(Lese-)Tagebuch

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zeitistsein

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Ich habe an der Schwelle zur Digitalisierung studiert. Damals kamen gerade die ersten Computer auf. Meine erste E-Mail-Adresse erhielt ich, da war ich Ende 20. Neurowissenschaftler finden das aus heutiger Sicht unproblematisch. Denn in diesem Alter ist die Gehirnentwicklung abgeschlossen. Bildschirme können da keinen allzu grossen Schaden mehr anrichten.

Vor dem Studium hatte ich eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Da hatten wir gelernt, eine Schreibmaschine zu bedienen und mit Word und Excel umzugehen. Lang ist's her.

Schon damals fand ich es mühsam. So ein Riesenapparat - die Computer waren damals noch nicht so schön handlich wie heute - und dann die vielen Knöpfe, wie lange es dauerte, bis der schon mal startklar war. Von Hand ging doch alles viel schneller, vor dem Bildschirm sitzen und warten - Zeitverschwendung.

Ich erinnere mich, dass ich dann schon mit diesem Gerät zu wetteifern begann. Ich wolle es erziehen, auf dass es nach meiner Pfeife tanzte, die Dokumente schneller ausdruckte, sie abspeicherte statt im selben Moment abzustürzen und sich insgesamt meinem Rhythmus gefügig machte, anstatt, dass ich meine Zeitplanung nach ihm richten musste.

Aber Maschinen sind gleichgültig. Wenn sie abstürzen, stürzen sie ab, egal, wie dringend du den Ausdruck brauchst. Inzwischen passiert das weniger. Die Geräte sind stabiler geworden. Doch diese Gleichgültigkeit im Arbeitsalltag macht etwas mit einem. Die Maschine reagiert schlicht nicht auf das, was du von ihr willst. Man ist ihr ausgeliefert, fühlt sich hilflos und unverstanden.

In den Neunzigern - ungefähr zur selben Zeit, als sich das ereignete - entdeckten Forscher den Wal, der als einsamstes Lebewesen der Welt in die Geschichte eingehen würde: Hertz 52 war sein Name, ausgehend von der aussergewöhnlichen Tonfrequenz, in der er kommunizierte und die für seine Artgenossen unhörbar war.

Sich äussern und nicht gehört werden - geht uns das nicht allen so? Vor allem gegenüber der Technik. Wir sind nah an ihr dran, sie begleitet uns auf Schritt und Tritt, sammelt unsere Daten, weiss mehr über uns als wir selbst. Und doch übergeht sie uns auf grausamste Weise. Sie verwertet unser Leben statt es wertzuschätzen. Wie kann eine KI auf menschliche Bedürfnisse eingehen?

Neulich fragte ich sie was. Vielleicht ist das schon falsch formuliert, denn fragen kann man nur Menschen. Besser also: Ich gab eine Frage in eine KI ein. Und zurück kam: "Der Anwalt glänzt, die Mandantin arbeitet wirkungsvoll zu." Ich trat daraufhin in einen Dialog mit der Maschine ein - auch das ist falsch, denn dadurch vermenschliche ich sie ja schon wieder - und bemängelte den Satz als frauenfeindliches Klischee: die Frau als minderwertige Zuarbeiterin für den glanzvollen, männlichen Rechtsexperten. In Sekundenschnelle drehte die Maschine den Spiess um: Die Mandantin wäre in meiner Frage die Lichtgestalt gewesen, der Anwalt eine unbedeutende Nebenfigur.

Ich wurde von der KI nicht verstanden, keine Frage. Und damit nochmal die Frage, die nicht erst Gadamer stellte: Was ist Verstehen? Man kann die Frage bezüglich der KI als unwichtig abtun, zumal diese ja keine menschlichen Beziehungen ersetzen soll. Trotzdem ist dieser Ersatz längst im Gange.

Doris Dörrie geht in ihrem neuesten Film "Frau Winkler verlässt das Haus" den Herausforderungen der Angehörigenpflege auf den Grund. Pflegeroboter kommen in der erzählten Geschichte zum Einsatz, auf tragikomische Art, wie gewohnt bei Dörrie. Sie selbst erzählt, die wäre keine gute Pflegerin für ihre Mutter gewesen - zu ungeduldig, zu wütend, zu hilflos. Dörrie empfand ihrer Mutter gegenüber offenbar all das, was ich als angehende Bürohilfskraft damals gegenüber dem lahmen Computer empfunden hatte. Von der Mutter erwartet man vielleicht ja auch ein tiefer gehendes Verstehen: Aussprache, Versöhnung angesichts des sich anbahnenden Abschieds. Doch es will und will sich nicht einstellen.

Diese Erwartungen hat ein Roboter nicht. Er ist von der Familiengeschichte unbelastet, empfindet weder Wut noch Ungeduld, ändert einfach seine Handlungsmuster je nach Prompt, wie bei mir, als der Anwalt in Sekundenschnelle vom Helden zum Nichts wurde.

Das hat offenbar auch Vorteile.
 
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zeitistsein

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Keiner hat die Einsamkeit besser auf den Punkt gebracht als Heinrich Heine in seinem Gedicht "Fichtenbaum und Palme". Hier fantasiert sich ein Fichtenbaum in das Leben einer Palme hinein, stellt sich vor, wie es sein muss, statt "in kahler Höh'", an einer "brennenden Felswand" zu stehen.

Ich selber habe es dem Fichtenbaum nachgemacht. Von meinem Küchenfenster aus sah ich den Blauen in weiter Ferne. Und ich wollte diese Ferne überbrücken. Ich wollte er sein. Ein Berg in der Ferne, fest und unverrückbar.

An meinem letzten Tag in Basel sah ich die Roche-Türme. Sie wurden wie ein Liebespaar gestaltet: Einer schiesst gerade in die Höhe, der andere, etwas tiefer, neigt sich dem anderen zu, so als würde er sich bei ihm anlehnen. Zuneigung, im Wortsinne.

Ich hingegen erfahre das Gegenteil. Sogar von der Sprache. Jedes Wort, das ich in den Mund nehmen will, verweigert sich mir. So als wollte es nicht zu mir gehören. "Mich darfst du nicht benutzen", scheint es zu sagen.

Umso dankbarer bin ich für die Menschen, an denen ich mich aufrichten kann, die weitaus Schlimmeres als ich mitmachen mussten, daraus erstaunlich gestärkt hervorgegangen sind. Ihnen neige ich mich zu, selbst wenn sie das nicht wissen.
 

zeitistsein

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Auf social media macht dieser Elwan Benoît Furore. Ein 17-jähriger Gymnasiast, weiss, schlank und flink, der der französischen Regierung vor laufender Kamera die Leviten liest. Auch die Medien kommen nicht ungeschoren davon: "Ihr lenkt die Aufmerksamkeit auf brennende Container und Sachbeschädigung, aber nicht auf unsere Forderungen", moniert er mit erhobenem Zeigefinger, dem Journalisten dabei starr in die Augen schauend.

Er fährt fort, die Missstände in der französischen Hauptstadt zu benennen: Lehrkräftemangel, Sanierungsstau überall, besonders in den Schulgebäuden, fehlende Lehrutensilien, Unterbezahlung von Lehrpersonen, offener Rassismus vonseiten der Polizei gegenüber schwarzen Mitbürger:innen und vieles mehr. "Unser Herz brennt aus Solidarität", ruft er aus der demonstrierenden Schüler:innenmenge, die ihn umgibt und meint damit die Zustände in den Pariser Vororten, in denen anscheinend Zustände herrschen, die eher einem Entwicklungsland gleichen statt einer führenden europäischen Wirtschaftsmacht.

17 Jahre - so alt war ich auch mal. Und wenngleich meine Generation viel weniger politisiert war als die heutige Gen Z, erkenne ich mich im Elan dieses Heranwachsenden wieder. Er glaubt an was. Zitiert Camus und Adam Smith aus dem Stegreif, hat alle Eckdaten der europäischen Geschichte ohne Spickzettel parat, windet sich rhetorisch wie ein geschulter Berufspolitiker. Hier deutet sich eine Transzendenz an, die wir, glaube ich, alle mal gespürt habe, als wir dachten, wir könnten die Welt verändern und die uns aber im Zuge der Ereignisse abhanden kam. Die Welt hat uns eines Besseren belehrt.

Benoît glaubt noch an einen Wechsel und fordert ihn auch. Es geht nicht an, sagt er, dass wir immer dasselbe politische System wiederverwerten unter dem Vorwand, es habe sich bewährt und man wolle keine Experimente wagen. Es habe sich erstens mitnichten bewährt und zweitens gäbe es inzwischen sehr wohl vielversprechende Alternativen. Macron müsse endlich weg und sein Bildungsminister auch, zumal er nicht mal die einfachsten Wörter orthografisch korrekt auf die Reihe bekomme und sich trotzdem als Bildungsminister brüste.

Alternativen schlägt der Junge keine vor. Keine konkreten. "Wir sind eine globale, diverse Jugend", sagt er, auf die Religions- und Nationalitätenvielfalt an seiner Schule verweisend. Den kritischen Rückfragen des Journalisten kontert er mit der immergleichen Frage: Porquoi? - Warum?

Warum durchsucht die Polizei schwarze Männer, Frauen und Kinder in den öffentlichen Verkehrsmitteln? Warum frieren wir uns im Winter zu Tode und schwitzen uns im Hochsommer bei 35 Grad durch die Abschlussprüfungen? Warum fliessen nicht mehr Staatsgelder in die Bildung, wenn doch die aktuelle Politelite sich so patriotisch gibt? Patriotismus heisst, so Benoît, in die Zukunft des Landes zu investieren und die Zukunft sind sie, die Jugendlichen.

Ja, hier spricht einer aus der Transzendenz, um es mit Jaspers zu sagen. Transzendenz heisst hier so viel wie ein Bild, eine Vision oder Utopie vor Augen haben, auf die man zulebt und für die man einsteht. Eine Art Wolke, die einem den Weg weist. Skeptiker kritisieren, dass diese jungen Demonstranten keineswegs aus eigenem Antrieb auf die Strasse gehen, sondern vielmehr angestachelt durch bestimmte Politiker und Altpolitiker wie beispielsweise Jean-Luc Mélenchon, Gründer der Linkspartei "France insoumise".

Nichts gegen Zukunftsvisionen und dass man für eine bessere Welt einsteht. Doch gerade dieser Eifer, den Elwan an den Tag legt und den wir alle in dem Alter auch hatten, entsammt oft einer Haltlosigkeit, die gerade für politische Parteien ein gefundenes Fressen ist. Warum?, fragt Elwan. Gewiefte Politiker bieten gerne ein Weil an, das sich stimmig anfühlt und dem man sich schlimmstenfalls in blindem Gehorsam anschliesst. Keine unproblematische Entwicklung.

Ich traue der heutigen Jugend zu, wachsam und klug genug zu sein, Manipulationsversuche zu durchschauen und zu hinterfragen. Und dennoch lässt mich der fast schon missionarische Eifer nicht unberührt, mit dem das Rollen politischer Köpfe gefordert, die sozialen Missstände angeprangert und Institutionen beschimpft werden. Er macht mir auch Sorgen.

Elwan hat ein grosses, brennendes Herz, wie er sagt. Redet er sich in Rage? Zieht er andere damit in seinen Bann? Gibt es dann einen Schneeballeffekt? Was, wenn sich dadurch eine zunächst hehre Absicht in ihr Gegenteil verkehrt? Die Öffentlichkeit bzw. die Masse verändert alles. Wir kennen das und wollen das nicht wiederhaben.
 
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zeitistsein

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Ist das eine Angst, die Sie da spüren?, fragte mich die Therapeutin mit ihrer tiefen Stimme, die Beine übereinander geschlagen, wieder einmal mit schwarzen Nylonstrümpfen bedeckt, an den Füssen schwarze, dicksohlige und wie es schien, orthopädische Schuhe. Fast schienen Beine und Schuhe unsichtbar in diesem durchgängigem Schwarz.

Ja, das ist die Frage, dachte ich mir auf ihren Einwand hin. Ich nehme das Gefühl, über das wir sprechen, als Enge im Bauchraum wahr. Als würde eine Hand meine Eingeweide zusammendrücken. Nach aussen hin merkt keiner etwas. "Starker Charakter", lese ich in einem Expertenbericht auf der Arbeit. Innerlich drohe ich zu ersticken. Da ist nichts von Stärke, sondern das pure Ausgeliefertsein an diese unsichtbare Faust.

Die Therapeutin wollte mir klarmachen, dass es diese Faust nicht gab. Sie war im KZ gewesen, sie kannte sich mit Fäusten aus. Was ich spürte, war aber auch keine Einbildung, stellte sie klar. Es war ja da. Es komme jetzt darauf an, es richtig zu deuten und zu benennen.

"Ich denke, Sie haben keine Angst, sondern Sie wurden unterbrochen und sind deswegen an einer ganz bestimmten Stelle Ihres Weges stehengeblieben." Jetzt müssen Sie den Faden wiederaufnehmen. Der äussere Lärm ist längst weg. Wenden Sie sich wieder dem Gespräch mit Ihrem Leben zu. Nehmen Sie es wieder auf, hören Sie zu, stellen Sie Fragen. Leben Sie weiter.

Ich habe mich in meiner Wissenschaft, der Literaturwissenschaft, mal umgesehen und gefragt: Welche Methoden gibt es da, nach einer Unterbrechung den Erzählfaden wieder aufzunehmen? Spontan kam mir kein literaturwissenschaftlicher Begriff, sondern Jean-Baptiste-Camille Corots Gemälde "La lecture interrompue" in den Sinn. Das zeigt eine nachdenkliche Frau, mit aufgeschlagenem Buch in der Hand, den Kopf in der anderen Hand aufgestützt und durch den Bildbetrachter hindurch schauend. Das Gelesene hat gesessen oder sie wurde durch andere Gedanken und Gefühle vom Lesen abgelenkt. Jedenfalls sitzt sie da und sinniert vor sich hin. Wie ich seit nunmehr 24 Jahren.

Fast möchte ich der Frau zurufen: Was sitzt du so schlaff da? Lies weiter! Das Buch wartet ja, dem Tageslicht preisgegeben, aufs Gesehenwerden. Oder per Sie: Lesen Sie weiter! Lesen und Leben sind nah beieinander. Ein und dasselbe? - Ja, ganz sicher.
 



 
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