sei still

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L'étranger

Mitglied
sei still
(eine Hochzeit im Krieg)


Ein weißer Schleier weht im scharfen Wind,
der Bräutigam versteht sein Glück nicht mehr,
wo nimmt man nur den Mut, die Hoffnung her?
Sei still, sei still, die Zeit verinnt!

Sie fließt, und trägt mit sich das schwarze Blut,
der Regen wäscht die schwere Asche aus,
im Staub am Stadtrand steht ein kleines Haus.
Sei still, sei still, wird alles gut!

Die Kleider wehn, der Winterwind weht kalt
man sitzt und trinkt, will einfach fröhlich sein,
und ist gewiss, der Teufel holt uns bald.

Am Eck, ein alter Mann, sitzt ganz allein,
man sieht, dass er versteckt die Fäuste ballt.
Sei still, sei still, und trink den Wein!
 
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Tula

Mitglied
Hallo Fremder
Es liest sich gut, wobei ich doch einige Schwierigkeiten in der Deutung habe. Es ist weniger der scharfe Wind zur Feier unter freiem Himmel, sondern vor allem der Übergang zu S2, das schwarze Blut und die Asche der Zeit. Das Haus am Stadtrand deutet auf Armut hin (?), der alte Mann, der wütend in der Ecke sitzt ... Vielleicht kannst du mir hier etwas auf die Sprünge helfen.

Wie dem auch sei, bei einer nur zwanghaft fröhlichen Feier ist man sicher gut beraten, sich zu betrinken :)

LG
Tula
 

L'étranger

Mitglied
Hi Tula,

was irritieren mag, ist, dass das Gedicht keine Geschichte erzählt, oder dass das Sonett keinen Gedankengang, keine Entwicklung beschreibt. Alle Strophen zusammen ergeben erst das komplette Bild.

Der Text spricht von "gebrochenen Zeiten", genauer gesagt von einer Hochzeit in gebrochenen Zeiten.
Blut und Asche kennzeichnen den äußeren Rahmen, in dem die Hochzeit stattfindet. Dass sie stattfindet: ein Glück, dass der Bräutigam nicht versteht ...

Als ich den alten Mann vor mir sah, dachte ich, dass er vermutlich Angehörige verloren hat, vielleicht einen Sohn, oder eine Tochter...

Der Ort ist fiktiv, die Zeit ist egal, der Mut der Verzweiflung / die Hoffungslosigkeit ...

Wie war das in Deutschland in den Jahren 1944/45, auf dem Balkan vor fast 30 Jahren, wie lebt man heute in Afganistan, in Syrien, im Jemen?

Gruß Lé.
 
Zuletzt bearbeitet:

Tula

Mitglied
Hallo Lé
Danke für deine Antwort und Erklärungen. Ich kann sie nachvollziehen:
Blut und Asche kennzeichnen den äußeren Rahmen, in dem die Hochzeit stattfindet.
ist in dieser Hinsicht treffend verdichtet.

Verwirrend wohl das 'versteht nicht mehr' in S1, was auf irgendein bestimmtes Ereignis hinweist, vor welchem das Glück noch verständlich war. Wobei Z3 die inhaltlich 'richtige Frage' stellt.

LG
Tula
 

anbas

Mitglied
Moin,

mich sprechen hier vor allem die einzelnen Bilder an. Auch erzeugt das Gedicht, wie ich finde, eine sehr dichte und bedrückende Athmospjäre, was ich für sehr gelungen halte.

Gern gelesen.

Liebe Grüße

Andreas


...warum steht dieses Sonett eigentlich nicht bei den festen Formen?
 

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