Parkhaus

Eisfuchs

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I
Lukas lag auf dem Dach des Gasometers und beobachtete die Umgebung. Er sah die kahlen Bäume im winterlichen Park. Es nieselte und es war kalt. Er fror trotz dick wattierter Jacke. Bereits seit Stunden lag er dort und beobachtete die Umgebung. Man hatte von hier oben einen hervorragenden Überblick. Es entging ihm keine noch so winzige Kleinigkeit, wie die Baustelle auf der Zufahrtsstraße zur A 42 die parallel neben dem Rhein-Herne Kanal verlief. Er machte noch einige Fotos mit seiner Kamera, deren Teleobjektiv ihm selbst die kleinsten Details zeigte.
Schließlich hatte er genug gesehen. Mit langen Schritten ging er über das Dach des riesigen Gichtgasbehälters auf den maroden Außen-Aufzug zu, an dem schon deutlich sichtbar der Anstrich abblätterte.
Langsam und geräuschvoll bewegte sich der Aufzug nach unten.
Als der Aufzug unten angekommen war, verließ er schnell das Gebäude in Richtung Parkplatz. Er setzte den Helm auf, startete sein Motorrad und raste mit hoher Geschwindigkeit Richtung Autobahn. Mit hohem Tempo, jonglierte er mit seiner BMW zwischen LKW und Kuriertransportern hindurch seiner Wohnung entgegen.
Die Maschine war alt, aber zuverlässig (und die einzige Hinterlassenschaft seines Vaters, nachdem er sich zu Tode getrunken hatte). Die Gegend, die er durchfuhr, war trostlos. Baufällige und verlassene Häuser, wo man hinsah. Das alles erinnerte ihn an seine derzeitige Lebenssituation.
Die meisten Bewohner verließen die Region. Die die blieben waren meist arbeitslos, so wie er. Als er endlich zu Hause angekommen war, schlurfte er die Treppe herauf und schloss die Tür zu seiner Wohnung auf. Die Wohnung war mit billigen, verschlissenen Möbeln und abgewetzten Teppichen ausgestattet. Nur sein Computer und die teure Stereoanlage kündeten davon, dass es bei ihm auch schon bessere Tage gegeben hatte.
Er schob sich eine Pizza in den Ofen. Es klingelte. Er erschrak so, dass er beinah seinen Teller fallen gelassen hätte. Christine stand vor der Tür. Ihre Besuche bei ihm waren sehr selten geworden, seit es ihm nicht mehr so gut wie früher ging.

„Freust Du dich gar nicht mich zu sehen?“, Sie schüttelte ihr langes blondes Haar. Sie sah immer noch umwerfend aus, hatte tiefblaue Augen und eine Figur wie ein Modell.
„Ich wollte dir eigentlich nur deinen Schlüssel wiedergeben“, sagte sie.
„Danke. Du ich backe mir gerade eine Pizza auf“: sagte Lukas „Möchtest Du ein Stück?“
„Nein danke“, antwortete Christine, „Ich bin heute Abend schon zum Essen eingeladen“.
„Peter?“, fragte er gereizt.
„Ich weiß gar nicht, was Du hast“, sagte sie. „Er ist ein guter Freund meiner Familie“
„Und schwimmt im Geld“ „War es letzte Woche schön in der Schweiz?“
„Woher weißt Du das?“, fragte sie irritiert.
Das erzählte er ihr lieber nicht. Natürlich wusste er, wie man Handynutzerdaten auslesen kann. Früher hätte er sie nicht ausspioniert und es tat ihm eben weh sie mit diesem Hohlkopf im Armani-Anzug zusammen zu sehen, weil er sie, wenn er ehrlich war, immer noch liebte.
„Außerdem geht es dich überhaupt nichts an, es ist schließlich mein Leben“, sagte Christine. „Ich dachte unser Leben“.
„Du weißt genau, warum es nicht mehr unser Leben ist“. „Du hast dich in letzter Zeit sehr verändert“.
„Du meinst, vor allem meine finanzielle Lage hat sich sehr verändert“, erwiderte er. Er konnte es nicht leiden, wenn sie um den heißen Brei herum redete.
Natürlich war das auch nicht die ganze Wahrheit. Nach seiner Entlassung hatte er, (wie früher sein Vater), heftig zu trinken begonnen und war dabei nicht immer nett zu ihr gewesen. Mittlerweile hatte er sich jedoch wieder gefangen, seinen Alkoholkonsum reduziert und trank jetzt nur noch nach Einbruch der Dunkelheit. Für das, was er vorhatte, brauchte er schließlich einen klaren Kopf.
„Wir streiten uns schon wieder, ich glaube ich geh jetzt lieber“, sagte sie.
Irgendwie klangen ihre Worte für ihn nach Abschied.
Für einen Augenblick war er versucht ihr zu erklären, was er vor hatte. Aber er sah schließlich ein, dass es sinnlos war. „Ich wünsche dir alles Gute.“ „Tschüss“, sagte sie.
Sie, lächelte ihn an, gab ihm einen langen Abschiedskuss und verschwand leise durch die Wohnungstür ins Treppenhaus.
Lukas seufzte, während er mit seinen Tränen kämpfte. Er dachte an sein früheres luxuriöses Leben als Programmierer und an die schönen Zeiten, die sie miteinander genossen hatten. Aber mit dem Beginn seines sozialen Abstiegs, verflüchtigte sich auch ihr Interesse an ihrer gemeinsamen Beziehung. „Ein Liebender allein reicht eben nicht aus für eine Beziehung“, dachte er. Er beschloss sich zu betrinken.

II
Lukas wachte auf, als ihm bereits die Sonne ins Gesicht schien. Langsam kam ihm die Erinnerung an den Vorabend und an sein unangenehmes Gespräch mit Christine wieder ins Gedächtnis zurück. Außerdem hatte er starke Kopfschmerzen und einen Kater vom Alkohol. Während er sich duschte und ein kurzes Frühstück einnahm, dachte er an seinen Plan. Nun brauchte er nur noch ein schnelles Auto und das möglichst rasch.
Er stürmte die Treppe herunter, schwang sich auf sein Motorrad und machte sich mit Vollgas auf zu Chico.
Chico wohnte in der Nachbarstadt auf einem Schrottplatz, auf dem er Autos ausschlachtete und eine kleine Werkstatt betrieb. Sie kannten sich noch aus der Schulzeit.
Die beiden Außenseiter freundeten sich schnell an. Lukas half Chico bei den Aufsätzen und formulierte die Lösungswege für seine Matheaufgaben während Chico seinen Freund mit den Fäusten gegenüber seinen Klassenkameraden verteidigte. Aus dieser Zeit entwickelte sich eine tiefe Freundschaft.
Später gingen sie getrennte Wege, Lukas machte Abitur, studierte, wurde Programmierer und baute sich eine neue schicke Welt auf. Mit Chico ging es zunächst abwärts. Er schmiss seine Ausbildung als Kfz-Mechaniker hin, ließ sich mit zweifelhaften Typen ein und kam schließlich wegen Hehlerei mit gestohlenen Autoteilen für einige Jahre ins Gefängnis. Eine kleine Erbschaft seiner Tante rettete ihn schließlich, als er wieder in Freiheit war. Er kaufte sich davon den kleinen Schrottplatz und baute sich sein eigenes, kleines Reich auf.
Lukas fuhr die enge Einfahrt zum Schrottplatz hoch.
Er stieg vom Motorrad und polterte laut gegen das geschlossene Wellblech-Rolltor, denn eine Klingel gab es hier nicht. Nach einer Weile begann es laut zu scheppern. Langsam öffnete sich das Rolltor nach oben und da stand Chico.
Chico heißt auf Spanisch eigentlich so viel wie kleiner Junge, aber die Erscheinung, die hinter dem Rolltor langsam aus dem Halbdunkel der Werkstatt auftauchte, wurde dem Spitznamen in keiner Weise gerecht.
Chico war gut und gerne 2 m groß, hatte einen gewaltigen Bauch und wog bestimmt über 200 kg. Er hatte Oberarme so dick wie die Schenkel von Christine, seine Arme waren überaus reich verziert mit Bildergeschichten bestehend aus vielen Tätowierungen.
Chico schob das schwere Rolltor mit einer Hand nach oben, in der anderen Hand hielt er, einen riesigen Döner, in den er von Zeit zu Zeit hineinbiss. Chico hatte immer Hunger oder Durst, meistens jedoch beides gleichzeitig.
„Hallo Alter was führt dich zu mir?“, fragte er mit halb vollem Mund.
„Ich brauche einen schnellen Wagen“, antwortete Lukas, „Schnell und unauffällig“. „Es ist nur für ein paar Tage, dann bringe ich ihn dir wieder zurück, versprochen.“
„Warte, bis ich aufgegessen habe“, entgegnete Chico.
Lukas war in Eile aber er wusste, dass sich Chico durch nichts in der Welt von seiner Mahlzeit abbringen ließ. Also schaute er in Ruhe zu, wie sein Freund den gewaltigen Döner in sich hineinschob.
Nachdem Chico seinen Döner verzehrt hatte, gingen sie auf der Suche nach einem geeigneten Wagen gemeinsam über den Schrottplatz. Lukas wanderte mehrmals langsam über den Schrottplatz, fand aber nur Kleinwagen und ausgeschlachtete Autowracks. Gerade als er sich schon mit einem Kleinwagen abfinden wollte, fand er unter einem halb verfallenen Carport ein Auto, das mit einer moosbedeckten Segeltuchplane abgedeckt war.
Er hob die Plane hoch und sah sofort, dass er etwas Besonderes gefunden hatte. Lukas riss aufgeregt, mit zitternden Händen die Plane vom Auto. Ein Ford Mustang Baujahr 1969, Mach 1 wie der Schriftzug an der Seite zeigte.
Der Wagen war in einem schlechten Zustand. Die einst feuerrote Lackierung war stumpf. Die Radläufe und die Türunterseiten stark vom Rost zerfressen, ebenso die mattschwarz lackierte Motorhaube mit dem riesigen aufgesetzten Lufteinlass.

Trotzdem war sich Lukas sicher hier eine echte Königin entdeckt zu haben.
„Was ist mit dem hier?“, fragte er Chico, „Warum hast du mir nie davon erzählt?“
„Ach den habe ich schon lange und ihn völlig vergessen“, rief Chico, „Ich habe ihn Mal einem amerikanischen Soldaten beim Pokern abgenommen“.
„Hat der einen Big-Block?“, fragte Lukas aufgeregt.
„Einen V 8 Motor, mit 6,4 l Hubraum“ nickte Chico.
„Hast du den Zündschlüssel für mich?“, fragte Lukas. Chico stapfte in seine Werkstatt und brachte ihm den Schlüssel. Lukas war ganz aufgeregt und seine Hände zitterten, als er den Zündschlüssel ins Schloss einführte.
Der Anlasser drehte unwillig, bis der Motor schließlich ansprang und ein mechanisches Gewitter auslöste. Der Innenspiegel, das Armaturenbrett, der Wählhebel, alles im Innenraum vibrierte. Lukas schloss die Augen und hörte dem tiefen Blubbern des V8 Motors zu. Ganz zaghaft trat er das Gaspedal weiter durch. Aus dem Blubbern wurde zuerst ein Fauchen und schließlich ein Brüllen.
Lukas schaltete den Motor wieder aus und stieg aus. Er hatte genug gehört.
„Den muss ich haben“, rief er Chico zu. „Kannst Du ihn mir fertigmachen?“, fragte er unsicher.
„Ich dachte Du wolltest ein unauffälliges Auto“, sagte Chico. „Viel Auffälliger als mit dem da kann man wohl kaum unterwegs sein“
„Ich möchte ihn aber trotzdem“, entgegnete Lukas, „Schaffst du das?“.
Chico dachte einen Moment nach während er sich, mit einem verölten, großen Schraubenschlüssel am Rücken kratzte.
„Weißt du“, sagte er schließlich, „Ersatzteile für einen solchen Oldtimer zu beschaffen ist äußerst schwierig und verdammt teuer sind sie noch dazu“.
„Die Bremsen sind glaube ich hin und die Kupplung muss ich auch austauschen“.
„An den Motor wage ich mich ohnehin nicht heran, davon verstehe ich zu wenig und ich brauche dafür mindestens 14 Tage“, sagte Chico.
Lukas hatte eigentlich nicht mehr so viel Zeit, schluckte aber seine Enttäuschung herunter. Schließlich wollte er das Auto unbedingt fahren.
„Ist in Ordnung“, sagte Lukas, „Mach ihn mir bitte, bitte fertig“, bettelte er.
„Und streck mir das Geld für die Ersatzteile vor, ich gebe es dir bestimmt später wieder, Ehrenwort.“
Chico nickte mit dem Kopf und Lukas trottete glücklich zu seinem Motorrad.
Dann stieg er wieder auf sein Motorrad, setzte seinen Helm auf und fuhr nach Hause. Mit Schwung lief er die Treppe hinauf und nahm dabei jedes Mal mehrere Stufen auf einmal. Plötzlich stoppten seine Schritte. Schon von weitem sah er, dass seine Wohnungstüre offen stand.
Vorsichtig schob Lukas seinen Körper durch den Türspalt. Langsam und leise untersuchte er alle Räume, aber in seiner Wohnung war niemand mehr. Dafür war alles durchwühlt seine Kleidung und der Inhalt seiner Schrankschubladen lag verstreut auf dem Boden. Auf dem Bett im Schlafzimmer lag ein handgeschriebener Zettel. Darauf stand mit krakeliger Handschrift: „Zahle endlich deine Schulden!“.
Nun wusste Lukas, wem er den ungebetenen Besuch zu verdanken hatte. Erschrocken rannte er ins Wohnzimmer. Seine Stereoanlage hatte er mitgenommen, aber das war ihm egal. Lukas schaute unter seinem Bett im Staukasten nach. Unter seinem Bettzeug lag noch immer, sein Laptop. Gott sei Dank! Lukas setzte sich erschöpft und aufgeregt auf die Bettkante.
Wenigstens hatte er seinen Rechner retten können, sein ganzer ausgeklügelter Plan hing jetzt an diesem Gerät. Fiel er in falsche Hände, konnte er die ganze Aktion abblasen. Lukas dachte einen Moment nach. Dann holte er seine restlichen Ersparnisse aus seinem Versteck und beschloss für einige Tage in ein Motel zu ziehen. Hier war es nicht mehr sicher genug für ihn, er brauchte jetzt Zeit und Ruhe, um seine Planungen abzuschließen.
Er nahm seinen Computer und ging langsam die Treppe herunter. Er machte sich nicht einmal mehr die Mühe, seine Tür zu schließen. Hier gab es nichts mehr, dass sie ihm jetzt noch nehmen könnten.
Fast zwei Wochen verbrachte Lukas unauffällig und zurückgezogen in seinem Zimmer im Motel. Einen Tag vor seinem persönlichen D-Day holte er sein Traumauto von Chico ab und schloss es sofort in die Garage ein. Chico hatte Recht gehabt, viel auffälliger konnte er sich wirklich nicht fortbewegen. Lukas war in der Zwischenzeit fleißig gewesen, hatte alle notwendigen Programme auf seinem Rechner installiert und die entscheidenden Routinen selbst programmiert. Außerdem war er im Baumarkt gewesen und hatte sich einen großen Koffer mit Werkzeugen, wie Sie von IT-Servicekräften benutzt werden besorgt. Es konnte endlich losgehen. Unruhig schlief er ein.


III
Am Sonntagmorgen wachte Lukas gerädert auf. Er war nervös und hatte wenig geschlafen. Er frühstückte wenig und trank umso mehr Kaffee, während er im Geiste noch einmal alle Einzelheiten seines Planes durchspielte.
Dann setzte er sich in den Mustang und legte seinen Laptop auf den Beifahrersitz. Als er den Zündschlüssel herumdrehte, wusste er, dass es für ihn keinen Rückweg mehr gab.
Die Straßen waren leer und so fuhr er langsam aber vorschriftsmäßig bis zur Tiefgarage. Dort nahm er seinen Rechner und das Werkzeug und verschwand hinter einer Seitentür im Treppenhaus des Gebäudes.
Lukas zapfte die Datenleitung des Hauptrechners der Bank an, die durch die Tiefgarage in das Rechenzentrum führten, und verband sie mit seinem Laptop. Durch diesen Trick simulierte er einen weiteren Arbeitsplatzrechner ohne in das System von außen einbrechen zu müssen. Er transferierte eine größere Geldsumme auf ein Konto in der Schweiz. Er war stolz auf seine selbstentwickelten Programme, obwohl ihn diese Aktion auf das Niveau eines gewöhnlichen Kriminellen herunterstufte. Danach speiste er noch einen Virus in den Hauptrechner ein, der das ganze System in spätestens einer halben Stunde lahmlegen würde. Bevor er sich wieder ordnungsgemäß abmelden konnte, brach der Zugang ab. Das System hatte ihn herausgeworfen. Lukas erschrak. Irgendetwas war schief gelaufen, möglicherweise hatte er bereits „stillen Alarm“ ausgelöst. Es war höchste Zeit das er hier wegkam. In aller Eile packte er seinen Rechner ein, ließ das Werkzeug liegen und rannte zu seinem Auto.
Er startete den Wagen, dann schaltete er seinen Laptop ein, verband ihn mittels mobilem Internet mit der Datenautobahn und startete ein Programm, dass sein Geld auf eine virtuelle Weltreise schickte.
Jetzt war es höchste Zeit, das auch er auf die Autobahn kam. Mit Vollgas und quietschenden Reifen verließ er die Garage. In der Ferne hörte er bereits die Martinshörner. Sie waren also schon hinter ihm her. Sein Herz klopfte heftig.
Zielsicher fuhr Lukas mit hoher Geschwindigkeit durch die kleinen Seitenstraßen Richtung
A42. Jetzt zahlte sich seine Vorbereitung vom Dach des Gasometers aus.
Hundertmal hatte er die Fotos studiert, kannte jede Straße und jedes Hindernis im Umkreis der Zufahrt.
Endlich hatte er die Autobahnauffahrt erreicht. Er drückte das Gaspedal bis zum Bodenblech durch, 100,…110 Meilen/h. Der Motor zog mächtig nach vorne, Lukas spürte, dass noch mehr ging. Zwischen ihm und dem Flughafen lagen jetzt noch höchstens 50 km Distanz.
Plötzlich und ohne Vorankündigung kam der Super-GAU. Der schwere Motor geriet ins Stottern und der Ford wurde immer langsamer. Lukas wechselte auf den Standstreifen, wo der Motor schließlich abstarb. Verzweifelt drehte er den Zündschlüssel hin und her und betätigte den Anlasser ununterbrochen aber sein Wagen sprang nicht mehr an.
„Verdammter Mist“, schimpfte er.
Warum musste er auch unbedingt einen 45 Jahre alten Oldtimer als Fluchtauto wählen. Seine Liebe zu alten Autos wurde ihm jetzt zum Verhängnis.
Die Martinshörner wurden immer lauter. Lukas musste sich beeilen. Er trennte seinen Rechner wieder vom Internet und startete ein Programm, welches seine Daten von der eingebauten Festplatte löschte. Er stieg aus und warf den Laptop in hohem Bogen einen kleinen Abhang hinunter. Keine Sekunde zu früh. Die Polizisten näherten sich ihm bereits mit gezogener Waffe, untersuchten ihn und legten ihm danach Handschellen an. Aus die Maus das war´s.

Vor dem Untersuchungsrichter hatte er keine Chance. Man hatte seinen Werkzeugkoffer in der Tiefgarage gefunden, die Kameras hatten Videos von seinem Wagen aufgenommen und auf seinem Laptop waren die Daten nicht vollständig gelöscht worden. Er glaubte, irrtümlich die Videoanlage ausgeschaltet zu haben. Offensichtlich eine Lücke in seinem beinah perfekten Plan.
Mit gefesselten Händen führten sie ihn über einen Hof ins Gefängnisgebäude. An den vergitterten Fenstern grölten laut die Insassen, einige warfen Gegenstände auf den Hof. Er war noch nie im Gefängnis gewesen.
Er sah an der roten Ziegelwand mit den vergitterten Fenstern hoch. Wie in einem Parkhaus dachte er. Ein Parkhaus für Menschen. Nicht gegen ein Ticket wie bei Autos, nicht für Stunden oder Tage, sondern mit einem Urteil: „Im Namen des Volkes“ für Monate und Jahre.
Ungefähr einen Monat nach seiner Inhaftierung, betrat ein mürrischer Justizbeamter seine Zelle, „Sie haben Besuch“.
„Wer ist es denn?“, fragte Lukas neugierig. Sein Herz fing an schneller zu schlagen. Aber der Beamte antwortete nicht. Sollte ihn am Ende Christine besuchen kommen?
Er wurde in einen kleinen Raum geführt, in dem ca. 15 Personen saßen. Alles Gefangene mit ihren Besuchern. Vorn an einem erhöhten Tisch im Raum saß ein Justizbeamter und beobachtete die Situation, bereit jederzeit einzugreifen. Plötzlich erschien eine massige Gestalt im Türrahmen. Natürlich, nicht Christine kam, um ihn zu besuchen, es war sein Freund Chico. Es gab ein lautes Hallo an vielen Tischen, offenbar kannte man ihn hier noch. Chico musste erst einige Hände schütteln, bevor er sich zu Lukas an den Tisch setzte. Chico hatte seinen blauen Overall an und ausnahmsweise und nur für ihn frisch gewaschen. Er hatte ihm eine Riesen-Pizza mitgebracht, XXL-Format, typisch Chico.
„Ich kenne diesen Fraß hier. Er ist fürchterlich. Ich habe dir mal was Richtiges zu essen mitgebracht. Wie geht es dir?!“, fragte er teilnahmsvoll.
„Nun ja“, antwortete Lukas knapp, „Ich habe schon schönere Orte gesehen.“
„Das geht vorbei“, tröstete Chico ihn.
„Was ich dich fragen wollte“, sagte Lukas leise, „Was ist aus dem Wagen geworden?“.
„Du meinst den Mustang?“, sagte Chico, „Nun ich hab ihn wiederbekommen, den haben sie mir allerdings ganz schön auseinandergenommen. Aber Karosserie und Motor sind noch o.k. Außerdem habe ich einen Austauschmotor besorgt.“
„Wenn ich hier wieder herauskomme, dann restaurieren wir ihn richtig. So mit Motor, Fahrwerk, Lackierung und so“, versprach Lukas, „Ich hab nämlich noch eine kleine Überraschung.“
„Verstehe“, sagte Chico.
„Und danach drehen wir eine Runde um den Block.“
„Vollgas?“, fragte Chico und grinste über beide Backen.
„Darauf kannst du dich verlassen“, antwortete Lukas.
Eine Weile schwärmten beide noch über alte Zeiten, dann musste Chico gehen und Lukas wurde wieder in seine Zelle gebracht.
In der Folgezeit besuchte ihn Chico regelmäßig und versorgte ihn wie eine Mutter mit gutem Essen. Drei Jahre und fünf Monate später wurde Lukas endlich aus der Haft entlassen.
Sein Freund Chico wartete vor der Haftanstalt, mit einem komplett restaurierten, bildschön lackiertem Ford Mustang auf ihn. Natürlich drehte Lukas mit seinem Freund die versprochene Runde um den Block und fuhr den Wagen auf der Autobahn aus. Er war zufrieden.
Zwei Wochen später buchte er für sich und seinen Freund eine lange Reise in die Karibik.
Er und sein Freund gingen täglich an den Strand. Sie setzten sich in den Schatten, schlürften exotische Cocktails und sahen braun gebrannten Frauen in String-Tangas nach.
Lukas besorgte sich einen Laptop, eröffnete für Chico ein Konto und überwies ihm die Hälfte seiner 53,8 Mio. €. So viel Geld hatte er mit seiner Aktion erbeutet und auf ein Konto in einer kleinen Bank auf den Cayman-Inseln nach einigen virtuellen Erdumrundungen überwiesen.
Lukas hatte erkannt, dass das Geld für ihn jetzt nicht mehr so wichtig war wie früher als er noch mit Christine zusammen war. Seine Freundschaft zu Chico bedeutete ihm heute viel mehr. Nun waren sie beide gleich reich und hatten ausgesorgt.
Chico war zunächst ungläubig und dann völlig aus dem Häuschen als Lukas ihm davon erzählte. Er hatte aber auch Gewissensbisse das Geld von ihm anzunehmen.
„Das geht schon in Ordnung“, beruhigte ihn Lukas. „Wozu hat man schließlich so viel Geld, wenn man es nicht mit seinem besten Freund teilen kann“. „Ohne dich und deine Unterstützung hätte ich die Zeit im Gefängnis niemals überstanden. Das Geld reicht locker für uns beide“.
Sie kauften sich ein kleines Haus direkt am Strand und beschlossen gemeinsam ihrer alten Heimat für immer den Rücken zu kehren. Am Ende hatte Lukas viel mehr erreicht, als nur seine finanzielle Unabhängigkeit zu sichern.
Man konnte sie beide abends oft zusammen auf der Veranda sitzen sehen. Sie plauderten über alte Zeiten und sahen gemeinsam mit einem Glas Rotwein in der Hand zu, wie die untergehende Sonne langsam das Meer küsste.
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Eisfuchs, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. http://www.leselupe.de/lw/titel-Leitfaden-fuer-neue-Mitglieder-119339.htm

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. http://www.leselupe.de/lw/service.php?action=faq


Viele Grüße von Ralph Ronneberger

Redakteur in diesem Forum
 

ThomasQu

Mitglied
Hallo Eisfuchs,

die gute Nachricht, mit viel Arbeit könnte man die Geschichte vielleicht retten.

Zuerst fielen mir die vielen Wortwiederholungen auf, der Text wirkt auf mich, als wäre er ohne Korrektur eingestellt worden, die Erstversion, sozusagen.
Du müsstest ihn um ein Drittel kürzen, damit er griffiger wird und die Handlung plausibler darstellen.
Der Protagonist geht zwar in den Knast, aber das viele Geld behält er, das nehme ich dir nicht ab und ein (angeblich) so cleveres Kerlchen vergisst nicht seinen Werkzeugkoffer.
Eigentlich ist der ganze Aufbau von A bis Z unlogisch. Wäre ich Schlechtbewerter, bekämst du von mir bestenfalls eine zwei.

Trotzdem, die Geschichte hat etwas, daher habe ich mit der guten Nachricht begonnen.

Sei nicht traurig,

Th.
 

Eisfuchs

Mitglied
Hallo ThomasQu,

um mit dem Ende deines Kommentars zu beginnen: Nein ich bin nicht traurig!

Zunächst einmal bin ich ja froh, dass sich überhaupt jemand mit meinem Text beschäftigt hat.

Vielleicht noch eine Bemerkung zu mir vorweg.
Ich bin nicht nur neu in diesem Forum, sondern beschäftige mich auch zum ersten Mal mit dem Schreiben von Geschichten in dieser Form.
Meine Geschichte entstand als Übung anlässlich eines Autorenworkshops. Diesem ging ein Seminar über Storytelling voraus.
Das darin, trotz aller Mühe, immer noch handwerkliche Fehler enthalten sind, ist mir klar. Das versteht auch jeder, der zu irgendeinem Zeitpunkt einmal etwas Neues in seinem Leben angefangen hat.
Darum bin ich ja hier um mich zu verbessern und weiter zu entwickeln.
Auf Wortwiederholungen habe ich in der Tat überhaupt nicht geachtet, werde dies aber bei zukünftigen Geschichten tun.

Mit deiner Bemerkung über die Erstversion meiner Geschichte, also ohne jede Korrektur, liegst du leider völlig daneben. Es ist dies die dritte Überarbeitung gewesen und in deren Verlauf ist die Geschichte schon um ein Drittel gegenüber der Urfassung gekürzt worden. Die letzte Version übrigens mit dem Dozenten (einem Buchautor) als Lektor.

Konstruktive Kritik an meinen Geschichten ist mir immer willkommen, denn nur dadurch kann ich besser werden.
Aus diesem Grund wäre es hilfreich für mich zu wissen, wo Du den Text weiter kürzen würdest, ohne, dass dabei wesentlicher Inhalt verloren geht.
Auch deine Bemerkung der Aufbau sei unlogisch hilft mir nicht wirklich weiter. Das müsste ich schon genauer von Dir bekommen.

Eisfuchs
 

ThomasQu

Mitglied
Servus Eisfuchs,

das mache ich natürlich anhand von Beispielen gerne. Vorab, ich habe dir in meinem Kommentar meine persönliche Meinung mitgeteilt, andere Leser denken vielleicht anders über deinen Text.

auf den maroden Außen-Aufzug zu, an dem schon deutlich sichtbar der Anstrich abblätterte.
Langsam und geräuschvoll bewegte sich der Aufzug nach unten.
Als der Aufzug unten angekommen war …
… raste mit hoher Geschwindigkeit Richtung Autobahn. Mit hohem Tempo, jonglierte er mit seiner BMW

Das zum Beispiel meine ich mit den Wortwiederholungen.

Grundsätzlich hast du das ja ganz gut geschrieben, nur verlierst du dich in ewiglangen, unwichtigen Details, während du wichtige Dinge, die mich interessieren würden, überspringst.
Gleich als Beispiel die erste Szene auf dem Gasometer. Was macht denn dein Protagonist stundenlang dort oben? Den Verkehr beobachten? Fotos machen? Wieso muss er denn das? Freilich beschreibst du das schön, mit vielen kleinen Details, aber das ist doch für deine Geschichte gar nicht wichtig.
Späht man so einen Fluchtweg aus? Wäre es nicht besser, die Strecke vorher mal abzufahren?

Jetzt kommt die Szene mit der Ex, die bringt deinen Plot keinen Zentimeter weiter. Auch hier könntest du deutlich kürzen.

Als nächstes geht es auf den Schrottplatz. Du beschreibst diesen Chico so ausführlich, dass es schon langweilig wird und das hat nichts mit dem Fortgang der Geschichte zutun. Das alles sind nur Nebensächlichkeiten.

Nun kommt dieser Ford V8 ins Spiel. Welcher Gangster sucht sich denn für den wichtigsten Tag seines Lebens so einen auffälligen, unzuverlässigen Fluchtwagen aus?

Jetzt knackt er mithilfe seines Computers die Bank und der Leser denkt sich: Ein taffes Kerlchen. So einer lässt sein Werkzeug liegen?
Und schon ist die Polizei da, wo kommt die auf einmal her? Wieso haben die ihn auf der Autobahn festgenommen? Wurden diese Videoaufnahmen von der Polizei so schnell gesichtet?
Das hättest du mir als Leser besser erklären sollen. Das wird alles zu schnell abgehandelt. Das sind schließlich die entscheidenden Passagen der Geschichte, nicht die Tatoos von Chico.

Schlussendlich, der Protagonist wird verurteilt, kann aber die 53,8 Millionen behalten?
Davon kannst du mich nicht so leicht überzeugen.

Was mir allerdings gefällt, du kannst sehr schön Szenen beschreiben, schöne Bilder malen, nur solltest du das in den entscheidenden Passagen machen. Dann wird es spannend.

Nur Mut !!

Thomas
 

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