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John Wein

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Noticias
eine kurze Erklärung

2019 bin ich von Sevilla einen Abschnitt der Via de la Plata, ein Pilgerweg, nach Salamanca gegangen. Heute, am 13. September 2021, bin ich wieder in Salamanca, um diesen Weg nach Norden Richtung Santiago fortzusetzen.
In den Noticias werde ich in unregelmäßigen Abständen darüber berichten. Nun muss man dabei nicht unbedingt knallharte Prosa erwarten, dafür kann man aber halbwegs live meinen Weg mitgehen. Das schöne daran ist, dass ihr euch dabei keine Blasen lauft. So viel zum Einstieg, ich wünsche euch viel Lesevergnügen bei meinen Noticias.

13. September

Salamanca, lauter saftige Vokale, schon der Name klingt wie Musik. Es ist der 13., hoffentlich kein schlechtes Omen für meine Unternehmung.

Die Anreise war etwas mühsam, doch schließlich hat alles im Ablauf gut funktioniert. Um 12:00 Uhr mittags bin ich in Düsseldorf Richtung Madrid in den Flieger gestiegen und um 19:00 Uhr, nach einer langen Busreise durch die Mancha, war ich am Ziel in Salamanca.

Das Hotel Las Torres, mein Quartier, kenne ich noch gut vom letzten Mal. Es liegt zentral am wunderschönen Plaza Mayor mit seinen barocken Fassaden und Kolonnaden. In diesen Platz kann man sich verlieben, er ist die Krone im Weichbild Salamancas und geprägt von südländischem Flair und Trubel. Natürlich konnte ich hier nicht widerstehen am Abend noch einmal eine Runde zu drehen.

Das soll es nun fürs erste sein, jetzt heißt es auszuruhen für die kommenden Tage.
 
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John Wein

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Zweiter Tag

Heute ist Dienstag der 14. September. Ich sitze im Frühstücksraum des Hotels. Draußen vor den Fenstern ertrinkt ein Tag im Regen. Das köstliche Frühstück kann meine Stimmung auch nicht wesentlich heben. Im Hotel leiht man mir einen Regenschirm. Da kann ich wenigstens ein bisschen in der Stadt herumstrolchen.

In der Kathedrale hole ich mir den ersten Stempel für meinen Pilgerpass ab. Das eindrucksvolle Gotteshaus ist natürlich den Besuch wert, genau so wie die vielen anderen historischen Gebäude der Stadt, die ich wegen des unsäglichen Wetters nur aus den Augenwinkeln im Vorbeihuschen betrachten kann.

Die Universität, 1208 gegründet, ist der älteste Lehrstuhl der Alten Welt. Man hat auch heute noch den Eindruck, dass die Mehrzahl der Einwohner der Stadt die Studenten stellen. Junges Volk beherrscht Gassen und Plätze.

Ich vertreibe mir den Nachmittag unter den Arkaden am großartigen Geviert des Plaza Mayor. Gegenüber im Glockenturm des Rathauses schlägt es vier mal. Das Wetter könnte jetzt schlechter nicht sein, Schnürlregen wie der Wiener sagt. Es pladdert in einem fort, Musik wie ein schlechtes Konzert. Eine wenig stimmungsvolle Ouvertüre für den Weg.

Jetzt käme mir ein Kaffee mit einem Stück Kuchen gerade recht. Missmutig bringt mir der Camarero einen Milchkaffee. An mir kann man nicht viel verdienen. Kuchen nada!
Que decepción!

Am Abend entdecke ich im Westen über den Dächern zwischen den Wolkenfetzen einen Streifen blauen Himmels.
 
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John Wein

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15. September.
3. Tag

Pünktlich und rechtzeitig zu meinen ersten Schritten hat der Dauerregen nachgelassen. Am verstürmten Himmel über Salamanca segeln am Morgen dunkle Wolkenpakete dahin. Ich zwänge mich in den Rucksack und marschiere erst mal zum Busbahnhof. Am ersten Tag stehen 28 km auf dem Programm. Die 6 km aus der Industrie der Vorstadt spare ich mir auf bequeme Weise mit dem Bus. Den Erbsenzähler kann ich beruhigen, diese Kilometer hänge ich am Ende wieder dran. In der Weite Kastiliens mangelt es in diesen Zeiten an Übernachtunsmöglichkeiten und die Agentur hat mir ein Zimmer 2 km abseits des Weges in der Pampa reserviert.

An der Landstraße nach Zamora verlasse ich als einziger Fahrgast den Bus. Die große Weite des Landes saugt mich förmlich in sich auf. Calzada de Valdunciel erscheint ausgestorben. Es ist der letzte Ort den ich heute sehe. Den Wegen durch die ausgedehnten Ländereien sieht man noch den großen Regen der letzten Tage an. Lehmboden ist Wasser undurchlässig, Pfützen und in den Senken die Schlammlöcher müssen umschifft werden. Rechts und links schwarz und reif stehen die Sonnenblumen vor der Ernte. Nach 5 km schmiegt sich der Weg geschmeidig an die Autobahn, die 20 km mit dem Lineal gezogen vor Langeweile in der Ferne stirbt. Ich setze in moderatem Tempo automatisch und gedankenlos meine Schritte. Über mir ist jetzt das Blau nicht mehr zu übersehen, aber dazwischen bestimmen noch immer zerfranste und dunkle Wolken die Dramaturgie. Es bekümmert mich nicht, es riecht nicht nach Regen. Die offene Landschaft weicht nun locker stehenden Steineichenbeständen. Bei km 26 lasse ich den Pilgerweg links liegen und überquere, wie ich es in der Beschreibung gelesen habe, nach rechts die Autobahn zu meinem Quartier. Flankiert von Steineichen führt eine kleine Straße gerade aus über 2 km ins Niemandsland.

Buen Amor was für ein anzüglicher Name für eine Ritterburg. Das trutzige Gemäuer hat man in eine Posada mit Hotelbertrieb umgewandelt.
Um Himmels Willen, ich kann es kaum beschreiben, das kleine doch große Paradies. Ich komme mir vor wie ein spanischer Grande im zweistöckig arkadenumkränzten quadratischeren Innenhof, das Interieur Mittelalter. Alles atmet zurückhaltende Würde und unten im ehemaligen Graben ein Schwimmbad.
Hier möchte man länger verweilen.

La cena, das Abendessen, ist um 21 Uhr im Kellergewölbe.
Da hat der Schlaf ein kleines Problem. Der Syrah zum Essen reift vor dem Haus mit dicken schwarzen Trauben. Er benebelt den Geist und lässt meine Gedanken ins Ungefähre entschweben.

Im Zimmerfenster, früher einmal Schießscharte in 2m dickem Mauerdurchbruch brennt der Abendhimmel Kastiliens sein Feuerwerk ab. Ein gutes Zeichen für den neuen Tag.

Hier hinter dicken Mauern fühle ich mich für die Nacht geborgen.

Buenas noches
 
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onivido

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Buenas noches, John. Man kann richtig mitwandern, oder auch ein bischen Neid verspueren. Ich glaube, ich habe etwas versaeumt. Ich war nur als ganz junger Mann laengere Zeit in Spanien und in diesem Alter ist ein Pilgerweg nicht gerade das Gefragteste. Um so lieber begleite ich dich jetzt .
Gruesse///Onivido
 

John Wein

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Donnerstag, 16. 09. Buen Amor - Villanueva de Campean

Heute morgen sog die Sonne bald alle Nebelschwaden auf. Weiße Wattewolken hat sich der Himmel ins Blau gemalt. Ich liebe den Himmel Kastiliens. Dieses klare Farbspektrum des Kosmos in seinen vielfältigen Abstufungen, ich kann gar nicht genug davon bekommen.
10 km hat das Lineal an der Autobahn nach Zamora angelegt, links verläuft ein ungemütlicher Schotterweg und zwingt den unschuldigen Pfad des Camino zwischen sich und die Schnellstaße.
In Cubo, genauer El Cubo de la Tierra del Vino, hat die Fron ihr Ende. In der Halbzeit der Etappe gönne ich mir in der Bar ein Mahou.
Dann besaufe ich mich wieder am Blau über der Landschaft und an den Aromen der Natur. Ich habe ein frisches Zweiglein wilden Rosmarins abgezwackt und in der Hemdtasche deponiert.
Wie so oft sind es in der Summe die kleinen unscheinbaren, unschuldigen und unaufgeregten Dinge, die einen Pilgerweg, wie die Via de la Plata zum klingen bringen.
Am späten Nachmittag, weitere 26 km sind auf dem Tacho, verschlucken mich die Gassen von Villanueva de Campeán.
 
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