Rgveda 10,72

Mondnein

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Vedisches Sanskrt, irgendwann um 1000 v.Chr., plus minus 300 Jahre), Übersetzung Hans Zimmermann.
Die kühnen Metaphern stehen im Originaltext; die Metrik der jeweils in vier "padas" (Füße) untergliederten Verse entspricht gleichfalls in etwa der des Sanskrt-Textes.

Rgveda, 10.Mandala, Hymne 72 (eine Schöpfungshymne)
dem Brhaspati (hier = brahmanas pati, "des hohen Wortes Herr") gewidmet

[ 4]devânâm nu vayam jânâ [ 4]pra vocâma vipanyayâ
[ 4]uktheshu shasyamâneshu [ 4]yah pashyâd uttare yuge (1)

[ 4]brahmanas patir etâ [ 4]sam karmâra ivâdhamat
[ 4]devânâm pûrvye yuge [ 4]'satah sad ajâyata (2)

[ 4]devânâm yuge prathame [ 4]'satah sad ajâyata
[ 4]tad âshâ anv ajâyanta [ 4]tad uttânapadas pari (3)

[ 4]bhûr jajña uttânapado [ 4]bhuva âshâ ajâyanta
[ 4]aditer daksho ajâyata [ 4]dakshâd v aditih pari (4)

[ 4]aditir hy ajanishta [ 4]daksha yâ duhitâ tava
[ 4]tâm devâ anv ajâyanta [ 4]bhadrâ amritabandhavah (5)

[ 4]yad devâ adah salile [ 4]susamrabdhâ atishthata
[ 4]atrâ vo nrtyatâm iva [ 4]tîvro renur apâyata (6)

[ 4]yad devâ yatayo yathâ [ 4]bhuvanâny apinvata
[ 4]atrâ samudra â gûlham [ 4]â sûryam ajabhartana (7)

[ 4]ashtau putrâso aditer [ 4]ye jâtâs tanvas pari
[ 4]devân upa prait saptabhih [ 4]parâ mârtândam âsyat (8)

[ 4]saptabhih putrair aditir [ 4]upa prait pûrvyam yugam
[ 4]prajâyai mrtyave tvat [ 4]punar mârtândam âbharat (9)



1. Geburt der Götter wollen wir
[ 4]verkünden voller Staunen nun
[ 4]daß im gesungnen Spruch der Mensch
[ 4]sie schauen mag in spätrer Zeit.

2. Des hohen Wortes Herr – er schweißte
[ 4]sie zusammen wie ein Schmied:
[ 4]Im frühsten Göttermorgenlicht
[ 4]gebar das Sein sich aus dem Nichts –

3. im ersten Göttermorgenschein
[ 4]gebar sich aus dem Nichts das Sein.
[ 4]Danach geboren ward der Raum
[ 4]aus ihr, die fußemporgewandt

4. gebar die Erde; fußempor
[ 4]gewandt geboren ward der Raum.
[ 4]Die Himmlische gebar den Starken,
[ 4]doch der Starke zeugte sie:

5. die Himmlische. Als deine Tochter
[ 4]hast du Starker sie gezeugt.
[ 4]Die Götter sind nach ihr geboren:
[ 4]gut, unsterblich-trunken, eins.

6. Ihr Götter, als ihr fest verschränkt
[ 4]gemeinsam standet in der Flut,
[ 4]da stob die Gischt – da sprühte wie
[ 4]von Tanzenden von euch der Staub.

7. Ihr Götter, als gleich Zauberern
[ 4]die Wesen ihr zum Wachsen triebt,
[ 4]da brachtet aus dem Meer ihr den
[ 4]verborgnen Sonnengott hervor.

8. Acht Söhne sind, die aus dem Leib
[ 4]der Himmlischen geboren sind;
[ 4]mit sieben stieg sie zu den Göttern
[ 4]auf. Den Tot-Ei warf sie fort.

9. Mit sieben Söhnen stieg die Himmlische
[ 4]ins frühste Morgenlicht.
[ 4]Zum Zeugen und zum Sterben holte
[ 4]sie den Tot-Ei wieder vor.
 

Tula

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Hallo Hans

Ich bin mir sicher, du hast es einwandfrei und kunstvoll übetsetzt. Wenigstens 2 Fragen:

In welcher chronologischen Reihenfolge spielt sich hier die Handlung ab? - Der Widerspruch in S4 fällt besonders auf. Der genannte Herr hat wohl die Himmlische gezeugt. Dabei gebar sie IHN? - Das hat sicherlich seine besondere Erklärung.

Welche Bedeutung hat der achte - Tot-Ei? Liest sich wie totes Ei, eine Fehlgeburt.

LG
Tula
 

Mondnein

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GrüßDich, Tula!

In welcher chronologischen Reihenfolge spielt sich hier die Handlung ab? - Der Widerspruch in S4 fällt besonders auf. Der genannte Herr hat wohl die Himmlische gezeugt. Dabei gebar sie IHN? - Das hat sicherlich seine besondere Erklärung.

Die zitatübliche Prosa-Übersetzung von Geldner hat der Hymne ein kurzes Vorwort vorangestellt:
"Das Lied handelt nicht nur, wie Str. 1 als Thema angibt, vom Ursprung der Götter, sondern ist eine kurze Schöpfungsgeschichte. Es hat fast den Anschein, als habe der Dichter absichtlich die Unlösbarkeit dieses Problems dartun wollen, denn er stellt eine Reihe sich widersprechender Theorien zusammen, ohne deren Synthese zu versuchen."
Das ist natürlich noch keine wirkliche Analyse der eigenartig innerlich widersprüchlichen Reihe der Motive. "Theorien" ist auch zu viel, es sei denn, der Ausdruck "brahmanas pati" werde als eine Vorwegnahme der "brahman = das Absolute"-Theorie des Vedânta aufgefaßt, wie Shankara (~800 n.Chr.) die Upanishaden (die ältesten, Chandogya-Up. und Brhadaranyaka-Up., ab dem 7.Jhd.) deutet. Indischen Zeitangaben kann man nie trauen, wohl aber der Unverrückbarkeit der Texttradition. Also haben wir hier einen Vedanta-Ansatz durch Brhaspati=Brahmanaspati, den Herrn des Brahman, des "Hochwortes", der für Shankara eine Personifikation des Brahman (des Absoluten, = Gottes, des reinen Seins) selbst ist.
Aber wir haben viel mehr, ein durch innere Widersprüche aufgespanntes Verse-System. Die Rgveda-Lieder haben drei ziemlich selbständige, eigengewichtige Aspekte: den philosophischen, den Shankara pantheistisch isoliert, den religiösen, weil es Hymnen an einzelne Götter des Pantheons sind, und den poetischen, da sie in Wettbewerben gesungen wurden und auf die Inspirationsqualität reflektieren. Letzteres z.B. gerade durch Brahmanaspati, siehe den zweiten Vers, in dem der Worteherr die Götter zusammenschweißt, aber es sind zugleich die Worte der Verse, deren Weisheit er (sonst) personifiziert. Als Einzelgott ist er der Meister der Sprache, des Redens, der Dichtung, philosophisch ist er das Brahman an sich, poetisch wird er als Dichtergott reflektiert. In einem so alten Ding!

Womit ich bei dem surrealistischen Motivegeflecht des Liedes angekommen wäre. In so einem alten Lied! Dreitausend Jahre hat es gebraucht, bis die Menschenkultur wieder in so einer freien, kühnen, rauschhaften Metaphorik angekommen ist.

Die Aditi - die himmlische Mutter der "olympisch" anmutenden Einzelgötter - gebärt den Daksha, den Starken, der wiederum sie hervorbringt. Ja, das steht so da.
Dieses Einander-Gebären gibt es noch einmal in der berühmten Purusha-Hymne 10,90, Vers 5, wo der Purusha (der mythische Urmensch, aber seit der klassischen Sânkyha-Philosophie, und später dann mit Shankaras Vedânta-Deutung der alten Verse, ist "Purusha" das Absolute selbst, das Welten-Ich, s.o.) die Viraj hervorbringt, d.h. wörtlich "die Glänzende", und diese dann den Purusha gebärt.
Man kann an Ei-Huhn-Ei denken. Oder ein Escherbild konstruieren, in dem ein Teil des Bildes das Ganze in sich wiederholt.

Welche Bedeutung hat der achte - Tot-Ei? Liest sich wie totes Ei, eine Fehlgeburt.
"Mârtânda" - die Wurzel mr (wie im Deutsch "Mord", oder älter: lateinisch "mortuus" Partizip des Deponens "mori", "sterben"), Partizip "mrta", in Ableitungen "marta" - und "anda"="Ei".
In Sanskrt gibt es (wie im Deutschen) Nominalkomposita. Aber die Art der Komposition der beiden Nomina ist mehrdeutig, wenn auch regelhaft.
Es ist entweder das Ei des Toten, oder ein totes Ei, oder ein Toter und ein Ei, oder einer, dessen Ei tot ist. Für diese vier Möglichkeiten gibt es Fachausdrücke, aber Name ist Schall und Rauch; wichtig ist, daß diese Deutungsmöglichkeiten sich unterscheiden und daß es schwer auszumachen ist, welche hier greift. Wir haben als Deutschmuttersprachler das Glück, daß wir einfach ein entsprechendes Nominalkompositum bilden können, dann ist es der "Tot-Ei".
Meine Lexika geben tatsächlich übertragene Bedeutungen an: "Vogel (am Himmel), Sonne, Sonnengott". Das hilft natürlich weiter, verliert dabei, wie es bei Auflösungen von (poetischen) Metaphern zu geschehen pflegt, jede Spiel-Tiefe, aber hier paßt es auf die Sonne, die im Wasser verborgen war (das ist ein durchaus sehr häufiges Motiv vedischer Hymnen: der Feuergott Agni - vgl. lat. ignis - der im Wasser verborgen war und hervorgeholt werden mußte).
Erklärung bei Geldner (Fußnote):
"Mârtânda, der Vogel, ist die Sonne = Vivasvat (Shat.), von dem die Menschen abstammen (TS 6.5.6.2). Vgl. die ausführliche Erzählung in Shat.3.1.3.2-4. Dort ist Mârtânda eine Mißgeburt (samdegha). Daher seine Verwerfung durch die Mutter."

Ist was für künftige Doktoranden,

grusz, hansz

P.S.:
Mein Lieblingsvers ist der 6., der mit den tanzenden Göttern, von denen der Staub wegwirbelt.
 

Tula

Mitglied
Hallo Hans

Danke für deine ausführliche Antwort. Die Sache mit dem Einander-Gebären hat in metaphorischer Hinsicht wahrscheinlich seine Berechtigung (eins geht immer wieder aus dem anderen hervor und vice versa - siehe Leser und Dichter :) ) und entspricht sicher dem Grundprinzip des ewigen Werden und Vergehens. Da ist der Vergleich mit einem Escherbild mehr als passend.

LG
Tula
 
G

Gelöschtes Mitglied 20392

Gast
Nur am Rande gefragt: Ist das schlicht eine Übersetzung von Versen des Rigveda? Wenn ja, warum ist das dann hier eingestellt? Die wirkliche literarische Arbeit haben dann ja vedische Priester geleistet...
 

Mondnein

Mitglied
ja, wahrscheinlich ist es einfach zu schlicht, vedische Sanskritverse zu übersetzen.

Ich bin nicht der erste, der Übersetzungen im Fremdsprachlichen einstellt, mir sind sowohl Übersetzungen aus dem Englischen (was man heutzutage ja schon im Kindergarten lernt) als auch eine aus dem Lateinischen (das ist schon seltener, es ist immerhin ein Horaz-carmen) voraus gegangen. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich auch gedacht, daß mit "Fremdsprachlich" nur fremdsprachliche Originale gemeint seien, so war das wahrscheinlich auch früher gemeint. Aber, wie gesagt, Horaz hat sein Ding nicht hier selber veröffentlicht, und schon gar nicht selbst ins Deutsche übersetzt.

Dann sind Rgvedaverse schon was Besonderes.
 
G

Gelöschtes Mitglied 20392

Gast
Nunja, soll mich wahrscheinlich beeindrucken... funktioniert nicht ganz so gut, ich bin Ägyptologe, alte Sprachen sind mein tägliches Brot. Ich finde generell, dass Übersetzungen natürlich irgendwie auch literatische Arbeit, die beiden vorausgegangen Übersetzungen habe ich nicht gesehen, empfinde das bei denen aber als genauso fragwürdig, ob das als eigenständige literarische Leistung hier gepostet werden sollte. Das ist gar nicht gegen deine Leistung gerichtet...
 

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