Nach der Party

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NACH DER PARTY

1
Ich denke nicht, dass es im Leben etwas gibt, das schöner, eindrucksvoller, aufregender, überwältigender ist als der erstmalige Anblick des nackten Körpers einer Frau, nach der du verrückt bist, in die du verliebt zu sein glaubst, deren dunkle, feucht schimmernde Augen dich erwartungsvoll betrachten. Da mag auch die Kunst nicht mithalten können, nicht einmal das anschließende Berühren, Fühlen, Schmecken und Besitzen des betreffenden Körpers, also der eigentliche Sex. Ohne Zweifel war unser Sex der beste Sex meines Lebens gewesen, und doch erscheint er mir noch heute so unwirklich wie damals, als er mein Leben so unverhofft auf den Kopf stellte, sodass ich ständig versucht war, an seiner Realität zu zweifeln, wenn Laura einmal für kurze Zeit nicht bei mir sein konnte. Dazu kommt, dass die präzise Erinnerung nun einmal untrennbar mit den visuellen, sinnlichen Eindrücken des Augenblicks verbunden ist, und jene Eindrücke lassen sich nicht beliebig lange aufrechterhalten oder gar immer wieder aufs Neue herbeizaubern. Die Erinnerungen, die mir jedoch geblieben sind – die Glücksgefühle, die nie mehr wiederkehren werden –, betreffen in der Mehrzahl die zahllosen alltäglichen Kleinigkeiten, die scheinbar nebensächlichen Requisiten auf der Bühne der großen Gefühle und Leidenschaften:
Wie Laura ihre Kleidung in der ganzen Wohnung verteilte, bevor sie duschen ging; wie Badezimmer und Flur einem Dampfbad glichen, nachdem sie geduscht hatte; wie sie nach dem Duschen nackt durch die Wohnung tanzte, ihre Haare in ein riesiges Badetuch eingewickelt; wie sie mal fror, wenn es warm, und mal schwitzte, wenn es kalt war; wie sie es liebte, barfuß zu laufen, obwohl sie ständig kalte Füße (und Hände) hatte; wie sie sich ihres BHs unter dem T-Shirt entledigte, bevor sie abends auf der Couch Platz nahm; wie sie, sommers wie winters in eine Decke eingehüllt, spätestens nach einer Stunde beim abendlichen Film einschlief und hinterher schmollend darauf bestand, nichts von der Handlung versäumt zu haben; wie ihre Augen feucht wurden und funkelten und sie sich an mich kuschelte, wenn sich eine romantische Filmszene bot, und wie sie vor Empörung aufstöhnte und mit der Faust auf die Couch schlug, wenn den Protagonisten eine Ungerechtigkeit widerfuhr; der zärtliche Klang ihrer Stimme, wenn sie mich Franco, und der tonlose, wenn sie mich Franz rief; wie sie nach dem Sex nicht abschließend kuscheln, sondern entweder plaudern oder mehr Sex wollte; wie sie Kiwis, Orangen und Salatgurken schälte, unter simultaner Verwendung von Schälmesser, Fingernägel und Zähnen; wie sie bei den Mahlzeiten stets einen Rest in Glas, Tasse und auf dem Teller zurückließ; wie sie mit untergeschlagenem Bein bei Tisch saß, auf einer Ferse hockend; wie sie die Wohnung verließ, nur um umgehend zurückzueilen, oft mehrmals hintereinander, weil sie ständig etwas vergaß; wie sie immerzu Schals, Mützen, (Auto-) Schlüssel, Smartphone, Lesebrille und Einkaufszettel verlegte; wie sie Wäschestücke ineinander verschlungen und zusätzlich auf links gezogen in den Wäschekorb gab; wie sie so verbissen wie vergeblich ihre Nägel auf dieselbe Länge zu feilen suchte; wie ihr beim Schminken ständig die Schminkutensilien ins Waschbecken oder auf den Boden fielen; wie sie sich einmal aus einer Laune heraus Haupt- und Schamhaar blond färbte; mit welch fröhlichem Gleichmut sie dem Chaos ihres Wäscheschranks begegnete; wie sie Haken um Haken für ihre zahllosen Schals, Mützen und Jacken an der Garderobe eroberte; wie sie belustigt meine kleinlichen Ordnungsversuche in der Spülmaschine sabotierte; wie sie hüftschwingend mit dem Staubsauger durch die Wohnung trippelte, dabei lauthals zur Musik aus Kopfhörern trällernd; wie unmusikalisch sie bei aller Liebe zur Musik war; wie sie mehrere Bücher zur selben Zeit las und häufig von vorne beginnen musste, weil sie den Faden verloren hatte; wie sie nicht lächelte, sondern strahlte, und wie sie kaum jemals schmunzelte, gluckste oder kicherte, sondern stattdessen lauthals lachte; wie die Aufmerksamkeit ihre Gesichtszüge nicht verspannter, sondern sanfter erscheinen ließ, wenn ich ihr ein Lied zur Gitarre oder zum Klavier vortrug; mit welch kindlicher, ansteckender Freude sie Geschenke machte und empfing; wie sie gespielt zerknirscht dreinschaute, wenn ich ihr etwas hinterherräumte; wie sie innerhalb einer Sekunde von schläfriger Zerstreutheit zu lärmender Geschäftigkeit wechselte; welch geschicktes Händchen sie bei der Pflege der Zimmerpflanzen besaß (sie sprach sogar mit ihnen!); wie sie mich hin und wieder beim Mau-Mau gewinnen ließ; wie sie eigensinnig und unbekümmert auf so manchen unsinnigen Zug beim Schach bestand; wie sie stets versuchte, beim Mensch ärgere dich nicht zu schummeln; wie unnachgiebig sie einen Standpunkt vertreten (leider auch eine fragwürdige Behauptung aufstellen) konnte, ohne unfreundlich oder respektlos zu erscheinen; wie sie jedem Straßenmusiker und -Bettler etwas in den Hut warf und jedes Tierheim im Umkreis von einhundert Kilometer mit Engagement und Geldspenden bedachte; wie sie sich um die Kinder und Haustiere von Familie und Bekannten kümmerte; wie sie mich bedrängte, auch noch dem widerlichsten Arachniden ein Lebensrecht zuzubilligen; wie gelassen sie jede stressige Situation im Straßenverkehr bewältigte und dennoch nie den am nächsten gelegenen Parkplatz fand; wie schwer es ihr fiel (und wie lange sie benötigte), beim Kleiderkauf oder in einem Lokal eine Wahl zu treffen; wie sie wie nebensächlich trockene Bonmots zum Besten und sich anschließend verwundert darüber gab, warum sich ihre Umgebung vor Lachen schüttelte; wie sie, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, trotzdem die Seele, das Licht wie das Herz jeder Gesellschaft war, gleich jenen Tiefseebewohnern, die ihr eigenes Licht erzeugen; wie sie auch das Meine war und mich sogar glauben machen konnte, glücklich zu sein.

2
In der vergangenen Nacht träumte ich seit langem wieder einmal ausschließlich von Laura.
Es war ein schöner, aber gleichzeitig seltsam wehmütiger, trauriger Traum. Wäre mir dies zu Anfang unserer Beziehung zugestoßen – also meinem jüngeren, optimistischeren Ich –, so hätte ich bestimmt verunsichert darüber nachgegrübelt, ob ein solcher Traum etwas zu bedeuten hat, und was wohl. Denke ich nun eingehender darüber nach, so argwöhne ich, dass ein solcher Traum in jedem Fall etwas zu bedeuten gehabt hätte, sehr wahrscheinlich nichts Angenehmes.
In meinem Traum lagen wir im Dämmerlicht am Rand einer mit Steinplatten ausgelegten Terrasse eng beieinander auf einer dicken, flauschigen Decke, im Rücken von Kissen gestützt, die unsere Oberkörper vom Hintern bis zum Kopf umschlossen. Vor uns lag ein lang abfallendes Rasenstück, das in einen See mündete, dessen Umrisse allerdings nicht auszumachen waren, abgesehen von dem uns zugewandten Ufer. Nichts in der Umgegend kam mir bekannt vor, obwohl sie mir gleichzeitig ein eigenartiges Gefühl der Vertrautheit einflößte. Es war warm, und wir waren dementsprechend bekleidet; ich mit einer Shorts und Laura lediglich mit einem knappen Höschen, aus dessen oberem Rand der schmale, senkrechte Streifen ihrer Schamhaare lugte. Sie hatte sich seitlich an mich geschmiegt, ihr Kopf befand sich direkt unter meinem Kinn. Ich hatte einen Arm um sie gelegt und streichelte eine ihrer Brüste, sie meinen Oberschenkel und meine Brust. Jedoch war ich nicht sexuell erregt; ich empfand nur Vertrautheit, Zärtlichkeit, innere Ruhe und Wärme. Kein Wind war zu vernehmen, weder Laute von Vögeln noch von Insekten, lediglich das glucksende Geräusch von Wellen, die auf ein Ufer treffen, sowie unsere Atemzüge, unsere Stimmen und das Rascheln unserer Körper auf der Decke. Wir küssten uns abwechselnd auf Mund und Wange, und eine scheinbar endlos lange Zeit verstrich, bevor wir leise zu reden begannen, während wir uns weiter küssten und sanft umklammert hielten.
Wir sprachen darüber, dass, obwohl es uns an diesem Ort gefiel, er jedoch nicht mehr sicher erschien, wir also nicht mehr lange würden bleiben können, und wir fragten uns, wohin wir gehen sollten, wo es wohl eine sichere Zukunft gäbe, und wo wir schon überall gewesen waren, von wo wir aus dem einen oder anderen Grund wieder weg mussten, und dass es wohl nicht mehr viele Orte geben könne, die für Menschen wie uns geschaffen sind, und ob es nicht besser wäre, einfach zu verharren und alles hinzunehmen, was uns hier widerfahren könnte, solange wir nur zusammen sind, auch wenn dies das Ende unserer Geschichte bedeuten sollte. Bald konnte ich unsere gesprochenen Worte nur noch undeutlich vernehmen, etwa wie Worte in der Ferne verklingen, wenn man sich von einem Redner hinwegbewegt, und dennoch ahnte ich ihre Bedeutung, als ich fühlte, wie ich mich in eine andere Person verwandelte, ein früheres, bislang abwesendes Ich, in dessen Kopf diese Worte widerhallten, als wären sie bloße Gedanken, denen irgendein Zaubertrick die Eigenschaften von Lauten verliehen hatte.
Mir schien, dass wieder eine lange Zeit verging, aber sicher war ich mir nicht, weil mein Zeitgefühl sich in einem Moment dehnte, nur um sich im nächsten Augenblick wieder zusammenzuziehen, so wie ich mir auch jederzeit darüber im Klaren war, nur eine willkürliche Mischung aus Traum und Realität zu erleben, gleich einem Theaterstück auf einer schummrig beleuchteten Bühne, auf der ich ebenso Darsteller wie Zuschauer war. Meine Brust fühlte sich plötzlich feucht an, ich vermeinte zu schwitzen, aber die Nässe stammte von Lauras Tränen her, und da konnte auch ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten, und dann kam ein plötzlicher Wind auf, das Gluckern der Wellen schwoll zu einem tiefen Rauschen an, aus der Ferne erklang ein Geräusch wie von einem bellenden Hund und ich erwachte.
Es dauerte etliche wirre, hektische Augenblicke, bis ich erkannte, dass ich wach war und der Hund aus dem Nachbarhaus gebellt hatte. Der Zeitangabe meines Smartphones nach – es war kurz nach ein Uhr – hatte ich etwa eineinhalb Stunden geschlafen. Meine Kniegelenke schmerzten, ebenso ein Handgelenk, welches das Kopfkissen verkrampft umklammert hielt. Meine Halsschlagadern pochten und mein flatternder Atem wollte sich nicht beruhigen, als der Laura-Ordner meiner zerebralen Festplatte den Traum gleich einen hastig zusammengeschnittenen Film wieder und wieder vor mir abspulte, dessen Handlung mich überfallartig auf eine tatsächliche Geschichte stieß, die ich vor nicht allzu langer Zeit geschrieben hatte. Danach habe ich stundenlang wachgelegen und auf die Ritzen des Rollladens gestarrt, in blödsinniger Erwartung eines erlösenden Morgenlichts. Irgendwann, ohne Vorwarnung und greifbaren Anlass, begann ich zu weinen. Wie lange ich geweint habe, weiß ich nicht, nur, dass es nicht enden wollte. Ich weine so gut wie nie, aber in der gestrigen Nacht habe ich geheult wie ein Schlosshund, ganz wie ein von Torschlusspanik befallener alter, sentimentaler Narr, der Fotografien von seiner durch die verblassende, trügerische Erinnerung verklärten Jugendliebe betrachtet.
Und dann wurde mir mit einem Mal bewusst, dass dieser Traum tatsächlich etwas bedeutete, zu diesem Zeitpunkt nur eines bedeuten konnte: Die Party war vorbei, aber auch alte, missmutige Narren erwischen hin und wieder – wenn auch im Traum – noch einen Zipfel, eine verschwommene Version von etwas Wertvollem, Wahrhaftigem, und ich erkannte, dass ich mich endlich, nach all den Jahren ihrer Abwesenheit, dazu bekennen musste, Laura tatsächlich geliebt zu haben, denn das bin ich ihrem Andenken, meinen Erinnerungen und nicht zuletzt meinem Schreiben schuldig.
Die Gleichungen der Liebe – wie die des Todes – mögen unlösbar sein, aber sie sind alles, was wir haben.


2021


 
Hallo Gerold Senftie,

ab hier:

Wie Laura ihre Kleidung in der ganzen Wohnung verteilte, bevor sie duschen ging; wie Badezimmer und Flur einem Dampfbad glichen, nachdem sie geduscht hatte; wie sie nach dem Duschen nackt durch die Wohnung tanzte, ihre Haare in ein riesiges Badetuch eingewickelt; wie sie mal fror, wenn es warm, und mal schwitzte, wenn es kalt war; wie sie es liebte, barfuß zu laufen, obwohl sie ständig kalte Füße (und Hände) hatte; wie sie sich ihres BHs unter dem T-Shirt entledigte, bevor sie abends auf der Couch Platz nahm; wie sie, sommers wie winters in eine Decke eingehüllt, spätestens nach einer Stunde beim abendlichen Film einschlief und hinterher schmollend darauf bestand, nichts von der Handlung versäumt zu haben; wie ihre Augen feucht wurden und funkelten und sie sich an mich kuschelte, wenn sich eine romantische Filmszene bot, und wie sie vor Empörung aufstöhnte und mit der Faust auf die Couch schlug, wenn den Protagonisten eine Ungerechtigkeit widerfuhr; der zärtliche Klang ihrer Stimme, wenn sie mich Franco, und der tonlose, wenn sie mich Franz rief; wie sie nach dem Sex nicht abschließend kuscheln, sondern entweder plaudern oder mehr Sex wollte; wie sie Kiwis, Orangen und Salatgurken schälte
packst du alles in einen einzigen Satz, und er ist hier ja noch lange nicht fertig. (Es war mir zu mühsam, alles zu kopieren.) Das ist stilistisch nicht gut gemacht. Gleichzeitig finde ich überhaupt nichts Besonderes an dieser Aufzählung über Laura, nichts, was ausgerechnet diese Frau auszeichnen würde.

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 

Ixolotl

Mitglied
Lieber Gerold, als ich
Ich denke nicht, dass es im Leben etwas gibt, das schöner, eindrucksvoller, aufregender, überwältigender ist als der erstmalige Anblick des nackten Körpers einer Frau, nach der du verrückt bist, in die du verliebt zu sein glaubst, deren dunkle, feucht schimmernde Augen dich erwartungsvoll betrachten
gelesen hatte, hab ich schon wieder aufgehört und versucht, mir vorzustellen, was einen Mann wohl dazu brächte, sein Dasein von einem Frauenkörper bestimmen zu lassen und dem Irrglauben anheimzufallen, es gäbe eine Leserschaft, die sich an einer minutiösen Schilderung aller Merkmale, vor allem des lyrischen Ichs, so berauschte wie der Autor.

Ich glaube nicht, dass es hier irgendjemanden gäbe, der diesen absatzlosen, unstrukturierten und ereignislosen (um nicht zu sagen: banalen) Schrieb anders als unwillig überflogen hätte.

Sei nicht traurig, lieber Gerold, wenn ich Dir sage, dass man so nicht zu dem wird, was man gerne wäre: ein Schriftsteller, der mit dem, was er zu erzählen weiß, das Leben Dritter bereicherte und sie auf Gedanken brächte, die sie vorher nicht haben konnten.

Dazu müsstest Du in der Lage sein, Dinge neben dem Alltäglichen zu sehen, wie sie nicht jeder sieht, oder im Alltäglichen etwas erkennen, das uns zuvor entgangen ist. Wenn Du das fertig bringst, noch dazu in einer Form, die uns beim Lesen nicht quält, sondern uns die Erkenntnis leicht macht, bist Du auf dem besten Weg, ein gefragter Schriftsteller zu werden. Nur Mut!

Lg

Ixo
 
Lieber Gerold, als ichgelesen hatte, hab ich schon wieder aufgehört und versucht, mir vorzustellen, was einen Mann wohl dazu brächte, sein Dasein von einem Frauenkörper bestimmen zu lassen und dem Irrglauben anheimzufallen, es gäbe eine Leserschaft, die sich an einer minutiösen Schilderung aller Merkmale, vor allem des lyrischen Ichs, so berauschte wie der Autor.

Ich glaube nicht, dass es hier irgendjemanden gäbe, der diesen absatzlosen, unstrukturierten und ereignislosen (um nicht zu sagen: banalen) Schrieb anders als unwillig überflogen hätte.

Sei nicht traurig, lieber Gerold, wenn ich Dir sage, dass man so nicht zu dem wird, was man gerne wäre: ein Schriftsteller, der mit dem, was er zu erzählen weiß, das Leben Dritter bereicherte und sie auf Gedanken brächte, die sie vorher nicht haben konnten.

Dazu müsstest Du in der Lage sein, Dinge neben dem Alltäglichen zu sehen, wie sie nicht jeder sieht, oder im Alltäglichen etwas erkennen, das uns zuvor entgangen ist. Wenn Du das fertig bringst, noch dazu in einer Form, die uns beim Lesen nicht quält, sondern uns die Erkenntnis leicht macht, bist Du auf dem besten Weg, ein gefragter Schriftsteller zu werden. Nur Mut!

Lg

Ixo
Ich bin weder traurig noch in irgendeiner Weise verstimmt. Auch wenn ich - wie wohl die Meisten - in erster Hinsicht für mich schreibe, so ist ein wichtiger Bestandteil künstlerischer Tätigkeit natürlich die Reaktion bzw. Akzeptanz, und ich genieße tatsächlich Kritik, solange sie nicht in Beschimpfungen ausartet, wovor man bei der Leselupe mit Sicherheit keine Angst haben muss. Ich teile nicht unbedingt jede Eigenschaft, die du von einem (angehenden) Schriftsteller und seiner Arbeit verlangst, aber das heißt nicht, dass ich mich nicht freudig mit deiner Kritik befasse (ich tue dies tatsächlich, was mir manche nicht glauben werden). Ich bin im Übrigen durchaus darauf vorbereitet, dass mir der eine oder andere Text misslingt, aber um etwas herauszufinden, muss man auch etwas wagen, und wenn du andere Arbeiten von mir auf der Leselupe betrachtest, wirst du feststellen, dass ich hin und wieder ein wenig "experimentiere", einfach um auszuprobieren, geht das, was mir durch den Kopf geht und krieg ich das hin. Und ich neige inzwischen - wie du - zu der Ansicht, dass obiger Text nicht so recht hingehauen hat, auch wenn ich mit einigen inhaltlich-technischen Punkten deiner Kritik (unstrukturiert? absatz- und ereignislos?) nicht unbedingt konform gehe.
Und noch etwas (dies ist spaßig gemeint!): Dass der Protagonist sein "Dasein von einem nackten Frauenkörper" bestimmen lässt, habe ich erst von deiner Kritik erfahren, und nun, da ich dies weiß, beneide ich ihn regelrecht!
Liebe Grüße, Gerold
 

Ixolotl

Mitglied
Lieber Georg,

leider ist auch Deine Antwort auf meine gutgemeinte Kritik so unstrukturiert abgefasst, dass es schwerfällt, sie sorgfältig zu lesen.

Du schreibst, dass Literatur ein Wagnis sei, das gelingen könne oder nicht. Ich grüble, was jemanden zu dieser Ansicht brächte, und stelle für mich fest, dass wir, die wir hier Texte veröffentlichen und miteinander darüber sprechen, doch längst das Stadium des Schulaufsatzes hinter uns gebracht haben sollten - zu einer Zeit, wo wir gespannt darauf warten mussten, was uns der Herr Lehrer (oder die Lehrerin) damals rot angestrichen und was sie wie benotet hatten.

Wenn Du heute einen Text veröffentlichst, den Du mit
Ich denke nicht, dass es im Leben etwas gibt, das schöner, eindrucksvoller, aufregender, überwältigender ist als der erstmalige Anblick des nackten Körpers einer Frau, nach der du verrückt bist, in die du verliebt zu sein glaubst, deren dunkle, feucht schimmernde Augen dich erwartungsvoll betrachten,
einleitest, musst Du damit rechnen, dass man Dir auf der Höhe der Zeit begegnet und Dir sagt, dass Du mit plumpen Klischees wie diesen nirgends mehr reussieren kannst - bei den männlichen Lesern ebensowenig wie bei den Frauen. Bei denen schon gar nicht.

Literatur ist Form, Inhalt, Klang und Inspiration, Spannung, Revelation, Erkenntnis, Traum ebenso wie Realität, Fantasie, Dramatik, Lust und Leid, Verzweiflung, Erlösung und, und, und ...

Natürlich kann man mit Prosa und Lyrik experimentieren, wie du sagst, aber es ist dabei wie in der Musik oder der bildenden Kunst: Mit dem Ausprobieren von Tonleitern oder dem Freihandzeichnen und mit dem Anmischen von Pastellfarben allein geht man noch nicht an die Öffentlichkeit. Man übt im Verborgenen, bis man glaubt, Fertigkeiten zu haben, die ein Publikum zu überraschen vermag. Wenn Du Glück hast, kommst Du mit zwei kommissbrotdichten Textblöcken wie den Deinen da an einen Kritiker wie mich, der dir freundlich sagt, dass Du mit banalen Aufzählungen all der langweiligen Dinge, die Deine Leser längst selber schon irgendwo erlebt oder gesehen haben, nicht wirklich ankommen kannst.

In jedem Menschen, in jedem Tier und in jedem Baum, in jedem Berg, jedem Wassertropfen und in jedem Kubikzentimeter Luft lebt etwas, das nur Du sehen und nur Du beschreiben kannst. Das Gewöhnliche wird zu etwas Besonderem, wenn Du es siehst und beschreibst; die Kunst, die Du lernen musst, besteht darin, dem Besonderen so Ausdruck zu verleihen, dass es uns Lesern den Stuhl unter dem Hintern wegreißt. Dann wirst Du Erfolgt haben. Sonst leider nicht.

lg

Ixo
 
Lieber Georg,

leider ist auch Deine Antwort auf meine gutgemeinte Kritik so unstrukturiert abgefasst, dass es schwerfällt, sie sorgfältig zu lesen.

Du schreibst, dass Literatur ein Wagnis sei, das gelingen könne oder nicht. Ich grüble, was jemanden zu dieser Ansicht brächte, und stelle für mich fest, dass wir, die wir hier Texte veröffentlichen und miteinander darüber sprechen, doch längst das Stadium des Schulaufsatzes hinter uns gebracht haben sollten - zu einer Zeit, wo wir gespannt darauf warten mussten, was uns der Herr Lehrer (oder die Lehrerin) damals rot angestrichen und was sie wie benotet hatten.

Wenn Du heute einen Text veröffentlichst, den Du mit einleitest, musst Du damit rechnen, dass man Dir auf der Höhe der Zeit begegnet und Dir sagt, dass Du mit plumpen Klischees wie diesen nirgends mehr reussieren kannst - bei den männlichen Lesern ebensowenig wie bei den Frauen. Bei denen schon gar nicht.

Literatur ist Form, Inhalt, Klang und Inspiration, Spannung, Revelation, Erkenntnis, Traum ebenso wie Realität, Fantasie, Dramatik, Lust und Leid, Verzweiflung, Erlösung und, und, und ...

Natürlich kann man mit Prosa und Lyrik experimentieren, wie du sagst, aber es ist dabei wie in der Musik oder der bildenden Kunst: Mit dem Ausprobieren von Tonleitern oder dem Freihandzeichnen und mit dem Anmischen von Pastellfarben allein geht man noch nicht an die Öffentlichkeit. Man übt im Verborgenen, bis man glaubt, Fertigkeiten zu haben, die ein Publikum zu überraschen vermag. Wenn Du Glück hast, kommst Du mit zwei kommissbrotdichten Textblöcken wie den Deinen da an einen Kritiker wie mich, der dir freundlich sagt, dass Du mit banalen Aufzählungen all der langweiligen Dinge, die Deine Leser längst selber schon irgendwo erlebt oder gesehen haben, nicht wirklich ankommen kannst.

In jedem Menschen, in jedem Tier und in jedem Baum, in jedem Berg, jedem Wassertropfen und in jedem Kubikzentimeter Luft lebt etwas, das nur Du sehen und nur Du beschreiben kannst. Das Gewöhnliche wird zu etwas Besonderem, wenn Du es siehst und beschreibst; die Kunst, die Du lernen musst, besteht darin, dem Besonderen so Ausdruck zu verleihen, dass es uns Lesern den Stuhl unter dem Hintern wegreißt. Dann wirst Du Erfolgt haben. Sonst leider nicht.

lg

Ixo
Einige harsche Worte, lieber ixo, die mir sicherlich mehr zu Herzen gehen würden, sprächen wir dieselbe Sprache, strukturiert oder nicht.
So wüsste ich z.B. zu gerne, was ich mir unter den gewiss bedeutsamen "kommissbrotdichten (nicht doch "-dicken"?) Textblöcken" vorzustellen habe.
Ebenso rätsle ich darüber, welche Bedeutung der Name "Georg" haben mag, den du anstelle meines tatsächlichen Vornamens "Gerold" als Anrede verwendest...
Abschließend möchte ich erwähnen, dass deine Musik-Analogie auf fruchtbaren Boden fällt: Ich bin seit ca. 50 Jahren Musiker und guter Hoffnung,
in diesem Metier in nicht allzu ferner Zukunft die Stufe des "Schulaufsatzes" hinter mir zu lassen. Vielleicht wäre dies sogar ein erster Schritt auf dem Weg, endlich bei den Frauen zu "reüssieren".
Nix für ungut, Gerold
 

Ixolotl

Mitglied
Sorry für den "Georg", lieber Gerold. Ich hoffe, es kommt nicht wieder vor.

Ein kommissbrotdicker Absatz ist ein Absatz, der so schwer und mächtig ist wie ein Ziegelstein. Ein kommisbrotdichter Absatz meint nicht mehr bloß die Kubatur des Brockens, sondern die Textur. Gut gebackenes Schwarz- oder Weißbrot hat, dank des Sauerteiges (oder des Backpulvers), bei durchaus krustig-fester Oberfläche einen eher geschmeidig-zarten Inhalt, der sich porös zwischen Deinen Kiefer und danach in Deinen Magen schmiegt. Er erzeugt kein sofortiges Völlegefühl wie der Beton eines Kommissbrotes.

Der Vorteil des Kommissbrotes besteht in seiner fast unbegrenzten Haltbarkeit. Luftdicht verpackt, ist es auch nach Jahren noch der verzehrbare Wackerstein, als der es hergestellt wurde. Der Nachteil: Es schmeckt, vor allem das ältere, nach fast nichts, am ehesten nach Filzpantoffel.

Daher noch einmal der gut gemeinte Rat, lieber Gerold: Vor dem Backen nicht nur den Teig gehen lassen, sondern auch noch Rosinen, Nüsse, Mohn oder Koriander, Kümmel oder Sonnenblumenkerne dazumischen, schön formen und sorgsam backen. Dann gibt's kein graues, kaum kaubares Kommissbrot, sondern luftige, leichte Weckerl, die jeder mit Genuss verzehren wird.

Wenn Du Musiker bist, weißt Du ja, wie wichtig auch bei Musikstücken die Struktur ist. Da gib es jede Menge Pausen, forte und piano, sforzato, ritardando, staccato und legato. Und wieder Pausen. In der Musik sind die Pausen ebenso wichtig wie die Absätze in der Literatur. Ohne die klingts und liest sich's nicht wie ein resches Nusshörnchen, sondern wirkt, wie schon gesagt, wie eine Betonmauer.

lg

Ixo
 
Zuletzt bearbeitet:

Vitelli

Mitglied
Hallo Gerold,

leider ist dein Text völlig überladen und dadurch undurchsichtig, und die absatzlose Form verstärkt diesen Eindruck noch. Anders gesagt: Deine Geschichte wirkt auf mich wie ein übervoller Kleiderschrank, der mir den Blick auf die schönsten Kleidungsstücke verwehrt.

Mit dem von dir gewählten Thema (Bewertung der ersten Liebe in der Rückschau), rennst du bei mir offene Türen ein, aber Reminiszenzen als Aufzählung, haben keinen Übertragungseffekt - sie bleiben dem Leser verschlossen und sind obendrein ermüdend. (Wie SilberneDelfine zurecht anmerkte, habe ich nicht den Hauch einer Idee, was an dieser Laura besonders sein soll.)

Als Leser hätte ich mir zudem eine ironische Brechung gewünscht, also eine weitere Ebene. Das Interessante an einer Verklärung ist doch nicht die Person die verklärt wird, sondern die Person die verklärt (Ixo hat das angedeutet). Also: Was sagt es über mich aus, wenn ich eine Frau aufgrund von ("scheinbaren") Belanglosigkeiten in den Olymp hebe? Und deswegen verstehe ich das Ende nicht, warum das nun - in der Rückschau - Liebe gewesen sein sollte; der Traum hat mich mehr verwirrt als aufgeklärt. Und, mal unter uns: Der Sex mit der ersten großen Liebe soll der beste gewesen sein? Das verstärkt nur noch den Eindruck, dass sich dein Erzähler nicht weiterentwickelt hat und dies nun kompensieren möchte, in dem er den Anfängen eine überhöhte/vermeintliche Bedeutung beimisst.

Der vorletzte Satz ist trotz seiner Länge ganz schön und birgt ein gutes Ende. Den letzten Satz würde ich streichen - der kommt wie eine Kalenderweisheit daher.

Viele Grüße,
Vitelli
 

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