(Lese-)Tagebuch

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zeitistsein

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Ich war lange nicht hier, weil sich in letzter Zeit so viel getan hat. Alles wächst uns über den Kopf. Mir vor allem. Mutter bleibt erstaunlich gelassen. Sie scheint das Leben sogar zu geniessen. Lacht viel und von Herzen.
Mir ist das Lachen vergangen. Ich habe Mühe, fast ein schlechtes Gewissen, mich zu freuen und sehr wenig Kraft dazu. Manchmal fühle ich mit entzweit, wie eine Art Kleiderstange, an der ein Kleidungsstück oder ein formloses Stück Stoff herunterhängt. Und ich, die Kleiderstange, versuche mich, den schlaffen Stoff, an mich zu reissen. Aber das will nicht gelingen. Irgendwas in mir mag nicht mehr. Es ruft: Genug! Ich will Erlösung. Jetzt.
Womit das genau zusammenhängt, kann ich nicht sagen. Mit der Umgebung bestimmt. Mit getroffenen Entscheidungen, für die ich gerne Mutter verantwortlich mache und beschuldige. Wo ich aber ganz klar sagen muss: Ich hab' so und nicht anders entschieden. Niemand anders ist Schuld. Ich allein trage Verantwortung.
Etwas in mir fühlt sich vernachlässigt. Ruft nach Aufmerksamkeit. Und ich höre hin. Aber ich kann den Ruf nicht entziffern. Er ist so durcheinander. Zurück in die Kindheit geht nicht. Dann wieder das Gegenteil: Auf keinen Fall zurück, zum Glück ist diese Hölle vorbei. Und dann wieder eine Forderung nach Hellseherei: Was bringt die Zukunft? Ich will jetzt wissen, was noch auf dem Programm steht. Ob es sich lohnt oder ob jetzt Zeit ist, die Vorstellung zu verlassen.
Die Gegenwart spricht wiederum eine andere Sprache. Die vergilbten Wände sollte man mal streichen. Mutter will nicht. Die Türen sollte man mal auswechseln, sie klemmen. Überhaupt müssten wir uns nach einer altersgerechten Wohnung umschauen. Auch nicht. Mutter ist zufrieden mit dem status quo.
Und dann ist da das Landhaus. Ein Trümmerhaufen, das höchstens noch ein schaler Abglanz ist von dem, was mal war. Mutter hält an der Vergangenheit fest. Lieber ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach ist ihre Devise. Um uns herum lauter Unfertiges, Ausgefranstes, Brachliegendes.
Manchmal schiebt sich eine Wolke unter meine Stirnhaut. Dann ist mein Hirn heissgelaufen und es wird Zeit, die Augen zu schliessen und es mit Runterkommen zu versuchen.
Denn das ist eine andere Sache, die mir zu schaffen macht: die innere Stille, von der so viele sagen, sie sei der Idealzustand, das zu erstrebende Ziel innerer Entwicklung schlechthin, das Nirvana oder wenigstens die Vorstufe dazu. Ich kann in dieser Stille nichts Beglückendes finden. Die absolute Schwärze. Da müssen Gedanken her, mit Gewalt, zwanghaft. Schmerzhafte tun's auch. Hauptsache Lärm.
Ich muss in meinem Leben irgendwann die Erfahrung gemacht haben, dass mein blosses Sein nicht genügt. Dass es mich auf die falsche Fährte lenkt. Und dass ich, um dazuzugehören, diesen inneren Lärm heraufbeschwören muss. Dann bin ich normal. So wie die anderen, die aus meiner Sicht irgendwie auf Leitern gehen. Sie steigen die Sprossen hoch, während ich nicht mal eine Leiter habe, auf die ich steigen könnte.
So dünkt mich die Welt derzeit. Ich ganz klein und alle anderen, die mir davonwachsen. Ich fürchte zurückzubleiben, dass alles um mich herum wird und vergeht, während ich, mit Meeresbrisen beworfen, von Trauer und Wut umzingelt und die Dornen der Liebe einzeln herausziehend, in Deckung gehe. Noch das Gute und Schöne bereitet mir Schmerzen, geschweige denn das andere.
 

zeitistsein

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Linkedin erinnert mich an mein Firmenjubiläum. Ich bin erstaunt. Dass die Zeit verging, habe ich nicht bemerkt. Habe den Eindruck, ich würde in einer Art fortgesetztem Augenblick leben, der sich einfach zieht und nie endet.

Manchmal wäre es gut, mehrere solcher Reminder zu haben. Fensterchen, die aufpoppen, um zu sagen: Herzlichen Glückwunsch zu X Jahren nach der Verletzung XY. Dann bekäme man ein Bewusstsein dafür, dass die Zeit nicht stillsteht, im Unterschied zu dem, was das Trauma uns glauben machen will.
Ein wesentlicher Punkt der Traumaarbeit besteht darin, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu vergleichen. Wie trug ich die Haare als "das" passierte? Wie trage ich sie heute? Solche kleinen Veränderungen können als Aufhänger genutzt werden, um sich darüber gewahr zu werden, dass das Leben seither weiterging.
Knifflig wird es dann, wenn Menschen auch äusserlich stehen bleiben, sich weiterhin genauso kleiden wie damals, dieselben Bücher lesen, dieselbe Musik hören, also eigentlich bewusst nicht weiterkommen wollen. Aus dem Wunsch heraus, das Ganze ungeschehen zu machen. Manche regredieren sogar auf einen psychischen Standpunkt vor dem Ereignis, als die Welt noch heil war.

Morgens aufwachen ist immer schwer. Weil das Geschehene noch da ist. Ein weiterer Tag, an dem man das herumschleppen muss. Und es wiegt schwer, laugt einen aus.

Früher hatte ich den Wunsch, schwer zu werden. Ich empfand mich als flatterhaft und wenig bodenständig. Ich bewunderte Leute mit starker Präsenz, solche, die wie massive Holzschränke im Raum standen und nur aufwendig von der Stelle bewegt werden konnten. Dieses "Hier bin ich, ich kann nicht anders" hat mich schon immer beeindruckt.

Und ich war fest davon überzeugt, dass diese Leute viel erlebt hatten. Dass sie ein schweres Herz hatten, was sie auf dem Boden behielt und dafür sorgte, dass sie nicht abhebten.

Vielleicht ist das, was ich erlebt habe, noch nicht schwer genug. Das macht mir Angst. Was mag sonst noch auf mich zukommen? Werde ich es aushalten? Es überleben? Mutters Tod. Natürlich. Das wird ein hoher und gefährlicher Klimmzug. Mit erheblicher Absturzgefahr. Ich dachte, ich könnte mich dafür wappnen. Irgendwie. Durch Einüben der Trauer, durch Selbstgeisselung.

Doch die wahre Herausforderung für mich ist nicht die Zukunft. Eher die Vergangenheit. Was hatte das alles zu bedeuten? Warum sucht es mich heute noch heim? Wohin soll ich damit? Was will es von mir?
 
Nietzsches "Zarathustra" habe ich zum ersten Mal ganz gelesen, da war ich etwa 23.
Es war in einem Seminar im Sommersemester des Jahres 2002. Ich erinnere mich noch gut an das konzentrierte Schweigen im Raum. Gut 30 Köpfe brüteten über die hochkomplexen Texte, die Nietzsche in diesem Buch komponiert hatte. Der Dozent sass vorne und schwieg mit. Man könnte sagen, wir meditierten eher statt, dass wir das Buch besprachen.
Ich spürte sofort: Hier tut sich eine ganze Welt auf, die sich mit dem althergebrachten sprachlichen und wissenschaftlichen Besteck nicht beschreiben lässt. Also sprach Zarathustra ist:
- Novelle
- Musikstück
- Roman
- Biografie
- Legende
- Parodie der biblischen Sprache
- Bekehrungserzählung
- Rhetorikhandbuch
- Lehrgedicht
- Gesang
- und noch Vieles mehr.
Letzteres ist nicht so ohne Weiteres ersichtlich. Aber nach mehrmaligem Lesen wird klar: Zarathustra verbringt zehn Jahre in der Einsamkeit der Bergeshöhe. Danach beschliesst er zu den Leuten auf den Marktplatz hinunterzugehen, um seine gewonnenen Erkenntnisse zu verkünden. Das sind deren zwei: Gott ist tot und der Übermensch. Doch er scheitert kläglich mit seiner Verkündigung. Weil er mit der Tür ins Haus fällt.
Die Leute fühlen sich vor den Kopf gestossen, verstehen Bahnhof und lachen ihn aus. Die Vorrede des Buches endet mit einem sinnträchtigen Bild: Ein Seiltänzer stürzt zu Boden, während er seine Kunststücke hoch oben vorführt. Das ist ein Bild für Zarathustras Scheitern. Die Vor-rede ist eine gescheiterte Rede. Zarathustra muss seine Rhetorik überdenken, um die Leute zu erreichen.
Danach beginnt das sogenannte Erste Buch. Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: Kamel, Löwe, Kind. So nimmt Zarathustras Laufbahn als Redner ihren Lauf. Und tatsächlich: Indem er seine Gedanken ab ovo darlegt, gewinnt er nach und nach Gefolgschaft. Zarathustra zieht sich mehrmals in die Einsamkeit zurück, kehrt aber immer wieder zu seinen Schülern zurück.
Das letzte Buch - die Gelehrten streiten, ähnlich wie bei Wagners "Ring", ob das Werk aus drei oder aus vier Teilen besteht - beinhaltet das grosse Ja-Sagen. Ein bedingungsloses Ja zur Ewigen Wiederkunft des Gleichen. Zur Erkenntnis also, dass dieses Leben das ewigen Leben ist. Sie wird einem Esel in den Mund gelegt, der das Ja-und-Amen-Lied singt.
23 Jahre sind vergangen und das Buch habe ich noch immer nicht durchdrungen. Es ist kompositorisch so fein konstruiert, dass da noch vieles unendeckt geblieben ist.
Das Kapitel "Vom Gesicht und Räthsel" etwa ist nach dem Prinzip der Fibonacci-Zahlenreihe aufgebaut. Und den "Zarathustra" selbst hat Nietzsche in den Mittelpunkt seines Schaffens gestellt. Das kann man in der Werkanordnung seiner Autobiografie "Ecce homo" nachlesen.
Es gibt also noch viel zu entdecken. Denjenigen, die heute noch an vorderster Front forschen, wird die Arbeit nicht ausgehen
Das ist wunderbar geschildert. Der Zarathustra bleibt selbst vielen Nietzsche-Kennern ein Rätsel. Mir kam er wegen des bekannten Namens mit 18 in die Hand, aber ich habe rein jar nüscht verstanden. Dann begann ich chronologisch mit der "Geburt" und den "Unzeitgemäßen" und war in den Bann gezogen. Den "Zarathustra" habe ich erst mit Anfang 50 verstanden (glaube ich zumindest), den muss man auch laut lesen und vielleicht sogar tanzen. Es ist ja das einzige wirklich "dichterische" Buch, das macht es so schwierig. Ich finde dazu eben einen älteren Text:


Es ist sehr eigenartig mit bedeutenden, ganz großen Texten; es gibt von denen ein paar, die man wirklich erst (zu lesen) versteht, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. So um die 20 hatte ich eigentlich bereits alles gelesen, was irgendwie als schwer oder kompliziert galt; den Stechlin, Manns Zauberberg, die großen Romane der russsischen Realisten, James Joyce, Marcel Proust; ein bisschen später Arno Schmidt einschließlich Zettel’s Traum. Das schreibe ich nicht, weil ich überheblich und arrogant bin oder besonders klug und belesen; es war einfach so: Lesen war und ist mein Leben; andere leben lieber ohne zu lesen und vielleicht ist das auch besser so.

Goethes "Faust. Der Tragödie zweiter Teil" aber habe ich erst mit Mitte 30 wirklich verstanden, das vermute ich zumindest; und das hat weniger mit banalen semantischen Problemen der Lexik zu tun, denn schwer zu verstehen ist der Text trotz aller Voraussetzungen etwa in griechischer Mythologie nicht. Die Frage ist eher, wie man an dieses große als Drama verkleidete Lehrgedicht herangeht; mit wieviel Lebens- und Leseerfahrung man sich dem Horizont zu nähern versucht, den der alte Olympier da auftut. Und so habe ich auch Nietzsches "Also sprach Zarathustra" erst mit Anfang 50 verstanden; also verstanden in dem Sinne, dass mir schwante, wie man diesen Text lesen muss, der sich so eklatant auch von dessen anderen Schriften unterscheidet. Man kann ihn nämlich tatsächlich nur laut lesen oder sich laut vorlesen lassen; solange man dabei nicht stillsitzt; am besten tanzte man die Sätze auf einem Hochseil über den Wolken.

Offensichtlich liegen also bei mir persönlich 15 Jahre zwischen den ganz großen Lektüren; 20, 35, 50 - was aber mag mir mit 65, so ich es erlebe; beschieden sein; welches Werk wartet dann auf mich, ist es überhaupt schon geschrieben?
 

zeitistsein

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Das ist wunderbar geschildert. Der Zarathustra bleibt selbst vielen Nietzsche-Kennern ein Rätsel. Mir kam er wegen des bekannten Namens mit 18 in die Hand, aber ich habe rein jar nüscht verstanden. Dann begann ich chronologisch mit der "Geburt" und den "Unzeitgemäßen" und war in den Bann gezogen. Den "Zarathustra" habe ich erst mit Anfang 50 verstanden (glaube ich zumindest), den muss man auch laut lesen und vielleicht sogar tanzen. Es ist ja das einzige wirklich "dichterische" Buch, das macht es so schwierig. Ich finde dazu eben einen älteren Text:


Vielen Dank für den wichtigen Hinweis auf das Tanzen. Das ist tatsächlich zentral bei Nietzsche, hat er doch den Satz geprägt: "Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können." Zudem noch das Dionysische, was auch mit Rausch und Tanz in Verbindung steht und das Nietzsche ebenfalls ganz wichtig war, von der Auseinandersetzung mit Wagner ganz zu schweigen.

Das Werk ist ein Fass ohne Boden und das macht es meiner Meinung nach so faszinierend. Ich lese und verliere mich immer wieder gern darin.

Herzliche Grüsse
Sandra
 
Umso erstaunlicher, liebe Sandra, ist es; dass das Werk nie den Weg ins Tanztheater oder auf die große oder kleine Bühne gefunden hat, soweit mir bekannt ist. Neben der großen Oper oder dem Ballett dächte ich an ein Oratorium oder an ein Gesamtkunstwerk Wagnerscher Dimension.
Wolfgang Rihms "Dionysos" nach den Dithyramben möchte ich da eher als gescheitert betrachten.
 

zeitistsein

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Umso erstaunlicher, liebe Sandra, ist es; dass das Werk nie den Weg ins Tanztheater oder auf die große oder kleine Bühne gefunden hat, soweit mir bekannt ist. Neben der großen Oper oder dem Ballett dächte ich an ein Oratorium oder an ein Gesamtkunstwerk Wagnerscher Dimension.
Wolfgang Rihms "Dionysos" nach den Dithyramben möchte ich da eher als gescheitert betrachten.

Das ist in der Tat erstaunlich.
Wobei Nietzsche ja auch einen Abscheu vor dem, was er den "Pöbel" nannte, empfand. Er fühlte sich ja schon zu Lebzeiten unverstanden, nicht zuletzt durch seine Mutter und seine Schwester, die ja sein Werk geradezu verfälschten.
Zum Thema Tanz hat mein ehemaliger Professor Wolfram Groddeck den Aufsatz "Vom Gesicht und Räthsel - Zarathustras physiognomische Metamorphosen" verfasst. Darin wird der Tanz als Stilmetapher verstanden. Hochinteressant. Ich denke, das hätte Nietzsche eher gefallen. Bei Rihms Oper hätte er wohl eher unverständig die Augen verdreht oder aber den Komponisten als Schals-Narr und Drehorgel bezeichnet.
 
Das ist in der Tat erstaunlich.
Wobei Nietzsche ja auch einen Abscheu vor dem, was er den "Pöbel" nannte, empfand. Er fühlte sich ja schon zu Lebzeiten unverstanden, nicht zuletzt durch seine Mutter und seine Schwester, die ja sein Werk geradezu verfälschten.
Zum Thema Tanz hat mein ehemaliger Professor Wolfram Groddeck den Aufsatz "Vom Gesicht und Räthsel - Zarathustras physiognomische Metamorphosen" verfasst. Darin wird der Tanz als Stilmetapher verstanden. Hochinteressant. Ich denke, das hätte Nietzsche eher gefallen. Bei Rihms Oper hätte er wohl eher unverständig die Augen verdreht oder aber den Komponisten als Schals-Narr und Drehorgel bezeichnet.
Von Wolfram Groddeck habe ich Hölderlins Elegie „Brod und Wein“ oder „Die Nacht“, ein Buch, das ich sehr liebe. Seine sündhaft teure Arbeit über die Dionysos-Dithyramben ist mit bislang entgangen.
 



 
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