Muriel

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Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Es waren einmal zwei tunichtgutige Krähen namens Kraak und Kröök.
Nun war es durchaus nicht so, dass unsere beiden gefiederten Gesellen zwei schlechte ihrer Art gewesen wären, nein, es lag mehr in der Natur des Krähenvolks schlechthin, dass sie ein wenig
kraak- und kröökelig waren. Hätte man sie befragt, hätten sie diese tunichtgutige Art weit von sich gewiesen, ja, sie hätten sich gewiss als durchaus freundliche, lustige Gesellen darzustellen versucht.
Drum wollen wir es dabei bewenden lassen und sagen:
Es waren einmal zwei Krähen namens Kraak und Kröök!

Und dann war da noch das Menschenkind Muriel. Ein rechtes Träumerle, deren Welt durchs Lesen immer größer, tiefer und phantastischer geworden war. Die Welt auf der sie stand,
reichte ihr schon lange nicht mehr aus. Sie träumte sich fort, immer weiter fort, doch immer wieder erschien ihr die Realität so groß und schwer, dass es ihr unmöglich erschien, so ganz und gar zu anderen Welten aufzubrechen.

Nun wollen wir versuchen Menschenkind und Krähenvolk zu einem Bild zu vereinigen.

Vor Muriels Elternhaus stand eine alte Buche. In diese hatten sich Kraak und Kröök als Untermieter eingenistet, und von hier aus beobachteten sie das Geschehen rund um Muriels Heim.
Nein, nicht nur rundum, auch hinein, denn der größte Buchenast zeigte genau auf Muriels Zimmer. Auf ihm saßen die Beiden und beobachteten das Menschenkind Muriel.

Da uns die Krähensprache fremd ist, wollen wir das Gekrächze der Beiden in unserer Sprache übersetzen.

Schau nur, schau. So schau doch.
Ja, ja…ich schau doch schon.
Schau nur wie gut sie´s hat. Schau nur.
Ja doch, ja!
Immer warm und trocken, immer eine Decke über dem Kopf. Kein nasses Gefieder, nicht.
Ja doch, ja!
Und wir? Wir herbsten auf diesem Ast herum. Von wegen federleicht. Federschwer ist mir vor lauter Nässe.
Ja doch, ja.
Mensch müsste man sein. Mensch!
Ja doch.
Ja!

Während sich unsere beiden Krähen bedauerten, ob der Schicksalslaunenhaftigkeit der Natur, lag Muriel auf ihrem Bett und las die Geschichte vom kleinen Prinzen.
Gerade versank sie im Bild auf dem der kleine Prinz von Vögeln gezogen, durch die Luft flog. Ja, das ist es, dachte sie, so müsste es gehen. Dachte es und dachte es und dachte sich fort in einen Traum. Einen Traum, in dem sie, von Vögeln gezogen durch die Lüfte reiste.
Immer kleiner und kleiner wurde ihr Elternhaus, bis es schließlich in den Wolken versank. Plötzlich, wie aus dem Nichts, vernahm sie eine Stimme:
Du musst die Sterne vom Himmel pflücken, sie in eine Decke einnähen und dich mit ihr zudecken. Dann, ja dann, wirst du im Schlaf zu allen Welten aufbrechen können und alles Erlebte wird in deinem Herzen bewahrt bleiben.
Muriel hielt nach der Stimme Ausschau und sah den kleinen Prinzen, der über ihr an seinem Vogelband durch die Wolken schwebte.
Pflücke dir die Sterne vom Himmel, hörte sie ihn noch einmal rufen, bevor er in einer dick aufgeplusterten Wolke verschwand.
Sie überlegte nur kurz, rief: Höher, ihr Vögel, höher!
Höher und höher, schneller und schneller flog sie dahin. Huidiepui flog sie am Mond vorbei, winkte den Planeten. Und kurze Zeit später schon, waren die Sterne zum Greifen nahe.
Muri, he Muri! He du alte Schlafmütze, es ist Zeit aufzustehen. Die Schule wartet nicht auf dich.
Hmmm,,,,hmmm….oh Mama! Jetzt hast du mich aus einem so wichtigen Traum gerissen. Wie soll ich denn jetzt wissen, wie es weitergeht? Oh je!
Stell dich vor den Spiegel und erzähle dir das Traumerlebte, damit es nicht verloren geht. Dann kannst du heute Nacht daran anknüpfen und träumst deinen Traum zu Ende.
So erzählte sich Muriel ihren Traum, während sie vor dem Spiegel stand und ihr Haar kämmte. Was sie freilich nicht wusste war, dass auf dem Buchenzweig gegenüber ihres Zimmers zwei tuenichtgutige Krähen namens Kraak und Kröök saßen und durchs geöffnete Fenster ihrer Geschichte lauschten.

Hör nur, hör. So hör doch.
Ja, ja…ich hör doch schon.
Hör nur, was der Traum ihr verschafft. Hör nur.
Ja doch, ja!
Immer warm und immer trocken. Alles was wir brauchen, ist die Decke über dem Kopf.
Ja doch, ja!
Wir brauchen nur ein paar dieser Sterne. Dann träumen wir unseren eigenen Traum.
Komm, Kröök, komm. Lass uns tanzen, krächzen…wie verrückt. Wir müssen Muriels Aufmerksamkeit
gewinnen.
Was was?
Nicht was was. Los schon, los! Sie muss unser Gebaren mit Haut und Federn aufbewahren, so wie wir ihren Traum verinnerlichen. Wenn wir es gut machen, richtig gut, verschaffen wir uns vielleicht einen Platz in ihrem nächsten Traum. Und wenn wir dann ihren Traum träumen…wer weiß.
Ja doch, ja.
Mensch werden wir sein. Mensch!
Ja doch.
Ja!

Mir nichts, dir nichts, wurde Muriel aus ihrer Haarkämmgedankenlosigkeit gerissen. Auf dem Baum gegenüber ihres Zimmers saßen zwei Krähen und führten, ja, es sah tatsächlich so aus, einen Tanz auf. Und sie tanzten nicht nur, sie krächzten auch noch eine ohrenbetäubende Melodie dabei. So etwas hatte Muriel noch nie zuvor gesehen…und gehört. Vögel die tanzen. Sie wäre diesem Bild noch ewig gefolgt, hätte ihre Mutter nicht aus der Küche gerufen, dass es nun allerhöchste Zeit sei.
Der Tag nahm seinen Lauf, doch die Vögel gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Muriel konnte die Schlafenszeit kaum abwarten. Als es endlich so weit war, legte sie sich ins Bett und blickte aus dem Fenster auf die Buche. Ihr war, als säßen dort zwei Vögel. In ihren Gedanken ließ sie den Traum der letzten Nacht an sich vorüberziehen. Sie dachte und dachte und dachte sich fort in einen Traum.

Vergiss nicht, Kröök. Denk dich in ihren Traum. Nimm in mit in deine Nacht hinein.
Ja, ja…ich denke ihren Traum.
Vergiss nicht, was der Traum uns verschafft. Vergiss nicht.
Nein doch, nein. Ich vergesse es nicht.
Gut…dann schlaf ein.
Ja doch…

Da waren die Sterne. Sie schwebten durch den dunklen Raum und warteten nur darauf, von Muriel gepflückt zu werden. Sie nahm den erstbesten, setzte sich auf ihn und löste die Bänder, mit denen sie mit den Vögeln verbunden war. Fliegt, rief sie, fliegt…ich brauch nun keine Federn mehr. Und so pflückte sie einen Stern nach dem anderen und knotete sie mit den Bändern aneinander.
In einem anderen Traum hätte womöglich ein Mensch in dieser Nacht ein neues Sternenbild geträumt.

He Kröök. Schau nur, schau. So schau doch.
Ja, ja…ich schau doch schon.
Schau nur wo wir sind. Schau nur. Wir sitzen auf Sternen, fliegen durchs All.
Ja doch, ja!
Ich denke, sie kann uns nicht sehen. Wir haben uns in ihren Traum geträumt, träumen aber unseren eigenen Teil. Versehst du?
Nein!
Äh…nun gut, wie dem auch sei. Lass uns ein paar der Knoten lösen, ein paar der Sterne stibitzen.
Sie wird es nicht merken, sind ja so viele.
Ja doch, ja. Nein doch, nein.

Der nächste Morgen brachte das gleiche Theater wie der morgen davor.

He Muri! Was ist nur mit dir los? Mach das du aufstehst, du Tunichtgut.
Ja Mama, ja. Ich steh ja schon auf.
Es wird aber auch Zeit.
Ja doch, Mama. Ja.

Und wie am Morgen zuvor, saß Muriel kurze Zeit später vorm Spiegel und erzählte sich ihren Traum,
auf dass nichts davon verloren ginge.
Und wie am Morgen zuvor, saßen zwei Krähen gegenüber Muriels Fenster. Nur lauschten sie dieses Mal nicht ihrer Geschichte sondern erzählten sich ihren Traum…auf dass er bliebe.

Und wie am Tag zuvor, zog sich auch dieser Tag unendlich in die Länge, nur mit dem Unterschied,
dass es dieses Mal ein Menschenkind und zwei aus dem Volk der Krähen nicht abwarten konnten, von hier nach dort zu gelangen.

Als es endlich so weit war, hätte Muriel schwören können, dass auf dem Ast der Buche zwei Vögel saßen.

Und nun dachten und dachten und dachten sich ganz unterschiedliche Wesen ins ‚was war‘ und schliefen ein.

So, dachte Muriel in ihrem Traum. Nun sind sie eingenäht. Jetzt ab auf die Leine, damit der nächtliche Wind alle Träume, Abenteuer, alle Welten überall, einwehen lassen kann.

Komm, hilf mir einmal, Kröök!
Ja doch, ja.
Da ist noch Platz für unsere Decken, ja da!
Ja doch, ja!

Am folgenden Morgen war Muriel bereits vor ihren Eltern auf. Nichts konnte schnell genug erledigt werden. Der Tag sollte Huidiepui vorübergehen, damit das Abenteuer beginnen konnte. Auf dem Ast der Buche erhoben sich zwei gefiederte Gesellen. In Windeseile verflog der Tag.

Als die Nacht kam, schaute Muriel aus Gewohnheit auf den Ast der Buche. Keine Vögel.

Wieder dachte und dachte und dachte sie sich in den Schlaf hinein, deckte sich mit dem letzten Gedanken mit ihrer Sternendecke zu und das Abenteuer begann.

Kraak und Kröök lagen derweil zugedeckt in ihrem Nest und träumten ihren Traum.

Muri, Muri…krächzte eine Stimme, steh auf. Es ist Zeit.

Langsam, ganz langsam, erwachte Muriel lächelnd. Was war das für eine aufregende Nacht gewesen!
Kraak, kraak krächzte die Mutter.
Was ist denn los, Mama?
Ich glaube, Papa und ich haben uns erkältet.
Wie zur Bestätigung hörte sie Papa aus der Küche kröökeln.


Kurze Zeit später stand Muriel am Spiegel, kämmte ihr Haar und dachte über das Erlebte der letzten Nacht nach. Als sie aufstand, fiel ihr Blick aus dem Fenster auf den Ast der Buche.

Dort saßen zwei Krähen. Muriel hätte schwören können, dass sie lächelten.
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
hätte ich mir beim schreiben darum gedanken machen müssen? hab ich nicht! für alle kinder, die gefallen daran finden :)

alles liebe

otto

p.s. letztendlich ist die geschichte meiner enkeltochter gewidmet.
 

molly

Mitglied
Hera schreiebt bei Infos zum Forum:

"Schön wäre es, wenn jeder Autor mit angeben würde, für welches Lesealter seine Geschichte gedacht ist."

Auf jeden Fall freut sich jedes Enkelkind auf eine eigene Geschichte von Oma oder Opa.



Gruß Molly
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
tja...ich habe keine ahnung! kinder (und das weiß ich aus erfahrung) sind so unterschiedlich. für das eine sechsjährige kind mag die geschichte zu erwachsen sein, für ein anderes wieder nicht. es tut mir leid...ich weiß es nicht zu sagen.

Alles Liebe

Otto
 
O

orlando

Gast
Hallo Otto,
ich bin ja schon ein etwas älteres Kind, muss aber dennoch eingestehen, dass ich restlos entzückt bin!
Wie wunderbar sich ein paar Verhaltensweisen des junggebeamten Elternpaars in den Krähen spiegeln und wie vorausschauend diese Lesart erst ganz am Ende angeboten wird ...

Lächelnde Grüße
Orlando


Ps.: Einmal hat der Tippfehlersatan zugeschlagen:

Vergiss nicht, Kröök. Denk dich in ihren Traum. Nimm [blue]ihn[/blue] mit in deine Nacht hinein.
Ja, ja…ich denke ihren Traum.
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Es waren einmal zwei tunichtgutige Krähen namens Kraak und Kröök.
Nun war es durchaus nicht so, dass unsere beiden gefiederten Gesellen zwei schlechte ihrer Art gewesen wären, nein, es lag mehr in der Natur des Krähenvolks schlechthin, dass sie ein wenig
kraak- und kröökelig waren. Hätte man sie befragt, hätten sie diese tunichtgutige Art weit von sich gewiesen, ja, sie hätten sich gewiss als durchaus freundliche, lustige Gesellen darzustellen versucht.
Drum wollen wir es dabei bewenden lassen und sagen:
Es waren einmal zwei Krähen namens Kraak und Kröök!

Und dann war da noch das Menschenkind Muriel. Ein rechtes Träumerle, deren Welt durchs Lesen immer größer, tiefer und phantastischer geworden war. Die Welt auf der sie stand,
reichte ihr schon lange nicht mehr aus. Sie träumte sich fort, immer weiter fort, doch immer wieder erschien ihr die Realität so groß und schwer, dass es ihr unmöglich erschien, so ganz und gar zu anderen Welten aufzubrechen.

Nun wollen wir versuchen Menschenkind und Krähenvolk zu einem Bild zu vereinigen.

Vor Muriels Elternhaus stand eine alte Buche. In diese hatten sich Kraak und Kröök als Untermieter eingenistet, und von hier aus beobachteten sie das Geschehen rund um Muriels Heim.
Nein, nicht nur rundum, auch hinein, denn der größte Buchenast zeigte genau auf Muriels Zimmer. Auf ihm saßen die Beiden und beobachteten das Menschenkind Muriel.

Da uns die Krähensprache fremd ist, wollen wir das Gekrächze der Beiden in unserer Sprache übersetzen.

Schau nur, schau. So schau doch.
Ja, ja…ich schau doch schon.
Schau nur wie gut sie´s hat. Schau nur.
Ja doch, ja!
Immer warm und trocken, immer eine Decke über dem Kopf. Kein nasses Gefieder, nicht.
Ja doch, ja!
Und wir? Wir herbsten auf diesem Ast herum. Von wegen federleicht. Federschwer ist mir vor lauter Nässe.
Ja doch, ja.
Mensch müsste man sein. Mensch!
Ja doch.
Ja!

Während sich unsere beiden Krähen bedauerten, ob der Schicksalslaunenhaftigkeit der Natur, lag Muriel auf ihrem Bett und las die Geschichte vom kleinen Prinzen.
Gerade versank sie im Bild auf dem der kleine Prinz von Vögeln gezogen, durch die Luft flog. Ja, das ist es, dachte sie, so müsste es gehen. Dachte es und dachte es und dachte sich fort in einen Traum. Einen Traum, in dem sie, von Vögeln gezogen durch die Lüfte reiste.
Immer kleiner und kleiner wurde ihr Elternhaus, bis es schließlich in den Wolken versank. Plötzlich, wie aus dem Nichts, vernahm sie eine Stimme:
Du musst die Sterne vom Himmel pflücken, sie in eine Decke einnähen und dich mit ihr zudecken. Dann, ja dann, wirst du im Schlaf zu allen Welten aufbrechen können und alles Erlebte wird in deinem Herzen bewahrt bleiben.
Muriel hielt nach der Stimme Ausschau und sah den kleinen Prinzen, der über ihr an seinem Vogelband durch die Wolken schwebte.
Pflücke dir die Sterne vom Himmel, hörte sie ihn noch einmal rufen, bevor er in einer dick aufgeplusterten Wolke verschwand.
Sie überlegte nur kurz, rief: Höher, ihr Vögel, höher!
Höher und höher, schneller und schneller flog sie dahin. Huidiepui flog sie am Mond vorbei, winkte den Planeten. Und kurze Zeit später schon, waren die Sterne zum Greifen nahe.
Muri, he Muri! He du alte Schlafmütze, es ist Zeit aufzustehen. Die Schule wartet nicht auf dich.
Hmmm,,,,hmmm….oh Mama! Jetzt hast du mich aus einem so wichtigen Traum gerissen. Wie soll ich denn jetzt wissen, wie es weitergeht? Oh je!
Stell dich vor den Spiegel und erzähle dir das Traumerlebte, damit es nicht verloren geht. Dann kannst du heute Nacht daran anknüpfen und träumst deinen Traum zu Ende.
So erzählte sich Muriel ihren Traum, während sie vor dem Spiegel stand und ihr Haar kämmte. Was sie freilich nicht wusste war, dass auf dem Buchenzweig gegenüber ihres Zimmers zwei tuenichtgutige Krähen namens Kraak und Kröök saßen und durchs geöffnete Fenster ihrer Geschichte lauschten.

Hör nur, hör. So hör doch.
Ja, ja…ich hör doch schon.
Hör nur, was der Traum ihr verschafft. Hör nur.
Ja doch, ja!
Immer warm und immer trocken. Alles was wir brauchen, ist die Decke über dem Kopf.
Ja doch, ja!
Wir brauchen nur ein paar dieser Sterne. Dann träumen wir unseren eigenen Traum.
Komm, Kröök, komm. Lass uns tanzen, krächzen…wie verrückt. Wir müssen Muriels Aufmerksamkeit
gewinnen.
Was was?
Nicht was was. Los schon, los! Sie muss unser Gebaren mit Haut und Federn aufbewahren, so wie wir ihren Traum verinnerlichen. Wenn wir es gut machen, richtig gut, verschaffen wir uns vielleicht einen Platz in ihrem nächsten Traum. Und wenn wir dann ihren Traum träumen…wer weiß.
Ja doch, ja.
Mensch werden wir sein. Mensch!
Ja doch.
Ja!

Mir nichts, dir nichts, wurde Muriel aus ihrer Haarkämmgedankenlosigkeit gerissen. Auf dem Baum gegenüber ihres Zimmers saßen zwei Krähen und führten, ja, es sah tatsächlich so aus, einen Tanz auf. Und sie tanzten nicht nur, sie krächzten auch noch eine ohrenbetäubende Melodie dabei. So etwas hatte Muriel noch nie zuvor gesehen…und gehört. Vögel die tanzen. Sie wäre diesem Bild noch ewig gefolgt, hätte ihre Mutter nicht aus der Küche gerufen, dass es nun allerhöchste Zeit sei.
Der Tag nahm seinen Lauf, doch die Vögel gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Muriel konnte die Schlafenszeit kaum abwarten. Als es endlich so weit war, legte sie sich ins Bett und blickte aus dem Fenster auf die Buche. Ihr war, als säßen dort zwei Vögel. In ihren Gedanken ließ sie den Traum der letzten Nacht an sich vorüberziehen. Sie dachte und dachte und dachte sich fort in einen Traum.

Vergiss nicht, Kröök. Denk dich in ihren Traum. Nimm ihn mit in deine Nacht hinein.
Ja, ja…ich denke ihren Traum.
Vergiss nicht, was der Traum uns verschafft. Vergiss nicht.
Nein doch, nein. Ich vergesse es nicht.
Gut…dann schlaf ein.
Ja doch…

Da waren die Sterne. Sie schwebten durch den dunklen Raum und warteten nur darauf, von Muriel gepflückt zu werden. Sie nahm den erstbesten, setzte sich auf ihn und löste die Bänder, mit denen sie mit den Vögeln verbunden war. Fliegt, rief sie, fliegt…ich brauch nun keine Federn mehr. Und so pflückte sie einen Stern nach dem anderen und knotete sie mit den Bändern aneinander.
In einem anderen Traum hätte womöglich ein Mensch in dieser Nacht ein neues Sternenbild geträumt.

He Kröök. Schau nur, schau. So schau doch.
Ja, ja…ich schau doch schon.
Schau nur wo wir sind. Schau nur. Wir sitzen auf Sternen, fliegen durchs All.
Ja doch, ja!
Ich denke, sie kann uns nicht sehen. Wir haben uns in ihren Traum geträumt, träumen aber unseren eigenen Teil. Versehst du?
Nein!
Äh…nun gut, wie dem auch sei. Lass uns ein paar der Knoten lösen, ein paar der Sterne stibitzen.
Sie wird es nicht merken, sind ja so viele.
Ja doch, ja. Nein doch, nein.

Der nächste Morgen brachte das gleiche Theater wie der morgen davor.

He Muri! Was ist nur mit dir los? Mach das du aufstehst, du Tunichtgut.
Ja Mama, ja. Ich steh ja schon auf.
Es wird aber auch Zeit.
Ja doch, Mama. Ja.

Und wie am Morgen zuvor, saß Muriel kurze Zeit später vorm Spiegel und erzählte sich ihren Traum,
auf dass nichts davon verloren ginge.
Und wie am Morgen zuvor, saßen zwei Krähen gegenüber Muriels Fenster. Nur lauschten sie dieses Mal nicht ihrer Geschichte sondern erzählten sich ihren Traum…auf dass er bliebe.

Und wie am Tag zuvor, zog sich auch dieser Tag unendlich in die Länge, nur mit dem Unterschied,
dass es dieses Mal ein Menschenkind und zwei aus dem Volk der Krähen nicht abwarten konnten, von hier nach dort zu gelangen.

Als es endlich so weit war, hätte Muriel schwören können, dass auf dem Ast der Buche zwei Vögel saßen.

Und nun dachten und dachten und dachten sich ganz unterschiedliche Wesen ins ‚was war‘ und schliefen ein.

So, dachte Muriel in ihrem Traum. Nun sind sie eingenäht. Jetzt ab auf die Leine, damit der nächtliche Wind alle Träume, Abenteuer, alle Welten überall, einwehen lassen kann.

Komm, hilf mir einmal, Kröök!
Ja doch, ja.
Da ist noch Platz für unsere Decken, ja da!
Ja doch, ja!

Am folgenden Morgen war Muriel bereits vor ihren Eltern auf. Nichts konnte schnell genug erledigt werden. Der Tag sollte Huidiepui vorübergehen, damit das Abenteuer beginnen konnte. Auf dem Ast der Buche erhoben sich zwei gefiederte Gesellen. In Windeseile verflog der Tag.

Als die Nacht kam, schaute Muriel aus Gewohnheit auf den Ast der Buche. Keine Vögel.

Wieder dachte und dachte und dachte sie sich in den Schlaf hinein, deckte sich mit dem letzten Gedanken mit ihrer Sternendecke zu und das Abenteuer begann.

Kraak und Kröök lagen derweil zugedeckt in ihrem Nest und träumten ihren Traum.

Muri, Muri…krächzte eine Stimme, steh auf. Es ist Zeit.

Langsam, ganz langsam, erwachte Muriel lächelnd. Was war das für eine aufregende Nacht gewesen!
Kraak, kraak krächzte die Mutter.
Was ist denn los, Mama?
Ich glaube, Papa und ich haben uns erkältet.
Wie zur Bestätigung hörte sie Papa aus der Küche kröökeln.


Kurze Zeit später stand Muriel am Spiegel, kämmte ihr Haar und dachte über das Erlebte der letzten Nacht nach. Als sie aufstand, fiel ihr Blick aus dem Fenster auf den Ast der Buche.

Dort saßen zwei Krähen. Muriel hätte schwören können, dass sie lächelten.
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Danke euch. Und danke für das 'h' liebe Heidrun. Es wird schon bald eine Fortsetzung geben. Dann mehr zum Hintergrund der Geschichte/n.

Gute Nacht!
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Es waren einmal zwei tunichtgutige Krähen namens Kraak und Kröök.
Nun war es durchaus nicht so, dass unsere beiden gefiederten Gesellen zwei schlechte ihrer Art gewesen wären, nein, es lag mehr in der Natur des Krähenvolks schlechthin, dass sie ein wenig
kraak- und kröökelig waren. Hätte man sie befragt, hätten sie diese tunichtgutige Art weit von sich gewiesen, ja, sie hätten sich gewiss als durchaus freundliche, lustige Gesellen darzustellen versucht.
Drum wollen wir es dabei bewenden lassen und sagen:
Es waren einmal zwei Krähen namens Kraak und Kröök!

Und dann war da noch das Menschenkind Muriel. Ein rechtes Träumerle, deren Welt durchs Lesen immer größer, tiefer und phantastischer geworden war. Die Welt auf der sie stand,
reichte ihr schon lange nicht mehr aus. Sie träumte sich fort, immer weiter fort, doch immer wieder erschien ihr die Realität so groß und schwer, dass es ihr unmöglich erschien, so ganz und gar zu anderen Welten aufzubrechen.

Nun wollen wir versuchen Menschenkind und Krähenvolk zu einem Bild zu vereinigen.

Vor Muriels Elternhaus stand eine alte Buche. In diese hatten sich Kraak und Kröök als Untermieter eingenistet, und von hier aus beobachteten sie das Geschehen rund um Muriels Heim.
Nein, nicht nur rundum, auch hinein, denn der größte Buchenast zeigte genau auf Muriels Zimmer. Auf ihm saßen die Beiden und beobachteten das Menschenkind Muriel.

Da uns die Krähensprache fremd ist, wollen wir das Gekrächze der Beiden in unserer Sprache übersetzen.

Schau nur, schau. So schau doch.
Ja, ja…ich schau doch schon.
Schau nur wie gut sie´s hat. Schau nur.
Ja doch, ja!
Immer warm und trocken, immer eine Decke über dem Kopf. Kein nasses Gefieder, nicht.
Ja doch, ja!
Und wir? Wir herbsten auf diesem Ast herum. Von wegen federleicht. Federschwer ist mir vor lauter Nässe.
Ja doch, ja.
Mensch müsste man sein. Mensch!
Ja doch.
Ja!

Während sich unsere beiden Krähen bedauerten, ob der Schicksalslaunenhaftigkeit der Natur, lag Muriel auf ihrem Bett und las die Geschichte vom kleinen Prinzen.
Gerade versank sie im Bild auf dem der kleine Prinz von Vögeln gezogen, durch die Luft flog. Ja, das ist es, dachte sie, so müsste es gehen. Dachte es und dachte es und dachte sich fort in einen Traum. Einen Traum, in dem sie, von Vögeln gezogen durch die Lüfte reiste.
Immer kleiner und kleiner wurde ihr Elternhaus, bis es schließlich in den Wolken versank. Plötzlich, wie aus dem Nichts, vernahm sie eine Stimme:
Du musst die Sterne vom Himmel pflücken, sie in eine Decke einnähen und dich mit ihr zudecken. Dann, ja dann, wirst du im Schlaf zu allen Welten aufbrechen können und alles Erlebte wird in deinem Herzen bewahrt bleiben.
Muriel hielt nach der Stimme Ausschau und sah den kleinen Prinzen, der über ihr an seinem Vogelband durch die Wolken schwebte.
Pflücke dir die Sterne vom Himmel, hörte sie ihn noch einmal rufen, bevor er in einer dick aufgeplusterten Wolke verschwand.
Sie überlegte nur kurz, rief: Höher, ihr Vögel, höher!
Höher und höher, schneller und schneller flog sie dahin. Huidiepui flog sie am Mond vorbei, winkte den Planeten. Und kurze Zeit später schon, waren die Sterne zum Greifen nahe.
Muri, he Muri! He du alte Schlafmütze, es ist Zeit aufzustehen. Die Schule wartet nicht auf dich.
Hmmm,,,,hmmm….oh Mama! Jetzt hast du mich aus einem so wichtigen Traum gerissen. Wie soll ich denn jetzt wissen, wie es weitergeht? Oh je!
Stell dich vor den Spiegel und erzähle dir das Traumerlebte, damit es nicht verloren geht. Dann kannst du heute Nacht daran anknüpfen und träumst deinen Traum zu Ende.
So erzählte sich Muriel ihren Traum, während sie vor dem Spiegel stand und ihr Haar kämmte. Was sie freilich nicht wusste war, dass auf dem Buchenzweig gegenüber ihres Zimmers zwei tuenichtgutige Krähen namens Kraak und Kröök saßen und durchs geöffnete Fenster ihrer Geschichte lauschten.

Hör nur, hör. So hör doch.
Ja, ja…ich hör doch schon.
Hör nur, was der Traum ihr verschafft. Hör nur.
Ja doch, ja!
Immer warm und immer trocken. Alles was wir brauchen, ist die Decke über dem Kopf.
Ja doch, ja!
Wir brauchen nur ein paar dieser Sterne. Dann träumen wir unseren eigenen Traum.
Komm, Kröök, komm. Lass uns tanzen, krächzen…wie verrückt. Wir müssen Muriels Aufmerksamkeit
gewinnen.
Was was?
Nicht was was. Los schon, los! Sie muss unser Gebaren mit Haut und Federn aufbewahren, so wie wir ihren Traum verinnerlichen. Wenn wir es gut machen, richtig gut, verschaffen wir uns vielleicht einen Platz in ihrem nächsten Traum. Und wenn wir dann ihren Traum träumen…wer weiß.
Ja doch, ja.
Mensch werden wir sein. Mensch!
Ja doch.
Ja!

Mir nichts, dir nichts, wurde Muriel aus ihrer Haarkämmgedankenlosigkeit gerissen. Auf dem Baum gegenüber ihres Zimmers saßen zwei Krähen und führten, ja, es sah tatsächlich so aus, einen Tanz auf. Und sie tanzten nicht nur, sie krächzten auch noch eine ohrenbetäubende Melodie dabei. So etwas hatte Muriel noch nie zuvor gesehen…und gehört. Vögel die tanzen. Sie wäre diesem Bild noch ewig gefolgt, hätte ihre Mutter nicht aus der Küche gerufen, dass es nun allerhöchste Zeit sei.
Der Tag nahm seinen Lauf, doch die Vögel gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Muriel konnte die Schlafenszeit kaum abwarten. Als es endlich so weit war, legte sie sich ins Bett und blickte aus dem Fenster auf die Buche. Ihr war, als säßen dort zwei Vögel. In ihren Gedanken ließ sie den Traum der letzten Nacht an sich vorüberziehen. Sie dachte und dachte und dachte sich fort in einen Traum.

Vergiss nicht, Kröök. Denk dich in ihren Traum. Nimm ihn mit in deine Nacht hinein.
Ja, ja…ich denke ihren Traum.
Vergiss nicht, was der Traum uns verschafft. Vergiss nicht.
Nein doch, nein. Ich vergesse es nicht.
Gut…dann schlaf ein.
Ja doch…

Da waren die Sterne. Sie schwebten durch den dunklen Raum und warteten nur darauf, von Muriel gepflückt zu werden. Sie nahm den erstbesten, setzte sich auf ihn und löste die Bänder, mit denen sie mit den Vögeln verbunden war. Fliegt, rief sie, fliegt…ich brauch nun keine Federn mehr. Und so pflückte sie einen Stern nach dem anderen und knotete sie mit den Bändern aneinander.
In einem anderen Traum hätte womöglich ein Mensch in dieser Nacht ein neues Sternenbild geträumt.

He Kröök. Schau nur, schau. So schau doch.
Ja, ja…ich schau doch schon.
Schau nur wo wir sind. Schau nur. Wir sitzen auf Sternen, fliegen durchs All.
Ja doch, ja!
Ich denke, sie kann uns nicht sehen. Wir haben uns in ihren Traum geträumt, träumen aber unseren eigenen Teil. Versehst du?
Nein!
Äh…nun gut, wie dem auch sei. Lass uns ein paar der Knoten lösen, ein paar der Sterne stibitzen.
Sie wird es nicht merken, sind ja so viele.
Ja doch, ja. Nein doch, nein.

Der nächste Morgen brachte das gleiche Theater wie der morgen davor.

He Muri! Was ist nur mit dir los? Mach das du aufstehst, du Tunichtgut.
Ja Mama, ja. Ich steh ja schon auf.
Es wird aber auch Zeit.
Ja doch, Mama. Ja.

Und wie am Morgen zuvor, saß Muriel kurze Zeit später vorm Spiegel und erzählte sich ihren Traum,
auf dass nichts davon verloren ginge.
Und wie am Morgen zuvor, saßen zwei Krähen gegenüber Muriels Fenster. Nur lauschten sie dieses Mal nicht ihrer Geschichte sondern erzählten sich ihren Traum…auf dass er bliebe.

Und wie am Tag zuvor, zog sich auch dieser Tag unendlich in die Länge, nur mit dem Unterschied,
dass es dieses Mal ein Menschenkind und zwei aus dem Volk der Krähen nicht abwarten konnten, von hier nach dort zu gelangen.

Als es endlich so weit war, hätte Muriel schwören können, dass auf dem Ast der Buche zwei Vögel saßen.

Und nun dachten und dachten und dachten sich ganz unterschiedliche Wesen ins ‚was war‘ und schliefen ein.

So, dachte Muriel in ihrem Traum. Nun sind sie eingenäht. Jetzt ab auf die Leine, damit der nächtliche Wind alle Träume, Abenteuer, alle Welten überall, einwehen lassen kann.

Komm, hilf mir einmal, Kröök!
Ja doch, ja.
Da ist noch Platz für unsere Decken, ja da!
Ja doch, ja!

Am folgenden Morgen war Muriel bereits vor ihren Eltern auf. Nichts konnte schnell genug erledigt werden. Der Tag sollte Huidiepui vorübergehen, damit das Abenteuer beginnen konnte. Auf dem Ast der Buche erhoben sich zwei gefiederte Gesellen. In Windeseile verflog der Tag.

Als die Nacht kam, schaute Muriel aus Gewohnheit auf den Ast der Buche. Keine Vögel.

Wieder dachte und dachte und dachte sie sich in den Schlaf hinein, deckte sich mit dem letzten Gedanken mit ihrer Sternendecke zu und das Abenteuer begann.

Kraak und Kröök lagen derweil zugedeckt in ihrem Nest und träumten ihren Traum.

Muri, Muri…krächzte eine Stimme, steh auf. Es ist Zeit.

Langsam, ganz langsam, erwachte Muriel lächelnd. Was war das für eine aufregende Nacht gewesen!
Kraak, kraak krächzte die Mutter.
Was ist denn los, Mama?
Ich glaube, Papa und ich haben uns erkältet.
Wie zur Bestätigung hörte sie Papa aus der Küche kröökeln.


Kurze Zeit später stand Muriel am Spiegel, kämmte ihr Haar und dachte über das Erlebte der letzten Nacht nach. Als sie aufstand, fiel ihr Blick aus dem Fenster auf den Ast der Buche.

Dort saßen zwei Krähen. Muriel hätte schwören können, dass sie lächelten.


Jetzt, da Traum und Wirklichkeit zu einem Hier und Jetzt, Jederzeit und Überall, zusammenwuchsen, Mensch Vogel - Vogel Mensch, änderten sich Mensch und Vogel in ihrem Sein. Betrachten wir dies erst einmal, indem wir heimlich in den Alltag von Muriels Eltern eintauchen.

Waren ihnen früher Vögel und ihr Sein piepegal, sah man die beiden nun öfters beim stummen Beobachten der Vögel im Garten sitzen. Hin und wieder geschah es, dass ihnen beim Vorbeiflug zweier Krähen ein sehnsuchtsvolles "Ach ja!" entfleuchte. Kurze Zeit später verlegten sie ihren Beobachtungspunkt. Sie saßen nun immer öfter auf dem Dach, weil man von dort, wie sie meinten, einen besseren Blick hätte.

Muriel fielen die Veränderungen ihrer Eltern natürlich auf. Sie bekam schon einen mächtigen Schrecken, als sie ihre Eltern das erste Mal auf dem Dachfirst sitzen sah. Gleichzeitig musste sie lächeln, sah sie in ihnen nun Verbündete im Traum vom Allerweltenreich. Man hörte es nun täglich vom Dachfirst kraaken, krööken und piepen. Zwei Menschenkinder in Zwiesprache mit dem Federvolk. Dies konnte natürlich der Nachbarschaft nicht verborgen bleiben.
Und so kam es, dass eines Tages zwei Polizisten vor dem Gartenzaun des Hauses standen.

‚Geht’s ihnen gut‘? rief einer der beiden.
Muriels Mutter kraakte und kröökte nickend und der Vater piepte ein Lied dazu.
‚Was machen Sie denn dort oben‘? fragte der Zweite.
‚Wir verändern unseren Blickwinkel‘ antworteten die beiden, wie aus einem Mund.
‚Aber ist das nicht gefährlich dort oben‘?
‚Kommt drauf an wie man´s sieht‘ kraakelten und kröökelten sie piepender Weise.
‚Nun, ich denke, wir denken", sprach einer der beiden, "es wäre vernünftiger, wenn Sie vom Dach stiegen und die Welt von ihrem Garten aus betrachteten‘.
‚Nun‘, antwortete Muriels Vater, "dies mag Ihrer Ansicht von Vernunft vernünftig erscheinen, unserer nicht. Wir bleiben hier. Hier oben. Auf unserem Dach. Weil es uns gefällt. Wir stören niemanden, und unsere Vernunft sagt uns, dass es vernünftig ist, hier zu sein‘!

Aus der Buche im Garten von Muriels Eltern erklang ein kraaken und krööken. Es klang wie: "Ja, ja, ja…so sonderbar, so wunderbar."

‚Nun, dann passen Sie auf sich auf‘!
‚Keine Angst, wir werden schon nicht fort fliegen‘, antwortete Mutter Muriel, und Vater Muriel fing laut an zu lachen, begleitet vom Kraaken und Krööken aus der Buche.

In den Wochen darauf gab es für Muriel und ihre Eltern viel zu erleben. Man angelte sich durch die Bäume eines Kletterparks, bestieg Berge und überließ sich dem Wind bei einer Fahrt im Ballon. Wer die drei bei ihren Abenteuern beobachtete, dem fiel auf, dass da immer zwei schwarze Schatten in der Nähe waren.

Eines Abends, Muriel saß mit ihren Eltern beim Abendbrot, verkündete Muriels Vater, dass er und die Mutter am nächsten Tag einen Fallschirmsprung wagen würden. Es sei an der Zeit, meinte Vater mit stolzgeschwellter Brust, breitem Kreuz, die Arme wie ein Vogel schwingend, den Himmel zu erkunden, und sich dabei wie ein Vogel zu fühlen.
Muriel hatte bei den Worten des Vaters gerade ins Brot gebissen, das nun halbwegs, zwischen den Zähnen steckend, aus ihrem offenen Mund lugte, den sie ob des Gehörten nicht mehr schließen konnte. Als sie Nachricht und Brot endlich geschluckt hatte, rief sie mit Schrecken in ihrer Stimme:
‘Was wollt ihr? Ihr, ihr wollt aus einem Flugzeug springen! Aber das ist doch verrückt, vollkommen verrückt‘!
‚So ist es‘, antwortete Vater, den Arm um die Schulter seiner Frau legend, die leise…kaum hörbar, in sich hineinlachte.
‚Ist es nicht wunderbar‘, meinte sie schließlich, ‚wir sind verrückt, verrückt‘!
Bei diesen Worten standen die beiden auf und tanzten wie verrückt durch die Küche.

Wie es Muriels Eltern bei ihrem Jungfernvogelflug erging, werden wir erfahren, wenn wir demnächst in die Geschichte von Kraak und Kröök eintauchen.

Bis dahin habt Geduld!
 
O

orlando

Gast
Wo denn, Otto?
Habe nun bereits zum dritten Mal alles durchforstet ...
LG, orlando
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ab: Jetzt, da Traum und Wirklichkeit...

wurde die Geschichte fortgesetzt.

Das nächste Kapitel folgt bald.
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Kraak und Kröök ging es gut. Nein, es ging ihnen sehr gut, jetzt,da sie in ihrer Traum-Wahrhaftigkeitswelt zu Hause waren.
Mal waren sie ganz Krähenpaar, dann wieder Muriels Eltern,
wobei Kraak ganz der Vater zum ‚Ole, Ole, Ole‘ Fussballnarr und ich weiß alles ‚Wer wird Millionär‘ Superdenker mutierte, während Kröök sich mehr zur Serien-
Kochsendung- wer wird Superstar-wer angelt sich `nen Bauer bzw. Millionär usw.(wobei die Betonung auf usw. liegt) Superfan entwickelte.
Was hatten ihre Träume, in denen sie in menschliche Rollen schlüpften, nicht alles zu bieten.
Allein das Frühstück. Essenskreationen auf Federkleid.
Rührei als Hut auf Kopf drapiert. Rote Marmeladenwangen auf schwarzem Teint.
Nutellakrallen. Brotkrümelduelle. Sahnehäubchen und Schnabelweiß.
Kakaolandkarten überall….anschließend ruhen.
Raus auf die Terrasse und in den Schaukelstuhl gefläzt .
Dabei sich selbst aus den Augen der Menschen, die auf der Buche ruhen, beobachten.
Zwei Krähen auf einem Ast, die nach unten auf zwei Menschen blicken…lächelnd, wie es scheint.
Danach Zeitung lesen. Jede/r seinen Teil. Und wieder ruhen.
Sich insgeheim auf Mittagessenschlachten freuen.
Passt ein ausgewachsenes Fischstäbchen in einen Schnabel?
Pommes-Dracula-Zähne mit tropfendem Ketchupblut daran.
Schnabelsalatscherenschnitte. Und erst der Nachtisch.
Plumpspudding.
Anschließend ruhen.
Vor dem Abendessen ein Spaziergang.
Die Welt aus den Augen eines Menschen beobachten.
Faszinierend. Manchmal auch beängstigend.
Ei die weil die Menschen alles so ernst nahmen.
Und weil sie so wenig Freiräume für sich hatten.
Oder gar nicht wussten, was sie mit ihren Freiräumen anfangen sollten.
Da war Krähensein doch um einiges einfacher.
Man war einfach. Und es war gut so.
Schlafen. Aufwachen. Ein wenig essen und ansonsten sich einen schönen Tag machen.
Doch die meisten Menschen hatten wohl verlernt Mensch zu sein.
Immer und alles und alles und immer drehte sich um Arbeit.
Arbeit Arbeit Arbeit. Und Geld und Geld und Geld.
Sie irrten und wirrten durch die Welt, dass man sich nur weit von ihnen fort wünschte.
Und so waren Kraak und Kröök sehr froh, dass sie auf Muriels Eltern gestoßen waren. Die Beiden hatten ein fast kraakröökischen Sein für sich gefunden und das gefiel unseren Krähen. Also ruhte man gemeinsam nach dem Spaziergang aus, wartete aufs Abendessen und die Zeit danach. Alles war gut bis zu jenem Abend, an dem Muriel das Brot aus dem Mund lugte.
Kraak und Kröök bekamen ihre Schnäbel nicht mehr zu.
Zwar hatten sie in letzter Zeit so einige Abenteuer mit den Eltern geteilt, doch hörten sie hier zum ersten Mal von ihrem Flugplan.
Das Abendbrot krümelte aus ihren offenen Schnäbeln.
Nein, oh nein. Das ging zu weit. Viel zu weit beziehungsweise tief. Damit wollten Kraak und Kröök nun aber ganz und gar nichts zu tun haben.
Aus einem Flugzeug?! Aus Tausenden von Metern.
Diese verteufelte Idee mussten sie verpennt haben.
Sonst hätten sie protestiert. Versucht, in die Träume der Eltern einzugreifen.
Bis heute hatte es Kraak und Kröök einen Heidenspaß gemacht, am Vogelsein der Beiden teilzuhaben. Aber das hier…nein! Schließlich waren sie Krähen. Krähen! Krähen und keine Adler.
Auf Bäume, ein Hausdach, oder auch gerne mal eine Kirchturmspitze. Aber aus einem Flugzeug!
Kraak und Kröök hatten Höhenangst. Nein, sie hatten Höhenpanik.
Was um alles in der Welt wollte man dort oben?
Abstürzen und elendig am Boden zerschellen!
Ja, mehr gab es nicht…und dies entsprach nun ganz und gar nicht ihren Wunschträumen.
Aber was blieb zu tun? Schnell mal anklopfen!
Ja…genau!
An den Traumwänden der Beiden anklopfen und warten bis jemand ‚herein‘ rief.
Und dann mir nix dir nix an den Träumen von Muriels Eltern arbeiten. Ihnen klarmachen, dass Fliegen zwar grundsätzlich schön sei, aber doch bitte nur bis zu einer gewissen Höhe. Einer Höhe, aus der man einen am Boden kriechenden Wurm ausmachen konnte.
Ja, dachten sie, wir müssen schnell schlafen und träumen.
Ganz ganz feste träumen.
 

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