Rote Haare, schwarze Tränen

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molly

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Rote Haare, schwarze Tränen

Uta stürmte in ihr Zimmer, warf den Mantel in die Ecke und holte aus der Tasche eine Tube, die sie sich eben in der Drogerie gekauft hatte. Damit verschwand sie im Bad und schmetterte die Tür hinter sich zu. Im Spiegel betrachtete sie ihre hellblonden Haare. Sie fand, dass sie für ihre 16 Jahre einfach zu jung aussah. Entschlossen schraubte sie die Tube auf und begann mit der Prozedur. Dabei dachte sie an ihren Vater und wieder zog sich ihr Bauch schmerzhaft zusammen. Dieser elende Schurke, dieser Lügner, der die Mutter, der die ganze Familie betrog! Das allerdings wusste sie erst seit gestern Abend und dabei hatte der so gut angefangen.

Der Vater war wieder einmal nicht Zuhause. Er hatte schon beim Mittagessen verkündet, dass er bis in die Nacht hinein im Geschäft bleiben würde. Sie hatte Mitleid mit ihm, weil er in letzter Zeit soviel schuften musste. An diesem Abend war sie allerdings ganz froh darüber. Sie wollte mit ihrem Freund Daniel in die Disco und unter der Woche verbot der Vater ihr, auszugehen. „Sei fleißig, tu deine Pflicht!“ war ein Lieblingssatz von ihm. Sie musste für die Schule lernen.

Leise lief sie zu ihrer Mutter, die im abgedunkelten Schlafzimmer lag, um ihre monatliche Migräne durchzustehen.

„Ma“, flüsterte sie, darf ich mit Daniel in die Disco?“

„Ja, darfst du, ich verlasse mich darauf, dass du pünktlich zu Haus bist!“

„Bin ich“, flüsterte Uta und strich der Mutter sanft über die Wange.

Die Mutter sagte noch leise: „Viel Spaß, Liebes!“

„Danke Ma!“ entgegnete Uta und schloss leise die Tür hinter sich.

Ihr Freund Daniel holte sie wie versprochen ab. Unterwegs zur Disco gestand Daniel, dass er eigentlich keine Lust auf Tanzen und ohrenbetäubende Musik hatte. „Aber ich komme mit dir, das habe ich ja versprochen!“ sagte er noch.

Uta erkundigte sich: „Machst du dir Sorgen, wegen deiner kleinen Schwester?“

"Hm, ja, schon!“ antwortete er.

Kurz entschlossen sagte sie: „Komm, gehen wir in die Pizzeria!“ Daniel lächelte sie dankbar an.

Er legte seinen Arm um ihre Schultern und meinte: „Du bist echt spitze“.

Sie waren so frühzeitig dran, dass sie den begehrten Eckplatz für sich alleine ergatterten. Gino, der Kellner begrüßte sie mit Handschlag und fragte: „Wie immer?“
„Ja, wie immer eine große Margherita!“, sagte Daniel und Gino brachte Cola und Besteck. Sie mussten nicht lange auf ihr Essen warten. Bald schon legte er mitten auf den Tisch ein riesiges, nach Käse und Tomaten duftendes Rad. Sie bestellten sich stets nur eine Pizza und hatten viel Spaß beim gemeinsamen Essen.

Gerade als Daniel erzählte, dass seine Schwester wieder ins Krankenhaus musste, betrat ein Schwarm Menschen die Gaststätte. Zwei davon wirkten ein wenig overdressed für eine Pizzeria. Der Mann trug einen dunklen Anzug, allerdings hatte er die Krawatte schon gelockert, vielleicht war er ja ein Geschäftsmann, der nach einem offiziellen Termin noch etwas essen wollte, überlegte Uta. Er strebte mit großen Schritten auf einen anderen Ecktisch zu. Die auffallend elegante Frau hatte eine prachtvolle rote Löwenmähne. Uta schaute kurz zu Daniel, auch er starrte die Fremde gebannt an. Sie trug ein kurzes schwarzes Kleid, einen breiten Ledergürtel und lange Stiefel, die ihr über die Knie reichten. Der Schmuck, den sie trug, war sicherlich echt. Zweifellos, eine schöne Frau! Wer mochte ihr Begleiter sein? Ihr Mann, der seinen Arm um sie gelegt hatte? Eigentlich ein ungleiches Paar. Sie so zierlich klein und schick, er in Alltagskleidung und groß! Er hatte eher eine stattliche Figur, wie ihr Vater. Der Mann drehte sich kurz um, und Uta hätte sich beinahe an ihrem Pizzastück verschluckt. Der Begleiter dieser rothaarigen Fremden war ihr Vater! Hatte der nicht gesagt, er müsse lange im Geschäft bleiben? Von einem Meeting oder so war da aber nicht die Rede gewesen! Und wer war eigentlich diese Fremde, um die er seinen Arm geschlungen hatte? Nach Geschäftsfrau sah die nicht aus. Da stimmte doch was nicht! Uta hatte das ungute Gefühl, etwas zu sehen, was sie nicht hätte sehen sollen. Sie rutsche tiefer in die Ecke und zum Glück entdeckte er sie nicht.

Er achtete überhaupt nicht auf die anderen Gäste, dazu war er viel zu beschäftigt mit der rothaarigen Frau. Der Vater neigte sich zu ihrem Ohr und flüsterte ihr etwas zu. Uta hätte zu gern gewusst, welche Geheimnisse der Vater dieser Fremden anvertraute. Ihr schien das zu gefallen. Sie lachte laut los und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Diese Stimme! Gläser klirren war nichts dagegen. Wenn das ihre Mutter sähe!

Sie schloss die Augen und ballte die Fäuste. Daniel erkundigte sich besorgt: „Uta, fühlst du dich nicht wohl?“

„Stimmt“, hauchte sie, „mir ist übel“! Sie bezahlten ihr Essen und verließen das Lokal, ohne dass ihr Vater sie bemerkte.

Uta erzählte nichts von ihrer Entdeckung, weder ihrem Freund noch den Brüdern und schon gar nicht der Mutter. Sie wollte ihrem Vater einen gehörigen Schrecken einjagen. Wenn sie sich zuhause danebenbenahm, war er der erste, der sie anbrüllte und kritisierte. Wenn einer von ihnen einmal log, hatte er gleich eine Woche Hausarrest. Uta war wütend und enttäuscht über den Vater, der ihr Regeln abverlangte, und sich selbst scheinbar an keine hielt. Wie oft musste sie vom ihm hören: „Sei ehrlich, sei aufrichtig, lüge nicht!

Nun hatte sie es gründlich satt, stets nach seinen Regeln zu tanzen. Nur einmal in der Woche durfte sie bis Mitternacht ausgehen. Alkohol? Verboten! Rauchen? Nicht erlaubt! Bei Daniel übernachten?

„Warte, bis du 18 bist!“, war seine stets wiederkehrende Antwort. Sie würde in den Sommerferien nicht mit den Eltern verreisen, sondern mit einer Jugendgruppe ein Teil ihrer Ferien verbringen.

Uta spürte, dass sie schon lange wütend auf ihren Vater war. Die Begegnung in der Pizzeria aber war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Ja, sie würde ihm eine Lektion erteilen. Und jetzt war die Zeit gekommen.

Die Tube war leer und die brave Uta verschwunden. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk. Sie föhnte ihre neue Haarpracht und kämmte sie anschließend sorgfältig. Danach färbte sie sich die Wimpern und Augenbrauen schwarz, zog das neue schwarze T-Shirt und die engste Jeans an, in die sie kleine Löcher geschnitten hatte. Als ihr jüngster Bruder Tomi zum Mittagessen rief, streifte sie in aller Ruhe ihre sieben Fingerringe über und behängte sich mit den Klimperketten, die sie beim letzten Jahrmarkt gekauft hatte. Zum Schluss lieh sie sich Mutters Stiefel und tänzelte langsam und mit wiegenden Hüften die Treppe hinunter. Alle saßen schon am Tisch.

Bei ihrem Auftritt sprangen ihre Brüder vom Tisch auf. Tomi pfiff laut mit beiden Fingern und der ältere Bruder Jens sagte:

„O lala! Super! Uta auf Kriegspfad!“ und trommelt mit den Fäusten auf den Tisch.

Die Mutter warf ihr einen traurigen Blick zu und fragte: Findest du dein Haar so schöner?“ Da drehte sich der Vater um. Zunächst lächelte er, dann aber verzerrte sich sein Gesicht. Er wurde knallrot und brüllte: „Wie kommst du denn daher? Aufgetakelt und mit diesem rot gefärbten Schopf! Was sollen denn die Leute denken, meine Tochter mit Rotkrauthaaren!“ Er schnappte hörbar nach Luft. Uta nutzte seine Redepause. Sie baute sich vor ihm auf, stützte dabei die Ellenbogen auf den Tisch und sagte leise: „Ich dachte, du stehst auf rot!“

Der Vater faltete seine Serviette zusammen und schaute sie mit zusammengekniffenen Augen an: „Wir zwei sprechen uns noch.“ Mit einem Ruck schob er den Stuhl zurück und verließ das Zimmer. Die Mutter legte ihre Hand auf Utas Arm. „Was bedrückt dich denn? Willst du mit mir reden?“
„Nein!“ sagte Uta. Sie mochte nicht länger im Zimmer bleiben.Uta schüttelte ihre Haare nach hinten und ließ sie anschließend wie ein Vorhang über ihre Augen fallen. Langsam stieg sie die Treppe wieder hoch und niemand sah, wie ihre Tränen im roten Haar glitzerten.

Uta schloss ihr Zimmer ab und warf sich auf ihr Bett. Sie fühlte sich hundeelend und dabei hatte sie geglaubt, es ginge ihr besser, wenn sie den Vater provoziert hätte. Ihr Auftritt eben hatte überhaupt nichts gebracht. Sie hielt den Vater für einen Lügner und wusste noch immer nicht, wer die Fremde an seinem Arm war. Er ahnte bestimmt nicht, dass sie künftig nicht jeden Familientrott automatisch mitmachte, dass sie eigene Wege gehen würde. Da fielen ihr Vaters Worte ein: „Wir sprechen uns noch!“

Natürlich, das war die Lösung. Erleichtert sprang sie vom Bett. Vater saß sicher in seinem Kellerbüro. Sie würde ihn besuchen, jetzt gleich, solange sie den Mut dazu hatte.

Da klopfte es an ihre Tür. „Uta, hör doch mal“, sagte ihre Mutter, „es gibt gleich noch einen Kaffee und die Schwester Deines Vaters kommt vorbei!“

Uta schloss schnell auf. Die Mutter nahm Uta einfach in die Arme. „Mein großes Mädchen, auf dem Weg zum Erwachsenwerden lauern so viele Probleme, die eigentlich gar keine sind. Und das Schlimmste daran ist zu schweigen!“

„Findest du mich schrecklich mit den roten Haaren?“ fragte Uta leise. Die Mutter lächelte und meinte:

„Deine blonden Haare haben mir sehr gut gefallen, aber ich liebe dich und nicht deine Haarfarbe!“

„Ich komme gleich“, sagte Uta. Sie wusch die dunkle Tränenspur aus dem Gesicht und schon hörte sie die Haustürglocke.

Als Uta die Treppe hinunter ins Speisezimmer ging, blieb sie abrupt in der Mitte stehen. Unten standen die Rothaarige, die Fremde aus der Pizzeria. Der Vater presste die Lippen zusammen, ein Zeichen, dass er noch immer verärgert war. Die Mutter aber sagte: „Uta, das ist Kiria, die Schwester deines Vaters. Du hast sie schon lange nicht mehr gesehen, sie ist gestern Abend überraschend gekommen und weil ich noch Kopfschmerzen hatte, ist sie mit deinem Vater in die Pizzeria gegangen.“

Uta winkte den beiden zu und fragte Kiria: "Hattest du früher nicht blonde Haare?“

„Stimmt“, lachte sie, aber seit ich in Hongkong lebe, gefällt mir rot besser!“ Dabei zwinkerte sie Uta zu, die sich an den Kaffeetisch setzte.

Der Vater zischte: „Wir zwei haben noch was zu bereden.“

Insgeheim schämte sich Uta, dass sie ihren Vater verdächtigt hatte, die Mutter zu betrügen und damit ihre Familie zu zerstören. Aber sie war bereit, sich dem Vater entgegen zu stellen, für mehr Freiheit zu kämpfen.

„Ich sage dir Bescheid, wenn ich Zeit habe“, erwiderte Uta und freute sich diebisch an Vaters Gesicht, dessen Mund nun offenstand.



 
Zuletzt bearbeitet:

Ji Rina

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Liebe molly,

Deine Geschichte hat in mir ein paar lustige Erinnerungen wachgerufen. Einmal in einer Pizzeria, ist eine Frau auf eine andere los, die mit einem Mann an einem Tisch sass. Sie packte sie an den Haaren, warf sie zu Boden und schlug ihr ins Gesicht. Der Mann mit dem sie da sass, war ihr Ex. :rolleyes:Es war ein Drama die beiden wieder zur Ruhe zu bringen...Ein echtes Spektakel!

Deine Geschichte hat mich amüsiert, ich fragte mich nur, ob es nicht doch mehr eine Kurzgeschichte ist?
Was meinst du?

Gruzzlis,

Ji
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo molly,



„Rote Haare, schwarze Tränen“ – der Titel ließ aufmerken. Besonders die schwarzen Tränen ließen mich etwas Dramatisches vielleicht sogar Mystisches erwarten. Vielleicht würde ich gar einer männermordenden Vampirette begegnen – oder so?
Nein – hier wird etwas aus dem Leben eines pubertierenden Mädchens erzählt, das unter dem strengen Reglement ihres unnachgiebigen Vaters leidet und sich ungerecht behandelt fühlt. Die migränegebeutelte Mutter besitzt zwar mehr Verständnis für die Wünsche ihres unglücklichen Töchterleins, aber ihr fehlt gegenüber dem Familien-Patriarchen das Durchsetzungsvermögen. Vater dominant – Mutter graue Maus. Das so oft bemühte Klischee also.

Das Töchterlein bemerkt durch Zufall, dass der untadelige Herr Papa fremdzugehen scheint. Ihre Reaktion erscheint mir zwiespältig. Zum einem ist sie tieftraurig, dass der Vater damit seine Frau und auch den Rest der Familie (es gibt da noch zwei zumindest erwähnte Brüder) nicht nur belügt (angeblich ist er auf Arbeit, als Uta ihn mit einer fremden Frau beobachtet) sondern auch seine gepredigte Moral ad absurdum führt. Letzteres ist aber gleichzeitig ein Ansatzpunkt für Uta, um ihren Erzeuger mit ihrem Wissen zu konfrontieren, um ihm damit auch Zugeständnisse bezüglich ihrer eigenen Wünsche abzuringen.

Eine Idee, die zwar so neu nicht ist, aber viel Spielraum für eine turbulente und spannende Handlung lässt. (Auch humorvoll könnte ich mir die Handlung vorstellen) Diese Chance hast du aber zumindest in zwei Punkten vertan. Das angebliche Fremdgehen des Vaters löst sich viel zu früh in Luft auf (Es ist die Schwester – April, April) Zur erwarteten Dramatik kommt es somit erst gar nicht. Und was Utas Gewinn an Durchsetzungsfähigkeit anbelangt, so erreicht sie weiter nichts, als dass ihrem Vater für einen Moment der Mund offen stehen bleibt.

Summa summarum – da wäre wesentlich mehr drin gewesen. Vielleicht etwas zu schnell übers Knie gebrochen? Schade. Hinzu kommen noch kleine Ungereimtheiten im Ablauf der Handlung und auch ein paar textliche Stolperstellen. Darauf gehe ich in der angehängten PDF-Datei näher ein.

Fazit: Eine vielversprechende Idee – ein nicht komplett durchdachter Plot – eine (scheinbar) halbherzig geschriebene Geschichte mit einer zu früh gezündeten Pointe und letztlich ein Titel, der mehr verspricht als er halten kann.

War ich zu kritisch? Saß ich mit meiner Einschätzung auf dem falschen Dampfer? Manchmal bin ich mir da nicht ganz sicher. Entscheide selbst.



Es grüßt

Ralph
 

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molly

Mitglied
Hallo Ralph,

vielen Dank für Deine hilfreichen Hinweise und die Arbeit mit meinem Text. Ich werde ihn noch einmal neu überdenken und bearbeiten.
Du warst nicht zu kritisch, es soll ja endlich nach 7 Jahren eine runde Geschichte werden.

Viele Grüße

molly
 

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