Nachmittag

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Ji Rina

Mitglied
Hallo Ciconia,
Um noch mal kurz auf die Diskussion des Textes zurückzukommen:
Ein bisschen Wiederspruch scheint mir wenn du einerseits sagst: Da müsste mehr Fleisch an den Knochen und andererseits:
"Kürzen geht immer".
Nun hat dein Kurzprosa Text 50 Wörter und Manfreds "Nachmittag" 61 (Wenn ich mich mit einer schlechten Brille, nicht verzählt habe).
Ein Unterschied von 11 Worten.
Du meintest:
Kürzen geht immer.
Wo würdest du denn jetzt Manfreds Text noch kürzen?
Ich bekomm es nicht hin.
Gruss, Ji
 

Ciconia

Mitglied
Hallo JiRina,

meine Äußerung bezog sich auf die Behauptung, dass Kürzen eine echte Herausforderung sei. Das habe ich bestritten mit der Bemerkung „Kürzen geht immer“, die sich keineswegs auf Frankes Text bezog.

Dass mein Text nur 50 Wörter hat, beruht auf der (weiter oben angeführten) Grundlage der „Mini-Saga“. Sie fand damals leider nicht allzu viele Mitstreiter.

Gruß, Ciconia
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Um ehrlich zu sein: Ich bin ziemlich enttäuscht, dass Äußerungen wie
stehen bleiben dürfen. Man sollte mal genau lesen, ob der Anlass wirklich gerechtfertigt war, um derart überzureagieren.

Ciconia
Ja, das kann durchaus stehen bleiben, wenn im Vorfeld eine bewusste Provokation erfolgt ist, wie:

Diesen neuen Hang zu sprachlichem Fastfood finde ich sehr bedauerlich.
Zumal hat sich Cellist hinterher gleich berichtigt, da hätte man die Sache auch auf sich beruhen lassen können.

MODERATIONSHINWEIS:
Ich werde das jetzt auch nicht unter diesem Thread weiter ausdiskutieren, sondern mahne Textarbeit an!
 

Ciconia

Mitglied
Na gut, dann noch ein wenig Textarbeit.
ist der Alte auf dem Weg in die Dorfgaststätte
Die Einführung in diese kurze Szene führt den Leser in die Irre.
Der Leser befindet sich also mit dem Alten auf dem Weg und erwartet dort etwas. Die drei Pils und die Zigarre, sein tägliches Ritual, nimmt er aber nicht auf dem Weg, sondern schon in der Gaststätte ein. Also würde ich die Handlung auch erst dort beginnen lassen.
„Ja, die Rüben wachsen gut in diesem Jahr“ Komma sagt er leise,
Zu wem sagt er das? Er führt doch kein Selbstgespräch, sondern richtet sich an jemanden oder antwortet jemandem..

Der Nachbar, der schon seit Tagen vermisst wurde, ist auch wieder aufgetaucht. Sie schneiden ihn gerade vom Dachgebälk.
Auch hier die Frage: Wer fragt ihn danach, spricht man in der Gaststätte darüber?

Für mich in dieser Text deshalb unvollständig. Ich würde folgendes Bild malen:

Jeden Nachmittag pünktlich ab 16 Uhr hockt der Alte in der Dorfgaststätte. Drei Pils und eine Zigarre für achtzig Pfennig sind sein tägliches stilles Ritual.

„Und sonst?“, fragt der Wirt nach einer Weile. „Die Rüben wachsen doch noch gut in diesem Jahr“, sagt der Alte leise, zückt seinen Geldbeutel und zahlt. Und Berthold Schultz, der schon seit Tagen vermisst wurde, sei auch wieder aufgetaucht. Sie hätten ihn mittags vom Dachgebälk geschnitten.

In seiner typischen leicht gebückten Haltung schlurft der Alte davon.


Das ist immer noch kürzest gehalten, aber erst so ergäbe es für mich ein vollständiges Bild.
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ciconia,

könnte man machen, aber dann wäre es nicht mehr mein Text und hätte auch nicht mehr die beabsichtigte Aussage.
Die Personen sind absichtlich anonym gehalten, um den Gleichmut auf dem Dorf, mit dem alles hingenommen wird, darzustellen.
Es ist auch vollkommen unerheblich, ob der Alte ein Selbstgespräch führt oder nicht. Er zieht einfach sein Ritual durch, während nebenan der Nachbar aus dem Dachgebälk geschnitten wird.
Danke für deinen Kommentar.

Liebe Grüße
Manfred
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Franke,

Du hattest Textarbeit „angemahnt“, ich habe sie geliefert. Glücklicherweise ist niemand gezwungen, Vorschläge auch anzunehmen.

Allerdings kann ich nicht erkennen, warum in meiner Fassung der Gleichmut auf dem Dorf nicht dargestellt wird.

Ich bleibe dabei: Ich finde das von Dir gemalte Bild unvollständig und dröge. In einem Prosastück darf’s auch schon mal ein wenig mehr Leben sein als in ungereimter Lyrik.

Gruß, Ciconia
 

Cellist

Mitglied
Hallo Franke,

Du hattest Textarbeit „angemahnt“, ich habe sie geliefert. Glücklicherweise ist niemand gezwungen, Vorschläge auch anzunehmen.

Allerdings kann ich nicht erkennen, warum in meiner Fassung der Gleichmut auf dem Dorf nicht dargestellt wird.

Ich bleibe dabei: Ich finde das von Dir gemalte Bild unvollständig und dröge. In einem Prosastück darf’s auch schon mal ein wenig mehr Leben sein als in ungereimter Lyrik.

Gruß, Ciconia

Hallo Ciconia,

in einem Prosastück darf viel (wie übrigens auch in der Lyrik), muss aber nicht.

Du hast deine Ansicht und es gibt deren noch andere. Auch die gilt es zu akzeptieren. ;)

Mir gefällt Manfreds Text besser als dein Versuch, aber das ist eben auch nur meine Ansicht.

LG
Cellist
 

Else Marie

Mitglied
Hallo Manfred,

ich hab noch einmal über deinee Kurzprosa nachgedacht. Und hätte einen Vorschlag, von dem ich gerne wissen möchte, was du davon hältst. Hätte es einen guten Effekt den zweiten Teil (Der Nachbar, der schon seit Tagen vermisst wurde, ist auch wieder aufgetaucht. Sie schneiden ihn gerade vom Dachgebälk.) nach oben zu schieben. Also nach "...sind sein tägliches Ritual." Als letzter Teil würde dann das über die Rüben und Bezahlen kommen. Du hättest damit drei Teile und es beginnt und endet in der Gaststätte mit dem Alten.

Grüße, Else Marie
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Else Marie,

das ist eine Idee, über die es sich lohnt nachzudenken. Den Schock in die Mitte und dann wieder den Übergang in die Routine.

Liebe Grüße
Manfred
 

Gudrun

Mitglied
Zurück zum Text - ich finde es wunderbar, wie ein so kurzer Text funktionieren kann. Auch ohne Franke´s Erklärung ist in mir das Bild des alten Mannes und eines kleinen Dorfs entstanden. Der letzte Satz entlarvt schmerzlich die Dorfidylle. Könnten wir Ähnliches nicht auch heute, in unseren Wohnsilos erleben?
Für mich also ein durchaus - früher, wie heute - stimmiges Gesellschaftsbild.
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Gudrun,

genau dies kann auch heute überall erlebt werden, da hast du vollkommen recht.
Was ich in meinem Text auch noch zum Ausdruck bringen will, ist, dass früher eben nicht alles besser war. Wir haben da oft eine sehr verklärte Sicht auf die Dinge. Meine Mutter hat mir vor ihrem Tod Geschichten aus dem Dorf erzählt, bei denen ich es kaum wage sie zu Papier zu bringen.

Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße
Manfred
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Gudrun,

da werden noch einige kommen. Ich bin gerade in der Bearbeitung. :cool:
 

rogathe

Mitglied
Hallo Manfred,
deinen prägnanten Text habe ich gerne gelesen. Einen Vorschlag hätte ich:

"Der Nachbar, der schon seit Tagen vermisst wurde, ist auch wieder aufgetaucht. "

"Aufgetaucht" hätte gut zu einem Ertrunkenen grpasst.
Hier allerdings fände ich "hat sich auch wieder blicken lassen" besser.

LG rogathe
 

rogathe

Mitglied
Hallo Manfred,
deinen prägnanten Text habe ich gerne gelesen. Einen Vorschlag hätte ich:

"Der Nachbar, der schon seit Tagen vermisst wurde, ist auch wieder aufgetaucht. "

"Aufgetaucht" hätte gut zu einem Ertrunkenen gepasst.
Hier allerdings fände ich "hat sich auch wieder blicken lassen" besser.

LG rogathe
 

anbas

Mitglied
Moin Manfred,

mir gefällt der Text sehr gut. Allerdings irritieren mich die Pfennige - trotz Deiner Erklärung - weiterhin beim Lesen (OK, je öfter ich den Text lese, um so mehr gewöhne ich mich dran ;)). Dennoch wäre er für mich runder, wenn es entweder Cent/Euro sind oder die Geschichte in der Vergangenheitsform erzählt wird.

Liebe Grüße

Andreas
 

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