Nachmittag

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Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Jeden Nachmittag um 16 Uhr ist der Alte auf dem Weg in die Dorfgaststätte. Drei Pils und eine Zigarre für achtzig Pfennig, die sind sein tägliches Ritual.
„Ja, die Rüben wachsen gut in diesem Jahr“ sagt er leise, zückt seinen Geldbeutel und bezahlt.

Der Nachbar, der schon seit Tagen vermisst wurde, ist auch wieder aufgetaucht. Sie schneiden ihn gerade vom Dachgebälk.
 
Nette morbide Kürzestgeschichte, ganz mein Fall :).

Warum der Alte mit Pfennig bezahlt, erschließt sich mir nicht ganz - wenn die Geschichte in so weiter Vergangenheit spielen soll, könnte man das Datum oder zumindest das Jahr obendrüber schreiben.

LG SilberneDelfine
 
Zuletzt bearbeitet:

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo SilberneDelfine,

die Geschichte spielt in meinem Heimatdorf in den Achtzigern.
Nach dem Alten konnte man nachmittags wirklich die Uhr stellen. Er war immer pünktlich.
Der Selbstmord des Nachbarn wurde mit einer grausamen Gleichgültigkeit hingenommen, die mich heute noch erschreckt.
Danke für deinen Kommentar und die Bewertung.

Liebe Grüße
Manfred
 

Else Marie

Mitglied
Hallo Franke,

wir gefällt, wie du das tägliche Ritual des Alten beschreibst, ihn über die Rüben sprechen lässt. Man denkt sich, welch ein Trott...
Und dann kommt erst der etwas verwunderliche Schnitt und erst im letzten Satz die Wendung.
Auf der einen Seite das Pils und die Rüben, auf der anderen der Tote. "Er ist wieder aufgetaucht." Die Wortwahl find ich sehr gelungen. :)
Kurz und knackig. Top!

Grüßer, Else Marie
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Else Marie,

wie ich oben schon geschrieben habe, war es diese Gleichmut, mit der im Dorf oft alles hingenommen wurde, die mich nachhaltig erschreckt hat.
Danke für den Kommentar und die Bewertung.

Liebe Grüße
Manfred
 
Hallo SilberneDelfine,

die Geschichte spielt in meinem Heimatdorf in den Achtzigern.
Nach dem Alten konnte man nachmittags wirklich die Uhr stellen. Er war immer pünktlich.
Der Selbstmord des Nachbarn wurde mit einer grausamen Gleichgültigkeit hingenommen, die mich heute noch erschreckt.
Danke für deinen Kommentar und die Bewertung.

Liebe Grüße
Manfred
Hallo Manfred,

danke für die Erklärung. Upps, dann ist das ja auch noch eine wahre Geschichte, das hätte ich jetzt nicht vermutet.

LG SilberneDelfine
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Franke,

kurz und knapp - o.k., aber ein klein wenig mehr Fleisch am Knochen könnte es für meinen Geschmack schon sein.

diese Gleichmut, mit der im Dorf oft alles hingenommen wurde
So war das wohl früher auf dem Land, vielleicht ist es auch heute noch so, ich weiß es nicht. Ich habe 2018 mal genau darüber ein Gedicht ("Unter dem Leuchtturm") geschrieben, das fiel mir gerade ein.

Gruß, Ciconia
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ciconia,

kurz und knapp - o.k., aber ein klein wenig mehr Fleisch am Knochen könnte es für meinen Geschmack schon sein.
Das war auch eine Überlegung von mir, aber ganz im Sinne von Kurzprosa habe ich es dann auf das Wesentliche beschränkt. Da kommt bei mir dann doch immer die Verdichtung der Lyriker durch.

Danke für deinen Kommentar.

Liebe Grüße
Manfred
 

Cellist

Mitglied
Tolle Kurzprosa, Manfred. Mit wenigen Strichen eine lebendige Szene gezeichnet. So wie es sein soll.

LG
Cellist
 

Cellist

Mitglied
Ich hätte sagen sollen: So wie es mir gefällt.

Wie ich ihn liebe, diesen aggressiven Zickenton hier in der LL. Hat man woanders eher selten.

Sprachliches Fastfood? Das ist in der Tat anmaßend.
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ciconia,

selbstverständlich kann eine Kurzprosa mehrere Seiten umfassen, es können aber auch wenige Zeilen sein.
Der Umfang sagt übrigens nichts über die Qualität aus.
Lasst uns die Möglichkeiten der Kurzprosa einfach ausprobieren.

Liebe Grüße
Manfred
 

Cellist

Mitglied
Hättest Du einem Mann auch so geantwortet?
Rate mal.

Ich stimme Manfred zu, die Wortzahl ist keinesfalls entscheidend. Es gibt sehr gute deutschsprachige Kurzprosa zu lesen, die meist weniger als eine Seite füllt. Gerade dieser Minimalismus, diese Kürze ist eine echteHerausforderung.
 

Ji Rina

Mitglied
Ein gutes Stück Kurzprosa. Auf der einen Seite, das abgestumpfte - auf der anderen, das brutale, in drei Zeilen.
Ich habe das erlebt, in winzig kleinen Italienischen Dörfern - und dort wurde dann allerdings wochenlang über so etwas geredet und gemunkelt.
Aber beim Lesen geht es nicht um das, was man nur selbst erlebt hat.
Ich find das Stück gut.
Es gibt keine Regeln für Kurzprosa, keine Seiten und Zeilenzahl die man respektieren muss. Entweder der Text gefällt, oder auch nicht. Und auch ich bin der Meinung: Desto kürzer, umso schwiriger.
Kürzen geht immer, sagst du Ciconia, das finde ich nicht. Man muss auch kürzen können. Ist nur meine persönliche Meinung.
Ganz toll finde ich, wenn ein Moderator sagt: Lass es uns doch einfach ausprobieren.
Mit Gruss, Ji
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ji,
danke für deinen Kommentar.
Kürzen ist wirklich nicht einfach, weder bei Kurzprosa noch bei Lyrik. Das Wesentliche will gesagt sein.
Als Moderator freue ich mich wirklich, wenn wir hier das machen wozu ein Literaturforum da ist - Textarbeit.

Liebe Grüße
Manfred
 

Ji Rina

Mitglied
oh je....schwiriger:rolleyes:
Ja, Manfred. Hoffe nur, dass du bei solchen Gelegenheiten dann nicht einfach alles löschst. Das hats auch schon gegeben.;)
Gruss, Ji
 

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