Schlampe

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blackout

Mitglied
Schon der Titel stößt mich zurück. Warum nicht ein Titel, der nicht verurteilt? Nicht, dass ich das Leben einer Prostituierten verteidigen wollte, so schön ist es nicht,
aber ich denke, hier hat der Autor seine schlichte Weltsicht offenbart.

Und wenn man erst die Frage nach dem "Warum?" erhebt, gelangt man in die Abgründe des gesellschaftlichen Systems, die ein Prostituiertenleben überhaupt erst ermöglichen. Davor aber scheut der Autor zurück und lastet allein der jungen Frau die Entscheidung an. Dass sie aus vielen Gründen dazu gezwungen sein könnte, kommt dem Autor nicht in den Kopf. Er handelt das ganze Problem auf der kleinbürgerlich beschränkten moralischen Spur ab (was bereits am Titel deutlich wird), man hat wenig Lust, die Zeilen weiterzulesen. Ich habe es getan und muss leider sagen, dass diese Bearbeitung des Themas keinerlei Ansprüchen an ein Gedicht entspricht, erst recht nicht aus literarischer Sicht.

Deutlich wird die Doppelmoral der heutigen Gesellschaft, aber nicht als Kritik an ihr, sondern Verurteilung des Opfers mit dem erhobenen Zeigefinger.

blackout
 

Perry

Mitglied
Hallo

ich finde den Titel auch nicht gut gewählt, auch wenn er vielleicht mehr Interesse erregt als z.B. Verzeiflung etc.
Den Text an sich halte ich für eine durchaus lesbare Schilderung der inneren Verzweiflung einer Prostituierten, ähnlich eines Stockholmsyndroms.
LG
Manfred
 
Das ist überhaupt nicht verurteilend.

Die Sehnsucht nach Liebe, die hier geschildert wird, greift eine tiefe Erkenntnis auf, die ein verunglücktes Leben erleiden muss (kann), wenn alle erfahrbare Liebe auf den Geschlechtverkehr reduziert wird. Wer hier verurteilendes herausliest, sollte den Text erneut lesen.
 

llceres

Mitglied
Ein Wort schafft Wirklichkeit, es schafft die Welt, eine Beziehung, was es ist. Und wie zielgenau der Begriff Schlampe immer noch wirkt, Frauen zu erniedrigen.
Dieses Wort kann man lässig von der Schulter schnipsen, und es trifft, es trifft sie. Es wird schandhaft skizziert und das weiß sie.

Ceres
 

Tula

Mitglied
Hallo

Der Titel passt zum Vorurteil, gerade weil es NICHT um eine Prostituierte geht bzw. zwangsläufig gehen muss, sondern eher um eine Dame, die sich umgangssprachlich von jedem abschleppen lässt. Das ist nicht dasselbe.
Eine Prostituierte suchte mMn ganz gewiss nicht nach irgendwelchen Vertrautheiten, bei Sex für Geld wird seelisch abgeblockt, genau das Gegenteil.
So stimmt bei mir ebenfalls Inhalt und der provozierende Titel, wobei ich's in der Umsetzung immer noch etwas für zu direkt halte. Im Thema steckt irgendwie mehr. Hier geht es um's seelische Scheitern.

LG
Tula
 

blackout

Mitglied
Tula, eine "Dame, die sich von jedem abschleppen lässt", ist eine Prostituierte, und zwar bestimmter betuchter Kreise. Dort nennt man es nicht so, aber an der Prostitution ist nicht zu rütteln. Das findest du auch oft in der Boheme.
Wobei ich bestimmte Heiratsarrangements ebenfalls durchaus als Prostitution bezeichnen würde.

Bei diesem Text aber überhebt sich der Autor über die "Schlampe", und darum geht es: "Eine anständige Frau macht sowas nicht!" Und deswegen redet der Autor auch gleich vom "inneren Sterben" und solchen Schitt, er wird ein Verfechter der unbefleckten Empfängnis sein. Ein Kitsch jedenfalls, wie er sich gewaschen hat.

blackout
 

llceres

Mitglied
Ich hatte es gestern eilig und hab natürlich, wie immer
lach* ... das Wesentliche vergessen.

Der letzte Satz sollte heissen:
Das Wort wird schandhaft skizziert, doch sie weiß es BESSER.

Immer noch berührt,

Ceres
 

Mondnein

Mitglied
Tula, eine "Dame, die sich von jedem abschleppen lässt", ist eine Prostituierte
keineswegs.

Vor allem:
gab das Versteck
im entlegensten Winkel
ihrer Seele
auf
eben das unterscheidet die Lyrsie dieses Gedichts von einer Prostituierten, und zwar überaus deutlich.

Und die Suche nach Liebe in den Gesichtern fremder Männer - auch das wäre einer Prostituierten völlig fremd. Liebe des Mannes wäre ihr peinlich.
 

 
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