Schneegedanken

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Walther

Mitglied
Schneegedanken


Es waren graue Schleier erst, dann dicke Flocken:
Sie streichelten die kahlen Rosen ohne Knospen
Und tüpfelten die Straßen und die Wiesen. Autos,
Mit weißen Punkten übersät, sind mehr Kunstwerk

Als Fortbewegungsmittel, die sich säumig ausruhn.
Doch bald versinkt das alles unter dichtem Weiß:
Die Dächer staunen, was sie Schweres tragen können,
Und über jedem Schornstein steht ein Kräuselrauch.

Ich sitze, und ich sehe, male mir die Welt ins Wort
Und will verstehen, wie das geht, das Sich-Verbergen.
Die Tropfen tauen Schlag auf Schlag und trommeln laut

Den Takt des Sich-Veränderns: Wasser wird zu Dampf,
Zu Schneekristall, wird schwer und fällt, wird wieder Tropfen.
Und ich? Ich staune, häute mich und werde alt.
 

Ralf Langer

Mitglied
hallo walther,


schneegedanken und stahlhimmel
, zwei wirklich gelungene stücke, die wie ich finde auf einer speziellen ebene harmonieren, wenn ma sie , so wie ich, nebeneinander liest.

ganz besonders möchte ich dir zur dritten strophe gratulieren
hier besonders:

"Ich sitze, und ich sehe, male mir die Welt ins Wort"

da werde ich lange drüber nachdenken.

und wenn ich noch einmal von stahlhimmel und schnnegedanken die letzten zeilen nehme und sie übeeinander lege entsteht ein sehr eigentümliches lyrich, mit dem ich gerne
einen guten whiskey tränke:

"Und ich? Ich staune, häute mich und werde alt"

"Ich schlage meinen Kragen hoch. Ich gehe."

fühle mich angenehm bereichert
von diesen beiden werken...

ralf
 

Walther

Mitglied
hi Ralph,

beide texte, wie auch der dritte, den ich gerade einstellte, sind ergebnisse meiner komtemplationen, die durch die betrachtung von natur entstehen. ich sammle diese bilder beim spazieren gehen, auto fahren, nachsinnen am fenster. und irgendwann werden sie wort. daher das malen der welt ins wort.

ich denke schon, daß uns die benennung die möglichkeit gibt, die welt nicht nur zu sehen, sondern über das beschreiben sich bilder von ihr zu machen (ist malen nicht das bessere wort in dieser metapher, den bilder malen wir ja, und dadurch werden sie gemacht?).

ich danke dir für dein freundliches kompliment. gerne können wir ein bier mit einander trinken. ich würde mich freuen.

lg w.
 
D

Die Dohle

Gast
Hallo Walther,
das wesentliche ist bereits gesagt. Schön.

Eine Klitzekleinigkeit fällt mir auf beim Lesen:
S2Z1 ... dieses "ausruhn", an dem bleib ich jedesmal zungentechnisch ein wenig hängen.

Wäre "... säumig geben" beispsw. besser?


lg
die dohle
 

Ralf Langer

Mitglied
hallo walther,
das mit dem bier wird wohl schwierig - in realitas-
sind schon nen paar hundert kilometer von gelsenkirchen aus
(und umgekehrt)

wer weiss

ralf
 
Hallo Walther,
man braucht seine Zeit, um sich loszureißen. Der erste Eindruck war, was hat hier ein Sonett zu suchen. Aber manchmal täuscht eben der erste Eindruck auch. Und doch hast du eine Form gefunden, die ebenbürtig zu sein scheint, weil sie eine andere Kunst einbezieht: mit Worten zu malen. Aus einfachen Formulierungen wie Fortbewegungsmittel, Dächer, Schornstein erheben sich immer wieder fein gezeichnet die Konturen von Landschaft und Erleben. Und am Ende meinte ich, das kenne ich: …staune, häute mich…
Doch mein Gedächtnis täuschte mich. Aus deinem Gedicht „das lied vom untergang“ hatte ich noch in Erinnerung …beuge und beäuge mich…
Ich staune und beuge mich, auch wenn ich wieder Kritiker auf den Plan rufen sollte, dass ich zu euphorisch sei.
Gruß Paul.
 

wüstenrose

Mitglied
Hallo Walther,

noch ehe ich die Kommentare las, war es insbesondere die Kontemplation, der betrachtende Blick, das Moment der Stille, das mich hier besonders ansprach. Dieser "Ton" wird von Anfang bis Ende überzeugend durchgehalten, nichts Aufmerksamkeitheischendes stört.
Diesem Ton folge ich als Leser gerne, lausche gespannt, quasi entsteht Spannung dadurch, dass grelle Effekte unterbleiben, der Text bietet Zuflucht demjenigen, der von Fülle und Pointierung die Schnauze voll hat.

Da du das Ganze rhythmisch gesetzt hast, stolpere ich über das Kunstwerk in Zeile 4. Zumindest finde ich keinen nachvollziehbaren Grund für einen Rhythmusbruch an dieser Stelle.
Die zweite Stelle, an der ich etwas stutzte, hat Dohle bereits benannt. Seinem Vorschlag kann auch ich etwas abgewinnen.

Ein wirklich wohltuender Text, der mir sehr gefällt!

lg wüstenrose
 

Mondnein

Mitglied
ein Kunstwerk

Ein wunderbares Lied, phantastisch!
male mir die Welt ins Wort
Mindestens diese melodische Reflexion des Lieds im Lied - ein Geniestreich!

Mir ging es beim ersten Lesen auch so, daß ich bei "sind mehr Kunstwerk" aus dem iambischen Rhythmus rausflog (bzw. falsch las "sind mehr als Kunstwerk"), obwohl das im Enjambement aufgenommen wird und weiterläuft. Aber gerade inhaltlich ist das gutgesättigt, der Stolperstein - ist er so gemeint? Sonst ist ja alles iambisch-trochäisch konsequent. Vielleicht: "[blue]sie [/blue]sind mehr Kunstwerk".
 

Walther

Mitglied
Schneegedanken


Es waren graue Schleier erst, dann dicke Flocken:
Sie streichelten die kahlen Rosen ohne Knospen
Und tüpfelten die Straßen und die Wiesen. Autos,
Mit weißen Punkten übersät, sind mehr ein Kunstwerk

Als Fortbewegungsmittel, die sich säumig ausruhn.
Doch bald versinkt das alles unter dichtem Weiß:
Die Dächer staunen, was sie Schweres tragen können,
Und über jedem Schornstein steht ein Kräuselrauch.

Ich sitze, und ich sehe, male mir die Welt ins Wort
Und will verstehen, wie das geht, das Sich-Verbergen.
Die Tropfen tauen Schlag auf Schlag und trommeln laut

Den Takt des Sich-Veränderns: Wasser wird zu Dampf,
Zu Schneekristall, wird schwer und fällt, wird wieder Tropfen.
Und ich? Ich staune, häute mich und werde alt.
 

Walther

Mitglied
Schneegedanken


Es waren graue Schleier erst, dann dicke Flocken:
Sie streichelten die kahlen Rosen ohne Knospen
Und tüpfelten die Straßen und die Wiesen. Autos,
Mit weißen Punkten übersät, sind mehr ein Kunstwerk

Als Fortbewegungsmittel, das sich säumig ausruht.
Doch bald versinkt das alles unter dichtem Weiß:
Die Dächer staunen, was sie Schweres tragen können,
Und über jedem Schornstein steht ein Kräuselrauch.

Ich sitze, und ich sehe, male mir die Welt ins Wort
Und will verstehen, wie das geht, das Sich-Verbergen.
Die Tropfen tauen Schlag auf Schlag und trommeln laut

Den Takt des Sich-Veränderns: Wasser wird zu Dampf,
Zu Schneekristall, wird schwer und fällt, wird wieder Tropfen.
Und ich? Ich staune, häute mich und werde alt.
 

Walther

Mitglied
Schneegedanken


Es waren graue Schleier erst, dann dicke Flocken:
Sie streichelten die kahlen Rosen ohne Knospen
Und tüpfelten die Straßen und die Wiesen. Autos,
Mit weißen Punkten übersät, sind eher Kunstwerk

Als Fortbewegungsmittel, das sich säumig ausruht.
Doch bald versinkt das alles unter dichtem Weiß:
Die Dächer staunen, was sie Schweres tragen können,
Und über jedem Schornstein steht ein Kräuselrauch.

Ich sitze, und ich sehe, male mir die Welt ins Wort
Und will verstehen, wie das geht, das Sich-Verbergen.
Die Tropfen tauen Schlag auf Schlag und trommeln laut

Den Takt des Sich-Veränderns: Wasser wird zu Dampf,
Zu Schneekristall, wird schwer und fällt, wird wieder Tropfen.
Und ich? Ich staune, häute mich und werde alt.
 

Walther

Mitglied
Hallo Paul,

das dichten ist etwas, das selbst denen, die das durch ein wenig talent und viel üben zu einer gewissen fertigkeit getrieben haben, immer ein rätsel bleiben wird. wenn der text erst einmal entäußert ist, hat er darüberhinaus ein eigenleben, das sich der kontrolle durch den autor entzieht.

natürlich klingen die formulierungen früherer gedichte manchmal nach - oft ohne daß man sich selbst so richtig erinnern kann. ich gehöre zu den schreibern, die ihre texte später für den vortrag wieder "lernen" müssen, wenn sie auf dem papier sind, legt das gehirn sie als "erledigt" ab. :)

danke für deine sehr freundlichen worte!

lg w.


hallo wüstenrose,

inzwischen habe ich am text als folge der hinweise gearbeitet. s1v4 hat inzwischen die dritte version; jetzt ist auch das metrum stimmig. konsequenterweise wurde auch s2v1 neu gefaßt.

ich hoffe, damit deine probleme abgearbeitet zu haben, und danke dir für deine überlegungen!

lg w.


lb mondnein,

mir ist s3v1 und s4v3 besonders wichtig. es ist schön, daß du den ersten der beiden verse hervorhebst. ich habe lange geschwankt, ob ich den vers so wagen soll. nun sehe ich, daß ich wohl doch richtig lag mit meiner ahnung, daß das evtl. der vers der verse ist.

danke für deine nachdenklichen und nachdenkenswerten sätze!

lg w.
 

ENachtigall

Mitglied
Hallo Walther,

wohltuend schnörkellos kommt dieses ungereimte Gedicht daher; ich denke, Du hast hier Deine ungereimte Bestform gefunden. Ganz ehrlich.

LG

Elke
 

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