Mahasas Torheit – Teil 1

Mahasas Torheit (Kinder des Velt) – Teil 1

Mahasa hatte sich bereits vor einiger Zeit auf ihren Balkon zurückgezogen, um auf die Stadt hinunterschauen zu können. Aber trotzdem, war sie sich natürlich darüber bewusst, dass sich in dem, hinter ihrem Rücken liegenden, Empfangsraum immer noch Bittsteller aufhielten. Sie müsste sich einfach nur umdrehen und durch die Tür schauen, um die Personen zu sehen, die dort auf sie warteten. Sie hatte jedoch nicht vor, sich umzudrehen, sie wollte in diesem Moment nicht daran erinnert werden, dass sie sich eigentlich dort drinnen befinden müsste. Stattdessen wollte sie auf den Hügel blicken und auf die Straßen und Häuser der Stadt, die sich in der Ebene des Velt ausbreitete. Im Laufe der letzten Jahrzehnte waren immer mehr Menschen in die Hauptstadt des Oixyyaa gezogen, in das Zentrum des Reiches, das Mahasa regierte. Und im gleichen Maße, wie die Stadt gewachsen war, war auch der Palast hier auf dem Hügel gewachsen, genauso, wie das Reich an sich. Ihre Großmutter hatte die Grundlage für das Wachstum der Hauptstadt und der anderen Städte der Oixya gelegt, ihr Vater darauf aufgebaut und schließlich leistete sie selbst ebenfalls ihren Beitrag dazu.

Aber da jetzt so viel mehr Menschen zum Bund der Oixya gehörten, trug sie als Soloti auch viel mehr Verantwortung. Sie hatte mehr Entscheidungen zu treffen und dabei durften ihr keine gravierenden Fehler unterlaufen. Deshalb benötigte sie auch mehr Berater, mehr Menschen, denen sie vertrauen konnte. Vorbehaltlos funktionierte dies allerdings nur bei ihren drei Söhnen, auf die sie sich immer verlassen konnte, während sie sich auf andere Personen nur bedingt einlassen wollte. An diesen Vorsatz hielt sie sich seit dem Tode ihres Ehemanns und ohne ihre Söhne würde sie sich verloren vorkommen. Diese waren seit Jahren ihre wichtigsten Ratgeber und sie würden ihr auch in Zukunft mit Rat zur Seite stehen, wohingegen andere Berater immer mal wieder ausgetauscht werden mussten.

Einer ihrer drei Söhne würde eines Tages ihre Nachfolge antreten, allerdings hatte sie ihre Wahl noch nicht getroffen. Yriti, der älteste von ihnen, war ein gewissenhafter und zuverlässiger Mann und ihre wahrscheinlichste Wahl, auch wenn er sich in letzter Zeit etwas von ihr und auch von seinen Brüdern zurückgezogen hatte. Natürlich war ihr bewusst, dass sie in sein Verhalten nichts Negatives hineininterpretieren durfte, denn Menschen veränderten sich nun mal, wenn sie älter wurden. Aber sowohl als Mutter, als auch als Soloti, hätte sie den Grund dafür gerne erfahren. Wistitt war der nächstältere und ein exzellenter Verwalter. Aber er hatte sich immer schon im Umgang mit Menschen schwergetan und ihrer Meinung nach, war das keine gute Voraussetzung für einen Herrscher. Sie war sich daher nicht sicher, ob er tatsächlich in der Lage sein würde, ihr Volk zu führen. Von den dreien stand das jüngste ihrer Kinder, ihr Sohn Fanadja, auf keinen Fall zur Wahl, denn er war einfach noch nicht alt genug. Außerdem ließ sich zu diesem Zeitpunkt unmöglich vorhersehen, in welche Richtung sich seine Persönlichkeit einmal entwickeln würde.

Die Soloti seufzte. Die letzten Wochen waren extrem hektisch und anstrengend gewesen und nun machte sich bei ihr massive Erschöpfung bemerkbar. Zwar betraf diese weniger ihren Körper, sondern mehr ihren Geist, aber sie würde sich nur erholen können, wenn sie Zeit für sich selbst fand. Sie hatte die Hoffnung gehegt, eine kurze Auszeit hier auf dem Balkon wäre bereits ausreichend, aber nun musste sie feststellen, dass dies nicht der Fall war. Allein schon das Wissen, dass sich hinter ihr im Empfangsraum Menschen befanden, hinderte sie daran, zur Ruhe zu kommen. Während sie sich hier draußen aufhielt, versammelten sich dort drinnen immer mehr Personen. Diese bestanden darauf, sie unbedingt zu sprechen und ihr Anliegen unverzüglich vorbringen zu müssen. Sie wollten keine Verzögerung hinnehmen. Sie konnten und sie wollten ganz offensichtlich nicht verstehen, wieso ihre Soloti sich nicht immer sofort mit ihnen beschäftigten konnte. Aber Mahasa benötigte jetzt unbedingt etwas Abstand zu ihren Untertanen, bevor sie noch zusammenbrach. Zum Glück kannte sie auch den dafür geeigneten Ort.

Sie wandte ihren Blick von der Stadt ab, wenn auch widerstrebend, aber sie hatte eine Entscheidung getroffen und wollte diese auch direkt umsetzen. Glücklicherweise, musste sie sich nur auf die andere Seite des Palastes begeben, um die Möglichkeit zu erhalten, etwas zur Ruhe kommen zu können. Auf dem Gipfelplateau des Hügels, an dessen Hängen der Palast erbaut worden war, stand nämlich das Heiligtum, ein Ort des Friedens, an dem jeder Mensch willkommen war. Dort würde auch sie Ruhe und Erholung finden.

Im Gegensatz zu dem, was viele Menschen außerhalb des Bundes annahmen, die nichts über den Glauben der Oixya wussten, beherbergte das weitläufige und lichtdurchflutete Gebäude keine Abbilder der Götter. Die Kinder des Velt glaubten nicht, dass diese Interesse daran hatten, in einem steinernen Gebäude angebetet zu werden. Im Oixyyaa war man davon überzeugt, die Götter wären ihrer Verantwortung den Menschen gegenüber dadurch nachgekommen, dass sie die Welt und mit ihr das Velt erschaffen hatten. Sie waren ihrer Verantwortung auch dadurch nachgekommen, indem sie eine Heimstatt für die Menschen schufen und ihnen diese zur Verfügung stellten. Die Oixya waren ihnen deswegen auf ewig dankbar. Aber darüber hinaus, hatten sich die Götter den Menschen nicht offenbart und ohne eine Vorstellung von ihrem Aussehen, sahen sich die Oixya außerstande, Abbilder von ihnen zu gestalten. Allerdings stellte das für sie auch kein Problem dar, denn sie glaubten nicht daran, dass es über die Erschaffung der Welt hinaus irgendeine Verbindung zwischen Menschen und Göttern geben sollte. Schließlich lebten sie in völlig unterschiedlichen Herrschaftsbereichen, zwischen denen es keine Überschneidungen gab. Wenn die Götter nichts mehr mit der, von ihnen erschaffenen Welt, zu tun haben wollten, dann sollten die Menschen ihnen das auch nicht vorwerfen. Ändern konnten sie es auf keinen Fall.

Die Heiligtümer waren stattdessen dem Leben an sich gewidmet. Das Leben hatte den Oixya das Velt zur Verfügung gestellt. Das Velt war der Ort, an dem das Volk der Oixya seine Städte erbaut und seine Felder angelegt hatte. Das Velt war der Ort, an dem sie Jagd auf Wild machten und Bodenschätze abbauten. Im Gegenzug für dieses Geschenk war den Oixya die Aufgabe übertragen worden, das Velt vor Eindringlingen zu beschützen. Va hatte sie zu den auserwählten Kindern des Velt erklärt. Ihnen war es anvertraut worden und zwar mit allem, was sie für wichtig hielten. Inzwischen hatten sie gelernt und sich angepasst und nun führten sie genau das Leben, das ihrer Meinung nach nötig war, um ihre Aufgabe bewältigen zu können. Und um sich immer daran zu erinnern, hatten sie an vielen Orten im Velt Heiligtümer errichtet und huldigten dort dem Leben. Im Laufe der Zeit, entstanden um diese Heiligtümer herum, die Städte der Oixya. Ihre Siedlungen waren nicht nur aus dem Bedürfnis heraus errichtet worden, sesshaft zu werden und sich an geeigneten Orten niederzulassen, sondern sie dienten in erster Linie dem Schutz der heiligen Stätten.

Ihr ganzes Leben lang, hatte Mahasa schon Heiligtümer besucht, wenn sie Ruhe und Zeit für sich selbst benötigte. An diesen Orten, hatte sie immer die Möglichkeit, über alles nachzudenken, was sie belastete. Bei diesen Gelegenheiten, versäumte sie es auch nie, dem Leben für all das zu danken, was es ihr geschenkt hatte, aber auch für die Dinge, von denen sie hoffte, es würde sie ihr noch gewähren. Bei einem Besuch im Heiligtum fand sie regelmäßig die Kraft, um ihrer Verantwortung auch weiterhin gerecht zu werden. Dies lag auch daran, dass es dort niemand wagte, sie mit Fragen und Anliegen zu belästigen. Dort erwartete niemand von ihr, sofort zur Verfügung zu stehen. Deshalb hatte sie sich auch an diesem Tag dafür entschieden, sich dorthin zu begeben. Sie benötigte dringend Kraft, um über das Schicksal der Sar zu entscheiden und damit auch über das Schicksal ihres eigenen Volkes.

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„Was sollen wir nur mit diesen Männern machen?“ Mahasa hatte ihre Frage mit Absicht nicht an eine bestimmte Person gerichtet, denn sie ging davon aus, dass jeder der drei Männer – jeder ihrer drei Söhne – die hier mit ihr am Tisch saßen, sich angesprochen fühlen würde.

Wistitt zuckte mit den Schultern. Mit seinen dunkelbraunen Haaren und dem schmalen Gesicht, war der Fünfundzwanzigjährige ein Ebenbild ihres verstorbenen Ehemanns. „Ich habe mir nicht vorstellen können, es würde uns nicht möglich sein, die Sar in unsere Gesellschaft einzubeziehen. Wir haben immer Erfolg mit diesem Vorgehen gehabt, deswegen war ich auch dieses Mal der festen Überzeugung, sie würden die Vorteile auf jeden Fall erkennen.“ Er machte ein enttäuschtes Gesicht.

„Ich glaube schon, dass sie die Vorteile erkannt haben“, widersprach ihm sein vier Jahre älterer Bruder Yriti. „Aber sie sehen trotzdem nicht ein, ihre eigenen Bräuche dafür aufzugeben. Ihre Überzeugungen sind überaus stark ausgeprägt.“ Er schnaubte. Er war ein Krieger und betrachtete alles aus dieser Perspektive, während sein Bruder die Angelegenheit aus dem Blickwinkel eines Verwalters sah. Bisher hatten ihre unterschiedlichen Ansichten ihr Verhältnis zueinander nie belastet, denn als Brüder hatten sie stets darauf geachtet, sich zu ergänzen und zusammenzuhalten. Aber in letzter Zeit hatte das gegenseitige Verständnis darunter gelitten, dass Yriti begonnen hatte, sich zu verändern. Er verbrachte jetzt weniger Zeit mit seiner Familie und mehr mit seinen Freunden unter den Millir. Seine Abgrenzung ging inzwischen so weit, dass seine Mutter sich veranlasst gesehen hatte, ihn darauf aufmerksam zu machen – selbstverständlich, als sie mit ihm allein war - dass er den Eindruck erwecke, auf seinen sanftmütigen Bruder herabzublicken. Sie war sich aber sicher, er habe sich ihre Worte zu Herzen genommen und deshalb würde es an diesem Abend zu keinem Streit kommen. Dafür stand auch zu viel auf dem Spiel.

Wistitt erweckte nicht den Eindruck, als hätte er sich bereits eine Meinung darüber gebildet, was mit den kürzlich besiegten Sar geschehen solle. Die Oixya praktizierten seit fast hundert Jahren die gleiche Praxis und nahmen besiegte Stämme in ihre Gesellschaft auf. Sie hatten stets gute Erfahrungen damit gemacht, den anderen ihre Bräuche und Traditionen schmackhaft zu machen und scheuten auch nicht davor zurück, selbst etwas zu übernehmen. Auf diese Weise, wurden die Besiegten ebenfalls zu Kindern des Velt und stärkten damit den Oixyyaa, den Bund der Oixya, und sorgten dafür, dass ihr Volk immer größer und mächtiger wurde. Die Menschen, die zuvor noch Feinde waren und gegen die die Oixya gekämpft hatten, ließen sich immer von den Vorteilen überzeugen, ein Teil des Bundes zu werden. Mit der Zeit nahmen sie dann die Lebensweise der Sieger an.

Aber nicht so die Sar. Die Frauen schienen der Lebensweise der Oixya zwar nicht völlig abgeneigt zu sein, aber die Männer weigerten sich rundweg. Sie verharrten in ihrer feindseligen Ablehnung und beharrten auf der Beibehaltung ihrer Traditionen und dies durfte die Soloti auf keinen Fall zulassen. Die ganze Situation war inzwischen noch weiter eskaliert, nachdem die sarischen Männer einen Versuch unternommen hatten, aus der Gefangenschaft zu fliehen. Die Millir, die nicht daran gewöhnt waren, große Gruppen zu bewachen, hatten sie nur mit viel Mühe aufhalten können, allerdings erst, nachdem es auf beiden Seiten Tote gegeben hatte.

„Gibt es tatsächlich keine Möglichkeit, ihnen entgegenzukommen? Müssten sie nicht inzwischen bereit sein, einen Kompromiss einzugehen, nachdem sie so hohe Verluste erlitten haben?“ Fanadja war erst fünfzehn Jahre alt, sah aber schon aus wie eine jüngere Version seines ältesten Bruders. Mahasa war sich aber bisher noch nicht darüber klargeworden, ob er auch die Mentalität eines Kriegers besaß, die Yriti so auszeichnete. Er hatte allerdings bereits mit der Ausbildung zum Milli begonnen.

„Sie weigern sich kategorisch, auf einen Kompromiss einzugehen. Und wir sollten uns ebenfalls weigern.“ Es überraschte die Soloti nicht, dass diese Bemerkung hier am Tisch geäußert wurde. Genauso wenig, wie der aggressive Tonfall, in dem sie vorgebracht worden war. Aber sie hatte nicht erwartet, dass es ausgerechnet Wistitt war, der diese Worte aussprach. „Wenn wir ihnen nachgeben, werden wir unsere Gesellschaft zerstören. Aber in meinen Augen, wäre ein anderer Aspekt dieser Situation noch viel schlimmer. Wir wären nämlich selbst schuld am Untergang der Oixya.“ Mahasa hatte ihren sonst so friedlichen Sohn noch nie mit derartigem Abscheu und Hass in der Stimme argumentieren gehört.

Yriti war während des verbalen Ausbruchs seines Bruders ganz ruhig geblieben. „Wie lautet also dein Vorschlag, Wistitt? Was sollen wir mit ihnen machen?“ Er sprach so leise, als befürchte er, jemand könne sie belauschen. Mahasa erschien es auf einmal, als hätten ihre Söhne die Rollen getauscht.

Die Antwort seines Bruders kam prompt und sie klang überraschend hart. „Wir müssen sie aus unserer Gesellschaft entfernen!“

Die Soloti hörte, wie ihr jüngster Sohn nach Luft schnappte. „Was meinst du damit, wir müssen sie aus der Gesellschaft entfernen?“

Wistitt warf seinem jüngeren Bruder einen Blick zu, als wäre dieser gerade mal fünf Jahre alt. „Ich meine damit, dass wir sie töten müssen. Nicht nur ein paar, sondern alle. Zumindest aber alle Männer und die älteren Jungen.“

Bei diesen Worten wurde Fanadja bleich, aber auch seine Mutter glaubte ihren Ohren nicht trauen zu können. Diesen Vorschlag hätte sie auf keinen Fall von ihrem normalerweise so sanftmütigem Sohn erwartet. Auch wenn sie zugeben musste, dass er recht hatte.

Wistitt war die Reaktion seines jüngeren Bruders natürlich nicht entgangen. „Wenn wir jetzt nicht entschlossen handeln, zerstören wir unsere Gesellschaft. Den Sar sind die Freiheit unserer Mädchen und Frauen völlig egal. Wir dürfen nicht glauben, dass sie jemals unsere Lebensweise akzeptieren werden. Wer von uns möchte dafür verantwortlich sein, wenn die Töchter unseres Volkes in Zukunft nicht mehr über ihr eigenes Leben bestimmen dürfen. Und denkt auch an die Jungen, die sich nicht als Krieger eignen oder nicht daran interessiert sind, kämpfen zu lernen. Wenn wir jetzt nicht entschieden handeln, selbst wenn uns das schwerfällt, zerstören wir die Zukunft unserer Kinder.“

Mahasa seufzte, obwohl Wistitt völlig recht hatte. Aber er würde nicht derjenige sein, der diese Entscheidung treffen musste, sondern sie, und sie wusste, es würde ihr tatsächlich sehr schwerfallen. Es war eine Sache, einen Feind im Kampf, auf dem Schlachtfeld, zu töten, aber eine völlig andere, eine derart große Gruppe Menschen zum Tode zu verurteilen. „Und wie denkst du über die Frauen der Sar?“, wollte sie schließlich von ihm wissen.

„Um ganz sicherzugehen, müssten wir sie auch töten. Aber ich finde es schon sehr schwer, die Männer dem Tod zu überantworten. Auch wenn ich die möglichen Konsequenzen kenne, kann ich mich nicht dazu überwinden, das Gleiche für die Frauen zu fordern. Ich hoffe einfach, dies wird sich später nicht als Fehler herausstellen.“ Wistitt blickte die anderen drei am Tisch aus traurigen Augen an.

Fanadja schüttelte vehement den Kopf. Die Richtung, in die sich die Diskussion gerade bewegte, gefiel ihm absolut nicht. „Bisher sind wir doch noch nie daran gescheitert, besiegte Stämme in unsere Gesellschaft aufzunehmen. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass uns das auch bei den Sar gelingen wird. Wir müssen nur Geduld mit ihnen haben und am Ende werden sie einsehen, dass es das Beste für sie ist.“

Der Soloti wurde es schwer ums Herz. Ihr Vater hatte ihr allerdings schon zu einer Zeit, als sie noch eine junge Frau war, beigebracht, ein Herrscher müsse auch harte Entscheidungen treffen, selbst wenn es ihm schwerfiel. Als Soloti musste sie sich vor niemandem rechtfertigen. Auf der anderen Seite, konnte ihr aber auch niemand diese Verantwortung abnehmen. Mit ihren Entscheidungen blieb sie immer allein, selbst wenn sie später bei deren Ausführung von anderen unterstützt wurde.

Aber diese so entsetzliche Entscheidung, hatte sie eigentlich schon getroffen. Jetzt musste sie nur noch dafür sorgen, dass sie auch durchgesetzt wurde. Und sie musste sicherstellen, dass sie dem Volk bekanntgemacht wurde.

„Wistitt hat recht“, teilte sie ihren Söhnen und engsten Beratern deshalb mit. „Wenn wir jetzt nicht handeln, gefährden wir die Zukunft der Oixya.“ Sie wandte sich ihrem Jüngsten zu, der sie entgeistert anstarrte. „Ich weiß genau, wie du dich fühlst, Fanadja. Ich würde deinem Vorschlag wirklich gerne folgen. Aber das kann ich nicht und das darf ich auch nicht. Wenn ich das täte, wäre das ein Riesenfehler.“

Sie schaute die anderen beiden an. „Dies ist eine Entscheidung, die ich nur schweren Herzens treffe, aber mir bleibt nichts anderes übrig, als mich Wistitts Vorschlag anzuschließen. Die Männer der Sar werden sich niemals an unsere Gesellschaft anpassen. Sie werden immer eine Gefahr für unser Volk darstellen. Zwar nicht mehr in Form eines feindlichen Stammes, aber sie würden wie ein Geschwür im Innern des Bundes wuchern und uns auf diese Weise zerstören.“

Sie erhob sich, um den folgenden Worten mehr Gewicht zu verleihen. „Ich werde meine Entscheidung, dass die sarischen Männer sterben müssen, morgen öffentlich verkünden.“

Yriti war aber auch nicht sitzengeblieben. „Davon rate ich dir ab, Soloti“, wandte er ein. Als sie den Mund öffnete, um auf seine Worte zu antworten, hob er die Hand und bat sie mit dieser Geste, weitersprechen zu dürfen. „Ich spreche nicht deine Entscheidung wegen der Sar an, denn in dieser Hinsicht hast du leider völlig recht. Wenn wir sie nicht aus unserer Gesellschaft entfernen, werden sie unsere Werte auf den Kopf stellen.“ Er legte eine kurze Pause ein. „Ich glaube aber, unser Volk würde deine Entscheidung nicht verstehen. Mein Bruder wollte uns eben davon überzeugen, dass wir in der Lage sind, jeden zu integrieren und nicht etwa daran scheitern werden, weil es diesmal schwieriger sein könnte. Ich bin mir sicher, dass viele so denken wie er. Von denen wird keiner deine Entscheidung nachvollziehen können. Sie werden sie nicht verstehen wollen und sie werden Widerstand leisten. Dies könnte unsere Gesellschaft genauso schnell, wie die Anwesenheit der Sar zerstören.“

Mahasa blickte ihren Ältesten verwirrt an. „Was willst du mir sagen, Yriti? Dass es besser wäre, die Sar doch nicht töten zu lassen? Oder willst du mir beibringen, ich werde unsere Gesellschaft auf jeden Fall zerstören, egal wie meine Entscheidung ausfällt?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe deine Entscheidung akzeptiert, aber ich bin nicht der Meinung, du solltest sie öffentlich machen. Entferne die Sar aus unserer Gesellschaft, aber lasse niemanden wissen, was mit ihnen geschehen ist. Die Menschen werden glauben, was immer sie glauben wollen. Einige werden sich sicher sein, dass sie getötet wurden, weil sie dies für richtig halten. Aber der Großteil der Oixya wird nicht davon ausgehen. Sie werden eher glauben, du hättest die Männer verbannt. Schließlich wird Verbannung schon lange von uns eingesetzt, um gefährliche Elemente aus der Gesellschaft zu entfernen. Die Menschen werden genau das glauben wollen.“ Er ließ sich wieder nieder.

Fanadja neigte seinen Kopf, aber Mahasa ging nicht davon aus, er wolle damit andeuten, Wistitts Meinung übernommen zu haben, nur, dass er sich der Entscheidung seiner Soloti beugte. Vielleicht war aber auch er der Meinung, diese sollte besser nicht bekanntgegeben werden.

Mahasa hatte allerdings nicht erwartet, dass Wistitt so unzufrieden wirkte, obwohl sie seinem Vorschlag gefolgt war. Er scheute sich aber auch nicht, seine Vorbehalte laut zu äußern: „Mir wäre sehr viel wohler, wenn du unser Volk nicht täuschen müsstest. Aber ich kann Yritis Ausführungen nachvollziehen und leider muss ich ihm recht geben. Wie lautet also deine Entscheidung?“ Er sah sie abwägend an.

Sie hatte sich nicht wieder hingesetzt und blickte ihren Söhnen nun erneut ins Gesicht. Ihren Beratern, korrigierte sie sich im Stillen, denn sie würde nun als Soloti zu ihnen sprechen, nicht als Mutter. „Ich kann deine Einwände nachvollziehen, Yriti, und muss leider feststellen, dass du recht hast.“ Sie holte tief Luft. „Meine Entscheidung steht fest. Die Männer der Sar müssen sterben, damit unsere Gesellschaft nicht zerstört wird. Ich muss nur noch darüber entscheiden, ab welchem Alter auch die Jungen getötet werden müssen. Die älteren können wir aber auf keinen Fall von dieser Entscheidung ausnehmen. Auf der anderen Seite, werden wir alles daransetzen, die Frauen und Mädchen aufzunehmen. Des Weiteren ist es meine Entscheidung, dass nichts hiervon an die Öffentlichkeit gelangen darf. Meine Worte dürfen diesen Raum nicht verlassen. Dies sind meine Entscheidungen, als Soloti der Oixya und dies ist meine Verantwortung.“ Mit dieser traditionellen Formulierung besiegelte sie ihren Entschluss.

Sie setzte sich wieder hin. Auch wenn sie noch nicht über alles entschieden hatte, fühlte sie eine gewisse Erleichterung. ‚Wer kann diese Aufgabe übernehmen?‘, fragte sie sich im Stillen. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend, ließ sie ihren Blick über ihre Söhne wandern. Zuerst blickte sie zu Fanadja hinüber, der aber auf keinen Fall in Frage kam, denn er war noch viel zu jung für eine solche Verantwortung. Außerdem hatte er ihre Entscheidung zwar akzeptiert, aber sie sich nicht zu eigen gemacht. Dann ging ihr Blick weiter zu Wistitt. Der Vorschlag war zwar von ihm gekommen, trotzdem konnte sie sich nicht vorstellen, er wäre fähig dazu, ihn auch umzusetzen. Er war in erster Linie ein Verwalter. Damit blieb nur noch ihr Ältester übrig, denn sie wusste, dass sie diese Aufgabe auf keinen Fall einem Außenstehenden übertragen durfte.

Als ihr Blick schließlich auf ihm ruhte, erwiderte er ihn völlig ruhig. Fast könnte sie glauben, er habe bereits im Vorfeld gewusst, wie sie sich entscheiden würde. Und sobald er sich sicher war, ihre volle Aufmerksamkeit zu haben, bestätigte er diesen Eindruck: „Du musst nicht länger suchen. Ich weiß, dass diese Aufgabe erledigt werden muss und ich stelle mich zur Verfügung. Ich sehe ein, dass es notwendig ist die Sar, zumindest die Männer, aus unserer Gesellschaft zu entfernen. Allerdings benötige ich dafür freie Hand. Diese unangenehme Angelegenheit möchte ich auf meine Art erledigen. Nur dann kann ich für einen Erfolg sorgen, Soloti.“ Er sah ihr bei seinen Worten unverwandt in die Augen.

Erneut fühlte sie Erleichterung in sich aufsteigen. Sie hatte sich immer auf ihren ältesten Sohn verlassen können, aber heute freute sie sich besonders über seine Zusage, auch wenn sie nicht glücklich darüber war, ihm dies aufbürden zu müssen. Trotzdem war sie froh, dass er von sich aus diese Verantwortung übernehmen wollte. Dies war eindeutig ein Schritt auf dem Weg zu seiner Ernennung, als ihr Nachfolger. Trotzdem wollte sie ihm nicht die gesamte Planung einfach so überlassen. Als Soloti oblag ihr schließlich eine gewisse Überwachung seiner Aktivitäten.

„Ich möchte keine Einzelheiten wissen, aber einen Überblick musst du mir schon geben.“

Er bekundete seine Zustimmung zu ihrer Aufforderung mit einem Nicken. „Das verstehe ich. Aber zu diesem Zeitpunkt kann ich dir noch nicht sehr viel sagen. Ich plane, auf jeden Fall alle Männer und die Jungen, die älter als drei Jahre sind, von hier wegzubringen. Was getan werden muss, will ich auf keinem Fall unter den Augen der Oixya erledigen. Dies bedeutet, dass ich mich so weit vom Bund entfernen muss, wie es unbedingt nötig ist, damit niemand auch nur das Geringste von dieser Aktion mitbekommt, auch nicht durch Zufall. Und um dies ohne Probleme bewerkstelligen zu können, werde ich zuvor ausreichend Männer rekrutieren müssen, was natürlich einige Zeit dauert. Aber mir sind einige Personen bekannt, denen ich im ausreichenden Maß vertrauen kann. Sobald ich der Meinung bin, genügend gefunden zu haben, können wir damit beginnen, Vorräte für eine monatelange Reise zusammenzutragen. Für all diese einzelnen Schritte bitte ich dich, mir freie Hand zu geben.“

Sie dachte über seine Aussage nach. Alles was er aufgezählt hatte, klang, als wäre es ohne größere Probleme durchführbar und er schien auch an alles gedacht zu haben. Deshalb konnte sie nun die nächste Entscheidung treffen und nahm dafür erneut Zuflucht zu den traditionellen Formulierungen. „Wisse denn, dass deine Soloti dir die Aufgabe überträgt, unser Volk von den Männern der Sar zu befreien. Ich bin damit einverstanden, dass du auf eine Art und Weise vorgehst, die du als richtig erachtest.“ Es waren die Worte einer Soloti an einen ihrer Vertrauten, nicht die einer Mutter an ihren Sohn.

Yriti verneigte sich vor seiner Soloti und akzeptierte wortlos die ihm übertragene Mission. Seine Brüder wirkten erleichtert, weil sie verschont geblieben waren, gleichzeitig konnte man ihnen aber auch sehr deutlich anmerken, dass sie genau wussten, welch schreckliche Aufgabe ihm übertragen worden war.

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Nach der abendlichen Zusammenkunft, verfolgte Mahasa mehrere Wochen lang die Vorbereitungen ihres ältesten Sohnes. Sie beobachtete, wie er sich um alles kümmerte, was mit diesem Auftrag zusammenhing. Schon kurz nach dessen Erteilung, hatte er als erstes damit begonnen, Begleiter für seine Unternehmung zu suchen. Er benötigte Männer, denen er vertrauen konnte und bei denen er sich absolut sicher war, dass sie taten, was nötig war, aber später nicht darüber redeten. Die ersten, die er ansprach, waren natürlich seine engsten Freunde, Millir wie er selbst. Männer, von denen er wusste, dass sie zu ihm stehen würden. Nachdem er sie auf sich eingeschworen hatte, setzte er sie dafür ein, weitere Unterstützer zu finden. Auf diese Art und Weise wuchs die Gruppe seiner Begleiter, langsam aber sicher.

Die Soloti hatte ihm zugesichert, sich nicht einzumischen und sie hielt sich selbstverständlich an ihr Versprechen. Sie hinterfragte auch seine Auswahl an Begleitern nicht. Als er begann, das Lager der sarischen Frauen zu besuchen, wunderte sie sich zwar, aber sie hielt sich zurück und stellte ihm keine Fragen. Nichtsdestotrotz war sie immens erleichtert, als er von sich aus auf sie zukam und ihr seine Gründe erläuterte.

„Du hast dir vorgenommen, diese Frauen in unsere Gesellschaft zu holen“, begann er. „Aber glaubst du ernsthaft, sie werden es so einfach hinnehmen, dass wir für den Tod ihrer Väter, Brüder, Männer und Söhne verantwortlich sind? Sie werden uns, oder besser gesagt, sie werden euch große Probleme bereiten, sollten sie es jemals erfahren. Ich rede mit ihnen, um sie davon zu überzeugen, dass ihre Männer verbannt werden. Sie müssen fest daran glauben, dass diese nur in die Verbannung gehen. Und die Frauen müssen hier zurückbleiben, weil es das Beste für sie ist. Aber wenn ich damit erfolgreich sein will, muss ich sie zuvor kennenlernen und ihr Vertrauen erwerben. Aus diesem Grund, besuchen meine Freunde und ich das Lager. Wenn wir die Angelegenheit richtig angehen und Erfolg haben, wird das eure Arbeit immens erleichtern. Wir werden euch den Weg ebnen. Sobald wir dann aufgebrochen sind, liegt es an euch, die Frauen in unsere Gesellschaft aufzunehmen. Du weißt, dass dir die Alternative genauso wenig gefallen würde, wie mir.“

Wieder einmal stellte sie fest, dass sie sich seiner Argumentation nicht entziehen konnte. Wieder einmal, hatte ihr Sohn alles bedacht und wieder einmal, tat er einen weiteren Schritt in Richtung ihrer Nachfolge. Selbstverständlich hatte sie nicht vor, ihm von ihrem Entschluss zu erzählen, aber sie war sich jetzt sicher, dass ihre Entscheidung gefallen war, und zwar zu seinen Gunsten. Bekanntgegeben würde dies allerdings erst nach ihrem Tod, ein Ereignis, das noch lange auf sich warten lassen würde. Sie hoffte in der Zwischenzeit geschähe nichts, was sie zu einer neuen Entscheidung zwang. Aber sie hatte sich dazu durchgerungen, alles schriftlich niederzulegen. Und zwar, sobald er aufgebrochen war. Yriti würde nach ihr Soloti werden.

Schließlich kam der Tag heran, an dem ihr ältester Sohn und seine Begleiter, die gefangenen Männer und Jungen der Sar aus der Stadt hinaus, in das Velt führten. Aber das lag nun schon fast ein ganzes Jahr zurück. Sie war nicht davon ausgegangen, dass er solange unterwegs sein würde und begann sich langsam Sorgen zu machen. Wie weit hatte er die Sar führen müssen? Selbstverständlich konnte er seinen Auftrag nicht in der Nähe des Bundes ausführen, aber je weiter er sich entfernen musste, desto mehr stieg sein Risiko. Sie hatte Angst, die Gefangenen könnten versucht haben, zu entkommen. Sie hatte auch Angst, die Sar könnten sich erfolgreich ihrer Wachen entledigt haben. Und sie hatte Angst, sie könnten die Lüge, sie würden in die Verbannung gehen, durchschaut haben.

Aber wenn Yriti nicht bald zurückkehrte, musste sie tatsächlich davon ausgehen, ihm sei etwas zugestoßen. Noch aber wollte sie daran nicht denken.

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Mahasa hielt gerade ihre morgendliche Audienz ab, als Wistitt in ihr Empfangszimmer gestürmt kam. Erstaunt blickte sie auf, aber nicht etwa, weil sie darüber verwundert war, dass die Wachen ihn durchgelassen hatten – er war ja schließlich der Sohn der Soloti – sondern, weil er einfach so hereinplatzte. Das war sonst überhaupt nicht seine Art, aber heute schien er es sehr eilig zu haben.

Und dann stellte sie fest, dass er sogar noch ungeduldiger war, als sie gedacht hatte. Er wollte noch nicht einmal warten, bis sie das Zimmer räumen ließ, bevor er mit seiner Neuigkeit herausplatzte. „Die Wache auf der Stadtmauer hat eine Gruppe bewaffneter Fremder gemeldet, die sich der Stadt von Süden her nähert. Vorsichtshalber habe ich Befehl gegeben, die Stadttore auf dieser Seite zu schließen.“ Er machte eine kurze Pause, damit sie seine Meldung verdauen konnte, aber dann redete er doch schnell weiter. „Ich rate dir, dich sofort auf die Mauer zu begeben, um einer eventuellen Panik in den Straßen vorzubeugen, Soloti.“

Sie hatte ihre Stirn bereits aus Überraschung gerunzelt, bevor ihr das auffiel. Eigentlich vermied sie es, ihre Gefühle so offen zu zeigen. Aber Wistitts Verhalten hatte sie überrumpelt. Er war im vergangenen Jahr, in Abwesenheit seines älteren Bruders, ihr wichtigster Ratgeber geworden, aber er neigte im Normalfall nicht zu hastigen Entscheidungen. Was hatte ihn also nun dazu gebracht, diesen Befehl zu erteilen? Es war durchaus möglich, dass er die Menschen auf den Straßen in Panik versetzt hatte.

Mit einem Mal wurde sie sich wieder der anderen Menschen im Raum bewusst. Bevor sie ihrem Sohn weitere Fragen stellen konnte, musste sie erst die Bittsteller hinausschicken.

„Diese Audienz ist beendet! Ich muss mich jetzt um die Angelegenheit kümmern, die mein Berater mir gerade gemeldet hat und mich zu den Wachen auf der Stadtmauer begeben. Aber ich versichere euch, wir müssen keine Angst haben. Unsere Stadt hat von einer kleinen Gruppe Bewaffneter nichts zu befürchten.“ Die Menschen warfen sich zwar unsichere Blicke zu, aber sie begannen, sich dann doch hinauszubewegen. Und sie erweckten nicht den Eindruck, in Panik ausbrechen zu wollen.

Sie wartete ungeduldig, bis die Bittsteller den Raum verlassen hatten und sich außer ihr, nur noch ihr Sohn hier aufhielt. Aber dann wollte sie wissen, was Wistitt ihr sonst noch mitteilen konnte. „Was meinst du mit bewaffneten Fremden? Und von wie vielen Personen sprichst du eigentlich?“ Sie benötigte mehr Informationen.

„Der Bote sprach von ungefähr fünfzig, teils zu Pferde, teils zu Fuß und offensichtlich alle schwer bewaffnet. Sie dürften jetzt noch ungefähr eine Stunde von der Stadt entfernt sein, aber sie scheinen sich Zeit zu lassen. Offensichtlich haben sie es nicht eilig.“ Seine beschleunigte Atmung hatte sich in der Zeit, in der der Raum sich leerte, wieder beruhigt und er wirkte erneut wie der besonnene Mann, der er sonst auch war.

Er trat näher an sie heran und senkte seine Stimme, obwohl sie alleine waren. „Der Kundschafter, der sie entdeckt hat, war nicht in der Lage, sie zu identifizieren, deshalb habe ich die Tore schließen lassen. Aber das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn ich habe hinsichtlich ihrer Herkunft eine Vermutung. Und wenn ich recht behalte, dann haben wir nichts zu befürchten. Wenn meine Vermutung stimmt, dann ist das mein Bruder dort draußen.“ Offensichtlich war ihm gerade erst aufgefallen, wie nahe er vor ihr stand, denn er trat wieder einen Schritt zurück und gab ihr damit Raum zum Nachdenken und die Gelegenheit, um in Ruhe zu einer Entscheidung zu gelangen.

Mahasa ließ sich diesmal nicht anmerken, was seine Worte in ihr auslösten. Sie war die Soloti, die Herrscherin, und durfte es sich nicht erlauben, dass jeder von ihrem Gesicht ablas, was ihr gerade durch den Kopf ging. Noch nicht einmal, wenn es sich bei dieser Person um einen ihrer Söhne handelte. Es reichte schon, dass ihr das bei seinem Eintreten nicht gelungen war.

„Du hast richtig gehandelt“, bestätigte sie schließlich seine Entscheidung. „Besser einmal zu vorsichtig sein, als einem Feind die Möglichkeit einzuräumen, uns zu überraschen. Ich werde deinem Vorschlag folgen und mich auf die Mauer begeben und du wirst mich begleiten.“ Wieder einmal, hatte sie sich in eine formale Ausdrucksweise geflüchtet und ihr war auch bewusst, wieso sie dies tat. Sie wusste, dass sie damit versuchte, eine Ruhe vorzutäuschen, die sie in Wirklichkeit nicht besaß. Sie hoffte, dass er mit seiner Vermutung recht hatte und es sich wirklich um Yriti handelte, der auf die Stadt zumarschierte. Als sie Wistitt ins Gesicht blickte, verstand sie, dass er bereits im Vorhinein geahnt haben musste, wie sie sich entscheiden würde, denn er wirkte nicht im Geringsten überrascht. Aber das war ihr an ihm schon ein paar Mal aufgefallen. Sie wünschte sich, er könnte besser mit Menschen umgehen, denn dann hätte sie ihn sofort zu ihrem Nachfolger ernannt. Aber das sollte wohl nicht sein.

Es war nicht zu ändern. Und eigentlich hatte sie ihre Entscheidung ja auch schon getroffen. Die schriftliche Verfügung befand sich in ihrem Schlafgemach, gut versteckt in einer Geheimschublade ihres Schreibtisches und musste nur noch versiegelt werden. Zu diesem letzten Schritt, hatte sie sich bisher nicht durchringen können. Das hätte in ihren Augen die Entscheidung unwiderruflich gemacht. Sie konnte allerdings nicht sagen, wieso sie davor zurückschreckte, obwohl sie sich doch sicher war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Zumal sie keine andere Möglichkeit hatte. Sie war sich aber sicher, die Verfügung nicht mehr zu ändern, sobald sich das Dokument erst einmal im Heiligtum befand. Es würde dort verbleiben und erst nach ihrem Tod wieder ans Licht geholt werden. Vielleicht schreckte sie einfach nur die Endgültigkeit dieses Schrittes ab.

Aber darüber nachzudenken, half ihr jetzt nicht, deswegen schob sie diese Gedanken energisch zur Seite und erhob sich, um an der Seite ihres Sohnes die Kammer zu verlassen. In diesem Moment, gab es wichtigere Dinge, um die es sich zu kümmern galt. Sie musste sich auf den Weg zur Stadtmauer machen und darauf hoffen, dass es tatsächlich ihr ältester Sohn war, der zurückkehrte. Er war lange genug unterwegs gewesen, nach ihrer Meinung, viel zu lange. Nachdem sie die Ställe erreicht hatte, ließ sie Pferde für sich und Wistitt bringen. Die Stadt war zu groß, um sie zu Fuß zu durchqueren. Sie würden viel zu lange bis zur Mauer brauchen. Ihr Vater hatte den Bau dieser Befestigung in Auftrag gegeben, aber seine Berater hatten ihn für seine Pläne, als übermäßig optimistisch bezeichnet. Er hatte ein viel größeres Gebiet schützen wollen, als sie und er hatte sich schließlich durchgesetzt, obwohl es zu Beginn noch viele ungenutzte Bereiche in der Stadt gab und dies auch noch viele Jahre so blieb. Aber Mahasa hatte in den letzten Jahren feststellen müssen, dass ihr Vater offensichtlich eine Eingebung gehabt hatte. Wahrscheinlich hatte er sich vom Leben leiten lassen, denn die Stadt war in einem solchen Ausmaß gewachsen, dass der nächste Soloti, wahrscheinlich eine neue Mauer planen musste. Sie fand diese Vorstellung allerdings nicht ungewöhnlich, denn all die Menschen, die hierherkamen, mussten ja auch geschützt werden.

Aber für sie bedeutete das jetzt, dass sie einen relativ langen Weg zurücklegen musste, um die Stadtmauern und das Tor zu erreichen, an dem die Bewaffneten voraussichtlich ankommen würden. Als sie es endlich erreichte, erklomm sie mit ihrem Sohn an der Seite die Stufen neben dem Tor und gelangte schließlich auf die Mauerkrone. Von hier oben, hatte sie einen ausgezeichneten Blick auf die Straße, die aus der Steppe südlich von ihnen zur Stadt führte. In der Ferne, konnte sie tatsächlich bereits die Gruppe erkennen, die die Wache derart in Aufruhr versetzt hatte. Eigentlich sollten fünfzig Menschen kein Grund sein, in Panik zu geraten, aber die Stadt lag im Herzen des Bundes und Fremde sollten eigentlich keine Möglichkeit haben, unkontrolliert bis hierher vorzustoßen. Sie hätte gerne gewusst, wer sich dort näherte, aber noch waren sie zu weit entfernt und sie war nicht imstande, einzelne Personen auszumachen. Notgedrungen, musste sie sich in Geduld üben.

Je näher die Gruppe der Stadt kam, desto unruhiger wurde die Soloti. Den Wachen, die sich mit ihr auf der Mauer befanden, erging es auch nicht besser. Die Fremden hatten sich in ihre Umhänge gehüllt und die Kapuzen so weit nach vorne gezogen, dass von ihren Gesichtern nichts zu erkennen war. Bei schlechtem Wetter, hätte das jeder verstanden, aber es war trocken, wenn auch nicht sonnig, und somit lag eigentlich kein Grund vor, sich derart unter den Umhängen zu verstecken. Es sei denn, die Fremden wollten sich vor den Blicken der Stadtbewohner verbergen. Einige von ihnen ritten und andere gingen zu Fuß, aber sie hielten dabei keinerlei Ordnung und wirkten deshalb nicht, als wenn sie ein Teil einer Armee wären. Allerdings marschierten sie mit langen Schritten und immer wenn ihre Umhänge aufklafften, konnten keinem der Beobachter die Schwerter an ihren Gürteln verborgen bleiben. Einige von ihnen hielten auch Speere in den Händen oder hatten Bogen und Köcher über die Schulter geschlungen. Die Reiter hatten vor allem Äxte und kürzere Bögen am Sattelknauf hängen. Der gesamte Trupp machte auf Mahasa einen gefährlichen Eindruck, aber vor allem störte es sie, dass es die Bewaffneten offenbar nicht im Geringsten interessierte, dass sie von der Stadtmauer beobachtet wurden. Sie schienen nur so vor Selbstvertrauen zu strotzen.

Inzwischen waren die Fremden bis auf Rufweite herangekommen, aber die Soloti konnte immer noch nicht erkennen, ob sie Freund oder Feind vor sich hatte. Keinem entging allerdings, dass sie bereits lange unterwegs gewesen sein mussten, denn ihre Kleidung war zerschlissen und geflickt und ihre Pferde wirkten müde. Schließlich löste sich einer der Reiter aus der Gruppe und kam nach vorne, schob dann seine Kapuze zurück und hob den Kopf, um zu den Menschen auf der Mauerkrone hinaufzublicken. Mahasa erschrak sofort. „Sar“, hörte sie mehrere der Wachen in ihrer Nähe flüstern und bekam aus den Augenwinkeln mit, wie Speere gehoben und Bögen gespannt wurden. Die Bemerkung verwunderte die Soloti nicht, hatte sie doch das gleiche gedacht. Der Fremde besaß kurzes rotbraunes Haar und einen dunkelroten Vollbart und glich damit den Sar, gegen die die Oixya im letzten Jahr gekämpft hatten. Und derer sie glaubten, sich entledigt zu haben. Zumindest war Mahasa davon ausgegangen, dass das der Fall war.

Der Fremde öffnete den Mund und rief etwas zu ihnen hinauf, aber genau in diesem Moment frischte der Wind auf und verwehte seine Worte. Er wartete einen Augenblick, blieb dabei aber völlig ruhig auf seinem Pferd sitzen und machte keine Anstalten, nach seiner Waffe zu greifen, ebenso wenig, wie seine Begleiter. Nachdem der Wind abgeflaut war, unternahm er einen zweiten Anlauf, sich verständlich zu machen, diesmal um einiges lauter.

„Ich bin Yriti, Sohn de…“, er hielt einen Augenblick inne, hustete kurz und fuhr dann fort, „… Sohn der Mahasa. Meine Männer und ich waren lange unterwegs und wir sind des Reisens müde. Gibt es einen Grund, warum wir die Stadt nicht betreten dürfen?“

Mahasa starrte ungläubig auf den Mann unter ihr. Er sah überhaupt nicht so aus, wie sie ihren Sohn in Erinnerung hatte, außer, dass er die gleiche Haarfarbe wie dieser besaß. Allerdings würde sie seine Stimme unter Tausenden wiedererkennen, denn diese hatte sich nicht verändert. Sie atmete erleichtert auf.

„Öffnet das Tor!“, befahl sie den Wachen, nachdem sie sich von ihrem Schreck erholt hatte. „Es ist Yriti.“ Einige der Wachen warfen ihr allerdings ungläubige Blicke zu, hatten sie doch mitbekommen, wie sie selbst kurz zuvor noch zweifelte und nun waren sie sich nicht sicher, ob sie richtig damit lag, scheinbar aus dem Nichts heraus, die Fremden als Freunde zu bezeichnen. Ihr ältester Sohn war den Wachen zwar bekannt, trotzdem zögerten sie noch. Einen Augenblick lang, wusste die Soloti nicht, was sie tun sollte, aber dann kam Wistitt ihr und seinem Bruder zur Hilfe. Er hatte ihn ganz offensichtlich ebenfalls wiedererkannt.

„Die Soloti hat euch einen Befehl gegeben.“ Seine Stimme hatte eine ungewohnte Schärfe angenommen. „Aber da euch das offensichtlich nicht reicht, versichere ich euch, dies ist die Stimme meines Bruders.“ Seine Worte rissen die Wachen aus ihrer Erstarrung und der Befehl der Soloti wurde endlich ausgeführt. Selbst hier oben auf der Mauer, konnten sie hören, wie das Tor langsam geöffnet wurde.

„Lass uns hinuntergehen“, schlug sie ihrem Sohn vor. Sie wartete allerdings seine Antwort nicht ab, sondern machte sich sofort an den Abstieg. So schnell, wie es ihr möglich war, eilte sie die steile Treppe hinab, weil sie es nicht erwarten konnte, Yriti zu begrüßen. Er war ein ganzes Jahr weggeblieben, viel zu lange für ihren Geschmack und sie hatte befürchtet, ihm wäre etwas zugestoßen.

Wistitt rief ihr von hinten eine Warnung zu. „Langsam, Mutter. Du läufst noch Gefahr die Treppe hinabzustürzen und dir das Genick zu brechen. Das kann ich nicht zulassen, wir brauchen dich schließlich noch.“

Sie musste lächeln, als sie die Fürsorge in seiner Stimme vernahm, aber sie wurde nicht langsamer. Sie wollte nicht langsamer werden, denn sie konnte es nicht erwarten, ans Tor zu gelangen.

Endlich hatte sie das Ende der Treppe erreicht und starrte auf die Männer, die in diesem Moment das Tor durchschritten. Die Reiter waren in der Zwischenzeit alle abgestiegen und führten ihre Pferde am Zügel in die Stadt. Und allen voran schritt Yriti. Nun war sie ihm nahe genug, um in dem bärtigen Fremden ihren Sohn wiedererkennen zu können. Er lächelte sie an, äußerte aber kein Wort und überließ es seinem Bruder, als Erster das Wort zu ergreifen.

„Niemand hat dich oder einen deiner Männer erkannt, Bruder. Nicht in dieser Aufmachung.“ Wistitt runzelte die Stirn, als er die Männer in Augenschein nahm. Er hatte sich nicht bemüht, seinen Unmut aus seiner Stimme herauszuhalten.

Sein älterer Bruder wirkte verwirrt. Offensichtlich hatte er nicht verstanden, worauf Wistitt sich mit seinen Worten bezog. Plötzlich allerdings weiteten sich seine Augen, als er endlich begriff, wovon der Jüngere sprach. Seine Hand ging zu seinem Bart.

„Ich verstehe.“ Er nickte. „Ich muss mich entschuldigen. Wir haben einfach nicht darüber nachgedacht, welchen Eindruck wir auf euch machen würden. Das war sehr gedankenlos von uns. Es tut uns leid.“ Er lächelte erneut, aber es wirkte falsch.

„Ich kann nicht verstehen, wieso ihr …“, Mahasa war nicht in der Lage, den Satz zu vollenden.

„Dies ist etwas, über das ich lieber nicht vor all den Leuten hier sprechen möchte“, antwortete ihr Yriti so leise, dass nur sie ihn hören konnte. „Du weißt schon …“, diesmal war er es, der den Satz nicht vollendete. Im Gegensatz zu ihr aber mit Absicht.

Sie wusste natürlich, worauf er anspielte und nickte. Er hatte völlig recht, es gab Dinge, die nicht in der Öffentlichkeit besprochen werden durften. „Lass uns nach Hause gehen. Du warst ein ganzes Jahr abwesend und ich habe ein großes Bedürfnis, in Ruhe mit dir zu sprechen.“ Sie hatte ihre Stimme erhoben, denn ihre Worte galten nicht nur ihm, sondern allen Umstehenden.

Ihr ältester Sohn wandte sich einem seiner Begleiter zu, der in aller Ruhe einige Schritte entfernt gewartet hatte, während Yriti mit seiner Mutter sprach. „Gasar, kümmere dich bitte um die Männer. Ich möchte die Soloti nicht warten lassen, das wäre unhöflich.“ Der andere nickte nur. Er war genauso bärtig wie Yriti.

Nur wenige der anderen Männer hatten ebenfalls ihre Kapuzen zurückgeschoben, aber von denen trugen alle ebenfalls Vollbart und unter den Kapuzen der übrigen, glaubte die Soloti ebenfalls Bärte erkennen zu können. Beinahe hätte sie ihre Stirn sorgenvoll gerunzelt, aber sie schaffte es gerade noch, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Sie wusste zu wenig über das, was hier vorging. Bärte waren zwar bei den Oixya nie unüblich gewesen, aber nach den blutigen Kämpfen gegen die bärtigen Sar doch sehr selten geworden. Ihr kam es seltsam vor, dass so viele der Männer, die mit ihrem Sohn geritten waren, um die Sar zu beseitigen, nun mit Bärten zurückkehrten. Aber sie durfte sich erst dann eine Meinung bilden, wenn sie gehört hatte, was Yriti dazu zu sagen hatte.

In der Zwischenzeit, waren die Pferde für sie und Wistitt gebracht worden und sie konnten sich unverzüglich auf den Weg zum Palast machen. Die Soloti ritt vorne weg, aber Yriti befand sich direkt hinter ihr, während Wistitt ein Stück zurückhing, als hätte er sich entschieden, alles von hinten im Auge behalten zu müssen. Mahasa wäre am liebsten durch die Straßen galoppiert und musste sich zusammenreißen, um ihr Pferd langsamer gehen zu lassen. Die Menschen erwarteten von ihrer Soloti eine gewisse Würde und sie wollte dieses Bild nicht zerstören. Obwohl sie ungeduldig auf Yritis Bericht wartete, wollte sie unter den Stadtbewohnern weder Unruhe, noch Angst verbreiten. Aus diesem Grund, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich zusammenzureißen.

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Sobald sie in ihren privaten Gemächern ankamen, waren sie endlich unter sich und Mahasa musterte ihren Sohn mit einem kritischen Auge. „Du siehst müde aus“, stellte sie schließlich fest. Fanadja war in der Zwischenzeit ebenfalls zu ihnen gestoßen, noch bevor sie Gelegenheit gehabt hatte, nach ihm zu senden, und nach einem Jahr, saß die Soloti wieder mit all ihren Söhnen zusammen. Bedienstete – unter ihnen auch Eponai von den Sar und deren Mutter Feasae – brachten Wein und Essen und zogen sich danach sofort wieder zurück. Die vier waren schließlich alleine.

Mahasa zeigte auf den Bart ihres Sohnes. „Das gefällt mir nicht. Warum hast du dir einen Bart zugelegt?“

Erst in diesem Moment fiel ihr auf, wie sehr die Veränderung ihres Sohnes sie tatsächlich störte, denn sie hatte eigentlich nicht vorgehabt, ihn direkt damit zu überfallen.

Yriti hob seine Hände, als wolle er sich ihrem Angriff ergeben. Oder als wolle er sie abwehren. Sie hoffte, es wäre das erstere. „Erbarmen, Mutter, ich hatte nicht vor, dich damit zu verärgern. Das hat sich einfach so ergeben. Wie ich schon am Tor sagte, waren wir gedankenlos.“

„Das hat sich einfach so ergeben?“ Sie war sich sicher, dass er ihr ihre Zweifel anhören konnte. Sie versuchte sich zusammenzureißen, denn er war gerade erst angekommen und sie hatte ihn sehr vermisst. Sie hatte nicht vorgehabt, mit ihm zu schimpfen. Schließlich war er ein erwachsener Mann und wenn er sich einen Bart wachsen lassen wollte – selbst wenn das seiner Mutter nicht gefiel – dann durfte er das selbstverständlich. Seine Soloti mochte aber nicht, dass er damit ihren Feinden so ähnlich geworden war. Trotzdem versuchte sie, ihren Worten die Schärfe zu nehmen. „Es tut mir leid, Yriti, ich wollte dich nicht so anfahren. Der Bart hat mich nur zu sehr an die Sar erinnert.“ Sie lächelte ihn an.

Und er lächelte zurück und für einen Moment, sah sie nur den Sohn vor sich, auf den sie so stolz war, als er vor einem Jahr aufbrach.

„Ich entschuldige mich noch einmal für unsere Gedankenlosigkeit, Mutter. Wir waren sehr lange unterwegs und haben uns wohl selbst an unseren Anblick gewöhnt. Wir haben nicht weiter darüber nachgedacht, welche Gefühle wir damit bei euch auslösen könnten.“ Er hatte sich hingesetzt, während er seine Entschuldigung vorbrachte und goss sich Wein ein. Dann nahm er sich auch etwas zu essen. „Köstlich“, gab er von sich, nachdem er einige Bissen heruntergeschluckt hatte. „Ich hatte schon fast vergessen, was gutes Essen ist.“ Er aß weiter.

Die anderen drei hatten sich inzwischen ebenfalls niedergelassen. Seine Mutter und seine Brüder ließen ihm Zeit. Geduldig warteten sie darauf, dass er von sich aus weitererzählte.

Nach einiger Zeit, hatte er wohl seinen ersten Hunger gestillt und setzte sich bequemer hin. Er blickte die anderen der Reihe nach an.

„Dies war wahrlich keine angenehme Reise, das kann ich euch sagen. Während wir uns immer weiter von der Stadt entfernten, mussten wir unentwegt daran denken, welche Aufgabe vor uns lag. Wir mussten ein Auge auf die Gefangenen haben und gleichzeitig darauf achten, ihnen nicht zu verraten, dass sie nicht in die Verbannung gingen. Das war gar nicht so einfach. Und nachdem wir alles erledigt hatten und uns endlich auf den Rückweg machen konnten, hatten wir Pech. Euch ist ja bestimmt aufgefallen, dass einige von uns zu Fuß unterwegs waren und wir all unsere Wagen verloren haben. Unter diesen Umständen, bin ich mehr als nur froh, alle meine Männer wieder nach Hause gebracht zu haben.“ Er machte eine Pause.

„Und was hat das mit deinem Bart zu tun?“, wollte Wistitt von ihm wissen, als wäre alles andere nebensächlich.

Yriti blickte seinem Bruder für einen langen Augenblick in die Augen, bevor er antwortete. „Bereits nach kurzer Zeit, mussten wir feststellen, dass wir mit der Bewachung der Sar alle Hände voll zu tun hatten. Wir waren dauernd müde, wir hatten nie genug Zeit für alles, was wir eigentlich erledigen sollten. Irgendwann haben wir uns entschieden, auf verschiedene Dinge zu verzichten, auf Kleinigkeiten, die uns nicht wichtig erschienen. Statt uns jeden Morgen zu rasieren, haben wir einfach unsere Bärte wachsen lassen. Nachdem wir dann unsere Aufgabe erledigt hatten, waren wir der Meinung, es wäre nicht angebracht, einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen. Wir konnten nicht leugnen, dass die Reise und ihr Zweck uns verändert hatten und wir wollten das irgendwie zum Ausdruck bringen. Deshalb haben wir unsere Bärte behalten. Wir haben es als unsere Art der Sühne für das angesehen, was wir tun mussten.“ Er verstummte.

„Dann habt ihr euch der Sar entledigt?“ Mahasa wusste, es war ihre eigene Feigheit, die ihr nicht erlaubte, ihn direkt zu fragen, ob sie die Gefangenen getötet hatten, aber sie war sich sicher, dass er sie auch so verstand.

Yriti nickte, aber er sah sie dabei nicht an. „Wir haben erledigt, weshalb wir aufgebrochen sind.“ Auch er wollte sich wohl nicht eindeutiger äußern.

‚Er muss sich schrecklich fühlen‘, dachte seine Mutter. Er und seine Männer waren mit mehr als dreihundert Gefangenen aufgebrochen, einige von ihnen noch Kinder. Sie wollte gar nicht genau wissen, wie sie vorgegangen waren, aber die hilflosen Gefangenen zu töten, musste eine blutige Metzelei gewesen sein.

Sie würde liebend gern das Thema wechseln, aber sie musste ihn noch weiter befragen. „Ihr seid ein ganzes Jahr unterwegs gewesen und offensichtlich sehr weit marschiert, bevor ihr …“, wieder konnte sie nicht weitersprechen, weil sie der Mut verließ.

„Wir sind in der Tat sehr weit marschiert“, bestätigte ihr Yriti. „So weit, dass niemand unsere Spuren finden wird. Niemand wird herausfinden, was wir getan haben. Und ich halte es für das Beste, wenn wir niemals wieder darüber sprechen. Ich versichere dir, Mutter, keiner meiner Männer wird je etwas darüber verlauten lassen. Der Großteil von ihnen wird die Stadt in Kürze wieder verlassen, denn sie wollen eigentlich nichts anderes, als zu ihren Familien zurückzukehren und zu vergessen.“

Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, also nickte sie nur und offensichtlich erging es Wistitt und Fanadja ähnlich.

Yriti lächelte erneut, aber dies verstärkte seltsamerweise nur den Eindruck der Fremdheit, der sie so sehr störte. „Habe ich da eben wirklich sarische Frauen unter den Dienern entdeckt?“ Wenn er das Thema hatte wechseln wollen, war ihm das nicht ganz gelungen.

Fanadja beantwortete seine Frage. „Du hast dich nicht getäuscht. Nachdem ihr vor einem Jahr die Stadt verlassen habt, begannen die Frauen und Mädchen sich uns anzunähern. Sie haben sich Arbeit gesucht und auf diese Weise angefangen, sich in unsere Gesellschaft einzufügen. Allerdings war das alles nicht so einfach für sie, da sie ja nie gelernt haben, für sich selbst zu sorgen. Aus diesem Grund, hat Mutter einigen von ihnen angeboten, hier im Palast zu arbeiten. Sie konnte auch einige der wohlhabenderen Familien in der Stadt dazu überreden, ebenfalls einigen der Frauen Arbeit zu geben. Die beiden, die du eben gesehen hast, sind Feasae und ihre Tochter Eponai. Feasae ist so etwas wie die Anführerin der ehemaligen Sar, sofern man bei ihnen überhaupt von einer Anführerin sprechen kann. Auf jeden Fall, hat sie das Sagen innerhalb des Lagers, in dem die sarischen Frauen immer noch leben, aber es war schwierig, ihr verständlich zu machen, dass sie das Lager auch nach außen hin vertreten muss. Auf jeden Fall, haben sie und ihre Tochter darum gebeten, der Soloti persönlich dienen zu dürfen, um damit ihre Dankbarkeit ausdrücken zu können.“

„Selbstverständlich habe ich ihnen ihre Bitte nicht abgeschlagen. Ich wüsste auch nicht, wieso ich das hätte tun sollen“, ergänzte Mahasa.

„Feasae und Eponai?“ Yriti versuchte sich offensichtlich an etwas zu erinnern. „Ich konnte sie eben nur kurz sehen, deshalb war ich mir nicht sicher, aber jetzt ist es mir wieder eingefallen. Vor meinem Aufbruch habe ich im Lager mit den beiden gesprochen. Damals kamen sie mir ziemlich zurückhaltend vor, aber in der Zwischenzeit scheint sich das ja gegeben zu haben.“

Er verstummte erneut und nahm sich noch etwas vom Essen. Mahasa beobachtete ihn und war in diesem Moment einfach nur glücklich darüber, ihren Sohn zurückerhalten zu haben. Sie war froh, dass sich ihre Befürchtung nicht bewahrheitet hatte, ihn verloren zu haben. Als sie zu ihren anderen beiden Söhnen hinüberblickte, fiel ihr auf, dass Fanadja seinen älteren Bruder voller Bewunderung ansah, Wistitt hingegen immer noch unzufrieden wirkte. Offensichtlich war er der Meinung, seine Fragen wären nicht ausreichend beantwortet worden. Aber für den Geschmack der Soloti war genug über die ganze Angelegenheit gesprochen worden und sie wollte jetzt nur noch alles vergessen.

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Mahasa war sich so sicher gewesen, dass sie sich am heutigen Morgen besser fühlen würde. Sie war fest davon überzeugt gewesen, eine durchschlafene Nacht müsse dafür ausreichen. Aber zu ihrem Leidwesen, musste sie feststellen, sich geirrt zu haben. Sie fühlte sich nicht besser, als am gestrigen Abend, sie war noch genauso müde, wie zu dem Zeitpunkt, als sie sich zu Bett begab. Sie beäugte ihre Schlafstelle und überlegte einen Augenblick lang ernsthaft, ob sie es sich erlauben konnte, sich noch einmal hinzulegen, aber dann richtete sie sich mühsam auf. Sie hatte einfach keine Zeit wieder schlafenzugehen. Eine Soloti hatte nie genug Zeit. Langsam stieg sie in ihre Hosen und schlüpfte in Hemd und Weste. Ihre Hausstiefel konnte sie aber erst anziehen, nachdem sie sich erneut aufs Bett gesetzt hatte, denn ihr wurde dabei schwindlig und einen Moment lang befürchtete sie, zu Boden zu stürzen. Dies passierte ihr in letzter Zeit leider immer öfter. Sobald sie sich bückte, war sie oftmals nicht mehr in der Lage, ihr Gleichgewicht zu halten.

Während sie noch auf ihrem Bett saß und versuchte, sich dazu durchzuringen, erneut aufzustehen, klopfte es an der Tür. Und diese wurde bereits geöffnet, bevor sie ihrem Besucher etwas zurufen konnte. Es war ihr jüngster Sohn, der seinen Kopf ins Zimmer steckte. Mahasa seufzte erleichtert auf.

„Dem Leben sei Dank, Fanadja. Du kommst wie gerufen.“

Er öffnete die Tür ganz und trat in den Raum, aber sobald er ihr Gesicht sah, blieb er sofort wieder stehen.

„Geht es dir gut?“, wollte er mit besorgtem Blick von ihr wissen.

Sie nickte und hoffte nicht zu hastig reagiert zu haben. „Ich bin nur müde, weil ich nicht so gut geschlafen habe, wie erhofft. Und offensichtlich macht die Müdigkeit mich schwindelig.“ Sie lächelte ihn an, um ihn zu beruhigen.

Er ließ sich allerdings von ihren Worten nicht ablenken. „In letzter Zeit bist du sehr oft müde, Mutter. Was sagt der Heiler denn dazu?“ Er trat näher an ihr Bett heran.

Sie setzte sich aufrechter hin, auch wenn ihr das schwer fiel. Sie wollte nicht, dass ihr Sohn bemerkte, wie schlecht sie sich tatsächlich fühlte. „Der Heiler hat nichts dazu gesagt“, antwortete sie ihm.

Er schnaubte. „Wie sollte er auch. Du hast ihn ja gar nicht gefragt.“ Er wich ihrem Blick nicht aus. Der Siebzehnjährige war in den letzten Monaten erwachsen geworden und zwar in mehr als nur einer Hinsicht, wie sie nun feststellte, als sie ihn musterte.

Er errötete leicht, als er ihren Blick auf seinem Gesicht spürte. Etwas von seiner jugendlichen Verletzlichkeit war noch vorhanden. Dann fuhr er sich mit der Hand durchs Gesicht.

„Ich entschuldige mich für mein Aussehen, Mutter. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, daher bin ich einfach so bei dir vorbeigekommen. Und ehrlich gesagt, habe ich mich noch nicht daran gewöhnt, mich jetzt jeden Morgen rasieren zu müssen.“ Er fuhr noch einmal mit seiner Hand über die rötlichen Bartstoppeln, die seine Wangen und sein Kinn zierten.

‚Vielleicht will er ja seinem ältesten Bruder nacheifern‘, überlegte Mahasa, ‚und sich einen Bart wachsen lassen.‘ Aber sie sprach ihre Gedanken nicht aus. Er war inzwischen zu alt, um sich von seiner Mutter vorschreiben zu lassen, wie er auszusehen hatte.

„Wenn du schon mal hier bist, wäre es nett, wenn du mir behilflich bist. Ich hätte gerne etwas Brühe.“

„Ich werde dir welche holen.“ Er war schon wieder auf dem Weg zur Tür. „Ich bin gleich wieder zurück.“

Die Soloti wartete nur solange, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte, dann schleppte sie sich zu ihrem Schreibtisch. Es fiel ihr viel schwerer die geheime Schublade zu öffnen, als sie gedacht hatte. Hastig holte sie das Pergament heraus, das sich dort schon seit Monaten befand und legte es auf die Tischplatte, dann suchte sie das Siegelwachs. Sie entzündete eine Kerze an der Lampe, die neben dem Schreibtisch brannte und benutzte sie, um etwas von dem Wachs zu erhitzen und es dann auf das zusammengerollte Dokument tropfen zu lassen, um schließlich ihren Siegelring hineinzudrücken.

Die ganzen Handgriffe – und die Hast, mit der sie vorgehen musste – ließen sie außer Atem zurück. Sie hoffte, Fanadja würde sich nicht allzu sehr beeilen und nicht zurückkommen, bevor sie fertig war. Als sie sich sicher war, das Wachs wäre erkaltet, stopfte sie die Rolle unter ihre Weste, bevor sie sich wieder zum Bett zurückschleppte. Auf ihrer Stirn hatten sich Schweißtropfen gebildet, die sie hastig mit dem Ärmel ihres Hemdes wegwischte.

Kaum saß sie wieder, erschien auch schon ihr Sohn mit der Brühe. Eigentlich hatte sie keinen Appetit darauf, aber wenn sie sich jetzt weigern würde, etwas zu sich zu nehmen, dann würde Fanadja auf jeden Fall misstrauisch werden. Deshalb zwang sie sich dazu, die kleine Schüssel vollständig zu leeren.

„Ich danke dir. Das hat wirklich gutgetan.“ Sie hatte jahrelange Übung darin, sich ihre Gedanken nicht von ihrem Gesicht ablesen zu lassen und das kam ihr jetzt zu Gute. Sie war nicht erfreut darüber, ihren Sohn im Unklaren zu lassen, aber manchmal war so etwas eben notwendig. „Hast du noch etwas Zeit für mich?“, fragte sie ihn hastig, bevor er auf die Idee kam, sie noch einmal genauer zu mustern.

„Natürlich, Mutter. Was hast du auf dem Herzen?“ Er setzte sich neben sie aufs Bett.

„Würdest du mich zum Heiligtum begleiten, Fanadja?“

Er sah sie nachdenklich von der Seite her an. Dachte er etwa darüber nach, ob dieser Gang ihr guttun würde? Aber er sagte nichts, erhob sich nur wieder und reichte ihr seine Hand. Mit ein wenig Hilfe von seiner Seite aus, kam sie auf die Beine. Und merkte, dass die Brühe ihr doch gutgetan hatte.

Als sie endlich das Heiligtum erreichten – der Weg war ihr unendlich lang vorgekommen – fühlte sie sich etwas besser. Die Bewegung und die frische Luft, hatten ihre Müdigkeit ein Stück weit zurückgedrängt. Als sie schließlich gemeinsam im Eingang des Gebäudes standen, wandte sie sich an Fanadja. „Ich danke dir. Ab hier muss ich nun alleine weitergehen. Ich wäre aber sehr erfreut, wenn du auf mich warten würdest.“ Sie wartete nur seine Zustimmung ab, bevor sie durch den offenen Zugang trat.

Langsam bewegte sie sich durch die luftigen Räume, deren Wände mit Szenen aus dem Velt bemalt waren. Auf steinernen Tischen in der Mitte der einzelnen Kammern brannten Lampen, die das Leben symbolisierten. Jeder der Räume war einem bestimmten Thema gewidmet. In einigen hatte man die Jahreszeiten abgebildet, in anderen Geburt, Wachstum, Alter und Tod. Es gab Räume für das Weibliche und das Männliche, aber auch einen für den Bund, der alles umfasste. Und jeder war mit den entsprechenden Szenen aus dem Velt dekoriert worden. Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass in jedem der Heiligtümer die Räume anders angeordnet und alle mit unterschiedlichen Szenen geschmückt worden waren.

Vom schlichten Eingangsbereich aus betrat sie den Raum der Geburt, durchquerte ihn langsam, genau wie die beiden folgenden, die für das Wachstum und das Alter standen, um schließlich den Raum des Todes zu betreten. Die Szenen auf den Wänden zeigten hier nur die Weite des Velt, denn auf den Bildern fehlten jegliche Tiere und Pflanzen. Hier war nichts anderes als die Landschaft selbst dargestellt worden und darüber ein leerer erleuchteter Himmel, ohne Sterne, Sonne oder Mond. Dies sollte die Weite und Stille des Todes symbolisieren.

Mahasa trat näher an den steinernen Tisch heran. Auf seiner Oberfläche standen zahlreiche brennende Lampen, aber sie achtete nicht auf diese. Für sie war nur die verborgene Vertiefung von Interesse, die man in eine seiner Seiten gebohrt hatte. Dort hinein schob sie die versiegelte Pergamentrolle mit ihrer Nachfolgeregelung. Nach ihrem Tod würden ihre Söhne hierherkommen und den Anwesenden ihren Willen kundtun. Und danach würde der nächste Soloti seine Herrschaft antreten. Zu diesem Zeitpunkt wäre sie bereits in die Weite eingetreten.

Nachdem sie erledigt hatte, weswegen sie gekommen war, blieb sie noch eine geraume Zeit in dem Raum und ließ die Wandmalereien und das Gefühl der Unendlichkeit, die diese bei ihr auslösten, auf sich wirken, bevor sie sich wieder auf den Weg zum Eingang machte. Auf dem Rückweg durchquerte sie die vier Räume für die Jahreszeiten, beginnend mit dem Winter und kam durch den Raum des Frühlings wieder in den Eingangsbereich. Zu ihrer Überraschung wartete dort nicht nur Fanadja auf sie, sondern auch ihre beiden älteren Söhne. Aber auch der Heiler. Erschreckt stellte sie fest, dass sie überhaupt nicht auf die Idee gekommen war, ihr Jüngster könnte nach den anderen senden. Früher wäre ihr das nicht passiert, aber in letzter Zeit war sie meistens zu müde, um richtig denken zu können.

„Wir machen uns Sorgen um dich, Mutter. Wir können und wir wollen nicht auf dich verzichten, weder als deine Söhne noch als deine Untertanen“, ließ sich Yriti vernehmen, noch bevor sie etwas sagen konnte und die anderen beiden nickten zustimmend.

„Du musst dich unbedingt vom Heiler untersuchen lassen. Damit hast du bereits viel zu lange gewartet“, fuhr Fanadja fort.

„Lass uns alle zusammen zu deinen Räumen zurückkehren.“ Wistitts Worte klangen fast wie eine Anordnung und Mahasa hatte nicht mehr genügend Kraft, um sich zu widersetzen.

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Die Soloti hatte sich mit der Hilfe von Feasae und Eponai auf ihren Balkon begeben und saß nun dort, um auf die Stadt zu blicken. Damit sie auch im Sitzen etwas jenseits der Brüstung sehen konnte, hatten ihre Söhne für sie einen erhöhten Sitz gebaut. Zwar blieb ihr trotzdem alles verborgen, was sich unmittelbar vor ihrem Balkon befand, aber der größte Teil der Stadt und auch die Steppe jenseits der Mauern, das Velt, waren für sie auf diese Weise sichtbar. Wenn sie sich hier draußen befand und den Ausblick genießen konnte, dann stellte sie fest, dass sich jenseits der Mauer nichts verändert zu haben schien. Dies fand sie immens beruhigend, vor allem, weil das auf sie selbst nicht zutraf.

Nach ihrem Besuch im Heiligtum hatte der Heiler sie gründlich untersucht und ihr etliche Fragen gestellt, die sie wahrheitsgemäß beantwortete. Danach war er noch viele weitere Male zu ihr gekommen. Er hatte ihr verschiedene Arzneien verordnet, die sie auch brav einnahm, aber nie hatte sie das Gefühl, diese würden etwas bewirken. Ihre Müdigkeit nahm weiterhin zu und schon bald war sie nicht mehr in der Lage, ihren Aufgaben als Soloti nachzukommen. Ab diesem Zeitpunkt, begannen ihre Söhne damit, sie zu vertreten.

Ihre Söhne hatten sich auch angewöhnt, sie jeden Tag zu besuchen. Heute waren sie zwar noch nicht hier gewesen, aber sie ging davon aus, das würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Sie war sich ganz sicher, dass entweder Feasae oder ihre Tochter ihnen auf jeden Fall Bescheid gegeben hatten. Die drei waren längst darüber informiert, dass ihre Mutter an diesem Morgen noch müder gewirkt hatte, als an den Tagen zuvor. Sie hatte das ja selbst bemerkt. Außerdem war sie schon lange über den Punkt hinweg, sich selbst etwas vorzumachen. Sie war froh, die beiden sarischen Frauen in ihren Dienst genommen zu haben. Sie kümmerten sich jeden Tag aufopferungsvoll um sie und dazu kam noch, dass dies auch eine Aufgabe war, die ihren eigenen Bedürfnissen entgegenkam. Die Sar betrachteten alles außerhalb des eigenen Haushalts als Männersache, aber in ihren eigenen Heimen hatten die Frauen das Sagen. Aus diesem Grund waren sie geübt darin, andere zu pflegen. Mahasa fühlte sich allerdings jeden Tag schuldig, bei dem Gedanken daran, dass sie diejenige war, die die sarischen Männer zum Tode verurteilt hatte. Davon wussten die Frauen und Töchter natürlich nichts. Feasae glaubte im Gegenteil sogar fest daran, ihr Ehemann sei in die Verbannung gegangen und hatte der Soloti gegenüber mehr als einmal die Hoffnung geäußert, ihn noch einmal wiederzusehen. In diesen Momenten schnürte es Mahasa die Kehle zu. Aber sie wusste, dass die Frauen niemals die Wahrheit erfahren durften.

Während ihr Blick in die Ferne schweifte, bekam sie mit, wie hinter ihr die Tür zu ihrem Raum geöffnet wurde und nur einige Momente später erschienen ihre drei Söhne auf dem Balkon. Als erstes erblickte sie Yriti und Fanadja, die nebeneinander auf sie zukamen, beide fast gleich groß, beide breitschultrig und mit kurzem rotbraunem Haar nach Art der Millir, und beide mit einem dunkelroten Vollbart. Wäre der Bart des Jüngeren bereits voller gewesen, hätte sogar sie manchmal Probleme, die beiden auseinanderzuhalten. Hinter den beiden trat Wistitt aus der Türöffnung ins Freie. Er war kleiner als seine Brüder und schmaler in den Schultern und erinnerte Mahasa mit seinem schulterlangen dunkelbraunen Haar immer an seinen Vater. Mit jedem Jahr vermisste sie ihren verstorbenen Ehemann Nuyphau mehr.

„Mutter, wie geht es dir denn heute?“ Yriti versuchte bei jedem Besuch, seine Sorge um sie zu verbergen. Allerdings ohne Erfolg. So schlecht ging es ihr dann doch nicht, dass sie das übersehen könnte.

„Es ist alles in Ordnung“, versicherte sie ihm mit einem schwachen Lächeln, aber ihr war bewusst, dass sie ihre Söhne nicht täuschen konnte.

Yriti ging vor ihr auf die Knie und nahm vorsichtig ihre Hände in seine eigenen, während seine beiden Brüder rechts und links von ihr Platz nahmen und so nahe an sie heranrückten, dass sie sie berührten. Sie fand es sehr schön, so zwischen ihren Söhnen sitzen zu können.

„Ich möchte nur noch für eine kurze Zeit auf die Stadt und das Velt blicken. Heute kommt mir alles so weit vor. Lasst mich noch ein bisschen hier sitzen und dann komme ich mit euch hinein, um mich um meine Aufgaben zu kümmern.“

Sie sah ihre Söhne zärtlich an und diese erwiderten ihren Blick voller Liebe. Dann suchten ihre Augen den Himmel. Wie sie dort so zwischen den dreien saß, bemerkte sie, wie sie erneut müde wurde. ‚Ich werde nur ganz kurz die Augen schließen und dann geht es mir besser‘, dachte sie, als ihre Lider herabsanken.

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‚Der erste Schritt ist getan‘, freute sich Yriti, als er nach dem Treffen mit seiner Mutter und seinen Brüdern den Palast verließ. Jetzt musste er allerdings dringend darüber nachdenken, wie er weiter vorgehen wollte. Selbstverständlich hatte er bereits einige Ideen, aber mit denen würde er sich erst später beschäftigen. Als erstes stand nun ein Treffen mit seinem Freund Gasar auf dem Plan. Auf ihn hatte er sich immer verlassen können und er zweifelte nicht einen Moment daran, dass er ihn auch dieses Mal nicht im Stich lassen würde.

Er wusste auch genau, wo er seinen Freund jetzt finden würde. Die Millir besaßen ein Hauptquartier in der Stadt – genaugenommen besaßen sie ein Hauptquartier in jeder Stadt der Oixya – und wer von den Kriegern von außerhalb kam, so wie es bei Gasar der Fall war, der konnte dort einen kostenlosen Raum beziehen. Und auch wenn die Millir nicht alle die gleichen Ansichten teilten – sie waren ja schließlich kein militärischer Orden und rekrutierten sich aus allen Teilen der Bevölkerung – verschaffte ihnen ihre Ausbildung so etwas wie eine Grundlage für ein gegenseitiges Verständnis. Es war nun einmal so, dass Menschen, die einmal Seite an Seite gegen den gleichen Feind gekämpft hatten, bis zu einem gewissen Grad auch bei anderen Gelegenheiten zusammenhielten. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl sorgte dann dafür, einander bei anderen Dingen Freiraum zu lassen. Millir, die in Ruhe gelassen werden wollten, erhielten ihren Wunsch in der Regel erfüllt, niemand schnüffelte in den Angelegenheiten eines anderen Milli herum. All das machte das Hauptquartier zu einem geeigneten Ort für ein Treffen, von dem er nicht wollte, dass darüber geredet wurde.

Aber obwohl er seinen Freund eigentlich unverzüglich sprechen wollte, blieb er dennoch noch einmal kurz stehen, als er seinen Raum erreicht hatte und atmete einige Male tief ein und aus. Er zögerte allerdings nicht etwa, weil er durch die Stadt gehastet war, um so schnell wie möglich hierher zu gelangen. Er zögerte, weil er gleich etwas anstoßen wollte, das niemand mehr aufhalten konnte, wenn es erst einmal ins Rollen gekommen war. Bevor er dies tat, wollte er daher absolut sicher sein. Wenn er jetzt Zweifel bekommen würde, müsste er wieder umdrehen und sich entfernen. Nachdem sich seine Atmung wieder beruhigt hatte und er sich währenddessen noch einmal einige Dinge durch den Kopf gehen ließ, stellte er aber fest, dass er nicht wieder gehen musste. Er war sich absolut sicher, dass er das Richtige tun wollte. Es gab also keinen Grund, jetzt nicht anzuklopfen. Und dann dauerte es nur einen kurzen Moment und er hörte Schritte hinter der Tür. Noch bevor diese für ihn geöffnet wurde, wusste er bereits, wer sich auf der anderen Seite befand. Die Schritte seines Freundes würde er immer erkennen, sie waren unverwechselbar. Als sein Freund seiner ansichtig wurde, starrte er ihn einen Augenblick lang erstaunt an, aber dann lächelte er plötzlich und bat ihn mit einer Handbewegung hinein. Offenbar hatte er ihn erst zu einem späteren Zeitpunkt erwartet.

Yriti trat an dem blonden Riesen vorbei, in den Raum dahinter und erblickte völlig unerwartet einen weiteren Mann. Dieser war ebenfalls groß und von schlanker Gestalt, mit schulterlangem dunkelblondem Haar und schmalen grünen Augen. Er lächelte den Neuankömmling an und Yriti erwiderte dieses Lächeln sofort. Er hatte nicht damit gerechnet, ihn hier anzutreffen, aber seine Anwesenheit passte ihm gut. Es würde ihm einiges an Zeit ersparen, wenn er mit beiden Männern gleichzeitig sprechen konnte.

„Bolog!“, begrüßte er den anderen. „Das nenne ich mal einen glücklichen Zufall.“ Aber noch während die Worte seinen Mund verließen, erschien ein grinsender Gasar in seinem Blickfeld und Yriti verstand auf einmal. „Aber das ist gar kein Zufall, oder?“

Sein Freund schüttelte den Kopf. „Nachdem ich heute Nachmittag deine Nachricht erhielt, bat ich Bolog sofort zu mir. Es schien mir von Vorteil zu sein.“ Er blickte Yriti fragend an. Sie waren zwar schon lange befreundet, aber es hatte nie außer Frage gestanden, wer von ihnen das Sagen hatte. Schließlich war einer von ihnen der Sohn der Soloti und der andere ein Milli aus der Provinz.

Yriti war mit der Entscheidung seines Freundes aber durchaus zufrieden. „Ich meine mich erinnern zu können, einen Grund gehabt zu haben, dich zu meinem Stellvertreter zu ernennen.“ Er ließ seine Aussage mit Absicht wie einen Scherz klingen, aber sie wussten alle drei, dass es keiner war. Es war einfach seine Art, Gasar seine Zufriedenheit zu zeigen, aber er hatte dies auch deswegen gesagt, weil er genau wusste, er würde ihn in Zukunft noch mehr als bisher benötigen. Die beiden Männer, die sich in diesem Moment mit ihm hier in diesem Raum aufhielten, waren aber auch seine beiden besten Freunde. Vor ihnen musste er nichts verbergen. Sie kannten ihn so gut, wie er sich selbst kannte. Sie kannten ihn auf jeden Fall besser, als seine Mutter und seine Brüder ihn jemals kennengelernt hatten. Und sie teilten seine Ansichten, Hoffnungen und Wünsche. Wenn er seinen Plan erfolgreich umsetzen wollte, musste er sich auf sie verlassen können. Ohne sie konnte er es nicht schaffen.

„Wie ist das Treffen verlaufen?“, wollte Gasar von ihm wissen, nachdem einen Augenblick Stille geherrscht hatte. Immer schon war er derjenige, der vorpreschte, denn es fiel ihm schwer, zu warten und sich zurückzuhalten. Wenn es galt Informationen einzuholen und Fragen zu stellen, war es fast immer Gasar, der damit begann. Bolog dagegen wartete lieber ab und hörte erstmal zu, machte sich dann seine Gedanken und äußerte sich erst zum Schluss. Yriti war allerdings derjenige, der plante und alles zusammenhielt. Er war ihr Anführer und sie waren seine Gefolgsleute.

Er konnte allerdings die Aufregung seines Freundes gut nachvollziehen und hatte ja auch nicht vor, ihm die Neuigkeiten vorzuenthalten. „Es hätte nicht besser laufen können, selbst wenn ich alles im Vorhinein geplant hätte. Mir blieb nur abzuwarten, bis meine Mutter sich dazu entschloss, mir den Auftrag zu erteilen. Das Beste daran war allerdings, dass ich den Vorschlag noch nicht einmal selbst vorbringen musste.“ Er machte eine kleine Pause. „Ihr werdet nie darauf kommen, wer ihn gemacht hat.“

Er sah die anderen beiden erwartungsvoll an, aber keiner von ihnen wollte sich äußern. Leicht enttäuscht schüttelte er den Kopf, sprach aber dann einfach weiter. Er hatte einfach zu gute Laune und deshalb störte es ihn kaum, dass die beiden nicht raten wollten. „Von Beginn an, vertrat Wistitt die Meinung, die Männer der Sar müssten beseitigt werden und Mutter hat ihm sofort zugestimmt. Es gab zwar einen Moment, an dem ich befürchtete, sie würde ihn beauftragen, aber zum Glück traut sie ihm das einfach nicht zu. Und selbstverständlich käme sie niemals auf die Idee, Fanadja auszuwählen. Sie war mir überaus dankbar, als ich mich schließlich dafür meldete. Sie hat mir sogar freie Hand bei allem zugesichert. Wir werden noch nicht einmal Probleme bekommen, wenn wir das Frauenlager besuchen. Alles verlief genau so, als hätte jeder von ihnen gewusst, was ich mir wünsche.“ Er grinste über das ganze Gesicht. Viele Menschen kannten ihn nur, als eine überaus ernsthafte Person und sie alle wären in diesem Moment sehr überrascht gewesen.

Bolog nickte nur. Aber Gasar grinste genauso über das ganze Gesicht, wie er selbst. „Und wie gehen wir nun weiter vor?“, wollte er dann von ihm wissen.

„Zwei Dinge sind nun erst einmal gleichermaßen wichtig. Wir benötigen mehr Männer und wir müssen Kontakt mit den Frauen der Sar aufnehmen.“ Yriti war wieder ernst geworden, denn jetzt galt es Pläne zu machen.

„Ich habe das Lager bereits einige Male aufgesucht und konnte dort bereits Kontakte knüpfen. Als Milli, der für den Palast arbeitet, habe ich einen legitimen Grund, die Frauen zu besuchen und sie haben sich in der Zwischenzeit an mich gewöhnt. Ich werde daher in der Lage sein, dich ihnen vorzustellen.“ Gasar wirkte äußerst zufrieden.

Es hatte schon Zeiten gegeben, in denen Gasars Ungeduld Probleme verursacht hatte, aber diesmal konnte ihm Yriti nichts vorwerfen, auch wenn er ohne seinen ausdrücklichen Befehl gehandelt hatte. Allerdings hatte er schon immer gewusst, dass sein Freund durchaus sein Hirn einzusetzen wusste. Auch aus diesem Grund, hatte er ihn zu seinem zweiten Mann gemacht. „Ich nehme dein Angebot gerne an, mich den Frauen vorzustellen. Aber wenn du das erledigt hast, musst du dich gemeinsam mit Bolog darum kümmern, weitere Männer zu finden, denen wir vertrauen können. Ich gehe davon aus, mindestens fünfzig zu benötigen, denn wir müssen fast dreihundert Sar bewachen. Dazu kommen auch noch alle Jungen, die älter als drei Jahre sind, weil ich die ebenfalls mitnehmen will.“ Seine beiden Freunde rissen die Augen auf, als sie diese Zahlen aus seinem Mund hörten.

„Fünfzig?“ Gasar wollte offensichtlich sicher sein, sich nicht verhört zu haben. „Das sind reichlich viele. Um die zu finden, brauche ich mehr als nur ein paar Tage.“

„Das ist kein Problem. Ich gehe nicht davon aus, das Vertrauen der Frauen in kurzer Zeit erlangen zu können. Daher wird dir ausreichend Zeit zur Verfügung stehen, während ich die Ehefrauen davon überzeuge, keine Gefahr für deren Männer darzustellen. Nur wenn mir das gelingt, werden wir Erfolg haben können.“

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Yriti und Gasar wurden von den Frauen, die vor ihren Zelten auf dem Boden hockten und mit den unterschiedlichsten Hausarbeiten beschäftigt waren, misstrauisch beäugt, als sie sich langsam durch das Lager bewegten. Die Stimmung der Menschen schien bedrückt zu sein, obwohl diejenigen, die hier lebten, von den Oixya nicht mehr als Gefangene angesehen wurden. Yriti ging allerdings davon aus, dass sie selbst das anders sahen. Sogar die Kinder schienen von dieser Stimmung betroffen zu sein, denn die wenigen, die unterwegs waren, schlichen stumm und mit gesenktem Blick von Zelt zu Zelt.

„Wem willst du mich vorstellen?“, wollte der Sohn der Soloti von seinem Begleiter wissen, während er gleichzeitig darauf achtete, sich den Zelten nicht zu sehr zu nähern. Er hatte den Eindruck gewonnen, die Frauen würden über ihre kleinen Einflussgebiete wachen und er hatte nicht vor, Unruhe unter ihnen zu stiften.

„Ihr Name ist Feasae“, antwortete ihm sein Freund. „Von den Frauen hier im Lager wird sie als ihre Anführerin angesehen. Inzwischen fungiert sie aber auch als Ansprechpartnerin für die Oixya, obwohl es nicht einfach war, sie dazu zu überreden. Bei den Sar waren alle Angelegenheiten, die außerhalb ihres eigenen Haushalts anfielen, Männersache.“ Gasar musste nicht erwähnen, dass es keine Männer im Lager gab. „Sie teilt sich ihr Zelt mit ihrer Tochter Eponai und ihrem Pflegling Taepa. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist sie die Frau von Epivas, allerdings ist dies kein Thema, bei dem die Frauen sehr gesprächig sind.“ Gasar sah seinen Freund um Entschuldigung bittend an.

Yriti brachte ein Lächeln auf sein Gesicht, obwohl er innerlich sehr angespannt war. Aber daran hatte sein Freund keine Schuld. „Du musst dich nicht entschuldigen. Du hast bereits mehr für unsere Sache getan, als ich mir erhofft hatte.“ Er wollte, dass der andere Milli verstand, wie zufrieden er war. „Und du meinst, sie könnte die Frau von Epivas sein? Das wäre gut für unsere Pläne.“ Es waren seine Pläne, aber es schadete nicht, wenn die anderen sie als ihre eigenen annahmen. Sie würden sich dann umso mehr anstrengen, sie zu verwirklichen.

Gasar hielt schließlich vor einem Zelt an, das sich für Yriti nicht von all den anderen ringsum unterschied. Nicht weit von diesem entfernt, hatte jemand einen hölzernen Stab zum Teil im Boden versenkt und ein zweiter, kürzerer, lag daneben. Dieses Arrangement war ihm bereits vor den anderen Zelten aufgefallen und er hatte sich natürlich gefragt, was das darstellen sollte. Er hatte intensiv darüber nachgedacht, konnte sich aber trotzdem nicht vorstellen, wozu es diente. Aber Gasar hatte den Zweck ganz offensichtlich bei seinen vorherigen Besuchen im Lager bereits kennengelernt. Der blonde Milli nahm das lose Stück in die Hand und schlug damit gegen das andere. Ein dumpfer Laut ertönte, den man Yritis Meinung nach allerdings nicht sehr weit hören konnte. Trotzdem schien ihn im Zelt jemand vernommen zu haben, denn die Zeltklappe öffnete sich sofort und eine schwarzhaarige Frau schaute zu ihnen heraus, wahrscheinlich um festzustellen, wer Einlass begehrte. Als sie Yriti erblickte, runzelte sie kurz die Stirn, aber dann erkannte sie Gasar hinter ihm und der Anflug eines Lächelns erschien auf ihrem Gesicht.

Sie öffnete die Klappe vollständig und bat die Männer mit einer Handbewegung hinein. Die beiden hatten sich mit Absicht dem Zelt noch nicht weiter genähert und setzten sich nun langsam in Bewegung. Dabei ließ Gasar seinem Freund dem Vortritt, um Feasae zu verstehen zu geben, wer von ihnen beiden den höheren Rang innehatte und folgte ihm dann. Sobald sie das Innere des Zeltes betreten hatten, schloss ihre Gastgeberin die Klappe wieder.

Gasar hatte ihm vor ihrem Besuch einen kleinen Einblick in die Sitten der Sar verschafft, obwohl ihm selbst viele Informationen fehlten. Aber es hatte ausgereicht, um Yriti wissen zu lassen, er dürfe sich, obwohl er ein Mann war, ohne die ausdrückliche Einladung der Hausherrin nicht einfach hinsetzen. In der Öffentlichkeit mochten die sarischen Frauen den Männern alle Entscheidungen überlassen, aber in ihrem eigenen Heim – egal ob Haus oder Zelt – hatten sie das Sagen und angeblich würde sogar ihr eigener Ehemann auf ihre Einladung warten, obwohl Yriti sich das nicht wirklich vorstellen konnte. Aber er hatte nicht vor, seine Gastgeberin zu verärgern. Dafür stand zu viel auf dem Spiel.

Feasae dachte aber nicht daran, ihre unerwarteten Gäste stehen zu lassen und kurze Zeit später, hatten sie es sich alle auf den Teppichen und Kissen bequem gemacht, die den Boden des Zeltes bedeckten. Ihre Gastgeberin hatte sich den Männern gegenüber niedergelassen und musterte die beiden sehr gründlich. Dann erschien aus einem mit einem Vorhang abgetrennten Bereich hinter ihr eine weitere Person, die sich als eine junge Frau herausstellte. Sie trug ein Tablett mit zwei Bechern und stellte es vor den Männern auf dem Boden ab, bevor sie wieder hinter der Abtrennung verschwand. Aber sie kehrte schnell wieder zurück und brachte auch Feasae einen Becher. Danach zog sie sich allerdings erneut zurück. Yriti hatte nicht viel von ihr sehen können, aber sie hatte einen sehr schüchternen Eindruck auf ihn gemacht. Nachdem sie aber aus seinem Blickfeld verschwunden war, stellte er zu seinem Erstaunen fest, dass er der dunkelhaarigen schlanken Gestalt hinterher starrte. Sofort konzentrierte er sich wieder auf ihre Gastgeberin, denn er wollte auf keinen Fall unhöflich erscheinen.

„Dies ist Yriti“, stellte sein Freund ihn vor. „Ich habe dir bereits von ihm erzählt.“

„Willkommen in meinem Heim.“ Feasae sprach leise, aber ihre Stimme klang melodisch. „Ich bin Feasae. Deine Leute nennen mich die Anführerin dieses Lagers.“ Bei ihr klang das so, als ob sie das anders sah, als die Oixya.

Yriti nickte ihr zu, während er immer noch versuchte, sich ganz auf sie zu konzentrieren. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass sein Blick wieder dorthin zurückging, wo die junge Frau hinter dem Vorhang verschwunden war. Er hatte ihr Gesicht nur kurz sehen können und wünschte sich, sie hätte sich mehr Zeit dabei gelassen, die Becher zu verteilen. Und dann hatte er die ältere der beiden Frauen schon gefragt, ob das ihre Tochter wäre, obwohl er dies nicht vorgehabt hatte. Wenn er länger darüber nachgedacht hätte, wäre ihm das bestimmt nicht passiert. Zumindest war er sich in dieser Hinsicht ziemlich sicher. Er war sich aber ebenfalls sicher, dass dies nicht den sarischen Gepflogenheiten entsprach, denn ihm war nicht entgangen, dass sein Freund ihn erschrocken von der Seite her anblickte.

Ihre Gastgeberin beantwortete seine Frage zwar mit einem Nicken, aber das Lächeln hatte ihr Gesicht verlassen. Hatte er etwa gerade all das zerstört, was Gasar bei seinen vorherigen Besuchen vollbracht hatte? Er schalt sich einen Idioten, wunderte sich aber gleichzeitig über sich selbst, denn normalerweise konnte er sich sehr viel besser zurückhalten.

Feasae musterte ihn schweigend und das ziemlich lange. Er fühlte sich unter ihrem Blick etwas unbehaglich und riss sich mit Gewalt zusammen, um nicht noch einen Fehler zu machen. Deshalb blieb er ebenfalls still. Erleichtert stellte er fest, dass er seinen Blick doch auf sie konzentrieren konnte. Dann erschien, völlig unerwartet für ihn, erneut ein Lächeln auf ihrem Gesicht und er fragte sich unwillkürlich, was ihr wohl aufgefallen war. Er atmete allerdings auch erleichtert auf. Vielleicht hatte er doch noch eine Chance, sein Anliegen vorzubringen. Ihre nächsten Worte überraschten ihn allerdings, weil er sie sich niemals hätte vorstellen können.

„Eponai ist noch niemandem versprochen, Herr“, teilte sie ihm mit. Auch Gasar hatte diese Worte nicht erwartet und einen Augenblick glaubte Yriti erkennen zu können, dass ihre Gastgeberin selbst über ihre Aussage erstaunt war.

Erneut schimpfte er sich einen Idioten. Er wusste nicht genug über die Bräuche der Sar, um solche unüberlegten Äußerungen ohne Konsequenzen tätigen zu können. Zwar hatte er den Eindruck, noch einmal davongekommen zu sein, trotzdem konnte er jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Es war einer der seltenen Augenblicke in seinem Leben, in denen Yriti sich nicht sicher war, was er nun tun sollte.

„Feasae“, wandte er sich vorsichtig an die ältere Frau, „wäre es möglich, dass uns deine Tochter einen Augenblick Gesellschaft leistet?“ War dies jetzt zu direkt gewesen? Und war er diesmal höflich genug geblieben?

Feasae verharrte einen Augenblick lang völlig reglos, aber sie schien ihrer Tochter ein Zeichen gegeben zu haben, denn diese kehrte noch einmal zu ihnen zurück. Die junge Frau verließ mit zögerlichen Schritten den abgetrennten Bereich hinter ihrer Mutter und kniete sich in der Mitte des Zeltes auf den Boden. Yriti hatte nun endlich Gelegenheit, sie genauer in Augenschein zu nehmen und er musste zugeben, dass ihm gefiel, was er sah. Eponai hatte langes schwarzes Haar und ein herzförmiges Gesicht mit dunklen Brauen, langen dunklen Wimpern – die die Farbe ihrer Augen vor ihm verbargen – und einem kleinen Mund. Sie war mit einem Rock und einer Tunika bekleidet, aber darunter konnte er von ihrem, offenbar schlanken, Körper kaum etwas erkennen.

„Ich habe bisher noch keine Ehefrau gewählt“, hörte er sich plötzlich selbst sagen. Gasar versuchte erfolglos, sein Erschrecken zu verbergen. Den Ablauf dieses Treffens hatte er sich bestimmt völlig anders vorgestellt.

Yriti traf eine Entscheidung. Er wandte sich an seinen Freund und sprach jetzt nur zu ihm. „Ich danke dir, Gasar, dass du mich Feasae vorgestellt hast. Nun möchte ich aber gerne mit ihr und ihrer Tochter alleine sprechen, deshalb bitte ich dich, unverzüglich mit deiner anderen Aufgabe zu beginnen.“ Sein Begleiter hatte ihn ja selbst beim Eintritt als denjenigen mit dem höheren Rang vorgestellt und Yriti meinte jetzt, davon Gebrauch machen zu müssen. Gasar sah ihn einmal kurz von der Seite her an, stand dann aber doch auf, ohne ein Wort zu sagen. Er verbeugte sich vor seinem Freund, nickte ihrer Gastgeberin zu und verließ dann zügig das Zelt. Yriti ging davon aus, er habe bestimmt verstanden, dass dies nichts Persönliches war. Er wusste, wie intelligent sein Freund war, aber auch, dass er manchmal handelte, ohne über alles nachgedacht zu haben.

Nachdem sein Freund das Zelt verlassen hatte, herrschte eine ganze Zeitlang Stille. Yriti war unsicher, wie er nun weitermachen sollte, vor allem, nachdem er auf so unbeherrschte Weise vorgeprescht war. Er blickte zu den beiden Frauen hinüber – Eponai hatte sich in der Zwischenzeit neben ihre Mutter gesetzt – und entschied sich dann ganz spontan, ihnen so viel wie möglich von der Wahrheit mitzuteilen.

Zuerst musste er aber versuchen, seine Unhöflichkeit von eben, wieder wettzumachen. „Feasae, ich möchte mich aufrichtig dafür entschuldigen, mich nicht so zu verhalten, wie du es von euren Männern gewöhnt bist, aber ich kenne mich mit euren Bräuchen nicht gut genug aus.“ Vor seinen nächsten Worten musste er erstmal tief Luft holen. „Ich würde deine Tochter gerne zu meiner Ehefrau nehmen, auch wenn ich sie eben erst kennengelernt habe. Wäre sie eine Oixya, dann ginge die ganze Angelegenheit nur sie und mich etwas an. Aber mir ist bewusst, dass eure Sitten sich völlig von unseren unterscheiden. Daher bitte ich dich um deine Hilfe.“ Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten, wie sie sich entscheiden würde. Er versuchte, nicht zu Eponai hinüberzusehen, aber es fiel ihm sehr schwer. Er verstand nicht, wieso diese junge Frau eine solche Wirkung auf ihn hatte.

Feasae hatte ihn genau im Auge behalten, während er mit ihr sprach. Ihre Tochter hielt dagegen ihren Blick weiterhin auf den Boden gerichtet und wartete offensichtlich ab, wie ihre Mutter sich entscheiden würde. Er hatte beobachtet, wie sie bei seinen Worten errötet war, aber sie hatte keinen Einfluss darauf, auf welche Weise sich Feasae und Yriti einigen würden.

Endlich ergriff die ältere Frau erneut das Wort. „Du bist der erste Oixya, Herr, der sich dafür entschuldigt, uns eventuell unwissentlich beleidigt zu haben. Alle anderen, die zu uns kommen, verlangen, wir sollten uns an eure Bräuche halten. Selbst dein Freund Gasar ist nicht auf die Idee gekommen, sich dafür zu entschuldigen, allerdings war er auch immer davon überzeugt, er wisse wie er mit uns sprechen muss.“ Plötzlich lächelte sie verschmitzt. „Es sei denn, Taepa befand sich in der Nähe. Dann hatte er nämlich nichts mehr zu sagen.“

Yriti war erstaunt über das, was sie gerade über Gasar andeutete, aber er reagierte nicht darauf. Schließlich war er nicht hierhergekommen, um darüber zu sprechen, dass sein Freund ein Mädchen gefunden hatte, das ihm gefiel. Allerdings war auch er nicht mit dem Vorsatz hierhergekommen, eine Ehefrau zu finden. Oder von einer gefunden zu werden.

Plötzlich packte ihn die Neugier. „Was würde dein Ehemann dazu sagen, dass du mit einem Fremden verhandelst, Feasae?“ Kaum hatte er seine Frage ausgesprochen, fiel ihm auf, dass dies jetzt auch nicht besonders höflich von ihm gewesen war. Was hatte diese Frau an sich, dass es ihn derart aus dem Gleichgewicht brachte, obwohl er sich die ganze Zeit über bemühte, dies zu verhindern.

Sie lachte leise, aber er konnte keine Freude darin entdecken. „Mein Ehemann?“, gab sie die Frage zurück. „Bevor er mit seinen Männern in den Kampf gegen euch gezogen ist, teilte er mir mit, ich müsse für mich selbst sorgen, sollte er verlieren. Er hat verloren und ich musste zusehen, wie ich die Scherben unseres Lebens zusammenkehren konnte.“

Sie hatte ihm allerdings nicht widersprochen, als er von Verhandlungen sprach, deshalb preschte er erneut vor. „Aus genau diesem Grund bin ich zu euch gekommen. Mir geht es um eure Leben und die eurer Männer. Aber wenn ihr euch nicht vorseht, bleiben noch nicht einmal Scherben übrig, die jemand zusammenkehren könnte. Dein Ehemann und seine Männer haben versucht aus der Gefangenschaft zu entkommen und alles noch schlimmer gemacht. Die Soloti hat endgültig die Geduld mit euch verloren und nun den Entschluss gefasst, eure Männer aus unserer Gesellschaft zu entfernen. Sie hat mir den Auftrag erteilt, die Männer und alle Jungen, die älter als drei Jahre sind, von hier wegzubringen.“ Seiner Meinung nach, hatte er sich mit seiner Aussage erstmal weit genug vorgewagt. Er hatte ganz bestimmt genug preisgegeben und wollte jetzt ihre Reaktion abwarten.

Die beiden Frauen starrten ihn entsetzt an. Eponai fing an zu schniefen und als er zu ihr hinübersah, entdeckte er, dass ihr Tränen übers Gesicht liefen. Er musste sich zusammenreißen, denn er hätte sie am liebsten auf der Stelle in den Arm genommen. Feasae war bleich geworden, sie hatte offenbar genau verstanden, was er mit seinen Worten ausdrücken wollte.

„Aus welchem Grund erzählst du mir das, Herr?“ flüsterte sie.

„Ich habe dir all das erzählt, damit du verstehst, dass ich die Männer nur mit deiner Hilfe retten kann. Mit deiner und der der anderen Frauen. Ich möchte auch, dass du verstehst, welcher Preis zu zahlen ist.“ Diesmal hatte er kein Problem, sie im Blick zu behalten. Im Zelt blieb es lange still.

Schließlich fuhr er fort: „Du musst aber auch verstehen, dass ich deine Tochter nicht auf der Stelle heiraten kann. Gasar Taepa ebenfalls nicht. Wir müssen erst von unserer Mission zurückkehren. Nachdem wir sie erfüllt haben. Deshalb möchte ich vor meiner Abreise eine Vereinbarung mit dir schließen. Ich möchte dir aber auch ein Versprechen geben.“


Wird fortgesetzt in „Mahasas Torheit (Kinder des Velt) – Teil 2
 
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