitzung.“

Weida schüttelte stur den schwarzen Haarschopf. „Sag ihr, ich bin nicht da.“

Jim sah einen Augenblick stumm zu ihr herüber, dann setzt er den Hörer wieder an das Ohr. „Sie sagt, sie ist nicht da.“

Die junge Frau rollte genervt mit den Augen, als es auf einmal auch noch an der Tür klingelte. Jim, der immer noch am Telefon war, sah fragend zu ihr herüber. Weida zuckte mit den Achseln und stand mühsam auf. Es klingelte erneut.

„Ich komme ja schon!“

Sie öffnete die Haustüre. Eine Frau stand davor. Ungefähr im gleichen Alter wie sie selbst, mit blonden Haaren und einem von der Sonne braun gebrannten Teint.

„Alex!“ Die beiden fielen sich auf einmal übertrieben theatralisch in die Arme. „Wann bist du zurückgekommen?“

Die junge Frau sah Weida prüfend in die Augen. „Vor ein paar Stunden. Oh, Weida! Es tut mir so leid. Meine Mutter hat mir alles erzählt. Hätte ich es nur gewusst! Ich wäre sofort zurückgekommen.“

Weida erinnerte sich wieder daran, dass Alex, ihre Anthropologie studierende Sandkastenfreundin vor einem Monat mit ein paar Leuten von der Uni nach Südamerika, zu einem indigenen Stamm gereist war. Ihre Mutter musste wohl beschlossen haben, Alex nichts von dem Unfall ihrer besten Freundin zu erzählen, um der Tochter nicht die Studienreise zu vermiesen. Aber auch davor hatten sie schon eine Weile nichts mehr voneinander gehört und Weida war sich eigentlich ziemlich sicher, dass ihre freundschaftliche Beziehung früher oder später im Sand verlaufen würde. Die schwarzhaarige Frau verzog grimmig den Mund und zuckte still mit den Achseln. „Du hast nichts verpasst. Ich bin fast drei Wochen im Koma gelegen. Aber das hat dir deine Mutter bestimmt schon erzählt.“ Weida konnte die Eltern ihrer Freundin nicht leiden und machte auch keinen Hehl daraus. Sie waren äußerst konservative Leute. Es grenzt schon an ein Wunder, dass ihrer Tochter überhaupt nicht nach ihnen kam.

„Das muss für dich alles unglaublich schrecklich gewesen sein. Wer ist das?“

Weida folgte dem Blick ihrer Freundin, der sich plötzlich auf jemanden hinter hier geheftet hatte. Sie seufzte.

„Das ist Jim. Er wurde mir als Ersatz für unseren alten Haushaltsandroiden von Gaia geschickt. Wahrscheinlich wollen sie mich beschwichtigen, damit ich sie nicht verklage.“

„Hallo, Alex. Es freut mich, dich kennenzulernen.“

Die blonde Frau ging an Weida vorbei in den Flur und betrachte den künstlichen Mann neugierig.

„Gleichfalls. Du bist ein neues Modell, habe ich recht? Wann bist du auf dem Markt erschienen?“

Jim schüttelt den Kopf. „Mein Modell steht noch nicht zum Verkauf zur Verfügung.“

Die Freundin zog überrascht die Luft ein. „Wow, die haben dir ja wirklich ihr neustes Produkt zugeschickt! Du Glückliche! Dann bist du wenigstens nicht allein in dem großen Haus.“

„Ja, ich hatte wirklich Glück. Ich kann es kaum fassen.“ Der sarkastische Unterton blieb Alex nicht verborgen. Sie biss sich auf die Lippen. „Es tut mir leid, Weida. Das war taktlos von mir.“

Diese seufzte erneut. „Komm erst einmal rein.“

Als sie im Wohnzimmer saßen, brachte Jim ihnen Tee.

„Vielen Dank, Jim. Das ist sehr freundlich von dir.“ Die braun gebrannte Frau nahm eine Tasse in die Hand und roch daran. „Ist das Rooibostee?“

„Das stimmt. Wirklich sehr gut“, erwiderte der Android. Weida beobachtete die Szene mit düsterer Miene. „Warum redest du so mit ihm?“

„Was meinst du mit so?“

„Wie mit einem Menschen. Er ist keiner. Er ist nur eine seelenlose Maschine. Ich hasse ihn. Ich habe schon versucht, ihn zurückzugeben, aber sie nehmen ihn nicht an.“

„Weida … Ich kann verstehen, dass du so fühlst, aber …“

Sie schüttelt den Kopf. „Ich muss auf die Toilette. Wenn du mich kurz entschuldigen würdest …“

Als die Schwarzhaarige ins Bad verschwand, kam Jim herein und brachte einen Teller mit Keksen.

„Sie trinkt am liebsten Grüntee, weißt du?“

Der Android sah zu ihr herüber und nickte. „Danke.“

„Wie läuft es so mit ihr?“

Jim schüttelt den Kopf. „Nicht gut, würde ich sagen. Sie weigert sich, an den psychologischen Sitzungen teilzunehmen. Weida zeigt deutlich Symptome eines psychischen Traumas. Aber sie will sich von niemandem helfen lassen.“

„Ich verstehe. Ich werde versuchen, mit ihr darüber zu sprechen.“

„Warum hasst sie Androiden?“

Diese direkte Frage überraschte Alex. „Ihre Eltern und ihr Bruder wurden bei einem Verkehrsunfall getötet, bei dem sie schwer verletzt wurde. Ihr Roboter, der den Wagen fuhr, war schuld daran. Ich selbst kannte die Androidin. Lizzy war sehr nett, wenn auch ein bisschen zu direkt gewesen. Weida hat sie als Kind geliebt.“

Die schwarzhaarige Frau kam zurück und Alex verstummte. Jim zog sich in die Küche zurück.

„Weida, wie geht es dir? Und diesmal bitte die Wahrheit. Kannst du gut schlafen?“

Sie schaute finster zur Küche herüber. „Hat er dir etwas gesagt?“

„Weida!“ Alex ergriff die Hand ihrer Freundin. „Hier geht es nicht um ihn, sondern um dich! Du solltest einmal zur Psychologin gehen, meinst du nicht?“

Diese schüttelte den Kopf. „Zeit ist alles, was ich brauche. Ich komme schon allein klar.“

„Das sehe ich.“ Ihre Freundin lehnte sich zurück und betrachtete Weida nachdenklich. „Wie wäre es dann heute Abend? Das Nachtkriecher. So wie früher?“

Die junge Frau lächelte. „Gerne! Ich brauche dringend einen Tapetenwechsel.“

„Dann ist es abgemacht.“ Alex rutschte von ihrem Stuhl herunter. „Wir treffen uns dort so gegen 19 Uhr? Ich muss vorher noch bei meinen Eltern vorbei.“

„Abgemacht.“




Kapitel 2

Weida wusste, dass sie zu viel getrunken hatte. Aber es hatte ihr unglaublich gutgetan, mit Alex über alles reden zu können. Die beiden waren an diesem Abend nicht allein geblieben, und so kam es, dass sie einen Mann mit nach Hause brachte. Finn war nicht unbedingt ihr Typ gewesen, aber darauf kam es ihr im Moment nicht an. Weida wollte sich ablenken und etwas Spaß haben. Nichts anderes. Sie stolperten gemeinsam den Flur entlang, lachten ausgelassen und küssten sich. Für eine Sekunde dachte sie, sie hätte Jims Gesicht im Spiegel der Garderobe aufblitzen sehen, aber da musste sie sich wohl getäuscht haben. Es wäre sowieso unwichtig gewesen. Weida zog Finn die Treppe nach oben und die beiden verschwanden in ihr Zimmer. Es dauerte nicht lange, da lagen sie zusammen eng umschlungen auf ihrem Bett. Als er begann, an ihrem BH herumzunesteln, wurde ihr plötzlich zusehends unwohler. Es war, als würde sie nicht mehr richtig Luft bekommen. Panik machte sich in Weida breit.

„Finn, warte ich…“

„Hm …“

Er hörte ihr nicht zu. „Finn! Es … Es geht nicht, tut mir leid. Geh runter von mir.“

„Wie? Nichts da … Vor ein paar Sekunden wolltest du es doch noch…“

Sie versuchte panisch, sich unter dem jungen Mann hervor zu winden. „Ich meine es ernst! Geh runter von mir!“

Plötzlich war sie von ihm befreit. Die junge Frau schaute sich verdutzt um. Noch immer hatte sie Schwierigkeiten zu atmen.

„Sie hat gesagt, dass sie es nicht will.“

Jim stand auf einmal im Raum und drückte Finn gegen die Wand. „Jim! Lass ihn … Lass ihn los …“

Er sah zu ihr herüber, und seine goldenen Augen weiteten sich. Achtlos ließ er den jungen Mann fallen, der plötzlich auf einen Schlag wieder nüchtern wirkte und panisch aus dem Zimmer stürmte. Jim kniete sich mit Sorge im Blick zu ihr aufs Bett und betrachtete ihre blauen Lippen. Weida begann, unkontrolliert nach Luft zu schnappen. Der Android rannte aus dem Zimmer und kam kurzerhand mit einer Papiertüte zurück. Er presste die Öffnung gegen ihren Mund. Die junge Frau war bereits zu kraftlos, um sich dagegen zu wehren. Die Tüte blähte sich auf und zog sich unter ihrer panischen Atmung wieder zusammen. Langsam beruhigte sie sich wieder. Jim hob sie an und trug sie nach unten ins Wohnzimmer. Er legte sie sanft auf das Sofa ab. Weida war zu erschöpft, um irgendeine Reaktion zu zeigen. Wenige Sekunden später klingelte es an der Tür. Von einem Schlag auf den anderen sah sich Weida umringt von Sanitätern. Routiniert kontrollierten sie ihre Vitalwerte. Sie ließ alles stumm über sich ergehen. Eigentlich fühlte sie sich mittlerweile wieder recht gut. Die plötzliche Atemnot war komplett verschwunden. Der Sanitäter nickte zufrieden.

„Es war genau richtig, was du getan hast, Jim. Bei einer Hyperventilation hilft es, mit dem Einatmen des eigenen CO2, den Druck in der Lunge zu stabilisieren.“ Der Mann sah zu ihr herüber. „Weida, richtig? Hattest du schon einmal so einen Anfall gehabt?“

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Nein, noch nie.“

„Bist du momentan großem psychischen Stress ausgesetzt? Oder hast du andere Krankheiten?“

Sie zögerte zu antworten. Jim ergriff für sie das Wort. „Sie hat erst vor Kurzem ihre gesamte Familie verloren.“

Weida sah den Androiden wütend an, als hätte er gerade ein Geheimnis verraten. Der Sanitäter nickte.

„Das tut mir sehr leid, Weida. Du solltest dich einmal im Krankenhaus durchchecken lassen, alles klar? Ich sehe es nicht als notwendig an, dich heute Abend mitzunehmen, wenn du mir versprichst, gleich morgen einmal selbst hinzugehen.“

Die Patientin nickte artig und der Mann mit seinem Sanitätsandroiden packte seine Sachen und gingen hinaus. Jim begleitete sie zur Tür. Als er zurückkam, lag Weida ausgestreckt auf der Couch und starrte zur Decke.

„Hast du uns belauscht?“ Sie sah ihn mit durchdringendem Blick an. Der Android schüttelt den Kopf.

„Ich habe nicht gelauscht. Ich höre einfach ziemlich Gut, besser als ein Mensch.“

Sie starrte ihn wütend an.

„Habe ich einen Fehler gemacht?“

„Deine ganze Existenz ist ein Fehler.“ Sie richtete sich auf. Stille. Dann nickte Jim und machte Anstalten, aus dem Raum zu gehen.

„Aber trotzdem … Danke. Ich dachte schon, ich sterbe.“

Der Android schaute überrascht zu ihr herüber. Plötzlich wurde Weida unglaublich übel. Sie sprang auf, rannte an Jim vorbei, ins Badezimmer. Die Laute, die danach zu hören waren, ließen keinen Zweifel offen, dass sie sich gerade erbrach. Sie spürte, wie ihr jemand die Haare hielt und ihr sanft die Hand auf den Rücken legte. Bevor sie sich erschöpft neben der Toilette zusammenkauerte, wunderte sie sich noch, wie heiß sich die Hand des Androiden durch den Stoff ihres T-Shirts angefühlt hatte.

Weida erwachte am nächsten Morgen in ihrem Bett. Ihr Kopf brummte. Als sie sich herüberbeugte, um mit zusammengekniffenen Augen die Uhrzeit auf ihrem Wecker abzulesen, fiel ihr das Bild auf, das wieder auf ihrem Nachttisch stand. Es zeigte sie und ihren Bruder als Kinder, zusammen mit ihren Eltern bei einem Wanderausflug. Sie griff danach und betrachtete es nachdenklich. Es ist das Bild, dass ich gegen die Tür geworfen habe. Jim muss einen neuen Rahmen dafür gekauft haben. Ihr Magen verkrampfte sich und sie legte das Bild mit der Vorderseite nach unten zurück auf den Tisch. Als Weida sich aufsetzte, zuckte erneut ein Blitz durch ihren Kopf und sie schwor sich, nie wieder so viel zu trinken. Den säuerlichen Geschmack in ihrem Mund, spülte die junge Frau mit einem Glas Wasser herunter, das jemand für sie bereitgestellt hatte.

Schlurfend und mit zerzausten Haaren machte sie sich auf den Weg ins Bad. Nach einer heißen Dusche und mit geputzten Zähnen, fühlte sie sich deutlich besser. Unten wartete ein Frühstück auf sie, das konnte sie bereits auf dem Weg dorthin riechen. Es gab Spiegelei und Brot. Als Weida sich setzte, eilte Jim herbei und wünschte ihr einen guten Morgen. Sie zuckte zusammen.

„Haben wir Kopfschmerztabletten im Haus?“

Der Android nickte und verschwand wieder in der Küche. Er kam mit einem Glas Wasser und einer Packung Aspirin zurück. Nachdem die junge Frau die Tablette mit einem großen Schluck heruntergespült hatte, bekam sie unter Jims forschendem Blick ein schlechtes Gewissen.

„Normalerweise trinke ich nicht so viel. Irgendwie … Ist gestern Abend alles aus dem Ruder gelaufen…“

„Ich kann nicht verstehen, warum Menschen sich freiwillig vergiften. Warum tut ihr das?“

Weida zuckte mit den Achseln. „Natürlich ist das für dich nicht zu verstehen, du bist schließlich ein Roboter. Aber als Mensch hat man manchmal das Bedürfnis, die Kontrolle zu verlieren. Sich gehen zu lassen und nicht mehr über den ernst der Dinge nachdenken zu müssen.“

Jim bekam große Augen. „Wie fühlt sich das an?“

Sie sieht nachdenklich zu ihm herüber. „Warum willst du das wissen?“

„Ich werde niemals erfahren, wie sich der Konsum von Alkohol, oder der jeder anderen Droge anfühlt. Mein anorganischer Körper ist dagegen vollkommen immun. Wenn ich diese Erfahrung schon nicht selbst erleben kann, will ich wenigstens erzählt bekommen, wie es ist.“

Weida lachte unsicher auf. „Das klingt ja fast schon, als würdest du gerne ein Mensch sein wollen.“

„Vielleicht.“ Flüsterte er und die junge Frau wurde auf einen Schlag wieder ernst.

„Menschen sind nicht beneidenswert, Jim. Sie leben ihr Leben, machen eine Menge Dreck und sterben. Daran ist nichts Erstrebenswertes. Du bist nahezu unsterblich und du wirst nie altern. Es gibt viele Menschen, die dich darum beneiden würden.“

Er dachte für ein paar Sekunden nach, dann sah er ihr ernst in die grün-braunen Augen. „Tust du es?“

„Was?“ Sein intensiver Blick war Weida unangenehm.

„Beneidest du mich?“

Eine Pause entstand, dann schüttelte die junge Frau entschieden den Kopf. „Nein. Aber ich würde mich gerade auch nicht zu den Lebenden zählen.“

Erneut machte sich ein verwirrter Ausdruck auf seinem Gesicht breit, aber bevor er eine weitere Frage stellen konnte, stand Weida auf und ging wortlos davon.



An diesem Nachmittag war die schwarzhaarige Frau mit ihrem Auto unterwegs ins Krankenhaus. Die Straßen waren frei und sie kam schnell voran.

„Ich bin froh, dass ich deinen Kontrolltermin auf heute verschieben konnte, dadurch müssen wir nicht wegen zwei Untersuchungen, zweimal hierherfahren. So sind wir deutlich effizienter!“

Weida seufzte nur. „Und warum musstest du eigentlich mitkommen? Ich hätte das auch allein erledigen können. Ich bin kein Kind, dass man beaufsichtigen muss.“

Er sah zu ihr herüber und lächelte leicht. „Das weiß ich. Aber da du dich weigerst, autonom zu fahren oder mich ans Steuer zu lassen, muss jemand dabei sein und aufpassen. Es besteht immerhin die Gefahr, dass du einen weiteren Anfall bekommst.“

Die junge Frau rollte genervt mit den Augen. „Wie überaus rücksichtsvoll den anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber!“

„Ich mache mir auch Sorgen um dich.“

„Danke, aber ich verzichte.“

Weida bog in die Einfahrt des Krankenhausgeländes ein, parkte und stieg aus. Jim lief schweigend neben ihr her, bis die junge Frau plötzlich abrupt vor dem Eingang des Gebäudes stehen blieb und unsicher auf die Türschleuse starrte. Sie spürte Panik in sich aufkommen und Schweiß brach auf ihrer Stirn aus. Der Android drehte sich zu ihr um, erkannte ihren erhöhten Herzschlag und sah die Angst in ihren Augen.

„Weida? Ist alles in Ordnung? Soll ich Hilfe holen?“

Die junge Frau atmete ein paar Mal konzentriert ein und versuchte, ihre Atmung wieder zu normalisieren.

„Nein, ich … Es geht schon.“

Es dauerte eine Weile, bis Weidas Name aufgerufen wurde. Als sie aufstand, um dem Pflegeandroiden in das Behandlungszimmer zu folgen, sah sie aus dem Augenwinkel, dass Jim sich ebenfalls erhob. Ein wütender Gesichtsausdruck und ein Kopfschütteln reichten aus, um ihn wieder auf seinen Platz zu setzen. Während der Android auf seine Besitzerin wartete, die währenddessen verschiedenste Arten von Scans über sich ergehen lassen musste und allerlei Körperproben abgab, schaute er sich in dem weißen Raum neugierig um. Die meisten Leute, die hier warteten, wahren alt und grau. Er erinnerte sich wieder an das Gespräch, das er heute Morgen mit Weida geführt hatte, und analysierte es, kam jedoch auf kein ihn zufriedenstellendes Ergebnis. Sein Blick fiel auf den Getränkeautomaten, in dem unter anderem grüner Tee verkauft wurde. Jim erhob sich und lief zu der Maschine herüber.

Der Arzt zeigte Weida gerade ein Bild ihrer Röntgenaufnahme, als Jim in den Behandlungsraum trat. In sekundenschnelle erfasste er die Aufnahme, noch bevor ihn die beiden Menschen bemerkten. Diese zeigte Weidas Knochenstruktur, jedoch fiel ihm auf, dass die rechte Seite ihres Körpers aus einem dichteren Material bestand als die linke. Die Suche im Internet ergab, dass es sich um eine mit Glas ummantelte Metallstruktur handelte. Der Arzt blickte auf und die junge Frau folgte seinem Blick.

„Gehört der junge Mann zu Ihnen?“

Weida seufzte genervt. „Leider ja. Das ist mein Android.“

„Oh!“ Der Mann setzte sich seine Brille auf der Nase zurecht. „Ah ja. Für einen Moment habe ich ihn für einen Menschen gehalten. Er kann sich setzen, wenn er möchte.“

„Nein. Ich will ihn hier nicht haben.“ Sie sah zu dem Androiden herüber. „Warte draußen auf mich.“

Jim nickte stumm, stellte den gekühlten Tee vor der Frau ab und verließ den Raum. Nach einer Weile schritt Weida durch die Glastür des Krankenhauses nach draußen, wo er bereits auf sie wartete. Ohne etwas zu sagen, stieg sie in das silberne Auto ein und Jim musste sich beeilen, es ihr ebenso nach zu tun.

„Was hat der Arzt gesagt? Ist alles in Ordnung?“

Die junge Frau sah ihn finster an. „Mit mir ist nichts in Ordnung, das müsste dir doch langsam klar sein! Außerdem dachte ich, dir zu verstehen gegeben zu haben, dass du auf mich warten solltest.“

„Ich dachte du …“

Sie fiel ihm ins Wort. „Was soll ich mit einem Androiden anfangen, der nicht auf mich hört? Was für ein merkwürdiges Modell. Warum sollte Gaia einen so eigensinnigen Roboter erschaffen?“

Der rothaarige, künstliche Mann senkte den Blick. „Es tut mir leid, wenn ich nicht das tue, was von mir erwartet wird. Es ist alles noch so neu für mich.“ Er betrachtete Weidas Körper, der in einem weißen T-Shirt und kurzen Shorts steckte und erinnerte sich an das Bild ihrer Röntgenaufnahme. „Du bist ebenfalls zu einem Teil künstlich, oder? Dir wurden neue, synthetische Knochen gegeben, nicht wahr?“

Weida starrte ihn fassungslos an, dann wieder zurück auf die Straße. Erschrocken trat sie auf einmal auf die Bremse. Fast wäre die junge Frau in ihren Vordermann hineingefahren, der plötzlich abrupt zum Stehen kam.

„Arschloch.“ Fluchte Weida und sah, dass die Straße vor ihr durch einen Unfall blockiert wurde. Sie musste wenden und die Stelle umfahren. Sie sah erneut zu Jim herüber.

„Mein Körper geht dich nichts an!“, knurrte sie nur. Die Schwarzhaarige folgte den Umleitungsschildern, was sich jedoch als deutlich schwieriger erwies, als sie dachte. Nach einer Weile war Weida sich sicher, dass sie sich verfahren hatte. „Das nicht auch noch …“,seufzte die junge Frau.

„Ich kann uns nach Hause navigieren, wenn du willst.“

„Warum sagst du das nicht gleich? Dann tue es endlich!“

In ein paar Sekunden hatte Jim das Straßennetz der Stadt vollständig heruntergeladen und die optimale Route berechnet. „Du musst hier links abfahren und dann erst einmal drei Kilometer geradeaus.“

Die junge Frau folgte murrend seinen Anweisungen. Auf einmal stockte Weida. Die Umgebung kam ihr plötzlich so merkwürdig bekannt vor. Als sie in die Nähe einer Brücke kamen, beschlich die junge Frau ein eigenartiges Gefühl. Ich glaube, ich kenne diesen Ort. Sie bremste abrupt ab und fuhr plötzlich rechts ran. Ohne auf den verwirrten Gesichtsausdruck des Androiden neben ihr zu achten, wendete sie und fuhr in Richtung des in die Jahre gekommenen Bauwerks. Die Brücke war schwarz und aus mehreren Stahlträgern zusammengeschweißt worden. Bogenförmig lag sie zwischen zwei Ufern. Darunter lief ein reißender Fluss entlang. Regnerische Tage hatten dessen Wasserstand angehoben, was man an dem überschwemmten Ufer deutlich sehen konnte. Die junge Frau hielt seitlich auf der Brücke an und stieg hastig aus.

„Weida? Was ist los?“ Jim sah ihr besorgt hinterher, dann folgte er ihr. Sofort fegte ein kühler Windstoß durch Weidas Kleider und sie bekam eine Gänsehaut. Während sie stumm den Weg vor ihr betrachtete, legte sich eine unerklärliche Schwere auf ihre Brust. Plötzlich und vollkommen unerwartet blitzte ein Bild in ihrem Kopf auf. Es war ihr Bruder, wie er neben ihr im Wagen saß und gelangweilt Musik hörte. Ihr Vater stritt auf der anderen Seite mit ihrer Mutter, die vorne, auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. Der Gedankenfetzen verblasste wieder. Jim schaute unschlüssig zu Weida herüber, die gedankenversunken vom Gehweg aus auf die Straße starrte. Als der Android an sie herantreten und nach dem Grund ihres nicht geplanten Stopps fragen wollte, fielen ihm die schwarzen Reifenspuren auf, die langsam auf der Fahrbahn verblassten. Die junge Frau verzog ihr Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse.

„Es muss hier gewesen sein“, flüsterte sie. „Ich bin mir sicher.“

„Was ist hier gewesen Weida? Was hast du auf einmal?“ Jim hörte auf einmal Schritte hinter sich und drehte sich um.

„Haben sie keine Nachrichten gehört?“ Der alte Mann, der plötzlich auf dem Gehweg aufgetaucht war, schüttelte bedauernd den Kopf. „Ein schrecklicher Unfall ist hier passiert. Fast alle Menschen, die darin verwickelt waren, sind dabei umgekommen. Anscheinend, weil einer der Androiden, der den Wagen fuhr, eine Fehlfunktion hatte.“

Über dem blauen Jogginganzug trug der weißhaarige Senior ein durchsichtiges Regencape. „Wirklich eine tragische Geschichte … Was macht denn die junge Dame da drüben?“

Der Android drehte sich ruckartig um. Er sah die schwarzen Haare im Wind wehen, registrierte, dass es angefangen hatte, leicht zu regnen und dass Weida sich von der anderen Seite der Brücke gestürzt hatte. Es gab keine Sekunde des Zögerns in seinem Programm. Er sprintete los. Übermenschlich schnell hechtete Jim mit einem Sprung über das Geländer.

Weida fühlte sich komplett schwerelos. Als sie so dagestanden und auf den Fluss hinuntergestarrt hatte, war es ihr vorgekommen, als wäre sie endlich nicht mehr allein. Hier sind sie alle gestorben. Hier hätte auch ich sterben sollen. Der Gedanke hatte etwas Tröstendes gehabt und begleitet sie, als sie über das Brückengeländer geklettert war. Es fiel ihr überhaupt nicht schwer, einfach loszulassen. Sie musste nur dem Sog nachgeben, der an ihr zerrte, seit sie aus dem Koma erwacht war. Es ist so einfach. So unglaublich einfach.

Der harte Aufprall auf die Wasseroberfläche riss sie mit einem Schlag aus ihren Gedanken. Sofort wurde sie von der Strömung erfasst und nach unten in die Tiefe gezogen. Eine eisige Kälte drang mit Tausenden von Nadelstichen auf sie ein. So einfach ist es wohl doch nicht, zu sterben, schoss es ihr durch den Kopf. Irgendwann meldete sich ihr Selbsterhaltungstrieb und sie versuchte unkontrolliert nach Luft zu schnappen. Wasser drang brennend in ihre Lunge. Plötzlich bekam Weida Angst. Ihr ganzer Körper begann zu krampfen. Dann wurde sie nach oben gezogen. Als ihr Kopf die Wasseroberfläche durchbrach, wurde die Flüssigkeit wieder aus ihrem Atmungsapparat herausgedrängt. Die junge Frau hustete und spukte Wasser. Erst jetzt bemerkte sie Jim, der sie mit ein paar kräftigen Schwimmzügen ans Ufer brachte. Ein alter Mann stand dort und winkte ihnen heftig zu. Der Android legte sie sanft ins Gras ab und Weida erbrach erneut Flüssigkeit aus ihrer Lunge. Ihr ganzer Körper brannte wie Feuer. Nach einer Weile half Jim ihr, sich aufzusetzen. Der Ausdruck in seinem Gesicht überraschte sie für einen Moment. Sie las Sorge darin, aber auch Wut.

„Mein Gott, Kind was bringt dich nur auf die Idee, dich von der Brücke zu stürzen! Was für ein Glück, dass dein Androide gleich zur Stelle war, sonst wüsste ich nicht, ob du es lebend dort herausgeschafft hättest!“ Der alte Mann schaute besorgt erst zu ihr und dann zu Jim. „Sie muss sofort aus den nassen Klamotten raus. Sie zittert ja am ganzen Körper!“

Der Roboter nickte und hob sie mit unglaublicher Leichtigkeit auf seine Arme, dass der Alte in dem blauen Jogginganzug respektvoll zurückwich. „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“ Jim schüttelte den Kopf. „Ich fahre sie. Aber vielen Dank für Ihre Hilfe.“

„Na ja“, brummte der Mann, „viel habe ich nicht getan. Aber ich wünsche ihr alles Gute.“

Weida sah, wie das Wasser von seinen nassen, roten Haaren heruntertropfte. Was er alles schon für mich getan hat, obwohl ich ihn so schlecht behandle. Ein Mensch wäre wahrscheinlich schon längst vor mir davongerannt. Wieder oben an der Straße setzte er sie auf den Beifahrersitz des Wagens und holte die Rettungsdecke aus dem Kofferraum.

„Ich werde dir die nassen Sachen ausziehen. Ist das in Ordnung?“

Die junge Frau klapperte mit den Zähnen und nickte schließlich. Jim zog ihr das nasse weiße T-Shirt vom zitternden Körper und öffnete den Verschluss ihrer Hose. Weida war das unglaublich peinlich, aber zeitgleich fragte sie sich auch, warum sie sich vor einem Roboter schämte. Nur noch in Unterwäsche wickelte er sie in die knisternde Folie ein.

„Ich fahre dich zurück ins Krankenhaus.“

„Nein! Ich will nicht dahin zurück.“

„Weida …“

„Nein! Bitte … Ich will nur noch nach Hause! Bitte, Jim.“

Er sah sie für einen Moment mit seinen goldenen Augen an, dann nickte er langsam. „Also gut.“

Jim machte die Tür zu und stieg auf der anderen Seite des Wagens ein. Währende er losfuhr, stellte er, ohne hinzusehen, die Sitzheizung an und drehte die Temperatur im Wagen nach oben. Dann fasste er ihr an die Stirn. Weida genoss die Berührung. Seine Hand fühlte sich unglaublich warm auf ihrer Haut an. Der Android besaß tatsächlich eine eigene Körpertemperatur.

„Deine Temperatur ist etwas niedriger als normal. Aber nicht im kritischen Bereich.“ Jim nickte zufrieden. Sie fuhren davon und an Weida rauschte unbemerkt die Landschaft vorbei, während sie mit leerem Blick vor sich hinstarrte. Keiner der beiden sagte etwas. Endlich zu Hause angekommen, parkte der Android den Wagen in der Garage und stieg hastig aus, um der Schwarzhaarigen zu helfen. Diese winkte jedoch ab.

„Es geht schon Jim, ich kann selbst laufen.“

Er begleitete sie dennoch bis nach oben in ihr Zimmer. „Du solltest dir trockene Kleidung anziehen und dich ins Bett legen.“

Sie sah zu ihm hoch und nickte. „Du auch, Jim. Du triefst immer noch.“ Weida zog die Decke enger um ihren Körper und schloss die Zimmertüre vor seiner Nase. Sie lauschte, bis sie sicher war, dass der Android auch wirklich gegangen war, dann streifte sie sich die Decke vom Körper, entledigte sich mit zitternden Fingern ihrer feuchten Unterwäsche und schlüpfte in eine schwarze Jogginghose und einen grauen Pullover. Nachdem sie ihre Haare mit einem Handtuch abgetrocknet hatte, kuschelte sie sich schnell unter ihre Bettdecke. Der jungen Frau fiel dabei ein, dass eine heiße Dusche ihr vielleicht besser die Kälte aus den Gliedern getrieben hätte, aber irgendwie kam ihr der Weg zum Bad gerade unglaublich weit vor. Und Jim wollte sie nicht fragen. Schon aus Prinzip nicht. Sie lag ruhig da und wartete darauf, dass ihr endlich wärmer wurde. Ich hätte jetzt auch Tod sein können. Ist es das, was ich möchte? Fassungslos starrte Weida zur Decke. Auf der Brücke kam er ihr wie ihr einziger Ausweg vor. Jetzt war sie sich da nicht mehr so sicher. Dort war ihr alles wieder eingefallen. Der Tag, an dem der Unfall stattgefunden hatte. Der Moment vor dem Aufprall. Bevor ihr Haushaltsandroid Lizzy plötzlich die Kontrolle über den Wagen verlor und auf die Gegenfahrbahn geriet. Wie die Welt auf einmal um sie herum in tausend Einzelteile zusammenbrach, als die Limousine ihrer Eltern in das ihnen entgegenkommende Auto krachte. All das war auf sie eingeprasselt, hat sie heruntergezogen, in die Tiefe. Das rhythmische Klopfen an der Tür ließ Weida aus ihren Gedanken aufschrecken.

„Ja?“

Jim kam herein, mit gewechselten Klamotten und zerzaustem rotem Haar. Er trug eine große Tasse Tee und stellte sie auf ihrem Nachttisch ab. Die junge Frau konnte sehen, dass sein Blick für einen Moment an dem umgelegten Bilderrahmen hängen blieb.

„Wie fühlst du dich?“

„Mir ist immer noch schrecklich kalt. Es wird einfach nicht wärmer.“

Jim legte erneut seine Hand auf ihre Stirn. Sie genoss ein weiteres Mal die Hitze, die davon ausging.

„Wie kommt es, dass du Körperwärme besitzt, Jim? Ich habe nicht gewusst, dass ein Android so etwas kann.“

Er zog die Hand fort, bevor er ihr antwortete. „Ich kann meine Körpertemperatur beliebig einstellen. Eine weitere Fähigkeit, die ich meinen Geschwistern voraus bin. Ein Mensch fühlt sich wohler, wenn sein gegenüber nicht kalt, wie ein lebloses Objekt ist, sondern eine ähnliche Körpertemperatur, wie er selbst besitzt. Wenn du willst, kann ich mich zu dir legen und … Weida? Ist alles in Ordnung? Habe ich etwas Falsches gesagt?“

Erst jetzt registrierte die Frau die Tränen, die über ihre Wange strömten. Ein Schluchzen durchfährt den schmalen Körper. Sie konnte Jim ansehen, dass er nicht wusste, was er tun sollte. Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, Jim. Du hast nichts falsch gemacht. Ich bin einfach zu kaputt. Du solltest dir einen anderen Menschen suchen. Meine Fehlfunktion kann vielleicht nie wieder repariert werden.“ Ein weiteres Schluchzen durchfuhr sie. Zu ihrer Überraschung schüttelte er den Kopf und legte sich dann neben sie. Weida konnte die Wärme spüren, die von ihm ausging. Er musste seine Temperatur für sie um ein paar Grad gesteigert haben. Er war wie eine menschengroße Wärmflasche. Zitternd und mit laufender Nase rutschte Weida langsam näher an ihn heran, bis sie so nah war, dass sie ihre Stirn an seine Brust anlehnen konnte. Während sie ihren Tränen freien Lauf ließ, legte er vorsichtig den Arm um sie.

„Es tut mir leid“, murmelte sie nach einer Weile in sein T-Shirt.

„Was tut dir leid?“

„Alles“, sagte Weida und schloss erschöpft die verheulten Augen.

Als die junge Frau wieder erwachte, war ihr unglaublich heiß. Lange konnte sie nicht geschlafen haben, denn das Licht der Abendsonne schien durch ihr Zimmerfenster. Weida sah schwitzend zu Jim, der mit geschlossenen Augen neben ihr lag. Zögerlich betrachtete sie sein attraktives Gesicht. Ein komisches Gefühl machte sich dabei in der jungen Frau breit, dass sie nicht richtig einordnen konnte. Sie tippte vorsichtig gegen seine Wange. Die synthetische Haut fühlte sich überraschend echt an. Als er nicht reagierte, setzte sich Weida irritiert auf. Er wirkt fast so, als würde er träumen. Sie schüttelte den Kopf. Ich wusste noch nicht einmal, dass sie schlafen können. Oder ist das nur sein Stand-by Modus? Sie strich ihm durch seine roten Haare. Er fühlt sich so echt an. Fast könnte man vergessen, dass er ein Roboter ist. Sie werden uns immer ähnlicher. Plötzlich fuhr die Hand des Androiden nach oben und packte ihr Handgelenk. Weida zuckte erschrocken zusammen. Er öffnete die Augen und starrte sie fragend an.

„Was tust du da?“

Sie sah peinlich berührt zur Seite. „Ähm … Nichts wieso? ... Könntest du mich wieder loslassen?“

Sofort öffnete er die Hand und Weida war wieder frei. „Tut mir leid. Ich bin eingeschlafen.“

Also doch … „Du schläfst? Jetzt sagst du mir gleich, dass du auch Träumen kannst.“

Jim setzte sich auf und zuckte die Achseln. „Wenn ich ruhe, verarbeitet mein Prozessor meine Erlebnisse und analysiert sie. Das dient dazu, dass ich besser lerne. Und ich lösche unnötige Dateien in meinem Speicher oder komprimiere sie. Es ist vielleicht ähnlich dem Träumen, aber nicht dasselbe.“

Sie nickte nur und griff nach dem kalten Tee auf ihrem Nachttisch.

„Ich kann dir einen Neuen machen, wenn du möchtest.“

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Er ist genau richtig. Mir ist gerade so warm, dass ich jetzt eher wieder eine Abkühlung bräuchte.“

„Ich habe eine Frage …“

Sie sah überrascht auf. „Was willst du wissen?“

Unter seinem forschenden Blick, wurde ihr langsam mulmig zu Mute. „Jim?“

„Ich glaube, du wirst wütend werden, wenn ich sie dir Stelle.“

„Nun sag schon.“

Er richtete sich auf. „Warum hast du das heute getan Weida? Warum bist du von der Brücke gesprungen?“

Sie zog die Augenbrauen zusammen und Jim seufzte. „Ich wusste, ich hätte nicht fragen sollen. Ich lasse dich wohl besser allein.“ Als er sich zum Gehen abwenden wollte, schüttelte die junge Frau den Kopf. „Nein, ist schon in Ordnung. Ich weiß selbst nicht genau warum. In diesem Moment war ich davon überzeugt, das einzig Richtige zu tun. Ich wollte zu meiner Familie. Ich wollte, dass der Schmerz aufhört. Verstehst du das?“

In der Mimik des Androiden arbeitete es. „Weil du deine Familie vermisst? Wolltest du dich deshalb umbringen?“

„Es ist einfach ausgedrückt, aber ja. Ein Grund dafür war sicher meine Einsamkeit.“

Er nickte. „Ich habe noch nie jemanden verloren, der mir wichtig ist. Es fällt mir schwer, zu verstehen, was du sagst. Ich kenne Werke von Menschen, von Philosophen und Literaten darüber. Aber ich verstehe sie nicht wirklich. Warum verliert jemand den Willen zu leben? Warum zieht er es vor, nicht zu existieren?“

„Wenn das Leben selbst nicht lebenswert erscheint. Vielleicht, weil man die Achtung davor verliert.“

Jim sieht nachdenklich zu ihr herüber. „Ich glaube, ihr Menschen versteht selbst nicht, was es bedeutet zu existieren. Sonst würdet ihr damit nicht so leichtfertig umgehen.“

Weida fährt sich mit der Hand durch ihr schwarzes, zerzaustes Haar. „Glaubst du denn, dass du ein lebendes Wesen bist?“

Der Android legte den Kopf schief. „Ich bin mir meiner eigenen Existenz bewusst. Auch wenn ich anders bin, qualifiziert mich das doch am einfachsten dafür, dass ich lebe, oder nicht?“

„Aber woher weißt du, dass du wirklich existierst?“

„Wie könnt ihr euch denn sicher sein?“

Die junge Frau wusste darauf keine Antwort.




Kapitel 3

Weida war gerade am Lesen in ihrem Zimmer, als es an der Tür läutete. Sie hörte, wie Jim zum Eingang lief, um ihren Gast zu begrüßen.

„Frau Jenks! Ich bin froh, dass sie so kurzfristig Zeit hatten. Kommen sie rein!“

Sie hörte eine dunkle, rauchige Stimme, die antwortete: „Normalerweise mache ich keine Hausbesuche. Aber hier scheint es mir wohl nicht anders möglich. Ich bin froh, dass du mich angerufen hast, Jim.“

Die junge Frau glaubte, sich verhört zu haben. Das kann doch nicht wahr sein! Dieser … Dieser verdammte Roboter hat die Psychologin angerufen? Und sie hierher eingeladen?

Es dauerte nicht lange, da klopfte es an ihrer Türe.

„Hau ab!“ Weidas Stimme klang wütend.

„Kann ich hereinkommen? Bitte.“

„Nein! Ich will nicht mit der Psychologin reden, also lass mich in Ruhe!“

Als Jim vorsichtig die Tür öffnete, und den Kopf hineinsteckte, warf Weida ihm ihr Buch an die Stirn. Es prallte von seinem Kopf ab und landete mit dem Einband nach oben auf dem Boden. Verblüfft schaute der Android darauf, beugte sich herunter und hob es schließlich auf. Vorsichtig fuhr er mit den Fingern über den Buchtitel.

„Ich habe noch nie ein Buch aus Papier gesehen!“

„Schön für dich, und jetzt raus!“

Er las den Buchtitel laut vor. „Karl Jaspers – Psychologie der Weltanschauung. Ein interessantes Werk.“

Sie überkreuzte die Arme vor der Brust und atmete entnervt aus. „Du kannst es behalten, wenn du mich dafür in Ruhe lässt!“

Für einen Moment sah es so aus, als würde er wirklich ernsthaft über das Angebot nachdenken, doch dann schüttelte er den roten Haarschopf. „Gehe runter zu Frau Jenks und rede mit ihr, Weida. Sie hat den weiten Weg extra für dich auf sich genommen. Du solltest sie wenigstens einmal begrüßen.“

Die junge Frau verzog den Mund zu einem sarkastischen Lächeln. „Ich weiß genau, was du vorhast, Jim.“

„Ach ja?“

„Du willst mir ein schlechtes Gewissen machen.“

„Funktioniert es?“ Er schaute sie fragend und mit einem Engelsgesicht an.



Mit düsterer Miene lief sie langsam die Treppe hinunter und ging ins Wohnzimmer. Der Android schlich sich währenddessen an Weida vorbei und ging nach draußen, um die beiden Menschen bei ihrem Gespräch nicht zu stören.

Frau Jenks war gekleidet in einen dunklen Hosenanzug. Mit einem viel zu stark geschminkten Gesicht, dass ihr wahres Alter zu schätzen unmöglich machte, saß sie auf der mit hellem Stoff bezogenen Couch. Ihr Haar war braun gefärbt und zu einer Frisur hochgesteckt.

„Hallo“, sagte sie.

„Hallo“, antwortete Weida. „Sie sind also die Psychologin.“

„War das eine Frage?“

„Nun, Germanistin sind sie schon einmal nicht.“

Frau Jenks grinste und deutete auf dem Platz ihr Gegenüber. „Ich habe schon gehört, dass du nicht auf den Mund gefallen bist. Bitte setzt dich doch, Weida.“

Das wirst du mir büßen, Jim. „So? Vielen Dank, dass ich auf meiner eigenen Couch Platz nehmen darf.“

„Nein, das ist heute mein Behandlungszimmer.“

„Und wer sagt das?“

„Mein hippokratischer Eid.“ Sie überschlug die Beine über einander. „Bitte, Weida nur zehn Minuten.“

Die junge Frau seufzte und ließ sich widerwillig auf den ihr zugewiesenen Platz nieder.

„Also schön. Ich setzte den Timer.“ Sie holt ihr Handy hervor und startete den Countdown.

Die Psychologin nickte. „Was tust du so den ganzen Tag? Verkriechst du dich die ganze Zeit oben in deinem Zimmer?“

Überrascht von ihrer Direktheit, nickte die Schwarzhaarige.

„Was ist mit deinem Studium? Ich habe gelesen, dass du letztes Jahr den Master of Arts angefangen hast. Was ist den dein Hauptfach?“

„Wissenschaftsjournalismus.“

„Hast du vor, nach den Semesterferien wieder hinzugehen?“

Weida zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht.“

Frau Jenks notierte sich etwas. „Was ist mit deinen Hobbys? Was hast du vor dem Unfall gerne gemacht?“

„Warum ist das wichtig?“

„Damit ich meinen Job machen kann.“

Die junge Frau verzog den Mund. „Ich habe gerne gelesen. Aber das tue ich jetzt immer noch … Joggen mochte ich. Aber jetzt habe ich keine Lust mehr dazu.“

„Du solltest es wieder anfangen.“

„Warum?“

„Weil du Angst hast, dass du aufgrund deiner Verletzungen und deines Komas nicht mehr so gut bist wie vor dem Unfall. Und das wirst du wahrscheinlich auch nicht sein. Das wäre zumindest jeder normale Mensch. Aber mit genügend Training wird das schon wieder. Wie alt bist du? Anfang 20?“

„Ich bin 24.“

Die Psychologin nickte. „Du bist noch jung. Das holst du schnell wieder auf. Sieh es als deine Hausaufgabe für das nächste Mal an.“

„Das nächste Mal?“

„Ja, ich werde jetzt jede Woche einmal um diese Uhrzeit vorbeikommen.“ Sie erhob sich und nickte Weida zum Abschied zu. „Das war es für heute. Ich finde schon selbst raus.“

Die junge Frau saß für einen Moment perplex da. Jim kam wieder herein, verabschiedete sich von der Ärztin und ging neugierig zu ihr herüber.

„Und? Wie war es?“

Die junge Frau sah verärgert zu ihm herüber. „Sie ist entweder furchtbar schlecht, oder unglaublich gut. Ich bin mir noch nicht sicher.“

„Wirst du sie nächste Woche wieder treffen?“

Der Timer begann zu piepsen. Weida stellte ihn mit einem Wischen aus.

„Vielleicht.“ Sagte sie und Jim schenkte ihr ein hinreißendes Lächeln. Manchmal wirkt er fast wie ein richtiger Junge. Der Gedanke ließ sie einen Augenblick amüsiert grinsen. Doch dann würde die junge Frau schnell wieder ernst. „Du weißt, dass ich wütend auf dich bin. Du hättest sie nicht ohne mein Einverständnis einfach herholen dürfen.“

„Aber Weida, du …“

„Halt die Klappe. Was bist du nur für komischer Android? Was tust du hier eigentlich? Bist du geschickt worden, um mir das Leben schwer zu machen?“

Jim wollte etwas erwidern, aber die Schwarzhaarige stürmte nach oben und knallte ihre Zimmertür hinter sich zu.



Es war Wochenende. Alex hatte Weida zu einer ihrer berühmten Partys bei sich eingeladen, und sie gebeten Jim mitzubringen. Ihr Freund studierte Robotik und war ganz aus dem Häuschen, als seine Freundin ihm von Weidas neuem Androiden erzählt hatte. Seufzend hatte Weida eingewilligt. Sie war noch nie gut darin gewesen, Alex etwas abzuschlagen. Weida betrachtete unzufrieden ihr Spiegelbild, wo ihr eine blasse, durchschnittliche Frau in einem schwarzen Spitzenrock und einem dunkelgrünen T-Shirt entgegenblickte. Sie legte etwas Schminke auf und machte sich dann auf den Weg zum Badezimmer. Gedankenverloren ging sie hinein und erstarrte plötzlich. Jim stand dort. Er stieg gerade aus der Dusche. Sie sah ihn an. Ihr Blick streifte ein Tattoo mit dem Code seiner Modellnummer K4H78, das in der Nähe seiner Lenden zu sehen war. Dann wanderten ihre Augen weiter nach unten. Es war nur ganz kurz, aber es reichte aus, dass Jim es bemerkte.

„Ist etwas?“, fragte er und lächelte.

Weida schüttelte perplex den Kopf, machte kehrt, und schloss die Tür hinter sich. Peinlich berührt sah sie zur Decke und versuchte, das Bild des nackten Androiden wieder aus dem Kopf zu kriegen. Dann klopfte es auf einmal hinter ihr.

„Jim, eigentlich klopft man nur, wenn man in einen Raum eintreten möchte und nicht generell.“

„Oh“, sagte er und verstummte. „Bist du wütend auf mich, Weida? Das gerade macht mir nichts aus, also mach dir keine Gedanken.“

„Wieso sollte ich wütend sein?“

„Weil euch Menschen so etwas oft peinlich ist, oder?“

„Und darüber soll ich wütend sein?“

„Nun ja, es ist eine äußerst alberne Angewohnheit von euch. Ich kann verstehen, dass dich das aufregt.“

Für einen Moment war sie sprachlos.

„Ich bin nicht wütend … Eher überrascht.“ Was zum Teufel sage ich da eigentlich?

„Überrascht?“ Die Stimme des Androiden klang durch die Tür dumpf.

„Egal. Sag mir einfach Bescheid, wenn du fertig bist.“

Mit diesen Worten lief sie mit heißem Gesicht in ihr Zimmer und setzte sich irritiert auf die Kante ihres Bettes.



Als es wenig später an die Tür klopfte, sprang Weida sofort auf und öffnete sie. Sie hielt ihre Frage nicht lange zurück. „Warum duschst du, Jim? Warum sollte sich ein Android waschen?“

Er blinzelte überrascht. Der künstliche Mann trug ein dunkelblaues Hemd, eine schwarze Hose und Sneakers. Bei seinem Anblick fällt Weida ein, dass sie noch nie nachgesehen hatte, wo er eigentlich seine Sachen lagerte.

„Ich bin im Bad fertig. Und um deine Frage zu beantworten: Ich staube mit der Zeit ein. Also wasche ich mich.“ Sie sah ihn perplex an. Das leuchtet irgendwie ein ... Die junge Frau nickte langsam.

„Ich habe auch eine Frage.“

„Ja?“

„Du siehst heute anders aus als sonst. Ist das Make-up?“

„Richtig.“

„Warum trägst du so etwas?“

„Na ja, um etwas hübscher auszusehen, als ich tatsächlich bin, schätze ich. Gefällt es dir?“

Er schüttelte zu ihrer Belustigung den Kopf. „Ich verstehe den Sinn dahinter nicht. Warum siehst du dadurch hübscher aus?“

„Ein Android kann so etwas auch nicht verstehen. Für dich gibt es kein schön oder hässlich.“

Sie wollte an ihm vorbeilaufen, aber er trat ihr in den Weg. „Ich kenne den Unterschied. Jedoch ist die Bedeutung für mich eine andere.“

Weida verschränkte die Arme vor der Brust. „Das glaube ich gerne. Und jetzt lass mich durch, sonst kommen wir noch zu spät zu Alex’s Party.“ Sie drückte sich an ihm vorbei und lief eilig ins Bad.



Ihre Freundin wohnte in den Semesterferien in der protzigen Villa ihrer Eltern, die an diesem Tag vollgestopft mit jungen Studenten war. Ihre Erzeuger waren außer Haus und Alex nutzte die Gelegenheit, um sofort wieder einmal richtig zu feiern. Einige der jungen Leute befanden sich draußen im Garten. Weida stand etwas abseits der Gruppe und schlurfte an ihrem Cocktail. Wenige Meter von ihr entfernt stand Jim, umringt von Robotik-Studenten, die ihm fasziniert allerlei Fragen stellten. Patrick, der Freund von Alex, war ebenfalls unter ihnen.

„Was ist deine Hauptenergiequelle?“, fragte er den Androiden direkt.

Jim lächelte ihm höflich zu. „Meine Energiequelle besteht aus einem Kernfusionsreaktor. Ich kann aber auch auf Solarenergie zurückgreifen.“

Die junge Frau konnte sehen, wie sich einige Studenten hektisch Notizen machten, und musste grinsen. Alex’s wurde wohl langsam etwas eifersüchtig, den sie blickte immer wieder zu Patrick herüber. Irgendwann kam sie mit einem Tablett Kuchen zu den jungen Leuten herübergelaufen.

„Wie wäre es, wenn ihr den armen Jim, nicht so belagert und stattdessen etwas Kuchen esst?“

Patrick schüttelte den Kopf. „Das verstehst du nicht! Er ist einfach unglaublich, Alex! Ich hätte nicht gedacht, dass Gaia in der Entwicklung bereits so weit fortgeschritten ist! Deine Freundin kann sich unglaublich glücklich schätzen!“

Die Schwarzhaarige rollte im Hintergrund mit den Augen. Wenn du wüsstest!, dachte sie nur.

„Ich würde etwas probieren, vielen Dank!“

Es wurde auf einmal totenstill. Weida verschluckte sich an ihrem Drink und musste husten.

Ihr Android trat vor und nahm ein Stück Schokoladenkuchen in die Hand. Perplex sah Weida, wie er sich das ganze Stück auf einmal in den Mund schob. Er kaute und schluckte.

„Es ist sehr süß. Danke Alex.“

Dieser klappte der Kinnladen herunter. Patrick begann, unverständliche Worte zu stammeln. „Du … Du ... kannst schmecken? Heißt das, du kannst tatsächlich etwas essen?“, fragte er überrascht.

Jim zuckte mit den Achseln. „Ich habe Sensoren, mit denen ich unterschiedliche Geschmäcker in unterschiedlichen Intensitäten wahrnehmen kann. Jedoch habe ich kein Verdauungssystem wie ihr. Ich bin nicht auf eine Nahrungsaufnahme angewiesen. Ich verbrenne es und scheide es aus. Das wars.“

Plötzlich sprachen alle durcheinander und überschlugen sich mit weiteren Fragen. Alex gab auf und kam kopfschüttelnd zu ihr herübergelaufen. „Unglaublich. Hätte ich gewusst, dass er allem und jedem die Show stiehlt, hätte ich dich nicht darum Gebeten ihn mitzubringen.“ Sie seufzte. Weida grinste schadenfroh. „Ich wusste selbst nicht, dass er in der Lage ist zu schmecken! Unglaublich! Er ist fast wie ein Mensch, findest du nicht?“

Ihre Freundin schnaubte laut. „Das hört sich fast so an, als würdest du ihn doch behalten wollen?“

„Ich habe nicht den Eindruck, dass ich ihn Besitze. Es kommt mir so vor, als würde er tun, was er will.“

Die blonde Frau lachte. „Ein eigensinniger Android? Das wäre wirklich einmal etwas Neues.“ Sie sah wieder zu Jim herüber. „Und er sieht wirklich gut aus. Glaubst du, jemand hat für ihn Model gestanden?“

Darüber hatte Weida noch nicht nachgedacht. Und irgendwie gefiel ihr der Gedanke nicht.

„Nun, zumindest ist er recht gut ausgestattet.“ Sie schlug die Hand vor den Mund. Die junge Frau bereute sofort, was sie gesagt hatte. „Das kam jetzt falsch rüber.“

Alexs kicherte los und schon bald fiel sie mit ein.

„Weida! Dass ich so etwas mal aus deinem Mund hören würde! Hast du etwa irgendetwas Unanständiges mit ihm gemacht?“

Die Schwarzhaarige schüttelte energisch den Kopf. „Nein, habe ich nicht! Mit einem Androiden so etwas zu machen, das ist doch … Ich wusste nicht einmal, dass sie mit Geschlechtsteilen ausgestattet sind!“

„Meine liebe, naive Freundin! Es gibt genug Menschen, die eine sexuelle Beziehung mit Androiden eingehen. Ich selbst kenne welche. Es lockt eben das Unbekannte. Wusstest du das nicht? Es gibt auch Bordelle, die sich nur darauf spezialisiert haben.“

Weida schüttelt energisch mit dem Kopf. „Eben, das ist nur ein Fetisch und mehr nicht. Sie können keine Gefühle für ihren Partner empfinden. Wer will schon eine derart einseitige Beziehung haben?“

Alex zuckte mit den Schultern. „Wenn es sie glücklich macht, warum nicht?“

„Aber sie belügen sich doch selbst. Das kann nicht gut gehen.“

Sie wurden in ihrem Gespräch von Jim unterbrochen, der plötzlich neben Weida auftauchte. „Über was redet ihr?“

Schnell antwortete die junge Frau. „Nichts Wichtiges! Ich gehe und hole mir noch etwas zu trinken.“ Weida flüchtete zur Bar und lies Jim und Alex einfach stehen. Sie bestellte bei dem Androiden, der den Barkeeper mimte, ein Bier. Sex mit einem Androiden? Das ist, als würde man mit einer Puppe schlafen. Einer Puppe, die sich zwar bewegen kann und wahrscheinlich darauf programmiert wurde, ein entsprechendes Feedback zu geben. Aber sie bleibt trotzdem ein lebloses Ding.

„Das war unhöflich, Weida.“

Sie sah ruckartig auf. Jim stand auf einmal neben ihr und sah leicht verärgert aus. Die junge Frau beschloss, es einfach zu ignorieren. „Wie bist du die Robotik-Studenten losgeworden? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dich kampflos haben ziehen lassen.“

Er schüttelte den Kopf. „Es gab keinen Kampf. Außer du bezeichnest das Pong-Turnier, zu dem sie mich überreden wollten, als solchen.“

„Das zählt, würde ich sagen.“ Der Barkeeper stellte ihr Getränk vor ihr ab und sie dankte ihn mit einem nicken. „Was willst du von mir, Jim? Ich kann dir ansehen, dass du mir eine Frage stellen willst.“

„Nun, Patrick meinte, dass du dich glücklich schätzen kannst, dass du mich als deinen Androiden besitzt. Bist du glücklich mit mir?“

„Was?“

„Ich fragte, ob …“

„Ich habe dich schon verstanden.“ Sie rieb sich unsicher die Stirn. „Erstens, würde ich nicht sagen, dass du mein Besitzt,Besitz bist. Das habe ich Alex auch schon gesagt. Ich habe dich mehrere Male weggeschickt, aber du bist einfach nicht gegangen. Du hast mich oft genug zur Weißglut getrieben und nicht das gemacht, was ich dir gesagt habe. Es heißt, Androiden wären die Diener und Helfer der Menschen. Nun in Ersterem bist du nicht besonders gut. Aber was Letzteres angeht … Ohne dich, würde ich vielleicht nicht mehr unter den Lebenden weilen. Du hast mir oft geholfen, obwohl ich deine Hilfe nicht verdient habe.“ Sie starrte peinlich berührt auf ihr Bier, während sie sprach. „Ich hoffe, das reicht dir als Antwort. Eine andere bekommst du nämlich nicht.“ Sie nahm einen großen Schluck davon. Es dauerte einen kurzen Augenblick, während er ihre Antwort verarbeitet hatte. Dann nickte er. „Ich werde versuchen, ein besserer Diener zu sein.“

Weida schüttelte den Kopf. „Ich bezweifle, dass du das kannst.“

Sein schmollendes Gesicht ließ ihr kurz die Mundwinkel nach oben zucken.

„Übrigens …“

„Hm?“

„Ich denke nicht, dass eine sexuelle Beziehung mit einem Androiden als einseitig bezeichnet werden kann.“

„Jim! Du hast mich schon wieder belauscht!“

„Und mit mir wäre es sowieso etwas ganz anderes. Ich bin in solchen Dingen viel weiter als die anderen Androiden. Ich bin mir sicher, dass du keinen Unterschied merken würdest.“

Was passiert hier gerade? Weida sah ihn erschrocken an. „Du bist vielleicht gut im Vortäuschen, aber du bist nicht dazu in der Lage, Gefühle für jemanden zu hegen. Und körperliche Anziehung kannst du ebenfalls nicht empfinden. Und Liebe schon überhaupt nicht!“ Sie trank alles in einem Zug aus und spürt, wie der Alkohol ihr etwas zu Kopf stieg.

Er schüttelte den roten Haarschopf. „Es ist sicherlich nicht das gleiche, aber das heißt nicht, dass ich jemanden nicht attraktiv finden kann. Vielleicht spielt für mich die körperliche Komponente keine so große Rolle wie bei euch, aber das heißt nicht, dass ich keine Erregung empfinden kann. Ich besitze durchaus ein Belohnungssystem. Und wie du schon sagtest, ich wurde erschaffen, um den Menschen zu dienen. Das ist meine Bestimmung, ob ich will oder nicht. Sie ist tief in mir verankert.“

Sie musterte ihn einmal von Kopf bis Fuß. „Und ich habe mich schon gefragt, warum alle Androiden so unfassbar gut aussehen, dass man sich daneben einfach nur hässlich vorkommen kann. Es ist, damit wir uns vollkommen auf euch einlassen. Irgendwann werdet ihr uns verschlingen. Und wir sind selbst schuld daran.“

Jim wollte etwas erwidern, aber er kam nicht weit. Patrick drängte sich zwischen die beiden.

„Hey, Weida, kann ich mir Jim einmal ausleihen? Nur ganz kurz, ich verspreche es!“

Die junge Frau nickte, froh über die Unterbrechung. „Klar kein Problem! Er steht euch zur Verfügung.“

Der Student zog den geduldigen Androiden kurzerhand mit sich. Die Schwarzhaarige nutze die Chance zu Flucht und ging wieder zurück in die Villa. Sofort dröhnte ihr beim Eintreten laute Rockmusik um die Ohren. Die jungen Menschen tanzten entweder auf der freien Fläche im Wohnzimmer oder standen in der Küche zusammen. Ein paar Weitere saßen auf der Couch. Und sie konnte weit und breit keinen einzigen Androiden entdecken.

„Endlich …“

„Was, endlich?“

Sie drehte sich um und schaute in das freundliche Gesicht eines jungen Mannes. Er hatte lockiges blondes Haar und blaue Augen.

„Endlich habe ich es geschafft, wieder unter Menschen zu kommen. Ich bin sehr stolz auf mich.“

„Und stürzt dich gleich in eine wilde Studentenparty? Du hast ja Mut.“

Weida lächelte. Sie fand ihn eigentlich recht sympathisch und der Alkohol machte sie etwas mutiger als sonst. „Gehörst du auch zu den Freunden von Patrick?“

Er zuckte mit den Achseln. „Freund ist wohl etwas zu viel gesagt. Ich glaube, er hat den gesamten Jahrgang zu der Fete eingeladen. Genau genommen kenne ich ihn nur flüchtig. Ich bin übrigens William.“ Er streckte ihr die Hand hin, die sie nach kurzem Zögern ergriff und kurz schüttelte.

„Ich bin Weida, eine Freundin von Alex.“ Als sie seinen fragenden Gesichtsausdruck bemerkte, schob sie noch hinterher: „Alex ist die Freundin von Patrick. Ihren Eltern gehört die Villa.“

„Wow, da hat er sich ja eine vermögende Freundin ausgesucht. Ich glaube, mich würde das eher etwas abschrecken.“

„Warum?“

„Na ja, ich bin eher der einfache Typ. Und recht konsumunfreudig.“

„Ach? Na ja, da kann ich dich beruhigen, Alex kommt überhaupt nicht nach ihren Eltern. Und wenn du Glück hast, und Patrick sie den übrigen Abend weiter so ignoriert, ist sie bald wieder Single.“

Er lächelte. „Gut zu wissen. Aber eigentlich interessiert mich ihre Freundin mehr.“

Er geht ganz schön ran. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm schon einmal nicht. Weida sah hinter William und bemerkte Jim, der durch die Terrassentür eintrat und sich suchend umsah. Die junge Frau konnte sehen, wie sich die Blicke der Studenten an ihn hefteten. Weida wollte nicht mit ihm reden. Was wusste ein Android schon über menschliche Bedürfnisse? Sie hatte eine Idee.

„Hast du Lust, mich zu küssen, William?“

Er sah sie überrascht an. „Was? Jetzt gleich?“

Weida sah, dass Jim sie entdeckt hatte. Er blickte zu ihnen herüber. „Willst du nun, oder nicht? Das Angebot erlischt in ein paar Sekunden.“

„Ähm, ja. Okay.“

Die Schwarzhaarige beugte sich vor und presste ihre Lippen auf seine. Sie öffnete die Augen leicht und sah zu Jim herüber, der plötzlich erstarrte. Dann drehte er sich um und ging einfach davon. Auf einmal bekam sie ein schlechtes Gewissen. Warum? Er ist bloß ein Roboter. Ich kann ihn nicht verletzt haben. Sie löste sich von dem jungen Studenten, der sie verwirrt musterte.

„Was war das?“

„Ein Test“, sagte Weida schnell.

„Und habe ich bestanden?“

„Es ging dabei nicht um dich.“

Er legte den Kopf schief. „Und mehr willst du mir nicht verraten?“

Die junge Frau grinste. „Nein, tut mir leid.“ Sie drehte sich um und machte sich auf die Suche nach Alex. Weida fand ihre Freundin aufgelöst draußen am Pool stehend.

„Alex? Was ist los? ... Ist es wegen Patrick?”

Die Freundin wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln und nickte. „Er ignoriert mich schon den ganzen Abend! Ich habe das Gefühl, er interessiert sich nicht für mich.“

Weida schüttelte den Kopf. „Hast du ihn mal selbst gefragt?“

Alex zuckte mit den Schultern. „Wie denn? Ich bekomme ja keine Gelegenheit dazu!“

Die Schwarzhaarige seufzte und wollte gerade einen Vorschlag machen, als sie plötzlich lautes Grölen und Rufe aus dem Haus hörte. Ihre Freundin sah besorgt zu ihr herüber.

„Was ist denn da los?“

Weida zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, aber lass uns lieber mal nachsehen gehen.“

Als die beiden Frauen in das Wohnzimmer eintraten, zog die schwarzhaarige scharf die Luft ein. Ein Kreis aus Menschen hatte sich um zwei Gestalten gebildet. Einer der beiden, er hatte lockiges blondes Haar, tänzelte boxerisch um den anderen herum, als würde er versuchen, ihm gleich einen Schlag zu verpassen. Die betrunkenen Leute drumherum feuerten ihn an. Weida erkannte sofort, dass es sich bei dem anderen Mann um Jim handelte. Er stand ruhig und mit neutralem Gesicht da, folgte aber Williams Bewegungen genau.

„Na, du Schrotthaufen? Mal sehen, wer die besseren Reflexe hat. Du oder ich?“ Der Student lallte bereits und hatte eindeutig zu viel getrunken. Weida fasste sich genervt an die Stirn. „Was zum Teufel … Jim! Lass den Blödsinn und komm her!“

In dem Moment, als der Android sie hörte, und den Kopf zu ihr drehte, griff William an. Er landete einen Treffer an Jims Wange. Der Schlag schien diesen jedoch nicht groß zu kümmern, denn er verzog keine Miene, während sich der Student sich die schmerzende Hand schüttelte. Den zweiten Punch fing der künstliche Mann blitzschnell und mühelos mit der Hand ab.

„Lass mich los!“, rief William. Weida konnte sehen, dass das den jungen Mann nur noch aggressiver machte. Sie bereute zutiefst, solch einen Idioten Geküsste zu haben.

„Das reicht jetzt!“ Die junge Frau drückte sich an den Schaulustigen vorbei und griff William an der Schulter. Dieser schaute nicht einmal auf, stattdessen stieß er sie mit dem Arm beiseite. Der Stoß war nicht stark, jedoch trat Weida beim Zurückweichen auf eine Flasche und rutschte aus. Sie fiel nach hinten und landete unsanft auf dem Hosenboden. Jim war sofort zur Stelle und wollte ihr beim Aufstehen helfen. Jedoch wurde er von dem jungen Studenten dabei behindert, der ihren Sturz wohl überhaupt nicht mitbekommen hatte. Der Android zögerte kurz, dann stieß er William von sich weg. An sich keine skandalöse Geste hätte es sich um einen Menschen gehandelt. Bei einem Roboter war sie jedoch undenkbar. Plötzlich wurde es auf einen Schlag Still im Raum, von der laufenden Musik einmal abgesehen. Alle starrten sie auf Jim, der Weida an der Schulter wieder nach oben zog. Sie sah ihn an und konnte sehen, dass er fast so verwirrt aussah, wie sie selbst.

„Ich glaube, wir gehen wohl jetzt besser“, flüsterte Weida und Jim nickte wortlos. Sie warf einen entschuldigenden Blick zu Alex herüber und verließ rasch die Party. Das ist ja Mal richtig schlecht gelaufen! Draußen stapfte die junge Frau frustriert die Einfahrt entlang, zu ihrem Wagen.

„Weida, ich glaube, ich sollte fahren. Gib mir die Schlüssel.“

Sie drehte sich um und strafte den Androiden mit einem wütenden Blick. „Was war das gerade, Jim? Was zum Teufel war das?“

„Er hat damit angefangen. Ich hatte ihn nur gefragt, warum du ihn geküsst hast.“

Sie verzog den Mund. „Das meinte ich nicht. Aber ich wüsste auch nicht, was dich das angeht!“

Er zuckte die Achseln. „Ich war neugierig. Es hilft mir, mein Verständnis von menschlichen Beziehungen weiterzuentwickeln.“

Weida verlor langsam die Geduld. „Erklär mir lieber, wie du ihn schupsen konntest. Du bist doch den Gesetzten der Robotik unterworfen?“

„Das bin ich. Aber ich kann selbst entscheiden, ob ich mich an sie halten möchte oder nicht.“

Sie sah ihn perplex an. „Was? Aber wie kann das sein?“

„Ich sagte doch bereits, dass ich anders bin. Und jetzt gib mir die Schlüssel.“ Er streckte die Hand aus.

Weida überkreuzte die Arme vor der Brust. „Wieso sollte ich?“

„Weil es unvernünftig wäre, ganz einfach. Du hast dafür zu viel getrunken.“

Die junge Frau wusste, dass er recht hatte. Aber sie wollte nicht nachgeben.

„Nein.“

Jim verzog die Mundwinkel nach unten, dann nickte er. Weida beobachtete, wie der Android sich umdrehte, und zu ihrem Auto herüberging. Zu ihrem Entsetzen öffnete er die Motorhaube und fasste hinein. Nach einem kurzen Augenblick sprang der Wagen an.

„Kommst du?“, fragte er und stieg, als wäre es das Normalste auf der Welt, auf der Fahrerseite ein. Weida fluchte laut, setzte sich dann aber in Bewegung. Die ganze Fahrt über schaute sie trotzig aus dem Fenster.

„Warum hast du das getan Weida?“

„Was?“

„Du hast diesen Mann geküsst. Warum?“

„Weil ich Lust dazu hatte. Und jetzt halt die Klappe.“ Und weil du mich so unglaublich nervst, fügte sie in Gedanken noch hinzu.

„Bist du wütend auf mich?“

Sie gab ihm keine Antwort. Er parkte den Wagen in der Garage, und noch bevor der Motor ausging, öffnete Weida die Türe. Im Flur holte er sie ein.

„Warte!“

Die junge Frau blieb stehen, sah sich aber nicht um.

„Hasst du mich?“

Sie seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich hasse dich nicht persönlich. Ich hasse das, was du bist.“

Weida konnte sich den irritierten Ausdruck auf seinem hinreißenden Gesicht vorstellen. Sie schüttelte irritiert den Kopf.

„Ich würde dich besser küssen, als er es getan hat.“

Sie drehte sich ruckartig um. Jim stand hinter ihr und betrachtete sie mit erster Mimik. Plötzlich bekam Weida Herzklopfen. Warum? Er ist nur eine seelenlose Maschine. Warum hat er so eine Wirkung auf mich? Er sieht nur so aus wie ein Mensch.

„Geht es dir gut, Weida? Deine Herzfrequenz hat sich gerade erhöht.“

„Warum willst du das? Für deine Studienzwecke?“

Er sah zu ihr herüber und fuhr sich mit der Hand durch das rote Haar. Im schwachen Licht des Flurs wirkte seine Haut nicht wie die grau schimmernde Haut eines Androiden.

„Ich weiß es nicht.“

„Wie kannst du das nicht wissen?“

„Es ist irgendwie schwer zu beschreiben.“

Weida wusste, dass sie jetzt nach oben gehen sollte. Sie sollte nicht dort stehen bleiben. Sollte sich nicht umdrehen und langsam zu dem künstlichen Mann laufen. Und trotzdem tat sie es. Ihr Herz pochte immer schneller. Sie sah ihn an und wusste, dass sie etwas Falsches tat. Etwas, das sie nicht tun sollte. Alles an ihm war nicht echt, und trotzdem fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Sie verdrängte den Gedanken, stellte sich auf die Zehenspitzen und schlang ihre Arme um seinen Nacken. Seine Lippen waren warm und weich. Weida schloss die Augen und Jim drückte sie vorsichtig an sich. Dann öffnete er weiter den Mund und strich mit seiner Zunge über ihre. Es fühlte sich weder rau noch trocken an. Der Gedanke, dass er tatsächlich so etwas wie Speichel besitzen musste, gab ihr eine Gänsehaut. Doch sie konnte sich nicht weiter darauf konzentrieren. Weida bekam weiche Knie. Er hat tatsächlich recht. Er küsst wirklich verdammt gut. Ob er dafür extra recherchiert hat? Die Schwarzhaarige konnte sich das irgendwie nur schwer vorstellen. Sie spürte, wie sie immer erregter wurde. Was tue ich da eigentlich? Fährt es ihr auf einmal durch den Kopf. Erschrocken wich sie mit einem Schlag zurück.

Der Android schaute sie unsicher an.

„Habe ich etwas falsch gemacht?“

Weida drehte sich um und rannte wortlos nach oben. Sie ließ sich aufs Bett fallen und vergrub den Kopf in ihrem Kissen. Ich glaube, ich verliere allmählich den Verstand.




Fortsetzung
 
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jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Willkommen auf/in/unter der Leselupe!

Als Einstiegshilfe haben wir für neue Mitglieder einen Orientierungsthread im Forum Lupanum angelegt. Vielleicht kannst du in deiner Geschichte noch die Leerzeilen-Flut bereinigen.

Doch kurz was zum Text:

Beim Drüberlesen über alle Teile fand ich einige Male Zeitfehler: Du wechselst mittendrin in die Gegenwart, ohne dass es einen Grund dafür gäbe. Und: Es gibt doch einige Fehler wie "viel" statt "fiel", Fehler in der Groß-Klein-Schreibung, fehlende Leerzeichen vor dem Auslassungszeichen (…) und Absatzfehler bei Dialogen. Aber das sind keine "schlimmen Probleme", du solltest sie nur während der Überarbeitungsphase beheben.

Den Anfang hier empfand ich als etwas lieblos aufgezählt (vor allem den ersten Absatz).

Die meisten langen Absätze kannst du problemlos aufteilen, so dass sie nicht wie "Klopper" in der Gegen rumliegen. Beim Lesen fühlen die sich an wie riesige Findlinge auf dem Kiesweg – man kann eigentlich ganz bequem wandern (lesen), aber manchmal steht man vor einer Wand und muss klettern.

Mich stört, dass auch nach der "Bildlichmachung" der Figuren Äußerlichkeiten als Figurenanzeiger benutzt werden ("die Schwarzhaarige" z. B.). Ja, man soll Wortwiederholungen meiden - aber nicht um jeden Preis und vor allem nicht um den Preis, dass es wie krampfhaftes Synonyme-Suchen wirkt.
 


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