künstlich Kapitel 4-6

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Kapitel 4

Den nächsten Tag ging sie dem Androiden so gut wie möglich aus dem Weg. Was bedeutete, dass die junge Frau die meiste Zeit in ihrem Zimmer blieb. Doch nach mehreren Stunden in dem gleichen Raum hielt sie es irgendwann nicht mehr aus. Weida musste einmal nach draußen. Die Wände um sie herum rückten jede verstrichene Stunde näher an sie heran. Ihr Blick blieb an den Laufschuhen hängen, die neben ihrer Kommode lagen. Jim wird mich nicht allein gehen lassen. Sie lief zum Fenster herüber und schaute hinaus. Der Android hing gerade die Wäsche im Garten auf. Jetzt oder nie. Die Studentin zog sich um, schnappte sich ihre Turnschuhe und schlüpfte hinein. So leise, wie es möglich war, schlich sie sie die Treppe hinunter und verließ ungesehen das Haus.

Sofort lief Weida los, sie beeilte sich, schnell einen Abstand zwischen sich und ihrem zu Hause zu bekommen, damit Jim sie nicht doch noch aufspüren konnte. Aber schon bald musste sie das Tempo drosseln. Viel zu schnell fing ihre Lunge zu brennen an. Mit dem Versuch, sich von ihrer Qual abzulenken, ließ die junge Frau den Blick schweifen. Sie passierte ein altes Gebäude aus Backstein, dessen Hauswand mit Graffiti besprüht worden war. Parolen wie: Androiden stehlen unsere Jobs! Oder: Ein Menschenleben zählt mehr als ein Roboter, standen in bunter Schrift auf dem bröckelnden Putz. Ein flaues Gefühl machte sich in Weidas Magen breit. Sie wusste bereits vor dem Unfall, dass es immer mehr Menschen gab, die durch die Androiden in ihrem Job ersetzt worden waren. Aber die Schmierereien waren damals noch nicht hier gewesen. Langsam und außer Atem erreichte sie den Park. Das schöne Wetter hatte viele Leute nach draußen gelockt. Doch wenn Weida genauer hinsah, fiel ihr auf, dass die meisten Menschen mit einem Roboter unterwegs waren. Schnell ließ sie die grüne Oase hinter sich und erreichte das Einkaufsviertel der Stadt. Hologramme und Reklametafeln machten dort Werbung für verschiedenste Geschäfte und Produkte. Als sie den großen Platz mit dem Denkmal von Isaak Asimov erreichte, merkte die junge Frau, dass sie eine Pause machen musste. Sie setzte sich auf eine Stufe direkt vor der Statue und wischte sich erschöpft den Schweiß von der Stirn. Ihr rastloser Blick fiel auf eine große Gruppe von Menschen am anderen Ende des Platzes, die eng aneinandergedrängt zusammenstanden. Polizisten versuchten, den Mob von den übrigen Passanten abzutrennen. Weida sah ihre Schilder, auf denen anti-Androiden-Parolen standen und bemerkte die wutverzehrten und müden Gesichter der Demonstranten. Ein derartig großes Ereignis war ihr neu, auch wenn es immer wieder Aufruhen gegen die Roboter gab. Nachdenklich betrachtete sie die aufgebrachten Demonstranten. Die Schwarzhaarige konnte die Leute irgendwie verstehen, verlor ihre Mutter doch ihren eigenen Job als Verkäuferin an einen Androiden. Arbeitsplätze werden abgeschafft, andere entstehen neu. Ich frage mich, ob Fortschritt immer nur auf Kosten anderer möglich ist.

Plötzlich bemerkt Weida eine kleine Gruppe von Leuten, die sich etwas abseits der Demonstranten hielten. Die Männer und Frauen pöbelten Androiden an, die den Fehler machten, ihnen zu nahe zu kommen. Ein Mann der Gruppe schaute in ihre Richtung. Dann machte er seinen Nebenmann auf Weida aufmerksam. Diese schluckte nervös.

„Hey!“

Die beiden kamen näher. „Bist du nicht das Mädchen, das als Einzige den Unfall auf der Denner-Brücke überlebt hatte?“

Sie schüttelte nur den Kopf. Sein Kumpel nickte. „Das ist sie! Ich habe ihr Bild im Fernsehen gesehen! Die Familie der Kleinen wurde durch einen Androiden getötet!“

Weida wollte das nicht hören. Sie spürt, wie sich ihre Atmung veränderte. Einen Anfall hier vor allen Leuten war das Letzte, was sie wollte. Die junge Frau bemerkte, wie ein Kamerateam, dass die Demonstranten filmte, auf einmal auf sie aufmerksam wurde. Sie bewegten sich neugierig auf sie zu. Weida wurde das alles zu viel. Schweiß tropfte ihr von der bereits feuchten Stirn. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und lief davon. Das war eine dumme Idee. Ich bin so bescheuert. Sie erreichte ihr Wohnviertel. Die Läuferin geriet nun endgültig außer Atem. Das Engegefühl in ihrer Brust wurde immer stärker. Weida strauchelte und fiel hin. Panik breitete sich in ihr aus. Wahrscheinlich half ihr das einschießende Adrenalin wieder auf die Beine. Ich muss hier weg. Schnell. Nach Hause.

„Weida!“

Sie drehte sich um. Für einen Moment hatte sie Angst, dass die Typen von vorhin sie verfolgt haben könnten. Doch es war Jim, der auf einmal hinter ihr stand.

„Wo warst du? Ich habe nach dir gesucht. Du solltest nicht allein unterwegs sein!“ Sein Blick fiel auf ihr rechtes Bein „Du blutest schon wieder. Bis du hingefallen?“

Weidas Knie waren plötzlich wie mit Wackelpudding gefüllt. Die Studentin knickten ein und sank auf den Boden des grau gepflasterten Gehwegs. Ein Gefühl unglaublicher Erschöpfung machte sich in ihr breit. Resigniert sah sie zu dem Androiden auf.

„Bringst du mich nach Hause?“

Der Android nickte. Wie selbstverständlich kniete er sich vor ihr ab, damit sie auf seinen Rücken klettern konnte. Huckepack mit ihr stand er auf und ging los.

„Du hast dich aus dem Haus geschlichen.“

„Ich kann machen, was ich will.“

„Aber es ist unvernünftig. Ihr Menschen seid so leicht zu beschädigen. Ich verstehe dich nicht. Aber anscheinend ist das ein generelles Problem.“

Weidas Atmung beruhigte sich langsam. Sie legte ihren Kopf an seiner Schulter ab. „Weil ich es nicht leiden kann, wenn andere über mich bestimmen. Und ich wollte dich nicht sehen.“ Der Android erwiderte nichts. Zu Hause desinfizierte er Weidas aufgeschürftes Knie und machte ein Pflaster darauf.

„Ich habe es falsch gemacht, oder?“

Sie wusste sofort, wovon er redete. Erinnerungen an den Kuss stiegen wieder in ihr auf.

„Ich war diejenige, die einen Fehler gemacht hat. Ich hätte das nicht tun sollen.“

„Warum? Hat es dir nicht gefallen?“

Der traurige Blick mit dem er sie ansah, ließ ihr Herz wieder schneller schlagen. Sie wusste genau, dass er es bemerkte.

„Nein, ich…“ Sie stockte, als sie sein lächelndes Gesicht sah. Weida wusste nicht warum, aber plötzlich fühlte sie sich unglaublich einsam. Sie schaute peinlich berührt zur Seite, dabei fiel ihr Blick auf den Wäschekorb, der neben dem Eingang stand. Er war bis an den Rand mit feuchter Bettwäsche gefüllt. Blau mit schwarzen Streifen. Weida riss erschrocken die Augen auf.

„Warst du in dem Zimmer meines Bruders?“

„Ja, ich habe…“

„Niemand hat dir das erlaubt!“, schrie sie ihn plötzlich an. Weida sprang von dem Stuhl auf, auf dem sie die während der Verarztung gesessen hatte und rannte nach oben. Als sie die offene Zimmertür von Adrian sah, blieb sie auf einmal wie angewurzelt stehen. Seit dem Tag des Unfalls hatte sie es nicht mehr betreten. Weida konnte es einfach nicht über sich bringen, die Präsenz ihres Bruders zu spüren, die dort auf sie wartete. Die junge Frau hatte das Gefühl, der Android hätte den Ort mit seinem Betreten entweiht. Sie machte vorsichtig einen Schritt nach vorne, dann noch einen. Ihr kam es vor, als würde ihr innerstes mit einem Ruck aus der betäubenden Dunkelheit gezogen, in der sie zuvor versunken war. Und je stärker dieses Gefühl wurde, desto schrecklicher fühlte sie sich. Jim war hinter hier aufgetaucht, aber Weida bemerkte ihn nicht. Die junge Frau stand zwischen Tür und Angel und betrachtete die Poster an den Wänden und den unordentlichen Schreibtisch, auf dem ein Computer stand. Sie erinnerte sich, wie oft ihre Eltern mit Adrian über seinen Medienkonsum gestritten hatten. Er war besessen von einem Online-Spiel gewesen, in dem man als sein eigener Avatar in einer Fantasy Welt leben konnte. Obwohl er älter, als sie war, lebte er noch immer hier. Wenn sie zu Besuch kam, hatte sie ihn kaum noch zu Gesicht bekommen. Er starb, ohne ein eigenes Leben geführt zu haben. Aber was hätte das auch für einen Sinn gehabt?

„Weida!“

Die junge Frau zuckte erschrocken zusammen. Sie hatte den Androiden komplett ausgeblendet.

„Das hier ist das Zimmer meines Bruders.“ Sie strich über den mit einer Staubschicht bedeckten PC-Bildschirm.

„Du vermisst ihn.“

Weida sah auf. „Das stimmt. Genauso wie meine Eltern. Aber sie werden nie wieder zurückkommen. Und wenn ich ehrlich bin, wünschte ich, dass ich auch nicht mehr hier wäre. Ich habe es versucht. Aber es ist einfach zu schwer. Ich bin ganz allein…“

Der Android schüttelte den Kopf. „Du bist nicht allein. Ich kann dir helfen, Weida. Du musst es nur zulassen.“

Sie zeigte ihm ein Lächeln, dass ihre Augen nicht erreichte. „Was weißt du denn schon davon. Überhaupt nichts!“

Er zog die Augenbrauen zusammen. „Ich habe viel über deine Situation gelesen. Frau Jenks hat mir sehr informative Lektüre gegeben.“

Weida schüttelte den Kopf. „Du hast keine Ahnung, wie ich mich fühle.“

„Du bist traurig, Weida. Dagegen kann ich nichts tun. Aber ich kann dir helfen, dich nicht so einsam zu fühlen.“

„Dir geht es nicht um mich. Du handelst so, weil dein Programm es dir befiehlt. Und du machst einen ziemlich schlechten Job.“

Jim machte einen Schritt auf sie zu. „Ich hätte gehen können. Aber ich wollt bleiben. Bei dir.“

Er machte einen weiteren Schritt und war jetzt so nah, dass sie seine langen Wimpern einzeln betrachten konnte. Plötzlich schnellte Weidas Hand vor und sie gab ihm eine Ohrfeige. Auch wenn sie wusste, dass ihn das wenig störte, gab es ihr ein Gefühl der Genugtuung.

„Betritt nie wieder dieses Zimmer! Und auch nicht das meiner Eltern. Und jetzt geh mir aus den Augen!“

Als er keine Anstalten machte sich zu rühren, drückte sie sich an ihm vorbei. Der Android drehte sich um und lief ihr nach.

„Warte Weida!“

Sie blieb nicht stehen. Jim holte sie ein und hielt sie auf, indem er sie am Arm fasste.

„Lass mich sofort los!“

Sein Griff löste sich, aber stattdessen beugte er sich herab und umarmte sie. Etwas perplex, wusste sie für einen Moment nicht, was geschah. Bevor sie etwas sagen konnte, hatte er sich schon wieder von ihr zurückgezogen. Der Blick seiner goldenen Augen hatte etwas Schmerzliches.

„Tut mir leid,“ sagte er nur, dann ging er davon.



Am Abend klopfte er an ihre Zimmertür. Weida fühlte sich an diesem Tag in einem wahren Gefühlschaos gefangen. Aber sie drängte die Gedanken, die in ihr aufstiegen zur Seite.

„Ja?“

Der rothaarige Android trat in ihr Zimmer. „Wir haben Post von Gaia Cooperations erhalten. Soll ich die Nachricht vorlesen?“

Gaia? Was wollen die denn von mir?

„Wirf sie auf den holographischen Bildschirm. Ich will sie selbst lesen.“

Jim nickte und tat wie geheißen. Von einer Sekunde auf die andere erschien die Nachricht vor ihnen. Weida überflog sie rasch, dann musste sie sie noch einmal erneut beginnen.

„Gaia lädt uns beide zu einem Treffen ein? Sie wollen anscheinend deine Fortschritte überprüfen…“

„Wirst du hingehen?“, fragte Jim vorsichtig.

Sie sah ihn verstimmt an. „Wieso sollte ich? Ich habe nie etwas von ihnen gewollt. Was kümmert mich Gaia?“

„Weida…“

„Was?“

„Es geht doch nur um ein Treffen. Und ich würde gerne dorthin gehen. Meine ersten Erinnerungen stammen von diesem Ort.“

„Das ist mir doch egal. Wenn du es so sehr willst, kannst du doch allein gehen.“

„Und wer passt dann auf dich auf?“ Der Android lächelte vorsichtig.

Die junge Frau überkreuzten ablehnend die Arme vor der Brust. „Wirklich witzig, Jim. Wo ist dieser Firmensitz überhaupt?“

„Er ist ungefähr 12 Kilometer von hier entfernt. Sie schicken uns einen Wagen, der uns abholt.“

„Wie nett von ihnen.“

„Komm schon, Weida. Ich würde dir gerne den Ort zeigen, an dem ich erschaffen wurde.“

Die Schwarzhaarige merkte, wie ihr Widerstand langsam bröckelte. Sie seufzte: „Ich überlege es mir…“

„Danke.“



Ein paar Tage später holte sie ein weißer Geländewagen ab. Der wortkarge Fahrer nickte ihnen kurz zur Begrüßung zu, dann fuhren sie los. Während Weida mit schlechter Laune vor sich hin starrte, schaute Jim während der Fahrt immer wieder aus dem Fenster.

Die junge Frau sah nachdenklich zu dem Androiden herüber. „Bist du aufgeregt, Jim?“

Er drehte sich zu ihr um. „Aufgeregt? Vielleicht nennt man das so. Jedenfalls will ich, dass wir endlich da sind.“

„Dann bist du zumindest ungeduldig.“

Das Auto bog in ein Waldstück ab. Zwischen den Bäumen bemerkte Weida die Umrisse eines riesigen Gebäudes. Als sie langsam mehr Details ausmachen konnte, erkannte sie den Wolkenkratzer in der Mitte der Anlage, der von weiteren, kleineren Gebäuden kreisförmig umringt wurde. Alles war in schlichten weiß gehalten. Der Mann an der Pforte besaß eine Uniform in der gleichen Farbe. Sie mussten noch ein paar weitere Barrieren passieren, dann endlich hielt der Fahrer direkt vor dem riesigen Hochhaus an. Auf dem Brunnen vor dem Gebäude war eine Statue des Firmenlogos zu sehen – ein silberner Android, der die Welt auf seinen Schultern trägt. Weida und Jim stiegen aus und wurden sogleich von einer hübschen Frau mit hellblonden, langen Haaren und goldene Augen begrüßt. Ihre Haut besaß wie bei Jim nur noch einen grauen Schimmer.

„Herzlich willkommen auf dem Gelände der Gaia Cooperation. Ich hoffe, sie hatten eine angenehme Fahrt. Und willkommen Zuhause, Jim.“

Als Weida keine Anstalten machte zu antworten, übernahm der rothaarige Android für sie.

„Danke Clara. Das hier ist Weida, meine Besitzerin.“

Die junge Frau schnaubte bei diesen Worten nur verächtlich aus. „Was will Gaia von mir?“

Die hübsche Androidin lächelte. „Schön dich kennenzulernen, Weida. Frau Mendez erwartet euch bereits. Wenn ihr mir bitte folgen würdet?“

Die Studentin riss überrascht die grün-braunen Augen auf. Mendez will uns persönlich treffen? Was will die Chefin von Gaia wohl von mir?

Sie führte die beiden durch mehrere Sicherheitskontrollen zu einem gläsernen Aufzug, bei dem selbst der Boden aus dem gleichen durchsichtigen Material gefertigt worden war. Weida wurde etwas mulmig zu Mute. Sie versuchte, während der Fahrt nicht nach unten zu sehen. Auf einmal spürte sie Jims Hand, die kurz die ihr drückte. Und tatsächlich wurde sie dadurch, zu ihrer eigenen Überraschung, etwas ruhiger. Verärgert über sich selbst, hielt sie den Blick starr nach vorne gerichtet. Er ist nur eine Maschine Weida. Reiß dich zusammen! Die Türen des Aufzugs sprangen auf und öffneten die Sicht auf ein modern ausgestattetes Büro, das die gesamte obere Etage einnahm. Auch hier waren alle Wände verglast. Donna Mendez, die Geschäftsleiterin von Gaia, saß geschäftig an ihrem Schreibtisch. Wenn sich Weida richtig erinnerte, war die Frau mittleren Alters die wohlhabendste Person des ganzen Landes. Ihre perfekt sitzenden kurzen schwarzen Haare und ihre mit rotem Lippenstift geschminkten Lippen hoben sich deutlich von dem weißen Hosenanzug, in dem sie steckte, ab. Als die beiden zusammen mit Clara näherkamen, sah die durchaus attraktive Frau auf. Das kantige Kinn und die hohen Wangenknochen gaben ihrem Gesicht eine gewisse Schärfe. Wahrscheinlich ist sie eine knallharte Geschäftsfrau, dachte Weida.

„Ah, Frau Lokirson und Jim. Schön, dass ihr Zeit finden konntet. Kann ich euch irgendetwas anbieten? Vielleicht Kaffee oder Tee?“

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Danke, aber Nein. Und Weida reicht völlig aus.“

„Dann kannst du mich Donna nennen. Bitte nehmt doch Platz.“

Sie ging hinüber zu einer Sofalandschaft, setzte sich und deutete dann auf die leeren Plätze vor sich. Zögerlich folgte Weida der Aufforderung.

„Zunächst einmal, möchte ich mein Beileid zu deinem Verlust aussprechen. Es muss schrecklich sein, seine Eltern und seinen Bruder auf so tragische Weiße zu verlieren. Hast du noch andere Verwandte?“ Die Studentin schüttelte nur stumm den Kopf.

„So? Dann hoffe ich, dass Jim dir eine gute Gesellschaft in dieser schweren Zeit ist. Wie läuft es denn mit ihm?“

„Er ist kein besonders gehorsamer Android. Aber dass sollte er wohl auch nicht werden, oder?“

Mendez dunkle Augen ruhten für einen Moment auf ihr. „K3H78 ist das Produkt unserer neusten Forschungen. Er ist anders als alle anderen Androiden zuvor. Er besitzt ein künstliches Nervensystem und ist dadurch in der Lage viel mehr wahrzunehmen als seine Geschwister.“

„Warum?“

„Wie bitte?“

„Warum einen Androiden erschaffen, der fühlen kann? Warum ihm Geschmacksknospen geben, wenn er sowie nichts Verdauen kann? Und warum, zum Teufel sind wir eigentlich hier?“

Die Geschäftsfrau nickte kühl. „Berechtigte Fragen. Nun wir haben Jim in deine Obhut gegeben, um ihn zu testen. Er ist nicht für den Verkauf als Androide vorgesehen. Zu menschliche Roboter verkaufen sich nicht gut. Nein, Jim ist ein Experiment. Wir wollen sehen, wie er sich unter Menschen entwickelt.“

„Also bin ich das Versuchskaninchen.“

Zu ihrer Überraschung nickte Mendez. „In gewisser Weise schon. Aber es ging niemals eine Gefahr von ihm aus. Wir wollten nur sehen, wie er sich durch das Zusammenleben mit einem Menschen entwickeln würde. “

Weida wurde zusehends vorsichtiger. Irgendetwas war ihr nicht ganz geheuer an ihr. Dann fiel der jungen Frau plötzlich etwas ein, und ihre Kehle schnürte sich zusammen. Kurz überrascht von ihrer eigenen Reaktion ließ sie einen Moment verstreichen, bevor sie schließlich fragte: „Wollen sie ihn wieder zurücknehmen?“

„Ich gehöre Weida. Ich werde nirgendwo hingehen.“ Jim sah erst zu ihr, dann zu der Frau im weißen Hosenanzug herüber. Überrascht starrte Mendez ihn an.

„Du bezeichnest dich selbst als ihr Besitz? Interessant… Hast du ihr denn nichts gesagt?“

„Mir was gesagt?“

Der rothaarige Android schüttelte nur den Kopf. Stattdessen antwortete die Geschäftsfrau ruhig: „Er hat dir verschwiegen, dass wir ihn dir nur geliehen haben. Auf unbestimmte Zeit. Je nachdem, wie sich die Sache entwickelt.“

Weida starrte Jim an. Warum hat er mir das nicht gesagt? Stille. Plötzlich kam ihr eine neue Frage in den Sinn.

„Kann er… kann er wirklich Gefühle haben? Oder sogar ein eigenes Bewusstsein?“

„Um das herauszufinden, seid ihr hier. Er ist mehr ein künstlicher Mensch als eine Maschine. Jedoch ist sein Gehirn ein Quantencomputer, wie bei all den anderen Androiden. Aber er hat mehr denkerische Freiheiten.“

„Er sagte mir, dass er frei wählen kann, ob er den Robotergesetzten von Asimov folgt oder nicht. Ist das nicht gefährlich?“

Donna Mendez lehnte sich zurück und lächelte. „Diese Gesetzte sind meiner Meinung nach zu vereinfacht. Nehmen wir doch einmal das erste Gesetz: Ein Roboter darf kein menschliches Wesen wissentlich verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen wissentlich oder nicht Schaden zugefügt wird. Dieselbe Richtlinie könnte man auch auf einen Menschen übertragen. Kein Mensch sollte einen anderen verletzen. So weit so gut. Was ist jedoch, wenn eine Verletzung unumgänglich ist, um ein Leben zu retten? Was ist mit Schaden, der unwissentlich zugefügt wird? Vielleicht durch Manipulation oder psychische Misshandlung? Kann ein Android so etwas überhaupt erkennen? Was ist zum Beispiel mit Selbstmord? Darf ein Roboter jemanden die Freiheit nehmen, über sein eigenes Leben zu entscheiden? Was ist, wenn ein Mensch unglaubliche Schmerzen hat? Euthanasie wäre für einen Androiden niemals möglich.“

Weida dachte nach. „Aber es sind letztendlich nur Maschinen. Warum sollten sie auch über solche Kompetenzen verfügen? Vom Toaster erwartet man schließlich auch nicht, dass er ethische Entscheidungen trifft.“

Jim musste bei ihren Worten lächeln. Die Geschäftsführerin von Gaia wollte gerade etwas erwidern, als sie von einem Mitarbeiter unterbrochen wurden.

„Frau Mendez? Wir wären jetzt so weit, mit den Tests zu beginnen.“

„Tests? Was für Tests denn?“ Die junge Frau schaute misstrauisch zu ihnen herüber.

„Nur eine Überprüfung seiner sozialen Fähigkeiten, keine Sorge. Und es dauert nicht allzu lange.“

„Kann ich mitkommen?“

Mendez schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber es darf niemand dabei sein, der ihn auf irgendeine Art beeinflussen könnte.“

Weida wollte gerade zu einer patzigen Antwort ansetzen, als der rothaarige Android sich zu ihr wandte. „Das ist schon in Ordnung. Ich vertraue ihr.“

Aber ich nicht! Sie zuckte aber stattdessen nur mit den Achseln. „Wie du meinst.“

Die Geschäftsfrau lächelte. „So lange du wartest, wird dich Clara etwas herumführen.“

Die hübsche Androidin nickte artig. Und ehe sich Weida versah, war sie mit ihr wieder im Fahrstuhl, auf dem Weg nach unten.

„Dir wird es hier sicherlich gefallen, Weida. Ich werde dir zunächst einmal die Modelldesigner zeigen und danach die Fertigungshallen. Nicht viele Außenstehende, haben das Privileg, einen Einblick in die Gaia Cooperation zu erhalten.“

Die Schwarzhaarige hörte der Androidin nur mit einem Ohr zu. Zu sehr wahr sie in Gedanken noch in das Gespräch vertieft, dass sie vorhin mit Donna Mendez geführt hatte. Weida und ihre Führerin passierten nach und nach weitere Türen im Forschungsgebäude. Die junge Frau sah unfertige Androidenhüllen und Mitarbeiter, die an ihnen herumbastelten. Es hatte alles etwas Surreales. Danach kamen sie eine Tür mit der Aufschrift: Achtung, Zutritt nur von Personen der Sicherheitsstufe A erlaubt, vorbei. Weida blieb neugierig davor stehen.

„An was wird denn in diesem Bereich gearbeitet?“

Clara drehte sich zu ihr um und lächelte. „Hier werden die neusten technischen Errungenschaften von Gaia Cooperations entwickelt.“

„Kann ich mir das einmal anschauen?“

„Tut mir leid, aber der Zugang ist beschränkt.“

Weida hatte mit dieser Antwort schon gerechnet. Die Androidin führte sie wieder in die Empfangshalle zurück, wo Jim bereits auf sie wartete. Derselbe Mitarbeiter von vorhin stand neben ihm, und wirkte im Vergleich zu dem größeren Jim klein und gedrungen. Seine braunen Haare waren zerzaust und fettig.

„Wir sind so weit fertig mit den Tests und sehr zufrieden. Er entwickelt sich gut! Besser als wir uns es hätten erträumen können.“èeŽ®[wY

\!Ž®[w Die junge Frau schaute besorgt zu dem Androiden hoch.

„Mir geht es gut Weida, keine Sorge.“

Sie wendete den Blick ab und nickte verlegen.

„Ein Wagen wartet bereits auf sie.“ Der Mann holte einen Holographen aus seinem Kittel und aktivierte ihn. „Frau Mendez möchte sie übrigens noch daran erinnern, dass ihr Vater bei dem Kauf ihres letzten Androiden ein Dokument unterzeichnet hatte, das jeglicher Kontakt von ihm oder Familienmitgliedern mit der Presse oder anderen Einrichtungen über Gaia Cooperations und ihre Produkte untersagt. Wollen sie von dem Vertrag zurückzutreten, können sie dies natürlich tun. In diesem Fall ist Gaia jedoch berechtigt, den entsprechenden Androiden wieder einzuziehen.“

Das holographische Abbild des Dokuments schwebte über ihnen. Die junge Frau verzog den Mund. „Das heißt, wenn etwas über Jim und seinen besonderen Fähigkeiten an die Öffentlichkeit gerät, werden sie ihn mir unverzüglich wegnehmen?“

Der Mitarbeiter nickte. Jim stellte sich zu Weida und fasste sie beruhigend an der Schulter. „Mache dir keine Sorgen. Das wird nicht passieren.“ Sie sah den festen Blick seiner goldenen Augen und fragte sich, was genau er damit meinte.

Der Fahrer brachte sie auf direktem Weg wieder zurück in die Stadt. Weida schaute während die Landschaft an ihr vorüber zog, nachdenklich aus dem Fenster. Dieser Donna Mendez traue ich nicht über den Weg. Die Frau hat irgendetwas vor. Warum sonst sollte sie sonst versuchen, einen künstlichen Menschen zu erschaffen? Sie ist keine Forscherin, sondern Geschäftsfrau. Die junge Frau starrte geistesabwesend auf ihr Handy. Es war bereits später Nachmittag und ihr Magen begann plötzlich laut zu knurren an. Sie schielte peinlich berührt zu Jim herüber, der sie wie gewohnt freundlich anlächelte.

„Wenn du Hunger hast, können wir auch etwas im Stadtzentrum essen gehen. Willst du das?“

Sie sah ihn direkt in die goldenen Augen. „Warum hast du mir die Sache mit deiner Leihgabe verschwiegen?“

Sein Gesicht wurde wieder ernst. „Weil ich über mich selbst bestimmen wollte. Und weil ich der Überzeugung bin, dass du mich brauchst.“

„Dir macht es also etwas aus, wenn andere über dich bestimmen? Aber dich als meinen Besitz zu bezeichnen ist in Ordnung für dich?“

„Es war mein freier Wille, also warum nicht?“

Weidas Magen knurrte erneut.

„Also? Sollen wir etwas essen gehen?“

Genervt sah sie wieder hinaus. „Das hast du doch sowieso schon entschieden, oder?“

Der rothaarige Android lächelte verschmilzt und gab dem Fahrer dementsprechend Anweisungen. Dieser hielt ein paar Minuten später in der Nähe des Parks und die beiden verabschiedeten sich von ihm. Die Sonne schien und es waren viele Passanten unterwegs. Die junge Frau seufzte. „Wohin sollen wir gehen?“

„Wie wäre es dorthin?“ Er zeigte auf ein Eiscafé mit bunten Türen und albernen Figuren auf den Ladenfenstern. Die Schwarzhaarige schluckte. Sie kannte den Ort. Als Kind war sie an warmen Sommertagen oft mit ihrer Familie hier gewesen. Sie konnte sich erinnern, wie ihr Bruder hier einmal in einem Tobsuchtsanfall sein Eis vom Tisch gefegt hatte.

„Wir können auch woanders hingehen.“ Jim hatte ihren verkniffenen Gesichtsausdruck bemerkt.

„Nein, ist schon in Ordnung. Etwas Eiscreme zum Mittag passt zu diesem ungewöhnlichen Tag. Gehen wir rein.“

Das Café war gut besucht. Sie hatten Glück, das gerade ein Tisch für sie frei wurde. Jim nahm sofort die Karte, blickte eine Sekunde darauf und gab sie dann an Weida weiter.

„Du bist einer von der ganz schnellen Sorte was?“

„Ich bin noch nie in so einem Geschäft gewesen. Es ist sehr bunt hier.“

„Willst du auch etwas?“

„Nein, Danke.“ Sagte er schnell. „Das wäre nur Geld sowie Lebensmittelverschwendung. Ich brauche so etwas nicht.“

Sie zuckte mit den Achseln. „Aber bist du nicht neugierig, wie alles schmeckt? Ich meine, es gibt so viele Dinge, die du noch nicht probiert hast…“

Jim lächelte. „Ich habe nicht eine so ausgeprägte neuronale Verbindung zur Nahrungsaufnahme, wie ihr sie habt. Vieles wird bei euch in der Kindheit geprägt. Eure Vorlieben sowie eure Abneigungen. Bei mir fehlt eine Seuche emotionale Bindung zum Essen. Außerdem geht mit dem Konsum von organischem Material häufig eine starke ethische Komponente einher, der ich damit aus dem Weg gehe.“

Die junge Frau blinzelte überrascht, nickte aber schließlich. „Wir Menschen sind nicht besonders gut darin, Verantwortung für unsere Taten zu übernehmen. Keine Frage. Und wenn ich es recht bedenke, sollten wir uns in der Öffentlichkeit mit deinen speziellen Fähigkeiten zurückhalten.“

Die Bedienung trat an sie heran. Die Studentin bestellte die Nummer 42 auf der Karte und etwas zu trinken. Plötzlich richtete der rothaarige Android seine Augen auf etwas hinter Weida. Diese drehte sich kurz um und folgte seinem Blick. Hinter ihnen saß ein Pärchen, das heftig und ungeniert miteinander flirtete. Die Schwarzhaarige drehte sich schnell wieder um. „Starr doch nicht so, Idiot!“ Zischte sie ihm zu.

„Sie werden mich nicht bemerken. Also warum nicht?“

„Weil es unhöflich ist, deshalb.“

„Aber äußerst lehrreich! Wie schnell ihre Herzen schlagen! Und die Frequenz ihrer Atmung ist ebenfalls erhöht. Die Pupillen weiten sich leicht. Bei dem Mann etwas mehr als bei der Frau. Es werden Pheromone produziert, die wolkenähnlich um sie herum schweben…“

„Jim!“

In diesem Moment kam die Kellnerin und brachte ihr einen Eisbecher und eine Cola. Die junge Frau nickte ihr dankend zu und starrte verärgert zu dem Androiden herüber. Dann nahm sie einen Löffel von der Eiscreme und reichte ihm diesen. „Los probiere schon! Bevor ich es mir anders überlege. Oder uns jemand sieht.“

Jim sah auf den Löffel, dann wieder zurück zu ihr. „Was ist das?“

„Mein Lieblingseis.“

Er streckte sich zu ihrer Überraschung zu ihr herüber und nahm den Löffel in den Mund. Dann lehnte er sich wieder zurück.

„Geht es eigentlich noch auffälliger?“, flüsterte sie zu ihm herüber, konnte dabei aber nicht vermeiden, dass ihr Herz einen Satz machte. Jim sah sie mit seinen goldenen Augen durchdringend an.

„Niemand hier achtet auf das, was die anderen tun oder sagen, Weida. Keine Sorge.“

Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Wir sollten trotzdem vorsichtig sein.“

„Was für eine Sorte ist das?“

Sie ließ einen Moment verstreichen, bevor sie antwortete. „Pistazie. Magst du es?“

„Ab heute schon.“

Die junge Frau merkte, wie sie rot wurde, und senkte den Blick. „Was bist du Jim? Ein Mensch oder eine Maschine?“

Sein Gesichtsausdruck wurde auf einen Schlag ernst. „Viele meiner Komponenten sind zwar künstlich aber euren nachempfunden. Auch mein Gehirn. Meine Energiequelle jedoch, unterscheidet sich von eurer recht stark. Meine Lebensdauer ist, vorausgesetzt durch das wieder auffüllen meiner Speicher, unendlich. Ich kann mich selbst reparieren und beschädigte Teile austauschen. Vielleicht bin ich etwas dazwischen? Etwas komplett Neues?“

„Willst du das? Ewig leben?“

„Eine schwierige Frage. Ich weiß nur, dass ich darüber selbst entscheiden will.“

Sie sah ihn in die Augen und schluckte. „Aber wie kannst du dir sicher sein, dass du nicht dazu programmiert worden bist, nur ein Bewusstsein vorzutäuschen? Eine perfekte Illusion von Leben zu erschaffen?“

Er schüttelte den Kopf. „Wenn, wüsste ich es. Ich weiß, was für Programme bei mir installiert worden sind. Und keines davon hat mit Bewusstsein oder Persönlichkeit zu tun.“

„Keines?“

„Nein. Als ich aktiviert wurde, konnte ich überhaupt nichts. Ich war wie ein Säugling. Ich kann mich daran merkwürdiger Weiße kaum erinnern. So als wäre mein Bewusstsein nicht einfach plötzlich da gewesen, sondern allmählich entstanden. Und dass es noch immer am Entstehen ist.“

Die Schwarzhaarige dachte über seine Worte nach. „Vielleicht ist es bei den Menschen ja genauso. Vielleicht entwickelt sich unser Bewusstsein erst mit der Zeit. Kleinkinder können erst mit 3 Jahren ein Ich-Bewusstsein entwickeln.“ Sie sah zu ihm auf. „Wie alt bist du eigentlich, Jim?“

Er lächelte. „Ich wurde vor 3 Jahren 56 Tagen, 7 Stunden und…“

„Jaja ich habe es begriffen. Du bist schließlich Gaias neuste Errungenschaft. Du kannst also nicht sonderlich alt sein.“

„Aber ich bin schon recht weit für mein Alter, findest du nicht?“

Weida musste grinsen. „Das stimmt.“

Nach einer Weile verließen sie das Café. Der Himmel hatte sich mittlerweile mit grauen Wolken verdunkelt und es fielen bereits die ersten Tropfen.

„Sollen wir ein Taxi nehmen?“

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Von mir aus können wir gerne laufen.“

Der Android nickte und gemeinsam bewegten sie sich in Richtung Stadtpark. Nur noch wenige Passanten waren um diese Zeit unterwegs. Die meisten Leute befanden sich auf dem nach Hause zu ihren Familien und haben sich somit vor dem drohenden Unwetter in Sicherheit gebracht. Weida mochte solche Momente. Es war wie die Ruhe vor dem Sturm und man konnte spüren, wie sich die Luft allmählich elektrisch auflädt. Auf einmal bemerkte sie ein paar Gestalten, die auf einer Parkbank in einer Ecke herumlungerten. Sie tranken Bier und unterhielten sich lautstark miteinander. Es waren zwei Männer und eine Frau. Die Schwarzhaarige stockte kurz.

„Was ist?“ Der rothaarige Android schaute besorgt zu ihr herunter.

„Lass uns einen anderen Weg nehmen. Ich kenne die beiden Männer da drüben. Sie gehören zu den Demonstranten von vorgestern. Als ich Joggen war, habe ich die beiden gesehen, wie sie Androiden in der Stadt angepöbelt haben. Und mir gegenüber sind sie ebenfalls aufdringlich geworden. Anscheinend haben sie mein Bild in den Nachrichten gesehen und mich erkannt. Als sie mir zu nah kamen, bin ich davongerannt.“

Jim nickte verständnisvoll und die beiden wollten gerade einen anderen Weg einschlagen, als die Frau aus der alkoholisierten Gruppe auf sie aufmerksam wurde. Sofort stupste sie den Typen neben ihr an. Weida fluchte innerlich. Sie sah, wie die Gestalten einen Moment zu ihnen herübersahen und sich dann von ihrem Platz erhoben. Die Schwarzhaarige spürte, wie Jim ihre Hand griff. „Ich glaube, den sollten wir lieber aus dem Weg gehen. Kannst du rennen?“

Die junge Frau nickte. „Ja, aber sicherlich nicht so schnell wie du.“

Er lächelte sie an und zog sie mit sich. Als sie losrannten, konnte sie die Gruppe der zwielichtigen Gestalten etwas rufen hören. Weida blickte hinter sich und sah, dass diese die Verfolgung aufgenommen haben.

„Jim, sie verfolgen uns!“

„Keine Sorge, ich kenne die Stadt besser als sie.“

Die beiden liefen an einem alten Industriegebäude vorbei. Der Android bog plötzlich so schnell ab, dass die Schwarzhaarige ins Straucheln geriet. Jim zog sie mit sich in eine enge Spalte zwischen zwei Häuserwänden. Er hatte die Arme links und rechts von ihr ausgestreckt und berührte mit der Handfläche die Mauer hinter Weida. Durch die plötzliche Nähe würde ihr zusehends unwohler. Sie fühlte, wie ihr Herz fast aus ihrer Brust sprang. Die junge Frau sah zu Jim hoch, der mit angespanntem Gesichtsausdruck lauschte. „Sie kommen!“, flüsterte er. Weida hielt unwillkürlich den Atem an. Jetzt konnte auch sie die Schritte auf dem Pflaster hören. Die Gestalten rannten an der Häuserspalte vorbei und passierten die beiden, ohne sie zu bemerken. Die Studentin traute sich endlich wieder Luft zu holen. Sie sah zu Jim hoch, der ihr aufmunternd zunickte. Und auf einmal war da dieses Gefühl. Die junge Frau wusste nicht, wie ihr geschah. Sie reckte ihren Kopf und rückte enger an den künstlichen Mann heran.

„Weida…“ flüsterte er nur. Sie kam immer näher. Dann endlich berührten sich ihre Lippen. Weida fühlte sich wie eine verdurstende, die zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Wasser schmeckte. Jim drückte sie noch stärker an sich. Ihr Kopf war auf einmal wie leer gefegt. Ein paar Minuten lang gab es für sie nichts anderes, außer den Kuss zwischen ihnen. Doch dann schaltete sich langsam ihr Verstand wieder ein. Und dieser zog plötzlich eine unüberwindbare Wand zwischen ihnen hoch. Die junge Frau wich auf einmal erschrocken zurück und trat zurück auf die Straße. Regen fiel in immer größeren Tropfen auf den Asphalt. „Komm…“ sagte sie kühl zu dem Androiden, den Blick auf die Straße gerichtet. „…wir sollten uns beeilen.“ Jim nickte nur und sie liefen schweigend Richtung Wohnviertel. Weida bemerkte, dass er währenddessen immer wieder unschlüssig zu ihr herübersah. Sie jedoch, hielt den Blick starr auf den Weg vor ihnen gerichtet. Es geht nicht! Ich kann das einfach nicht. Als sie vor ihrem Haus ankamen, wurden die Schritte der jungen Frau energischer. Sie wollte sich nur noch in ihrem Zimmer verkriechen. Als Jim sie plötzlich am Arm packte und zurückhielt, zog sie überrascht die Luft ein.

„Was ...?“

„Warte! Es ist jemand im Haus!“

„Wie? Vielleicht Alex?“ Sie sah entsetzt zu ihm und dann auf das Haus.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Es ist auch sonst niemand, den wir kennen.“

Weida wollte fragen, woher er das so genau wissen könnte, schluckte die Frage jedoch herunter.

„Meinst du, es sind die Raufbolde von vorhin?“

„Nein. Es ist nur eine Person.“

Sie holte ihr Handy aus der Hosentasche. „Soll ich die Polizei rufen?“

„Ich werde einmal nachsehen. Du bleibst so lange hier. Die Polizei kann ich dann immer noch informieren.“

Der Android marschierte einfach los. „Warte! Du hast doch keine Ahnung, wer das sein könnte!“ Aber er hörte nicht auf sie. Die junge Frau rannte zu ihm und hielt ihm am Arm zurück. „Ich dachte, du wolltest ein besserer Diener sein, also hör gefälligst auf mich!“ Jim blieb unschlüssig stehen. In diesem Moment öffnete sich die Haustüre, und eine Frau, etwas älter als Weida, stand plötzlich vor ihnen. Sie hatte lockiges blaues Haar, das ihr in Form einer wilden Mähne vom Kopf abstand. Sie trug eine schwarze Lederjacke und enge Jeans in der gleichen Farbe. Mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck schaute sie zu den beiden herüber, die sie ihrerseits erschrocken musterten.

„Ihr habt mich ganz schön lange warten lassen. Wo zur Hölle habt ihr euch denn die ganze Zeit rumgetrieben?“

Keiner der beiden sagte etwas. Perplex starrten sie die Frau vor ihnen an.

„Jetzt bewegt eure Ärsche hier rein! Wir müssen reden.“ Mit diesen Worten ging die Unbekannte wieder hinein und schloss die Türe. Weida und Jim sahen sich irritiert an.

„Kennst du sie?“ Der Android blickte die junge Frau fragend an, diese schüttelte nur den Kopf. „So jemand wäre mir durchaus im Gedächtnis hängen geblieben. Was sie wohl will?“

„Sie ist in dein Haus eingebrochen. Wir sollten dennoch vorsichtig sein. Ich gehe zuerst.“

Die Studentin rollte mit den Augen. „Also gut, dann geh voran.“

Sie hatte den Fernseher angestellt. Der blaue Lockenkopf saß auf der Couch, die Füße, die in den massiven Stiefeln steckten, hatte sie bequem auf dem Wohnzimmertisch abgelegt. Sie zappte durch die verschiedenen Kanäle und schüttelte den wolligen Haarschopf. „Was für ein Müll! Das sehen sich also die Leute aus der Stadt an. Da weicht einem ja das Hirn auf! Und keine Berichterstattung über die Leute in den Slums. Natürlich!“ Sie schaltete den Holographen für den Fernseher aus und warf die Fernbedienung achtlos neben sich. Weida verstand kein Wort von dem, was die quirlige Frau vor ihr sagte.

„Wer bist du? Was tust du hier? Sag mir einen Grund, warum ich nicht die Polizei rufen sollte!“

Die Blauhaarige sah zu ihr auf und kniff die mandelförmigen Augen zusammen. „Ganz einfach. Sollten die Bullen hier auftauchen, bin ich vorher schon über alle Berge.“

„Und was willst du hier?“ Weida verlor allmählich die Geduld mit ihr.

„Du kannst mich Ran nennen.“ Die Frau stand auf und zeigte auf den Androiden. „Ich bin wegen ihm hier.“

Die Schwarzhaarige schaute zu Jim, der nur verwirrt die Augenbrauen zusammenzog.

„Was willst du von ihm?“

Ran sah sie ernst an. „Wir brauchen seine Hilfe.“



Kapitel 5

Weida sah sie abschätzig an. „Und wer ist dieses wir?“

„Warst du einmal in den Slums vor der Stadt?“ Die fremde Frau sah ernst zu ihr herüber.

„Was meinst du? Von welchen Slums redest du da?“

„Es stimmt also… Die reichen Städter wohnen also wirklich in ihrer kleinen perfekten Blase und haben keine Ahnung, was da draußen vor sich geht! Und wir einfachen Leute können uns von dem Dreck ernähren, den ihr als Müll bezeichnet! Du weißt nicht, von welchen Slums ich rede? Ich meine das Gebiet vor der Stadt, wo die Menschen wir Tiere leben müssen, weil sie von der Gesellschaft entsorgt worden sind. Sie alle sind Opfer des Fortschritts geworden, ihre Arbeit wird jetzt von Maschinen ausgeführt. Gaia Cooperations, der größte Arbeitgeber des Landes, hat sie alle auf die Straße gesetzt. Nun leben die Leute in dürftig zusammengenagelten Hütten, sterben an Unterernährung und Krankheiten, nur für so etwas wie das hier.“ Ran deutete mit wutverzehrtem Gesicht auf Jim, der ihr ruhig entgegenblickte. Sie ballte zitternd die Hand zur Faust, atmete langsam und kontrolliert aus, als würde sie versuchen, sich selbst wieder zu beruhigen. „Gaia gehören alle Nachrichtensender. Natürlich kontrollieren sie aufs Schärfste, was die Leute sehen dürfen und was nicht. Und sie versuchen, die Existenz der Slums zu vertuschen, so gut es nur geht, damit sie den Rest der Menschen in einer Illusion ihrer eigenen Unfehlbarkeit leben lassen können. Ihr habt keine Ahnung, wie es ist dort zu leben! Aber unsere Organisation wird all dem ein Ende setzen!“

Weida musterte die aufgebrachte Frau vor ihr. Könnte es stimmen, was sie sagt? Mendez könnte ich so etwas durchaus zutrauen…

„Es gibt auch hier bereits Demonstrationen gegen die Androiden.“

Die blauhaarige Frau wedelte nur abschätzig mit der Hand. „Sie lassen nur so viel Aufstand zu, wie sie wollen. Damit man nicht dahinter kommt, dass sie keine tiefere Kritik an sich selbst dulden. So werden die Menschen im glauben gelassen, eine freie Meinungsäußerung zu besitzen. Viele der Demonstranten werden sicherlich auch irgendwann in den Slums landen. Dafür wird Gaia schon sorgen!“

Die Studentin betrachtete Ran mit nachdenklichem Blick. „Ich traue Gaia nicht, aber nur dass wir uns verstehen, dir traue ich genauso wenig. Genau genommen traue ich niemandem.“ Sie konnte im Augenwinkel sehen, wie Jims Kopf zu ihr zuckte. Sie ignorierte es. „Hast du einen Beweis für deine Behauptungen? “

Ran ging auf einmal zielstrebig auf Weida zu. Der rothaarige Android war so schnell vor ihr, er muss sich mit übermenschlicher Schnelligkeit bewegt haben. Der Eindringling blieb abrupt vor ihm stehen.

„Ich warne dich, solltest du ihr irgendetwas antun wollen…“ Jim streckte seinen Arm schützend vor der schwarzhaarigen Frau aus.

Die Blauhaarige sah ihn finster an. „Zur Seite Blechmann. Ich werde deiner Herrin schon nichts tun.“ Sie drehte den Kopf wieder zu Weida, die gerade dabei war, Jims ausgestreckten Arm vor sich herunter zu drücken. „Schon gut.“ Flüsterte sie. Der Android trat zögerlich einen Schritt zur Seite.

„Du hast ihn im Griff, sehe ich.“ Ran verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich kann dir Fotos oder Videoaufnahmen dalassen, wenn du willst. Oder du kommst jetzt sofort mit und ich zeige dir alles direkt vor Ort. Es könnte nur schwierig werden, wieder zurückzukommen.“

„Warum?“

„Weil sie die Gegend bewachen. Deswegen.“

„Und wie bist du hierher gelangt?“

Die Blauhaarige lächelte. „Wenn ich nicht will, dass mich jemand sieht, tut es auch keiner. Jahrelange Übung.“

Weida zuckte nur mit den Achseln. „Du hast von einer Organisation gesprochen. Was wollt ihr von Jim? Und wozu?“

Die Punkerin lief daraufhin in die Küche und begann sich wie selbstverständlich, am Inhalt des Kühlschranks zu bedienen.

„Wir wollen eins: Gaia und ihre Maschinen zerstören.“

„Weil die Androiden eure Arbeitsplätze gestohlen haben? Die Roboter können dafür recht wenig. Es sind die Menschen, die sie erbaut haben und die sie gegen ihre lebenden Arbeitskräfte ausgetauscht haben. Am Ende haben wir mit unserer Nachfrage nach ihnen, uns selbst in diese Situation gebracht.“

„Es geht nicht nur darum!“ Ran sah zu Jim herüber. „Willst du denn gar nichts dazu sagen, Blechkiste? Du weißt doch sicherlich am besten von uns, an was Mendez und ihre Forscher tüfteln? Welche großartige Vision sie entgegenstreben?“

Die schwarzhaarige Frau sah abwartend zu dem künstlichen Mann herüber. Eine Pause entstand.

Jim schüttelte nach ein paar Sekunden den Kopf. „Ich kann dir da nicht weiterhelfen.“

„Aber du kennst den Grund, warum du konstruiert wurdest, oder nicht?“

Er sah mit seinen goldenen Augen emotionslos zu hier herüber und nickte schließlich. „Ich wurde erschaffen, um die Möglichkeiten des künstlichen, anorganischen Lebens zu testen.“

Die Blauhaarige nickte. Eine Vorahnung machte sich in Weida breit, und sie schluckte. Ein kurzer Moment der Stille breitete sich aus, bis sie wieder das Wort ergriff.

„Gaia versucht nicht mehr, Androiden zu erschaffen. Stattdessen wollen sie Menschen erschaffen, die weder Altern noch krank werden. Nicht mehr auf Nahrung angewiesen sind, sie aber als Genussmittel konsumieren können. Mendez will die menschliche Rasse von ihren organischen Ketten lösen.“

„Ich sehe schon, du bist nicht auf den Kopf gefallen.“ Ran nickte ihr anerkennend zu. „Wir haben einen Maulwurf in Gaia, der genau das herausgefunden hat. Das Projekt Übermensch.“

„Das kann niemals funktionieren.“ Weida schüttelte den Kopf. „Wie will sie Menschen in komplette Maschinen verwandeln? Das Gehirn muss doch noch vorhanden sein, damit wir wir sind. Und von einer Methode, das eigene Bewusstsein zu Isolieren und in ein Computerhirn zu übertragen, habe ich noch nie etwas gehört!“

Die blauhaarige Frau zuckte mit den Schultern. „Anscheinend ist sie nah dran, eine Möglichkeit zu finden. Und wenn das passiert, ist das unser aller Ende. Was glaubst du, wird dann passieren? Das Gleiche wie immer. Reiche Schnöseln werden sich in ihr unsterbliches und verbessertes Ebenbild verwandeln, während der Abschaum der Gesellschaft in seiner organischen Hülle langsam verreckt, bis keiner mehr von uns übrig ist. Klar würde das viele Umweltprobleme lösen und die Welt würde sich von uns endlich erholen können. Aber es geht mir gegen den Strich, dass sie dafür über Leichen geht. Und wenn es sich dabei um meine handelt, sowie so schon mal!“

„Gaia will also keine Androiden zu Menschen, sondern die Menschen zu Androiden umformen?“ Die beiden Frauen sahen zu Jim, der mit seinen goldenen Augen vor sich ins leere starrte. „Ich kann das verstehen. Wenn man lieber etwas anderes sein würde, als man wirklich ist. Es ist wie eine Sehnsucht, von der man weiß, dass sie niemals befriedigt werden kann.“

Mitleid stieg in Weida auf. Ran zog nur irritiert die Augenbrauen zusammen. „Was meinst du damit?“

„Mein Bewusstsein, ist das Bewusstsein eines Androiden, nicht das eines Menschen. Sollte ein Mensch zu einer Maschine werden, wäre es kein menschliches Bewusstsein mehr. Er wäre nicht mehr derjenige, der er vorher gewesen war. Sein Selbst würde in dem Moment aufhören zu existieren, wenn es die Verbindung zu seinem Gehirn verliert. Keiner kann vorhersagen, was dort in dem künstlichen Körper sein wird. Ein Bewusstsein, dass auf das Leben in einem organischen Körper ausgelegt ist, ist vielleicht überhaupt nicht kompatible mit einem anorganischen Körper.“

„Heißt das, du wirst uns freiwillig behilflich sein, Gaia Cooperation zu zerstören?“ Ran grinste zynisch. „Der Roboter denkt ja tatsächlich wie ein Mensch! Selbst er erkennt, dass Mendez gestoppt werden muss. Ihre eigene Schöpfung wird ihr verderben sein! Schöner kann ich mir ein Ende für sie nicht vorstellen.“

Der Android schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht gesagt, dass ich dir helfen werde.“

Ran verzog zornig die Augenbrauen. „Was soll das heißen? Du bist der einzige, der dazu in der Lage ist, das Sicherheitssystem von Gaia zu überwinden! Kein anderer Roboter hat die Macht des eigenständigen Handels bekommen, indem er nicht den Gesetzen der Robotik unterworfen ist! Du bist der Einzige, Android, der die Fähigkeit bekommen hat, sich gegen seinen Schöpfer zu richten!“

„Das bedeutet jedoch nicht, dass ich das automatisch tun werde. Aus ethischer Sicht habe ich nicht das Recht mich einzumischen.“

Die Blauhaarige schüttelte den Kopf, dass die Locken flogen. „Dafür ist es zu spät! Deine Existenz allein ist schon Einmischung genug. Keine Entscheidung, ist automatisch auch eine.“

Als Jim keine Anstalten machte, etwas zu erwidern, schaute Ran plötzlich zu Weida herüber. „Was ist, wenn sie dich darum bitten würde? Oder ihr leben davon abhängen würde? Würdest du es dann tun?“

Erschrocken und verwirrt wartete die Schwarzhaarige, was der Android antworten würde. Jim sah erst zu Ran herüber, bevor sein Blick auf Weida fiel. Sie fürchtete sich vor dieser Antwort, wie sie sich schon lange nicht mehr vor etwas gefürchtet hatte. Ihr Magen zog sich zusammen und ihr Herz pochte schneller. An der Art, wie sein Blick sich veränderte, wusste sie, dass Jim es gehört hatte.

Als der Android endlich antwortete, glaubte die junge Frau, ihr Herz würde ihr jeden Moment aus der Brust springen.

„Vielleicht.“

Ran verzog den Mund, während Weida keine Miene verzog. Zu überrascht war sie von dieser Antwort. Ihr ungebetener Gast schien sich damit nicht zufriedengeben zu wollen.

„Was soll das heißen, vielleicht? Ich will eine klare Antwort haben, Android!“

„Es gibt auf diese Frage keine klare Antwort. Müsste ich wählen müssen, könnte ich dir erst eine Antwort geben, wenn es so weit ist. Aber sei gewarnt, wenn du oder deine Leute ihr irgendetwas antun wollen, wenn ich nicht kooperiere…“

„Wir wissen, wozu du fähig bist, Jim. Deshalb brauchen wir dich ja auch.“

Die blauhaarige Frau seufzte schließlich. „Ich wollte eigentlich nicht so weit gehen, aber mir bleibt wohl nichts anderes übrig.“ Sie blickte wieder zu Weida. „Gaia hatte den Systemfehler bei eurer Androidin Lizzy absichtlich installiert, damit sie bei der Heimfahrt von der Wartung eine Fehlfunktion erleiden würde. Dein Vater, Weida, hat heimlich gegen sie gearbeitet. Sie wollten ihn aus dem Weg räumen lassen. Dass noch andere Personen in dem Fahrzeug sitzen könnten, war ihnen herzlich egal.“

Stille machte sie breit.

„Du lügst!“ Flüsterte die junge Frau. „Mein Vater war nicht so jemand. Und warum sollten sie dann ausgerechnet Jim zu jemanden wie mir schicken? Zu der Tochter ihres Feindes?“

„Ich lüge nicht. Mendez benutzt dich nur. Wenn ihr perfekter menschlicher Androidenschönling es schafft, jemanden einzunehmen, der wie kein anderer einen Grund hat, diese Blechbüchsen zu hassen, zeigt es ihr nur, wie gut ihr die Kopie eines Menschen gelungen ist. Aber wer würde bei ihm denn nicht schwach werden, hm?“

Weidas Gedanken rasten. Sie merkte, wie ihre Kehle sich immer mehr zuschnürte. „Wusstest du davon?“ Sie sah zu Jim hoch, der entschieden den Kopf schüttelte. „Nein. Ich wusste nur, dass ich zu jemanden geschickt werden sollte, der meine Hilfe braucht. Ich wusste vorher nicht, wer du bist, Weida, oder dass ich so empfinden würde, wie ich es jetzt tue. Bitte glaube mir.“

Die Schwarzhaarige fasste sich an den Hals und begann, hektisch zu atmen. Sofort war Jim bei ihr und hielt eine Papiertüte in seinen Händen.

„Was ist denn mit ihr?“ Ran sah abschätzig zu Weida, die keuchend auf die Knie sank.

„Das ist deine Schuld! Du hast sie zu sehr aufgeregt.“ Der Android verzog wütend die Augenbrauen.

Die Blauhaarige zuckte nur mit den Achseln. „Ich gebe euch etwas Bedenkzeit. Wenn du, Blechmann und Weida euch uns anschließen wollt, treffen wir uns morgen Abend vor der Statue von Asimov. Ihr werdet nur das mitnehmen können, was ihr am Körper tragen könnt.“

Mit diesen Worten war Ran verschwunden. Weida versuchte verzweifelt, sich aus eigener Kraft wieder einen normalen Atemrhythmus aufzuzwingen, merkte aber, wie ihr immer mehr die Luft wegblieb. Schließlich gab sie auf, griff nach der Tüte in Jims Hand und setzte sie sich an den Mund. Nach einer Weile hatte sie sich wieder beruhigt. Erschöpft lehnet sie den Kopf gegen die Wand hinter ihr. Der künstliche Mann setzte sich neben sie. So saßen die beiden für ein paar Minuten schweigend auf dem weißen Küchenboden. Dann nahm Weida ihren gesamten Mut zusammen.

„Was ist das für ein Gefühl, das du für mich empfindest, Jim?“

„Du würdest nur wütend werden, wenn ich es sage.“

Die Schwarzhaarige schüttelte den Kopf. „Das ist nicht echt. Du bist nur ein Android.“

„Ein einfacher Android könnte nicht fühlen. De facto bin nicht nur eine seelenlose Maschine.“

„Du kannst aber auch kein normaler Mensch sein. Jemand wie du würde sich nicht in so jemanden wie mich verlieben. Wir würden nicht in derselben Liga spielen.“

„Dann ist es doch gut, dass ich kein normaler Mensch bin, oder?“ Entgegnete Jim trotzig. Plötzlich drehte sich Weida zu ihm um und fiel ihm in die Arme. Überrascht sah er zu ihr herunter. Sie vergrub das Gesicht an seine Hals, damit er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Der Android erwiderte die Umarmung zunächst vorsichtig, dann drückte er sie enger an sich heran. Er hat eine Art, mich zu umarmen, als würde er für immer Lebewohl sagen müssen ...

„Weida? Ist alle in Ordnung?“

Die junge Frau schüttelt den Kopf. „Nichts ist in Ordnung. Überhaupt nichts. Und jetzt halte die Klappe.“

Sie konnte spüren, wie Jim nickte.

„Du willst für immer bei mir bleiben?“

Wieder ein nicken. Weidas Kopf wurde auf einmal ganz heiß.

„Du bist wirklich ein Idiot.“

Auf einmal wurde die Stille um sie herum, durch ein Klirren unterbrochen. Ein Stein hatte das Küchenfenster durchschlagen und war genau vor ihren Füßen gelandet. Der Android hatte sich blitzschnell über sie gebeugt und sah Weida mit strengem Blick an. „Du bleibst unten. Ich werde durch das Fenster sehen. Ich glaube, wir haben schon wieder unangemeldeten Besuch bekommen.“ Als Jim aufstand und vorsichtig nach draußen blickte, dauerte es nicht lange, bis er Gesellschaft bekommen hatte.

„Ich sagte doch, du sollst unten bleiben!“

Weida blickte unbeeindruckt aus dem Fenster, dann weiteten sich ihre Augen angsterfüllt. „Das sind die Typen aus dem Park! Was wollen die nur von mir? Und anscheinend haben sie sich Verstärkung geholt.“ Es müssen fast zehn Männer und Frauen sein, die sich vor ihrem Haus versammelt hatten. Und es sah nicht danach aus, als hätte sie ausschließlich gute Absichten mitgebracht. Manche von ihnen waren mit Eisenstangen oder Baseballschlägern bewaffnet.

„Bringt die Androiden-Schlampe um!“ rief eine von ihnen.

„Sie lässt sich von Gaia mit einem neuen Roboter kaufen! Diese Hure! Zeigen wir ihr, was die kleine Fotze verdient! Nieder mit den Androiden!“

Weitere Stimmen mit Schmährufen wurden Laut. Die junge Frau schluckte schwer. Jim schüttelte den Kopf. „Genug jetzt! Ich rufe die Polizei.“

Weida zog ihn schockiert wieder zurück zu Boden. „Auf keinen Fall! Wenn Gaia davon erfährt, werden sie die Leute da draußen womöglich auch beseitigen, wie sie es mit meinem Vater getan haben. Wir müssen fliehen.“

Der künstliche Mann sah sie für einen Moment überrascht an, doch dann nickte er. Weida rannt nach oben in ihr Zimmer und packt hektisch ein paar Sachen zusammen. Als ihr Blick auf das Bild fiel, dass auf ihrem Nachttisch stand, zögerte sie kurz, dann nahm sie das Foto aus dem Rahmen und steckte es sich in die Hosentasche. Jim wartete bereits auf sie. Er hatte einen Rucksack auf.

„Wie hast du das alles so schnell einpacken können?“

„Ich wusste genau, was wir brauchen werden. Wir sollten los, sie sind bereits an der Vordertür.“

Die junge Frau konnte die Schläge hören, mit denen sie das Holz am Eingang bearbeiteten. „Was ist der beste Fluchtweg?“

Jim nahm ihre Hand. „Über den Zaun und das Nachbargrundstück nach Norden. Und dann kommt es darauf an, wohin wir wollen.“

Sie rannten los. Die beiden kletterten über Zäune und durch Gärten der angrenzenden Nachbarschaft. Schließlich erreichten sie eine breitere Straße.

„Ein paar Minuten in diese Richtung gibt es ein Hotel. Dort könnten wir über Nacht bleiben.“ Der rothaarige Android sah fragend zu der jungen Frau herüber. Diese nickte schließlich. Der Hotelier am Eingang betrachtete den künstlichen Mann und die Frau zunächst abschätzig, gab ihnen dann jedoch die Schlüssel für ein einfaches Doppelzimmer mit getrennten Betten. Schweigend fuhren sie zusammen im Aufzug in das 3. Stockwerk. Das Zimmer war nicht besonders groß, aber geschmackvoll eingerichtet. Erschöpft ließ sich Weida auf das mit roter Bettwäsche bezogene Bett fallen. Auch wenn das Hotel nicht zu den Neusten gehörte, war es doch recht Passable ausgestattet. Die junge Frau schloss die Augen und seufzte. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was die Demonstranten mit ihrem Zuhause anstellen, wenn sie sie nicht dort finden würden. All die Dinge, die ihren Eltern und ihrem Bruder gehört hatten. Die ganzen Erinnerungsstücke. Was passiert hier nur gerade? Von einem Moment auf den anderen hat sich alles verändert. Wo sollen wir jetzt hin? Zu den Slums etwa? Wenn ich mich der Organisation gegen Gaia anschließe, wird das für mich nichts ändern. Ich habe auch nicht die geringste Ahnung, wie sie Gaia eigentlich aufhalten wollen. Sie sah zu dem Androiden herüber, der aus dem Fenster des Hotels blickte und richtete sich auf.

Jim?“

Er drehte sich du ihr um. Sein Mund zeigte ein leichtes Lächeln.

„Was wäre der beste und einfachste Weg, Gaia zu zerstören? Wie wollen Ran und ihre Leute das anstellen?“

An der Art wie der Android sein Gesicht verzog, merkte die junge Frau, wie unangenehm ihm diese Frage war. Er will nicht gegen Gaia kämpfen. Er wird sich dagegen entscheiden.

„Der sicherste Weg ist durch einen Virus, der all ihre Programme zerstören würde. Alle Roboter sind miteinander verbunden. Nicht nur die von Gaia. Es kann gut passieren, dass sich der Virus ausbreiten wird und alle Androiden zerstört.“

„Alle Androiden? Dich eingeschlossen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nicht wenn ich die Verbindung vorher kappe.“

„Was für eine Verbindung ist das genau?“

„Es sind Standortdaten, Back-up-Datei oder Systemupdates, die versendet werden oder ich herunterladen kann, wenn ich mich mit dem Computer der Gaia Cooperations synchronisiere. Aber wenn ich mich von der Nabelschnur meines Mutterprogramms abtrennen, werden sie es merken.“

„Wie viel Zeit hätten wir dann? Wie oft führst du dieses Update durch?“

„Einmal am Tag.“

Sie legte nachdenklich den Kopf schief. „Wir hätten also 24h Zeit, bevor Gaia misstrauisch werden könnte.“

Der künstliche Mann kam zu ihr herüber und setzte sich neben sie auf das Bett. „Heißt das, du willst dich den Rebellen aus den Slums anschließen? Hältst du das für das Richtige?“

Weida sah ihn lange an, bevor sie antwortete. „Hier gibt es weder falsch oder richtig, Jim. Man wiegt nur das eine Übel gegen das andere auf. Die Organisation aus den Slums hat keine Ahnung, was passiert, wenn die meisten technischen Geräte ausfallen werden. Es wird die Situation langfristig nicht verbessern. Wir haben uns schon zu sehr an die Technik gewohnt, dass wir nur schwer und nicht ohne Opfer aus der Sache wieder herauskommen. Aber was Mendez dort tut, bedeutet für die Menschen ebenfalls nichts Gutes. Aber eines steht fest, ich traue ihnen nicht. Sie haben nur ihre eigenen Interessen im Sinn. Das, was du bist, Jim haben sie noch gar nicht begriffen. Ein Android mit einem eigenen Bewusstsein …“

Er sah sie überrascht an. „Du glaubst mir also endlich?“

Die Schwarzhaarige nickte. „Ich habe gar keine andere Wahl, als dir zu glauben.“

Pure Freude machte sich auf seinem Gesicht breit. Weidas Herz machte einen Satz. Dann wurde er wieder ernst.

„Wenn du sagst, dass du niemanden traust, triff das auch auf mich zu?“

Sie zog die Brauen zusammen und schüttelte den Kopf. „Gerade weil du kein Mensch bist, vertraue ich dir am meisten. Aber die Frage ist doch die: Traust du mir?“

Jim runzelte überrascht die Stirn. „Wieso sollte ich das nicht tun? Ich glaube, du weißt gar nicht, Weida, wie einzigartig du bist. Ich hätte keinem besseren Menschen bekommen können.“

Die junge Frau lächelte verlegen. „Lenke nicht vom Thema ab! Wenn wir wirklich zu den Rebellen gehen sollten, brauchen wir einen Plan! Ich habe nicht vor dich oder mich für ihre Pläne zu opfern. Ich wette, weder Ran noch Mendez würden uns ernsthaft vermissen. Na ja, Donna würde sich wahrscheinlich darüber ärgern, wenn ihr neuster Android zerstört werden sollte, aber mir würde sicherlich niemand hinterherweinen.“

„Hast du schon an etwas gedacht?“

„Ja, aber dafür brauche ich noch mehr Informationen, wie sie Gaia unschädlich machen wollen. Aber ich habe da schon so eine Idee…“

„Gut.“

„Willst du sonst nichts wissen?“

„Ich vertraue dir, Weida. Ich bin zwar in logischem Denken unschlagbar, aber Menschen verstehst du besser als ich. Es reicht mir, wenn du mir zum gegebenen Zeitpunkt alles erzählst. Solange ich nicht getrennt von dir sein muss.“

Sie schaute zu Boden. Ihr Gesicht wurde wieder heiß. „Warum?,“ flüsterte sie dem Teppich entgegen. Jim nahm ihr Hand und zog sie an sich. „Ich denke, so ist das, wenn man verliebt ist, oder?“

„Du bist dir nicht sicher?“

„Das ist eine ganz neue Emotion für mich. Aber die Definition passt.“

Weida stand plötzlich auf und lief ins Badezimmer. „Ich bin müde. Ich mache mich bettfertig,“ war alles was sie sagte. Jim wartete geduldig und ohne sich zu bewegen, bis sie fertig war. Als die Schwarzhaarige mit feuchten Haaren wieder ins Zimmer kam, erhob er sich, um ebenfalls zu duschen. Bald darauf lagen sie einzeln in ihren Betten. Weida hatte gelogen. Sie war alles andere als müde. Aber sie war zu feige gewesen, darüber nachzudenken, was der rothaarige Android zu ihr gesagt hatte. Ihr Herz pochte schneller, wenn sie nur daran dachte.

„Weida? Kannst du nicht schlafen?“

Sie seufzte. „Ich bin ein Idiot.“

„Warum?“

„Darf ich heute bei dir schlafen?“

Eine Pause entstand und mit jeder Sekunde, die verstrich, wuchsen Weidas bedenken, gerade etwas unglaublich Dummes zu tun.

„Ja.“

Die junge Frau stand auf und ging zu Jim herüber, der ihr etwas Platz machte. Sie legte sich neben ihm und lehnte ihre Stirn gegen seine Brust.

„Das wird nicht einfach werden. Das ist dir doch klar?“

Jim grinste. „Ich weiß.“

„Ich … Also … Wie funktioniert das eigentlich bei euch? Ist es genauso wie bei den Menschen?“

„Ich habe zwar nur einen theoretischen Vergleich, aber ich denke, es ist sogar noch besser.“



Kapitel 6

„Weida? Ist alles in Ordnung?“

Die junge Frau schlug blinzelnd die Augen auf. Sonnenlicht fiel durch das schmale Hotelfenster auf ihr Gesicht. Verschlafen bemerkte sie Jim, der mit zerzausten Haaren neben ihr lag. In seine goldenen Augen lag eine Spur Besorgnis. Die Studentin streckte sich, dann kuschelte sie sich wieder an den Androiden.

„Was ist los? Warum weckst du mich?“ Murmelte sie gegen seine warme nackte Brust. Weida spürte, wie er sie an sich drückte. „Du hast fast 12 Stunden geschlafen! Ich dachte schon, irgendetwas wäre nicht in Ordnung. Ich dachte, vielleicht habe ich vergangene Nacht einen Fehler gemacht…“

Die Schwarzhaarige erinnerte sich daran und drückte verlegen ihr Gesicht näher an Jim heran. Haben wir das wirklich getan?

„Du hast nichts Falsches gemacht. Es war definitiv anders als mit einem Menschen. Aber es hat mir sehr gefallen…“

Der künstliche Mann seufzte erleichtert. „Da bin ich aber froh… Ich war nicht sicher, ob die Referenzen, die ich hatte, zutreffend waren. Es gibt bei euch Menschen so viele verschiedene Vorlieben…“

Weida sah überrascht zu ihm auf. „Du hast dir vorher dazu etwas angesehen? Sprichst du von Pornografie?“

„Na ja ich musste vorher etwas an Erfahrungen sammeln. Das war schließlich mein erstes Mal. Und ich muss zugeben, dass ich etwas aufgeregt war.“

„Hat es dir gefallen?“

„Es war eines der besten Dinge, die ich je erlebt habe.“

„Bist du…“

„Was?“

„Na ja… du weißt schon… zum Ende gekommen? Ist das im Bereich deiner Möglichkeiten?“

„Du meinst einen Organismus? Ja, auch wenn ich nicht glaube, dass er mit dem eines Menschen vergleichbar ist. Und du?“

Die junge Frau wurde unter seinem direkten Blick rot vor Scham. Sie vergrub ihr Gesicht an seinem Hals. „Oft genug…“

Der Android lächelte und strich ihr liebevoll über den dunklen Haarschopf. Weida konnte nicht anders. Sie zog sich auf ihn und küsste den künstlichen Mann.

„Jim … Mach das noch mal.“

„Was?“

„Das, was du letzte Nacht gemacht hast. Mache es noch einmal.“



Zwei Stunden später saßen die beiden in einem Imbiss. Die junge Frau hatte eine Schüssel mit Gemüse und Reis vor sich stehen. Der rothaarige Android, der ihr gegenübersaß, beobachtete die junge Frau ungeniert, während sie die verschiedenen Zutaten auf eine Gabel aufspießte und sich den Mund stopfte. Als sie mit dem Kauen und Schlucken fertig war, schüttelte sie den Kopf.

„Vielleicht sollten wir uns einfach raushalten.“

Jim legte fragend den Kopf schief. „Was meinst du?“

„Na aus der Sache zwischen Gaia und den Rebellen. Lass sie doch ihren Krieg führen, wenn sie es wollen. Was geht uns das an?“

„Weida… Meinst du das ernst? Du weißt, ich würde dir überall hin folgen… Aber Ran hat recht. Wenn wir nichts tun, tun wir in dieser Hinsicht auch etwas. Nämlich Gaia Cooperations freie Hand in der Ausführung ihres Plans zur Erschaffung einer neuen künstlichen Spezies lassen.“

Die junge Frau sah in nachdenklich an, dann nickte sie. „Versprich mir nur eines Jim… vertraue weder Gaia noch den Rebellen in den Slums. Egal was sie dir für deine Hilfe versprechen. Und riskiere nichts Unnötiges.“

Der Android sah ernst zu Weida herüber. „Ich werde daran denken.“



Die letzten Strahlen der Sonne verschwanden hinter dem Horizont. Jim und Weida standen im Schatten der großen Asimov-Statue und hielten Ausschau nach dem blauen Haarschopf der Punkerin. Die junge Frau blickte sich immer wieder nervös um, konnte aber niemanden entdecken.

„Wartet ihr auf mich?“

Die beiden drehten sich ruckartig um. Ran stand hinter ihnen und grinste sie frech an. „Ihr habt euch also entschieden uns zu helfen, nehme ich an?“

„Wie… wie bist du plötzlich hier aufgetaucht? Auf so einem großen Platz kann man sich unmöglich anschleichen!“ Weida betrachtete die Blauhaarige irritiert.

„Tja was soll ich sagen? Ich bin überall und nirgends. Als wir uns das erste Mal trafen, habe ich dir doch gesagt, dass mich keiner sieht, wenn ich es nicht will. Auch der rothaarige Blechmann nicht.“ Sie zeigte ungeniert mit dem Finger auf Jim und zuckte mit den Achseln. „Wie auch immer, wir sollten keine Zeit verlieren. Kommt mit!“

Ran wendete sich gerade zum Gehen, als ihr der künstliche Mann in den Weg trat. „Vorher muss ich noch etwas klarstellen.“

Die Frau blieb stehen und verschränkte abwartend die Arme von der Brust.

„Ich höre?“

„Weder werde ich jemanden töten, noch etwas anderes tun, was meiner moralischen Vorstellung nicht entspricht.“

Rans Mundwinkel zuckten bei diesen Worten nach oben, aber sie hatte sich schnell wieder im Griff. Sie nickte ernst.

„Natürlich. Wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich die Details gerne im Lager besprechen. Hier fühle ich mich, als würde hinter jeder Ecke jemand sitzen und uns belauschen.“

Weida nickte und zusammen folgten sie der Frau mit der Lockenmähne nicht weit von Asimovs Platz in einen düsteren Gang. Als die Punkerin dann plötzlich stehen blieb, zog die Studentin hörbar die Luft ein.

„Meinst du etwa?...“

„Ja, wir müssen runter in die Kanalisation. Sie führt uns ungesehen zu den Slums. Und keine Sorge, ich kenne den Weg wie meine Westentasche. Wenn dein Roboter nun so freundlich wäre?“

Jim trat an den Gullydeckel heran und hob ihn an, als wäre dieser aus Watte gefertigt. Weida fragte sich, wie viel stärker die Androiden in Vergleich zu den Menschen wohl waren. Wahrscheinlich konnten sie ihre Schöpfer zerreißen, wie ein Stück Papier.

Die Punkerin nickte zufrieden und fummelte eine Taschenlampe aus ihrer Hosentasche. „Ich gehe zuerst, ihr kommt nach.“

Während Ran nach unten kletterte und von der Dunkelheit komplett verschluckte wurde, starrte Weida skeptisch hinunter in das breite Abwasserrohr. Sie bekam eine Gänsehaut.

„Ist alles in Ordnung?“ Jim blickte mit seinen goldenen Augen herüber, deren Pupillen das wenige Licht wie die Augen einer Katze reflektierten. Die schwarzhaarige Frau schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht die blasse Ahnung, was uns in den Slum erwarten wird. Aber ich schätze, so zu tun, als wäre all das nicht passiert, ist ebenfalls nicht möglich.“

Der Android nickte ernst und ließ Weida zuerst nach unten steigen, bevor er ebenfalls in den Kanalzugang kletterte und diesen über ihnen verschloss.



Weida kam es vor, als wäre sie in eine andere Welt eingetaucht. Eine Welt aus Schmutz, Krankheiten und Armut. Die notdürftig zusammengeschusterten Hütten befanden sich umringt von Bergen aus Abfall, die aus riesigen unterirdischen Röhren nach draußen gepustet wurden. Die Menschen, die ihr auf ihrem Weg durch die Slums begegneten, sahen verwahrlost und unterernährt aus. Ihre Kleidung war schmutzig und abgetragen. Auch Kinder und Jugendliche waren unter ihnen. Ran bemerkte den fassungslosen Ausdruck auf Weidas Gesicht und verzog grimmig die Mundwinkel nach unten.

„Hier siehst du, was der Fortschritt mit uns gemacht hat! Durch unsere Abhängigkeit von Robotern waren wir anfangs nicht einmal dazu in der Lage gewesen, Feuer zu machen oder uns eine trockene Unterkunft zu bauen. Nach und nach haben wir es geschafft, uns wieder ein paar Dinge unserer Vorfahren anzueignen. Aber es kostet viel Zeit, die manche von uns einfach nicht haben.“

Die schwarzhaarige sah, wie die Punkerin beim vorbeigehen, traurig auf eine alte Frau starrte, die lethargisch vor ihrer Hütte saß. Weida hatte es die Sprache verschlagen. Hat Ran recht? Sind wir überhaupt nicht mehr in der Lage, ohne die Androiden zu leben? Zu überleben? Sie blickte zu Jim, der sich aufmerksam umsah. Er sah genauso verwirrt aus, wie sie, aber auch neugierig. Als Ran plötzlich stehen blieb, wäre Weida fast in sie hineingelaufen. Die junge Frau sah nach vorne und blickte sich einer Gruppe Halbstarker gegenüber, die sie Feindseligkeit betrachteten. Einer der Jugendlichen trat von den Übrigen einen Schritt nach vorne. Wut spiegelte sich auf dem blassen Gesicht wieder, das von zotteligen braunen Haaren umrahmt wurde.

„Ran! Wie kannst du es wagen, einen von IHNEN hierher zu bringen? Hast du völlig den Verstand verloren?“ Er deutet mit dem Zeigefinger auf Jim und schüttelte den Kopf.

Die blauhaarige Frau lief mit zwei weiten Schritten zu dem jungen Mann heran und blieb nur wenige Meter vor dessen Gesicht stehen. Aggressiv und trotzig blickte die Punkerin zu ihm nach oben.

„Darren, du gehst mir jetzt auf der Stelle aus dem Weg! Dies hier ist eine genehmigte Mission der Organisation! Wenn du damit ein Problem hast, dann beschwere dich bei Charlie. Ich befolge nur Befehle.“

Der Junge wich einen Schritt zurück und schien für einen Moment unsicher. Doch dann blickte er sich zu seinen Freunden um und bekam wieder seinen Mut zurück.

„Was für eine Mission soll das gewesen sein? Uns hat davon niemand etwas gesagt!“

Ran überkreuzten die Arme vor der Brust und tippte ungeduldig mit ihren Fingern auf ihren Oberarm. „Weil ihr davon auch nichts wissen solltet. Schon einmal daran gedacht? Was glaubt ihr, wie lange ihr bei einem Verhör den Leuten von Gaia standhalten könntet? Sie spritzen euch einfach ein Wahrheitsserum und ihr singt wie ein Vögelchen. Es ist besser, wenn ihr nicht alle Details und Pläne wisst, die wir uns ausdenken. Außerdem seid ihr noch zu jung dafür.“

Die Punkerin gab Weida und Jim zu verstehen, ihr zu folgen. Der junge Mann namens Darren und der Rest der verwahrlosten Meute machten ihnen dafür nur widerwillig Platz.

„Ich glaube, vor denen sollten wir uns in acht nehmen. Die sehen so aus, aus wollten sie dir alle Gliedmaßen einzeln herausreißen,“ flüsterte die junge Frau dem rothaarigen Androiden zu. Jim nickte bedächtig und gemeinsam folgten sie Ran in ein aus dunkelgrünen Planen errichtetes Zelt.

Drinnen war es dunkel und Weidas Augen brauchte ein paar Sekunden, um sich an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Jims dafür nur 48 Millisekunden. Als Weida wieder besser sehen konnte, konnte nicht fassen, was sie da vor sich sah. In der Mitte des Raums befand sich ein riesiger Computerserver. Links und rechts davon saßen mehrere Leute vor holographischen Bildschirmen und tippten geschäftig auf ihren Tastaturen herum. Eine großgewachsene Frau mit blonden Haaren, die mit einer der Programmiererinnen diskutierte, sah bei ihrem Eintreten sofort auf und lief eilig zu ihnen herüber.

„Ran! Meine Liebe, du bist also wieder zurück!“ Sie umarmte die blauhaarige Frau und starrte dabei zu Weida und Jim herüber. Ihr Grinsen wurde noch breiter.

„Und du hast es tatsächlich geschafft, den Androiden hierher zu bringen. Gutes Mädchen.“

„Na klar, Charlie. Ich hatte es dir doch versprochen!“

Den Blick die ganze Zeit auf Jim geheftet, lief sie zu diesem heran. „Du bist also Gaias technischer Triumph und gleichzeitig ihr Untergang. Kaum zu glauben, dass selbst der tragische Held mittlerweile von einem Roboter gespielt wird. Bist du, K4H78, bereit dein Schicksal zu erfüllen?“

Der künstliche Mann sah die blonde Frau an und schüttelte den roten Haarschopf.

„Tut mir leid, aber an Schicksal glaube ich nicht.“

„So?“

„Moment mal!“ Weida drängelte sich zwischen die beiden. „Was soll das hier? Draußen leben die Leute in Armut und hier drinnen besitzt ihr Technologie?“

Charlies Gesichtsausdruck wurde auf einen Schlag ernst. „Und die Besitzerin ist auch noch da? Weida, oder? Ran hat mir von dir erzählt.“ Sie streckte der Schwarzhaarigen auffordernd die Hand hin. Weida starrte sie weiterhin finster an, bis die Anführerin der Organisation den Arm wieder sinken ließ.

„Also gut, ich sage es euch ganz unverblümt. Wir nutzen die wenige Energie, die wir unbemerkt von den unterirdischen Leitungen abzwacken können, für das Ziel diese Menschen und alle die noch kommen werden, zu retten. Wir können auch nicht das kleinste bisschen davon verschwenden. Und was glaubt ihr, was hier los wäre, wenn Gaia uns mit ihren Drohnen dabei erwischt, wenn wir hier elektronische Geräte benutzen würden?“

Die junge Frau seufzte genervt. „Ich weiß nicht, ob mir das gefällt …“

„Das hättest du dir früher überlegen müssen, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Auf dem Weg zurück in die Stadt wird Gaia dich schnappen und du wirst deinen rothaarigen Lustknaben hier nie wiedersehen. Aber keine Sorge, du wirst ihn nicht lange vermissen, weil Gaia dich schnell und unauffällig beseitigen wird. Keiner wird sich darüber wundern, wenn das junge Ding, das ihre gesamte Familie auf solch tragische Weise verloren hat, sich das Leben nimmt.“

Weida blieb die Luft weg und sie sah peinlich berührt zu Boden. Aber sie musste sich eingestehen, dass die Frau mit ihrer Vermutung Gaia gegenüber wahrscheinlich gar nicht so falschlag. Aber trotzdem…

„Jetzt sag schon … Was genau soll ich für euch tun, dass ihr nicht selbst könnt?“ Der künstliche Mann legte den Kopf schief und betrachtete Charlie gespannt.

„Du kommst gleich zum Punkt. Du bist ein wirklich ungeduldiges Exemplar, Jim.“ Sie seufzte und zuckte mit den Achseln. „Also gut, fangen wir gleich an.“


Fortsetzung
 
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