Mondeisen

John Goodman

Mitglied
Kapitel 1

Quietschend kam der Zug zum Stillstand. Die Nachmittagssonne stand tief über der Bahnstation. Hinter den Schienen sangen Vögel in den Birken. Elizabeth trat auf die Metallstufe des Waggons. Der Rucksack drückte schwer auf ihre Schultern. In der rechten Hand hielt sie den Riemen der armeefarbenen Tasche. Das Gepäck stieß gegen den engen Rahmen der Waggontür. Elizabeth zog mit einem Ruck daran. Die Tasche schnellte heraus, schwang herum und traf sie in der Kniekehle. Ihr Gelenk knickte ein. Sie ächzte, stolperte einige Schritte nach vorne.
Vor ihr erstreckte sich der Bahnsteig aus vergrauten Holzbohlen. Einzig dieser Zug passierte den abgelegenen Ort einmal am Tag. Wind strich durch ihr schulterlanges Haar. Die Luft schmeckte frisch; der Spätsommer brachte bereits kühle Tage. Sie schob die Brille auf dem Nasenrücken zurecht. Im hellen Licht verengten sich ihre grünen Augen. Den Reißverschluss ihrer Kapuzenjacke zog sie bis zum Kinn hoch. Darüber trug sie die anthrazitfarbene Jacke und eine schwarze Jeans.
Ein kleiner Unterstand markierte die Haltestelle. Verwittertes Holz prägte das Häuschen, von dessen Wänden pastellgrüne Farbe in Schuppen blätterte. Unter dem Dach hing ein Schild mit der verblichenen Aufschrift Moose River.
Elizabeth stellte die Armeetasche auf die Steinplatten. Aus den Fugen wucherten filigrane Streben mit gelben Tupfern auf den Dolden. Ein Hornkäfer kroch über den Stein, der Lichtpunkt wanderte über das Kastanienschwarz seines Panzers. Er reckte sein Horn nach oben und verschwand in einem Spalt des Holzes. Sie streifte die Riemen des Rucksacks von den Schultern, platzierte ihn auf der hölzernen Bank und nahm daneben Platz.
Aus ihrer Jacke zog sie eine Packung Blättchen und den Plastikbeutel mit Gras. Ihre Finger bewegten sich geübt. Sie drehte den Joint, zündete den Stängel an und nahm einen tiefen Zug. Den Kopf lehnte sie an die raue Holzwand. Ihr Blick wanderte nach oben, vorbei an der Kante des Vordachs. Der Himmel war blau. Rauch stieg als dünner Faden in die Luft. Sie verharrte in dieser Position und wartete.

Ein tiefes Motorengeräusch unterbrach nach einiger Zeit die Stille. Ein alter, beigefarbener Buick bog um die Ecke und rollte langsam vor den Unterstand. Ihre Tante saß am Steuer. Bereits durch die Windschutzscheibe winkte sie ihr zu.
Elizabeth erhob sich von der Bank. Sie warf den Rucksack über die Schultern und griff nach dem Riemen ihrer grünen Armeetasche, der sich in ihrer Hand straffte. Sie ging auf den Wagen zu.
Die Tante kurbelte das Fenster hinunter. „Hi Elizabeth, schön, dass du da bist, ich freue mich so“, rief sie. „Komm, steig ein.“
Sie zögerte, betrachtete das vertraute Gesicht ihrer Tante. Dann öffnete sie die Wagentür und nahm Platz auf dem Polster.

Der Buick bog um eine Kurve. Elizabeth starrte aus dem Fenster. Birken und Eichen glitten an ihnen vorbei. Die Kronen ragten in den Himmel und spendeten Schatten auf dem Asphalt. Zwischen den Stämmen öffnete sich der Blick auf einen See, der von einem Berg flankiert wurde. Sonnenlicht glitzerte auf den Wellen. Eine Fähre zog über das Wasser. Das dumpfe Hupen des Schiffes war im Innenraum des Wagens zu hören.

„Wie war deine Fahrt? Ich hoffe, angenehm?“
Elizabeth blieb still. Ihre Gedanken weilten in New York.
Die Tante drehte den Kopf zur Beifahrerseite. „Beth. Hallo, hörst du mich?“
Sie schreckte auf und wandte sich ihrer Tante zu. „Was... wie bitte? Was hast du gesagt?“
Die Tante lächelte. „Ich fragte nach deiner Ankunft. Verlief die Reise ruhig? Es ist immerhin eine lange Strecke.“
„Ja, war ganz okay.“ Sie blickte wieder durch die Glasscheibe nach draußen. „Es ist wunderschön hier. Das hatte ich völlig vergessen.“
„Ich weiß noch, wie du als Kind uns öfters besucht hast. Ich bin mir sicher, du wirst dich hier sehr schnell wieder einleben.“
Sie nahm eine Hand vom Lenkrad und tätschelte Elizabeths Schulter, während der Wagen einen Hügel hinauffuhr.

Der Buick erreichte die Kuppe des Hügels. Am Straßenrand stand ein hohes, schlichtes Holzkreuz. Die Tante drosselte das Tempo des Wagens. Sie faltete kurz die Hände über dem Lenkrad. „Herr, segne unsere Rückkehr und beschütze dieses Kind“, murmelte sie.
In ihrem Magen zog sich alles zusammen. Sie schloss die Augen. Die Erinnerung an das Krankenhaus in New York war sofort präsent. Ihre Mutter im Bett, umgeben von Geräten und Ärzten. Die Tränen. Elizabeth wollte den Grund für diese Reise anfangs nicht akzeptieren. Aber ihre Mutter benötigte diesen Abstand. Sie benötigte die medizinische Hilfe nach jenem Tag. Sie drängte den Gedanken beiseite, öffnete die Augen und zwang ihren Blick nach vorn.
Hinter der Kuppe breitete sich das Tal aus. Das Dorf lag tiefer im Becken. Die Häuser glichen einander vollständig. Jede Fassade besaß einen Anstrich in stumpfem Weiß. Die hölzernen Zäune wiesen exakt dieselbe Höhe auf. In den Gärten wuchsen Nutzpflanzen in geraden Reihen.
Der Buick rollte den Hügel hinab, direkt auf die Siedlung zu.

Die Haustür schwang auf. Elizabeth trat mit ihren Taschen über die Schwelle.
Die Wände des Flurs trugen rauchig gelbe Farbe. Im Wohnzimmer standen ein graubraunes Sofa und ein hölzerner Beistelltisch. Auf den niedrigen Schränken befanden sich ausschließlich eine weiße Spitzendecke und eine leere Tonschale. Ein hohes Holzregal an der Wand beherbergte dicke Bibeln und Gesangbücher. Einzig das monotone Ticken einer Standuhr erfüllte den Raum.
Die Frage nach einem Internetzugang konnte sie sich sparen. Sie wusste, wie absurd der Gedanke an diesem Ort war. Ein Glück besaß sie noch ihre SIM-Karte mit mobilem Datenvolumen für eine Verbindung zur Außenwelt. Die Unsicherheit über den Empfang wuchs jedoch. Sie zog das Smartphone aus der Jackentasche. Ein flüchtiger Blick auf das Display offenbarte die Tatsache. Die Empfangsbalken schrumpften gegen Null. Die Schultern sackten nach unten.
Ihre Tante beobachtete sie. Ein seltsamer Ausdruck lag in ihren Augen, gepaart mit einer Ablehnung, die Elizabeth nur zu gut kannte.
Sie bewahrte ihr Lächeln und deutete auf das Gerät.
„Das hier wirst du nicht brauchen“, sagte sie.
Elizabeth steckte das Telefon zurück in ihre Jackentasche.
Die Tante unterbrach die Stille erneut. „Komm, ich zeige dir dein Zimmer. Dort hast du als Kind geschlafen, alles ist geblieben wie damals. Nur das Bett hat einen neuen Platz erhalten.“
Sie stiegen die Treppe hinauf. Drei Stufen hintereinander knarzten unter ihren Tritten. Die übrigen Stufen blieben stumm.
Im oberen Stockwerk setzte sich die rauchig gelbe Farbe an den Wänden fort. Auf dem Bett lag eine grauweiße Decke. Elizabeth stellte ihren Rucksack und die grüne Armeetasche auf den Fußboden neben das Gestell. Sie setzte sich auf die Kante der Matratze.
Die Tante verweilte im Türrahmen und lächelte warm. Dann trat sie an das Bett heran, nahm Platz und zog Elizabeth in eine Umarmung.
Elizabeth verharrte einen Moment. Dann legte sie einen Arm um den Rücken ihrer Tante.
Die Frauen lösten den Griff.
„Du hast bestimmt Hunger. Das Essen steht in der Küche bereit. Ich wärme es sofort auf.“
Elizabeth nickte stumm. „Ja, gerne“, sagte sie mit leiser, zurückhaltender Stimme.












Kapitel 2

Die drei saßen am hölzernen Küchentisch. Dampf stieg von den Tellern auf. Ein einfacher Rinderbraten lag in sämiger Soße, umgeben von kleinen Babykartoffeln und grünem Spargel.
Der Onkel faltete die Hände. Die Tante schloss die Augen. Elizabeth folgte dem Beispiel und senkte ihre Lider.
Er erhob seine tiefe Stimme: „Herr, wir danken dir für diese Gaben und deinen Schutz vor der Verderbnis der äußeren Welt. Segne dieses Haus, festige unseren Gehorsam und bewahre unsere Schritte vor dem Abgrund, aus dem es keine Umkehr gibt. Amen.“
Ein kurzes „Amen“ der Tante folgte.
Das mechanische Klackern von Besteck auf dem Porzellan erfüllte die Küche. Die drei schwiegen und konzentrierten sich auf das Essen.

Er legte die Gabel ab. Sein Zeigefinger deutete auf Elizabeths Oberkörper. Unter dem geöffneten Reißverschluss ihrer Kapuzenjacke kam das Skelett-Logo von Social Distortion zum Vorschein.
„Die Band habe ich damals auch oft besucht“, sagte er und ein Lächeln lag auf seinen Lippen. „Die haben echt coole Musik gemacht. Machen sie ja immer noch.“
Dass ihr Onkel auch diese Musik hörte, fiel ihr schwer zu glauben, aber sie erwiderte das Lächeln.
„Ja, deren Songs sind schon gei... ganz stark.“ Das Wort geil schluckte sie im letzten Moment hinunter. Er nickte zustimmend.
Die Stille kehrte an den Tisch zurück. Elizabeth war diese Schweigsamkeit vertraut. In dieser Gemeinde war das Schweigen während der Mahlzeiten üblich. Dennoch hinterließ es eine seltsame Kälte.
Sie spießte eine Stange grünen Spargel auf ihre Gabel, blickte ihre Tante an: „Das schmeckt wirklich köstlich. Du bist eine wunderbare Köchin.“
Allein dafür hat sich die Fahrt hierhin gelohnt, dachte sich Elizabeth.
Die Tante kaute langsam und schluckte den Bissen hinunter. Ihre Augen weiteten sich. Sie ballte die rechte Hand, hielt sie vor den Mund und räusperte sich ausgiebig. Ihr Blick wanderte zum Onkel, verweilte dort und kehrte schließlich zu Elizabeth zurück.
„Du hast es vermutlich vergessen, der Dank gebührt dem Mann des Hauses.“
Die behagliche Stimmung verflog augenblicklich. Der Mann des Hauses? Was sollte das überhaupt bedeuten? Ihre Tante hatte doch das Essen gekocht, dachte Elizabeth. Sie drehte den Kopf widerwillig zum Onkel. Er fixierte sie mit starrem Blick. Seine Miene verlangte nach diesen Worten. So zumindest las sie es in seinem Gesicht. Elizabeth gab nach.
„Danke für das Essen“, sagte sie leise. Sie senkte den Kopf und aß stumm weiter.

Später saß sie in ihrem Zimmer auf der Bettkante. Ihr Smartphone ruhte in ihrer Handfläche. Auf dem Display wanderte die Netzanzeige. Ein einzelner Balken flackerte auf, verschwand wieder und kehrte sprunghaft zurück. Sie erinnerte sich an das schwere Bakelittelefon im Flur. Es stand dort unten auf einer kleinen Kommode und hatte große, klobige Tasten. Ein dickes Kabel verband den Hörer mit der Station. Das Smartphone in ihrer Hand war ihre Verbindung zur Außenwelt – dieses wechselhafte Aufleuchten hielt die Illusion von Erreichbarkeit aufrecht.
Sie tippte den Text in das Feld:
Hi Mom, bin gesund und munter angekommen. Die Fahrt war ganz okay. Auf dem Weg hat man so viele weite Landschaften gesehen. Ich habe völlig vergessen, wie friedlich dieser Ort eigentlich wirkt. Ich werde hier einige Fotos machen für dich. Ich hoffe, dir geht's gut. Haben die Ärzte schon irgendwas dazu gesagt? Oder dauern die Untersuchungen noch an? Hab dich lieb, Mama.“
Elizabeth drückte auf Senden. Die Nachricht verblieb im Ausgang. Sie hoffte auf eine Übertragung im Laufe des Tages.
Ein leises Klopfen. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Der Kopf ihrer Tante erschien im Rahmen.
„Ich habe fast vergessen, dir zu sagen: Heute findet unsere Gemeindestunde statt. Ich habe ein tolles Kleid für dich herausgesucht.“ Ihre Augen leuchteten.
Die Tante trat in das Zimmer und präsentierte das Gewand. Der Stoff war blassgrün, bedeckt mit verblichenen Blumenmustern.
Elizabeth fixierte den Stoff. „Gemeindestunde? Kann ich nicht einfach hierbleiben? Ich will da gar nicht hin, ich wüsste überhaupt nicht, was ich dort machen soll.“
Die Tante schüttelte den Kopf. „Nein, nein, du kommst auf jeden Fall mit. Das ist gewiss.“
„Muss ich denn das Kleid anziehen, wenn ich schon mit hin muss? Kann ich nicht einfach so gehen, wie ich angezogen bin?“ Sie deutete auf ihre Taschen am Boden neben dem Bett. „Ich könnte mir auch schnell was anderes anziehen.“
Das Lächeln der Tante veränderte sich. „Elisabeth, bitte, mach es nicht schwerer. Ich möchte deine Mutter damit nicht behelligen.“
Die Tante hängte den Stoff über die Stuhllehne. „Du ziehst das Kleid an. Auf jeden Fall. Ich habe das damals auch getragen und dir wird es auch wie angegossen passen. Zieh es gleich an, ja. Wir warten dann unten auf dich.“
Die Tante schloss die Tür. Elizabeth dachte an das Wort: Wir. Mit ihrem Onkel hatte sie wenig gemeinsam, ebenso mit ihrer Tante. Ein falscher Gedanke. Sie liebte ihre Tante. Sie war ein herzensguter Mensch. Die Skepsis schob sie beiseite.
Elizabeth erhob sich von der Matratze. Sie streifte ihre Jeans und das Oberteil ab und schlüpfte in das blassgrüne Gewand. Es roch nach frischem Waschmittel, behielt jedoch die Schwere eines alten Stofffetzens. Einst besaß es ein leuchtendes Grün, nun wirkte es durch unzählige Waschgänge verblasst. Selbst wenn das Kleid neuwertig wäre, hätte sie daran keinen Gefallen gefunden. Damit in die Öffentlichkeit — in New York völlig undenkbar. Vielleicht war das auch besser so. Auf diese Weise würde sie nicht auffallen.
Sie trat vor den kleinen Spiegel an der Wand. Der Stoff überdeckte ihre Brust, spannte sich eng über die Oberarme und ließ einzig die Unterarme frei. Der Saum reichte hinab bis zu den Fußknöcheln. Ihre Finger zupften an dem Material, um den Sitz zu korrigieren. Das Gewand umschloss ihren Hals und kratzte auf der Haut. Ein unangenehmes Gefühl verblieb.

Sie strich den Rock glatt. Sie war jetzt hier. Daran musste sie sich gewöhnen. Sie schluckte jeden Widerspruch hinunter.











Kapitel 3

Der Saal war dicht besetzt. Statt schwerer Kirchenbänke drängten sich einfache, miteinander verkettete Holzstühle Reihe an Reihe. Elizabeth stand in der Dritten. Rechts von ihr verharrte ihre Tante, daneben ragte die Gestalt des Onkels auf. Von der Decke strahlte das weiße, sterile Licht der Leuchtstoffröhren herab, legte harte Schatten unter die Augen der Gläubigen und verlieh der Umgebung die Kälte einer Krankenstation. In der stickigen Luft mischte sich der Geruch von Bohnerwachs mit dem Schweiß der vielen Körper.

Auf dem Holzpodest stimmte der Prediger die Verse über die Wahrheit an. Seine schneidende Stimme gab den Takt vor, ehe die Kehlen acapella einstimmten. Ein disziplinierter Chor ergriff den Raum und ließ die Holzdielen unter den Füßen vibrieren. Der Onkel sang die Strophen frei aus dem Gedächtnis. Neben ihm hielt die Tante das Gesangbuch mit beiden Händen. Dankbar registrierte Elizabeth die tiefe Versunkenheit ihrer Tante. Die ältere Frau fixierte die gedruckten Zeilen und überließ sie ganz ihrem eigenen Schweigen.

Die Arme lagen eng an den Seiten ihres blassgrünen Gewandes. Ihr Blick suchte Halt und fand ihn ganz vorne auf der linken Seite. Dort hob sich das Profil einer jungen Frau ab. Bekleidet mit grauem Rock und weißer Bluse hielt sie das Gesangbuch fest umschlossen. Ein feiner Pony berührte ihre Stirn. Ein streng geflochtener Zopf hob das rotbraune Haar an und legte den Nacken sowie den Übergang zu den Schultern frei. Unter dem weißen Licht der Decke schimmerte ihre Haut blass. Schutzlos. Zerbrechlich.
Der Gesang der Gemeinde verlor an Schärfe. Die Stimmen traten in den Hintergrund und verebbten zu einem fernen Rauschen. Alle Frauen trugen hier hochgeschlossene Kleider, dachte Elizabeth. Warum zeigte sie so viel Haut? Diese Blässe wirkte inmitten der zugeknöpften Masse wie eine Provokation. Sie glitt an den Konturen entlang, über die Hüften zur Bluse, die der glatten Bauchdecke Schutz vor neugierigen Augen bot. In New York warst du mit so einem Starren ein Weirdo, und generell an jedem Fleck der Erde, ging es ihr durch den Kopf. Die Erinnerung an einen Jungen flammte auf, der sie damals tagelang gemustert hatte. Sie hatte sein Starren abstoßend gefunden. Nun ertappte sie sich bei exakt demselben Verhalten. Wärme kroch in ihre Wangen.

Der Blick wanderte wieder aufwärts entlang der Wölbung ihrer Brust und fand die Lippen, die sich im Takt des Liedes bewegten. Ihr Rosarot bildete einen Kontrast zu der Blässe, voll und weich geschwungen. Über die Nasenspitze gelangte sie zum Auge, eingerahmt von langen Wimpern.
Eine minimale Drehung des Kopfes gab die Sicht auf beide Augen frei. Zuerst erschien die Farbe wie Haselnussbraun. Ein genaueres Hinsehen offenbarte eine tiefere Nuance, die Wärme von Milchschokolade. Die Lider hingen schwer, sanken an den Seiten nach unten. Der Blick fixierte starr einen Punkt weit hinter dem Prediger, stumpf und von einem feuchten Schleier überzogen. Das Gesicht wandte sich wieder nach vorn.
Der Drang wuchs die Frau fest in die Arme zu schließen und ihr zu zuflüstern: Hab keine Angst. Ein dumpfes Ziehen entstand im Bauch. Ihre Schultern strafften sich, sie krallte ihre Finger in das Gewand. Glückliche Menschen sahen anders aus, dachte sie. Ein Seitenblick streifte ihre Tante, deren Gesichtsausdruck tiefe Seligkeit zeigte. Vielleicht verbarg sich dahinter bloß eine Fassade, eine über Jahre antrainierte Maske. Elizabeth drängte die Grübeleien zurück. Was kümmerte mich das überhaupt?

Der Gemeindegesang verebbte, die Menschen nahmen Platz. Die junge Frau strich den grauen Stoff ihres Rockes an der Rückseite glatt; Fingerspitzen glitten über die Konturen ihres Pos. Sie ließ sich auf das Holz der Stuhlreihe sinken.
Ihre Blicke kreuzten sich. Elizabeth fühlte sich ertappt und flüchtete zu den Bodendielen, aber ihre Augen strebten stur zu der Fremden. Die Wärme sickerte den Hals hinab und verknotete ihren Magen. Sie betrachtete widerwillig das Gesicht der Frau, die mandelförmigen Augen. Eine feine dunkle Linie erschien — die Tiefe des Mundraums zwischen dem samtigen Rosarot. Das volle Kissen warf einen Schatten auf das Kinn.
Sie sah genauer hin und entdeckte weitere Farbschichten innerhalb der Iris. Nur am äußeren Rand lag die Wärme von Milchschokolade. Der Glanz von flüssigem Honig säumte die Pupillen. Die Schwere wich aus dem Gesicht der Fremden. Ihre Mundwinkel wanderten nach oben, legten weiße Zähne frei. Lachfältchen kräuselten sich um die Augenwinkel. Elizabeth ertappte sich, wie ihr Mund nachgab.

Die tiefe Stimme des Predigers zersägte den Augenblick zwischen ihnen. Das Gesicht der jungen Frau drehte sich wieder nach vorn; ihr streng geflochtener Zopf schwang herum. Die weichen Spitzen des Haares strichen über die blasse Haut ihrer Schulter, glitten sanft herab und pendelten sich auf dem Rücken aus. Ihre Haltung war stramm, der Blick diszipliniert auf das Podest gerichtet.
Elizabeth verblieb isoliert auf ihrem Platz. Eine dumpfe Beklemmung breitete sich in ihrer Magengrube aus, die sie auf die dröhnende Stimme des Predigers und die stickige Luft schob.

Sie sah zum Podest, wo auf den hölzernen Planken der groß gewachsene Mann stand. Sein beige-grauer Anzug saß wie eine Uniform, straff und passgenau; das mittellange Haar lag streng nach hinten gekämmt, gab die breite Stirn frei. Ein kantiges Kinn schloss die Züge ab. Tiefe Furchen durchzogen sein müdes Gesicht, aus dem eisblaue Augen hervorstachen; wie geschliffenes Glas.
Er hob die rechte Hand, krümmte die Finger langsam wie eine Sichel. „Der Weinstock verlangt nach Pflege. Er fordert das harte Beschneiden, um die Fäulnis auszusondern.“ Er schloss die Finger, riss den Arm mit einem Ruck herab. „Das Verdorbene bedroht den inneren Frieden der Herde. Ein fauler Ast muss weichen, er gehört ins Feuer. Nur die vollkommene Hingabe reinigt den Garten, das Opfer von Fleisch und Blut.“

„Das Opfer von Fleisch und Blut“, erwiderte die Gemeinde im Einklang. Direkt neben Elizabeth stimmten Tante und Onkel mit leidenschaftlicher Inbrunst ein. Religiöser Eifer begegnete ihr auch in New York. Schreiende Propheten an überfüllten Kreuzungen, hochgehaltene Pappschilder mit Warnungen vor dem Weltuntergang, aggressive Forderungen nach Buße. Jener vertraute Wahnsinn bot bereits reichlich Fremdscham. Doch diese Darbietung war maximal cringe, wie alles andere in dieser Gemeinde. Nein. Nicht alles.

Der Blick des Predigers wanderte über die Sitzreihen. Die Rücken der Gläubigen strafften sich, die Köpfe sanken. Er verhakte seine Augen für einen kurzen Atemzug bei der jungen Frau in der ersten Reihe. Dann zog der Blick weiter.

Der Prediger stützte beide Hände auf die Kanten des hölzernen Pults. Ein trockenes Scharren lag in seiner Stimme.
„Ein leerer Platz zeugt von einer Prüfung in unseren Reihen“, die Augen starr in die Ferne gerichtet.
Einige Köpfe wandten sich um. Blicke streiften den verlassenen Platz im Hintergrund, ehe die Gesichter wieder nach vorn schwenkten.
„Unsere Gefährtin Viola schritt über die Schwelle dieser heiligen Mauern. Die Last ihrer Verfehlungen wog schwer für diesen geweihten Boden. Sie wanderte hinaus in die Einöde, um Buße zu tun und das Angesicht des Herrn im Exil zu suchen.“
Die Schulterlinie der Fremden zog sich zusammen und Sehnen an ihrem Hals traten hervor.
„Der Name einer Ausgestoßenen verfault auf den Lippen der Gerechten“, fuhr der Prediger fort. Eine Hand ballte sich auf dem Pult. „Das Auslöschen des Klangs bewahrt die Reinheit der Herde. Wer die Erinnerung hütet, füttert die Sünde im eigenen Herzen. Aus Asche ist sie gekommen und zu Asche soll sie werden.“

„Und zu Asche soll sie werden“, hallte der Einklang der Gemeinde durch den Saal.
Ihr Onkel stieß die Worte voller Inbrunst aus. Die Tante zögerte. Ihre Stimme hing einsam im schwindenden Echo der Menge.
Der Kopf der Fremden sank nach vorn. Das Kinn strebte zur Brust. Halswirbel zeichneten sich ab.

Der Prediger trat vor die junge Frau und streckte die Hand aus.
„Komm, mein Kind, komm auf die Bühne“, sagte er.
Sie sah über die Schulter in die hinteren Sitzreihen, streifte Elisabeths Blick, riss den Kopf wieder nach vorn, straffte den Rücken, erhob sich, presste ein Rechteck aus Fotopapier gegen ihre Brust, trat neben den Prediger und verharrte.
„Zeige es“, befahl er.
Ihr unsicherer Blick suchte sein Gesicht. Er nickte. Sie drehte das Papier zur Gemeinde.
Elisabeth erkannte ein kleines Mädchen auf dem Bild mit den lebendigen Augen der jungen Frau. Das Kind lächelte, Lücken zeigten sich zwischen den Milchzähnen. Eine erwachsene Frau stand schützend daneben.
Die junge Frau traf erneut auf Elisabeth. Ihre Augen zuckten zur Seite und starrten blind in die Menge.
Der Prediger platzierte die eiserne Schale auf dem Pult.
„Lege es hinein“, sagte er.
Ihr Blick haftete auf dem Papier, als wollte sie Abschied nehmen. Sie senkte das Foto in das Metall. Er reichte ihr die Streichholzschachtel: in seinen Augen eine stumme Aufforderung.
Ihre Finger griffen danach und schoben sie mit einem trockenen Schaben auf. Hölzer klapperten im Inneren. Sie zog eines heraus, schob die Schachtel zu und drückte den roten Zündkopf gegen die Reibfläche. Ein raues Schrammen. Fauchend flammte das Streichholz auf, das sie über die Schale hielt.

Die Glut fraß sich zur Mitte des Schafts; bis die Flammenzunge ihre Fingerkuppen erreichte. Sie ließ es fallen. Feuer griff auf das Papier über. Das Gesicht der jungen Frau versteinerte.












Kapitel 4

Das Zirpen der Grashüpfer erfüllte die Dunkelheit. Vom nahen Ufer des Moose River zog der Geruch von Torf und Fichtenharz herüber. Elizabeth saß auf der Ziegelmauer, die das Kirchengelände umgab. Die Steine unter ihr waren kühl. Eine Reihe von Straßenlaternen säumte den Gehweg. Sie öffnete den Reißverschluss der Jacke, hakte einen Finger in den Kragen des Gewandes, zog ihn von der Haut und ließ die Nachtluft an ihren Hals. Ihr Blick lag auf der gegenüberliegenden Häuserreihe. Aus einem Fenster fiel Licht auf den Asphalt. Dahinter saß eine Familie um den Esstisch. Jemand legte den Kopf in den Nacken, die Mundwinkel nach oben gezogen. Eine Schüssel dampfender Spaghetti wanderte von Hand zu Hand. Rote Soße landete auf den Tellern.

Hinter ihr setzten Schritte auf und hielten inne.
„Elizabeth?“
Sie drehte sich um. Das Licht des Eingangs schnitt eine Silhouette aus der Dunkelheit. Eine Hand ruhte auf dem Geländer. Die Gestalt tippelte die Stufen herab. Ein melodisches Summen lag in ihrer Kehle. Sie kam auf die Mauer zu und setzte sich daneben. Der Luftzug trug den Duft von Vanille, Sandelholz und Brombeere heran. Ihre Jacke hing offen. Laternenlicht erfasste ihr Gesicht. Die Blässe aus der Kirche besaß nun einen Gelbstich.
„Woher—“
„Ich habe deine Tante gefragt. Sie hat von dir erzählt.“ Ihre Mundwinkel wanderten weiter nach oben.
Elizabeths Brust verengte sich. Wie konnte sie nach all dem so glücklich sein? Sie wandte den Blick ab, krümmte den Rücken, stemmte die Fersen ihrer Sneaker in die Fugen der Ziegelmauer und krallte ihre Finger in den Stein. Schatten legten sich in die Falten am Saum des Gewandes, das sich um ihre Knie spannte.
„Das Foto“, Elizabeths Stimme stockte. „War das deine … deine Mutter?“ Sie hob den Blick.
Das Lächeln der jungen Frau zuckte. Ihr Gesicht wandte sich ab.
„Sie hat sich von der Wahrheit abgekehrt.“ Der Daumennagel grub sich in den Handteller. „Sie hat die Gemeinde verraten. Sie hat ... mich verraten.“
Vielleicht gab es einen Grund für all das. Ein Verbrechen, das die Mutter begangen hatte, etwas Unverzeihliches, das diesen Bann rechtfertigte.
Elizabeth schüttelte den Gedanken ab. Ihre eigene Mutter würde sie niemals so verstoßen. Niemals. Nicht in den Nächten, in denen die Krankheit das Denken vernebelte. Wenn sie wirres Zeug sprach und in ihrer Tochter eine Fremde sah. Und nicht in jener Nacht, als sie mit dem Küchenmesser im Zimmer stand.
„Du kannst doch nicht einfach das Foto verbrennen und so tun, als gäbe es sie nicht mehr! Sie ist deine Mutter.“
„Es ist bedeutungslos, darüber noch nachzudenken.“ Der Daumen glitt aus der Kuhle, sie streckte die Finger und drückte sie gegen den Oberschenkel. „Wir müssen dem Herrn vertrauen, damit er weiterhin seine schützende Hand über uns hält.“
Mädchen, was haben sie dir nur angetan? Ihr seid doch alle...
Muskeln spannten sich an. Die Handflächen drückten gegen den Stein, weg von der Mauer, weg von dieser Gestalt.
„Marika“, sagte sie und streckte die Hand aus.
Der Wind verwehte den Pony auf ihrer Stirn. Eine Haarsträhne löste sich aus dem Verbund, warf eine Schattensichel über die Wange.
„Hat dir die Gemeindestunde gefallen?“
Elizabeths Backenzähne bissen aufeinander. Die Kante des Ziegelsteins grub sich in ihre Handflächen. Sie sah in das Lächeln.
„Ich kann nicht wirklich sagen, dass mir überhaupt etwas davon gefallen hat.“
Sie gab der Geste nach. Feingliedrige Finger schlossen sich um Elizabeths Hand. Weich. Warm.
Marikas Daumen glitt suchend über ihre Innenfläche und hielt inne.
„Das mag für einen Außenstehenden seltsam wirken, aber wenn du dich erst eingelebt hast, wirst du die Wahrheit in den Worten des Herrn erkennen.“
Elizabeth fand in ihren Augen keine Wärme, sondern nur den blassen Glanz der Laterne, der sich als Leuchtpunkte im Schatten der Augenhöhlen spiegelte. Marika entzog ihr die Hand.
Elizabeth fuhr mit den Fingerspitzen die Haut entlang, über die der Daumen gewandert war. Sie legte ihre Hände wieder auf den Stein.
„Wollen wir spazieren gehen?“ Marika strich die Strähne hinter ihr Ohr. „Ich kann dich hier ein bisschen herumführen und dir einige Orte zeigen.“
„Ich fahre gleich nach Hause.“
Nach Hause. Ihr Zuhause war New York. Das hier war nicht ihr Leben, nur ein Warteraum, bis ihre Mutter gesund wurde.
„Ich warte nur noch auf meine Tante und meinen Onkel.“ Sie neigte den Kopf zum Eingang der Kirche.
Marikas Lächeln wurde breiter. „Da kannst du noch lange warten. Die Frauen haben sich jetzt dort versammelt und die werden noch einige Zeit miteinander sprechen. Sie lieben es, sich auszutauschen.“ Sie kicherte. Ein Glucksen stieg aus ihrer Kehle.
Es traf Elizabeth unvorbereitet, fühlte sich überraschend warm an. Sie schluckte die Wärme hinunter, die ihr in die Wangen kroch.
Marika hüpfte von der Ziegelmauer und drehte sich ihr zu. Ihr Zopf schwang über die Schulter. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und neigte den Kopf zur Seite. Die Strähne fiel wieder nach vorne, legte sich als dunkler Strich über ihre Wange. Sie federte zurück auf die Fersen: Brüste wippten unter der offenen Jacke.
Elizabeth sah weg, hinauf in das Gesicht und entdeckte im Licht eine weitere Farbnuance in ihrer Iris. Kastanienschwarz.
„Ich verspreche dir, es wird dir gefallen.“

„Ich glaube … ich sollte besser wieder reingehen.“
Sie wandte sich um, raffte das Gewand, schwang ein Bein auf die andere Seite der Mauer und blickte noch einmal zurück.

Das Lächeln schwand. Da war sie wieder – die Traurigkeit aus der ersten Reihe. Sie senkte die Lider. Schatten ihrer langen Wimpern fielen auf die Wangen.
„Schon gut. Ich dachte nur. Vielleicht beim nächsten mal.“
Elizabeths Fingernägel drückten gegen den Stein und lockerten sich. Hatte sie ihr wehgetan?
Marika hob den Blick. Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln. Sie schien an Elizabeth vorbeizustarren.

„Ach, was soll’s.“ Sie hob kurz die Schultern. „Dann kannst du mich von mir aus herumführen.“
Die Starre verschwand aus ihrem Gesicht. Um die Augen kräuselten sich feine Linien.
„Wirklich? Ich meine, du musst nicht, wenn du nicht willst. Ich dachte nur—“
Elizabeth schwang das Bein zurück. Ihre Schuhspitze verkeilte sich an der Ziegelkante, ein Ruck riss an ihrem Hüftgelenk. Ihre Arme ruderten und griffen ins Leere.
„FUCK!“
Der Fuß rammte den Gehweg. Das andere Bein löste sich von der Mauer. Ein Fiepsen brach aus Elizabeths Kehle. Sie kippte vornüber.
Marikas Schultern zuckten hoch. „Huch!“ Ihre Hand flog zum Mund. „Pass auf!“ Sie schnellte einen Schritt vor, streckte die Arme aus.
Elizabeth stürzte an ihr vorbei. Knie schrammten den Asphalt. Handflächen klatschten auf. Die Brille rutschte vom Nasenrücken, schlitterte über den Gehweg.
„Fucking shit!“, presste sie durch zusammengebissene Zähne.
Sie wälzte sich auf den Hintern, die Hände um die Kniegelenke gekrallt.
Marika wirbelte herum und warf sich neben ihr auf die Knie.
„Hast du dir was getan? Tut es sehr weh?“
Süßsäuerlicher Atem traf ihre Wange.
Marika streckte die Hand nach ihr aus und verharrte. Ihr Gesicht — eine Silhouette gegen das gelbe Laternenlicht.

Sie zog ihre Beine an die Brust.
„Fuck!“ Holte zittrig Luft. „Geht schon. Es geht schon.“
Marika stemmte sich hoch, beugte sich vor und reichte ihr die Hand.

Sie packte zu, verzog das Gesicht und ließ sich auf die Beine ziehen. Ihre Finger quetschten die abgeschürfte Haut. Oberschenkel bebten. Sie betrachtete ihre pochenden Handflächen.
Marika bückte sich nach der Brille. Ihre Fingerkuppe glitt über den dünnen Metallrahmen.
„Zum Glück ist sie nicht kaputt.“ Sie wich Elizabeths Augen aus und reichte sie ihr. „Ein paar Kratzer hat sie, aber die Gläser sind in Ordnung.“
Elizabeth setzte sie auf die Nase. Der linke Bügel hob sich über das Ohr. Sie rückte sie gerade. Einmal, zweimal. Sobald sie losließ, neigte sich das Metall wieder.
Marikas Brauen zogen sich zusammen, ihre Lippen wichen einen Spalt auseinander.
„Das sieht echt schlimm aus, das muss doch wehtun.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, griff sie nach ihr.
Kühle Fingerspitzen berührten das Glühen. Sie erstarrte.

Marika beugte sich über die Handfläche und entblößte ihren Nacken. Ihre Züge lagen im Halbschatten. Die Augenhöhlen dunkel.
Sie folgte der Linie des Zopfes, der sich an ihren Hals schmiegte. Ihr Pony fiel nach vorn – glühende Fäden im Laternenlicht. Eine Strähne hing herab. Elizabeth hob die andere Hand. Die Finger näherten sich ihrem Gesicht. Zögerten. Sanken zurück.

Marika spitzte die Lippen und pustete sanft. Ein kühler Hauch legte sich über das Brennen.
„Das hilft“, flüsterte sie. „Meine Mutter hat das bei mir—‌“
Hastig griff sie nach Elizabeths anderer Hand, strich mit den Fingerspitzen über die gerötete Haut und pustete noch einmal.














Kapitel 5

Elizabeth stand in Unterwäsche vor dem Bett. Auf den Kniescheiben und den Handflächen waren die dicken Krusten abgeblättert. Darunter lag helles Rosa. Schorfränder hielten sich nur noch an den Handballen. Sie spreizte die Finger. Haut spannte. Ein kühler Hauch.
Elizabeth trat an die Reisetasche. Sie griff nach dem schwarzen Baumwollstoff ihres Lieblings-T-Shirts. Ein gehörnter Dämon blickte sie mit brennenden Augen an, das Pentagramm auf der Stirn. Finger glitten über den rissigen Aufdruck.
Heißer Nachmittag in Manhattan. Ihre Mutter stand an der Kasse des staubigen Second-Hand-Ladens, schüttelte den Kopf über den Ziegenschädel und reichte dem Verkäufer die Scheine. „Wenn du unbedingt als Teufel herumlaufen musst“, hatte sie gelacht.
Elizabeth legte das T-Shirt zurück auf den Stapel, wählte ein weißes Hemd und die blaue Jeans.

Sie wandte sich dem Spiegel zu. Der raue Stoff spannte über den Oberschenkeln, hob die Rundung der Pobacken hervor. Die Jogginghose lag noch im Rucksack. Ihr Daumen verharrte auf dem Nietknopf. Nein. Die Jeans blieb. Elizabeth schob die Knöpfe des Hemdes durch die Ösen. Unter dem weißen Stoff zeichnete sich das dunkle Band des Sport-BHs ab, der ihre Brüste flach drückte. Ein Knopf nach dem anderen verschloss die Haut. Sie streifte das schwarze Gummi vom Handgelenk, raffte die Haare zusammen und band sie im Nacken fest. Ein schmaler Strang rutschte aus dem Zopf, fiel ins Gesicht. Sie hob die Hand, strich über die Schläfe und hielt inne. Der Puls pochte gegen die Fingerkuppen. Sie schob das Haar nach hinten, folgte der Rundung des Ohres. Marikas dunkle Strähne auf der Wange.
Elizabeth blinzelte, riss die Hand herab, schüttelte den Kopf, verscheuchte das Bild. Sie nahm die Brille von der Ablage. Am rechten Bügel war nach dem Zurückbiegen eine kleine Welle im Metall geblieben. Das Gestell neigte sich minimal nach links und lag ungewohnt auf dem Nasenrücken. Sie wandte sich ab.

Zwiebeldunst füllte das Haus. Das gleichmäßige Hacken eines Messers auf dem Holzbrett drang ihr entgegen. Sie stieg die Treppe hinab.
In der Küche dampfte ein Topf auf dem Herd. Die Tante stand am Schneidebrett. Elisabeth räusperte sich.
Sie legte die Klinge beiseite, drehte sich um und strich die Schürze glatt. Ihr Blick glitt an Elizabeths weißem Hemd, über die enge Jeans bis zu den Schuhen. Die Stirnhaut stauchte sich zu Kassettenfurchen.
„Kann ich mir das Fahrr—“
„Wo willst du hin? In dieser Hose.“
Elizabeth sah an sich herab und blickte auf.
„Was ist falsch daran?“
Die Tante verschränkte die Arme. Falten um ihre Augen glätteten sich. „Zieh dir etwas anderes an. Bitte. Das ist unschicklich. Ich kann dir auch eines meiner Kleider geben.“
„Für die Kirche mag eure Ordnung gelten. Das hier ist meine Freizeit. Soll ich etwa den ganzen Tag in deinen alten Stofffetzen herumlaufen?“
Arme und Schultern der Tante sanken. Die Lippen: ein schmaler Strich. Sie blickte auf die Dielen.
Das hätte sie nicht sagen dürfen. Die Jogginghose lag noch oben. Sie war weich, bequem, ganz anders als die Jeans, die ihr im Schritt zwickte. Es wäre ein Leichtes gewesen, sie jetzt zu anzuziehen.
Es zischte. Trübes Wasser schäumte über den Topfrand, tropfte auf die heiße Platte und verdampfte.
Die Tante machte einen Schritt zum Herd. Sie schob den Topf beiseite. Ein Klacken, als der Drehknopf auf null rastete. Sie griff nach dem Lappen, wischte das Wasser vom weißen Emaille. Es roch nach Angebranntem. Sie hielt den Blick gesenkt. Ihre Hand fuhr mit dem feuchten Tuch um die heiße Platte herum, zog den nassen Film bis zum äußeren Rand des Ofens, glitt auf die Arbeitsfläche und strich hin und her. „Ich dachte. Ich hatte gedacht, dass dir das Kleid gefällt. Als Kind hast du Kleider gerne getragen.“
Elizabeths Hals zog sich zusammen. Das Gestell der Brille neigte sich weiter. Ihr Zeigefinger tippte gegen den Steg. Sie trat einen Schritt an den Herd heran. „Nein. So habe ich das doch nicht gemeint. Es gefällt mir schon. Irgendwie. Ich bin solche Kleider nur nicht mehr gewohnt.“ Sie reckte das Kinn und deutete auf die Brust. „Schau doch. Es ist alles verschlossen.“ Sie strich mit den Handflächen über die Oberschenkel. „Und die Hose zeigt auch keine Haut. Zur nächsten Gemeindestunde ziehe ich es an, versprochen. Aber lass mir das bitte für meine Freizeit.“
Die Tante wrang das feuchte Tuch über dem Spülbecken aus. Das Wasser lief in den Abfluss. Sie hängte den Lappen über den Hahn, trocknete ihre Hände an der Schürze. „Ich mache mir doch nur Sorgen um dich“, sagte sie, den Blick zu den Fliesen gerichtet. „Die Leute reden. Ich will nicht, dass du zum Stadtgespräch wirst.“

Elizabeth machte zwei Schritte, schlang die Arme von der Seite um die Tante, deren Rücken sich straffte. Sie presste die Stirn gegen den Strickpullover. Zwiebelsäure reizte die Augen, mischte sich mit dem Geruch von Rosmarinseife. „Es tut mir leid. Ich wollte das so nicht sagen. Wirklich, es tut mir leid.“
Die Schultern der Tante gaben nach. Sie wandte sich Elizabeth zu. „Ist schon okay.“ Die Hand strich ihr über das Haar. „Ich bin nur eine einfache Frau.“ Sie verharrte. „Ich weiß, dass die Welt da draußen größer ist. Und lauter.“
Elizabeths Blick hing an den schwarzen Flecken im Winkel der Küchendecke.
Sie lösten sich voneinander.
„Willst du denn nicht wissen, mit wem ich mich heute treffe?“
Die Tante verengte ihre Augenlider und schloss die Finger um den Beckenrand.
„Mit Marika. Die aus der Kirche.“
Sie atmete hörbar ein, blinzelte und ließ den Rand los. „Marika?“ Die Lider wichen auseinander. „Du triffst dich nicht mit einem Jungen?“ Sie legte die Hände auf die Brust. „Ich bin vor Sorge fast umgekommen. Und ich dachte, du hast dich für einen Jungen so hübsch gemacht.“

Ein Junge? Treffen zu zweit. Eisbecher. Vom Löffel des anderen probieren. Finger, die sich berühren.
Elizabeth sah an der hautengen Jeans hinunter. Ein erster Anflug von Wärme regte sich. Sie traf Marika. Nur Marika. Hitze schoss in die Wangen. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht war etwas Unauffälligeres besser.
Die Tante drehte sich zum Schneidebrett, griff nach dem Messer, hielt die Zwiebel fest und ließ die Klinge hindurchgleiten. „Marika ist ein gutes Mädchen.“ Ihre Hand bewegte sich schwerfälliger. „Sie braucht jemanden in ihrem Alter. Sie hat sich so gefreut, endlich mal ein neues Gesicht zu sehen.“ Die Schläge auf das Holz wurden leiser, bis die Klinge stillstand. „Besonders nach all dem, wa—“ Das Hacken setzte wieder ein. Der Arm hob und senkte sich im Takt. „Ich wusste doch, dass du schnell eine Freundin findest.“ Sie warf einen Blick über die Schulter auf Elizabeths Beine. „Mir ist es trotzdem lieber, wenn du dir etwas anderes anziehst.“

In New York gab es Bekannte. Man kreuzte Wege, vergaß die Gesichter, verlor den Kontakt. War das bei Marika anders? Ein Ziehen im Bauch. Sie teilten etwas. Daheim die Krankheit, hier die Vertreibung. „Warum wurde denn ihre Mutter verjagt?“ Sie atmete den Zwiebeldunst ein. Feuchtigkeit drängte in die Augenwinkel.
„Verjagt?“ Die Klinge fuhr abwärts, spaltete die Zwiebel, die zu beiden Seiten auf das Brett kippte. „Bei dir klingt das, als hätten wir sie mit Fackeln und Mistgabeln aus der Dorf gejagt. Außerdem gibt es da nichts zu sagen. Überhaupt nichts.“
„Also tut ihr einfach so, als hätte sie nie existiert.“
Sie riss herum. Eine Strähne brach aus der Frisur und stand in einem steifen Bogen ab. Die Pupillen: winzige Punkte. „Ich bitte dich ausdrücklich, nie wieder Fragen darüber zu stellen. Hast du das verstanden.“
Elizabeth wich einen halben Schritt zurück. Ihr Nacken versteifte. Sie starrte auf die Klingenspitze. Knöchel um den Griff liefen weiß an.
„Ver... verstanden. Darf ich mir das Fahrrad leihen?“
Es war ein Fehler, danach zu bohren. Das wurde ihr bereits auf der Rückfahrt klar. Onkel und Tante taten einfach so, als wäre alles normal. Und in den Tagen danach auch. Dabei war hier gar nichts normal. Überhaupt nichts.
Die Tante wandte sich ab. Sie schnitt die Hälften zu Würfeln, griff das Schneidebrett und hielt es über die Schüssel. „Schau im Keller nach, wenn nicht dort, dann hat es dein Onkel in der Garage abgestellt.“ Der Messerrücken schabte die Zwiebelmasse vom Holz.














Kapitel 6

Ein Tritt riss die Kurbel herum, zog die rostige Kette ums Zahnrad und trieb den Reifen über knirschende Kieselsteine.
Knorrige Eichen säumten den Pfad. Sonnenlicht fiel durch das Geäst. Im flimmernden Staub schwirrten Waldfliegen. Etwas Braunes mit Futter im Maul huschte durch die Baumwipfel. Sein buschiger Schwanz verschwand hinter dem Stamm. Eine Krähe flog heran, krallte sich in den Ast und fixierte Elisabeth mit einem Auge.
Der Lenker bockte gegen ihre Handflächen. Sie steuerte um die Kurve. Da war sie: Marika auf der Bank, das Kinn geneigt.
Ihre Augen wanderten den Zopf hinab, über die blassblaue Bluse zu den Schuhen und blieben in den Saumfalten hängen.
Marika wandte das Gesicht und lächelte. Sie senkte die Lider, griff nach hinten, strich den Zopf entlang, streifte ihn über die Schulter und blickte erneut auf.
Elisabeths Mundwinkel zuckten. Ihr Kleidungsstil war in New York nichts Besonderes. Aber neben ihrem Rock, der sämtliche Konturen verhüllte, wirkte die Hose wie blaue Farbe auf der Haut. Der harte Sattel drückte in die Pobacken. Beim Treten in die Pedale scheuerte der raue Stoff an ihren Schenkeln. Selbst mit eingezogenem Bauch schnitt der Hosenbund. Diese Jeans hatte früher besser gepasst. Hatte sie zugenommen?
Sie stellte sich in die Pedale, um die Taille zu entlasten. Es war kein großes Ding. Es war nur Marika. Erst wenn sie sich umgezogen hätte, würde daraus ein großes Ding werden. Und doch war der Trotz ihrer Tante gegenüber dumm gewesen. Die Jogginghose hätte nicht gekniffen.
Sie rollte an die Bank heran, stieg ab, lehnte den Rahmen gegen den Stamm einer Eiche und setzte sich dazu. Schweißfilm lag auf ihrer Stirn. Ihr Brustkorb hob und sank. Beide blickten geradeaus in den Park. Der Wind kämmte eine silbrige Welle über die Wiese.
„War gar nicht so einfach herzufinden.“ Sie schob die Brille zurecht. „Aber ein bisschen erinnere ich mich wieder. In dem Park war ich früher mit meiner Tante.“ Elisabeth öffnete zwei Knöpfe ihres Hemdes und löste den Kragen.
Marika griff nach dem Ohrläppchen, drehten es zwischen Daumen und Zeigefinger. Elisabeth folgte der Kinnlinie den Hals hinab. Eine Böe warf Wellen in die Bluse und legte die Kuhle am Schlüsselbein frei. Wenn es regnete, würde sich dort Wasser sammeln und als Rinnsal die Schulter hinablaufen. Sie schaute wieder nach vorn auf die Wiese, wo ein Paar gerade eine Picknickdecke im Gras ausbreitete.
„Darf ... ich deine Hände sehen?“
„Meine Hände?“ Ein Zeigefinger zuckte in ihrem Schoß.
„Ich … ich meine, sind sie gut verheilt?“ Marikas Blick fiel auf das Holz der Bank, bevor sie Elisabeth Augen fand.
Sie kehrte die Handflächen nach oben. Die Haut war fleckig rot.
Finger sanken vom Ohrläppchen nach vorn.

Elisabeth legte die Hände zurück auf die Schenkel. „War nicht so schlimm.“ Atem auf brennender Haut.
Marika krallte sich in den Rock. Knöchel liefen weiß an.
Wind teilte das Eichenlaub. Ein Lichtstrahl wanderte über ihr Gesicht, von der Milchschokolade bis zum Honigglanz und offenbarte goldene Sprenkel in der Iris — Sommer bei ihrer Tante in Moose River, als sie durch die Weizenfelder lief und mit den Händen über die Halme glitt. Sturz ins Mondeisen. Ein Stechen. Elizabeth straffte den Arm. „Das sind vermutlich die letzten warmen Tage.“ Sie streckte die Beine aus und legte den Kopf in den Nacken. „Hier ist alles so friedlich. Kein Lärm, keine Abgase. Nur der Wind im Gras. In Brooklyn bei dreißig Grad dreht die Feuerwehr die Hydranten auf, Kids, die im Wasser planschen, Leute hocken auf den Feuertreppen, trinken Bier aus Papiertüten, Musik dröhnt aus offenen Fenstern. Eine völlig andere—“
„Brooklyn? Ist das deine Heimatstadt?“ Marika zupfte am Ärmel ihrer Bluse.
Elisabeths Blick hing in den Baumwipfeln. „Ich bin dort aufgewachsen. Später sind wir umgezogen.“ Sie hielt inne. „New York würde dir gefallen. Es ist laut und hektisch, aber … ich glaube, wenn du einmal da wärst, würde es dir gefallen.“ Der Blick fiel ab, traf auf das Rosarot ihrer Lippen und blieb an der kleinen Mulde unter der Nase haften. Marikas Kopf sank nach vorn. Sie starrte auf ihren Rock. Ein Daumennagel grub sich in den Handteller.
Elisabeth richtete den Rücken auf. Hatte sie gerade etwas Falsches gesagt?
Ihre Hand griff in die Zopfspitze, drehte das Haar um den Finger und zog es stramm. Die Strähne schnellte zurück, um sich sogleich wieder festzuwickeln. „Mir ist neulich ein neuer Freund zugelaufen.“ Sie lächelte. Auf der Wange zeichnete sich eine Kerbe ab.
Elisabeth fuhr mit dem Fingernagel eine Rille im Holz nach. „Ein Freund? Wer denn?“
„Ein Waschbär. Er kam vor einer Woche das erste Mal hinten am Schuppen vorbei.“ Ihr Finger drehte weiter an der Zopfspitze. „Ich habe ihm ein Stück Brot hingeworfen. Ich dachte erst, es sei ein Fehler und er bringt noch andere mit. Aber er kommt immer allein.“ Der Blick glitt ins Leere. „Ich habe ihm die alte Hütte von Charlie fertig gemacht. Unserem Hund, der vor ein paar Jahren gestorben ist. Jetzt wohnt er darin.“
Elisabeths Fingernagel pulte an dem Holz. „Das mit Charlie tut mir leid.“ Ihre Augen ruhten auf den gesenkten Wimpern. „Hast du ihm schon einen Namen gegeben?“
Marika blinzelte, wölbte die Brauen, weitete ihre Lider. Die Strähne entglitt den Fingern. „Einen Namen? Nein … daran habe ich gar nicht gedacht.“ Sie spitzte die Lippen, legte eine Fingerkuppe darauf und neigte den Kopf schräg. Ein melodisches Summen löste sich aus der Kehle. „Wie wäre es mit ... Mister Vielfraß?“ Sie gluckste. Schultern zuckten nach oben. „So wie er sich das Futter mit beiden Pfoten ins Maul stopft.“ Sie blähte ihre Backen auf. Am Ansatz des Nasenflügels entdeckte Elisabeth ein winziges Muttermal.
Kichern. Ein Grunzer entfuhr Marika. Die Hand flog vor den Mund. Falten kräuselten sich um die Augen.
Elisabeth prustete los. Die Brille verrutschte. Das Lachen schüttelte ihre Leiber. Verebbte.
Marika stieß einen Seufzer aus, griff nach ihrem Zopf, streifte ihn über den Nacken auf die andere Schulter. Finger glitten durch die Strähnen.
„Was … was ist mit Mister Bandido?“ Elisabeth rückte das Gestell zurecht und strich sich durchs Haar.
„Ban... Bandido? Warum das denn?“ Sie schob das feuchte Rosa der Unterlippe hervor.
„Na wegen der schwarzen Fellzeichnung um die Augen.“ Elisabeth krümmte Daumen und Zeigefinger zu zwei Ringen und hielt sie vor ihre Brille. „Wie die Masken von Räubern in den Comics.“

Sie musterte die Fingerbrille, verengte die Lider, und entspannte ihre Züge. „Tatsächlich! Jetzt, wo du es sagst … wie eine Augenmaske.“ Auf dem Schoß schlossen sich Daumen und Zeigefinger zu einem Ring. Sie hielt ihn vor ihr Auge. „Sein Fell ist auf der einen Seite hellgrau. Den dunklen Fleck hat er nur um ein Auge.“ Sie zwinkerte durch die Öffnung. „Wohl eher Mister Pirat. Arr, Matrose!“ Ein Lächeln teilte das Rosarot und gab ihre Zähne frei.
„Dann habe ich den passenden Namen für ihn.“ Sie beugte sich zu schnell vor und legte eine Hand auf Marikas Oberschenkel. Zucken. Ihre Augen fuhren den Bogen unter dem Kinn entlang, bevor sich ihre Blicke trafen. „Captain Bellamy. Ein stolzer Pirat. Ich habe mal über seine Abenteuer gelesen.“ Elisabeth sah nach unten auf ihre Hand, die nur einen Hauch von Marikas Fingern entfernt lag.
Hatte sich die Fingerspitze gerade bewegt? Sie zog die Hand zurück und presste sie gegen das Holz der Bank. „Er hat nie für Gold gekämpft. Er glaubte daran, dass kein Mensch einem anderen gehören sollte. Dass jeder das Recht hat, frei zu leben.“
Sie verzog einen Mundwinkel, wich ihren Augen aus und griff um ihr Handgelenk.
Elisabeth neigte sich vor. „Gefällt dir der Name nicht?“
„Wie? ... nein doch, er gefällt mir.“ Sie löste den Griff. Ein rötlicher Ring zeichnete sich auf der Haut ab. „Captain Bellamy. Das passt sogar zu ihm — so wie er sich an dem kleinen Baum festgehalten hat, eine Pfote über der Stirn, als würde er nach dem Meer Ausschau halten.“
„Na, dann kannst du mir Captain Bellamy ja irgendwann mal vorstellen.“
Marika drehte den Kopf zur Wiese. Dunkle Wimpern fächerten auf — Sonnenlicht verfing sich in den feinen Spitzen. Ein Glanzpunkt glitt über die Wölbung ihres Augapfels. An der Schläfe trat eine Ader hervor. Der Kehlkopf zuckte. Lippen wichen auseinander.
Sie schloss den Mund. Das Kinn sank. Augen streiften Elisabeth, ehe die Daumen im Schoß umeinander kreisten.
Elisabeth wandte das Gesicht.
Auf der Decke beugte sich der Mann über die Frau, seine Hand lag in ihrem Nacken. Er küsste sie.













Kapitel 7

Die Frau warf den Kopf in den Nacken und lachte. Elisabeth entriss den Blick von dem Paar auf der Wiese. Entlang der Wipfel zogen Vögel durch das Blau. Gen Süden.
Schuhsohlen scharrten über Kies. Marika zog die Beine heran. „Bist du in der nächsten Gemeindestunde auch dabei?“
Ein Rascheln. Zwischen den Grashalmen ragte der Kopf eines Kaninchens, lauschte mit aufgestellten Löffeln und tauchte wieder ab.
Elisabeth ballte eine Faust: Ein Lichtstrich glitt über den Messerrücken zur Klingenspitze. Starre Gesichter in der Kirche. „Um ehrlich zu sein, hatte ich gehofft, nie wieder hinzumüssen. Sind schon echt komische Leute dort.“ Fingernägel gruben sich in die Haut. »Aber das lässt sich wohl nicht vermeiden.“ Sie öffnete die Handfläche.
Marika blickte nach unten, neigte das Gesicht zur Seite. Daumen drückten aneinander, Kuppen liefen weiß an. Die Hand griff nach dem Zopf und drehte eine Strähne ein. „Das sind keine komischen Leute.“ Sie gab die Haarspitzen frei. „Du kennst sie doch gar nicht. Du bist komisch, wenn du so redest.“ Marika verschränkte die Finger über der Brust. Ein Lufthauch stieß zwischen ihren Zähnen hervor. „Reines Herz. Reine Gedanken.“
Elisabeth öffnete den Mund. Das war doch nicht so gemeint. Worte blieben im Hals stecken. Der fremde Ausdruck der Tante. Knöchel fest am Messergriff. „Ich muss sie nicht kennen, um zu verstehen, dass es falsch ist, was sie mit deiner Mutter gemacht haben. Verstoßen. Totgeschwiegen. Und alle tun so, als wäre das völlig normal. Das findest du nicht komisch? Ist sie dir etwa so egal?“
Marika erstarrte.
Elisabeth fixierte die Falte zwischen ihren Brauen.
Die Unterlippe zuckte. Am Hals traten Sehnen hervor. Lippen wichen auseinander. „... hast keine Ahnung ...“ Ihr Kehlkopf ruckte nach oben. „... was es bedeutet ... hier zu leben.“ Sie hielt den Blick gesenkt.
„Dann erklär’s mir.“ Elizabeth ergriff ihre Hand.
Marika entriss sie ihr. Tränen stauten sich am Lidrand. Licht zerfloss auf der Iris. „Du verstehst das nicht ... Ich ... ich musste das tun! Ich hatte keine Wahl.“
Ärztezimmer. Ein Räuspern. Keine Wahl. Sie müssen das akzeptieren. „Hörst du dich überhaupt selber reden?“
„Bin ich für dich jetzt eine Abscheulichkeit?“ Das Kinn zitterte. „Kannst es ruhig sagen.“
Speicheltröpfchen trafen Elisabeths Wange.
Sie vergrub das Gesicht in den Händen. Ein Schluchzen stieß ihre Schultern nach oben.
Elisabeth biss die Zähne zusammen und rückte herüber. Stechen im Unterleib.
Ein einzelnes Haar hing im Bogen herab und wippte im Takt ihrer Atemstöße über dem Schlüsselbein.
Sie schloss die Arme um Marika. Sandelholz, Vanille und Brombeere stieg auf, vermischte sich mit säuerlichem Atem.
Marika wand den Oberkörper. „Lass ... lass mich.“ Ihr Brustkorb bäumte sich in der Umarmung auf.
Elisabeth zog sie heran und drückte das Gesicht an ihren Hals. Der Brillensteg kerbte sich zwischen die Augen. Eine Träne rann über die Haut, benetzte ihre Lippe. „Du bist für mich keine Abscheulichkeit.“ Salz legte sich auf die Zunge. Die Nasenspitze berührte das Ohrläppchen. „Es tut mir leid. verzeih mir, bitte“, flüsterte sie in den Ansatz ihres Haars.
Spannung wich aus den Muskeln. Marika sackte gegen sie. „Ich … ich ver…“, sie wimmerte in ihre Schulter, „vermisse sie so sehr.“
Arme schoben sich unter Elisabeths Achseln hindurch, an den Brüsten entlang über die Rippen. Finger krallten sich in den Rücken.
Sie schnappte nach Luft. „Man... manchmal sitze ich nur am Fenster und war... te.“ Ihr Körper bebte. Sie presste die Stirn gegen das Brustbein. „Worauf, weiß ich nicht. Bis ... bis mir wieder einfällt, dass ich es war, die sie verr...“ Sie atmete zittrig ein. »Ich sollte mich freuen, dass die Gemeinde meine Familie ist. Aber ich kann es nicht. Ich kann es einfach nicht.“
„Ich kann deine Fami—“ Der Magen verkrampfte. „Ich bin hier.“ Ihre Hand wanderte die Wirbel hoch, hielt am Verschluss inne und glitt unter den Zopf in den Nacken. Über dem gewölbten Knochen fand sie eine weiche Kuppe und strich auf und ab. „Du kannst mit mir über alles reden. Wirklich über alles.“
Marikas Finger lösten sich aus dem Stoff und fielen auf ihren Schoß. Sie schniefte.
Elisabeth schob sie ein Stück zurück und nahm ihr Gesicht in beide Hände. Aus nächster Nähe offenbarte sich Bernstein, gesäumt von roten Äderchen. Die goldenen Sprenkel aber waren erloschen. Ihre Lider sanken. Aus dem geschwungenen Bogen der Wimpern scherten einzelne Haarspitzen aus. Schimmer lag auf dem Rosarot. Ein Spalt tat sich auf, zeigte den hellen Ansatz der Schneidezähne und dahinter die ruhende Zungenspitze. Der Daumen wischte die Feuchtigkeit von der Wange — ertastete die Sichelkerbe. Fingerkuppen fuhren die Schläfe entlang, folgten der Rundung des Ohres. Sie neigte die Stirn gegen ihre.
Das Paar auf der Wiese hatte sich ins Gras gelegt. Die Frau ruhte mit dem Kopf auf dem Oberarm des Mannes: die Hand auf ihrer Hüfte.
Elisabeth sprang von der Bank und drehte sich ihr zu. „Lass uns zum Wasserturm, den ich auf dem Weg hierhin entdeckt habe.«
Marika blinzelte. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. „Jetzt. Sofort?“
Elisabeth trat einen Schritt an sie heran. „Ja, lass uns los.“ Sie griff nach ihren Händen und zog sie hoch.
Marikas Mundwinkel zuckte.
Elisabeth nahm ihr Fahrrad vom Stamm der Eiche. Sie schwiegen und gingen nebeneinander über den Feldweg. Kies knirschte unter den Sohlen. Baumkronen raschelten im Wind. Vogelgezwitscher. Das Hämmern eines Schnabels begleitete das Klicken der hinteren Achse.
„Wir können auch fahren. Dann sind wir gleich da.“ Aus dem Augenwinkel sah Elisabeth zu ihr.
Marika hielt das Kinn gesenkt. Sie blickte auf den Rahmen und den Gepäckträger. „Ich weiß nicht.“
„Komm schon, geht schnell.“ Elisabeth schwang das Bein über den Rahmen und setzte den Fuß aufs Pedal. „Einfach hinten drauf.“
Finger verhakten sich im Stoff ihres Rocks. Sie trat vor und setzte sich quer auf die Metallstreben. Hände griffen seitlich an das Gestell. Ihr Oberkörper kippte, bevor sie das Leder an der Sattelunterseite fand.
Elisabeth stemmte sich ungelenk in die Pedale. Das Rad schlingerte.
„Hey! i... ch rutsche ab!“ Sie packte ihre Hüfte.
„Warte!“ Elisabeth zog die Bremshebel und stellte die Füße auf den Boden. „Du musst dich richtig festhalten. So geht das nicht. Hier, halt dich an meiner Taille fest.“
Marika legte eine Hand auf den Rücken und verharrte, strich hinab zum Oberschenkel, bis die Finger sich um den Bauch schlossen.
Der Hosenbund schnitt in die Haut. Sie starrte auf den filzgrünen Felsen, an dem sich der Pfad gabelte. Mit jedem Atemzug hob sich ihr Bauch gegen die Hände. Sie stieß sich ab. Das Rad rollte den Hang hinunter.







Fortsetzung folgt.
 
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John Goodman

Mitglied
Moin, ich bin wieder zurück. Nach meinen gescheiterten Versuchen im Sci-fi Genre Fuß zu fassen, habe ich mich nun umorientiert, um mich auf eine bodenständige Geschichte zu fokussieren. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen. Kommentieren und kritisieren.

Liebe Grüße, euer John
 

John Goodman

Mitglied
Es freut mich, dass die Geschichte dein Interesse geweckt hat und vielen Dank dafür, dass du dir die Zeit genommen hast, den Text zu lesen.
 

John Goodman

Mitglied
Moin Anders.

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast Kapitel 4 zu lesen. Kapitel 5 und 6 sind in Kürze fertig.
Ich habe noch einige unvorhergesehene Momente geplant und ich hoffe, dass ich dich damit überraschen kann.


Gruß, John
 

Anders Tell

Mitglied
Ich mag mich täuschen, aber mir scheint, dass unter der flüssig erzählten Handlung etwas Unheilvolles lauert. Zumal mich der Titel an "Woyczek" erinnert. Ich lasse mich überraschen.
 

John Goodman

Mitglied
Kapitel 6 ist nun online. :) Das ist hier noch mal die Ruhe vor dem Sturm, bevor sich dann die Ereignisse überschlagen werden. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen. Ich hoffe, die Dynamik zwischen Marika und Elisabeth ist mir gut gelungen. Kapitel 7 steht bereits in den Startlöchern. Aber noch ist der Antagonist für mich nicht nicht greifbar genug, dass ich ihn bereits präsentieren könnte.
 
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Anders Tell

Mitglied
Sehr eindrucksvoll beschrieben. Ich bekomme eine plastische Vorstellung von den Personen und Handlungen. Wo es jetzt hin steuert, kann ich nur spekulieren. Vielen Dank.
 



 
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