Schaustück

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Die Feigen in Altenteil

Gemischte Wohnstätte: Altenteil,
Bad Unterweib bei Über-Herrenhausen,
"Die Vi-ejade" genannt;

Leiter:
Herr Bernweich Richtgraf,
Hobbyist der freien Künste und Strictor Fabulae et Curricula Vitorum;

Liiertes Bestattungshaus:
Pietät Lorbeerzweig,
Hans Breuer GbR,
Mitglied im Bund deutscher Leitkultur-Bestatter für ausländerfreie Friedhöfe e.V.

Angestellte:

Pater Dietrich Mollbesser vom nahen Claustrum der wohlmeinenden Brüder;

Pfarrer Heinrich Kummerleid, evangelischer Seelsorger der Authoditisten-Gemeinde Niebaldwegen;

Ein Gerontokrater:
Dr.(nicht abgeschrieben) Alfared Mugulla;

Tabletten und Beschafferin:
Anne Mehrist-Besser;

Olfaktorio-taktilo-Therapeutin:
Dr.(Titel unter Verdacht) Marai Knussel-Ramsch (Universität Perugia);

Snoozelatur:
Dr. Dr.(h.c.) Armin Bären,
Dipl.Kaufmann für exotische Essenzen;

Logopädin:
Verona Klawitter ("Mandragora" genannt, stottert im acht-siebtel Takt);

Basalstimulator und Beschäler der Beschafferin:
B.A. Artin Schusteé, im Heim "Totes Pferd" genannt;

Eine diplomierte Altenschwesterin:
Johannina Moustache (TV, rasiert);

Zwei polnische Aushilfen;
Drei ukrainische Zugehfrauen;
Eine norwegische Teilzeit-Weggehfrau;

Diätätin:
Veroníque Malherbes (59, Spätanorexie, während einer Wallfahrt erlitten);

Die humpelnde Köchin Alberta;

Der Beikoch für mittwochs nach Neumond:
Hans Kommer (Taxifahrer für Krankenfahrten);

Ein Hausmeister aus Bad Orb;

Ein Alter auf Abruf;

Eine Alte auf Abruf;

Zwei Alte im Keller, bereits abgerufen;

Im Tagesraum:
Eine gemischte Gruppe HippHopps aus Kingston/ Jamaica;

Eine Falsettistin der Staatsoper von Quebéc;

Der Rezitator und Hobbypianist:
Herr Mahnfred Mahnfried,
rezitiert am rosa Plastikpult;

Mahalia Jackson;
Jakob Knoblauch;
Frau Zeitler;
drei völlig verwachsene alte mainzer Mauern, zwei davon eingenässt;
eine hundertvier-Jährige, die stoßweise Milchsuppe mit unverdauten Rosinen auf den Linoleumbelag des Fußbodens erbricht;
rechts in der Ecke neben der geöffneten Holztüre zur Gebetsnische der Gottesmutter von Oberwang steht ein tragbares Emailleklosett mit offenem Deckel, 18.Jh., aus Unterwang,
ein schwarzgeperlter Rosenkranz hängt über die rechte Lehne bis auf den Boden;
dahinter Reste einer eingekoteten Pamperswindel sichtbar

Es riecht nach Sauermilchsuppe, Vanille, Ammoniak, 4711, Hartmann Verbandsmaterial,
dazu leichter Kotgeruch ahnbar,
ein Hauch Meeresbrise aus dem Nostalgieklo

Herr Mahnfred Mahnfried gibt am Klavier das Prelude zu:

Strangula des Gernot-Kinds im Hühnenhain der Drachenburg, von Wahnfried-Wagner in brutal-Dur,
zweiter Satz:
Das Kind läuft adelsblau an (zip, zweigestrichenes d),
die Augen quellen heraus (presto, furioso, c-a-akkorde), Petechien der Bindehäute treten auf (tremulo furiosissimo, vierte oktave c ),
das Kind erstickt (lento, im Anklang an C.G.Vicell der Ältere: "Die Gambe"),
der Körper entspannt sich,
ebenso Herr Mahnfried,
es gibt Applaudierung der Zweiten Art,
und Herr Dr. Mugulla, der ein faible für die verdiplomierte Altenschwesterin Moustache hat,
erwähnt ihr gegenüber die anhaltende Gärung in den Weinkellern des Gutes Mariebél Claire Mormichón in Burgund

Pause

Dr. Armin Bären snoozelt sein Riechfläschchen mit Lavendelsalz hervor und vertreibt damit eine odorische Wolke fäkalischer Anmutung in ais-dur,
danach: Prohibitive Konzentration

Sprechgesang, gemischte Gruppe, im hipp-hopp Rhythmus vorzutragen:

come with me to the dead mens house
teeth an' skeletons of many a spouse
waiting for death, sleep'n kreep, and die
but not too much long, keep always shy
you cost money every minute, hour and day
it's morally good, if you vanish quickly on tray

Weibliche Falsettstimme singt (in neuer deutscher Rechtschreibung):

In Altenteil, im Altenteil
im alten alten Teil
im Altenteil, da liegt ein Beil
im alten alten Teil

Normal rezitieren:

Mahalia Jackson, weit über 100 Jahre alt,
sitzt im Lehnstuhl und strickt
und strickt und strickt um ihr Leben,
sobald sie aufhört zu stricken,
wird sie mumifizieren,
weil sie ohne Wollknäuel im Schoß
schon seit Jahren nicht mehr trinkt.

Weibliche Falsettstimme singt:

In Altenteil, im Altenteil
im alten alten Teil
im Altenteil, da liegt ein Beil
im alten alten Teil

Normal rezitieren:

Jakob Knoblauch döst seit Jahren neben ihr,
aber er weiß nichts davon,
hat sie noch nie angeschaut.
Er wendet nicht den Kopf, in keine Richtung,
starrt nur geradeaus in den dünnen Lichtvorhang,
der sich bewegt, jeden hellen Tag von links nach rechts
weil die Sonne lautlos wandert.

Weibliche Falsettstimme singt:

In Altenteil, im Altenteil
im alten alten Teil
im Altenteil, da liegt ein Beil
im alten alten Teil

Normal rezitieren:

Frau Zeitler, die vom Nurremberger Honigmarkt,
einer anderen Stadt als der heutigen,
wirft mit Tassen und Tellern
nach Allem, das sich vor ihr bewegt,
nicht um Irgendwen zu treffen,
sie hat nur gelernt, ein jahrelanges Stück Arbeit,
dass es besser ist Alles von sich zu geben
und Nichts bei sich zu behalten, außer dem Nesteln.

Weibliche Falsettstimme singt:

In Altenteil im Altenteil
im alten alten Teil
im Altenteil da liegt ein Beil
und das schon ne ganze Weil

Normal rezitieren:

Nie ..

wird jemand der Gevêchten aufstehen ..

und das Beil ergreifen

Sprechgesang: hipp-hopp, Jamaica-Gruppe:

come with me to the dead mens house
let's count the bones of many a spouse
managing death, is a fabulous thing
earns you money out of a golden spring
but 'cause they cost every hour and day
it'd be economical better, if they bleach away

----

Worterklärung: "feige", Adj. mhd. "veige", ahd. "feigi" = dem Tode verfallen; verw. mhd "gevêch", ahd. "gifêh" = feindselig; erst Luther verbreitet die Bedeutung "verzagt" für feige
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Waldemar,

mein erster Eindruck: grauenvoll – was gibt es da zu lachen?

Die Besetzungsliste: eine Ansammlung von Klischees, bedingt witzig
Der Text: ein Schlag in den Magen für jeden, der längere Zeit Angehörige in einem Pflegeheim besucht hat oder gar dort arbeitet. Er weiß, dass Beschreibungen wie diese
dahinter Reste einer eingekoteten Pamperswindel sichtbar
dazu leichter Kotgeruch ahnbar
überhaupt nicht witzig sind. Sie sind die brutale Realität, die vielleicht jeden Einzelnen von uns irgendwann einmal einholt. Man kann darüber Satiren schreiben - dieser Text kommt für mich jedoch nicht als solche rüber. Ich finde ihn schlichtweg geschmacklos.

Gruß Ciconia
 
Die Feigen in Altenteil

Gemischte Wohnstätte: Altenteil,
Bad Unterweib bei Über-Herrenhausen,
"Die Vi-ejade" genannt;

Leiter:
Herr Bernweich Richtgraf,
Hobbyist der freien Künste und Strictor Fabulae et Curricula Vitorum;

Liiertes Bestattungshaus:
Pietät Lorbeerzweig,
Hans Breuer GbR,
Mitglied im Bund deutscher Leitkultur-Bestatter für ausländerfreie Friedhöfe e.V.

Angestellte:

Pater Dietrich Mollbesser vom nahen Claustrum der wohlmeinenden Brüder;

Pfarrer Heinrich Kummerleid, evangelischer Seelsorger der Authoditisten-Gemeinde Niebaldwegen;

Ein Gerontokrater:
Dr.(nicht abgeschrieben) Alfared Mugulla;

Tabletten und Beschafferin:
Anne Mehrist-Besser;

Olfaktorio-taktilo-Therapeutin:
Dr.(Titel unter Verdacht) Marai Knussel-Ramsch (Universität Perugia);

Snoozelatur:
Dr. Dr.(h.c.) Armin Bären,
Dipl.Kaufmann für exotische Essenzen;

Logopädin:
Verona Klawitter ("Mandragora" genannt, stottert im acht-siebtel Takt);

Basalstimulator und Beschäler der Beschafferin:
B.A. Artin Schusteé, im Heim "Totes Pferd" genannt;

Eine diplomierte Altenschwesterin:
Johannina Moustache (TV, rasiert);

Zwei polnische Aushilfen;
Drei ukrainische Zugehfrauen;
Eine norwegische Teilzeit-Weggehfrau;

Diätätin:
Veroníque Malherbes (59, Spätanorexie, während einer Wallfahrt erlitten);

Die humpelnde Köchin Alberta;

Der Beikoch für mittwochs nach Neumond:
Hans Kommer (Taxifahrer für Krankenfahrten);

Ein Hausmeister aus Bad Orb;

Ein Alter auf Abruf;

Eine Alte auf Abruf;

Zwei Alte im Keller, bereits abgerufen;

Im Tagesraum:
Eine gemischte Gruppe HippHopps aus Kingston/ Jamaica;

Eine Falsettistin der Staatsoper von Quebéc;

Der Rezitator und Hobbypianist:
Herr Mahnfred Mahnfried,
rezitiert am rosa Plastikpult;

Mahalia Jackson;
Jakob Knoblauch;
Frau Zeitler;
drei völlig verwachsene alte mainzer Bauern, zwei davon eingenässt;
eine hundertvier-Jährige, die stoßweise Milchsuppe mit unverdauten Rosinen auf den Linoleumbelag des Fußbodens erbricht;
rechts in der Ecke neben der geöffneten Holztüre zur Gebetsnische der Gottesmutter von Oberwang steht ein tragbares Emailleklosett mit offenem Deckel, 18.Jh., aus Unterwang,
ein schwarzgeperlter Rosenkranz hängt über die rechte Lehne bis auf den Boden;
dahinter Reste einer eingekoteten Pamperswindel sichtbar

Es riecht nach Sauermilchsuppe, Vanille, Ammoniak, 4711, Hartmann Verbandsmaterial,
dazu leichter Kotgeruch ahnbar,
ein Hauch Meeresbrise aus dem Nostalgieklo

Herr Mahnfred Mahnfried gibt am Klavier das Prelude zu:

Strangula des Gernot-Kinds im Hühnenhain der Drachenburg, von Wahnfried-Wagner in brutal-Dur,
zweiter Satz:
Das Kind läuft adelsblau an (zip, zweigestrichenes d),
die Augen quellen heraus (presto, furioso, c-a-akkorde), Petechien der Bindehäute treten auf (tremulo furiosissimo, vierte oktave c ),
das Kind erstickt (lento, im Anklang an C.G.Vicell der Ältere: "Die Gambe"),
der Körper entspannt sich,
ebenso Herr Mahnfried,
es gibt Applaudierung der Zweiten Art,
und Herr Dr. Mugulla, der ein faible für die verdiplomierte Altenschwesterin Moustache hat,
erwähnt ihr gegenüber die anhaltende Gärung in den Weinkellern des Gutes Mariebél Claire Mormichón in Burgund

Pause

Dr. Armin Bären snoozelt sein Riechfläschchen mit Lavendelsalz hervor und vertreibt damit eine odorische Wolke fäkalischer Anmutung in ais-dur,
danach: Prohibitive Konzentration

Sprechgesang, gemischte Gruppe, im hipp-hopp Rhythmus vorzutragen:

come with me to the dead mens house
teeth an' skeletons of many a spouse
waiting for death, sleep'n kreep, and die
but not too much long, keep always shy
you cost money every minute, hour and day
it's morally good, if you vanish quickly on tray

Weibliche Falsettstimme singt (in neuer deutscher Rechtschreibung):

In Altenteil, im Altenteil
im alten alten Teil
im Altenteil, da liegt ein Beil
im alten alten Teil

Normal rezitieren:

Mahalia Jackson, weit über 100 Jahre alt,
sitzt im Lehnstuhl und strickt
und strickt und strickt um ihr Leben,
sobald sie aufhört zu stricken,
wird sie mumifizieren,
weil sie ohne Wollknäuel im Schoß
schon seit Jahren nicht mehr trinkt.

Weibliche Falsettstimme singt:

In Altenteil, im Altenteil
im alten alten Teil
im Altenteil, da liegt ein Beil
im alten alten Teil

Normal rezitieren:

Jakob Knoblauch döst seit Jahren neben ihr,
aber er weiß nichts davon,
hat sie noch nie angeschaut.
Er wendet nicht den Kopf, in keine Richtung,
starrt nur geradeaus in den dünnen Lichtvorhang,
der sich bewegt, jeden hellen Tag von links nach rechts
weil die Sonne lautlos wandert.

Weibliche Falsettstimme singt:

In Altenteil, im Altenteil
im alten alten Teil
im Altenteil, da liegt ein Beil
im alten alten Teil

Normal rezitieren:

Frau Zeitler, die vom Nurremberger Honigmarkt,
einer anderen Stadt als der heutigen,
wirft mit Tassen und Tellern
nach Allem, das sich vor ihr bewegt,
nicht um Irgendwen zu treffen,
sie hat nur gelernt, ein jahrelanges Stück Arbeit,
dass es besser ist Alles von sich zu geben
und Nichts bei sich zu behalten, außer dem Nesteln.

Weibliche Falsettstimme singt:

In Altenteil im Altenteil
im alten alten Teil
im Altenteil da liegt ein Beil
und das schon ne ganze Weil

Normal rezitieren:

Nie ..

wird jemand der Gevêchten aufstehen ..

und das Beil ergreifen

Sprechgesang: hipp-hopp, Jamaica-Gruppe:

come with me to the dead mens house
let's count the bones of many a spouse
managing death, is a fabulous thing
earns you money out of a golden spring
but 'cause they cost every hour and day
it'd be economical better, if they bleach away

----

Worterklärung: "feige", Adj. mhd. "veige", ahd. "feigi" = dem Tode verfallen; verw. mhd "gevêch", ahd. "gifêh" = feindselig; erst Luther verbreitet die Bedeutung "verzagt" für feige
 
"... geschmackloser Text"

Liebe(r) Ciconia, ich weiß genau, was Du meinst - aber Du verwechselst das Objekt Deiner "Anklage", denn nicht der Text ist geschmacklos, sondern entsetzlicher Weise die Realität, auf die sich der Text bezieht und die er beschreibt.
Auch dass solche im Grunde "gespenstischen" Realitäten von allen Beteiligten wie unter Betäubung dumpf mitgetragen werden, ist nicht "von Pappe", denn normalerweise erfordern unhaltbare Zustände aktive Gegenwehr und nicht resignatives Mitmachen.
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ja ist' denn war, der Waldemar ist wieder da!

Gewohnt bitterböse und angriffslustig verqueer.

cu
lap
 

ENachtigall

Mitglied
Freut mich sehr, mal wieder einen echten "Hammel" zu lesen!

Ja, es ist eine - und erst die - Spitze des Eisbergs einer überalternden Gesellschaft, die hier aus diesem schaurig-traurig-schönen Stück lugt.
Und lachen muss ich trotzdem und weil sie mir täglich begegnen; die Karikaturen ihrer selbst, mit Kittel und oder ohne die fürsorgliche Miene, die verwesentlichen Gerüche fleischlichen Verfalls, die inszenierte Heiterkeit.
Es ist ohne diesen bissigen Humor gar nicht denkbar.
 

HajoBe

Mitglied
Die Feigen im Altenteil

Wer seinen Finger in zährende Wunden legt, kann nicht erwarten, dass er sauber bleibt. Aber wer Handschuhe anzieht, um dies zu verhindern, der wird nicht gehört.
Der satirische Text ist nicht geeignet hungrige Lacher auf seine Seite zu ziehen, sondern eher satte Träumer aufzuwecken.
"Hart und durchaus noch fair"....
Habe ihn mehrfach gelesen und werde es nochmals tun...
Frohe Adventszeit
HajoBe
 
Freut mich sehr, mal wieder einen echten "Hammel" zu lesen!

Ja, es ist eine - und erst die - Spitze des Eisbergs einer überalternden Gesellschaft, die hier aus diesem schaurig-traurig-schönen Stück lugt.
Und lachen muss ich trotzdem und weil sie mir täglich begegnen; die Karikaturen ihrer selbst, mit Kittel und oder ohne die fürsorgliche Miene, die verwesentlichen Gerüche fleischlichen Verfalls, die inszenierte Heiterkeit.
Es ist ohne diesen bissigen Humor gar nicht denkbar.
es sind katastrophale zustände in den heimen (natürlich nicht in allen, aber speziell in kleineren und privaten, habe ich nicht "gehört", sondern weiß es aus eigenen bitter-irrsinnigen erfahrungen), und das in einem der reichsten länder der welt, und obwohl die gesellschaft insgesamt immer mehr "überaltert", also die chancen für jeden steigen, in ein "heim" zu geraten ...
ich darf Dich grüßen,
waldemar
 

ENachtigall

Mitglied
Danke für die Grüße, Waldemar. Ein Lebenszeichen! Ich verdanke Dir immerhin den ausführlichsten und LieblingsKommentar ever zu einem Gedicht. Das ist ein Geschenk auf Lebzeit. Sowas vergißt mensch nicht. Ich grüße Dich herzlich zurück. Von daheim.
 

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