offene rechnung

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HerbertH

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Liebe Mary,

es ist ein pointierte Bearbeitung einer Emotion. Warum wäre das kein Thema für die Lyrik?

Aber man kann sicherlich darüber diskutieren.

Herzliche Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
PS: Dass der Staat für die Grabrechnung aufkommt, gilt so wahrscheinlich nur in Deutschland. In erster Linie sind ja auch hier die Angehörigen in der Pflicht.

Und so kann man die Frage des Gedichts auch anders verstehen: Was hinterlässt Du, wenn Du stirbst und nicht (viel) auf der Habenseite hast?

Oder im Sinne der von Walther gestellten Frage nach dem Wesen der rechnungen. Offene Rechnungen im Sinne einer Abrechnung mit jemand (im übertragenen Sinne) sind sicherlich auch eine Lesart dieses Gedichts.

Totengräber ist dann Symbol für Grab und Tod.

Herzliche Grüße

Herbert
 

Mondnein

Mitglied
rechnungen

Wer hat sich nicht schon mit dieser Frage beschäftigt - weniger in dem Sinne der Verantwortung für ein Begräbnis, sondern in dem Sinne: Was habe ich damit dann noch zu tun?

Für mich - und vielleicht geht es Euch damit ganz anders, wer weiß - ist es ein interessanter Gedanke, eine Frage, die ich mir schon in dem Sinne stelle: Was habe ich mit dem zu tun, was ich da alles abstreife? Wie ein Wegtauchen von dem Wellengeplänkel da oben, unten sehe ich nicht, höre nicht mehr und kümmere mich nicht mehr um den Schaum, die Wackelspiegel und Gluckser da oben. Ob einer meine Bilder noch anschaut, verschenkt, verbrennt, ob einer meine sechshundert Lieder liest, veröffentlicht, vergißt oder schlicht löscht, wo meine 2000 Internetseiten landen, die jetzt schon kaum einer auf sein Smartphone holt, irgendwann endet der Vertrag, irgendwann sterben auch die Hüter alter Hüte.

Tief eingetaucht in die wahre Substanz des Lebens, den Tod, was kümmern mich dann die Illusionen der sogenannten Lebenswirklichkeit, das "eitle Haschen nach Wind"?
 
wer weiß, vielleicht erwarten einen statt 70 jungfrauen 70 mitarbeiter eines inkassobüros.

ist die vom arzt noch offen -
und warst du stets ein armer,
dann darfst du darauf hoffen;
die rechnung zahlt die barmer.

gruss, a.d.
 

hermannknehr

Mitglied
Tod

Ich halte es mit Epikur: Der Tod bedeutet, dass sich die Seele auflöst und damit unsere Empfindung erlischt. Mit dem Tod ist für dem Menschen alles zu Ende. Wir können also gar nicht mehr wahrnehmen, ob der Tod gut oder übel ist, er betrifft uns überhaupt nicht. Solange wir sind, ist der Tod nicht da, sobald er da ist, sind wir nicht mehr.
Weshalb sollen wir uns also um Beerdigungskosten kümmern?
Hermann
 

HerbertH

Mitglied
Danke für die Kommentare und die lebhafte Diskussion!

Ob das Lyrik ist? Für mich schon, sonst hätte ich es ja hier nicht eingestellt.

Es ist, wie schon gesagt, eine pointierte Darstellungsweise einer durchaus mit Hintergedanken verknüpften emotionalen Gemengelage...


Trifft sowas nur auf Natur- oder Liebesgedichte zu? ;)

Ich habe hier durchaus schon 3 Zeiler mit Erfolg untergebracht, die soo anders auch nicht waren ....
 

Label

Mitglied
wer zahlt Deine rechnungen
wenn Du unter die erde kommst

vor allem die des totengräbers

die Erben

wer auch immer das ist:
Angehörige
Staat
Freundeskreis
Mitstreiter
Anhängerschaft
Gefolgschaft
Mitmenschen/Umwelt

Lieber Herbert, dein Text kommt zunächst ganz harmlos daher. Da ich bei dir davon ausgehe, dass du nicht nur den face value meinen kannst, kam ich rasch auf eine Unzahl von Szenarien - von simpler Kostenbegleichung über Liquidation bis hin zu Rache.
Ein weites Feld.
Für ein Gedicht im Sinne von Poem halte ich deinen Text auch nicht, gleichwohl viele Inhalte darin verdichtet sind.
Wäre es nicht von dir und stünde es nicht hier bei den Gedichten, hätte ich den Worten gewiss nicht nachgespürt, die vielen Inhalte gefunden, sondern überlesen.
Ich glaube das ist sowohl Stärke als auch die Schwäche dieses Textes.


mit lieben Gruß
aus dem off
Label
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Label,

danke für Deine Gedanken zu diesem - Text - :)

Ja, er kommt ein wenig täuschend einfach daher...
Und Du hast recht, das ist wohl auch eine Schwäche.

Herzliche Grüße

Herbert
 

ENachtigall

Mitglied
Lieber Herbert, liebe Leser,

ich halte es einfach
für ein gut gelungenes
politisches Gedicht.

Grüße von Elke

p.s. vielleicht setzte ich den Totengräber ins Plural ...
 

Label

Mitglied
Liebe Marie Luise
Ich glaube es geht hier nicht NUR um die Begräbniskosten, obwohl auch die varieren können von Pyramide über Taj Mahal, Urnenbeisetzung zu Massengrab.
Dann gibt es noch die Frage WER da bestattet wird, ein Qin Shi Huang Di, Paul Bäumer, Lieschen Müller oder man selbst.
Schließlich gibt es noch die finanziellen, ideologischen und die spirituellen Einwirkungen/Kosten die der Verstorbene hinterlässt.

Interessant dazu http://www.faz.net/aktuell/feuillet...33098.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

In meinem vorigem Kommentar hatte ich "Szenarien - von simpler Kostenbegleichung über Liquidation [red]den Tribut[/red] bis hin zu Rache" vergessen zu erwähnen

lieber Gruß
Label
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Elke,

der Vorschlag, die Totengräber statt nur einem zu verwenden, gefällt mir sehr gut, und ich habe ihn gerne übernommen.

Der politische Aspekt ist in diesen Zeiten kaum zu umgehen...

Danke und herzliche Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Mary,

Dein Hinweis auf Sterbeversicherungen ist - wenn man ihn recht interpretiert - genau passend. Ist er doch eine Art, der im Gedicht gestellten Frage auszuweichen... Denn kann irgendeine Versicherung das Risiko wirklich mindern? Das ist doch eigentlich so, als würde man beim russischen Roulett auf Überleben wetten.

Hier ist die pragmatische Antwort, sich den Revolver gerade _nicht_ an die Schläfe zu setzen und sich das Abdrücken zu ersparen ... eine Abstimmung "mit den Füßen"

Liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Label,

auf Qin Shihuangdi war ich selbst nicht gekommen. Dass aber auch schon in historischen Zeichen Machthungrige oft über Leichen gingen, und Rache oft ein Motiv für blutige Abrechnungen ist, das kann niemand abstreiten. Danke für diese Pointer.

Liebe Grüße

Herbert
 

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