Mitternacht

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Dein roter Mund. Die süßen Seufzer hauchen
In blauen Zweigen die der Mond umspült
Gestrüppe, kahl und dünn, der Westwind wühlt
In grauen Erlen, die ins Dunkel tauchen

Unfassbar ist die Nacht. Dein roter Mund
Auf schwarzen Lippen die Verwesung tragen
Die sanften Lüfte füllen weiche Klagen
Bisweilen tanzt ein Stern auf blauem Grund

Die Mauern dämmern. Blaue Schatten drehen
Sich an dem Saum aus reinen Zweigen
Dann weicht die Angst dem weißen Schweigen
Der Mitternacht, an der wir irre gehen
 

Mondnein

Mitglied
zwischen Jugendstil und frühem Expressionismus?

Sehr schön!
Erinnert mich, vor allem der Farben wegen, an "meinen" Trakl, z.B.:
Bisweilen tanzt ein Stern auf blauem Grund
Auffällig die Wiederholungen, Du wirst Dir was dabei gedacht haben, sie "passieren" Dir nicht unwillkürlich, dafür ist es zu gut. Ich kenne so einen musikalischen Wiederholungsstil vor allem von Von Hofmannsthal, aber das kannst Du auch von anderen "kennen".
 
Hallo mondnein
Ja, richtig, Trakl stand Pate.
Ich habe mich der schwierigen Beziehung zu seiner Schwester erinnert und wollte eine ähnlich auswegslose und doch verträumte Atmosphäre erzeugen. Vielleicht ein "rhythmisches Stammeln" das doch in die Leere führen muss. Es fällt mir schwer so etwas in Worte zu fassen, daher bleibt das Gedicht auch verschwommen, unklar.

L.G
Patrick
 
O

orlando

Gast
Lieber Patrick,
wie du inzwischen bestimmt mitbekommen hast, bin ich eine erklärte Feindin übermäßig verwendeter Adjektive.
Aber hier! Hier ist einfach alles anders.
Denn es dreht sich um Farben. Um Farben des Lebens. Um Farben des Todes. Um Furcht. Da passt es einfach.
Zudem ist das Gedicht für mich ein musikalischer Hochgenuss, erinnert mich streckenweise an den großen Trakl ...
Kurzum: Super!
orlando

Nachklapp:
Oh entschuldige, den Trakl hat schon ein anderer Kommentator erwähnt, der sich in der Lyrik gut auskennt. :cool: Sei's drum ...
 

Mondnein

Mitglied
witzig

Liebe Orlando! Ich habe den Trakl natürlich nur erwähnt, weil ich Deinen entsprechenden Kommentar erwartet und vermißt hatte, da bin ich Dir also frecherweise zuvorgekommen.
 
O

orlando

Gast
Unerhört, das! :D;)
Immerhin, verehrter Mondnein, gibt es hier ein paar lyrende Afficionados, die sich fast ohne Worte verstehen.
Und öfter als man denkt. :)
Herznahe Grüße
orlando
 
Danke, orlando :)
Zu viele Adjektive verwende ich in der Regel auch nicht gerne.
Es soll ja aber an Trakl erinnern.

Und der hat vorallem mit Farben nur so um sich geworfen, in einer geradezu unverschämten Perfektion :D
Aber das weißt du ja.

Wie wohl Gemälde von Trakl aussehen würden? "Grübel"

L.G
Patrick
 
R

Rehcambrok

Gast
Hallo Patrick, wie du ja weißt, bewege ich mich mit meinen lyrischen Versuchen in ziemlichen Neuland für mich. Bei den Interpretationen gehe ich gedanklich oft andere Wege, so auch hier. Ohne die letzte Zeile hätte ich es als Szenenbeschreibung aus dem Dracula Film von 1958, unmittelbar vor dem Biss, gehalten. Ich habe dabei noch dieses Tante 'Lucy' im Ohr.
Sprachlich hat es mir unabhängig von irgendeiner Interpretation viele neue Aspekte aufgezeigt.
Danke – gern gelesen!

LG Rehcambrok
 
Hallo Rehcambrok
Ist doch ne saucoole Interpretation :D
Daran hab ich zwar beim Schreiben nicht gedacht...aber warum nicht!
Danke für den Kommentar und die Wertung
L.G
Patrick
 

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