Motten im Fundbüro

Gaminovi

Mitglied
Motten im Fundbüro

Neulich hat mir meine Freundin erzählt, wie es dazu kam, dass sie nicht mehr im Fundbüro arbeitet.
Eines Tages kam ein alter Mann in ihr Fundbüro, der unbedingt seinen Mantel wieder haben wollte. Der Mantel wäre ihm sehr wichtig. Immer wenn er diesen Mantel trug, grüßten ihn die Leute viel freundlicher und behandelten ihn als vornehmen Mann, erzählte er ihr.

Ich kenne das Fundbüro in dem sie arbeitete. Das Büro ist groß, dunkel und vollgestellt mit Regalen aus massiven dunklem Holz. Sogar vor den Fenstern stehen Regale. Und die Regale sind voll mit Ordnern, die sich auch schon auf dem Boden stapeln. Meine Freundin musste alles ganz genau aufschreiben, wer, wann und warum jemand die gefundenen Sachen zu ihr bringt und natürlich auch genau beschreiben, wie die gefundenen Sachen aussehen und wo sie gelagert werden. Sie musste dafür ein extra angefertigtes Formular ausfüllen. Manchmal fiel es ihr schwer z.B. genau den Geruch der Fundsache festzulegen. Ja, das ist kein Scherz. Sie hat mir gesagt, sie muss unbedingt das ganze Formular ausfüllen, das wäre Vorschrift. Und die Ordner müssten 20 Jahre aufbewahrt werden. Kein Wunder, dass meine Freundin oft nach lang gelagertes Papier roch.

Aber zurück zu dem alten Mann. Er behauptete, dass er seinen Mantel im Bus vergessen hätte. Weil am 14. August 1961 ein sehr heißer Tag gewesen sei, hätte er seinen Mantel ausgezogen, damit die Sonne nicht den Stoff vergilbt. „Aber das ist schon drei Jahre her. Wie kommt es, dass sie erst jetzt kommen?“, fragte ihn meine Freundin. „Na ja, wissen sie, neben mir im Bus saß so einer mit schwarzer Haut, so ein Neger. Ich war mir sicher, daß er der Mantel genommen hat. Ich habe ihn seitdem gesucht. Endlich hatte ich ihn gefunden. Ich war so wütend, die ganze Wut die sich in mir gesammelt hatte, ließ mich auf einmal wie eine Granate explodieren. Es kam zum Streit. Am Ende kam seine Frau und erzählte mir, daß ihr Mann den Mantel ins Fundbüro gebracht hätte.“
Meine Freundin gab nun dem alten Mann einen Zettel auf dem stand, wo sich im Lager der Mantel befindet und sagte ihm, er soll ins Lager gehen und dem Lagerverwalter den Zettel geben.

Nach einer halben Stunde kam der alte Mann wieder zu meiner Freundin und sein Gesicht war rot von Wut, er konnte kaum sprechen, es kamen undeutliche Laute aus seinem Mund und ihm fiel es schwer zu atmen. Er hielt mit ausgestreckter Hand mit zwei Finger einen dunkel grauzerfetzten Stoff. „Ach, die Motten, wieder diese Motten und am Ende werde ich angebrüllt“, dachte sich meine Freundin und wartete bis der Mann sich beruhigt hatte. Währenddessen beobachtete sie den alten Mann und versuchte zu verstehen, warum er sooooo wütend war. Ihr fiel auf, dass der Mann keine Zähne hatte. Um die Geschichte kurz zu machen: Als sich der alte Mann etwas beruhigt hatte, fragte ihn meine Freundin, was mit seinen Zähnen passiert sei. Er erklärte, dass während er sich mit dem schwarzen Mann geprügelt hatte, sein Gebiss kaputtgegangen sei. Blitzartig kam meiner Freundin eine Idee, als sie sich an ein soeben abgegebenes Gebiss erinnerte. Sie schlug dem alten Mann vor, ihm dieses gefundene Gebiss wegen der entstandenen Unannehmlichkeiten im Name der Geschäftsführung sofort zu geben. Der Mann beruhigte sich allmählich und dachte, „Ich könnte bei Frau Speichlinger einen guten Eindruck machen mit einem neuen Gebiss, und wer weiß, vielleicht…“. Er war einverstanden, nahm das Gebiss und verlies zufrieden das Fundbüro.

Seit diesem Tag gab meine Freundin immer andere Sachen an die Leute, wenn sie kamen, um ihre verlorenen Dinge zu suchen. Und die Leute waren zufrieden. Meine Freundin wußte selber nicht warum sie es machte, sie wollte die Leute nicht ärgern, aber einfach so, etwas anderes erleben.

Es dauerte nicht lange und sie wurde gefeuert. Ich erwartete, dass sie deswegen sehr aufgebracht wäre. Aber sie sagte, sie freue sich auf etwas Neues und das eigentlich die Motten gar nicht verachtenswert seien, sondern sie hätten nur komische Essgewohnheiten. Später machte sie eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin und vor ihrer Praxis hängt heute das Schild: Ernährungsberatung „Die Motten“.

Gaminovi
 

Franka

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Hallo Gaminovi, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. http://www.leselupe.de/lw/titel-Leitfaden-fuer-neue-Mitglieder-119339.htm

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. http://www.leselupe.de/lw/service.php?action=faq


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