sein Land wohnte in unserem Garten

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der Wind erwachte
bewegte den aus Holz geschnitzten Wimpel
auf dessen langer Stange in unserem Garten
als ob er ein Kurenkahn wäre
als ob sich gleich das feste braunrote Segeltuch blähte
als ob er über das flache Haff führe
und der Pinne gehorchte
ausgerichtet nach dem Wimpel am Mast
der anzeigt, woher Fischer und Boot kommen

abends dann würde der Fisch weich und glatt in der Hand liegen
die ihn salzt und zum Räuchern aufhängt
einst ein Essen für Arme
auch in dem großelterlichen Haus deines Vaters
der Geruch nach Rauch und Meer
und die düsteren rauen Stimmen der Frauen
wenn sie von ihrem Leben sangen
draußen das heimliche Flüstern im Dünengras
im kontinentalheißen Sommer
am Mittag bringt ein Junge einen dicken Blumenstrauß von der Nachbarin nach Hause

nichts davon gehört zu deinem Leben, meine Tochter
nie hörtest du das Knistern des harten Eises unter den Schuhen
konntest den Elch, das wilde Tier, nicht beobachten
der Düne auf ihrer Wanderung nicht folgen
du kennst das Land deines Vaters nicht
wir begruben ihn in fremdem Boden angesichts von schwarzen Wäldern

aber einen Wimpel hat er dir geschnitzt
mit einem Fischerhaus, dem Elch, den Krähen, dem Wappen
wie es die Fischer in seinem Ort seit jeher taten
über viele Jahrzehnte drehte er sich hoch oben über Blumen und Büsche
sein Land wohnte in unserem Garten
bis wir – du und ich – ihn zurücklassen mussten
 

Otto Lenk

Mitglied
Erinnert mich in seiner Art an Dylan Thomas. Sehr gerne gelesen und über deine Worte nachgedacht. Bilder, viele Bilder.
 
A

aligaga

Gast
Leider sind in diesen Küchengesängen ein paar falsche Noten enthalten - Netze hebt der Fischersmann im Sommer nicht abends, sondern früh, wenn der Tag anbricht, und der Fisch hängt vormittags im Rauch, nicht über Nacht.

Kutterfischer waren seit je privilegiert und nicht arm, und der fette Räucherfisch war und ist kein einfaches Essen, sondern so teuer wie Fleisch. Man darf ihn nicht mit dem Stockfisch verwechseln.

Das wird in den modernen Heimatliedern immer wieder gern falsch gesungen.

Dass man Mädchen heute vorhält, nicht auf Nagelschuhen unterwegs (gewesen) zu sein und den Elchen nicht nachgepirscht zu haben, stimmt heiter. Nicht, dass sie dazu nicht in der Lage wären (es gibt längst taffe Mädelz, die solches tatsächlich fertig brächten) - aber sie wissen weit Besseres mit sich und ihrer Zeit anzufangen. Man muss sie darob nicht bedauern.

TTip: Das Netz nochmal auftrennen und sorgfältiger stricken!

Heiter

aligaga
 
Hallo aligaga,

tja, wenn man keine Ahnung hat, sollte man auch nichts schreiben. Danke für deine Beschäftigung mit diesem Text.

MG
 
A

aligaga

Gast
Gut, dass @ali nichts von der Fischerei versteht, nicht weiß, wer ein Boot fischereilich bewegen kann oder darf, was eine Fischerzunft ist und was ein Fischereirecht für einen Marktwert besessen hat und immer noch besitzt.

Schön trotzdem, dass du dich für seine Kritik, auch wenn sie natürlich völlig aus der Luft gegriffen ist, so freundlich bedankst, @Mistralgitter. Das beweist Stil und gute Kinderstube! Danke!

Normalerweise kritisiert @ali Tagebucheinträge nicht. Nur, wenn sie zu sehr an den Haaren herbeigezogen und die Fischerln des Abends gefangen und verarbeitet werden. TTip: Don't try this at home - mit Salmonellose und Botulismus ist nicht zu spaßen!

Wie's zeitlich wirklich ablief und abläuft, erführen wir hier!

Vergnügt schmunzelnd

aligaga
 
Hallo aligaga,

da du dich so ausdrücklich für die Fischerei interessierst, möchte ich dir hier zwei Links weitergeben, die etwas ausführlicher die Situation beschreiben, die hinter meinem Text steht.
Es geht dabei um die Fischerei und Fischer in Ostpreußen.
1. http://www.ostpreussen.de/uploads/media/Fischerei_und_Fischerkultur_in_Ostpreussen.pdf
2.
http://www.ostpreussen.de/uploads/media/Fischer_und_Fischerei_in_Ostpreussen.pdf

In meinem Text habe ich keine Angaben darüber gemacht, wann die Fischer nach Hause kommen - bzw. wie lange sie unterwegs waren (eine Nacht oder mehrere Tage und Nächte) und welcher der verschiedenen Möglichkeiten der Fischerei sie nachgingen, ob mit Netzen oder Angeln oder Reusen. Für die Botschaft des Textes ist das unerheblich. Es wäre nur zu überlegen, ob das "abends" zu sehr verwirrt.

Der Kurenwimpel, der im Text erwähnt wird, gehört zu einem Kurenkahn, der gesegelt wurde - nicht zu einem motorbetriebenen Kutter.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kurenwimpel

Dass die Fischer in den 20er und 30er Jahren des 20.Jhs. zu der armen Bevölkerung der Kurischen Nehrung gehörten, habe ich mir nicht ausgedacht. Aus meinem Text kann man sicher erkennen, woher ich das weiß.

Gruß
MG
 
der Wind erwachte
bewegte den aus Holz geschnitzten Wimpel
auf dessen langer Stange in unserem Garten
als ob er ein Kurenkahn wäre
als ob sich gleich das feste braunrote Segeltuch blähte
als ob er über das flache Haff führe
und der Pinne gehorchte
ausgerichtet nach dem Wimpel am Mast
der anzeigt, woher Fischer und Boot kommen

dann würde der Fisch weich und glatt in der Hand liegen
die ihn salzt, zum Trocknen und Räuchern aufhängt
einst ein Essen für Arme
auch in dem großelterlichen Haus deines Vaters
der Geruch nach Rauch und Meer
und die düsteren rauen Stimmen der Frauen
wenn sie von ihrem Leben sangen
draußen das heimliche Flüstern im Dünengras
im kontinentalheißen Sommer
am Mittag bringt ein Junge einen dicken Blumenstrauß von der Nachbarin nach Hause

nichts davon gehört zu deinem Leben, meine Tochter
nie hörtest du das Knistern des harten Eises unter den Schuhen
konntest den Elch, das wilde Tier, nicht beobachten
der Düne auf ihrer Wanderung nicht folgen
du kennst das Land deines Vaters nicht
wir begruben ihn in fremdem Boden angesichts von schwarzen Wäldern

aber einen Wimpel hat er dir geschnitzt
mit einem Fischerhaus, dem Elch, den Krähen, dem Wappen
wie es die Fischer in seinem Ort seit jeher taten
über viele Jahrzehnte drehte er sich hoch oben über Blumen und Büsche
sein Land wohnte in unserem Garten
bis wir – du und ich – ihn zurücklassen mussten
 
A

aligaga

Gast
Die Fischer waren die ersten, die sich zu Zunftgemeinschaften und Genossenschaften zusammenschlossen; sie gehen bis ins zwölfte Jahrhundert zurück. Sie hatten hierzulande eine sehr strenge, an der Religion orientierte Hierarchie, die erst nach der Säkularisation verweltlicht wurde.

Die Küstenfischerei vor und zwischen den beiden Weltkriegen war ein Privileg, das nicht jedem zustand und das sich nicht jeder leisten konnte, da allein schon das Boot und sein Unterhalt sowie die Netze einiges an Kapital erforderten.

Die Kutterfischerei hatte einen Inhaber, in der Regel einen freigesprochenen Meister, und je nach Bedarf Gehilfen, die wirklich bettelarm waren und blieben (Tagelöhner).

Das Märchen vom "armen Fischer" hatte nie einen realen Hintergrund, weder an der Ost- und der Nordsee noch im Binnenland.

Die Kutterfischer von anno dunnemals betrieben keine Hoscheefischerei, sondern blieben in Küstennähe. Es gab kein Eis und keine nennenswerte Fischverarbeitung an Bord, sodass der Fang täglich angelandet werden musste.

So sah's aus, und daran hat sich bis heute nicht besonders viel geändert, auch wenn die Boote inzwischen motorisiert sind, die Netze und Reusen nicht mehr aus Hanf, sondern aus Perlon gestrickt werden und nicht mehr zum Trocknen aufgehängt werden müssen.

Ein hartes, aber gleichwohl schönes Handwerk. Dem Naturschutz sind die Fischer seit jeher verhasst.

Heiter

aligaga
 
Ich lass das jetzt mal unkommentiert so stehen - von meiner Seite ist alles gesagt und die weiteren Leser können sich selber ein Bild machen.
 

 
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