Ohne Lisbeth

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Zwischen Weihnachten und Silvester Geburtstag zu haben, war ein Fluch, auch mit 77 Jahren. Anders war nur, nach 49 Jahren Witwer zu sein und Weihnachten, Geburtstag und Silvester ohne Lisbeth zu feiern.
Über Nacht war Schnee gefallen. Auf dem Weg zum Discounter traf Albert den Hausmeister beim Schneeschnippen vor der Tür. „Wer hätte gedacht, dass wir dieses Jahr noch Schnee bekommen", sagte Albert zu ihm und der Hausmeister ließ ein zustimmendes Brummen hören.
„Das ist wahr, Herr Lieker." Er hielt mit dem Schneeschnippen inne. Albert ahnte, was kam. „Mein herzliches Beileid.“
„Danke", sagte Albert nur.
„Sicher vermissen Sie Ihre Frau, gerade an den Feiertagen."
Albert zog es vor, nicht zu antworten. Er nickte nur, tippte zum Gruß an den Hut, den er zum ersten Mal seit zehn Jahren trug und ging davon. Lisbeth hatte den Hut scheußlich gefunden und ihn versteckt.
„Du wirst dieses Ding doch nicht tragen! Kein Mensch läuft so herum."
Zufällig hatte Albert den Hut wiedergefunden, als er auf der Suche nach den Papieren für Lisbeths Beerdigung war. Er hatte ihn sorgfältig gesäubert und aufpoliert. Er freute sich über die angenehme Wärme auf seinem Kopf.
Im Discounter, bei den Keksen, lief ihm Lisbeths Freundin Hedwig über den Weg.
„Albert!" Sie umarmte ihn. „Es tut mir so leid! Ausgerechnet kurz vor Weihnachten!" Sie zauderte ein wenig. „Hast du nicht heute Geburtstag?"
Albert starrte auf die Kekse und nickte.
„Ich gratuliere dir herzlich. Alles, alles Gute!" Sie umarmte ihn noch einmal. „Das ist ein trauriger Geburtstag! Ohne Lisbeth... Weißt du was, wenn dir die Decke auf den Kopf fällt, ruf mich an. Ich komme gerne vorbei! Ich kann dir etwas Schönes kochen."
„Nicht nötig", sagte Albert, bemüht, sein Entsetzen über diesen Vorschlag zu verbergen. „Pia und ihr Mann kommen später mit den Kindern." Auf die Schnelle fiel ihm keine bessere Ausrede ein. Seine Tochter wohnte mit ihrer Familie 200 km entfernt und würde gewiss heute nicht kommen.
„Ah! Es tut dir bestimmt gut, deine Enkel zu sehen."
„Ja, ich freue mich, sie zu sehen." Albert schaffte es, an Hedwig vorbei ins Keksregal zu greifen und sich eine Rolle seiner Lieblingskekse zu sichern. „Ich muss weiter, Hedwig."
„Natürlich. Und wie gesagt, ruf mich an, wenn du Gesellschaft brauchst!"
Um Himmels willen. Auf dem Weg nach Hause schüttelte Albert sich vor Widerwillen.


„Hallo Papa! Ich habe einen hübschen Pullover für dich gesehen. Ich dachte, das sei ein schönes Geburtstagsgeschenk. Es soll eine Überraschung sein, aber ich weiß deine Größe ja nicht...58? Passt das?"
„58? Das müsste passen."
„Wer ist am Telefon?" Lisbeth riss ihm den Hörer aus der Hand. „Pia? Wovon redet ihr? Ach so.... nein, das ist Blödsinn, braucht dein Vater nicht. Der hat genug zum Anziehen."
Pia hörte nicht auf ihre Mutter. Zu Alberts Geburtstag traf ein Paket ein, an Albert adressiert. Lisbeth packte es aus.
„Sie hat dir einen Pullover geschickt, typisch Pia. Ich hatte ihr extra gesagt, du brauchst keinen. Der geht direkt in die Altkleidersammlung." Albert bekam den Pullover gar nicht erst zu Gesicht.

*

„Heute Abend kommt ein Hitchcock-Film." Albert war richtig aufgeregt. Den Film hatte er x-mal sehen wollen und es nie geschafft.
„Hitchcock? Darüber regst du dich viel zu sehr auf. Das ist nicht gut für deinen Blutdruck." Lisbeth lächelte ihn liebevoll an. „Im Ersten kommt ein Rosamunde Pilcher-Film. Den schauen wir."

*

Albert kam von einem Spaziergang heim. Im Flur hörte er, wie Lisbeth telefonierte.
„Das ist nichts für meinen Mann. Ich weiß, dass er früher für den Gemeinderat tätig war.... Aber er hat jetzt kein Interesse mehr daran. Die ganzen Versammlungen wären mittlerweile zu viel für ihn. Nein, das müssen wir absagen.... tut mir leid."
Albert kam gerade ins Wohnzimmer, als sie den Hörer auflegte. „Wer war das?"
„Günther. Ob du nicht Lust hättest, in den Gemeinderat einzutreten, womöglich sogar den Vorsitz zu machen. Was für ein Blödsinn! Was sollst du denn da? Ich habe schon abgesagt. Du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern."
Wie immer, hatte Albert der Resolutheit seiner Frau nichts entgegenzusetzen.


Das Telefon klingelte. Es war Pia.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Papa!"
„Danke, mein Schatz!"
„Ist mein Paket angekommen?"
Albert warf einen Blick auf das Paket, das heute morgen angekommen war. Es stand noch auf dem Tisch. Niemand hatte es ausgepackt und seinen Inhalt unter die Lupe genommen. Und außer ihm würde dies auch niemand tun. „Ja, es ist angekommen", bestätigte er.
„Wunderbar! Gefällt dir der Pullover? Es ist natürlich nicht der gleiche, den ich letztes Jahr geschickt hatte."
„Der Pullover ist wunderbar", versicherte Albert. „So einen hatte ich mir gewünscht."
„Das freut mich, Papa." Pia machte eine Pause. „Geht es dir denn gut, ohne Mama, meine ich?"
Albert warf einen Blick auf das Paket. Auf den Fernseher. Auf das Telefon. Auf die Garderobe, an der sein Hut hing.
„Mir geht es gut, Kind. Mach dir keine Sorgen."
„Gut. Ruf mich aber an, wenn was ist, hörst du?"
Albert lächelte vor sich hin. „Natürlich, Kind.“
Nach dem Gespräch schaltete Albert den Fernseher ein. Was für ein Zufall. Ein Hitchcock-Film lief. Er ließ sich behaglich in seinen Sessel gleiten.
Auf dem Wohnzimmertisch stand das gerahmte Foto von seiner Hochzeit vor 49 Jahren. Lisbeth lächelte ihn verliebt an. Er nahm es in die Hand und lächelte zufrieden zurück.

Wer hätte gedacht, dass seine resolute Lisbeth vor ihm gehen musste.
 
Wollte noch zum Schluss was anmerken, zu der Sache mit dem Hochzeitsfoto. Eine versöhnliche und überraschende Wendung, sozusagen von "Na gut (wenn nicht gar ganz geheim 'ne Endlich') meine Frau ist tot, aber hört doch endlich auf, mich mit dem Beileidsgetue in Beschlag nehmen" zu "Es war doch eigentlich wirklich ganz schön mit ihr."

Mit knappen Mitteln eine vielschichtige Beziehung beleuchtet, findet

Binsenbrecher
 

fion

Mitglied
Hi Silberne Delfine,
eine Geschichte, die überrascht.
Ich liebe es, wenn ich als Leser absichtlich (und gut gemacht) auf die falsche Fährte gebracht werde. Dann die erste Prise Wahrheit - der Hut. (Allerdings würde ich nur aufpolieren schreiben, wenn der aus Metall ist.)
Eventuell würde ich die ganzen Hinweise noch etwas subtiler in den Text arbeiten, damit der sich Leser wirklich nicht sicher darüber ist, ob "Er, ohne seine Frau" sein Leben nicht doch viel mehr genießt.

Gut (und richtig) finde ich, dass du die Erinnerungstücke kursiv gesetzt hast. Nur schau mal, da hast du es vergessen.
...versteckt.
„Du wirst dieses Ding doch nicht tragen! Kein Mensch läuft so herum."
Zufällig hatte Albert...


Sehr gerne gelesen,
Aloha
Fion
 
Hallo Fion,

erst einmal vielen Dank für deinen Kommentar. Schön, dass dich die Geschichte überraschen konnte. :)

Gut (und richtig) finde ich, dass du die Erinnerungstücke kursiv gesetzt hast. Nur schau mal, da hast du es vergessen.
versteckt.
„Du wirst dieses Ding doch nicht tragen! Kein Mensch läuft so herum."
Zufällig hatte Albert...
Vergessen habe ich es eigentlich nicht. Ich hatte mir schon überlegt, genau diese Zeilen auch hier kursiv zu setzen, dann fand ich, dass es hier in dem Abschnitt zu früh dafür ist, weil die zusammengefassten Erinnerungen später in einem Extra-Abschnitt auftauchen. Ich dachte, am Anfang nimmt es zuviel vorweg, aber ich glaube, du hast recht. Passender wäre es gewesen, auch hier die Zeilen kursiv zu setzen.
Danke für den Tipp mit dem Aufpolieren! Gemeint war natürlich, dass er den Hut ordentlich gebürstet hat.....

LG SilberneDelfine
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Silberne Delfine,

Eine nette Geschichte! Alle sind besorgt um den alten Herrn, der plötzlich Witwer ist. Keiner ahnt, dass er gerade ein neues Leben beginnt, heiter und froh, endlich tun zu können was er will. Wie im realen Leben! Da fällt mir ein Titel der Leselupe ein, den ich Dir unbedingt empfehlen muss, da er sich mit demselben Thema beschäftigt (falls Du ihn nicht schon kennst): Der Friedhofsweg zu Darenwede (von Hagen).

Was mir an "Ohne Lisbeth"nicht so gefallen hat, war die Aufzählung/ diese drei-vier Beispiele in kursiv/ die dem Leser erklären sollen, dass diese Ehe ein Drama war. Diese drei “Beispiele” warfen mich aus dem Lesefluss, bzw. aus der geschichtlichen Atmosphäre. Schöner hätte ich es gefunden, wenn es in der Kurzgeschichte, mit im Text, erzählt, mit eingebaut wäre (was allerdings auch mehr Arbeit bedeutet hätte). So fand ich's ein bisschen seltsam. Die anderen Kommentatoren hatten nichts dagegen einzuwenden; und andere wiederum fanden genau das gut. Aber dies ist ja auch nur meine persönliche Meinung.

Ich freu mich auf Deine nächsten Geschichten!
Mit Gruss,
Ji
 
Hallo Ji Rina,

. Da fällt mir ein Titel der Leselupe ein, den ich Dir unbedingt empfehlen muss, da er sich mit demselben Thema beschäftigt (falls Du ihn nicht schon kennst): Der Friedhofsweg zu Darenwede (von Hagen
Nein, den kannte ich nicht. In Geschichten wie im wahren Leben wird es eine solche Situation wohl öfter geben.


war die Aufzählung/ diese drei-vier Beispiele in kursiv/ die dem Leser erklären sollen, dass diese Ehe ein Drama war. Diese drei “Beispiele” warfen mich aus dem Lesefluss, bzw. aus der geschichtlichen Atmosphäre. Schöner hätte ich es gefunden, wenn es in der Kurzgeschichte, mit im Text, erzählt, mit eingebaut wäre (was allerdings auch mehr Arbeit bedeutet hätte)
Mit den in kursiv gesetzten Sätzen wollte ich ein Stilmittel ausprobieren, ähnlich wie eine Rückblende im Film, wo der Zuschauer auch nichts erklärt bekommt. Mit mehr oder weniger Arbeit hat das nichts zu tun. Ich bekam einmal gesagt, ich würde immer zuviel Erklärungen liefern. Mag sein, dass ich es jetzt in die andere Richtung übertreibe.

Gruß SilberneDelfine
 
Zuletzt bearbeitet:

Otto Lenk

Mitglied
'womöglich sogar den Vorsitz zu machen '

Vielleicht könntest du hier 'den Vorsitz übernehmen' schreiben. Schöne Geschichte über das Leben danach, welches unter Umständen viel Neues zu bieten hat.
 

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