Selbstbewusstsein?

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Anders Tell

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Ja, liebe Petra,
letztlich kommt es darauf an, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Der geniale Önder hat hier in einem Gedicht beschrieben, dass die Existenz einfach nur im Sein den Weg zu sich selbst ebnet.
Wenn ich in eine Verantwortung hineinwachse, muss ich lernen, mich selbst zurück zu nehmen. Einfach weil es nicht um mich geht. Im Rahmen einer Ausbildung habe ich gelernt, dahin zu gelangen. Es war sehr entlastend und wirkt bis heute nach. Nur manchmal muss ich mich daran erinnern. Ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen, weil soviel mag ich nicht über mich und mein Leben preisgeben.
Anders
 

wirena

Mitglied
Liebe Petra
Da gibst Du mir ja ein ganzes Buch, beinahe hätte ich geschrieben, ein ganzes Leben, zum Nachdenken, zum Verdauen…ich kann vorerst nur versuchen etwas zu, Zitat:

"Mir leuchtet auch das Begriffspaar 'Innerlichkeit und Selbstdarstellung' nicht ein" Zitatende

schreiben. Portmann stört sich daran, dass die Biologen sich nur auf die Fakten der Leistung, der Nützlichkeit einer Naturbegebenheit beziehen. Denke das hat mit dem Darwinismus zu tun. Kenne diesen noch nicht, werde ich aber noch mit Störig’s Geschichte zur Philosophie kennenlernen. Portmann geht davon aus, ich bin erst auf Seite 136 von 379 Seiten, dass alle Lebewesen, die gesamte Pflanzen, Tierwelt und inkl. Seeanemonen etc. einfach so, naturgegebene Muster, Farbenpracht oder was auch immer haben. Und nicht nur aus Fortpflanzungsgründen, Balz, Bestäubung oder Abschreckung/Tarnung etc.

Auf den Menschen bezogen. Erlebe ich, dass auch wir eine Innerlichkeit haben und eine Selbstdarstellung. Immer und einfach so durch unser Dasein. Unsere Gestalt, Kleidung, Ausstrahlung etc. Wir wirken. Dies kann bewusst sein inkl. Makeup oder bewusst nicht, da Verbot, siehe Verschleierung. Meiner Meinung nach bestimmt die Innerlichkeit eines Menschen, wie er sich darstellt, darstellen möchte und dadurch wirkt. Dies so meine eigenen Gedanken, mein Verständnis davon, was ich bisher gelesen habe. Die Aufsätze von Portmann zur Anthropologie kenne ich noch nicht und bin gespannt, ob ich da Bestätigung finde oder ob es mich auf ein Neuland führt.

LG wirena

PS:
Selbsterkenntnis ist dagegen ein kontinuierlicher Prozess und kann durchaus - wie Arno anmerkte - in die Irre gehen.
so gesehen Petra, kann ich Dir beistimmen, aber nur wenn Grössenwahnsinn keine Krankheit ist - sorry - muss wieder tief durchatmen -
 

petrasmiles

Mitglied
Zum Abschluss will ich noch eine sehr skeptische Stelle bei Musil ("Der Mann ohne Eigenschaften", 1. Teil, Kapitel 8) anführen, als Erwiderung auf den von Petra angeführten Begriff des "Ureigenen":

"Denn ein Landesbewohner hat mindestens neun Charaktere, einen Berufs-, einen National-, einen Staats-, einen Klassen-, einen geographischen, einen Geschlechts-, einen bewussten, einen unbewussten und vielleicht auch noch einen privaten Charakter, er vereinigt sie in sich, aber sie lösen ihn auf, und er ist eigentlich nichts als eine kleine, von diesen Rinnsalen ausgewaschene Mulde, in die sie hineinsickern und aus der sie wieder austreten, um mit anderen Bächlein eine andere Mulde zu füllen. Deshalb hat jeder Erdbewohner auch noch einen zehnten Charakter, und dieser ist nichts als die passive Phantasie unausgefüllter Räume; er gestattet dem Menschen alles, nur nicht das eine: das ernst zu nehmen, was seine mindestrens neun anderen Charaktere tun und was mit ihnen geschieht; also mit anderen Worten, gerade das nicht, was ihn ausfüllen sollte. Dieser, wie man zugeben muß, schwer zu beschreibende Raum ist in Italien anders gefärbt und geformt als in England, weil das, was sich von ihm abhebt, andere Farbe und Form hat, und ist doch da und dort der gleiche, eben ein leerer, unsichtbarer Raum, in dem die Wirklichkeit darinsteht wie eine von der Phantasie verlassene kleine Steinbaukastenstadt."

Da haben wir es: das Ich als kleine ausgewaschene Mulde und dazu die passive Phantasie unausgefüllter Räume ...
Lieber Arno,

was soll man 'gegen' Musil sagen und seine vorzügliche Beschreibung, was der Mensch alles sein kann?
Ich empfinde seine Beobachtungen gleichzeitig faszinierend und erschreckend - und über die passive Phantasie, die unausgefüllten Räume, darüber muss man (ich) länger nachdenken. (Habe den Mann ohne Eigenschaften immer noch nicht gelesen ...)
Was mir aber sofort dazu einfällt, ist diese Spezies eines uninspirierten 'Alltagsmenschen' - der sicher in jedem von uns vorhanden ist - den er hier zum Gegenstand seiner Betrachtungen wählt.
Und mir fällt auf, dass der Blick von außen immer gnadenloser ist als der von innen auf das 'Heldenepos'.
Und doch. Musil scheint nicht zu glauben, dass dieses Konzert der Charaktere innerhalb eines Menschen ein Ich verfestigt, im Gegenteil alles sich verflüssigen würde. Das finde ich als Bild spannend und bedenkenswert, aber es bringt mich nicht davon ab: Auch dieser Mensch hat sein Ureigenes und die Momente, in denen er es 'erhascht'.

Liebe Grüße
Petra
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Petra, herzlichen Dank für Deine Worte – ich habe noch eine Frage: Was verstehst Du unter

«gebundenen» Wahrheiten, und was ist oder sind die «ungebundenen»?



Das sehe ich genau so. Meiner Meinung nach, schenkt uns das Leben solche Momente nicht nur um Kraft zu tanken, darin zu verweilen, sondern um, wie Du so schön schreibst, mit diesem Erleben weiterzugehen – LG wirena
Danke.
Gebundene Wahrheiten betrachte ich als kontextgebundene Wahrheiten - wie eben das Beispiel 'Selbsterkenntnis ist Selbstbetrug' - das kann ja unter bestimmten Voraussetzungen stimmen.
Demgegenüber meine ich mit ungebundenen Wahrheiten die allgemeingültigen, die nicht nur in einem bestimmten Kontext stimmen (können).
Das Thema beschäftigt ich schon lange und ich wage auch gar nicht, solche Wahrheiten zu benennen, weil man darüber sorgfältig nachdenken muss und vieles abwägen. Ich denke dabei an solche fundamentalen Dinge, wie auf der biologischen Seite - dass jeder Mensch atmen muss, Nahrung aufnehmen und ausscheiden muss, ins Leben hinein und wieder hinaus wächst. Solche Sachen. Sie dürfen nur nicht trivial sein wie z.B. 'alle Menschen brauchen Liebe', ich bin da eher spirituellen Wahrheiten auf der Spur, aber in meinem Kopf wabern Nebel - seit Jahren. Da sind zu viele Charaktere in meinem zerfließenden Bewusstein unterwegs, aber die (Hirn-)schale bleibt leer :)
 

wirena

Mitglied
Gebundene Wahrheiten betrachte ich als kontextgebundene Wahrheiten - wie eben das Beispiel 'Selbsterkenntnis ist Selbstbetrug' - das kann ja unter bestimmten Voraussetzungen stimmen.
Demgegenüber meine ich mit ungebundenen Wahrheiten die allgemeingültigen, die nicht nur in einem bestimmten Kontext stimmen (können).
Das Thema beschäftigt ich schon lange und ich wage auch gar nicht, solche Wahrheiten zu benennen, weil man darüber sorgfältig nachdenken muss und vieles abwägen. Ich denke dabei an solche fundamentalen Dinge, wie auf der biologischen Seite - dass jeder Mensch atmen muss, Nahrung aufnehmen und ausscheiden muss, ins Leben hinein und wieder hinaus wächst.
ich bin da eher spirituellen Wahrheiten auf der Spur, aber in meinem Kopf wabern Nebel

Danke Petra - verstehe - bitte nicht vergessen "Seele baumeln lassen" - einverstanden?
Nun aber meinerseits zum Schluss, nochmals kurz zu Portmann: Das Kapitel "Anthropologie" eröffnet er mit einem Sprachaufsatz, in dem er darlegt, dass es ihm um den Geist der Sprache geht, um ein reiches geistiges Leben in einer uns ursprünglich zugemessenen Welt. Für mich ein spannendes Thema - übrigens, das Buch ist im Internet käuflich -

Petra, ich wünsche Dir e gueti Zyt und wir lesen uns sicher wieder zu gegebener Zeit - Ich muss erstmal verdauen, was Du da alles geschrieben hast - bin echt überfordert :) LG wirena
 
Zuletzt bearbeitet:

petrasmiles

Mitglied
Liebe Wirena,

danke für die erneute Rückmeldung.
Ich habe heute auch erfahren, dass Denken ganz schön anstrengend sein kann ;)
Und ja, Seele baumeln lassen - man (ich) muss aufpassen, dass es nicht 'denken statt leben' wird. So spannend es ist und auch beglückend, wir sind nicht nur Kopf :)

Dir auch eine gute Zeit!

Liebe Grüße
Petra
 

wirena

Mitglied
Liebe Petra, ich bin am Verdauen und Wiederkäuen und möchte heute Folgendes festhalten. Die Zeilen werden Dich zu gegebener Zeit erreichen – vielleicht geben sie Dir einen Denkanstoss für Dein eigenes Erleben, Erkennen – dies meine Absicht. Demnach zurückblättern, zu den Kommentaren, zu Deinem Traum, zu Deiner «Ich-Erkenntnis», zu Deinem Erleben des Selbstbewusstseins hinter das Du ein Fragezeichen gesetzt hast:

Zitat: 3 April 2026
petrasmiles schrieb:

Gebundene Wahrheiten betrachte ich als kontextgebundene Wahrheiten - wie eben das Beispiel 'Selbsterkenntnis ist Selbstbetrug' - das kann ja unter bestimmten Voraussetzungen stimmen.
Demgegenüber meine ich mit ungebundenen Wahrheiten die allgemeingültigen, die nicht nur in einem bestimmten Kontext stimmen (können).
Das Thema beschäftigt ich schon lange und ich wage auch gar nicht, solche Wahrheiten zu benennen, weil man darüber sorgfältig nachdenken muss und vieles abwägen. Ich denke dabei an solche fundamentalen Dinge, wie auf der biologischen Seite - dass jeder Mensch atmen muss, Nahrung aufnehmen und ausscheiden muss, ins Leben hinein und wieder hinaus wächst.

petrasmiles schrieb:

ich bin da eher spirituellen Wahrheiten auf der Spur, aber in meinem Kopf wabern Nebel.
Zitatende



Meine gegenwärtige Fragestellung:

Gibt es Wahrheit an sich und was ist Wahrheit?

Meinen Denkanstoss dafür habe ich bei Störig, der kleinen Weltgeschichte der Philosophie und im Internet gesucht. Im Internet fand ich, dass diese Frage keine schlüssige Antwort hat. Es gibt verschiedene, widerspruchsvolle philosophische Theorien dazu z.B:

- Adäquations-/Korrespondenztheorie = Tatsache und Wirklichkeit stimmen überein. Doch was ist Wirklichkeit?

- Koheränztheorie = basiert auf gegenseitige Stützung einer Aussage. Bezug fehlt

- Konsenstheorie = kollektive Übereinkunft. Doch wer bestimmt, dass das Kollektiv, kompetente Personen recht haben, dass das was festgelegt wurde wahr ist?

- Pragmatische Theorie = was nützlich ist, ist wahr. Aber auch nicht Nützliches kann wahr sein.

- Evidenztheorie = das was vor mir liegt, einleuchten ist, ist wahr. Ist zu vereinfacht, subjektiv, Objektivität fehlt



…ja, und damit bin ich wieder einmal mehr auf mich selbst zurückgeworfen, was mir bekannt und gar nicht so unlieb ist

demnach selber denken mit mein derzeitiger Erkenntnisstand: – vielleicht ist es so:
dass alles, jedes Ding an sich, für sich wahr ist. Erst wenn ich mich, meine Wahrnehmung, sich „einmischt“, gibt es keine Wahrheit an sich mehr, im objektiven Sinne. Sie wird abgelöst, durch meine subjektive Erfahrung, durch meine Interpretation mit der festgelegten eigenen Biographie und der kollektiven kulturellen Übereinkunft, die in Sprache gefasst ist.

Dies würde sich mit der Aussage der Quantenphysik decken, dass wir uns, unsere Wirklichkeit mit unserer Wahrnehmung, Beobachtung immer wieder neu erschaffen.

Vielleicht kommt die Mathematik der objektiven Wahrheit am nächsten. Immerhin werden anhand Berechnungen hin und wieder „Dinge“ errechnet, die noch nicht beobachtet sind, die erst nach der Berechnung durch Experimente, durch Suchen, Forschen entdeckt, bewiesen werden müssen, und tatsächlich auch gefunden werden. Doch auch da –. Spielt in der Mathematik, soviel ich weiss, nicht auch der ungeklärte Begriff/Faktor x = «Unendlichkeit» eine Rolle? Sei dem wie es sei, jedenfalls ist die Fragestellung, der/die Fragende, das Experiment/der Versuch, die Betrachtungsweise, die Interpretation, bereits wieder erneut ein Teil der gefundenen Wahrheit.... zudem habe ich im Internet, youtube von Mathematiker Edmund Weitz, gehört, dass mathematische Aussagen wahr oder falsch sein können, und dass wahre Aussagen nicht bewiesen werden können.


...wahrlich wahr, eine verflixte Geschichte vielleicht stimmt das Sprichwort, die Wahrheit von heute ist der Irrtum von morgen – oder die Wahrheit ist immer in Bezug zu Etwas. Für sich allein ist Wahrheit nicht fassbar oder etwas Metaphysisches –


Auf der Bewusstseinsebene ist Wahrheit subjektiv. Wie ich die Farben z.B. Blau erlebe, kannst Du, oder irgendjemand anderes, nicht wissen, erfahren. Diese Wahrnehmung ist nur subjektiv, persönlich, individuell erfahrbar und die Sprache, die kollektive Übereinkunft der Bedeutung der Begriffe, hier «Blau», ermöglicht eine Vermittlung der gefundenen, subjektiven Wahrheit; ermöglicht eine Kommunikation von Ich zu Du. Auf diese Weise kann eine gemeinsame Wahrheit gefunden oder festgelegt werden. Es gibt auf der Bewusstseinsebene ein «Meer voll Wahrheitsmöglichkeiten». Eine Wahrheit an sich, ist meinem Erleben nach, auch da nicht fassbar. Ist reiner, keine Ahnung welches Wort ich dafür benützen soll, vielleicht "Geist", reiner wandelbarer metaphysischer "Geist", der im Vergehen immer neu wird. So mein subjektives Denken, Erleben. Dies meine Aussage, die wahr oder falsch sein kann, bezüglich der derzeitigen, subjektiven Wahrheit, die ich Dank gleicher Sprache vermitteln kann. Wie diese Worte aber bei Dir ankommen, entgeht meiner Wahrnehmung. Vielleicht sprechen wir wohl die gleiche Sprache und verstehen uns dennoch nicht -

Das hat zur Folge, wenn subjektive oder kollektiv gefundene Wahrheit als absolute Wahrheit vertreten und andere Wahrheiten ausgeschlossen werden, führt dies, wie wir täglich erleben können, zu Machtausübung, Machtmissbrauch, Streit, Krieg –. Daher folgert mein Denken, muss auch hier Wahrheit wiederum in Bezug zu Etwas gesetzt werden. Z.B. zur Ethik und dann kommen wir zu den verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft und deren Forschung – zur Sprache, zur kollektiven Übereinkunft – von da aus zu Regeln, Gesetzen, und auf der persönlichen Ebene, zur individuellen, gegenseitigen, möglichst wohlwollenden Rücksichtnahme, die alles Leben miteinschliesst, die Umwelt auch als verbundene Mitwelt wahrnimmt –


Ja, und irgendwie lande ich dann wieder bei der Selbsterkenntnis, die hoffentlich nicht in die Irre geht, beim Selbstbewusstsein, bei der «Ich-Erkenntnis», die glückvoll erlebt werden kann –.


So schön zu wissen was das eigene Leben ist


Fazit: mMn ist Wahrheit eine subjektive Wahrnehmung der Wirklichkeit oder eine Festlegung kollektiver Übereinkunft der Wirklichkeit – Wahrheit an sich, das Erfassen, der Wahrheit der Wahrheit, ist ein persönliches, metaphysisches Erleben und damit komme ich mit Dir in denselben Nebelbereich, den du spirituelle Wahrheit nennst…

Liebe Petra, ich wünsche Dir, dass Du immer wieder zu Deinem Glücksgefühl «dies ist mein Leben» zurückkehren kannst. Ich denke, das ist eine «unumstössliche wahre Aussage», die Du für Dich erleben und mitteilen konntest, die so ist, wie sie ist, aber nicht bewiesen werden kann – also kurz: für mein Erleben, Empfinden, ist sie für mich persönlich schlicht eine Wahrheit, für die ich keine Beweise benötige, da ich Dir, Deiner Mitteilung vertraue -

LG wirena


PS: Zitate zum Begriff «Wahrheit» aus « Kleine Weltgeschichte der Philosophie von Hans Joachim Störig»

Protagoras, 480-410 v. Chr. Sophist

«Der Mensch ist das Mass aller Dinge, des Seienden für sein Sein, des Nichtseienden für sein Nichtsein.»

Damit ist gesagt: Es gibt keine absolute Wahrheit, sondern nur eine relative, keine objektive, sondern nur eine subjektive, eben für den Menschen
. Und zwar scheint Protagoras seinen Satz so gemeint zu haben, dass nicht der Mensch das Mass sei – das wäre ja immer noch eine Art allgemeiner Massstab -, sondern der jeweilige einzelne Mensch, der einen Satz ausspricht. Ein und derselbe Satz kann einmal wahr und das andere Mal falsch sein, je nach dem, von wem und unter welchen Umständen er ausgesprochen wird. Für diese Lehre hat sich Protagoras sowohl auf das «ewige Fliessen» des Heraklit wie dessen Gesetz von der Einheit der Gegensätze berufen. Die Skepsis des Protagoras schloss auch die Religion nicht aus. Eine Schrift von ihm soll nach antiker Quelle mit dem Satz begonnen haben, dass man von den Göttern weder wissen könne, ob sie sind noch ob sie nicht sind; dies zu ermitteln sei die Sache als solche viel zu dunkel und unser Leben auch zu kurz. Protagoras wurde der Gottlosigkeit angeklagt und aus Athen verbannt.»


Ainesidemos, der um Christi Geburt lebte, begründete die jüngere Skepsis.
Am vollständigsten die sind die Schriften des Sextus Empiricus, der ca. 200 n.Chr. gelebt hat erhalten. Zitat: Charakteristisch für die antike Skepsis ist die Lehre von den Tropen. Mit dem Namen Tropus bezeichnete man die Gesichtspunkte, die alle die Unerkennbarkeit der Wahrheit beweisen. Ainesidemos stellt zum Beispiel deren zehn auf.
  • Die Verschiedenheit der Lebewesen im Allgemeinen
  • Die Verschiedenheit der Menschen
  • Die Verschiedenen Einrichtungen der Sinnesorgane
  • Die Verschiedenheit der subjektiven Zustände (Stimmungen usw.)
  • Die Verschiedenheit der Stellung, Entfernung und örtlichen Umgebung eines Objekts
  • Die Vermischung mit Andersartigem
  • Die verschiedenartige Wirkung der Objekte je nach Quantum (Menge) und Komposition (Zusammensetzung) derselben
  • Die Relativität aller Erscheinungen und Wahrnehmungen
  • Die Häufigkeit oder Seltenheit der Eindrücke
  • Die Verschiedenheiten der Erziehung, Gewohnheit, Sitte, der religiösen und philosophischen Anschauungen.

Tertullian, 160-220 n.Chr.
Indem Tertullian die Glaubenswahrheit als die höhere feststellt und verlangt, bei möglichem Widerspruch zwischen ihr und dem Ergebnis des Denkens nichts für wahr zu halten, was der Glaubenswahrheit widerspricht, bereitet er schon die Unterordnung der Philosophie unter die Theologie, des Wissens unter den Glauben, vor, die für alle folgende christliche Philosophie kennzeichnend ist.


Augustinus wurde im Jahre 354-430
Die Dreieinigkeit:
Augustinus sagt: Zitat:» Kehre in dich selbst ein, denn im Innern wohnt die Wahrheit! So konnten sich in späterer Zeit mystische Denker auf ihn berufen. Jener Satz hätte ferner den Augustinus, wenn er bei ihm stehengeblieben wäre, leicht zu einer Auffassung führen können, die den Indern nahestände und die in allem Äusseren nur ein Erzeugnis des denkenden Geistes sähe.


Scholastik
Ihre Aufgabe war von vorneherein festgelegt. Sie hatte das, was der Glaube schon als unumstössliche Wahrheit besass,

- «Der Anspruch der Kirche als berufener und alleiniger Hüterin der göttlichen Wahrheit auf Erden» -


vernunftmässig zu begründen und verstehbar zu machen. Sie war in dieser ganzen Zeit «ancilla theologieae», die Magd der Theologie.


Averroes,1126-1198, arabische Philosophie
Bezüglich des Verhältnisses von Religion und Philosophie versteht Averroes, Zitat: «dass die höhere und reine Wahrheit, die der Philosoph in seiner Philosophie erkennt, in der Religion in einer bildhaften Einkleidung erscheint, die dem schwachen Verständnis der Menge angepasst ist.


Ab 12. Jahrhundert - Hochscholastik
Einige allgemeine Charakterzüge dieser Epoche sind:

Die Weltherrschaft des Aristoteles, 384 v.Chr.-322 v.Chr.
Vom 12. Jahrhundert ab wurde das gesamte Werk des Aristoteles in Europa bekannt
. Im Wesentlichen durch arabische und jüdische Vermittlung. Seit dem 13. Jahrhundert auch direkt aus dem Griechischen.

Zitat: «Sein Werk galt als nicht mehr überbietbare Summe aller weltlichen Weisheit, als Regel der Wahrheit schlechthin.

Eine Weltherrschaft der Aristotelischen Philosophie entstand, die bis ins 16. Jahrhundert andauerte. Niemals sonst hat ein einzelner das Denken des Abendlandes so vollständig beherrscht.


Thomas von Aquin, 1225
…er schreibt auch: Ist unser Erkennen auch objektiv und wahr, so reicht es doch nicht aus. Über dem Reich der – philosophischen, metaphysischen – Erkenntnis wölbt sich das andere Reich der übernatürlichen Wahrheit.


der Nominalismus, 1339 n.Chr.
wurde zur beherrschenden Geistesrichtung
. Es gibt nun eine «doppelte Wahrheit» (ähnlich wie es Averroes schon früher behauptet hatte). Dies ist von seiner Zeit bis zur Gegenwart, die schwerwiegende Folge und Folgerung von Wilhelms von Occam:

Wissen und Glaube, Philosophie und Wissenschaft auf der einen, Religion und Theologie auf der anderen Seite waren nun getrennte Bereiche. Jeder entwickelte sich nun seiner Eigengesetzlichkeit gemäss, ohne Rücksicht auf den anderen.


Reformation, Martin Luther,1483-1546
Das Wort alleine ist die geoffenbarte Wahrheit im Gegensatz zur Vernunft, denn die Vernunft ist in göttlichen Dingen stock- und starblind.


René Descartes, 1596-1650

Nicht nur allem, was ich durch Unterricht, aus Büchern und im Umgang mit den Menschen gelernt habe, muss ich zweifeln; auch daran, ob die mich umgebende Welt überhaupt in Wirklichkeit vorhanden ist, oder ob sie etwa blosse Einbildung ist, beziehungsweise ob sie so vorhanden ist, wie ich sie wahrnehme – denn es ist bekannt, dass es vielerlei Sinnestäuschungen gibt; ja auch an dem, was als das Sicherste von allem erscheint, an den Grundsätzen der Mathematik, muss ich zweifeln, denn es könnte ja sein, dass unser menschlicher Verstand zur Erkenntnis der Wahrheit ungeeignet ist und dauernd in die Irre führt.


Englische Religionsphilosophie und Ethik der Aufklärungszeit

Herbert Hobbes von Cherbury (1582-1642)

Die Vernunft, nicht die Offenbarung, ist die eigentliche Quelle religiöser Wahrheit.


Immanuel Kant, 1724-1809
Nach Kant gibt es keine Metaphysik
.

Der Willensakt und die Aktion des Leibes sind nicht zwei ursächlich verknüpfte verschiedene Dinge. Sie sind ein und dasselbe. Die körperliche Handlung ist nur der objektivierte, das heisst in die Anschauung getretene Akt des Willens. Der Leib ist der in Raum und Zeit objektivierte Wille. Diese Erkenntnis ist die unmittelbarste, die möglich ist; sie kann nicht aus einer anderen hergeleitet werden. Sie ist die eigentliche philosophische Wahrheit. Diese Wahrheit gilt zunächst für den Menschen.


David Friedrich Strauss (1808-1874
Die Evangelien haben keine geschichtliche Wirklichkeit. Sie sind Mythen, Dichtungen, denen keine unmittelbare, sondern nur eine symbolische Wahrheit zukommt.


Arthur Schopenhauer, 1788-1860
Die Welt als Vorstellung. «Die Welt ist meine Vorstellung» - mit diesem Satz beginnt Schopenhauers Buch.
Wenn irgendeine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist es diese. Wir kennen diesen ersten Teil der These Schopenhauers bereits, denn er ist nichts anderes als die Kantsche Lehre, dass uns alle Dinge nur als Erscheinungen gegeben.


Friedrich Nietzsche, 1844-19000
Nietzsche als Psychologe
. – Nietzsche war begabt mit einem genialen psychologischen Scharfblick. Er war vor allem ein Psychologe der Hintergründe, des Verdeckten, des Unbewussten (viele Einsichten der modernen Tiefenpsychologie hat er vorweggenommen); er hat die Kunst des Entlarvens zur höchsten Meisterschaft entfaltet: die Kunst, hinter den Idealen und Idolen des Menschen, hinter «ewigen Wahrheiten» der Philosophie, der Metaphysik, der Religion, der Moral, die verdeckten und verdächtigen Motive zu erkennen, menschlichen Selbstbetrug, Triebe und Süchte, Irrtum und Leidenschaft – kurz das «Menschliche, Allzumenschliche».


Die Südwestdeutsche Schule, 1890-1930
Die Hinwendung zu Kultur und Kulturwissenschaft ist eine zweite Eigentümlichkeit dieser Schule.
Für deren Beschreibung braucht es einen Massstab. Dieser kann nur bestehen in einer Beziehung der Gegenstände auf Werte. Der von Lotze in die Philosophie eingeführte Begriff Wert, erhält eine ganz besondere Bedeutung. Zitat: «Nicht nur als unentbehrlich für die Methodik oder Geisteswissenschaften, sondern als Grundlage allen menschlichen Handelns und Erkennens. Es gibt transzendentale – also nicht aus der gegebenen Erfahrung ableitbare – Werte, die ein Sollen enthalten, ideale Gesetze im Bereich des Wahren, des Sittlichen wie des Schönen. Ein Urteil ist wahr, wenn es dem Gesetz des Wertes «wahr» entspricht. Eine Handlung ist gut, wenn sie dem Gesetz des Wertes «gut» entspricht. Diese Werte sind überzeitlich. Sie gelten unabhängig von aller Erfahrung. Sie haben kein körperliches Sein, auch kein psychisches – in den psychischen Akten wenden wir uns nur diesen an sich bestehenden Werten zu. Ihr Sein ist «Geltung». Die Werte verwirklichen sich in den objektiven Gestaltungen des menschlichen Geistes: Wissenschaft, Staat, Recht, Kunst, Religion. Im Einzelnen bestimmt Rickert als Wertgebiete die Logik mit der Wahrheit als oberstem Wert, die Ästhetik (Schönheit), die Mystik (Heiligkeit, das All-Eine), die Ethik (das Gute, Sittlichkeit, Gemeinschaft freier Menschen), die Erotik (Glück. Liebesgemeinschaft, Hingabe) und die Religion (Heiligkeit, Frömmigkeit). Die Gesamtheit dieser Werte muss das Leben bestimmen. Greift man einen Wert heraus und schreibt ihm allein beherrschende Gültigkeit zu, so entstehen einseitige Weltanschauungen. Ein Denker, der die Gedanken der beiden neukantischen Schulen zu einer Einheit zu verbinden sucht, ist Bruno Bauch (1877-1942).


Hans Vaihinger, 1852-1933

Der treffende sprachliche Ausdruck für die Fiktion ist die Partikel «als ob». Die Fiktion ist nicht zu verwechseln mit der Hypothese. Auch die Hypothese ist eine Arbeitsannahme, von deren endgültigem Wahrheitswert ich keineswegs überzeugt, durch Nachprüfung und Erfahrungsmaterial «verifizieren», als wahr erweisen, oder als falsch abtun und fallenlassen kann. Bei der Fiktion erwarte ich das nicht. Ich erkenne sie von vornherein als Falsch oder widerspruchsvoll. Trotzdem verwende ich sie, und zwar mit Erfolg.

Vaihinger kommt damit zu einem ganz veränderten Begriff von Wahrheit. «Wahr» ist die Voraussagbarkeit, die Vorausberechenbarkeit einer Erfahrung, durch die wir die Möglichkeit erhalten unser praktisches Verhalten richtig einzurichten. Leisten die Fiktionen diesen Dienst – und sie tun es -, so sind sie eben für uns «wahr». Wahrheit ist nichts anderes als Nützlichkeit für das Leben. Einen anderen, «objektiven» Massstab gibt es gar nicht.


William James, 1841-1910, Pragmatismus

Das Kennzeichen am Pragmatismus ist sein besonderer Begriff der Wahrheit: Nützlichkeit, Wert, Erfolg sind Kriterien der Wahrheit. Der Pragmatismus fragt nicht nach dem letzten «Wesen der Dinge», wie Scholastik und Metaphysik (James lehnt auch die deutsche idealistische Spekulation schroff ab). Er fragt auch nicht nach letzten Ursprüngen. Er «verlegt den Ton und blickt nach vorwärts». Er fragt: Was ist der «Barwert» (cash-value) einer Vorstellung? Solche typisch amerikanischen Ausdrücke wie profits (Nutzen, Verdienst, Profit), results (Erfolg) sind bei James häufig. «Wahr ist das, was sich durch seine praktischen Konsequenzen bewährt».

Es ist augenfällig, dass der Wahrheitsbegriff des Pragmatismus in ausgesprochenen Gegensatz steht zu der traditionellen Auffassung von Wahrheit
als «adaequatio intellechus et re!» - Übereinstimmung zwischen dem erkennenden Geiste und der Sache – wie ihn die abendländische Philosophie, Kant eingeschlossen, festgehalten hatte.


Ludwig Wittgenstein, 1889-1951
Es erweist sich, dass die Welt aus einzelnen, voneinander unabhängigen «Tatsachen» besteht. Von diesen können wir uns ein «Bild» machen; aber wir können von den einzelnen «Tatsachen» und «Sachverhalten» niemals zu allgemeineren Sätzen fortschreiten – weil diese nur «Wahrheitsfunktionen» von Einzelaussagen sind.
Die Logik als solche ist tautologisch, sie hilft keinen Schritt weiter, sie besagt gar nichts.


Phänomenologie

Ein zweiter Denker aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, den Husserl wieder ans Licht gezogen hat, ist Bernhard Bolzano (1781-1848), Philosoph und Mathematiker, ebenfalls Gegner Kants. Schon bei Bolzano findet sich ein Grundgedanke, von dem auch Husserl ausgegangen ist: eine Unabhängigkeit der Logik von der Psychologie. Die Gesetze der Logik sind nicht identisch mit den Vorgängen im denkenden Bewusstsein. Es sind zeit- und raumlose Wahrheiten, Sätze an sich. Auf diese ideellen Wesenheiten richtet die Phänomenologie ihren Blick. Sie ist eine Philosophie des Wesens (was auch der Name Phänomenologie besagt). Und zwar sucht sie, diese Wesenheiten unmittelbar zu erfassen, durch «Wesensschau».


Sören Kierkegaard, 1813-1855
Praktisch hat fast die gesamte Philosophie vor Kierkegaard dies gemeinsam, dass man grossen allgemeinen Fragen nachging. Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Wahrheit, nach allgemeinen gültigen Prinzipien des Handelns usw. Es galt als selbstverständlich, dass solchen allgemeinen Fragen und ihrer Beantwortung ein höherer Rang zukam als den praktischen Problemen, denen der einzelne im Leben jeweils gegenübersteht
. Man war überzeugt, dass die richtige Lösung dieser Einzelfragen sich aus den richtigen allgemeinen Grundsätzen sozusagen von selbst ergäbe; dass man es dem Einzelnen überlassen könne, aus der allgemeinen Wahrheit die für seinen Einzelfall geltenden Folgerungen zu ziehen.


Karl Jaspers, 1883-1969
Kommunikation. –
«Niemand kann allein selig werden». – «Keine Wahrheit ist, mit der ich allein für mich das Ziel erreichen könnte» - Existenz kann sich nur verwirklichen in existentieller Verbundenheit mit anderem Selbstsein.


Martin Heidegger, 1889-1976
Und wenn Philosophie nach «Wahrheit» sucht, so kann dies nicht Wahrheit sein im Sinne von «Richtigkeit» oder Übereinstimmung mit Seiendem. Wahrheit ist vielmehr «Unverborgenheit». Sie ist das sich verbergende und entbergende Sein
. Vernunft ist damit zurückgeführt auf «Vernehmen». «Das Denken, schlicht gesagt, ist das Denken des Seins. Der Genitiv sagt ein Zweifaches. Das Denken ist des Seins, insofern das Denken, vom Sein ereignet, dem Sein gehört. Das Denken ist zugleich Denken des Seins, insofern das Denken, dem Sein gehörend, auf das Sein hört» («Brief über den Humanismus», 1947).
 
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