Schreibtagebuch

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FrederikH

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Tag 14

Ich sitze nachdenklich zusammen mit der Muse im Nachbargarten, als mein innerer Schweinehund sich zu uns gesellt.

Mein innerer Schweinehund: Das Thema Roman bis zum Ende des Monats hat sich dann wohl wieder erledigt, oder?

Ich: Ach nein, wieso?

Mein innerer Schweinehund: Zwei Tage kein Eintrag im Tagebuch?

Ich stehe auf und gehe wütend-genervt nach oben.

Mein innerer Schweinehund: Also?

Ich trete ein wenig Leergut durch den Wohnungsflur. Seit der pensionierte Bankräuber beim Leergut in der Küche eingezogen ist, ist nicht mehr genug Platz für alle Flaschen.

Ich: Es ergibt einfach keinen Sinn.

Mein innerer Schweinehund: Da musst du in diesem Roman etwas spezifischer werden, fürchte ich.

Ich: Die Sache mit der Wüste.

Mein innerer Schweinehund: Noch spezifischer?

Ich: Naja, alle gehen ab - also ist niemand mehr da. Wer beschreibt also die Wüste? Wer hat dem linkwinkligen Dreieck einen Raum geschaffen, in den es hineinexistieren konnte?

Mein innerer Schweinehund: Nicht du?

Ich: Eben nicht ich. Ich als Roman-Schreiber vielleicht - aber nicht ich als Figur in meinem Roman. Ich habe ja nicht existiert.

Mein innerer Schweinehund: Also?

Ich: Alles spricht dafür, dass zwischen mir und meinem Roman-Schreiber-Ich eine weitere Entität am Werke ist.

Mein innerer Schweinehund: Hm, ja und?

Ich: Das geht so nicht. Vielleicht glaubt sie sogar mächtiger zu sein als ich. Da hat sie die Rechnung aber ohne den Wirt gemacht!

Mein innerer Schweinehund: Okay... Was ist dein Plan?

Ich: Das ist das Problem. Wir müssen planen, aber irgendwie so, dass die Entität das nicht mitbekommen kann. Darüber grübel ich seit zwei Tagen nach.

Mein innerer Schweinehund: Wenn wir über deinen Plan reden, kann das mysteriöse, mächtige Etwas doch einfach mitlesen.

Ich: Genau - aber ich habe immerhin schon eine Idee, die wir ausprobieren können.

Ich schreibe etwas auf ein Blatt Papier und reiche es meinem inneren Schweinehund.

Mein innerer Schweinehund: Ich kann es nicht lesen. Du hast ja nicht geschrieben, was du auf das Blatt geschrieben hast.

Ich: Das ist doch der Sinn der Sache. Vielleicht kann man die Entität ja überlisten.

Erneut zeige ich meinem inneren Schweinehund das beschriebene Blatt Papier. Mein innerer Schweinehund liest es langsam und ausführlich.

Mein innerer Schweinehund: Ja schön, ich verstehe es aber nicht.

Mein innerer Schweinehund liest den Text auf dem Blatt Papier erneut und versteht ihn dieses Mal auch.

Mein innerer Schweinehund: Ne du, ich glaube das bringt nichts. Ich weiß was da steht und ich verstehe es auch, aber anfangen kann ich damit nicht, weil ich nicht einmal weiß, was 'es' überhaupt ist, solange du nicht schreibst was da steht.

Ich: Hm. Wir brauchen wohl noch eine bessere Idee. Wir müssen ihn, sie oder es irgendwie aus der Reserve locken, dann wird er schon irgendwann einen Fehler machen und dann kriege ich es.

Mein innerer Schweinehund: Du willst eine Entität aufspüren, die womöglich gar nicht in diesem Roman existiert. Klingt für mich nach der Jagd nach dem unwahrnehmbaren Einhorn.

Muse: Ein philosophisches Gedankenspiel also. Für etwas was nicht auf irgendeine Weise wahrnehmbar ist, kann es mutmaßlich weder Beweise für noch gegen die Existenz geben. Siehe auch Gottesbeweise - hier nur weniger hoch emotionalisiert.

Ich: Kein Grund aufzugeben.
 

Hagen

Mitglied
Hallo Frederik,
Kann es sein, dass Deine Schreibbockade, die Du in der letzten Zeit gewissenhaft ignoriert hast, unterschwellig zugeschlagen hat?
Nun denn, jedenfalls giebst Du mir, dem Googelmeister, immer neuen Lesesoff.
Woher nimmst Du eigentlich immer so tolle Worte, wie z.B. Entität? (in der Bildungssprache ist Entinität, ausgehend von der philosophischen Ontologie ein individuelles „Seiendes im Unterschied zum Wesen einer Sache“ oder auch diejenigen wesentlichen Bestimmungen, die diese Individualität ausmachen ...)
Stimmt das, was Tante Googel mir gesagt hat??
Ich wünsche Dir jedenfalls noch ein frohes Schaffenn und einen fröhlichen Tag!
Herzlichst
yours Hagen
 

FrederikH

Mitglied
Moin Hagen,

fürchte solche Begriffe haben sich nach einem langen Philosophie-Studium in den alltäglichen Sprachgebrauch eingeschlichen. Hier in etwa so verwendet: Wenn man noch gar nicht so recht weiß, was oder wer oder ob es überhaupt etwas ist, ist es erst einmal eine Entität, die man über das was sie tut oder bewirkt definiert. So wie hier eben unser Einhorn. Da hat die Muse in diesem Fall wohl ihre Arbeit nicht sorgfältig genug gemacht.


Zum Thema Schreibblockade stand an Tag 13 im Notizbuch nur:

Ich habe geträumt ich wäre ein Käsecracker. Ich lag einfach so in meinem Zimmer herum. Mich umzingelten in meiner misslichen Lage dazu noch einige Staubmäuse. Dann kam plötzlich meine Schreibblockade vorbei und frass mich einfach auf. Vermutlich bekam sie von mir Durchfall. Vielleicht auch wieder Flatulenz. Dem Geruch nach zu schliessen urteilen vermutlich beides.

LG Frederik
 

FrederikH

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Tag 15

Ich sitze in einem unendlich großen, leeren weißen Raum. Er erinnert zunächst an die Leerenwüste. Tatsächlich bildet dieser Raum jedoch das genaue Gegenstück zu ihr - es ist der endlose Raum der Imagination. In ihm kann ich überallhin reisen, überall hin gehen und alles tun was und wann ich will. Beispiel:

Ich sitze mit meiner Schreibblockade, meinem inneren Schweinehund und der Muse in einem U-Boot 20.000 Meilen unter dem Meer. Wir erkunden die Geheimnisse der Tiefsee. Unerforschte, tiefe Gräbe, Unterwasservulkane, mysteriöse Kreaturen…

Ich : Aber kein Einhorn - ach verdammt ich kann mich hier irgendwie nicht wirklich entfalten.

Mein innerer Schweinehund: Du konntest noch nie gut Zuhause arbeiten.

Ich: Ich bin ja gar nicht Zuhause. Ich bin in einem U-Boot zwanzigtausend Meilen unter dem Meer und schweife mit meinen Gedanken in die Verne.

Mein innerer Schweinehund: Wenn du das schreibst. Übrigens 'Verne' ist jawohl nicht dein ernst.

Muse: Jules Verne - Autor von 20.000 Meilen unter dem Meer. Da geht es um die Nautilus, in der wir uns gerade mutmaßlich befinden. Warum und wozu, werden wir aber wohl nie erfahren.

Ich: Ach, wenn ich mich langweile mache ich immer schlechte Wortspiele. Was habe ich übrigens über das mitlesen gesagt?

Mein innerer Schweinehund: Bei dem Unsinn denn du manchmal verzapft kann man aber nicht die Übersicht bewahren, wenn man nicht ab und an mal mitliest.

Ich: Ich verstehe, was du meinst. Das spätere editieren wird die Hölle. Wie soll das überhaupt klappen? Alles was ich ändere, widerspricht im Prinzip der Idee dieses Romans.

Mein innerer Schweinehund: Na toll, jetzt hast du mit deiner altmodischen Redewendung die Hölle in unsere schöne heile Welt gebracht.

Ich: Das ist doch nur so eine Redensart aus vergangenen Tagen. Wir leben in einer Welt, in der es kein Leid und kein Unglück gibt.

Mein innerer Schweinehund: Weil es das Böse nicht gibt, solange du nicht darüber schreibst? Mir scheint es viel mehr so, als würdest du das Prinzip Wegschauen nur auf die nächste Stufe treiben.

Ich: Du willst doch nur, dass ich einen absurden Superheldenroman schreibe, statt nach dem Einhorn zu suchen. Wie soll das überhaupt klappen. Angenommen ich versuche einen führerlosen Zug zu stoppen. Wie denkst du werd ich als Autor meinen Tod verhindern? Ich bin ja nicht superstark oder superdauerhaft, sondern nachher aller Wahrscheinlichkeit nach super schwer verletzt. Vielleicht entgleist der Zug auch wenige Meter vor mir oder so was. Im besten Falle überspringe ich den Crash einfach, aber das war's dann auch schon.

Mein innerer Schweinehund: Du könntest aber doch zum Beispiel die Erzählzeit bis zum Stillstand der erzählten Zeit verlangsamen und die Fahrgäste einzeln vom Zug in den Imaginationsraum schreiben oder - wenn's unbeding sein muss - in unsere Küche.
Muse: Erzählzeit ist die Zeit, die man braucht um das erzählte zu erzählen und die erzählte Zeit ist die fiktive Zeit die in der Erzählung tatsächlich vergeht. Wenn zum Beispiel in einer Geschichte ein Objekt ohne Bewegung beschrieben wird, dann vergeht erst mal gar keine erzählte Zeit aber die Erzählzeit kann sich mitunter zu einem ganzen Fantasy-Roman aufblasen. In unseren Dialogen ohne großartige Beschreibungen von zusätzlichen Details sind Erzählzeit und erzählte Zeit ungefähr gleichlang. Wenn man aber schreibt 'Zwei Jahre vergingen.', dann war das eine erzählte Zeit von zwei Jahren und eine ziemlich kurze Erzählzeit.

Ich: Ach nein, ich versuche ja meist nur so wenig Auskunft wie nötig über die erzählte Zeit zu geben. Es soll quasi das Gefühl enstehen, als würden wir uns zuweilen außerhalb von Zeit und Raum unter- und verhalten. Wann glaubst du, nur mal so als Beispiel, sind wir von unserem U-Boot-Ausflug wieder zurück in den Imaginationsraum gewechselt?

Mein innerer Schweinehund: Das ist einfach. Als deine Schreibblockade gefurzt hat. Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, gefangen mit drei schwitzenden Leibern und einem Katzenpups. Ich hätte dafür auch ein Loch in die das Raumzeitkontinuum gerissen wenn ich könnte.

Ich: Richtig, aber das hab ich gar nirgendwo geschrieben.

Mein innerer Schweinehund: Doch hast du, du hast es nur nachher wieder gelöscht und nicht wieder ergänzt und dann hat dir dieser Gesprächsverlauf so gut gefallen, dass du es rausgelassen hast! Was soll ich außerdem auch sonst sagen. Für mich sieht es so aus als hättest du dich nicht von deinem Schreibtisch wegbewegt.

Ich: Du hast eben keinen Hauch von Fantasie in dir.
 

Hagen

Mitglied
Hallo Frederik,
Na, endlich geht's weiter.
Aber bedeke bitte, dass das U-Boot von Jules 20 000 Meilen unter dem Meer so er es beschrieben hat, ruck zuck-artig (zumindest zuckartig) von den Wassermassen zerquetscht worden wäre!
Üerhaupt hat Jules sogar die Naturgesetze zugunsten einer guten? Story vergewaltigt!!!
Begieb' Dich bitte nicht in dieses U-Boot, sondern amüsier' Dich lieber mit Deiner Muse!

Nun denn, in diesem Sinne, wir sehen uns in der ScheinBAR!
Zudem lesen wir uns weiterhin!
... und bleib' schön fröhlich, gesund und munter!
Herzlichst
Yours Hagen

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Darin aber liegt die höchste Weisheit, dass ihr weise werdet durch die lebendigste Liebe.
Alles Wissen aber ist ohne die Liebe nichts nütze!
Darum bekümmert euch nicht so sehr um ein vieles Wissen, sondern dass ihr viel liebet!
So wird euch die Liebe geben, was euch kein Wissen je geben kann!
(grosses Evangelium Johannes, Jakob Lorber 1800-1864))
 


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