Literaten-Himmel

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Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Eine Bitte hätte ich. Sollte unter den Lesern zufällig jemand sein, der den erzgebirgischen Dialekt perfekt beherrscht, wäre ich ihm / ihr sehr dankbar, wenn er/ sie das Gedicht von meinem Knut gegebenenfalls korrigiert.

Literaten-Himmel


Wäre es nach Knut Kieselbach, einem jüngst verrenteten Forstarbeiter, gegangen, hätte der sein erstes arbeitsfreies Sommerhalbjahr am liebsten daheim im vertrauten Erzgebirge verbracht. Er liebte es, auf seinem, am Stadtrand der Kleinstadt Eibenstock gelegenem Grundstück im Schatten eines von ihm höchstselbst gepflanzten Vogelbeerbaums zu sitzen.
Dort vermochte er, die ihn umgebende Ruhe in sich aufzunehmen. Eine Stille, die nicht einlullte, sondern seinen Geist belebte und ihn nicht selten animierte, kräftig in dem von ihm angehäuften Wortschatz zu kramen und aus dessen Fundus die Wörter zu wählen, die er brauchte, um daraus wohlgesetzte Versen zu formen. Wenn ihm ein als vortrefflich empfundenes – meist mundartlich gefärbtes – Gedicht gelungen war, durchströmte ihn ein Glücksgefühl, das er ausschließlich für sich genießen durfte.
Gern hätte er des Öftern derartige Momente erlebt, doch dieses Ungestörtsein, das er zum Schreiben brauchte, war ihm zu selten vergönnt. Diesen Umstand verdankte er seiner resoluten und tatkräftigen, aber auch häufig nervenden Frau Elvira. Obwohl es ihm schon einige Male gelungen war, das eine oder andere Gedicht aus seiner Feder im regionalen Heimatkalender unterzubringen, hielt Frau Elvira überhaupt nichts von dieser „brotlosen Kunst“. Für sie galt Knut stets nur dann als ein vollwertiger Partner, wenn er die von ihr gestellten Aufgaben mit gebotenem Eifer erfüllte. Und sie sorgte mit Beflissenheit dafür, dass es für den Herrn Gemahl jederzeit irgendetwas „sinnvolles“ im Haus oder Garten zu tun gab. Auch jetzt – wo Knut gehofft hatte, in seinem noch frischen Rentendasein wesentlich mehr Zeit, für sein lyrisches Schaffen aufbringen zu dürfen, blieb Elvira hartnäckig am Ball und deckte ihn mit angeblich unaufschiebbaren Arbeiten ein.
„In den letzten Jahren ist so vieles liegen geblieben. Wenn das nicht schleunigst erledigt wird, dann …“
Welche Konsequenzen daraus erwüchsen, ließ sie meist offen, denn bei Knut bedurfte es keiner weiteren Argumente. Da reichten Befehle. Das war schon immer so, und daran würde sich auch nicht mehr ändern.
In diesem Sommer 2019 war bei ihr ein neuer Aspekt in den Vordergrund gerückt. Sie wollte reisen. Nein, keine spektakulären Trips in exotische Länder, nicht einmal europaweit.
„Lass uns erst einmal Deutschland richtig kennenlernen“, hatte sie gesagt und sich voller Eifer mit der Planung einer größeren Rundreise beschäftigt. Den Abschluss sollte ein mehrtägiger Aufenthalt im Spreewald bilden.
Knut hatte einen wehmütigen Blick auf „seinen“ Vogelbeerbaum geworfen und sich einen entsagungsvollen Seufzer gegönnt, ehe er zu Elvira ins Auto gestiegen war.

Und vorgestern waren sie in dem sagenumwobenen Spreewald angekommen. Nachdem die ersten beiden Tage mit einer Shoppingtour durch die City der Kreisstadt und einer obligatorischen Kahnfahrt draufgegangen waren, hatte Elvira für heute eine Radtour in das Innere eines weitgehend naturbelassen Teils des Unterspreewaldes verfügt. Missmutig war Knut hinter ihr her getrampelt und hatte mörderisch geflucht, als seine Gattin vom Hauptweg abbog, um einem Pfad zu folgen, der immer weiter in den Wald hinein führte. Und ständig gab es Gabelungen.
Wegweiser? Fehlanzeige!

Es kam, wie es kommen musste – keine halbe Stunde später hatte sich das Paar gnadenlos verirrt. Buchstäblich verlaufen, denn mit den Rädern kam man ohnehin nicht mehr voran. Sie waren gefangen in einem Gewirr aus Wasserarmen, Wald mit dichten Unterholz, sumpfigen Lichtungen und kaum erkennbaren Trampelpfaden, die obendrein meist im Nichts endeten. Und nun?
Während Knut hektisch auf dem Smartphone herum wischte, um sich über den aktuellen Standort ein Bild zu verschaffen, sah Elvira besorgt auf das Stückchen Himmel, das zwischen den dichten Baumwipfeln erkennbar war. Längst hatte sich die Sonne hinter dunklen und bedrohlich auftürmenden Wolken verkrochen.
Als Elvira ein erstes langgezogenes Grollen vernahm, schlich sich ein Anflug von Panik in ihre Augen.
„Knut! Da kommt ein Gewitter auf!“, rief sie und starrte ihren Mann an, als wolle sie ihn auffordern, endlich die Wolkenwand beiseitezuschieben.
„Was du nichts sagst“, knurrte er lakonisch und hypnotisierte weiter das Display vom Smartphone. Kein Empfang!

Das Donnergrollen kam näher. Durch das Geäst fauchten mit einem Mal heftige Windböen. Dann dauerte es keine drei Minuten mehr, bis die ersten Regentropfen ihren Weg durch das Blätterdach fanden.
Das Paar suchte sein Heil in der Flucht, ohne zu wissen, wohin ihr Weg sie führen würde.
Plötzlich rief Elvira, den Arm ausstreckend: „Sieh doch! Dort steht eine Hütte! Nüscht wie hin!“
„Na dann los!“, rief er zurück und bahnte sich gewaltsam einen Weg durch das Dickicht.
Seine Gattin fluchte zwar, weil ihr ständig Äste ins Gesicht schlugen, aber nach wenigen Minuten hatten sie es geschafft. Sie standen auf einer kleinen Lichtung – hinter sich den Wald, vor sich einen breiten Spreearm. Und an dessen Ufer befand sich tatsächlich ein windschiefer Holzschuppen, der allerdings nur noch auf seinen Abriss zu warten schien. Die schräg in den Angeln hängende Tür stand einen Spalt weit offen. Knut musste einiges an Kraft aufwenden, um den Eingang soweit zu öffnen, dass auch seine rundliche Gattin durchzuschlüpfen vermochte.
In dem Schuppen roch es modrig. Durch die halb geöffnete Tür drang nur wenig Licht in den Raum.
„Gruselig“, kommentierte Elvira und versuchte sich in dem Gelass umzuschauen. Als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, entdeckte sie lediglich einen Haufen von vor sich hin gammelndes Gerümpel. Irgendwo fand sie einen rostigen Blecheimer, den sie kurzerhand umdrehte, um sich ächzend darauf nieder zu lassen.
Knut lehnte am Türrahmen und blickte voller Skepsis hinauf in den Himmel, der sich plötzlich zu öffnen schien, um wahre Sturzfluten hernieder zu schicken.
„Ein Glück, das Dach scheint dicht zu sein“, erklang Elviras Stimme aus der Tiefe des Schuppens.
Knut reagierte nicht. Er lauschte vielmehr auf ein rasch näher kommendes Motorgeräusch. Er wandte den Kopf in dessen Richtung und sah, wie ein Spreewaldkahn im Affenzahn hinter einer Flussbiegung hervorkam. Am Heck hockte ein in sich zusammengekrümmter Mann in grell-orangener Regenjacke. Mit respektabler Bugwelle schoss das Gefährt an der Hütte vorbei, um kurz darauf hinter der nächsten Krümmung zu verschwinden. Knut hatte beim Hinterherschauen gar nicht bemerkt, dass Elvira neben ihn getreten war. Plötzlich hörte er sie halblaut deklamieren:

Und das dem Netze dieser Spreekanäle
nichts von dem Zauber von Venedig fehle,
durchfurcht das endlos wirre Flussrevier
in seinem Boot der Spreewald – Gondolier.

„Häh“, machte Knut. „Wo hast‘n den Spruch aufgeschnappt?“
„Och, der stand auf einem der Flyer, die bei uns in der Pension herum liegen. Der Vierzeiler soll von Fontane stammen, der in diesem Jahr seinen zweihundertsten Geburtstag hat. Das Ereignis wird hier in Brandenburg besonders gefeiert. Und als ich soeben den Mann in seinem Kahn sah, fielen mir die Verse spontan ein.“
„Aha“, machte Knut. Was er noch hinzufügen wollte, blieb ihm allerdings im Hals stecken, denn in diesem Augenblick ließ sich aus der Tiefe des Schuppens eine Stimme vernehmen.
„Welch anmutige Rezitation, meine verehrte Dame. Jedoch muss ich einwenden, dass dieser Fährmanns-Rüpel nichts mit meinem Spreewald-Gondolier gemein hat. Mit störendem Lärm und üblen Gestank entweiht er das von mir in Verse gefasste Bild der einzigartigen Spreewald-Idylle auf das Sträflichste.“
Bei Knut und Elvira waren längst die Köpfe herum gefahren. Fassungslos starrten sie auf den mittelgroßen schlanken Mann, der unvermittelt keine anderthalb Meter hinter ihnen aufgetaucht war. Seine Kleidung wirkte ungewöhnlich. Ein dunkler Gehrock, der die ebenfalls dunkel gestreifte Hose bis zu den Knien bedeckte. Unter dem Rock trug er eine schwarze Weste, die im auffallenden Kontrast zu dem weißen Hemd stand. Um den Kragen schlang sich ein kunstvoll gebundener Plastron. Unter dem hohen Zylinder quoll dichtes, leicht gewelltes Haar hervor, das bis in den Nacken reichte. Das scharf geschnittene Gesicht wurde von einem gewaltigen Schnurrbart dominiert. Alles in allem – eine stattliche Erscheinung, die Respekt einflößte.
Dieser ungewöhnlich aussehende Herr deutete jetzt eine knappe Verbeugung an und lüpfte den Zylinder ein wenig, ehe er sagte: „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Fontane, Heinrich Theodor Fontane.“
Es schepperte, als Elviras voluminöser Hintern wieder auf dem Eimer landete. Sie fühlte ihre Knie zittern und das Herz bis zum Halse schlagen.
Ganz anders Knut. Auf dessen Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. Auch er hatte in den Flyern geblättert und dabei erfahren, dass in diesem sogenannten „Fontanejahr“ ganze Scharen von Fontane-Doubeln durch die Mark schwirrten, um respektvoll lauschenden Touristen von dem großen Dichter und Literaten zu erzählen. Sein Grinsen wurde noch breiter, als er spöttisch fragte: „Und dir ist wohl deine Touristengruppe weggerannt?“
„Sie missverstehen mich, mein Herr. Ich bin kein …“
Ein ohrenbetäubendes Krachen übertönte seine letzten Worte.
„Uff! Das war verdammt nahe!“, krächzte Knut, der reflexartig den Kopf eingezogen hatte. Er schielte zu dem Fremden, der gerade seine Arme über der Brust kreuzte, ehe er spontan zu deklamierten, begann:

Doch wird die Sonn′ erst unerträglich
Und dörrt den Wald und sengt die Flur,
Da hilft sich, auf gut sommertäglich,
Mit einem Schlage die Natur:
Die Donnerwolke blitzt und wettert
Und nimmt der Luft den gift′gen Hauch,
Und wird auch mancher Baum zerschmettert,
In faule Sümpfe schlägt es auch.

„Das ist ebenfalls von mir“, sagte das Dichter-Double und warf sich ein wenig in die Brust, während erneut ein kräftiger Donner über den Schuppen hinweg rollte.
Knut sah zu Elvira, die hektisch ihre gänsebehäuteten Unterarme rieb. Dabei merkte er, wie ihm nun doch ein wenig mulmig wurde. Die Szene besaß etwas Unheimliches. Es kostete ihn Überwindung, einen Schritt auf den Unbekannten zuzugehen und ihm ein möglichst entspanntes Lächeln zu schenken.
„Das mit der ausgebüxten Touristengruppe sollte ein Scherz sein. Ist ja auch kein leichter Job, den du da machst.“
Den ernsten Gesichtsausdruck dieses selbsternannten Fontane ignorierend, schlug er ihm kumpelhaft auf die Schulter und … kam fürchterlich ins Straucheln.
Elviras spitzer Aufschrei machte ihm bewusst, dass er keiner Sinnestäuschung zum Opfer fiel. Die Hand, mit der er den leichten Schlag ausgeführt hatte, war durch den Körper des Mannes gefahren – ohne eine Spur von Widerstand.
Knut fand sein Gleichgewicht erst am Türrahmen wieder, an dem er dann schwer atmend lehnte.
„Was … was, war denn das?“
Mit ruhiger Stimme wurde er aufgeklärt. „Ein völlig normaler Vorgang. Die Seele eines Verstorbenen verfügt natürlich über keinen Körper, aber mitunter vermag sie ein Abbild davon zu projizieren, so wie bei mir in diesem Moment.“
Obwohl in Knuts Ohren plötzlich ein Wasserfall zu toben schien, vermochte er die weiteren Worte zu aufzunehmen.
„Vor nunmehr 121 Jahren segnete ich das Zeitliche. Seither erhalte ich in bestimmten Abständen die Erlaubnis, mich in den irdischen Gefilden ein wenig umzuschauen. Zusätzlich genieße ich das Privileg, immer dann in Ton und Bild zu erscheinen, wenn mich in unmittelbarer Nähe meines gewählten Aufenthaltsortes jemand wörtlich zitiert. Ich werte es als einen großen Zufall, dass dies in einer derartigen Einöde geschehen konnte.“
„Heißt das, Sie sind aus dem Himmel herabgestiegen und … Hat das was mit dem Gewitter zu tun?“, flüsterte Elvira. Sie zitterte am ganzen Körper.
Fontanes Erscheinung ging auf ihre Frage nicht ein. Stattdessen versicherte er, dass kein Grund bestünde, Furcht zu haben. Seelen seien die friedfertigsten Wesen des Universums. Und dann meinte er, dass es ihm eine große Freude bereiten würde, wenn sie ihm noch ein paar Minuten Gesellschaft leisten würden.
Seine Worte wirkten tatsächlich beruhigend auf Knut und sogar auf seine angstgebeutelte Frau. Deren Furcht begann sogar überraschend schnell in blanke Neugier umzuschlagen. Zu gern wollte sie erfahren, wie es denn „da oben“ so zuginge und ob man sich dort wohlfühlen könne.
Letzteres wurde durch ein Kopfnicken bestätigt.
„Ich bin zum Beispiel im Literaten-Himmel ansässig, und ebenda genieße ich den permanenten Austausch von Gedanken und Gefühlen mit vielen sympathischen Kollegen. Nicht wenige kannte man ja bereits zu Lebzeiten.“
„Heißt das, sie unterhalten sich sogar mit solchen literarischen Größen wie Goethe oder Schiller?“
„Ich bin beiden begegnet, und wir haben natürlich miteinander aurisiert, das bedeutet: Wir haben die jeden von uns umgebenden Auren eine Zeitlang gemischt. Es gibt jedoch noch genug andere Schreibgrößen, mit denen es Freude macht, zu aurisieren. Das Ganze könnte weitaus erbaulicher sein, wenn sich nicht permanent diese besserwisserischen und gemeinhin unverschämten Kritiker einmischen würden. Seit geraumer Zeit haben wir da einen, das ist ein regelrechter – verzeihen sie den despektierlichen Ausdruck – Kotzbrocken. Zu diesem … diesem – ach irgendwas mit „itzki“ hinten – versuche ich Distanz zu wahren, aber das gelingt nicht immer.“
Elvira und Knut wechselten verwirrte Blicke, ein Zeichen, dass sie nicht alles verstanden hatten. Knut wollte nachfragen, aber seine Gattin kam ihm zuvor.
„Was gilt denn als Voraussetzung, um in den Literaten-Himmel zu kommen?“, wollte sie wissen.
Die Fontane-Seele schien einen Moment nachzudenken und erklärte dann, dass jeder, der sich ernsthaft um das Verfassen literarischer Werke bemühe, diese Chance besäße.
„Auch wenn man nur Gedichte schreibt?“
„Natürlich. Falls man sie als gelungen betrachten darf.“
Elvira dachte kurz nach und wandte sich dann vehement an ihren Knut. „Du schreibst doch gute Gedichte. Vielleicht wirst du später auch einmal …“
„Sie sind ein Poet?“, fragte die Fontane-Seele und schien überrascht.
„Poet?“ Knut kratzte sich verlegen am Kopf. „Ich schreibe eher einfache Gedichte über die Region, aus der wir stammen.“
„Das klingt interessant. Darf man etwas davon hören?“
Knut wand sich wie ein Aal, aber Elvira zischte. „Los nun mach schon!“ Ihr Ton erlaubte – wie von ihr gewohnt – keinen Widerspruch.
‚Was ist denn mit der los!?‘, durchfuhr es Knut, während er daran dachte, welch spärliches Interesse sie bislang seinem dichterischen Schaffen entgegengebracht hatte. Zögernd begann er zu deklamieren:

Ach Eibenstock, was biste schii,
wär da gewäst, vergasst dich nie.
Deine Wälder vuller Schwammeln,
die och Durisden gerne sammeln.
Huhe Barg gibt’s allemal,
E Stausee, der griesd aus‘m Dahl.
Un wenn der Schnie fälld dann im Winder
Freits nich nur de villen Gindor.
Iss Weihnachtsmarchd, dann riechts nach Zimt
Und Glieeewein, där von ALDI kimmd.
Die huhe Dann steht vur där Kärch,
un wie im ganzen Arzgebärch
dreht‘sch uffm Markt die Perramid.
Un all das Schnitzwärg dreht sich mit.
Un wärs geschaut, vergasst es nie.
Mei Eibenstock, wie biste schie.

Knut, der verhalten begonnen hatte, war nach und nach von seiner eigenen Schöpfung fortgerissen worden. Am Ende schien er von sich selbst begeistert. Vielleicht entging ihm deshalb Fontanes winziges Lächeln, dem man eine gewisse Süffisanz nicht absprechen konnte.
„Nun ja – eine poetische Kostbarkeit würde ich das nicht nennen. Sagen sie, gibt es davon auch eine Übersetzung ins Deutsche?“
Knut sagte nichts, zog nur ein beleidigtes Gesicht. Dichter reagieren stets pikiert, wenn man ihren Werken nicht die erwartete Anerkennung zollt. Da bildete der gute Knut keine Ausnahme.
Meister Fontane schien seine spontan spöttische Bemerkung zu bedauern, und er versicherte eifrig, dass Knut gewiss Talent besäße. Er müsse es nur noch weiter ausbauen.
„Und das Wichtigste: Üben, üben, üben“, setzte er zum Schluss hinzu. „Schriftstellerei besteht zu fünf Prozent aus Begabung, der Rest ist harte Arbeit.“
„Dann gib dir gefälligst Mühe!“, bellte Elvira und sah ihren Mann eindringlich an. „Hast ja sicher noch ein paar Jahre vor dir. Vielleicht schaffst du es, dich ins Dichter-Paradies hinein zu schreiben.“
Wie ein Scherz hatte sich das nicht angehört.
Der Angesprochene sagte nichts, zog nur zweifeln die Schultern hoch.
„Ach, Herr Fontane, was ich sie noch fragen wollte: Folgen den Schriftstellern deren Ehepartner in den Literaten-Himmel?“ Elviras Gesicht drückte Spannung aus.
„Nein. Natürlich nicht. Es gilt die eindeutige Regel: ‚Bis das der Tod euch scheidet‘. Spätestens dann trennen sich die Wege der Seelen. Das heißt, es gibt eine Ausnahme. Wenn zum Beispiel ein bekannter Autor nachweisen kann, dass seine Partnerin für ihn in seiner Schaffensphase die schärfste, ehrlichste und konstruktivste Kritikerin gewesen ist, dann vermag sie bei uns mit einzuziehen. Auch meiner Gattin ist das gelungen.“
„Wie schön!“, rief Elvira und hätte um ein Haar in die Hände geklatscht.
„Wie man es nimmt“, kam es lakonisch zurück. „Und außerdem, seit Emilie immer öfter ihre Aura mit der von diesem windigen Karl May mischt, sind meine Begegnungen mit ihr nur noch rein zufällig.“
„Das tut mir leid“, sagte Elvira, und in ihrer Stimme schwang ehrliche Anteilnahme.

Eine Weile herrschte Schweigen, das vor allem Elviras sichtlicher Betroffenheit geschuldet schien. Trotzdem war sie es, die den Faden der Konversation wieder aufnahm.
„Sagen Sie, Herr Fontane, gibt es eigentlich auch einen speziellen Himmel für Banker?“
Diese Frage basierte auf dem Hintergrund, dass Elvira fast ihr gesamtes Berufsleben hinter einem Sparkassenschalter verbracht hatte.
„Ja, gibt es.“ Die Fontane-Seele nickte. Seine Stimme klang eher gelangweilt, als er fortfuhr: „Ich glaube, dort findet man auch noch Makler, Börsianer und Versicherungsagenten. Aber deren Refugium ist sehr klein.“
„Warum?“, hakte Elvira nach.
„Weil die Angehörigen dieser Berufsgruppen sich mehrheitlich in der Hölle wiederfinden.“
Ein rollender Donner unterstrich seine Worte. Doch der kam schon von weiter her. Auch der Regen hatte deutlich nachgelassen.
Das Fontane-Abbild schaute nach draußen.
„Gleich wird die Sonne wieder hervorkommen. Hier im Flachland sind die Gewitter meist von kurzer Dauer. Anders als bei Ihnen in den Bergen.“ Und an Knut gewandt: „Schreiben Sie ein Gedicht über ein Gewitter, das in einem Tal tobt, aus dem es nicht heraus kommt. Vielleicht als Allegorie auf einen nicht enden wollenden Ehekrach. Aber dann befleißigen sie sich bitte der deutschen Sprache.“
Die Männer lachten. Nur Elvira zog ein grämliches Gesicht. Ihr ging die Banker-Hölle nicht aus dem Kopf.

„Ich glaube, es ist an der Zeit, meine Wanderung fortzusetzen. Ich habe etliche Buchseiten dem Spreewald gewidmet, seiner einzigartigen Natur und seinen ebenso einzigartigen Bewohnern. Doch ich muss gestehen, dass ich noch nie im wilden Unterspreewald gewesen bin. Drum will ich Neues hier entdecken.“ Und nach einer kleinen Pause setzte er hinzu: „Es war nett, Sie kennenzulernen. Leben Sie wohl. Wer weiß – vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder.“
Sein Zeigefinger war gen Himmel gerichtet, während er erneut eine leichte Verbeugung andeutete. Knut wollte ihm zum Abschied spontan die Hand drücken und griff natürlich prompt ins Leere.
Meister Fontane schritt – oder schwebte er? – aus dem Schuppen. Am Flussufer drehte er sich um und hob zum Abschied die Hand. Mit Blick auf Knut deklamierte er:

Du wirst es nie zu Tücht′gem bringen
Bei deines Grames Träumerein,
Die Tränen lassen nichts gelingen,
Wer schaffen will, muß fröhlich sein.

Gleich nach der letzten Zeile löste sich die Gestalt in feinem Nebel auf, der sanft über das Wasser schwebend, den Blicken entschwand.

Elvira und Knut standen schweigend an der Schuppentür, und es dauerte geraume Zeit, bis er sagte: „Wenn wir davon erzählen, glaubt uns das kein Mensch.“
„Wir müssen es ja niemanden erzählen. Sonst sperrt man uns womöglich noch in die Klapse“, zischte Elvira.
Mit diesen Worten zog sie ihn mit ins Freie.
Der Regen hatte aufgehört. Die Begegnung mit der zum lebendigen Abbild gewordenen Seele Fontanes wirkte in ihnen nach und beschäftigte ihre Gedanken, wobei selbige in recht unterschiedliche Richtungen gehen mochten.
„Versprich mir, ein erfolgreicher Autor zu werden. Und ich will deine Kritikerin sein.“ Elvira schaute ihrem Knut tief und fordernd in die Augen.
„Ich soll dir versprechen, mit meiner Schreiberei Erfolg zu haben? Ich kann es nur versuchen.“
„Dann tu das!“, kam es gereizt zurück.
Knut grinste verstohlen, als er sagte: „Um schöpferisch tätig zu sein, bedarf es sehr viel Zeit, sehr viel Ruhe und so gut wie keiner Ablenkung – schon gar nicht durch dich.“
Elvira schien erst auffahren zu wollen, doch dann sah er sie zögerlich nicken. Wahrscheinlich hatte sich die Vorstellung von der Banker-Hölle in ihr unauslöschlich eingegraben. Innerlich frohlockte er. Endlich gab es ein Mittel, um ihrem ständigen Herum-Kommandieren zu entgehen.
‚Warum ist mir das nicht schon vierzig Jahre früher eingefallen?‘, dachte er und richtete seine Augen in den bereits aufklarenden Himmel. ‚Besten Dank für den Tipp, Kollege Fontane.‘
 

Ji Rina

Mitglied
Hola Ralph,

Für mich ist dies eine raffiniert ausgedachte Geschichte mit einer grossen Portion Humor! Als die Kieselbachs die Hütte erreichten dachte ich schon, sie müssten dort mehrere Tage verbringen und Knut würde nun ein Gedicht nach dem anderen runterrattern – und als sich jemand in der Hütte bemerkbar machte, stellte ich mir ein Aussteiger vor, oder irgendein verrückter, oder jemand, der gesucht wird. Und immer wieder dachte ich: Wo zum Teufel führt diese Geschichte nur hin? Spannung war also da und das Erzählte wirkte auf mich realistisch und unverkrampft.

Ab hier, begann für mich der humorvolle Part:

Knut hatte beim Hinterherschauen gar nicht bemerkt, dass Elvira neben ihn getreten war. Plötzlich hörte er sie halblaut deklamieren:

Und das dem Netze dieser Spreekanäle
nichts von dem Zauber von Venedig fehle,
durchfurcht das endlos wirre Flussrevier
in seinem Boot der Spreewald – Gondolier.

„Häh“, machte Knut. „Wo hast‘n den Spruch aufgeschnappt?“
„Och, der stand auf einem der Flyer, die bei uns in der Pension herum liegen.


Als dann Fontanes Geist erschien, musste ich wirklich lachen. Richtig beeindruckt hat mich der Schreibstil, - jeder Satz flüssig und unverkrampft-, dass ich es von Anfang bis Ende genossen habe. Hinzu Sprache und Wortwahl (irgendwo, 2,3 Tipfehler), nicht allzu hochgeschraubt, einfach nur angenehm. Wobei mir aufgefallen ist, Ralph, kann es sein?, dass du noch vor vier Jahren einen etwas anderen Schreibstil hattest? Ich erinnere mich an andere von dir geschriebene Geschichten, die im Stil anders waren. Diese Erzählung jedenfalls fand ich akkurat, rund, geschliffen und wüsste nichts auszusetzen. Hoffe, dass jemand hier mit dem erzgebirgischen Dialekt noch weiterhelfen kann.;)

Fazit: eine Geschichte, die jeder Autor/jede Autorin morgens wohl unauffällig auf dem Frühstückstisch liegen lassen sollte, damit die Ehepartner ihn lesen und nicht weiterhin nerven, wann man hin und wieder für ein paar Stunden im “Arbeitszimmer” verschwindet.

Schade Ralph, dass du nur sehr selten mal was einstellst.

Mit Gruss, Ji
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ji,

es tut mir Leid, dass ich erst jetzt auf deinen ausführlichen und so nett geschriebenen Kommentar antworte. Aber gestern war ich fast den ganzen Tag unterwegs und abends … na ja … auch ich gehöre zu den Männern, die eine „Elvira“ an der Seite haben. Außerdem musste ich noch einige Zeit damit verbringen, um meine, von deinen Lobesworten glühend gewordenen, Ohren wieder auf Normaltemperatur zu bringen.

Um es kurz zu machen: Ein großes Dankeschön für deine Text-Einschätzung und -Bewertung. Natürlich ging das runter wie Öl – besonders angesichts der Tatsache, dass ich diesem Text selbst immer ein wenig misstraut habe. Er entstand aus dem Bestreben, „irgendwas“ zu Papier zu bringen, das einen Fontane-Bezug hat. Auslöser war, dass bei einer der Lesungen, die unser kleinstädtischer „Autoren-Treff“ in gewissen Abständen veranstaltet, im Fontanejahr 2019 dieser Schriftsteller im Mittelpunkt stehen sollte. Ich habe später noch lange an dem Text herum gewerkelt, damit wenigsten eine einigermaßen „raffiniert ausgedachte Geschichte mit einer großen Portion Humor“ – wie du es ausdrückst – herausgekommen ist.

Richtig beeindruckt hat mich der Schreibstil, - jeder Satz flüssig und unverkrampft-, dass ich es von Anfang bis Ende genossen habe. Hinzu Sprache und Wortwahl (irgendwo, 2,3 Tipfehler), nicht allzu hochgeschraubt, einfach nur angenehm.
Eine solche Einschätzung liest man natürlich sehr gern, aber sie macht auch ein wenig verlegen. Dieses "nicht allzu hochgeschraubt“ hat mir bestätigt, was ich schon lange zu wissen glaube: Ich werde wohl nie in der Lage sein, einen Text zu schreiben, der stark in die Tiefe geht oder vielleicht psychologische Probleme eines Protagonisten akribisch durchleuchtet. Zum Glück gibt es etliche Leute auf der Lupe, die dieses Handwerk sehr gut beherrschen. Was Inhalt und Stil angeht, so sollen meine Geschichten vor allem unterhalten. Weiter geht mein Anspruch nicht.

Wobei mir aufgefallen ist, Ralph, kann es sein?, dass du noch vor vier Jahren einen etwas anderen Schreibstil hattest?
Über diese Frage habe ich eine Weile nachdenken müssen. Dann wurde mir klar, dass du durchaus Recht hast, denn ich versuche meinen Stil (also die Sprache) möglichst dem Inhalt der Geschichte anzupassen. Ob das immer gelingt, ist schwer zu beantworten. Es kann also sein, dass ich vor vier Jahren tatsächlich einen etwas anderen Stil gewählt habe (Könnte „Pani Lore“ gewesen sein.), aber das hat weniger mit der Zeit des Entstehens des jeweiligen Textes zu tun, sondern, wie gesagt, eher mit dem Inhalt.

Schade Ralph, dass du nur sehr selten mal was einstellst.
Ja das bedaure ich auch, aber das meiste von dem, was ich zu Papier bringe, eignet sich kaum für die Leselupe. Der Grund: Meine Texte sind zumeist viel zu lang, um am Bildschirm gelesen zu werden. Ich bewundere die Autoren, die hier präzise formulierte Kurzprosa oder richtig knackige Kurzgeschichten (damit meine ich weniger diese ewigen Betrachtungen des eigenen Ichs) vorstellen. Aber jeder hat eben seine Spezialdisziplin, und mir liegt eben mehr die Langstrecke.

Mein Gott – soviel wollte ich gar nicht schreiben, sondern einfach nur Danke sagen.

Es grüßt Ralph
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Ralph!

Er entstand aus dem Bestreben, „irgendwas“ zu Papier zu bringen, das einen Fontane-Bezug hat. Auslöser war, dass bei einer der Lesungen, die unser kleinstädtischer „Autoren-Treff“ in gewissen Abständen veranstaltet, im Fontanejahr 2019 dieser Schriftsteller im Mittelpunkt stehen sollte. Ich habe später noch lange an dem Text herum gewerkelt, damit wenigsten eine einigermaßen „raffiniert ausgedachte Geschichte mit einer großen Portion Humor“ – wie du es ausdrückst – herausgekommen ist.
Aha! , Ich habe mir nämlich immer wieder überlegt, wie du nur auf diese Idee gekommen bist…..
Also ich finde, du hast alle Kriterien sehr gut erfüllt.
Eine solche Einschätzung liest man natürlich sehr gern, aber sie macht auch ein wenig verlegen.
Och nö.... Wir sind doch schon groß ! ;) Ein gelungenes Werk ist für mich immer geteilte Freude:
Freude für den Autor und Freude für den Leser.

Dieses "nicht allzu hochgeschraubt“ hat mir bestätigt, was ich schon lange zu wissen glaube: Ich werde wohl nie in der Lage sein, einen Text zu schreiben, der stark in die Tiefe geht oder vielleicht psychologische Probleme eines Protagonisten akribisch durchleuchtet.
Oh, habe ich mich wohl falsch ausgedrückt?
Mit hochgeschraubt meinte ich die Sprache; für mich ist sie gehoben; jedenfalls lese ich nicht oft hier Kurzgeschichten oder Erzählungen in dieser Sprache. Aber sie bleibt trotzdem “natürlich”… Oh Gott…wie erklärt man das…. Sie ist nicht “klinisch” “steril”….Und das gefällt mir sehr gut.

Über diese Frage habe ich eine Weile nachdenken müssen. Dann wurde mir klar, dass du durchaus Recht hast, denn ich versuche meinen Stil (also die Sprache) möglichst dem Inhalt der Geschichte anzupassen. Ob das immer gelingt, ist schwer zu beantworten. Es kann also sein, dass ich vor vier Jahren tatsächlich einen etwas anderen Stil gewählt habe (Könnte „Pani Lore“ gewesen sein.), aber das hat weniger mit der Zeit des Entstehens des jeweiligen Textes zu tun, sondern, wie gesagt, eher mit dem Inhalt.
Genau. Es war Pani Lore. An den Titel konnte ich mich gestern nicht mehr erinnern. Ja, ich sehe da einen Unterschied. Wie gesagt, ich finde diese Geschichte hier völlig rund geschrieben. Aber was du erklärst, kenne ich: Schreiben, je nach dem Inhalt der Geschichte. Das kann ich gut verstehen, da ich es auch so mache.
Ja das bedaure ich auch, aber das meiste von dem, was ich zu Papier bringe, eignet sich kaum für die Leselupe. Der Grund: Meine Texte sind zumeist viel zu lang, um am Bildschirm gelesen zu werden. Ich bewundere die Autoren, die hier präzise formulierte Kurzprosa oder richtig knackige Kurzgeschichten (damit meine ich weniger diese ewigen Betrachtungen des eigenen Ichs) vorstellen. Aber jeder hat eben seine Spezialdisziplin, und mir liegt eben mehr die Langstrecke.
Ja, ich denke, jeder Text, sei es Kurzprosa, Kurzgeschichte oder Erzählung, hat seine eigenen Schwierigkeiten. Ich liebe sie alle. Aber der Literaten-Himmel war doch nun nicht zu lang, oder? Elf knappe Seitchen., die mir Spass gemacht haben! :)

Mit Gruss,
Ji
 

Languedoc

Mitglied
Hallo Ralph,

Deine Geschichte hat mich gut unterhalten und amüsiert. Sprache und Inhalt passen im Großen und Ganzen zusammen (Fontane, 19. Jahrhundert, „Langstrecke“). Einige Sätze wirken dann aber doch etwas schwerfällig in meinen Augen, z.B.:

wenn sich die Partizipialkonstruktionen häufen wie im zweiten Absatz:
die ihn umgebende Ruhe / in dem von ihm angehäuften Wortschatz zu kramen / ein als vortrefflich empfundenes – meist mundartlich gefärbtes – Gedicht

oder wenn sie nicht so schön sind, z.B.:
ein Haufen von vor sich hin gammelndes Gerümpel (=vergammeltes Gerümpel)
ein in sich zusammengekrümmter Mann (=ein zusammengekrümmter Mann)
hinter dunklen und sich bedrohlich auftürmenden Wolken

Unschön ist auch:
Er wandte den Kopf in dessen Richtung und sah, wie ein Spreewaldkahn im Affenzahn hinter einer Flussbiegung hervorkam. ( = sah einen Spreewaldkahn ... hervorkommen).

Das hier ist nicht genau getroffen:
Das scharf geschnittene Gesicht wurde von einem gewaltigen Schnurrbart dominiert (ein gewaltiger Schnurrbart verdeckt eher das Gesicht, als dass man dessen Schärfe sehen könnte)

In diesem Satz passt m.E. die Sprachebene der zwei Verben nicht:
Nachdem die ersten beiden Tage mit einer Shoppingtour durch die City der Kreisstadt und einer obligatorischen Kahnfahrt draufgegangen (salopper Ausdruck) waren, hatte Elvira für heute eine Radtour in das Innere eines weitgehend naturbelassen Teils des Unterspreewaldes verfügt (Bürokratendeutsch).

Hier irritiert der Kasus im Anschlusssatz:
Fontanes Erscheinung ging auf ihre Frage nicht ein. Stattdessen versicherte er, dass kein Grund bestünde, Furcht zu haben. (Erscheinung ist feminin, stattdessen versicherte er ist maskulin.)


Elvira, die hektisch ihre gänsebehäuteten Unterarme rieb (gänsebehäutet ist zwar originell, aber ich weiß nicht recht ...)

Bei den Satzzeichen gibt es diverse Flüchtigkeitsfehler. Auch sind einige Beistriche zu viel gesetzt.

Rechtschreibung/Grammatikflüchtigkeitsfehler:
irgendetwas sinnvolles (etwas Sinnvolles)
Scharen von Fontane-Doubeln (Doubles)
nieder zu lassen = niederzulassen, hinein führte = hineinführte, herum wischte = herumwischte, herum liegen = herumliegen, usw.
Wald mit dichten (dichtem) Unterholz
mit störendem Lärm und üblen (üblem) Gestank
das Display vom Smartphone = Das Display des Smartphones, oder: das Smartphone-Display
zog nur zweifeln (zweifelnd) die Schultern hoch.
Ach, Herr Fontane, was ich sie (Sie) noch fragen wollte
Bis das (dass) der Tod euch scheidet

Bei genauerem Hinsehen entdecke ich ziemlich viele Wortdoppelungen. Ein treffendes Synonym hier und da wäre angesagt.

Das Verb vermögen/vermag/vermochte tritt gehäuft auf. Ein einfaches „können“ oder „dürfen“ täte es auch, oder schlicht das Hauptverb, z.B.:
Obwohl in Knuts Ohren plötzlich ein Wasserfall zu toben schien, vermochte er die weiteren Worte aufzunehmen (= hörte er die weiteren Worte).


Also, ein bisschen gestolpert bin ich schon beim Lesen. Der Text könnte ein durchgehendes Lektorat/Korrektorat vertragen, auch wenn (nach Deinen Worten) Dein Anspruch nicht weiter geht als bis zur guten Unterhaltung des Lesers. Und das ist Dir bei der Leserin Languedoc, die Dich herzlich grüßt, gelungen.

(Und jetzt erscheint Virginia Woolf in meiner Gartenlaube und zieht mir eins über die Rübe.)
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Languedoc,

bevor man auf eine umfassende Kritik (auch auf eine so hilfreiche) antwortet, sollte man erst mal eine Nacht darüber schlafen. So wurde es mir zumindest irgendwann geraten. Deshalb melde ich mich auch jetzt erst zu deinem sehr ausführlichen Kommentar. Zunächst erst einmal recht herzlichen Dank dafür.

Der für mich wichtigste, aber leider in der Umsetzung nicht leicht zu realisierende Hinweis war folgender:
Der Text könnte ein durchgehendes Lektorat/Korrektorat vertragen, auch wenn (nach Deinen Worten) Dein Anspruch nicht weiter geht als bis zur guten Unterhaltung des Lesers. Und das ist Dir bei der Leserin Languedoc, die Dich herzlich grüßt, gelungen.
Auch wenn der zweite Satz große Freude aufkommen lässt, so stimmt der erste Satz nachdenklich. Wenn ich mir vor Augen halte, was du alles heraus gefischt hast, obwohl ich den Text etliche Male überarbeitet und korrigiert habe, dann wird mir klar, dass man als Schreiberling sowohl an einem Lektorat als auch einem Korrektorat am Ende nicht vorbei kommt. Da ich keine Texte am Fließband schreibe, wäre die Vergabe entsprechender Aufträge auch finanziell zu verkraften. Auch wenn man mit seinen Geschichten nur unterhalten will, sollten sie doch handwerklich sauber sein. Danke für den Hinweis. Ganz unter uns: Ich habe immer geglaubt, so etwas wäre nicht nötig, wenn man sich den Text nur oft genug vor die Brust nimmt. Ein Trugschluss – schließlich haben selbst die berühmten Schriftsteller auf die Arbeit von Lektoren nicht verzichtet.

Doch nun zu deinen konkreten Hinweisen.

Ich beginne mit dem Bereich „Rechtschreibung/Grammatikflüchtigkeitsfehler“, denn der lässt sich am schnellsten abhaken. Alles, was dir aufgefallen ist und korrigiert wurde, hast du zu Recht aufgeführt. Da bleibt mir nur, mich bei dir zu bedanken, die entsprechenden Korrekturen im Text vorzunehmen und mich über die aufgetretenen „Korken“ zu ärgern.

wenn sich die Partizipialkonstruktionen häufen wie im zweiten Absatz:
die ihn umgebende Ruhe / in dem von ihm angehäuften Wortschatz zu kramen / ein als vortrefflich empfundenes – meist mundartlich gefärbtes – Gedicht

oder wenn sie nicht so schön sind, z.B.:
ein Haufen von vor sich hin gammelndes Gerümpel (=vergammeltes Gerümpel)
ein in sich zusammengekrümmter Mann (=ein zusammengekrümmter Mann)
hinter dunklen und sich bedrohlich auftürmenden Wolken
Die von mir unterstrichenen Partizipialkonstruktionen werden auf jeden Fall geändert. Über den Rest werde ich nachdenken. Schön, dass ich einmal auf dieses Problem hingewiesen wurde. Derartige Satzkonstruktionen sind bei mir tatsächlich häufig, und ich selbst habe nie Anstoß daran genommen. Künftig werde ich mehr darauf achten, um damit nicht zu übertreiben.

Unschön ist auch:
Er wandte den Kopf in dessen Richtung und sah, wie ein Spreewaldkahn im Affenzahn hinter einer Flussbiegung hervorkam. ( = sah einen Spreewaldkahn ... hervorkommen).
Akzeptiert.

Das hier ist nicht genau getroffen:
Das scharf geschnittene Gesicht wurde von einem gewaltigen Schnurrbart dominiert (ein gewaltiger Schnurrbart verdeckt eher das Gesicht, als dass man dessen Schärfe sehen könnte)
Auch da muss ich dir zustimmen. Ich habe mir das Porträt von Meister Fontane noch einmal angeschaut. So wahnsinnig gewaltig ist der Schnurrbart dann doch nicht. Ich werde ein anderes (abschwächendes) Adjektiv finden.

In diesem Satz passt m.E. die Sprachebene der zwei Verben nicht:
Nachdem die ersten beiden Tage mit einer Shoppingtour durch die City der Kreisstadt und einer obligatorischen Kahnfahrt draufgegangen (salopper Ausdruck) waren, hatte Elvira für heute eine Radtour in das Innere eines weitgehend naturbelassen Teils des Unterspreewaldes verfügt (Bürokratendeutsch).
Du hast natürlich Recht. Aber ich möchte schon, dass Elvira den Ausflug verfügt. Damit soll hervorgehoben werden, dass sie keinen Widerspruch duldet und über den Kopf ihres Mannes entscheidet. Aber vielleicht lassen sich auch zwei Sätze daraus machen, wo dann der Kontrast zwischen „draufgegangen“ und „verfügt“ entschärft werden kann.

Hier irritiert der Kasus im Anschlusssatz:
Fontanes Erscheinung ging auf ihre Frage nicht ein. Stattdessen versicherte er, dass kein Grund bestünde, Furcht zu haben. (Erscheinung ist feminin, stattdessen versicherte er ist maskulin.)
Einfach nur peinlich.

Elvira, die hektisch ihre gänsebehäuteten Unterarme rieb (gänsebehäutet ist zwar originell, aber ich weiß nicht recht ...)
Ich wusste es auch nicht so recht. Klingt vielleicht ein wenig bekloppt. Also werde ich sie ihre, mit Gänsehaut bedeckten Unterarme reiben lassen. (Oder so ähnlich) Oder lasse ich es so stehen? Ich schwanke.

Bei den Satzzeichen gibt es diverse Flüchtigkeitsfehler. Auch sind einige Beistriche zu viel gesetzt.
Danke für den Hinweis. Da muss ich wohl noch einmal mit einer starken Lupe drüber.

Bei genauerem Hinsehen entdecke ich ziemlich viele Wortdoppelungen. Ein treffendes Synonym hier und da wäre angesagt.
Oh! Wortdoppelungen – und auch noch ziemlich viele! Das geht gar nicht. Ich hasse es, wenn Wortwiederholungen (außer als Stilmittel benutzt) in einem Text auftreten. Vielleicht habe ich mich zu sehr auf mein Textprogramm (Papyros) verlassen, aber da werden (gemäß meiner Einstellung) nur Wortwiederholungen angezeigt, die in einem bestimmten Textbereich nah beieinander liegen. Also da muss ich mich noch einmal in die Spur begeben.

Das Verb vermögen/vermag/vermochte tritt gehäuft auf. Ein einfaches „können“ oder „dürfen“ täte es auch, oder schlicht das Hauptverb, z.B.:
Obwohl in Knuts Ohren plötzlich ein Wasserfall zu toben schien, vermochte er die weiteren Worte aufzunehmen (= hörte er die weiteren Worte).
Ich habe es einmal überprüft. Das Verb taucht fünfmal in dem Text auf. Obwohl dieses Wort nach meinem Eindruck eher selten geworden ist, benutze ich es ganz gern. Aber fünfmal ist tatsächlich zu viel. Das lässt sich locker auf zweimal reduzieren.

Tja – ich hoffe, ich bin durch. Alles in Allem hat mir dein Beitrag eine Menge Korrektur-Arbeit beschert. Aber wenn es dem Text dient … Und das werden sowohl die empfohlenen als auch die zwingend erforderlichen Änderungen bewirken.
Deinen Kommentar werte ich als ein Paradebeispiel für eine hilfreiche und gelungene Textarbeit. Nochmal recht herzlichen Dank dafür.

Es grüßt Ralph
 

Languedoc

Mitglied
Gern geschehen, lieber Ralph, und viel Spaß beim Text beackern ;)

Grüße von Languedoc

P.S.
Noch ein technischer Hinweis zu den Wortdoppelungen: Wenn Du mit Papyrus arbeitest, kannst Du unter Bearbeiten / Suchen Ersetzen im Suchfeld ein Wort eingeben, dann auf Markieren (rechts daneben) drücken und schon poppt Dir dieses Wort im ganzen Text farblich unterlegt ins Auge (vielleicht weißt Du das eh schon).
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Gern geschehen, lieber Ralph, und viel Spaß beim Text beackern ;)
Ja die Pferde trampeln schon unruhig. Jetzt muss ich nur noch den Pflug finden - hoffentlich liegt er nicht unter dem vor sich hin gammelnden Gerümpel. :)
Ach so - vielen Dank für den Tipp für die Wort-Suche bei Papyros. Dass man alle Wörter, die man eingibt auf Schlag findet, habe ich noch nicht gewusst. Ich habe es ausprobiert und ... ging wie geschmiert.

Es grüßt Ralph
 

Languedoc

Mitglied
Nachtrag;
Vorhin fiel mir plötzlich ein, warum ich mit den "gänsebehäuteten Unterarmen" der Elvira gehadert habe: Behäutet erinnert mich klanglautllich zu sehr an gehäutet oder enthäutet, und das wollte ich selbst der garstigsten Elvira nicht auf den Leib schreiben.

Gruß
Languedoc
 

Ji Rina

Mitglied
Der Text könnte ein durchgehendes Lektorat/Korrektorat vertragen,
Das könnten wohl fast alle unsere Texte hier…Und dann gäbe es vielleicht noch immer irgendwo ein klitzekleiner Fehler…:cool:

Wenn Du mit Papyrus arbeitest, kannst Du unter Bearbeiten / Suchen Ersetzen im Suchfeld ein Wort eingeben, dann auf Markieren (rechts daneben) drücken und schon poppt Dir dieses Wort im ganzen Text farblich unterlegt ins Auge.
Und ich Depp mach das immer mit “suchen”….:rolleyes:
 

Languedoc

Mitglied
Das könnten wohl fast alle unsere Texte hier…Und dann gäbe es vielleicht noch immer irgendwo ein klitzekleiner Fehler…:cool:
Liebe Ji Rina, genauso isses, "es gäbe immer irgendwo einen klitzekleinen Fehler" ...
Aber ich sach mal, es macht einen Unterschied, ob ich auf einer Seite oder in jeder Zeile einen Fehler habe. Ich meine die Rechtschreib- und Grammatikfehler. Die sollten jemandem, der für die Öffentlichkeit schreibt, nicht passieren. Gehört meiner Meinung nach einfach zur handwerklichen Sorgfalt. Und eine gute Geschichte verdient eine saubere handwerkliche Ausführung. Und man kann viel per Selbstkorrektorat machen, mit einem Schreibprogramm sowieso.


Und ich Depp mach das immer mit “suchen”….:rolleyes:

Hab grad bei LibreOffice nachgesehen: dort geht's unter: Bearbeiten / Suchen Ersetzen und dann Alle suchen.
Diese Funktion ist wirklich hilfreich, wenn man nach dem ersten Schaffensrausch seinen Text auf Wortwiederholungen hin checkt. Oftmals ist das besonders ergiebig bei sog. Füllwörter wie oftmals, besonders, sog., bestimmt, offenbar, eigentlich ... und all den Partikeln, die sich unbemerkt vermehren wie wilde, ohne dass es mir beim Schreiben gleich auffällt.

Frohes Schaffen
wünscht Languedoc
 

Ji Rina

Mitglied
Liebe Ji Rina, genauso isses, "es gäbe immer irgendwo einen klitzekleinen Fehler" ...
Aber ich sach mal, es macht einen Unterschied, ob ich auf einer Seite oder in jeder Zeile einen Fehler habe. Ich meine die Rechtschreib- und Grammatikfehler. Die sollten jemandem, der für die Öffentlichkeit schreibt, nicht passieren. Gehört meiner Meinung nach einfach zur handwerklichen Sorgfalt. Und eine gute Geschichte verdient eine saubere handwerkliche Ausführung. Und man kann viel per Selbstkorrektorat machen, mit einem Schreibprogramm sowieso.
Liebe Languedoc ( aus der Region Languedoc ;) ) da hast du absolut Recht und es war auf garkeinen Fall meine Absicht, es irgendwie zu kritisieren. Ich wollte viel mehr sagen, dass es so schwer ist, alle Fehler immer zu finden und zu eliminieren. Da hab ich mich wohl nicht korrekt ausgedrückt.
Hab grad bei LibreOffice nachgesehen: dort geht's unter: Bearbeiten / Suchen Ersetzen und dann Alle suchen.
Diese Funktion ist wirklich hilfreich, wenn man nach dem ersten Schaffensrausch seinen Text auf Wortwiederholungen hin checkt. Oftmals ist das besonders ergiebig bei sog. Füllwörter wie oftmals, besonders, sog., bestimmt, offenbar, eigentlich ... und all den Partikeln, die sich unbemerkt vermehren wie wilde, ohne dass es mir beim Schreiben gleich auffällt.
Joh, da schaue ich immer .... Weil ich noch immer kein Schreibprogramm habe.

Dir noch einen sonnigen Nachmittag in la Belle France! :)
Ji
 

Languedoc

Mitglied
Danke, Ji, auch Dir einen schönen Sonntagnachmittag!

Ich wünschte mir etwas mehr von der Leichtigkeit der Schreibe, die ich bei Dir lese. Mein Hang zur Perfektion geht mir manchmal auf den Wecker. Aber jetzt will ich nicht Ralphs Thread für persönliche Psychologisiererei zweckentfremden. Mach's gut, malgré la canicule!
 

Der Neue

Mitglied
Gern hätte er des Öftern derartige Momente erlebt, doch dieses Ungestörtsein, das er zum Schreiben brauchte, war ihm zu selten vergönnt. Diesen Umstand verdankte er seiner resoluten und tatkräftigen, aber auch häufig nervenden Frau Elvira.
Nur eine kurze, spontane Rückmeldung während des Lesens, keine Wertung: Ich hatte mich gerade auf eine Atmosphäre und Sprache eingestellt, die mich an Romantik oder Poetischen Realismus erinnerten, da hat mich das Partizip „nervend“ plötzlich aus der Stimmung gerissen. Ich bin richtiggehend erschrocken .
 

Kaetzchen

Mitglied
Hi Ralph
Heute früh, 5.30 Uhr, entdeckte ich deine Erzählung „Literaten Himmel“. Trotz ich die Geschichte ja schon durch unsere Autorentreff-Lesung kannte, las ich sie gleich noch mal in Ruhe. Sie gefällt mir noch immer gut. Lebendig und interessant geschrieben, man erfährt ein bißchen was über den Spreewald.
Was den erzgebirgischen Dialekt anbelangt, scheint er mir gelungen. Ich bin ein bißchen damit betraut, denn ich war oft dort in den Bergen zum Wandern. Allerdings weiß ich nicht so richtig, ob er für deine Erzählung relevant ist.
Andererseits ist er eine nette Einlage, weil ja die Beiden vom Erzgebirge sind.
Wir sehen uns am Mittwoch?
LG Kaetzchen
 
Hallo Ralph,
eine solche 'Elvira' habe ich auch zuhause ;)
Sie meint auch manchmal, dass ich zu viel in meinem Forum, also der LL, rumhänge. Dabei hat sie ein eigenes, ganz anders geartetes, wo sie genauso umtriebig ist. Problem: wir haben nur einen internetfähigen Rechner ...:(
Liebe Grüße und gute Besserung,
Rainer Zufall
 

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