Lausig

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Walther

Mitglied
Lausig


Zöpfe zum ab schneiden gesucht:
alte neue lange kurze dunkle helle
blonde braune rote weiße schwarze
graue

Alles muss gelüftet werden – früh
jahr rein spät jahr raus: durch zug
ab zug vor zug fenster türen dächer
mauern

Ein frischer an strich bringt farbe
ins spiel das keins ist: das bild
springt aus dem rahmen die welt
fliegt aus

Der bahn – neue geleise alte wege
breite straßen ur wald schneisen:
der frosch macht das wetter dazu –
lausig
 

MIO

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Ich befürchte auch hier eine verschlüsselte Botschaft und solche Gedichte gfallen mir, wenn man das Eigenliche zwischen den Zeilen findet. Ja, es gibt genügend alte Zöpfe die geschnitten werden müssen, gerade in diesen Zeiten. Ich denke, jetzt kommt alles ans Licht und das Internet einerseits Fluch, ist es anderseits doch ein Segen, denn es offenbart sich der Zustand der Welt. Wir haben nun die Möglichkeit die Welt zu gestalten und dazu ist die Literatur eine größartige Möglichkeit. Springen wir doch alle mal aus unseren Rahmen.
In diesem Sinne frühlingsfarbene Grüße MIO
 

Walther

Mitglied
Hi MIO,

danke fürs reinlesen (und die wahnsinnswertung!). es freut mich, daß du zugang zu diesem text gefunden hast. er ist bewußt sperrig. und es gibt botschaften, die sich nicht auf den ersten blick erschließen. die worte und wörter wollen (ab)gewogen werden.

die langsamkeit ist uns abhanden gekommen. deswegen kommt bei vielen erst einmal alles auf den müll, das alt und gebraucht aussieht. schon das wort gebraucht hat eine doppelte bedeutung: abgenutzt oder nötig.

manchmal könnte es helfen, das wort zu wenden, um hinter seine bedeutung(en) zu kommen. es könnte dabei überraschungen geben.

lg W.
 

Tula

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Hallo Walther

Ich las hier die Ironie der übertriebenen Geringschätzung alles Gestrigen, so wie z.B. auf dem Arbeitsmarkt, wo man schon ab 45 schwer einstellbar wird, oder wenn im Management neue Theorien mit verrückten Namen ja doch nur alte, banale Weisheiten neu verpackt verkaufen.
Man kann es sicherlich in verschiedene Richtungen lesen. Hauptsache "gern"!

LG
Tula
 

Mondnein

Mitglied
Nun ja, es ist ja nicht ganz einfach (ich bekomme nur Einser auf meine besten Sachen), also: Glück und Leistung in glücklicher Fügung. Ästhetischer Kulminationspunkt. Das "Schöne" an und für sich.
 

Mondnein

Mitglied
Das hängt davon ab, Walther, wie man das "Beste" definiert, oder schlichter: was man das "Beste" nennen würde, allgemein, mit mehr oder weniger bewußten Kriterien.

Ich glaube, genau zu wissen, was meine besten Stücke sind, wie ich es ja auch bei anderen zu wissen glaube, mit benennbaren Kriterien, mit Argumenten, vieldimensional und offen-kommunikativ.

Aber ich weiß, daß man beim Eigenen einen Kurzschluß schließt. Ich versuche, meine Gedichte wie ein Fremder zu lesen, immer, schon beim Schreiben natürlich. Das ist selbstverständlich. Über die "Selbsteinschätzung" habe ich manche Gedichte geschrieben, und ich vermute, die hast Du auch gelesen.

Münchhausen-Trilemma (d.h. kreisläufige Argumentation, oder willkürlicher Begründungsabbruch, oder dogmatische Behauptung) - das gilt auch (denke ich) für die Selbst-Wertung.

Und was Deine Sachen angeht, da habe ich nur Gutes gelesen in den drei Jahren, die ich nun "dabei bin", jedenfalls, so weit ich mit meinem schwachen Gedächtnis mich erinnern kann. Also mindestens in den letzten zwei Jahren, schätze ich. Es sind allerdings so viele, ich will das jetzt nicht für jedes einzelne beschwören. Und dabei ist es wohltuend, Verschiedenes zu lesen, es ist nicht immer die gleiche Machart.
Manchmal verstehe ichs besser, manchmal weniger. (So wie Dirs bei meinen geht.)

Hier bei diesem lockeren Sentenzen-Gefüge hast Du eine nette Pointe gefunden, mit dem Wetterfrosch.
 

Walther

Mitglied
Hi Hansz,

das lyrik sich mit dem "gefallen" argument herumschlägt, ist alles relativ - es sei denn, man objektiviert die betrachtung auf sie für einen moment. und das geht bei sich selbst nicht. subjektives objektivieren ist eine contradictio in adiecto.

danke für deine freundliche betrachtung meiner "versuche". das erfreut einen dichter immer. :)

lg W.
 

Mondnein

Mitglied
philosophemur

subjektives objektivieren ist eine contradictio in adiecto.
nicht in der Philosophie, z.B. bei Kant und den ihm folgenden Meistern des Deutschen Idealismus: Bei denen ist das Subjekt die objektivierende Tätigkeit, die im Ich mit sich selbst zusammengeschlossen ist.
Dem steht (um gerecht zu sein) bei Kant noch die Analyse des "Paralogismus der reinen Vernunft" entgegen; bei Schelling, im "System des transzendentalen Idealismus" allerdings sind objektivierende und subjektivierende Tätigkeit im "Ich denke = ich bin" identisch, basierend auf Fichtes Begriff der "Tathandlung" und auf der Kurzfassung des Kategorischen Imperativs bei Schelling: "Sey!"
Diese Identität der objektivierenden und der subjektivierenden Tätigkeit bringt die Natur hervor und bringt dann im Menschen in der Kunst (also auch in der Dichtung) diese schöpferische Selbstobjektivierung gewissermaßen an die Oberfläche, wo das All sich im Dichter seiner selbst bewußt wird, allerdings auf eine genial-spontane, quasi vorbewußte Art und Weise, so daß sich die Schöpferkraft im Dichter reflektiert. Als Leser wahrscheinlich.

Also, eine "contradictio in adiecto" muß es nicht sein. Dem würde Schelling widersprechen. Und ich mit ihm.
 

Walther

Mitglied
hi mondnein,

hier geht es nicht um philisophie, hier geht es um die bewertung einer eigenen schöpfung. aufgrund der persönlichen bindung zum werk ist eine objektive (sachliche und emotionsfreie) betrachtung des werkes per se unmöglich.

lg W.
 

Mondnein

Mitglied
zugleich

Klingt zwar, lieber Walther, bescheiden, sogar logisch, geht aber an der Tat-Sache vorbei, daß jeder Dichter, auch Du, das Bestmögliche verwirklichen will. Er will nicht sich produzieren, sondern Gutes, Schönes, Wirkliches, Heftiges oder Augenöffnendes. Er sucht und findet. Der Fund erlaubt auch dem Finder eine Objektivität, die von der Subjektivität der Suche erfreulich frei ist.

Da mag er emotional mit seinem opusculum verbunden sein, aber er ist nicht nur Nährmutter, sondern zugleich durstiger Säugling im emotionalen Genuß, und nicht nur dieser Durst, sondern auch jene nährende Antwort.
 

Mondnein

Mitglied
Huch, hatte gar nicht bemerkt, daß die "contradictio in adiecto" Unterscheidungstitel eines rezenten Haiku geworden ist, und das ist jetzt sogar ein Zweiwochenbestwerk (nicht zu lesen als Zementasbestwerk). Gratuliere!

Meine opuscula will seit Wochen schon keiner mehr kommentieren und werten, sei es im Gereimten, sei es im Ungereimten.
Vor ein paar Wochen gab es eine Phase, wo alles runtergewertet wurde, so daß ich auf "häufig gelesener Autor" abrutschte.

Ich sollte mich mal für eine Zeit verabschieden, denn wenn ich wieder etwas gewagtere Sachen einbringe, hauen mir die Antimodernisten wieder die Einser und Zweier um die Ohren.

Mir gefällt weder die Abwertungsphase noch die Mißachtetwerdenphase. Da ichs natürlich selbst schuld bin, muß ich schweigen.
So I do.

grusz, hansz
 

Walther

Mitglied
Hi Hansz,

im moment bin ich etwas "lazy" bei den kommis. weil ich gerade die neue ausgabe von zugetextet bastle ...

kommt aber wieder !

lg W.
 

Walther

Mitglied
Lb Mondnein,

für sich selbst mag man feststellen, daß ein werk gelungen sei. jedoch ist das kein objektives tun.

ich halte nichts davon, dem autor zu überlassen, was gut ist und was nicht. das kann er als experte bei anderen werken. bei den eigenen ist und bleibt er partei.

es bedarf des guten lektors, um gedichtbände aus dem fundes zusammen zu stellen und die prosa sprach- und inhaltlich rundzuschleifen. es bedarf des guten galeristen, um die richtigen werke bildender künstler auszuwählen und zu präsentieren.

lg W.
 

Mondnein

Mitglied
Ach daß wir Galeristen und Verlage hätten, die keine Selbstverlage wären.

Dann wäre alles wahr, was Du sagst.

Das heißt: Du hast völlig recht, es ist die schlichte Wahrheit.
 

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