Letzte Einstellung

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sufnus

Mitglied
Letzte Einstellung

Auf ein Wort unter Freunden
so gehn wir uns an
ins Erinnern entfallen

Gedankenversunken
verzeichnetes Nein
in der Haut deiner Stunden
sind lange verwohnt
die gedachten Asyle
entschlüsselt vom Wind

Bis alles (die Namen
Umschreibungen Leitzordner
Kellergelasse Garagen
Container Archive
Regalmeter Dachstühle)
kippt die

Kriegerin reitet ins Bild
und ich kann deine Haare
noch sehn wie sie wehen im
anamorphotischen Breitwandformat
um ihren herrlichen Hals
 
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Anders Tell

Mitglied
Ungefiltert und ohne Selbstzensur würde ich gerne sagen: Intellektuellen-Mikado. Nur bei dieser Variante kriege ich kein Stäbchen herunter, ohne dass ein anderes verschwindet. Vielleicht hat jemand eine bessere Spielanleitung.
 

seefeldmaren

Mitglied
Ich frage mich an dieser Stelle, welche Fehler ich als Leserin bei Werken wie diesen machen kann?
Angenommen ich bin eine Autorin, die solche Texte sehr mag und sich davon angezogen fühlt, welche Fehler kann ich im Umgang mit Texten wie diesen vermeiden? Als Grundsatzdiskussion könnte man hier fragen, wie man ein besserer Leser (wie gendert man hier? die frage ist ernstgemeint) im Allgemeinen wird. Was ich aber als Leserin aktiv machen kann ist die Arbeit mit mir selbst, was der Text bei mir auslöst.

An anderer Stelle daher auch nur Stichpunkte, was bisher keine Berücksichtigung erhielt. Und die Schuld schiebe ich mir zu.
Was mir aber auch auffällt, wenn ich Texte wie diese lese, ist, dass mir die sprachliche Hecke eines Steffen Popps fehlt. Die Erscheinung (Form und sprachlich) wirkt noch nicht so rund.

Muss es denn so sein? Nein! Was fehlt mir dann? So genau kann ich es nicht sagen.

Wenn du willst, würde ich das Gedicht für mich, so wie ich damit umgehen würde, mal rezensieren. Wird aber ein paar Tage dauern.

Sehr geehrter Herr Suf!

Maren

PS: was mir schon auffällt: Dass das Ich zum Betrachter der eigenen Unschärfe wird - die Erinnerung ist kein Narrativ mehr, sondern wirkt kuratorisch
 
Zuletzt bearbeitet:

sufnus

Mitglied
Hey Maren!

Aktuell leiden meine Kommentare und Kommentarkommentare an viel zu viel von zu wenig Zeit.
Meinst Du mit "was bisher keine Berücksichtigung erhielt", dass ich auf einen Kommentar von Dir noch nicht eingegangen bin? Das ist sehr gut möglich, aber dann nur meinem gehetzten Dasein geschuldet und hat keine wertende Bei-Bedeutung. :)
Und was meinst Du mit sprachlicher "Hecke"? Cooles Bild und wenn ein wenig mehr sprachlicher Buxbaum mich in Poppische Höhen poppen ließe, dann bin ich aber voll dabei! :)
Also: Wenn Du Zeit hast, immer her mit der Rezension - ich werde mir die Zeit nehmen sie ausfühlich zu lesen, kann aber nicht verspreche, dass dann zeitnahe Zeit übrig bleibt, sie auch nochmal zu kommentieren. Es wär aber natürlich auch ein Riesenservice für alle anderen Mitleserinner*innen (ich gendere eher um die sprachliche Vielfalt zu feiern als mit genauem Blick auf Korrektheiten) - und vielleicht käme ja dann noch angeregtes Kommentierendes von weiteren Seiten? :)

Über die Fehler als Leser muss ich noch nachdenken. Hm. Da mach ich mir beim Lesen immer recht wenig Gedanken. Sollte ich vielleicht mehr tun. :)

LG & Danke!!!

S.
 

seefeldmaren

Mitglied
Herrje! Achte auf den Stress und dein Herz!
Wo dir Zeit genommen wird, kann sie dir nicht mehr gegeben werden.

Ja, ich vermutete meine Reaktion anderswo könnte respekt- bzw. mühelos gewirkt haben, weswegen eine kurze Rückversicherung für mich nötig war. Checkmark.

Popp ist jemand, der sich freigeschrieben hat und mit Hecke meinte ich die eben angemerkte Freigesetztheit, Hecken sind ja so wildwüchsig und nur der Mensch bestimmt die Form. Deine Frage war aber glaub ich rhetorischer Natur.

Das Sprechen zermürbt die Gemeinde der Schmerzen
Zukunft besiedelt das Denken wie ein Pilz, wie Feuer
ein rotes Pferd steht in der Rotunde, aus Kupfer
das Blut in deinen Fingern, die Festbeleuchtung
hängt in den Kronen wie ein verwelktes Klavier.

(aus "kolonie zur sonne", steffen popp, planet lyrik)



Maren
 

sufnus

Mitglied
Hey Maren! :)

Ganz lieben Dank für die guten Herzenswünsche! :) Etwas weniger Kaffee würde der Pumpe wahrscheinlich auch schon etwas Dauerfeuer-Stress ersparen... ;)
Jedenfalls vielen Dank für das Popp-Zitat - das gefällt mir (noch!) besser als das meiste, was ich von ihm bisher gelesen habe (und das Bishergelesene mochte ich bereits gar sehr). :)
Mit der Hecke, weiß ich immer noch nicht 100% umzugehen (ich musste meinem Papa immer beim Trimmen einer dornigen Berberitzenhecke helfen - vielleicht bin ich irgendwie heckentraumatisiert). Ich lese Deine Heckenmetapher so, dass selbige für den formschnitthaften Teil lyrischen Schaffens steht, also für die (natürlich liebevoll zu denkende) Zurechtschnibbelung des zunächst noch wildwuchsigen poetischen Ausgangsmaterials, auf dass Selbiges zu einer der ordnende Autor*innen-Hand Ehre erweisenden Gestalt gelange. :) Wobei diese meine Deutung kläscht ja dann mit Deiner Wahrnehmung vom Popp als einem Freigeschwommenen. Oder nicht oder doch? Du siehst mich also noch fernab rhetorischen Nachfragens im Zustande echter, gleichwohl (oder vielmehr: darob) bestgelaunter Verwirrung. :)
LG!
S.

+++++

Oh & ach!

Jetzt seh ich grad erst, dass ich ja, dank struddeligem Lesen, auch Dir, lieber @Anders Tell eine Antwort schuldig geblieben bin!

Also flugs nachgeholt:
Intellektuellenmikado klingt lustig, aber ich kenn nur in übertragenen Sinnzusammenhängen nur das vielbelachte Beamtenmikado.
Was muss man denn beim Intellekt-getriebenen Mikado tun oder lassen, um (nicht) zu verlieren? Wer als erster denkt, hat verloren?

Ist jetzt keine polemische Rückfrage - ich hab mich gerade tatsächlich über den Mikado-Vergleich gewundert - als ganz kleines Kind hab ich gern mit Mikadostäbchen gespielt, weil ich die schönen bunten Markierungen daran so mochte, bin da aber eher eigenen Regeln gefolgt (was sind wir heut aber nostalgisch - erst oben das kindlichen Heckeschnippschnapp-Memento und dann jetzt meine Spielkindzeitreverenz!).

Also nochmal LG!
S.

+++++

Und eiweh usw.:

Nur für alle Neueinsteiger*innen oder sonstwie nicht auf dem Kenntnisstand seienden lieben Mitlesenden:
Auf mondneins Kommentare und Anmerkungen gehe ich in aller Regel nicht ein (außer jetzt sozusagen per indirekter Tangente), weil mir sein Kommentier-Stil grundsätzlich nicht zusagt (mit dieser Ansicht stehe ich nach meinem Eindruck nicht ganz allein auf der Lichtung) und mir eine friedliche Koexistenz daher als das gedeihlichste Vorgehen erscheint.
Dies ist mondnein durchaus bekannt, wiewohl er mein ständiges Mauerflicken hartnäckig ignoriert, so dass ich mir ja bald schon vorkomme wie der ziemlich verbissene Nachbar in Robert Frosts berühmtem Gedicht - damit aber immerhin, auch wenn ich "im Dunkeln tappe" (he moves in darkness), auf gute Nachbarschaft hoffend.

Und damit im allerguten Drei-Sinn: LG!

S.
 

Anders Tell

Mitglied
Da musst Du schon im Bild bleiben: Intellektuell meint etwas anderes als intelligent. Aber Deine Mühen in Ehren, wir funken anscheinend nicht auf demselben Kanal und das liegt wahrscheinlich eher an meinem schmalen Horizont.
 

seefeldmaren

Mitglied
wildwuchsigen poetischen Ausgangsmaterials,
Ich beziehe mich auf ein Gedicht, dessen formale Geschlossenheit gerade aus der bewussten Disparatheit seiner Elemente hervorgeht. Ein Text also, der seine Rundung nicht trotz, sondern durch die Irritation seiner eigenen Fragmentierung gewinnt, weil Vollkommenheit im Gedicht, wie im perfekt geschnittenen Heckengestrüpp, nicht im Glatten liegt, sondern in der ungerichteten Vitalität des Wachsens: im Ineinander der Zweige, in der Selbstzerstörung, im Widerstreit von Linie und Blatt.

Ich glaube, ein Gedicht wird erst dann wirklich gut, wenn es auf der Schwelle steht, sich selbst zu zerstören, weil der Schaffer die Brühe zehn Minuten zu lange hat kochen lassen.
Ach Sufnus, ich kann es nicht präzise sezieren. Ich habe aber einen Soforteinfall, der zeigt, was ich meine: Google bitte nach dem Traklentwurf von Ron Winkler aka "de prefundis". Da ist Hecke drin. Und jetzt geht mir dir Zeit aus. :)

Maren
 

petrasmiles

Mitglied
Da muss ich sagen - ich beneide Maren um ihre Assoziationen.
Ich lese die ersten Verse - schön sprachgewaltig - und sehe alte Freunde, die nicht mehr wissen, ob sie es noch sind - und dann lande ich auf dem sprichwörtlichen A* da wehen Haare um einen herrlichen Hals ... und mir kommt der Gedanke, dass ich einen Autor, der 'anamorphotisch' in einem Gedicht verwendet, eigentlich nicht ernst nehmen kann ... und nun?

Liebe Grüße
Petra
 

Ubertas

Mitglied
Lieber sufnus,
miep miiiieeep,
ich finde es grundsätzlich gerade etwas ungeeignet von mir, mitten in Marens Heckengedanken einzubrechen. Den ich ganz großartig finde. Rezitier:
Ein Text also, der seine Rundung nicht trotz, sondern durch die Irritation seiner eigenen Fragmentierung gewinnt, weil Vollkommenheit im Gedicht, wie im perfekt geschnittenen Heckengestrüpp, nicht im Glatten liegt, sondern in der ungerichteten Vitalität des Wachsens: im Ineinander der Zweige, in der Selbstzerstörung, im Widerstreit von Linie und Blatt.
Schnauf! Da merkt man, wie schön es ist in der Hecke! Ab und zu, gäbe es die Möglichkeit, sollte ein Kommentarverlauf wie dieser hier, doch ebendar der Sternenschar angehören!
Aber jetzt kurz zurück zu deinen Mikadostäbchen, lieber sufnus, da hatte ich ein Deschawü! Die bunten Markierungen an den Dingern hatten meine volle Aufmerksamkeit (so wie Buntstifte, Fasermaler und Wachsmalkreiden) - sie waren so appetitlich und bunt, dass mir der freudige Anblick das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Beim Bewegen von Mikadostäbchen habe ich gerne ein paar neudeutsch "hacks" verwandt oder verwendet: mit der Faust auf die Tischkante schlagen oder den Blasebalg pfffft unverhofft ins Spiel bringen oder durch gezielte Ablenkungsmanöver "schau da fliegt eine Amsel!", kurzfristig das Stäbchenarrangement neu ausgelegt.
Aberakadabera - jetzt zu deinem Gedicht:)
Bitte alles unter dem Vorbehalt der nicht gewährleisteten eindeutigen Dreinstellung zu genießen;-) Ohne Gewehr:)))
"Letzte Einstellung" als Titel allein, da gazelliert schon nur beim Anfangsdenken Gedankengut durchs Bild. So könnte es sich um Zweierlei handeln, mindestens Dreierlei. Letzte Einstellung als ein "ja wie war ich, sie, es damals noch?" genauso wie eine Ankündigung, nie mehr Neues verkünden wollend, zu verweilen oder doch als ein Blick mit und hin zur letzten Einstellung, von Nah und Fern. Aber diesmal im Breitformat.


Auf ein Wort unter Freunden
so gehn wir uns an
ins Erinnern entfallen
Da setzt eine Herzschmelze ein. "so gehn wir uns an" ===>ein Angehen, ein Reiben aneinander (in guten wie in schlechten Zeiten) entfällt ins Erinnern, so wird es lediglich nur noch zu einem "Wort unter Freunden" reichen. Da denke ich an ein "Lass uns Freunde bleiben!"....
Dieses so gehn wir uns an - das ist fantastique

Gedankenversunken
verzeichnetes Nein
in der Haut deiner Stunden
sind lange verwohnt
die gedachten Asyle
entschlüsselt vom Wind
In einem Gedankenreich quittiert, in Verneinung des Versuchs, bleibt hier die Stundenhaut, die sich längst verwohnt, verschlissen hat, nicht mehr häuten will, übrig. Denn ihre Zufluchtsorte, nur die gedachten (?) sind kein Geheimnis mehr. Ein Wissen, ein Wind hat sie dechiffriert.
Vielleicht ein Abschied aus dem Zauber, der Hoffnung, dem Ahnen, dass Liebe kurzfristige(!) Endlichkeit besitzt? Oder beplankte Erkenntnis auf der Zwischenreise?

Bis alles (die Namen
Verzeichnisse Leitzordner
Kellergelasse Garagen
Container Archive
Regalmeter Dachstühle)
kippt die
Alles, das geordnet, gehortet, vorangenommen, in Prämissen, auf Lebensstatuten gebahrt, im Raum schwebt, gesammelt, weggepackt, ver-rinnert, irgendwo wartet, ungewartet, in uns "kippt" es
und nichts der eigens erdachten Absolution aus Strophe zwei hält Stand.


Kriegerin reitet ins Bild
und ich kann deine Haare
noch sehn wie sie wehen im
anamorphotischen Breitwandformat
um ihren herrlichen Hals
Da ist es! Das anamorphotische Objektiv:
"und ich kann deine Haare
noch sehn....
wie sie wehen...
um ihren" !!! nicht deinen herrlichen Hals.
Da schlägt die "letzte Einstellung" vollends zu. Hier findet eine Abstraktion statt. Gesehen aus einem überdimensional, ob vor- oder nachträglich empfundenen Blickwinkel heraus, um Haaresbreite.
Einleutend, was nicht bleibt.
In meiner Wahrnehmung ist die Kriegerin einerseits das Ich, das Du, zusammen ein einstiges Wir und gleichzeitig ein apokalyptischer Reiter, um den Hals gelegt mit wunderschönem Haar. Es erinnert mich an ein Lied mit dem Titel "Dead Horse" btw. (jwd guns n' roses). Aber janz weit drausse.
Also, was ich sagen wollte, ich bin restlos begeistert!

Was den Robert Frost- Einschub betrifft, it is a never(m)ending story - though fences ;-) I guess, I guess.

Liebe Grüße, ubertas
 

Tula

Mitglied
Hallo Sufnus
Ich bin leider ein eher banaler Kommentator, gehe meistens davon aus wie ein Gedicht unmittelbar auf mich wirkt.
Ich sehe hier ebenfalls die zwei alten Freunde bzw. den Blick des einen auf den anderen. Die Haut der Stunden verstehe ich als das in-sich-Zurückziehen, in eine eigene Welt als Zuflucht vor der realen, so ein bisschen Träumer oder gar Desperado im literarischen und intellektuellen Sinne; der andere ist ein guter Freund und sicher auch merkwürdiger und eigenwilliger alter Kauz, den man mitunter bemitleidet und dann wieder bewundert. Auf jeden Fall ein echter Literat, der selbst die Garage in eine Bibliothek verwandelt hat!

Die Kriegerin (als Metapher ausgesprochen witzig) lese ich als Gegenstück, die dominante Partnerin, die den alten Freund in die Gegenwart zurückholt bzw. seiner inneren parallelen Welt im wahrsten Sinne des Wortes entreißt. Auch das wirbelnde Haar wirkt da sehr herzhaft und heiter. Auf jeden Fall hat 'er' keine Chance ...

Ich überlege, ob dieses hier nicht doch so etwas wie ein selbst-ironischer Blick in den Spiegel sein könnte. Die zwei Freunde gewissermaßen das eine oder andere Ich, im Selbstgespräch also. Oder alles einfach nur eine moderne Variante von Sokrates und Xanthippe, solche intellektuell völlig gegensätzlichen Pärchen sind nicht gerade selten. Zum Glück, denn zwei Träumer zusammen kann eigentlich nur Unheil bringen.

Unter Umständen liege ich hier vollkommen daneben, aber das sollte nicht zuletzt mit in der dichterischen Absicht liegen.

Auf 'anamorphotisch' würde ich hier verzichten, es erschwert die bildliche Vorstellung der Szene, zumindest in meinem Köpfchen.

LG Tula
 
Zuletzt bearbeitet:

sufnus

Mitglied
Hey, Ihr Lieben!
Ich bin begeistert ob Eures vielstimmigen Echos! Vielen lieben Dank dafür! :)
Also...
... ich versuch, der Reihe nach vorzugehen und teile die Antwort in zwei Teile auf - so übersichtlichkeitshalber oder so... :)

Da musst Du schon im Bild bleiben: Intellektuell meint etwas anderes als intelligent.
Erstmal vielen Dank für die Nachhilfe. :) Wo hab ich nochmal genau intellektuell und intelligent verwechselt?


Ich glaube, ein Gedicht wird erst dann wirklich gut, wenn es auf der Schwelle steht, sich selbst zu zerstören
Hey Maren! Das finde ich wirklich richtig großartig!
Ich bin dabei durchaus überzeugt, dass auch das Gegenteil genauso richtig ist, dass also ein Gedicht wirklich gut ist wenn es kurz davor steht, sich selbst zu retten. Ob nun meine Zeilen die von Dir postulierte Schwelle genau genug getroffen haben, um "wirklich gut" zu werden, da kann man natürlich Zweifel anmelden (ich tu es hiermit mal), aber die Zeilen sind, wenn schon nicht richtig gut, dann wenigstens ein ernsthafter Versuch in der von Dir aufgezeigten Richtung. :)
Tatsächlich habe ich mir das von Dir angedeutete beim Schreiben keineswegs so zurechtgelegt oder empfunden, aber im Nachgang kann ich mich sehr gut damit identifizieren.
Dementsprechend hätte ich das Gedicht in Strophe 3 kräftig auf den Betonboden geditscht und - als das noch nicht genug gebracht hat - dann in Strophe 4 den Selbstzerstörungsknopf gedrückt.

Ach Sufnus, ich kann es nicht präzise sezieren. Ich habe aber einen Soforteinfall, der zeigt, was ich meine: Google bitte nach dem Traklentwurf von Ron Winkler aka "de prefundis". Da ist Hecke drin. Und jetzt geht mir dir Zeit aus. :)
Witzigerweise find ich bei Ron keine explizite Hecke, aber ich bilde mir ein, dass mir trotzdem klarer geworden ist, was Du meinst. Bei Popp hätte man demnach soviel "gezähmte Destruktion", das man sich noch ganz in der Sphäre "ernsthafter" Kunst befindet, Ron schaffte es hingegen perfekt auf der Schwelle zu balancieren (was seine Gedichte nicht nur großartig, sondern auch unterhaltsam macht) und bei meinen Zeilen wäre der völlige "Absturz" ins Monty Python-Land erfolgt (weshalb ich natürlich sowieso nicht sinnvollerweise in einem Atemzug mit den zwei Vorgenannten unterwegs sein kann - es geht ja jetzt nur um eine theoretisch-poetologische Betrachtung und nicht etwa - ogottogott - um einen anmaßenden Qualitätsvergleich).

Ich lese die ersten Verse - schön sprachgewaltig - und sehe alte Freunde, die nicht mehr wissen, ob sie es noch sind - und dann lande ich auf dem sprichwörtlichen A* da wehen Haare um einen herrlichen Hals ... und mir kommt der Gedanke, dass ich einen Autor, der 'anamorphotisch' in einem Gedicht verwendet, eigentlich nicht ernst nehmen kann ... und nun?
Also an meine Überlegungen, die wiederum an Marens Überlegungen anschließen, findest Du dann vielleicht auch zwanglos Anschluss: Es ist alles nicht so ernst gemeint, sondern eine Art lyrische Lockerungsübung für den ambitionierten Hobby(!)-Dichter. Dabei soll die "luschtige" Mitschwingung aber von mir nicht als Lesenden-Veräppelung verstanden sein, sondern als Mitlach-Einladung fungieren. Natürlich ist das Wort anamorphotisch ungefähr eines der unpassendsten Wörter, die an der Stelle hätten auftauchen können.

Und jetzt ein kleiner Break zur Erholung.
Zu Deinen wunderbaren Ausführungen, liebe ubertas und Deinem mich sehr erfreut habenden Kommentar, lieber Tula, komme ich aber auch noch. :)

LG!

S.
 

Anders Tell

Mitglied
Mache ich doch gerne. Obwohl Nachhilfe nicht in allen Fällen das Mittel der Wahl ist.
Intellektuellen-Mikado führt Dich zu dem wenig originellen Witz, dass wer zuerst denkt, verloren hat. Dann müssten die Mitspieler aber denkfaul oder geistig minderbemittelt sein. Das zielt ja dann auf mangelnde Intelligenz. Vielleicht muss ich deutlicher werden: Der Schwitzhüttenqualm, der in Trance ähnlicher Entrückung langsam die Quasselbude füllt, nimmt mir die Luft und lässt meine Sinne schwinden. Das noch garniert mit der possierlichen Nabelschau eigener Gelehrtheit hat, glaube ich, wenig Ähnlichkeit mit Literatur. Aber, wem es gefällt, dem will ich die Freude nicht trüben.
 

sufnus

Mitglied
Hey!

.... aaaalso... :)
Ich will gerne noch ein bisschen was zu Euren vielfältigen Anregungen schreiben:
Zunächst lieber noch mal ein doppelgenätes Spezialdankeschön an Deine Adresse, liebe Ubertas, weil Du in die Extraarbeit der Feinaufschlüsselung gegangen bist. Du hast es, finde ich, geschafft einerseits durchaus ganz nah am Text zu bleiben aber andererseits doch ein paar zarte Sinnverbindungen in die Welt des fast schon Nachvollziehbaren zu knüpfen.
Wenn ich der Text wäre, den ich da geschrieben habe, dann wäre ich ein Teenager und Du, liebe Ubertas, wärst meine Eltern, und der Teenie verkündete freudestrahlend, dass er/sie/es sich von den Eltern völlig verstanden fühlt, woraufhin dann ein gütig in die Kamera nickender Erzähler den dicken Märchenband zuklappte und "mehr davon beim nächsten Mal" verkündete. :)
Was mir übrigens bei Deiner Analyse aufgefallen ist, Ubertas, ist dass es eine Fastwortanklingung gibt, die mir noch nicht so gut gefällt, nämlich das verzeichnete Nein und weiter unten dann die Verzeichnisse. Ich werde daher Letztere ein bisschen umformulieren. :)
Und weil Du auf die etwas unübersichtliche Pronomisierung in der letzten Strophe hinweist, liebe Ubertas: Tatsächlich ist von einer Kriegerin die Rede, die um den Hals "deine Haare" trägt und irgendwie bleibt unklar, wie das lyrische Du bzw. seine Haare nun in kriegerinnenhalsnähe gelangt sind (und was das überhaupt soll). Tatsächlich stelle ich mir da tendenziell so ein bisschen was wie eine Art Skalp-Schmuck vor, also ziemlich martialisch und für das lyrische Du irgendwie eine schlechte Nachricht. Andererseits könnte (und soll) man sich da auch gerne Kuscheligeres unter diesem gemischten Haar-Ensemble vorstellen. :)

Sodann auch nochmal ein liebes Dankeschön an Dich, Tula! Ich mag es sehr, dass Du in Deiner Deutung ganz ins Konkrete gehst und dem Text keine Ausflucht in den Unbestimmbarkeitsbereich des Allgemeinen durchgehen lässt. Ich hatte kein so konkretes Bild vor Augen, wenn ich ehrlich bin, aber mir gefällt Deine Vorstellung sehr. :) Ganz besonders gefällt mir, dass Du die Möglichkeit aufwirfst, dass die verschiedenen Akteure des Textes womöglich ein und die selbe Person sind, die sich z. B. im Spiegel betrachtet (bei dieser Variante hast Du nach meinem Eindruck durchaus Blickkontakt zu Uberas' Sichtweise, nach der am Schluss ja auch wir und ich und du und Kriegerin einigermaßen zusammenfließen). :)

Und jetzt vielleicht noch was zu Punkt des "Unernstes" dieses Textes: Vielleicht sind meine Äußerungen bzw. Stichworte (Monty Python, Selbstzerstörungsknopf, Lockerungsübung, Mitlacheinladung) tatsächlich noch etwas unglücklich missverständlich im Sinne von: "Ätsch! Wenn Ihr Euch über den Text die Köpfe zerbrecht, hab ich Euch aber schön reingelegt - ist doch alles nur Spaß". So hab ich es aber nicht gemeint und den Text auch nicht konzipiert. Ich wollte nur darauf hinaus, dass er grundsätzlich spielerisch aufzufassen ist, aber mit allem Ernst, der eben auch dem Spiel durchaus innewohnt. Insofern hab ich mir beim Schreiben schon Mühe gegeben (im Rahmen meiner Möglichkeiten) und z. B. ziemlich genau auf den Sprachrhythmus geachtet, der zwar keinem "klassischen" Metrum folgt und auch strophenweise gewisse Rhythmuswechsel zeigt, aber doch in gewisser Weise "komponiert" ist (nochmals: im Rahmen meiner Möglichkeiten ;) ).

Damit - last but not least, lieber A. Tell: Ich kann natürlich nicht nur die positiven Geschmacksurteile goutieren, ohne auch die negativen dankend entgegen zu nehmen - also sei Dir Dein Erstickungsgefühl völlig unbenommen (und ich hoffe sehr, dass Du dank Texten, die mehr nach Deinem Geschmack sind, wieder ins respiratorische Gleichgewicht zurückgefunden hast)! :)
Bei Deinem Finalverdickt "wenig Ähnlichkeit mit Literatur" kommt es mir aber so vor, als ob Du mit einer zu dicken Kanone auf einen harmlosen Spatzen schießt, wobei weder die Kaliberstärke dem Zielobjekt angemessen erscheint noch der Rückstoß auf die Kapazitäten des Artilleristen angepasst wurde. ;) Aber vielleicht kommt mir dieser Gedanke auch nur, weil der Begriff der "Literatur" ein recht schwammiger ist.
Wenn Du hier also gar nicht als Richter über literaturzeitschriftenwürdige Textwertigkeit auftreten wolltest, sondern den L-Begriff durchaus weitherzig angewandt wissen wollen würdest, dann ist mir wiederum nicht ganz klar, warum dann "Literatur" keinerlei schwitzhüttenhafte Qualmigkeit in Tateinheit mit selbstverliebtem Bildungsgehubere beinhalten darf (ich lass Deinen Lese-Eindruck an den Punkt mal so im Raum stehen, ohne ihn mir damit zu eigen zu machen).

LG!

S.
 

mondnein

Mitglied
ah, gefunden.

Ich werde jetzt aber nicht nachforschen, welcher Neologist hier das Photische an die anamorphê angehängt hat, wahrscheinlich ein des Griechischen unkundiger Angelsachse, der das Photo bzw. das dem wiederum zugrundeliegende allgemein bekannte Wort "phôs" (Licht) an die (eher unbekannte) Anamorphê oder Anamorphosis angehängt hat und "verkoffert", also zusammenziehend verkürzt hat.
Häßlich, aber offensichtlich gebräuchlich.

grusz, hansz
 

seefeldmaren

Mitglied
nochmals: im Rahmen meiner Möglichkeiten ;) ).
dann hoffe ich, dass du mich nicht missverstanden hast (missverständnis gabs ja), was ich schrieb war nicht als wertung zu verstehen, weniger "gut, schlecht, oben, unten"...dass es schlechte oder gute gedichte gibt, glaube ich nicht - oder besser / schlechter - eher empfinde ich es so, dass wir alle auf einer ebene liegen, nur in einer anderen verortung mit konzentration auf das "anderssein". jedes werk bietet etwas anderes an!

dir / euch ein schönes wochenende.

maren
 

mondnein

Mitglied
So, ich habe weiter nachgeforscht:

ana - nach oben, hinauf​
morphoô - ich forme, bilde, gestalte etwas​
Verbaladjektiv (!) morphôtos - formbar, gestaltungsfähig​
ana-morphôtos - nach oben hin formbar

Bis alles
(hier folgt eine unübersichtlich abundante Aufzählung irgendwelcher Dinge)
...
...
...
kippt die

Kriegerin reitet ins Bild
dieses asyndetische Enjambement (die /Kriegerin) ist derartig künstlich und affektiert, daß mir die Haare hochstehen, die auf meinem Unterarm, brrh ...

deine Haare
...
um ihren
watdennnu? "deine" oder "ihre"?
ach so, es sind zwei verschiedene Personen.
 
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