Mahasas Torheit – Teil 2

Mahasas Torheit (Kinder des Velt) – Teil 2 – Fortsetzung von „Mahasas Torheit (Kinder des Velt) – Teil 1

Yriti und seine Männer waren nun seit sieben Tagen im Velt unterwegs. Sie hatten die gefangenen Sar abgeholt, danach die Jungen aus dem Lager und waren dann aufgebrochen. Die Gefangenen zu Fuß, ihre Bewacher hoch zu Ross und mit einer großen Anzahl Wagen, mit denen Proviant und Ausrüstung transportiert wurden. So schnell, wie es ihnen möglich war, trieben sie die Sar von Ssuyial fort, denn sie wollten sich nicht länger als notwendig in der Nähe der Stadt aufhalten. Sie hatten sogar die jüngeren Kinder zu sich auf die Pferde geholt, um das Tempo hochhalten zu können. Auf diese Weise, waren sie bereits weit ins Velt vorgedrungen, aber ihrem Anführer und den zwei anderen Männern, die bisher als einzige, zumindest ansatzweise, wussten, um was es tatsächlich ging, war natürlich klar, dass sie einen noch sehr viel weiteren Weg vor sich hatten. Und es machte ihre Sache auch nicht einfacher, dass sie auf ihrem Weg, in Richtung Südwesten, alle Städte mieden.

Yriti hatte niemanden in seine vollständigen Pläne eingeweiht und keiner seiner Männer, noch nicht einmal Gasar und Bolog, kannten sein genaues Ziel. Selbstverständlich hatte er auch weder mit seiner Mutter, noch mit seinen Brüdern darüber gesprochen, aber auch Feasae wusste nicht, was er vorhatte. Glücklicherweise, hatte ihm seine Familie kaum Fragen gestellt, denn er mochte es nicht, sie zu belügen. Noch weniger hätte er es allerdings gemocht, wenn sie die Wahrheit gekannt hätten. Aber auch in einer anderen Sache hatte er offensichtlich Glück, denn von den Sar schien keiner zu vermuten, welchen Auftrag die Soloti ihm erteilt hatte. Ansonsten hätten sie den Oixya bestimmt bereits erheblichen Ärger bereitet. Die Gefangenen hatten allerdings seine Männer murren und schimpfen gehört. Sie hatten aufgeschnappt – obwohl es eindeutig nicht für ihre Ohren bestimmt war – wie ungehalten ihre Bewacher darüber waren, die Sar in die Verbannung eskortieren zu müssen.

Jeden Tag ließ Yriti sie, trotz seiner Eile, nur so weit marschieren, dass ihnen noch genug Zeit blieb, ein Lager aufzuschlagen, bevor sich die Dunkelheit der Nacht über das Velt legte. Die Gefangenen – und die Jungen bei ihnen – wurden dann in einen Pferch gesperrt, dessen Einzelteile die Sar selbst transportieren mussten und dann teilten seine Männer Essen und Wasser an sie aus. Erst danach machten sie sich daran, ihre Tiere zu versorgen, ihre eigenen Zelte aufzustellen, ihre eigenen Mahlzeiten zuzubereiten – und sie nahmen sich die Zeit, diese in Ruhe zu verspeisen - und den Wachdienst zu organisieren. Bereits nach wenigen Tagen, hatte sich bei allen, eine gewisse Routine eingestellt. Dies brachte durchaus Vorteile mit sich, aber nicht ausschließlich. Allerdings war das nicht der Grund dafür, wieso Yriti sie am heutigen Abend durchbrechen wollte.

Er hatte sich frühzeitig in sein Zelt zurückgezogen, um einige Dinge zu überdenken. Stattdessen stand er aber nun hier und starrte in die gefüllte Waschschüssel. Zwei Tage zuvor, hatte er sich ganz spontan dazu entschlossen, sich nicht mehr zu rasieren und heute fragte er sich, woher dieser Einfall eigentlich gekommen war und ob er nicht doch wieder zur Rasur zurückkehren sollte. Die dunkelroten Stoppeln, die sich über seine Wangen und sein Kinn ausbreiteten, ließen ihn ungepflegt und schlampig aussehen. Und sollte er es sich bis zum Ende der Reise doch nicht anders überlegt haben, würde er mit einem Vollbart nach Hause zurückkehren und mit großer Wahrscheinlichkeit seine Mutter erschrecken. Aber in diesem Moment, fühlte er sich nicht wirklich wohl mit seinem Aussehen. Am heutigen Morgen war ihm allerdings aufgefallen, dass seine Männer damit begonnen hatten, ihn nachzuahmen. Nun war er nicht mehr der einzige, der aufgehört hatte, sich zu rasieren. Seltsamerweise, hatte niemand auch nur ein Wort darüber verloren.

Der Milli wandte sich von seinem Spiegelbild ab. Es gab viel Wichtigeres, als sein Aussehen, über das er nachdenken musste. An diesem Abend, wollte er in Erfahrung bringen, ob er seinen Plan umsetzen konnte. Er wollte in Erfahrung bringen, ob er mit seinen Annahmen rechtgehabt hatte. Leider konnte er das nur, wenn der sarische Anführer mit ihm kooperierte. Sollte dieser sich allerdings weigern, wäre Yriti mit seinem Vorhaben jetzt schon gescheitert. Seine Pläne nicht ausführen zu können, würde ihm überhaupt nicht gefallen, deshalb musste er alles daransetzen, in den Besitz der Informationen zu gelangen, die nur der andere ihm geben konnte. Feasae hatte ihm zwar vieles mitgeteilt – mehr als sie wahrscheinlich ahnte – aber sie hatte nicht über das Wissen verfügt, das er benötigte. Er hatte zumindest erfahren, dass sie tatsächlich mit dem Anführer ihres Stammes verheiratet war –aber wenn er sie richtig verstanden hatte, verstand sie sich nicht mehr als verheiratet – und deshalb kannte er nun dessen Namen und Aussehen. Letzteres hatte sich als wichtiger herausgestellt, als er im Vorfeld gedacht hatte, denn die Gefangenen hatten ihn, und die ihm untergeordneten Anführer, in ihren Reihen versteckt. Aber Yriti hatte den Krieger ausfindig machen können und so war ihm wenigstens die Sorge abgenommen worden, der Mann könne im Kampf gefallen sein. Nun aber wusste er, dass er sich bei den anderen Gefangenen befand. Damit stieg die Wahrscheinlichkeit, dass er Informationen über die Dinge erlangen konnte, über die Feasae nur wenig hatte sagen können. Sie hatte ihm sowieso nur sehr ungern überhaupt etwas über die Krieger verraten. Yriti ging es vor allem um Informationen über ein von den Millir noch nicht entdecktes sarisches Lager, in dem Frauen und Kinder lebten. Dieses Lager spielte eine sehr wichtige Rolle in seinen Plänen. Aus diesem Grund, musste er am heutigen Abend, den Sar davon überzeugen, es wäre nur zu seinem Vorteil, ihm zu trauen.

Deshalb wartete Yriti nun auf Gasar, der den Gefangenen zu ihm bringen sollte. Den ganzen Tag, hatte er sich bereits den Kopf zerbrochen, weil er nicht sicher war, wie er vorgehen sollte. Trotzdem war er mit seinen Überlegungen nicht weit gekommen. Er kannte den Mann nicht gut genug, um sich im Voraus auf ihn einstellen zu können. Er musste sich – allerdings nicht zum ersten Mal in seinem Leben – darauf verlassen, dass er das Richtige tun würde, sobald er verstanden hatte, mit was für einem Menschen er es zu tun hatte.

Die Warterei hatte endlich ein Ende, als Gasar in Yritis Zelt trat und wie befohlen, den Gefangenen mitbrachte, den der Anführer der Oixya sprechen wollte. Der Gefangene war nicht nur an Armen und Beinen mit schweren Ketten gesichert worden, sondern man hatte ihm zusätzlich noch eine Kette um den Hals gelegt. Trotzdem hielt er sich aufrecht und blickte seinen Bewachern unerschrocken in die Augen. Er vermittelte den Eindruck, zu einem freundschaftlichen Gespräch eingeladen worden zu sein. Yriti erblickte einen Mann, der ihn um einiges überragte und dessen Schultern breiter als seine eigenen waren. Sein Haar und sein Vollbart waren tiefschwarz und die Augen, die er unbeirrt auf den Sohn der Soloti gerichtet hielt, von einem extrem dunklen Braun. Der Milli erinnerte sich auf einmal an ihre Begegnung auf dem Schlachtfeld und wie er bereits damals hatte feststellen müssen, dass der Sar ein unangenehmer Gegner war. Damals wie heute, benutzte er sein dunkles Erscheinungsbild dazu, seine Gegner einzuschüchtern. Yriti hatte damals nicht gewusst, wer ihm im Kampf gegenübergetreten war, im Nachhinein konnte er jedoch nicht verstehen, wieso er das nicht erkannt hatte, denn der Mann strahlte eine gefährliche Präsenz aus. Und als er nun vor ihm stand und ihn musterte, ging ihm auf, dass die Ketten diesen Eindruck der Gefährlichkeit nicht minderten. Er wirkte nur ungepflegter, als vor seiner Gefangennahme, weil er sein vorher so kurzes Haar und seinen Vollbart nicht mehr hatte schneiden können. Dies gab ihm allerdings im Zusammenwirken mit seinen wilden Augen das Aussehen eines gefährlichen Fanatikers und ließ ihn auf keinen Fall, wie einen eingeschüchterten Gefangenen erscheinen. Yriti war sich auf einmal sicher, dass dieser Mann niemals eingeschüchtert wirken würde.

Yriti hatte allerdings gehofft, diesen Einschüchterungseffekt einsetzen zu können und das Innere seines Zeltes entsprechend vorbereitet. Er hatte dafür gesorgt, dass sein Stuhl die einzige Sitzgelegenheit war und er hatte sich auch nicht erhoben, als der Gefangene vor ihn gebracht wurde. Den Sar schien das allerdings nicht im Geringsten zu stören. Wahrscheinlich hatte er das sogar erwartet. Im Bruchteil eines Augenblicks verwarf Yriti das wenige, was er geplant hatte, denn er erkannte mit einem Blick auf den Sar, dass er ihn auf diese Weise nicht zu einer Reaktion provozieren konnte.

Er wandte sich von dem Gefangenen ab und beachtete ihn erstmal nicht weiter, stattdessen erhob er sich und trat vor das Zelt. Er gab einer der dort stationierten Wachen einen Befehl und wartete dann in aller Ruhe ab, bis dieser einen weiteren Stuhl brachte und im Zelt abstellte, dann trat er auch wieder hinein und ließ sich erneut nieder. Erst dann blickte er zu dem Gefangen hinüber und stellte mit Genugtuung fest, dass er ihm mit seiner Idee eine Reaktion hatte entlocken können. Der Sar blickte zuerst auf den Stuhl und dann in Yritis Gesicht und als er von diesem dann noch aufgefordert wurde, sich zu setzen, konnte er sein Erstaunen nicht mehr verbergen.

Der Milli wollte es dabei aber nicht belassen. „Willkommen in meiner bescheidenen Unterkunft, Epivas. Wir müssen uns dringend unterhalten. Von Anführer zu Anführer.“

Der andere schien aber nicht auf seine Worte zu reagieren. Stattdessen ließ er sich umständlich nieder, als wäre er sich nicht sicher, ob der Stuhl sein Gewicht aushalten konnte. Yriti war sich aber sicher, dass er damit nur versuchte, seine Überraschung zu verbergen.

Yriti schnaubte amüsiert. „Diese Stühle sind sehr stabil gebaut. Selbst mit dem zusätzlichen Gewicht der Ketten, wird dieser nicht zusammenbrechen.“ Er hoffte, dies entspräche der Wahrheit.

Die Mundwinkel des Mannes zuckten. Also hatte er ihn doch, zumindest ein bisschen, aus dem Gleichgewicht gebracht. Dies war ein Beginn, auf dem er aufbauen wollte.

Seinem Gast war aber ebenfalls aufgefallen, dass Yriti zu ihm durchgedrungen war, deshalb versuchte er, das verlorene Terrain wieder zurückzuerobern. „Was willst du so unbedingt mit mir besprechen? Willst du etwa mit mir über die Verbannung sprechen, in die du meine Männer und mich führst?“ Er versuchte dem Milli zu zeigen, dass er über etwas Bescheid wusste, von dem er eigentlich nichts wissen sollte.

Yriti lächelte, aber sein Lächeln fiel eher schmallippig aus, weil er zu etwas anderem gerade nicht in der Lage war. „Verbannung? Glaubst du tatsächlich, es wäre Verbannung, was euch bevorsteht?“ Er machte eine Pause und starrte den anderen herausfordernd an. „Hast du einmal darüber nachgedacht, wie das funktionieren soll? Wie weit sollen wir euch wegschaffen, damit ihr keine Möglichkeit mehr habt, zu uns zurückzukehren und wir uns somit sicher fühlen können? Nimm dir einen Augenblick Zeit und sag mir dann noch einmal, dass wir dich und deine Männer in die Verbannung führen!“

Während er sprach, hatte Yriti erkennen können, wie Epivas auf seine Worte reagierte. Der Sar hatte ihm nicht nur genau zugehört, sondern auch verstanden, was der Oixya ihm mitteilen wollte. Er wurde schlagartig bleich.

„Wenn es nicht die Verbannung ist …“, flüsterte er, unfähig den Satz zu beenden.

Yriti nickte und hoffte seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu haben. Erbarmungslos fuhr er fort: „Mein Auftrag besteht darin, euch alle zu töten.“

Wäre es möglich gewesen, der andere wäre noch bleicher geworden. So sackte er nur in sich zusammen. „Alle? Auch die Jüngsten? Du sagst mir hier geradewegs ins Gesicht, du würdest auch die Kleinen töten?“ Er starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. In diesem Moment wirkte er überhaupt nicht mehr wie ein Krieger und Anführer.

Der Milli zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern. „Was interessiert es dich? Du hast kein Kind darunter.“

Den anderen hielt es offenbar nicht mehr auf seinem Stuhl. Er hatte begonnen, sich zu erheben. „Wieso hast du mich überhaupt herbringen lassen? Nur um damit anzugeben, dass du noch nicht einmal davor zurückschreckst, Kinder zu töten? Wirst du es selber tun oder schickst du deine Männer vor?“ Er hielt inne, als wäre ihm in diesem Moment etwas aufgefallen. Völlig unvermittelt fragte er ihn: „Woher kennst du meinen Namen?“ Er hatte sich nun völlig aufgerichtet und ragte wütend – allerdings auch mit erkennbarer Angst - über Yriti auf.

„Setz dich!“ Yriti schnappte den Befehl heraus. Er konnte es gar nicht haben, wenn jemand versuchte, ihn einzuschüchtern. Und obwohl er darauf gehofft hatte, war er doch erstaunt, als der Sar tat, was er ihm gesagt hatte. Epivas selbst, wurde ebenfalls von seiner instinktiven Reaktion überrascht.

„Glaubst du tatsächlich, ich hätte es nötig, vor dir damit zu prahlen, dass ich bereit bin, Kinder zu töten? Hast du vergessen, dass wir uns bereits auf dem Schlachtfeld begegnet sind?“ Er hatte dieses Zusammentreffen auf jeden Fall nicht vergessen, es stand ihm gerade wieder vor Augen.

Seine Worte schienen aber bei Epivas nicht angekommen zu sein. „Wer hat dir von mir erzählt?“, wiederholte er seine eben gestellte Frage.

Yriti ließ ihn warten. Statt ihm direkt zu antworten, musterte er ihn gründlich und überlegte gleichzeitig, ob der andere bereits soweit war, dass er ihm seinen Vorschlag unterbreiten konnte. Aber hatte er tatsächlich eine Wahl? Er musste davon ausgehen, ihm bliebe nichts anderes übrig, als dieses Risiko einzugehen.

„Feasae hat mir einiges über dich erzählt“, begann er vorsichtig. „Hast du geglaubt, wir hätten dich zufällig unter deinen Männern entdeckt, obwohl ihr euch so viel Mühe gegeben habt, dich zwischen ihnen zu verstecken?“

„Aus welchem Grund sollte Feasae dir irgendetwas erzählen?“ Für Yriti war klar ersichtlich, dass der andere ihm kein einziges Wort glaubte. Allerdings hatte es ihn schon nachdenklich gemacht, dass der Oixya den Namen seiner Frau kannte.

„Weil ich eine Abmachung mit ihr getroffen habe.“ Er war erstaunt, dass er seine Stimme so ruhig klingen lassen konnte. Er war auch erstaunt, dass er seine Worte nicht herausschrie, denn er fühlte sich überhaupt nicht ruhig und beherrscht. Schließlich war ihm bewusst, dass er Epivas unbedingt überzeugen musste. Gelang ihm dies nicht, musste er ihn und seine Männer doch töten. Und dann konnte er sich auch nicht erlauben, die Kinder zu verschonen.

„Du willst eine Abmachung mit ihr getroffen haben? Du weißt wohl nicht, dass sarische Frauen nicht mit Fremden verhandeln.“

Yriti konnte nicht anders, er musste laut lachen. Epivas schien tatsächlich zu glauben, was er gerade von sich gegeben hatte, aber der Oixya hatte Feasae als äußerst fähige Frau kennengelernt. Allerdings hatte sie auch keine andere Wahl gehabt. „Ausgerechnet du willst mir das erzählen! Warst du es nicht, der ihr klargemacht hat, sie müsse für sich selbst sorgen, falls deine Männer und du den Kampf verlieren? Und habt ihr nicht verloren? Was sollte sie also machen? Sie hat sich um sich selbst gekümmert. Und um all die anderen Frauen und Kinder.“ Inzwischen wusste er, dass ihr das nicht leichtgefallen war, aber sie hatte es unter anderem auch deswegen geschafft, weil sie das ganze Lager als ihr Heim ansah. „Wir beide haben eine Abmachung getroffen und sie hat mir von dir erzählt. Sie ist sehr umsichtig dabei vorgegangen, aber ihr fehlt die Erfahrung für so etwas und deshalb hat sie mir dann doch mehr erzählt, als sie wollte, ohne dass es ihr bewusst geworden ist. Trotzdem muss ich zugeben, dass mir noch Informationen fehlen. Wenn ich meinen Plan erfolgreich umsetzen will, dann bin ich auf deine Hilfe angewiesen. Deswegen verrate ich dir jetzt auch, dass ich nicht vorhabe, den Auftrag auszuführen, der mir erteilt wurde.“ Er hoffte, der letzte Satz würde ausreichen, damit der andere nicht davon ausginge, er wolle seine Hilfe beim Mord an seinen Leuten. Jetzt konnte er jedoch nur noch warten, wie seine Worte angekommen waren, denn zurücknehmen konnte er sie nicht mehr. Aber das wollte er auch nicht.

Epivas runzelte die Stirn. Der Oixya konnte ihm förmlich vom Gesicht ablesen, wie es in seinem Kopf arbeitete.

„Was soll das für eine Vereinbarung sein, die du mit ihr getroffen hast? Und was hätte sie davon gehabt?“ Seine nur zu verständliche Feindseligkeit war allerdings einer verhaltenen Neugier gewichen, ohne, dass ihm das selbst aufgefallen zu sein schien.

„Wir haben Informationen gegen Leben getauscht.“ Yriti hob eine Hand, denn gerade jetzt wollte er nicht unterbrochen werden. „Unsere Soloti wurde davon überzeugt, es würde unsere Gesellschaft zerstören, wenn ihr nicht daraus entfernt werdet. In dieser Hinsicht bin ich sogar einer Meinung mit ihr. Auch ich gehe davon aus, dass unsere Gesellschaft sich verändern würde, wenn ihr geblieben wäret. Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass dies etwas Schlechtes hätte sein müssen.“ Epivas räusperte sich, als wollte er etwas dazu sagen, aber Yriti sprach einfach weiter. „Die Soloti wurde auch davon überzeugt, dass ihr alle sterben müsst. Und in diesem Punkt stimme ich nicht mit ihr überein. Deshalb habe ich damit begonnen, nach einer anderen Lösung zu suchen. Und ich glaube, eine Möglichkeit gefunden zu haben, eine machbare Lösung. Deine Frau war davon überzeugt und hat mich soweit unterstützt, wie sie konnte.“

Der Anführer der Sar saß regungslos auf seinem Stuhl und starrte in Yritis Richtung, aber er schien ihn nicht wirklich wahrzunehmen. Auch seine schweren Ketten schien er nicht mehr zu bemerken. Der Milli hoffte, er denke über seine Worte nach. Er hoffte auch, der andere würde sich für das Richtige entscheiden. Für das, was Yriti als richtig ansah. Für das, was für ihn wichtig war.

Die Stille im Zelt zog sich hin, ohne dass der Sar sich äußerte und der Oixya merkte, dass ihm offenbar nichts anderes übrigblieb, als seinen letzten Trumpf auch noch auszuspielen.

„Epivas“, sprach er den anderen mit leiser, aber eindringlicher Stimme an, „ich bitte dich um die Erlaubnis, deine Tochter Eponai zu heiraten.“

Diese Worte waren nun eindeutig zu dem Sar durchgedrungen, denn er hob abrupt den Kopf und sah sein Gegenüber mit einem Blick an, der Yriti zu durchbohren schien. „Was willst du tatsächlich von mir, Oixya?“

„Das habe ich gerade gesagt. Ich bitte dich um die Erlaubnis, deine Tochter zu heiraten. Zusätzlich bitte ich dich auch um deine Hilfe dabei, die Sar zu retten.“ Er wich dem Blick des anderen nicht aus, obwohl es ihm schwerfiel.

„Ich kenne dich nicht, Oixya. Ich kenne dich nicht im Geringsten und du sprichst davon, mit meiner Frau eine Vereinbarung getroffen zu haben. Du sprichst davon, meine Tochter heiraten zu wollen. Du willst mich unbedingt davon überzeugen, du würdest einfach so gegen den Befehl deiner Soloti verstoßen, um deine Feinde zu retten. Wer bist du, dass ich dir Glauben schenken sollte?“

„Wer ich bin? Du willst wissen, wer ich bin? Ich sage dir, wer ich bin! Ich bin Yriti, Sohn des Nuyphau. Meine Mutter ist die Soloti und ich werde ihr eines Tages nachfolgen. Ich wurde damit beauftragt, euch alle zu töten, aber das werde ich nicht tun. Ich bin hier, weil ich einen Teil der Sar retten will. Und wenn ich erst derjenige bin, der im Bund das Sagen hat, dann werde ich auch imstande sein, den anderen Teil zu retten.“ In diesem Moment wurde ihm in aller Klarheit bewusst, was er hier tatsächlich tat. Zum ersten Mal überhaupt, sprach er viel von dem laut aus, was er geplant hatte. Zum ersten Mal, teilte er einem anderen Menschen mit, was er die ganze Zeit mit sich herumgetragen hatte. Und dieser Mensch war ausgerechnet eine Person, die im Oixyyaa als einer der schlimmsten Feinde angesehen wurde. Ihn hatte er sich ausgesucht, um sein Verbündeter zu werden, ihn musste er überzeugen. „Wenn du mir allerdings deine Hilfe verweigerst, bin ich gezwungen, meinen Auftrag doch noch auszuführen!“

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Yriti war oben auf der Hügelkuppe stehengeblieben und blickte von dort auf das Lager unter ihm, aber dann wanderte sein Blick doch wieder zu dem Krieger zurück, der neben ihm stand. Bei ihrem ersten Gespräch, vor drei Wochen, hatte der andere seinem Plan nicht sofort zustimmen wollen. Er hatte aber auch nicht direkt abgelehnt. Dem Milli war an dem Abend klargeworden, dass der andere noch Zeit benötigte und er hatte ihn daraufhin zu den anderen Gefangenen zurückbringen lassen. Er wollte es dann am folgenden Tag noch einmal versuchen. Er wollte nicht so schnell aufgeben.

Am nächsten Tag waren sie, trotz des Gesprächs, genau wie an den vorhergehenden Tagen weitermarschiert. Der Gefangene wurde gezwungen, die zurückgelegte Strecke in Ketten zurückzulegen und dabei auch noch einen Teil des mobilen Pferchs mitzuschleppen, nicht anders als seine Männer. Trotzdem schien er die Zeit gefunden zu haben, um über alles nachzudenken, was Yriti zu ihm gesagt hatte. Am Abend ließ Yriti ihn erneut in sein Zelt bringen und beantwortete ihm noch einige Fragen. Danach hatte er ziemlich schnell seine Zustimmung gegeben. Yriti hatte in seinem ganzen Leben selten eine solche Erleichterung verspürt und am liebsten hätte er Epivas sofort freigelassen. Aber sie befanden sich zu diesem Zeitpunkt immer noch auf dem Gebiet des Oixyyaa und hätten immer noch einer Patrouille begegnen können. Aus diesem Grund hatte Epivas sich noch einige Tage gedulden müssen. Aber das schien für den Sar kein Problem darzustellen, denn er hatte dem Milli sogar noch zugesichert, dass er und seine Männer sich ruhig verhalten würden. Er hatte ihm ebenfalls mitgeteilt, dass er ihre Einigung honorieren würde. Deshalb würden die Sar noch einige Tage auf ihre Freiheit verzichten können. Sie wüssten ja jetzt, dass sie in die richtige Richtung marschierten. Im doppelten Sinn.

Jetzt hatten die beiden Anführer ihre Männer auf den drei Hügeln aufgestellt, zwischen denen sich das Lager befand. Der ganze Trupp bestand nun nicht mehr aus fünfzig Oixya und über dreihundert, in Ketten gelegten, Gefangenen und einigen Kindern, sondern aus Kriegern, Jugendlichen und Jungen, die für einen Beobachter nicht mehr so leicht zu unterscheiden wären.

Inzwischen waren die Sar und die Oixya nämlich gleich gekleidet. Sie trugen alle, Hose, Hemd, Lederwams, Stiefel und einen Umhang mit Kapuze. Natürlich war es dem Großteil der Sar nicht gelungen, ihre Kleidung in der Gefangenschaft vollständig und unbeschädigt zu behalten, dennoch hatte es genügend Kleidungsstücke für alle gegeben. Yriti hatte dies nämlich in seine Planungen einbezogen und deshalb hatten die Oixya ausreichend Ersatzkleidung auf ihren Wagen dabei, aber auch Waffen für alle. Und dabei handelte es sich nicht etwa um irgendwelche Waffen, weil die Millir sich, unter den verschiedensten Vorwänden, die Waffen der Besiegten angeeignet hatten. Yriti hatte sich persönlich um die von Epivas gekümmert und sie auf der Reise in einer seiner Truhen aufbewahrt. Der Sar war sehr erstaunt gewesen, aber auch erfreut, sie zurückzuerhalten. Er hatte allerdings auch versucht, seine Dankbarkeit nicht zu offensichtlich werden zu lassen. Mit der Ausrüstung auf den Wagen hatten schließlich alle Männer ausgestattet werden können. Yriti hatte sich gewundert, dass offenbar niemandem aufgefallen war, wie viele Wagen seine Leute mitgenommen hatten, aber er hatte sich natürlich nicht darüber beschwert. Auch wenn er der Meinung war, irgendjemand hätte bemerken müssen, dass seine Männer niemals so viel Ausrüstung benötigten.

Die Oixya und ihre ehemaligen Gefangenen ähnelten sich allerdings nicht nur in der Kleidung. In der Zwischenzeit trugen alle ihr Haar kurz geschoren und ließen sich einen Bart stehen. Allerdings hatten Yriti und seine Männer bisher nur drei Wochen Zeit gehabt und dies war lange nicht genug, um in Hinsicht auf die Bärte an die Sar heranzukommen. Im Laufe der Reise würde sich das allerdings ganz bestimmt ändern.

Die Haare und die Bärte waren allerdings nur die äußeren Anzeichen dafür, dass die Oixya sich den Sar auch in ihren Anschauungen angenähert hatten. Yriti hatte natürlich von Anfang an darauf geachtet, nur Männer für diese Mission auszusuchen, die, wie er, davon überzeugt waren, die völlige Gleichheit zwischen den Menschen - wie sie im Bund praktiziert wurde – würde keine optimale Gesellschaft hervorbringen. Alle hier anwesenden Oixya glaubten, ähnlich wie die Sar, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht vernachlässigt werden dürften. Sie glaubten, es gäbe durchaus Gründe für diese Unterschiede und man könne sie daher nicht einfach so ignorieren. Sie alle ärgerten sich aber auch darüber, dass sie ihre Meinung im Bund nicht öffentlich äußern konnten. Auch wenn die Soloti immer beteuerte, jeder dürfe ungestraft sagen, was er wolle, entsprach das nicht der Wirklichkeit. Jede Person, die zu offensiv ihre Auffassung von einer gelebten Ungleichheit äußerte, musste damit rechnen, verbannt zu werden, sollte er von seiner Meinung nicht Abstand nehmen. Schließlich durfte die freiheitliche Gesellschaft der Oixya keinen Schaden nehmen. Yriti hatte seinen Männern einen Ausweg aus dieser Gesellschaft gezeigt, deren Glauben an die Gleichheit in diesen Tagen mehr einem von oben verordnetem Dogma ähnelte. Allerdings würde ihr Weg noch lang sein, denn sie wussten, dass sie sich nach ihrer Rückkehr erst noch einmal verstecken mussten. Aber der Ausblick auf die Zukunft, den Yriti ihnen gezeigt hatte, machte aus seinen Männern treue Anhänger, die alles für ihn tun würden.

Yriti wandte sich wieder dem Mann zu, der neben ihm stand und in dem er inzwischen schon den Vater seiner Ehefrau sah. Nach den Gesetzen der Sar war seine Vermählung mit der Zustimmung von Epivas bereits rechtsgültig geworden, obwohl Eponai sich sehr weit von ihm entfernt befand und nichts davon wissen konnte. Er hatte allerdings keine Angst, dass sie nicht auf ihn warten würde. Ihre Heirat war ein Teil der Vereinbarung mit Feasae und damit auch für Eponai bindend. Und sie hatte ja auch nichts gegen eine Vermählung mit ihm einzuwenden gehabt. Auch aus diesem Grund, konnte er sicher sein, sie würde auf ihn warten. Eines kam ihm aber doch etwas seltsam vor. Er fühlte sich tatsächlich schon wie ein verheirateter Mann und seinem Freund Gasar ging es genauso. Dieser hatte Taepas Bruder Vamysa um dessen Erlaubnis für eine Eheschließung gebeten und ebenfalls erhalten. Auch seine Ehefrau war ein Teil der Vereinbarung mit Feasae und würde auf ihren oixya Ehemann warten. Die Tatsache, dass die beiden wichtigsten Männer der Oixya jetzt auf diese Art und Weise mit den Sar verbunden waren, hatte dazu geführt, dass Epivas und seine Männer ihre vormaligen Bewacher mit anderen Augen sahen. Sie betrachteten sie nun sehr viel freundlicher als zuvor. Auf der anderen Seite, fühlten sich Yritis Männer ebenfalls wohler bei dem Gedanken, dass ihre Anführer die Sar an sich gebunden hatten.

Der Milli hätte es gerne gesehen, wenn es möglich wäre, dass sich die beiden Gruppen noch weiter einander annäherten, aber leider würde das wohl nicht geschehen und das lag an den sarischen Frauen, die dort unten in dem Lager lebten. Diese würden bald neue Ehemänner haben, aber sie würden nur unter den Sar wählen können, denn die Oixya standen dafür nicht zur Verfügung. Yriti würde dies seinen Männern gerne ermöglichen, aber sie könnten ihre Ehefrauen nach ihrer Rückkehr auf keinen Fall verbergen. Und er ging auch davon aus, dass Epivas auf keine dieser Frauen verzichten wollte, genauso wenig, wie er einen seiner Männer zurücklassen wollte. Beide benötigten jeden einzelnen ihrer Leute, egal ob Mann oder Frau. Oder Kind.

In dem, zwischen den Hügeln liegenden, Lager lebten die Frauen, von denen ihm Feasae – wenn auch nicht mit Absicht – erzählt hatte. Dabei handelte es sich um Sar, die nicht in die Gefangenschaft der Oixya geraten waren. Dieses Lager war sehr wichtig für seine Pläne und daher hatte er es unbedingt finden müssen. Glücklicherweise, hatte er Epivas davon überzeugen können, ihn hierherzuführen. Er wusste nur zu gut, dass er es ohne dessen Hilfe nicht hätte schaffen können oder höchstens nach einer mühsamen, langwierigen Suche, für die er aber keine Zeit gehabt hätte. Ohne diese Frauen, wäre er nicht in der Lage gewesen, den Sar die Gelegenheit für ein neues Leben – weit ab vom Bund – zu geben. Mit ihnen hingegen, konnten sie weitab vom Velt neu anfangen.

Yriti konzentrierte sich erneut auf den Mann neben ihm. Seine Gedanken neigten in diesem Moment auch deshalb dazu abzuschweifen, weil der andere ihm den Eindruck vermittelte, ihn nicht zu beachten. Und dies schon seit geraumer Zeit. Und genauso lange störte ihn das auch schon. Jetzt war er mit seiner Geduld am Ende. „Auch wenn du der Meinung bist, es reiche aus, wenn du alleine dort hinuntergehst, wären meine Männer nicht zufrieden, sollte ich dich nicht begleiten“, bemerkte er dem Größeren gegenüber. Seitdem sie hier oben standen, hatte er schon mehrmals versucht, Epivas Aufmerksamkeit zu erlangen. Bisher schienen seine Bemühungen den anderen allerdings nicht zu interessieren.

Ganz plötzlich lachte der Sar. Trotz seines einschüchternd wirkenden Erscheinungsbildes besaß Epivas ein warmes und durchaus ansteckendes Lachen. Dies hatte Yriti zu Beginn ziemlich überrascht. „Auch du wärst nicht zufrieden damit“, stellte dieser dann fest. „Ich habe aber nicht vor, deine Autorität deinen Männern gegenüber zu untergraben. Wie kommst du darauf, ich hätte vor, dich nicht mitkommen zu lassen?“

Auf diese, für ihn so unerwartet gestellte, Frage wollte Yriti nicht antworten. ‚Das hättest du aber auch früher sagen können‘, dachte er nur bei sich, versuchte aber, sich nicht anmerken zu lassen, überrascht worden zu sein. Er würde aber nicht so einfach vergessen können, dass der andere ihn getäuscht hatte und leider musste er auch davon ausgehen, dass Epivas nicht entgangen war, Erfolg gehabt zu haben. ‚Noch einmal wird ihm das nicht gelingen‘, gab der Milli sich selbst ein Versprechen.

„Worauf warten wir dann noch?“ Mehr wollte er jetzt nicht mehr dazu sagen.

Epivas sah ihn kurz – und durchaus amüsiert – an, bevor er sich wortlos in Bewegung setzte. Yriti hatte kein Problem damit, ihm die Führung zu überlassen, zumindest für den Moment, denn schließlich waren sie auf dem Weg in ein Lager der Sar, auch wenn sich dort nur Frauen und Kinder aufhielten. Aber alleine durch ihre Anzahl könnten diese zu einer Gefahr werden. Für seinen Begleiter war das natürlich kein Problem, denn bestimmt war er zumindest einigen der Frauen persönlich bekannt. Und sobald sie ihn erkannt hatten, würden sie ihm unverzüglich alle Entscheidungen überlassen, die nicht ihren eigenen Haushalt betrafen. Ganz so, wie es ihren Bräuchen entsprach.

Yriti ging davon aus, dass sie sich hier einige Tage aufhalten würden, bevor sie ihre Reise fortsetzen konnten. Er wusste, dass sie einige Zeit benötigten, um alles zu organisieren. Dazu kam noch, dass Epivas und seine Männer sich neue Ehefrauen suchen wollten. Dies alles war nicht in ein paar Stunden zu erledigen, selbst wenn die Frauen sofort zustimmen würden. Der Anführer der Sar hatte ihm aber bereits erklärt, dass es hier nicht darum ging, ein paar Töchter zu verheiraten. Er war sich sicher, dass viele der betroffenen Frauen keinen männlichen Verwandten mehr hatten, der seine Erlaubnis geben konnte. Deshalb war er der Meinung – und überraschte Yriti damit – dass sie selbst entscheiden mussten, ob sie einen bestimmten Mann heiraten wollten oder nicht. Dies wäre dann eine für sie neue und ungewohnte Situation. Der Oixya glaubte allerdings nicht, dass sie sich jemals wiederholen würde.

Vorsichtig suchten sich die beiden Männer einen Weg den Hang hinunter. Als sie ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, begannen sich unter ihnen die Frauen auf dem großen freien Platz, zwischen den Zelten, zu versammeln. Selbstverständlich waren ihnen die Männer auf den Höhen nicht entgangen, aber Yriti ging davon aus, dass sie nicht hatten erkennen können, um wen es sich handelte. Ganz bestimmt waren sie aber nicht der Meinung, es handele sich bei ihnen um Sar. Sie mussten eher geglaubt haben, die Oixya hätten sie nun doch gefunden.

Je weiter Epivas und Yriti jedoch den Hügel hinabstiegen, desto besser konnten die Frauen sie sehen. Schließlich waren sie auch in der Lage, die Bärte und kurzgeschorenen Haare zu erkennen, die bei den Sar üblich waren. Beiden Männern war klar, dass die Frauen etwas anderes erwartet hatten.

Der große dunkelhaarige Krieger stolzierte schließlich mitten in die Versammlung der Frauen, als wenn ihm das Lager gehören würde. In gewisser Hinsicht entsprach das wohl auch der Wahrheit, aber trotzdem konnte er es sich sicherlich nicht erlauben, die Frauen gegen sich aufzubringen. Yriti war sich aber sicher, dass er das auch nie vorgehabt hatte. Diese Begegnung könnte ziemlich interessant verlaufen und der Oixya hatte sich bereits vorgenommen, genau zu beobachten, wie Epivas vorging.

Er wollte sicher gehen, nichts zu verpassen. Vielleicht war ja etwas dabei, dass ihm bei seinem Problem mit den Frauen bei sich zu Hause helfen konnte. Bereits seit längerer Zeit ärgerte ihn, dass seine Mutter, seine Soloti, sich vornehmlich mit weiblichen Beratern umgab. Zwar nannte sie ihn und seine Brüder ihre engsten Vertrauten, aber ihm hatte sie einen anderen Eindruck vermittelt. Bei den Millir sah das auch nicht anders aus. In den letzten Jahren hatten es kaum noch Männer in die oberen Ränge geschafft und dies kam ihm seltsam vor. Bei den Oixya waren Männer und Frauen völlig gleichgestellt – und dies war ebenfalls etwas, was ihm persönlich nicht gefiel – aber mit der Zeit hatte er darüber hinaus den Eindruck gewonnen, als wäre ein Ungleichgewicht entstanden. Seiner Meinung nach, wurden nicht mehr diejenigen Personen auf Kommandopositionen befördert, die sich dafür am besten eigneten, sondern diejenigen, die die besten Verbindungen besaßen. Und dieser Zustand hatte sich in den letzten Jahren immer weiter verschlimmert. Aus diesem Grund, hatte er nach dem Sieg über die Sar damit begonnen, sich mit deren Bräuchen und Überzeugungen zu beschäftigen. Und er hatte festgestellt, dass ihm vieles davon sehr gut gefiel. Je mehr er darüber lernte, desto begeisterter war er. Er konnte sich gut vorstellen, einiges davon im Bund umzusetzen, damit endlich wieder führende Positionen nach Eignung besetzt würden. Allerdings könnte er das nur bewerkstelligen, wenn er die Nachfolge seiner Mutter antrat. Dies konnte er aber nicht ohne Verbündete schaffen. Am liebsten hätte er die Männer der Sar dafür benutzt, aber leider kam das nicht in Frage. Trotzdem waren sie ihm von Nutzen gewesen, denn mit ihrem Überleben als Köder, hatte er sich die Hilfe ihrer Frauen sichern können, um mit ihnen eine Vereinbarung zu treffen. Er hatte selbstverständlich vor, seine Seite der Vereinbarung einzuhalten. Da störte es ihn auch nicht weiter, ein ganzes Jahr von zu Hause wegzubleiben. In dieser Zeit bekam er zwar nichts von dem mit, was dort vor sich ging, aber seine Verbündeten würden ein Auge auf alles haben.

Als die Männer die Frauen erreichten, wichen diese vor ihnen zurück und bildeten dann einen großen Kreis um die beiden. Damit gaben sie ihnen ausreichend Platz, wurden aber gleichzeitig in die Lage versetzt, die beiden Männer genau zu beobachten. Eine Frau hatte sich allerdings nicht von der Stelle gerührt. Sie war groß, besaß langes blondes Haar und grüne Augen, die selbst aus einiger Entfernung nicht zu übersehen waren. Ohne sich von den Männern aus der Ruhe bringen zu lassen, blieb sie stehen und musterte ihrerseits Epivas und Yriti mit kritischem Blick. Plötzlich aber weiteten sich ihre Augen fast unmerklich und sie richtete ihren Blick ganz kurz auf den Boden, bevor sie ihnen wieder ins Gesicht sah. Ihre stolze und aufrechte Haltung hatte sie aber nicht verloren. Yriti war sich trotzdem sicher, dass sie in diesem Moment Epivas erkannt hatte.

„Ich heiße euch willkommen, meine Herren.“ Ihre Stimme klang angenehm weich und dunkel. „Wir sind froh, euch hier begrüßen zu dürfen und werden eure Wünsche erfüllen, sofern wir es vermögen.“

Epivas reagierte nicht sofort auf ihre Worte, sondern drehte sich zuerst in der Mitte des Kreises einmal um sich selbst, um alle anwesenden Frauen anzusehen. Damit gab er ihnen aber auch die Möglichkeit, ihm ins Gesicht zu blicken.

Als er mit seinem Rundblick fertig war, erhob er seine Stimme. „Ich bin Epivas, Anführer der Krieger. Meine Männer und ich waren lange weg. Wir hatten keine Möglichkeit, früher zurückzukehren. Aber nun sind wir hier und werden euch in Sicherheit bringen. Wir möchten auch Ehemänner für euch sein und Väter für eure Kinder. Leider muss ich euch aber mitteilen, dass wir nicht viel Zeit haben, um uns kennenzulernen. Schon in wenigen Tagen, müssen wir bereits von hier aufbrechen und vorher ist noch viel zu erledigen. Wir werden uns gemeinsam auf den Weg machen und einen Ort finden, an dem wir in Frieden leben können.“ Er hatte so laut gesprochen, dass ihn alle ohne Mühe verstehen konnten.

Kaum hatte er aufgehört zu reden, begannen die Frauen leise miteinander zu sprechen. Ihr Murmeln hüllte die beiden Männer ein, wie eine Decke. Epivas schien das aber nicht zu stören. Er wandte seine Aufmerksamkeit der Frau zu, die nicht weit von ihnen entfernt stand und ruhig abwartete.

„Wie ist dein Name, Frau?“ Eine Oixya hätte sich durch diese Frage – oder vielmehr, durch deren Formulierung – auf jeden Fall beleidigt gefühlt, aber die Sar schien sich nicht darüber zu ärgern.

„Ich bin Yovis, Herr“, antwortete sie ohne zu zögern.

Auf dem Gesicht des Kriegers erschien plötzlich ein Lächeln. „Ich nehme die Bürde von dir, die du auf dich nehmen musstest, weil wir Krieger den Kampf verloren haben. Und ich lobe dich für deine Arbeit.“ Yriti war erstaunt darüber, wie höflich Epivas mit der Frau sprach und dann glaubte er seinen Augen nicht zu trauen, als der Krieger sich auch noch kurz vor ihr verbeugte. Er war davon ausgegangen, der Sar würde die Führung des Lagers einfach an sich reißen. Während der Oixya noch damit kämpfte, dass seine Vorstellungen teilweise über den Haufen geworfen worden waren, sprach der andere bereits weiter: „Ich verspreche dir, ich verspreche allen Frauen, hier und jetzt, wir werden nie mehr zulassen, dass ihr die Arbeit der Männer machen müsst. Ich verspreche euch, wir werden euch nicht noch einmal im Stich lassen.“

Epivas wandte sich erneut an die anderen Frauen und zeigte mit einer Hand auf den Oixya. „Dies ist Yriti, der Ehemann meiner Tochter.“ Seine andere Hand lag auf dem Heft seines Schwertes. „Er wird uns in unser neues Leben geleiten.“ Der hochgewachsene Krieger holte tief Luft. „Meine Männer und ich haben unsere Ehefrauen zurücklassen müssen und ihr habt eure Ehemänner verloren. Aber wir sind die einzigen, die die Sar überleben lassen können, deshalb müssen wir uns zusammentun.“ Er drehte sich wieder zu der blonden Frau um, die inzwischen direkt neben ihm stand, aber er sprach immer noch so laut, dass ihn alle Umstehenden ohne Probleme verstehen konnten. „Yovis, keiner deiner erwachsenen männlichen Verwandten befindet sich hier, daher frage ich dich persönlich, ob du meine Ehefrau werden willst .“

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Während Yriti und die anderen im Lager verweilen mussten, stellte er zu seiner großen Überraschung fest, dass die sarischen Männer zwar dazu übergegangen waren alles zu bestimmen, was nicht direkt mit dem Haushalt der Frauen zu tun hatte – genau, wie er es erwartet hatte – sich ihnen gegenüber aber sehr höflich, zuvorkommend und fürsorglich verhielten. Davon war er nicht ausgegangen, denn er hatte geglaubt, sie würden sich einfach durchsetzen, egal auf welche Art. Bei dieser Gelegenheit stellte er dann auch fest, dass es ihm überhaupt nicht gefiel, sich im Irrtum befunden zu haben.

Allerdings konnte er ebenfalls beobachten, dass die Frauen kein Problem damit hatten, den Männern – von denen die meisten ihnen nicht bekannt waren – die Leitung des Lagers zu überlassen. Es gab zwar auch einige Männer, die das Glück gehabt hatten, ihre Ehefrauen hier wiederzutreffen, aber alle anderen mussten die von ihnen ausgewählten Frauen selbst fragen, ob sie sie als Ehemänner akzeptieren würden. Ein noch zu lösendes Problem war aber auch, dass es fast doppelt so viele Frauen wie Männer gab. Weil Epivas – wie andere auch – davon ausging, die jüngeren könnten mit größerer Wahrscheinlichkeit Kinder auf die Welt bringen, heirateten diese zuerst. Der Anführer der Sar dachte aber sogar darüber nach, den Männern eine zweite Ehefrau zu gestatten, falls sie sich das vorstellen konnten. Sein Handeln und seine Überlegungen wurden ausschließlich davon bestimmt, wie das Überleben seines Volkes zu sichern sei. Und er war davon überzeugt, dies wäre nur zu schaffen, wenn er in einigen Punkten von den überlieferten Bräuchen und Traditionen abwich. Auch wenn ihm das schwerfiel.

In der Folge begannen sich Yritis Männer einsam zu fühlen. Um sich abzulenken, stürzten sie sich in die Arbeit. Es galt vieles vorzubereiten, bevor sie ihre Reise fortsetzen konnten. Sie mussten herausfinden, wie alles transportiert werden konnte, aber zuerst einmal mussten sie herausfinden, was sie überhaupt alles mitnehmen wollten. Wie sich herausstellte, betraf dies schlussendlich alles, was sich im Lager befand und zusätzlich auch noch das, was die Oixya mitgebracht hatten. Dies war zwar tatsächlich eine ganze Menge, aber sie konnten es sich nicht erlauben, etwas davon zurückzulassen. Zum Glück gab es aber auch eine ganze Reihe von Wagen im Lager und ausreichend Tiere, diese zu ziehen. Dies würde allerdings dazu führen, dass sie nicht besonders schnell vorankommen konnten, weil der Großteil von ihnen zu Fuß gehen musste. Auf den Wagen würde nur Platz für die Kleinsten sein und außer den Pferden, die Yriti mitgebracht hatte, gab es keine weiteren Reittiere. Diese Pferde mussten aber unbedingt den Kundschaftern zur Verfügung gestellt werden.

Während der ganzen Zeit, in der alle daran arbeiteten, die Weiterreise vorzubereiten, genoss Yriti die Gastfreundschaft von Epivas und seiner neuen Frau. Jeden Abend, hatte er die Möglichkeit, die beiden in ihrem Zelt aufzusuchen und bei diesen Gelegenheiten, erfuhr er in den Gesprächen mit dem Krieger – aber ebenfalls in denen, die er mit Yovis führte – einiges über die Sar. Vieles davon überraschte ihn im ersten Moment, aber wenn er später – in seiner eigenen Unterkunft und im Licht dessen, was er am ersten Tag hier im Lager erlebt hatte - darüber nachdachte, konnte er vieles nachvollziehen. Aber trotzdem blieben immer noch genug Fragen übrig, über die er gründlich nachdenken musste. Dafür konnte er sich allerdings Zeit lassen, denn er ging davon aus, ausreichend Gelegenheit dafür zu bekommen, bis er wieder nach Hause gelangte.

Für die Zeit ihres Aufenthaltes im sarischen Lager hatte Bolog das Kommando über die Männer aus dem Oixyyaa übernommen, denn auch Gasar genoss die persönliche Gastfreundschaft einiger Sar. Vamysa und seine neue Ehefrau bewirteten den Ehemann seiner Schwester in ihrem Zelt. Damit waren diese beiden Oixya allerdings die einzigen, die sich die ganze Zeit über bei ihren Gastgebern aufhielten. Die anderen fühlten sich zwischen den sarischen Kriegern nicht wohl und dies lag vor allem daran, dass ihnen jetzt erst bewusst wurde, was es bedeutete, diesen Kriegern erlaubt zu haben, ihre Ketten gegen Schwerter zu tauschen. Zwar hatten sie im Vorfeld bereits gewusst, dass Yriti diese Männer nicht töten wollte, aber erst jetzt wurde ihnen bewusst, dass es ein großer Unterschied war, sie nicht nur lebendig, sondern auch frei und bewaffnet zu erleben. Erst jetzt nahmen die Oixya bewusst wahr, dass ihre ehemaligen Gefangenen fünfmal so viele waren, wie sie selbst. Dazu kam noch die ganze Angelegenheit mit den Frauen, für die Yriti bisher keine Lösung gefunden hatte. Und obwohl er seinen Männern zugesichert hatte, daran zu arbeiten, hielten sie sich von den Kriegern fern.

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In den vergangenen Tagen hatte es lange und ausgiebig geregnet und als Folge davon, hatte sich die Hauptstraße des kleinen Ortes in eine einzige riesige Schlammfläche verwandelt. Sehr wahrscheinlich würde es noch viele Jahre dauern, bis die Wege, die zwischen den Häusern hindurchführten, mit Steinen befestigt werden konnten. Solange blieb den Einwohnern dieses Ortes nichts anderes übrig, als sich mit dem Schlamm abzufinden. Aber zumindest hatten sie in der Zwischenzeit so viele Häuser errichtet, dass jede Familie wenigstens einige Räume bewohnen konnte. Vielen kam es allerdings immer noch seltsam vor, nun auf Holzwände zu blicken, nachdem sie so lange in Zelten hatten leben müssen. Selbst Yriti empfand das als ungewohnt, obwohl er selbst nur wenige Monate gezwungen gewesen war, mit einem Zelt vorliebzunehmen. Zum Glück hatten die Sar in der Gegend, in der sie sich nun angesiedelt hatten, ausreichend Bäume vorgefunden – genau genommen einen ganzen Wald - die sie als Baumaterial nutzen konnten. Allerdings hatten viele der ehemaligen Steppenbewohner Probleme damit, jetzt von Wald umgeben zu sein. Der freie Ausblick des Velt fehlte ihnen mehr, als sie sich das vorher hätten vorstellen können.

Yriti hatte es sich vor dem großen Gebäude gemütlich gemacht, das der Anführer der Sar für sich und seine Ehefrau errichtet hatte. Das Haus war groß genug, um neben den beiden auch für Gäste ausreichend Platz zu bieten. Zum Beispiel für den Ehemann seiner Tochter. Es bot aber ebenfalls genug Platz für Kinder. Eine ganze Menge Kinder, von denen das erste bereits in einigen Monaten zur Welt kommen würde. Aber der Oixya ging davon aus, dass es zu diesem Zeitpunkt, hier in dem noch namenlosen Ort, eine Menge Geburten geben würde. Die Sar hatten einige Monate benötigt, um hierher zu gelangen. Genug Zeit für die frisch verheirateten Paare, sich miteinander bekannt zu machen. Endlich hier angekommen, hatte es weniger Zeit in Anspruch genommen, die Häuser zu errichten.

Yriti staunte immer noch darüber, wie viel die Sar in dieser relativ kurzen Zeit geschafft hatten. Er hatte sie absichtlich bis hierhergeführt, weil er davon ausging, die Oixya würden sie hier nicht aufspüren können. Davon war er auch immer noch überzeugt. Aber er hatte es sich nicht so schwer vorgestellt, sie dazu zu überreden, zur gegenüberliegenden Seite des Sees zu ziehen. Selbst seine eigenen Männer hatten sich ihm zu Beginn widersetzt und es ihm damit nicht einfacher gemacht. Erst nachdem er ihnen gegenüber zugegeben hatte, dass der See auch für ihn lange Zeit so etwas wie das Ende der bekannten Welt dargestellt hatte, konnte er sie zur Weiterreise bewegen. Er hatte ihnen allerdings verschwiegen, dass er selbst immer gedacht hatte, niemand habe die andere Seite des Sees jemals zuvor zu Gesicht bekommen. Nur durch Zufall war er in den alten Archiven auf einen offensichtlich in Vergessenheit geratenen Bericht gestoßen. Damals hatte er sofort verstanden, dass er das perfekte Versteck gefunden hatte.

„Wirst du an deinem Plan festhalten?“ Yriti schaffte es gerade noch, nicht zusammenzuzucken, als Epivas ihn ansprach, denn er hatte nicht mitbekommen, wie der andere sich näherte. Er hatte die letzten Monate dazu genutzt, den Vater seiner Ehefrau besser kennenzulernen. Dabei hatte er auch gelernt, ihm zu vertrauen und nicht etwa nur, weil ihm nicht viel anderes übrigblieb. Auf der Reise, aber auch hier, hatte er ihn als einen Mann erlebt, dem andere gerne Vertrauen schenkten und daher ging er nicht davon aus, der Krieger werde ihn jetzt noch hintergehen. Trotzdem fühlte er sich in seiner Nähe immer etwas unwohl, da Epivas einfach einschüchternd wirkte, selbst wenn er es nicht darauf anlegte. Vor ihm wollte er sich auf keinem Fall die Blöße geben, unachtsam zu sein.

Yriti hatte den Fehler in seinem Plan erst entdeckt, als es bereits zu spät war. Vielleicht war er zu sehr von sich selbst eingenommen, denn er war nicht auf die Idee gekommen, er könne nicht in der Lage sein, zurückzukehren. Dieser Gedanke kam ihm erst nach seiner Ankunft hier. Epivas hatte ihm zwar immer wieder versichert, seine Männer und er hätten nichts zu befürchten, trotzdem konnte er das Gefühl von Gefahr nicht loswerden. Alleine schon die Tatsache, dass der andere das Problem ansprach, bewies seiner Meinung nach, dass er darüber nachgedacht hatte. Aber er hatte auch gelernt, dass den Sar Ehre und Versprechungen sehr wichtig waren. Diese Einstellung würde ihrem Anführer nicht erlauben, sein Wort zu brechen und deshalb musste er seinen Rettern erlauben, wieder nach Hause zurückzukehren. Trotz des Risikos, das er damit einging.

„Mir bleibt nichts anderes übrig. Wenn wir uns nicht bald auf den Weg nach Hause machen, dann sind wir eventuell immer noch hier, wenn die ersten Kinder auf die Welt kommen. Glaubst du, Väter würden ihre Söhne verlassen? Ich glaube das nicht. Aber ich kann keinen meiner Männer entbehren. Sie müssen mich zurückbegleiten oder ich bekomme Probleme damit, den zweiten Teil meines Plans umzusetzen. Eure Frauen verlassen sich auf mich.“ Es konnte nicht schaden, den Sar an die Ehefrauen und Kinder zu erinnern, die hatten zurückbleiben müssen.

Epivas ließ sich neben ihm nieder. „Ich verlasse mich auf dich, was die Frauen angeht. Ich weiß, du wirst dich um Feasae kümmern. Sie gehört jetzt zu deiner Familie, deshalb trägst du die Verantwortung für sie.“ Yriti hatte inzwischen begriffen, wie wichtig dem anderen diese Angelegenheit war. Er wusste, der Sar hatte seine Worte völlig ernst gemeint. Sie waren lange genug gemeinsam unterwegs gewesen und er hatte genügend Zeit gehabt, um zu verstehen, dass der sarische Krieger seine Frau und seine Tochter nur sehr ungern zurückgelassen hatte. Dies galt im Übrigen auch für die Frauen und Kinder der anderen Sar. Keiner der Krieger hatte wirklich ohne sie gehen wollen. Aber ihnen allen war bewusst, dass ihre Flucht nicht anders hatte vonstattengehen können. Deshalb mussten sie sich auf die Millir verlassen und genau darauf spekulierte Yriti nun. Schließlich war er nicht lebensmüde.

Er blickte den Vater seiner Ehefrau von der Seite her an. „Ich kann es gar nicht erwarten, zu meiner Frau zurückzukehren. Und ich versichere dir, ich werde mich meiner Verantwortung nicht entziehen.“ Der andere beobachtete ihn sehr genau.

„Wenn du erst wieder nach Hause zurückgekehrt bist, wirst du derjenige sein, der all diejenigen anführt, die zurückbleiben mussten. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, dir noch etwas über die Sar zu erzählen. Dabei handelt es sich um etwas, dass kaum jemandem bekannt ist. Ich rate dir, es weitgehend für dich zu behalten, weil es das Selbstverständnis der Sar erschüttern würde. Aber selbstverständlich werde ich dir in dieser Hinsicht keine Vorschriften machen, denn mir ist bekannt, dass du deine Entscheidungen danach treffen musst, was sich nach deiner Rückkehr ergibt. Abgesehen davon, werde ich ja auch nicht in der Lage sein, dich zu beeinflussen. Es kann sein, dass du zu dem Schluss kommst, jeder solle darüber Bescheid wissen. Ich habe auf jeden Fall vor, es nur meinen Söhnen zu erzählen, sobald sie alt genug sind. Vielleicht wirst du es ebenso halten.“ Epivas machte eine Pause, als erwartete er, Yriti werde sich zu dem äußern, was er ihm gerade mitgeteilt hatte.

Aber der Oixya blieb still und der andere fuhr schließlich fort: „Die Sar sind nicht wie die anderen Stämme, die ins Velt eingefallen sind und dann von euch besiegt wurden, denn wir haben immer schon dort gelebt. Wir sind ebenfalls Kinder des Velt. Ihr nennt euch die Auserwählten und vielleicht seid ihr das tatsächlich. Aber wir sind die Übrigen.“

Yriti fühlte plötzlich Wut in sich aufsteigen. Er wollte auf keinen Fall glauben, was er da gerade zu hören bekam, denn es widersprach allem, was er jemals gelernt hatte. Hitzig erwiderte er: „Das stimmt nicht! Nur die Oixya sind Kinder des Velt. Ihr wilden Stämme seid nichts als Eindringlinge. Ich lasse mir auf keinen Fall etwas anderes von dir einreden.“ Mühsam unterbrach er seinen Redefluss und schloss seinen Mund wieder. Er verstand es selbst nicht, aber diese Worte hatten ihn wütend gemacht. Niemals hätte er gedacht, dass ihn dieses Thema derart berühren würde.

Der große Krieger lachte leise. „Ich will dir nicht zu nahetreten, Yriti, aber ihr Oixya seid ziemlich von euch eingenommen. Ihr haltet euch wahrhaftig für die Auserwählten.“ Er holte tief Luft. „Aber ich will dir auch gar nicht widersprechen. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass die Oixya die Kinder des Velt sind. Aber die Sar sind es auch. Eigentlich sind wir nämlich ebenfalls Oixya.“ Er hörte auf zu sprechen und sah Yriti an. Diesmal wollte er ganz offensichtlich auf dessen Reaktion warten.

Der Milli schüttelte vehement den Kopf. „Ihr seid keine Oixya. Niemals! Wie kommst du nur darauf?“

„Weil es der Wahrheit entspricht. Natürlich entspricht es auch der Wahrheit, dass wir heute Sar sind. Aber unsere Vorfahren waren Oixya. Was meinst du denn, was aus den Menschen geworden ist, die ihr verbannt habt? Glaubst du wirklich, die wären alle auf der Stelle gestorben? Oder aus dem Velt heraus gewandert? Aber das Velt war immer noch ihre Heimat, auch wenn sie nicht mehr zum Bund gehören durften. Also haben sie sich eine abgeschiedene Gegend gesucht, sich dort verkrochen und gehofft, eurer Aufmerksamkeit zu entgehen.“

Yriti konnte den anderen einfach nur noch anstarren. Er war absolut unfähig, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Eigentlich wollte er es immer noch nicht glauben, aber tief in seinem Innern spürte er, dass der andere ihn nicht angelogen hatte.

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„Was glaubst du, wie weit wir noch von der Stadt entfernt sind?“, wollte der blonde Mann wissen, nachdem er zu ihm aufgeschlossen hatte.

Yriti sah Gasar nachdenklich von der Seite her an. Sein Freund stellte ihm diese Frage nun zum wiederholten Mal. Damit erweckte er den Anschein, es gar nicht erwarten zu können, wieder in die Hauptstadt zurückzukehren. Taepa wartete dort auf ihn, deshalb war es durchaus möglich, dass dies der Grund für Gasars Ungeduld war. Yriti könnte das gut nachvollziehen, denn er selbst wollte Eponai auch gerne so bald wie möglich wiedersehen. Genau wie er selbst, hatte auch sein Freund darauf verzichtet, sich unter den Sar eine zeitweilige Ehefrau zu suchen, obwohl sie beide genug Angebote erhalten hatten. Und es war nicht die Gewissheit gewesen, diese Frauen wieder verlassen zu müssen, die sie davon abgehalten hatte und auch nicht das Wissen, dass sie die Kinder aus diesen Verbindungen, niemals zu Gesicht bekommen würden.

„Meiner Meinung nach, benötigen wir noch zwei Tage, sofern nichts mehr passiert.“ Aber das wusste Gasar auch selbst. Deshalb glaubte Yriti nicht, dass es seinem Freund mit seiner Frage tatsächlich darum ging. Aber er hatte eine gute Vorstellung davon, worauf der andere tatsächlich abzielte.

Gasar zögerte. Ganz offensichtlich konnte er seinen Freund nicht einfach danach fragen, was er eigentlich wissen wollte. Schließlich rang er sich zu einer anderen Frage durch. „Hast du dir bereits Gedanken darüber gemacht, wie du weiter vorgehen willst?“

Yriti schüttelte den Kopf. „Wie soll ich planen, ohne zu wissen, was in unserer Abwesenheit alles geschehen ist. Erst benötige ich mehr Informationen und dazu muss ich Gelegenheit haben, mit einigen Leuten zu sprechen. Aller Wahrscheinlichkeit nach, sogar mit ziemlich vielen Menschen. Erst dann kann ich planen. Vorher nicht.“ Er sah seinen Freund eindringlich an.

Dieser wand sich unbehaglich. Eigentlich war dies ein gutes Zeichen, schließlich sprachen sie gerade über etwas äußerst Unangenehmes. Oder besser gesagt, sprachen sie eben nicht darüber, obwohl beide genau wussten, worum es ging.

„Fürs erste ist nur wichtig, dass die Männer nicht vergessen, überrascht zu wirken.“ Er lachte leise. „Mutter wird mein Bart nicht gefallen. Und vielen anderen auch nicht.“

„Sie werden alle sofort an die Sar denken. Glaubst du tatsächlich immer noch, dies wäre eine gute Idee?“ Der blonde Mann wirkte jetzt auch noch unzufrieden.

Yriti fuhr sich mit der Hand durch seinen Vollbart. „Ich habe nicht vor, darauf zu verzichten. Und ich weiß, dass du und die anderen dies auch nicht wollen. Also müssen wir versuchen, das zu unserem Vorteil zu nutzen. Wir können die Leute verunsichern, wenn wir es schaffen, ihnen weiszumachen, wir hätten uns keine Gedanken darüber gemacht. Sie sollen denken, ihre Reaktion hätte uns völlig überrascht.“

„Du willst, dass sie uns für gedankenlos halten?“

„Genau. Ich will, dass sie uns unterschätzen. Ansonsten könnten sie uns daran hindern, unsere Ziele zu erreichen.“ Yriti blickte sich zu den anderen um, die ihnen folgten. Einige von ihnen ritten, andere waren zu Fuß unterwegs, aber alle machten den Eindruck, eine lange, anstrengende und unangenehme Reise hinter sich zu haben. Was genau der Wahrheit entsprach.

Er sah wieder zu Gasar zurück. „Die Männer sehen müde aus. Das ist gut. Aber sie müssen auch den Eindruck erwecken, sich darüber zu freuen, wieder nach Hause zu kommen. Sie waren weg, mussten etwas Unangenehmes erledigen und sind nun heimgekehrt. Würdest du bitte mit ihnen sprechen. Und sie noch einmal an diese Sache mit der Überraschung erinnern.“

Der andere nickte und ließ sich sofort zurückfallen. Yriti blickte ihm hinterher, bevor er sich wieder auf das konzentrierte, was vor ihm lag. Er konnte noch nichts von der Stadt sehen, aber er wusste, dass sie auf ihn wartete. Auf ihn und die anderen. Auf seinen Freund Gasar, den er kannte, seit sie kleine Jungen waren. Und der nun ein anderer Mensch war, als vor dieser Reise. Dies galt auch für ihn selbst. Auch zuvor schon, hatte es einen gewissen Unterschied zwischen ihnen gegeben, schließlich war er der Sohn der Soloti. Aber ihrer Freundschaft hatte dies nie geschadet. Aber nun hatte sich eine Kluft zwischen ihnen aufgetan. Denn jetzt war er der Anführer dieser Krieger.

Und er hatte jetzt eine Mission. Er hatte Versprechen abgegeben und Vereinbarungen getroffen, die er einhalten musste. Die er auch einhalten wollte. Aber um dies tun zu können, musste er dafür sorgen, dass seine Mutter und seine Brüder nicht misstrauisch wurden. Er musste aber auch dafür sorgen, dass er der Nachfolger seiner Mutter wurde. Und es gab nur zwei Möglichkeiten, dies zu gewährleisten. Entweder er sorgte dafür, dass die Soloti ihn auswählte, weil er der Geeignetste war oder, weil sie keine andere Wahl hatte. Die erste Möglichkeit wäre ihm lieber. Die zweite hingegen würde ziemlich schmerzhaft werden, denn er würde seine Brüder sicherlich vermissen.

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Yriti wäre niemals auf die Idee gekommen, es könnte einmal eine Zeit geben, wenn er es genösse, in einem Zelt im sarischen Lager zu sitzen. Aber er hatte festgestellt, dass er es liebte, Eponai bei ihren häuslichen Tätigkeiten zu beobachten, auch wenn er zu seinem Leidwesen nur selten Gelegenheit dazu bekam. Zwar war es nicht schwierig für ihn, das Lager ab und an zu besuchen – offiziell sprach er mit Feasae über die verbannten Sar – trotzdem durfte er beim Betreten oder Verlassen nicht zu oft gesehen werden. Dies könnte einige Leute misstrauisch machen.

Auf der anderen Seite, war sein Zelt aber auch der einzige Ort, an dem er über seine Pläne sprechen konnte, ohne befürchten zu müssen, belauscht zu werden. Wenn er sich hier aufhielt, hatte er keine Angst, jemand würde ihn verraten. Deshalb versuchte er, seine wichtigsten Besprechungen immer hier abzuhalten und aus diesem Grund, saß Gasar nun in seinem Zelt und Feasae war ebenfalls anwesend. Für die anderen Oixya galt die Sar immer noch als Ansprechpartnerin für das Lager. Keiner in der Stadt wusste, dass die Sar einen neuen Anführer hatten. Dies war auch gut so, denn schließlich musste das noch ein Geheimnis bleiben. Nach allem was sie wussten, sogar noch für etliche Jahre.

Seit seiner Rückkehr in die Hauptstadt hatte er vorsichtig sein müssen, obwohl er es sich schwieriger vorgestellt hatte. Selbstverständlich waren seine Mutter und Wistitt beunruhigt, vor allem, weil nicht nur er, sondern auch alle seine Männer, sich einen Bart hatten wachsen lassen, aber sie hatten seine Erklärung akzeptiert. Es war möglich, dass sie nicht darüber hatten nachdenken wollen, was tatsächlich geschehen war. Oder besser gesagt, sie hatten nicht über das nachdenken wollen, von dem sie glaubten, es wäre geschehen. Fanadja hingegen hatte ihn überrascht. Der jüngere seiner Brüder hatte ebenfalls begonnen, sich einen Bart wachsen zu lassen. Yriti hatte allerdings noch nicht herausgefunden, ob dies mehr als nur eine Äußerlichkeit war.

Dagegen machte das schlechte Gewissen seiner Mutter es ihm leichter, das Lager zu besuchen. Sie konnte durchaus nachvollziehen, dass die dort lebenden Frauen wissen wollten, was mit ihren angeblich verbannten Männern geschehen war. Da außer ihm und seinen beiden Vertrauten kein Oixya das Lager jemals aufsuchte, hatte auch niemand mitbekommen, dass er hier nun ein eigenes Zelt besaß. Ebenso wie Gasar. Und wenn er die Zeichen richtig deutete, dann würde es nicht mehr lange dauern, bis auch Bolog eine Ehefrau und einen Haushalt im Lager sein Eigen nennen würde. Yriti erwartete eigentlich jeden Tag, dass er ihn um die Erlaubnis bitten würde, Tryda zu heiraten. Für die sarischen Frauen nahm er nun die Stelle ihrer Väter ein. Und so, wie sich alles entwickelte, ging er davon aus, dass der Rest seiner Männer zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls Frauen aus dem Lager heiraten würde. Zurzeit befand sich allerdings keiner von ihnen in der Stadt. Er hatte sie weggeschickt. Wenn die Menschen sie nicht mehr zu Gesicht bekamen, dann dachten sie auch nach kurzer Zeit nicht mehr an sie. Dies hatte er als Berater seiner Mutter gelernt.

Nun saß er wieder mal in seinem Zelt, weil er etwas Wichtiges mit den beiden Personen zu besprechen hatte, die genau genommen seine beiden Stellvertreter waren. Feasae hier im Lager der Frauen und Gasar bei seinen Männern.

Yriti sah seiner Ehefrau zu, während sie ihren Gästen Tee einschenkte. Er beobachtete sie wirklich sehr gerne, er liebte ihre Art sich zu bewegen. Sie würde ebenfalls bei dieser Besprechung anwesend sein, aber sie wusste, dass sie sich nicht einzumischen hatte. Dies gehörte sich für eine sarische Frau nicht. Sie waren für alles zuständig, was ihren eigenen Haushalt betraf, einschließlich der Entscheidung, welche Gäste sie empfangen wollten, aber alles, was darüber hinausging, war die Sache des männlichen Familienoberhaupts. Ihm persönlich gefiel diese Art der Arbeitsaufteilung, aber er wusste natürlich, dass die meisten Oixya ihm in dieser Hinsicht niemals zustimmen würden. Noch nicht zumindest. Aber er arbeitete daran.

„Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, welcher unserer Männer uns bei dem Problem mit der Nachfolge helfen könnte. Wie es dein Wunsch war.“ Gasar nippte an seinem Tee, als spräche er über etwas Belangloses.

Yriti blickte ihn an. Sein Freund hatte sich ziemlich verändert. Aber das verwunderte ihn nicht weiter, denn schließlich hatte er sich selbst auch verändert. Ihre gemeinsame Reise hatte sie verändert. Und nicht nur äußerlich.

„Ich danke dir für deine Mühen, aber ich hoffe, du freust dich zu hören, dass es kein Problem mehr gibt, um das wir uns kümmern müssten, mein Freund.“ Er selbst war auf jeden Fall froh darüber, keinen seiner Männer einsetzen zu müssen.

Der blonde Milli sah ihn ungläubig an. „Was meinst du damit, wir hätten kein Problem? Deine Brüder sind doch nicht plötzlich gestorben, oder?“ Gasar wusste natürlich, dass dies nicht der Fall war, aber er verstand ganz offensichtlich nicht, worauf sein Anführer hinauswollte.

„Wir sollten uns glücklich schätzen, dass meine Brüder nicht sterben müssen. Ich schätze mich auf jeden Fall glücklich“, beantwortete Yriti die Frage seines Freundes, aber er konnte ihm ansehen, dass dieser immer noch nicht verstanden hatte, was los war.

In diesem Moment konnte er nicht anders, er musste über Gasars Gesichtsausdruck lachen. „Verzeih mir, mein Freund, ich versichere dir, ich hatte nicht vor, mich über dich lustig zu machen. Aber du solltest dein Gesicht sehen.“ Er unterdrückte mit Mühe den Drang weiterzulachen. „Ich habe die Nachfolgeregelung meiner Mutter gefunden, Gasar. Darin hat sie mich benannt. Ich muss nur noch dafür sorgen, dass sie ihre Meinung nicht mehr ändert.“

Aber Gasar konnte seine gute Laune offenbar nicht teilen und auch Feasae sah nicht wirklich glücklich aus. „Was ist los mit euch? Ich finde diese Nachricht gut.“ Er sah die beiden fragend an.

Sein Freund verzog das Gesicht. „Deine Mutter könnte noch Jahre leben. Solange musst du sie bei Laune halten. Hältst du das für einfach? Ich nicht.“ Gasar blickte in seinen Becher und machte den Eindruck, als wünsche er sich, dieser enthielte etwas anderes als Tee.

Feasae wirkte nachdenklich. „Ich wünsche der Soloti nicht Schlechtes, sie hat uns freundlich aufgenommen, aber das Leben gibt und das Leben nimmt. Wir haben keinerlei Einfluss darauf. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns zu gedulden.“ In aller Ruhe trank sie ihren Tee aus und ließ sich von Eponai nachschenken. Erst im Nachhinein fiel Yriti auf, dass sie es vermieden hatte, ihm in die Augen zu blicken.

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Yriti starrte auf den Leichnam seiner Mutter, den man, ebenso wie den ihres Vaters, im Heiligtum, im Saal des Todes, aufgebahrt hatte. Obwohl damals noch ein kleiner Junge, konnte er sich noch gut an die Zeremonie nach dem Tod seines Großvaters erinnern. Er hatte nie vergessen, wie man den Körper, der ebenfalls auf dem steinernen Tisch in der Mitte des Raumes aufgebahrt worden war, mit einem Tuch bedeckt hatte, damit der Anblick des in der Schlacht gefallenen Soloti den Anwesenden erspart bliebe, und wie seine Mutter und sein Onkel wie erstarrt vor dem Tisch gestanden hatten. Selbst in seinem jungen Alter hatte er gewusst, dass einer von den beiden der oder die neue Soloti werden würde, aber niemand hatte den letzten Willen des verstorbenen Herrschers im Vorfeld gekannt.

Nun stand er wieder hier, aber diesmal war es seine Mutter, die auf dem steinernen Tisch lag. Im Gegensatz zu ihrem Vater, war sie nicht im Kampf gefallen, sie war einfach eingeschlafen, von einer Krankheit ihrer gesamten Kraft beraubt. Aus diesem Grund, hatte es keinen Anlass gegeben, sie mit einem Tuch abzudecken. Neben ihm befanden sich seine Brüder Wistitt und Fanadja und starrten ebenfalls auf den Körper. Er wusste, dass keiner von den beiden – genauso wenig wie er selbst – erwartet hatte, zu so einem frühen Zeitpunkt im Leben seiner Mutter hier im Saal des Todes stehen zu müssen. Mahasa war zwar nicht mehr jung gewesen, aber sie war immer kräftig und gesund geblieben. Bis auf die letzten sechs Monate.

Jetzt standen sie hier, gedachten in aller Stille der Verstorbenen und warteten darauf, dass der Wille ihrer Mutter allen bekanntgegeben wurde. Sie warteten darauf, zu erfahren, wer der nächste Soloti sein würde. Ob seine Brüder davon ausgingen, einer von ihnen könnte es werden? Er konnte ihnen ihre Nervosität ansehen. Er selbst hingegen war völlig ruhig. Er hatte keinen Grund nervös zu sein. Schon vor vielen Jahren hatte er herausgefunden, wo seine Mutter ihre wichtigen Dokumente versteckte und deshalb war es ihm immer wieder möglich gewesen, einen Blick auf diese zu werfen. Auf diesem Weg hatte er erfahren, dass sie ihr Vertrauen in ihn setzte und ihn zu ihrem Nachfolger ernannt hatte. Danach hatte er nur noch dafür sorgen müssen, dass das Dokument im Auge behalten wurde. Daher hatte er gewusst, dass die Soloti es ins Heiligtum gebracht hatte und dass es nicht mehr ausgetauscht worden war. Für ihn würde es keine Überraschung geben. Er konnte davon ausgehen, in Kürze als der nächste Soloti benannt zu werden. Dann würde er seine Frau nicht mehr verstecken müssen. Sie würden noch ein wenig Theater spielen, damit kein Außenstehender bemerkte, dass sie bereits seit einiger Zeit verheiratet waren und dann konnte er sie endlich aus dem Lager holen.

Fanadja räusperte sich und holte Yriti damit aus seinen Gedanken. Sein Bruder konnte seine Ungeduld schlecht verbergen, aber das war nur zu verständlich. Als jüngstem Kind der verstorbenen Soloti, kam dem Siebzehnjährigen die Aufgabe zu, den Anwesenden das Pergament mit der Nachfolgeregelung zu präsentieren. Dabei musste er sich bewusst sein, dass er nicht seinen eigenen Namen verlesen würde. Er war einfach zu jung, um der nächste Herrscher zu werden.

Yriti blickte zu Wistitt hinüber und dieser nickte ihm zu. Er war offensichtlich ebenfalls der Meinung, es wäre nun an der Zeit, dass ihr jüngerer Bruder seinen Teil der Zeremonie erledigte. Fanadja hatte aufgepasst und er verlor keine Zeit. Unverzüglich begab er sich an die Seite des Tisches und griff in die dort befindliche Vertiefung, die nur dazu diente, das Dokument mit dem Willen einer Soloti aufzubewahren. So wie unzählige Herrscher vor ihr, hatte auch sie von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, obwohl es in der Geschichte des Bundes auch Situationen gegeben hatte, in denen ein Herrscher gestorben war, bevor er seinen Willen im Heiligtum hinterlegen konnte. Aber Yriti war ja bekannt, dass seine Mutter etwas hinterlegt hatte.

Inzwischen hatte sein Bruder eine Pergamentrolle hervorgeholt und drehte sie so, dass die Anwesenden das unversehrte Siegel der Soloti erkennen konnten. Alle atmeten erleichtert auf.

„Hier in meiner Hand seht ihr den Willen der Soloti, in dem sie uns mitteilt, wer ihr nachfolgen soll.“ Die Stimme des jungen Mannes war problemlos über den Saal des Todes hinaus zu hören. „Lasst uns nun vor das Volk treten und ihm ihren Willen kundtun.“

Er hielt das Pergament in die Höhe, damit die Menschen in der Lage waren, es im Auge zu behalten, während er sich aus dem Gebäude hinausbegab. An der Vorderseite des Heiligtums befand sich eine Treppe, die zu einem Balkon führte, der vor allem dafür genutzt wurde, dem Volk – oder besser gesagt, einem Teil davon – mitzuteilen, was sein Herrscher ihm mitteilen wollte. Zu diesen Dingen gehörte selbstverständlich auch, zu erfahren, wer die Nachfolge eines verstorbenen Herrschers antreten würde. Dies war es, was die Menschen am heutigen Tag hören würden. Fanadja hatte bereits damit begonnen, die Treppe zu erklimmen – das Pergament immer noch in die Höhe haltend – und Wistitt folgte direkt hinter ihm, während Yriti den Abschluss bildete.

Der junge Mann wartete, bis seine beiden älteren Brüder neben ihm standen, erst dann brach er das Siegel und entrollte das Pergament. Einen Augenblick blieb er still, während er den Text überflog, dann hob er seinen Kopf und sah geradeaus über die Menschenmenge hinweg, die ihn aufmerksam beobachtete. Jeder, der ihn in diesem Moment sah, wusste sofort, dass er nicht seinen eigenen Namen gelesen hatte.

„Dies sind die Worte und der Wille der Soloti Mahasa, Tochter des Gosipa, die kundgetan werden sollen, nach ihrem Tod.“ Fanadja machte eine Pause, er musste tief Luft holen, um seine Nervosität unter Kontrolle zu bekommen. Auch wenn er sie nicht verbergen konnte, schaffte er es trotzdem, seine Stimme fest klingenzulassen. „Zu meinem Nachfolger bestimme ich meinen Sohn Yriti, Sohn der Mahasa. Das Leben sei mit ihm.“

Mehr stand nicht in dem Pergament. Fanadja wäre aber auch nicht in der Lage gewesen, weitere Worte zu verkünden. Die unter ihm Stehenden waren sofort in einen ohrenbetäubenden Jubel ausgebrochen, um ihren neuen Soloti zu ehren. Der Jüngere trat zurück und Wistitt tat es ihm gleich. Yriti blieb alleine vorne auf dem Balkon stehen, damit alle ihn sehen konnten. Es kostete ihn fast seine gesamte Kraft, seinem Gesicht nicht anmerken zu lassen, wie zufrieden er war. Stattdessen versuchte er so etwas wie Überraschung zu zeigen. Niemand durfte auf die Idee kommen, er hätte bereits vor der Verkündung Bescheid gewusst.

Im Nachhinein würde Yriti niemals im Stande sein, nachzuvollziehen, wie lange er dort gestanden und dem Jubel der Menschen gelauscht hatte, aber irgendwann trat auch er so weit zurück, dass man ihn von unten nicht mehr erblicken konnte. Seine Brüder hatten sich vor der hinteren Wand platziert und auf ihn gewartet.

Fanadja strahlte über das ganze Gesicht. „Ich gratuliere dir, Bruder. Ich werde dich immer unterstützen und dir zur Seite stehen.“

Yriti sah ihm prüfend ins Gesicht. Der Jüngere hatte bereits vor einiger Zeit damit begonnen, sich einen Bart stehen zu lassen und viele Personen hatten schon Bemerkungen darüber gemacht, wie ähnlich er und Yriti sich geworden seien. Und nach allem, was der neue Soloti mitbekommen hatte, nicht nur äußerlich.

Er zog den Jüngeren in eine herzliche Umarmung. „Ich danke dir und komme gerne auf deine Unterstützung zurück.“ Dann wandte er sich seinem zweiten Bruder zu.

Wistitt blickte ihn mit ernstem Gesicht an. Immer schon, hatte er sich von seinen beiden Brüdern unterschieden und dies zeigte sich nicht nur darin, dass er kleiner und schmaler als die anderen beiden war. Er blieb lieber für sich, im Gegensatz zu Yriti und Fanadja. „Ich gratuliere dir ebenfalls, Bruder. Selbstverständlich stehe ich dir als Berater zur Verfügung, wie ich auch unserer Mutter zur Verfügung gestanden habe.“

Yriti umarmte ihn ebenfalls. „Auch dir danke ich. Und ich freue mich darauf, deine Ratschläge zu hören zu bekommen. Ich weiß, dass Mutter sich immer auf dich verlassen konnte.“ Ob auch er sich auf seinen Bruder würde verlassen können, würde erst die nächste Zeit zeigen.

Aber wie seine Brüder auch zu ihm stehen mochten, war dies zu diesem Zeitpunkt nicht das Wichtigste für ihn. Endlich war der Zeitpunkt gekommen, an dem er seine Eponai auch offiziell heiraten und mit ihr zusammenleben konnte. Und darauf wartete er bereits seit geraumer Zeit.

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Yriti beobachtete seine Gäste. Er hatte die Angehörigen seiner Familie zu sich in den Palast eingeladen, um mit ihnen, in seinem privaten Bereich, zu feiern. Aber auch seine besten Freunde hatten sich auf seine Einladung hin, in dem großen Empfangsraum eingefunden. Sie alle waren gekommen, um ihm zur Geburt seiner Tochter Tiripa zu gratulieren. Selbstverständlich waren seine beiden Brüder anwesend. Fanadja – der immer mehr wie eine jüngere Version seiner selbst wirkte – mit seiner hochschwangeren Ehefrau Pajosa und Wistitt mit seiner Frau Xasapon – einer Milli – und den zwei gemeinsamen Töchtern. Sein Freund und Stellvertreter Gasar war der Einladung ebenfalls gefolgt und hatte seine Frau Taepa und seine Tochter mitgebracht und auch Bolog war rechtzeitig in die Hauptstadt zurückgekehrt, um mit Tryda und seinen Kindern an der Feier teilnehmen zu können.

Die Frauen – bis auf die Milli – hatten sich gemeinsam in eine Ecke des großen Raumes zurückgezogen. Yriti hatte dies erwartet, waren sie doch alle Sar. Fanadja stand neben Gasar und Bolog, ganz in der Nähe, aber sein Bruder Wistitt hatte sich mit seiner Frau und dem Baby in eine andere Ecke begeben. Die beiden wirkten auf ihn allerdings nicht so, als würden sie sich wohl fühlen.

Und schließlich waren da noch die älteren Kinder. Es gab sechs von ihnen, im Alter zwischen drei und sechs Jahren, die im ganzen Raum herumrannten und sich nicht an der angespannten Stimmung der Erwachsenen störten. Sein sechsjähriger Sohn Haxym hatte wie immer die Führung übernommen und dessen zwei Jahre jüngerer Bruder Djepyo folgte ihm auf den Fersen, genauso wie Gasars Tochter Cayhma, obwohl sein Sohn sie meistens ignorierte und ansonsten herumkommandierte. Der dreijährige Xasfa – Bologs jüngerer Sohn - hätte sich ihnen gerne angeschlossen, aber die etwas Älteren ließen ihm keine Chance dazu. Aber dessen älterer Bruder Maysap folgte dem, nur wenige Wochen früher geborenen, Haxym, wie ein Schatten. Einzig Wistitts vierjährige Tochter Xaeva ließ sich von Yritis Sohn nichts sagen. Sie kam offensichtlich ganz nach ihrer Mutter und der Soloti war sich sicher, dass sie– wie Xasapon – einmal eine Milli werden würde. Cayhma hingegen würde eine sarische Ehefrau werden und sie und Haxym waren bereits vor zwei Jahren verlobt worden. Natürlich nicht in der Öffentlichkeit, denn so etwas wurde im Oixyyaa überhaupt nicht gut aufgenommen. Yriti und seine Anhänger waren in dieser Hinsicht selbstverständlich anderer Meinung, aber zu seinem Leidwesen konnte er es sich nicht erlauben, offen gegen die alten Bräuche zu verstoßen. Dies hatte sich selbst acht Jahre nach Antritt seiner Herrschaft noch nicht geändert. Ihm war klar, dass er noch viel Arbeit vor sich hatte.

Yriti blickte erneut zum älteren seiner Brüder hinüber. Wistitt unterhielt sich erregt, aber trotzdem mit gesenkter Stimme, mit seiner Ehefrau. Die beiden erweckten den Eindruck, über irgendetwas zu streiten. Sein Bruder wirkte gleichzeitig unglücklich und bestimmt, Xasapon sah jedoch ziemlich wütend aus, obwohl sie sich zurückhielt. Yriti fand es erstaunlich, dass sie so leise bleiben konnte, war sie doch für ihr aufbrausendes Temperament bekannt. Als sein Bruder sie vor sieben Jahren geheiratet hatte, hatte dies alle sehr erstaunt. Die beiden schienen so gar nicht zusammenzupassen. Aber offenbar hatten sich alle geirrt, denn die Verbindung hatte nicht nur bis heute gehalten, sondern schien auch sehr glücklich zu sein.

„Ich lasse mir von dir nichts befehlen.“ Haxym gab sich selten die Mühe leise zu sprechen. Inzwischen war Yriti zu der Überzeugung gekommen, dass sein Sohn überhaupt nicht wusste, wie man leise sprach. Aber das war für ihn schon in Ordnung und störte ihn nicht. Allerdings gefiel ihm überhaupt nicht, wie der Junge mit seiner Mutter umging. Deshalb erhob er sich aus seinem Sessel und ging hinüber, um sich direkt hinter seinen Sohn zu stellen.

„Haxym, ich will nicht, dass du so mit deiner Mutter sprichst. Du weißt, dass du ihr im Haus zu gehorchen hast.“ Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, bereute er sie auch schon. Aber nicht, weil er seinen Sohn gemaßregelt hatte, sondern weil er nicht daran gedacht hatte, dass sie nicht unter sich waren. Vorsichtig blickte er sich nach seinem Bruder um, der aber offenbar immer noch mit seiner Frau stritt. Er machte nicht den Eindruck, als hätte er zugehört, aber Yriti konnte sich nicht sicher sein. Wieder einmal ermahnte er sich, aufmerksamer zu sein, wenn Wistitt in der Nähe war. Vielleicht wurde es Zeit, sich von ihm zu trennen.

Er wandte sich wieder seinem Sohn zu. Der hatte sich in der Zwischenzeit zu ihm umgedreht und schmollte. Yriti fand es eigentlich nicht schlecht, dass der Junge versuchte, sich durchzusetzen, aber er musste verstehen, dass seine Mutter im Haus das Sagen hatte. Er war zwar erst sechs, aber um das zu begreifen, war er eigentlich alt genug. „Halte dich an die Regeln!“, befahl er ihm noch einmal mit leiser, aber nachdrücklicher Stimme. „Du kennst die Folgen, wenn du sie nicht befolgst.“ Leider kam es immer wieder vor, dass Haxym es vorzog, lieber eine Bestrafung zu riskieren, als sich zurückzuhalten, vor allem wenn er der Meinung war, er sei eigentlich im Recht. Und sein Freund Maysap bestärkte ihn darin. Das war heute nicht anders, als sonst auch.

Plötzlich meinte der Soloti jemanden hinter sich zu spüren, obwohl er keine Bewegung wahrgenommen hatte. Als er über seine Schulter blickte, fiel sein Auge auf seinen blonden Freund Gasar. Der Milli, der die Verbindung zwischen dem Herrscher und den Männern war, die sich ihm angeschlossen hatten, trug, wie sie alle, ebenfalls einen Vollbart. Diese Art Bart war zu ihrem Erkennungszeichen geworden, denn ansonsten trug kaum jemand einen. Zumindest in der Hauptstadt nicht. „Hat Wistitt etwas mitbekommen?“, erkundigte er sich leise bei ihm.

„Er hat kurz zu dir herübergeschaut“, kam die ebenso leise Antwort von hinten, „aber ich konnte nicht erkennen, ob er verstanden hat, was du gesagt hast. Oder besser gesagt, was du mit deinen Worten gemeint hast. Glaubst du, das wird ein Problem?“

„Wenn ich das wüsste?“ Normalerweise reagierte Yriti nicht so unschlüssig. Aber diesmal handelte es sich um seinen Bruder und das änderte doch einiges. „Ich werde das im Auge behalten müssen.“

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Sohn zu, der inzwischen weitere Verstärkung durch seinen jüngeren Bruder erhalten hatte. Djepyo neigte normalerweise nicht dazu, die Autorität seiner Mutter in Frage zu stellen – schließlich war er erst vier – aber wenn er mit seinem Bruder zusammen war, dann versuchte er diesen nachzuahmen. Deshalb stand er nun neben ihm und funkelte seinen Vater an. Und hinter den drei Jungen stand Cayhma. Sie war ein Stück größer als Haxym, obwohl sie ein Jahr jünger war, dennoch spielte sie sich nie in den Vordergrund. Sie hatte bereits die Haltung der sarischen Frauen verinnerlicht, die ihre Mutter ihr in ihrem Zuhause vorlebte. Aus diesem Grund würde sie ihren Verlobten in der Öffentlichkeit niemals in Verlegenheit bringen. Gasar und Taepa waren sehr stolz auf ihre Tochter. Sie waren aber auch sehr stolz auf ihre Verbindung zu dem Jungen, der seinem Vater einmal als Herrscher nachfolgen würde. Während Yriti die vier streng musterte, konnte er nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken.

„Selbst, wenn er heute nichts mitbekommen hat, wird es immer schwieriger werden, das ist dir doch klar oder?“ Gasar ließ nicht so schnell locker, wenn ihn die Sorge umtrieb, ein Außenstehender könne zu viel mitbekommen. Es war seine Aufgabe, sich darum zu sorgen, jemand könne sehen, wie sie tatsächlich lebten. Für solche Fälle hatte er eine ganz einfache Lösung parat. Zuerst gab er der betreffenden Person die Möglichkeit, sich ihnen anzuschließen. Einige gingen immer auf das Angebot ein und die meisten meinten es sogar ernst. Die anderen – die, die es nicht ernst meinten oder die, die sich ihnen von vornherein nicht hatten anschließen wollen – kehrten von dem Gespräch mit ihm nicht zurück. Dies war der Grund, warum Yriti ihm das Problem mit seinem Bruder nicht übergeben wollte. Eben weil es sein Bruder war. In diesem Moment war er sehr froh darüber, dass zumindest Fanadja sich ihnen aus ganzer Überzeugung angeschlossen hatte.

„Ich sagte doch bereits, dass ich es im Auge behalten werde!“ Er sprach selten in einem so scharfen Tonfall mit seinem Freund, aber manchmal neigte Gasar zu übereilten Entscheidungen. Dem wollte Yriti zuvorkommen.

Gasar zog sich wieder zurück und gesellte sich stattdessen zu seiner Frau. Taepa fühlte sich bei diesen Familientreffen nie wirklich wohl. Vielleicht hing das damit zusammen, dass sie keine weiteren Kinder bekommen konnte. Gasar hatte nie Anstalten gemacht, sie deswegen zu verlassen, aber seine Frau kam sich offenbar weniger wert vor, als die anderen Frauen. Und die Kinder der anderen erinnerten sie an ihren Mangel. Manchmal wünschte Yriti sich, er hätte die Möglichkeit, seinen besten Freund mit einem Erben zu versorgen, aber das Leben hatte anders entschieden. Die Menschen konnten daran nichts ändern. Er tröstete sich dann jedes Mal mit dem Gedanken, dass Männer auch noch im hohen Alter Väter werden konnten und Yriti war sich sicher, dass sein Freund noch viele Jahre vor sich hatte.

Haxym hatte wohl inzwischen eingesehen, dass er seinen Vater nicht umstimmen konnte und er zog sich mit seinen Begleitern zurück. Xaeva hatte das Ganze aus der Mitte des Raums beobachtet. Sie gehörte nicht zu den Kindern, die seinem Sohn folgten. Selbst in ihrem Alter, bevorzugte sie bereits ihre Unabhängigkeit. Nachdem das kleine Problem mit seinem Sohn nun gelöst war, konnte sich Yriti wieder den Erwachsenen widmen. Jetzt kam er nicht mehr darum herum, über sein Problem mit Wistitt nachzudenken.

Als hätte sein Bruder seine Gedanken gelesen, näherte er sich ihm auf einmal, völlig unerwartet. „Hast du einen Augenblick Zeit für mich, Bruder?“, fragte er ihn mit angespanntem Gesicht.

Der Soloti bat das Leben darum, Wistitt möge ihn nicht darauf ansprechen, was er – so unvorsichtiger Weise – zu seinem Sohn gesagt hatte, weil er in diesem Fall das Problem doch noch an Gasar übergeben müsste.

„Natürlich Wistitt. Was hast du auf dem Herzen?“ Er bat seinen Bruder mit einer Handbewegung, ihn zur Rückseite des Raums zu begleiten. Dort würden sie sich in Ruhe unterhalten können. Gleichzeitig entging ihm nicht, dass Gasar ihn und Wistitt genau im Auge behielt.

„Es tut mir sehr leid, Yriti, dich an dem Tag, an dem du nur die Geburt deiner Tochter feiern willst, damit zu behelligen.“ Wistitt machte eine Pause und Yriti zwang sich dazu, ruhig und gleichmäßig weiter zu atmen.

„Du weißt, dass du dich immer an mich wenden kannst, jederzeit.“ Er versuchte ganz ruhig zu erscheinen, war sich aber nicht sicher, ob ihm das gelang.

Wistitt zögerte. Ihm schien es schwerzufallen weiterzusprechen. Aber dann holte er tief Luft. „Als du unserer Mutter als Soloti folgtest, habe ich dir versprochen, dir als Berater zur Seite zu stehen. Aber heute muss ich dir leider mitteilen, dass ich damit nicht mehr weitermachen kann.“ Seine Worte sprudelten nur so aus ihm heraus, als hätte er Angst, er könnte sie nicht hervorbringen, sollte er langsamer sprechen.

Yriti ließ Bestürzung auf seinem Gesicht erscheinen. Das war einfacher als er gedacht hatte, denn er war tatsächlich bestürzt. Hatte sein Bruder doch etwas mitbekommen? „Warum kannst du mich nicht mehr beraten, Wistitt?“

Sein Bruder blickte beschämt zu Boden, bevor er sich zu einer Antwort durchrang. „Seit der Geburt von Ymmuit habe ich das Gefühl, meine Familie zu vernachlässigen. So wichtig wie es mir ist, dich zu beraten, es gibt andere, die mich ersetzen können. Aber nur ich kann mich um meine Frau und meine Töchter kümmern. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, mit ihnen aus der Hauptstadt wegzuziehen. In einer der kleineren Städte, werden meine Kinder unbeschwert aufwachsen können. Aber vor allem wird es Xasapon besser gehen, denn sie hat sich hier seit der Geburt unseres zweiten Kindes nicht mehr wohlgefühlt. Und du weißt, wie wichtig mir meine Familie ist.“

Offensichtlich hatte das Leben Yritis Bitte doch erhört. Er atmete erleichtert auf. „Es tut mir sehr leid, dich als Berater zu verlieren, Bruder, aber du hast recht damit, wie wichtig die Familie ist. Weißt du schon, wohin ihr gehen werdet?“ Soeben hatte sich sein Problem von selbst gelöst, da sein Bruder sich aus seiner Nähe entfernen wollte. Noch besser war, dass er offensichtlich keinen Verdacht geschöpft hatte. Yriti kannte Wistitt und war sich deshalb sicher, er hätte es ansonsten angesprochen oder besser gesagt, Xasapon hätte dafür gesorgt, dass er die Wahrheit nicht verheimlichte.

„Wahrscheinlich werden wir in die Nähe von Xasapons Eltern ziehen, weil uns das als die beste Lösung erscheint.“ Sein Bruder machte eine kurze Pause und Yriti glaubte, er wolle nichts mehr sagen. Aber dann sprach er doch noch weiter. „Es wäre schön, falls du es erlauben würdest, uns bereits jetzt schon von deiner Feier zurückzuziehen. Dir ist sicherlich aufgefallen, dass meine Frau sich nicht wohlfühlt. Und du kennst sie ja, es gefällt ihr nicht, wenn das jemand mitbekommt. Am liebsten wäre sie schon vor einiger Zeit gegangen.“ Wistitt klang so, als wenn ihm das alles sehr unangenehm wäre. Familie – die ganze Familie – war ihm tatsächlich immens wichtig.

Nun wusste Yriti auch, worum es in dem Streit zwischen den beiden gegangen war. „Selbstverständlich darfst du jederzeit gehen. Heute bin ich als Familienvater hier, nicht als dein Herrscher, du musst mich also nicht um Erlaubnis bitten.“ Er umarmte seinen Bruder und nickte dessen Frau zu, erleichtert, dass er nicht auf Gasar zurückgreifen musste, um dieses Problem zu lösen. Denn auch ihm war die Familie wichtig.

Gasar hatte beobachtet, wie er seinen Bruder umarmte und deshalb wusste er nun, dass er sich nicht weiter um die Angelegenheit kümmern musste. Und zusammen mit Yriti sah er zu, wie Wistitt seine Tochter Xaeva an der Hand nahm und dann mit seiner Familie den Raum verließ.

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Epivas und Yovis blickten den Männern lange nach, die sich – teils zu Pferd, teils zu Fuß – langsam von den beiden Sar entfernten. Sie beobachteten die Männer, die sie in den letzten Monaten begleitet und hierhergeführt hatten, bis diese nicht mehr zu sehen waren. Die Personen, die ihnen geholfen hatten, dem Tod zu entgehen, hatten sich wieder auf den Heimweg gemacht.

„Kannst du diesem Mann tatsächlich vertrauen, Gemahl?“, durchbrach die Stimme der Frau die Stille. Zwar waren die beiden erst seit wenigen Monaten miteinander verheiratet – seine erste Frau hatte Epivas bei den Oixya zurücklassen müssen – aber er hatte schnell festgestellt, dass er sich auf sie verlassen konnte und er hatte sich genauso schnell angewöhnt, ihren Ratschlägen, aber auch ihren Fragen aufmerksam zuzuhören. Dabei war ihm auch nicht entgangen, dass sie immer darauf achtete, die Linie zwischen ihrer und seiner Verantwortung nicht zu überschreiten, aber sie hielt sich auch nie damit zurück, ihm ihre Meinung mitzuteilen. Zumindest nicht, solange sie alleine waren. Aus diesem Grund war er sich sicher, dass sie die richtige Frau war, um mit ihm zusammen die Sar wieder zu einem Volk zu machen, mit dem man rechnen musste. Auch wenn sie dazu in eine Gegend hatten ziehen müssen, die so gar nichts mit dem Velt gemein hatte. Und sie hatten dafür genau dem Mann vertrauen müssen, der sich gerade von ihnen entfernte.

„Ich muss ihm vertrauen, Frau, es bleibt mir nichts anderes übrig. Es sei denn, wir wollen weiterziehen und uns an einer anderen Stelle niederlassen. Ich glaube allerdings nicht, dass die anderen Familien dies mitmachen werden.“

Sie seufzte, sagte aber nichts weiter dazu. Sie wusste nur zu gut, dass er recht hatte. Die Sar hatten eine monatelange Wanderung hinter sich und waren hier zum ersten Mal wieder zur Ruhe gekommen. Inzwischen stand jeder Familie zumindest ein Teil eines Hauses zur Verfügung, daher war sie sich sicher – genau wie er selbst –sie würden sich weigern, erneut weiterzuziehen. Alle wollten sich jetzt wieder etwas aufbauen. Epivas wollte das ebenfalls. Und Yovis ging es eigentlich nicht anders, aber sie sah es als eine ihrer Aufgaben an, ihren Gatten zum Nachdenken zu bringen. Sie wusste inzwischen, dass er das an ihr liebte, denn er betrachtete sich immer noch eher als Krieger, und nicht als Herrscher. Am liebsten würde er auch in Zukunft ein Krieger bleiben, aber er wusste auch, dass das nicht möglich war. Sein Volk benötigte einen Herrscher dringender, als einen weiteren Kämpfer.

„Lass uns zurückgehen, die anderen werden sich bereits versammelt haben.“ Er wartete nicht ab, ob sie ihm zustimmte. Er ging einfach davon aus, dass sie tat, was er ihr sagte. Sie befanden sich außerhalb ihres Heims, hier hatte er das Sagen. Yovis war – wie er selbst – der Meinung, dass Frauen nicht stark genug waren, sich dem Leben hier draußen aus eigener Kraft zu stellen. Dafür gab es die Männer, diese würden sie beschützen und die Frauen beugten sich deren Entscheidungen. Das war bei den Sar immer schon so gewesen und hier – in dieser fremden und ungewohnten Umgebung – war es noch viel wichtiger, an diesem Grundsatz festzuhalten.

Er hatte im Vorfeld darauf bestanden, dass ihn an diesem Tag niemand außer Yovis begleiten sollte. Die Frauen, die für einige wenige Monate mit Männern der Oixya verheiratet waren, hatten sich auch nicht in aller Öffentlichkeit verabschieden wollen. Auch wenn sie bereits im Vorhinein gewusst hatten, dass ihre Ehemänner wieder in ihre Heimat zurückkehren würden und sie mit ihren noch ungeborenen Kindern zurückbleiben mussten, fiel ihnen dieser Abschied nicht leicht. Aber sie hatten dieses Opfer für ihr Volk, für die Sar, auf sich genommen. Je mehr Kinder – von verschiedenen Vätern – geboren würden, desto stärker konnten die Sar werden. Sie waren auch in der Vergangenheit niemals zahlreich gewesen und im Kampf mit den Oixya hatten sie fast die Hälfte ihres Volkes verloren. Die Männer waren gefallen, die Frauen hatten im Oixyyaa zurückbleiben müssen. Auch sie hatten sich für den Fortbestand des Volkes geopfert. Epivas konnte nur von ganzem Herzen hoffen, dass Yriti sie gut führen würde. Er hatte versucht, dem Ehemann seiner Tochter alles beizubringen, was wichtig für die Sar war. Er hingegen würde sich um den Teil des Volkes kümmern, der mit ihm hierhergekommen war. Vor allem um die Frauen, die nun keine Ehemänner mehr hatten, denn diese fielen in seine persönliche Verantwortung.

Sein Volk – er hatte tatsächlich begonnen, es als solches anzusehen – erwartete ihn in der Stadt. Er weigerte sich beharrlich, die Siedlung ein Dorf zu nennen, auch wenn sie für eine Stadt eigentlich noch viel zu klein war. Aber der Ort würde wachsen und irgendwann würde daraus tatsächlich eine Stadt werden. Er wusste allerdings nicht, ob er das noch miterleben würde. Aber sein Sohn, dem er irgendwann die Herrschaft übergeben würde, hatte eine gute Chance dazu.

Aber all das lag noch in weiter Zukunft. Er war zuversichtlich, dass die Sar es schaffen würden, auf dieser Seite des Sees eine neue Heimat zu finden, auch wenn es hier ganz anders aussah, als im Velt. Statt der Weite der Steppe, hatten sie es hier mit bewaldeten Höhen und Hügeln zu tun. Statt der Tiere, die ihnen bekannt waren, hatten sie es nun mit ganz anderem Wild zu tun. Aber zumindest hatte es bei den Frauen im Lager Ziegen und Schafe, sowie Hühner und Gänse gegeben, sodass es ihnen zumindest nicht an Nutztieren mangelte. Und sie hatten es nicht nur geschafft, genügend Bäume zu fällen, um Platz für ihre Häuser zu schaffen, sondern auch für Felder. Und dies war ihnen noch so rechtzeitig gelungen, dass sie noch etwas von dem Saatgut hatten aussähen können, welches ihnen – dank Yriti und seinen Oixya – zur Verfügung stand.

Bei ihrer Rückkehr in die Stadt wartete bereits fast die ganze Bevölkerung auf ihn. Diese bestand zurzeit aus über neunhundert Männern, Frauen und Kindern, die sich vor seinem Palast versammelt hatten. Allerdings hatten nicht alle dort Platz finden können, deshalb waren viele der älteren Kinder und der jüngeren Männer auf die Dächer der umliegenden Häuser geklettert. Jede Person, die dies wünschte, würde ihn an diesem Tag sehen und auch hören können. Dessen war er sich sehr bewusst, als er schließlich auf den Balkon seines großen Hauses trat und über die Menge blickte.

„Männer und Frauen der Sar“, rief er aus. „Ab heute sind wir auf uns alleine gestellt. Nun liegt es an uns, dafür zu sorgen, dass unsere Stadt weiterwächst. Es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass es auch in späteren Jahren noch Sar geben wird. Nur wir können das schaffen. Und mit ‚wir‘ meine ich euch Männer und euch Frauen und eure Kinder, die euch nachfolgen werden. Unsere Kinder. Unsere Zukunft. Wir sind selbst für unsere Zukunft verantwortlich und werden uns das von niemandem abnehmen lassen. Nur wir können das erledigen.“

Die Menschen unten auf dem Platz hörten ihm schweigend zu und beobachteten ihn dabei mit ernsten Gesichtern. Ihnen war bewusst, was auf sie zukam.

„Ich weiß, was ich von uns und unseren Kindern verlange. Aber ich weiß auch, dass wir dazu in der Lage sind. Wir können unser Volk zu neuer Größe führen.“ Er holte tief Luft. „Bisher waren wir die Sar, die Übrigen. Aber wir haben uns verändert und wir werden uns weiter verändern. Wir haben den Krieg mit den Oixya überstanden, weil wir Freunde gefunden haben. Wir haben Freunde gefunden, weil wir stark sind. Wir haben überlebt. Wir sind jetzt die Überlebenden. Wir sind die Sarvar .“


Wird fortgesetzt in „Mahasas Torheit (Kinder des Velt) – Teil 3
 
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