september

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seefeldmaren

Mitglied
du möchtest die haare kürzer.
wir tragen einen stuhl auf den balkon.
kinder sind draußen am spielen,
es dauert, eines hat noch einen stein gefunden.

dann lege ich dir ein handtuch um.
dein nacken kommt zum vorschein,
diese helle, von dir selbst
so selten angesehene stelle.
wie schön.
hier auch, sagst du und zeigst
nach hinten. deine hand sucht etwas,
das ich sehen kann.
die schere haben wir sonst für papier.
ich nehme wenig zwischen die finger,
schneide über ihnen ab.
du erzählst von deiner arbeit,
bei jedem namen bewegt sich dein kopf.

warte mal.

du wartest mitten im satz.
ich halte ihn mit einer strähne fest.
so bleiben wir, bis unten jemand hupt
und du die schultern hochziehst.
ein büschel landet in der minze.
ich kriege es nicht wieder ganz heraus.
im sommer, sagst du,
riechst du dann beim kochen nach mir.
links ist es kürzer.
du tastest nach und sagst, das wächst definitiv.
ich weiß das.
trotzdem gehe ich noch einmal um dich herum.
danach hältst du den spiegel
und ich den anderen dahinter.
erst siehst du die gegenüberliegenden häuser,
meinen arm und ein stück september.
höher, sagst du. ein bisschen.
 

klausKuckuck

Mitglied
Hey Maren,
da hast du dir beinahe eine neue Gedichtform ausgedacht: Improvisationspoesie (oder so ähnlich). Gefällt mir sehr. Liest sich angenehm locker, keine nach unten guckende Biestigkeit. Unschwer. Schön.
Gruß KK
 

Rachel

Mitglied
Ach ja, Sommer auf dem Balkon … das war gestern. Und nun aber :) ein Haarschnitt auf dem Balkon, nicht mehr und nicht weniger, sensibel und schnörkellos mit kleinen, wunderbar werdenden Ereignissen gespickt; vielleicht der letzte gemeinsame September; liest sich zeitnah geschildert, oder wie aus einem Tagebuch heraus in Alltagspoesie verwandelt. Die Zeilen bringen Intimität und Zärtlichkeit zum Ausdruck, die Vertrautheit sich nahestehender Menschen. Szenisch eingefangen und sehr lesenwert aufgehoben.

LG Rachel
 

wiesner

Mitglied
Gewissermaßen ein Prosa-Gedicht, eines, das die milde Brise des späten Sommers spüren lässt.
Mit Freude gelesen ... Haare schneiden, bevor es kühler/dunkler wird - sehr originell!

Gruß
Béla
 

Ubertas

Mitglied
Liebe Maren:),

ich sitze nicht erst seit kurzem vor deinen Zeilen und wenn ich erstmal nix schreibe, dann hat mich etwas vollkommen erfasst. Schon immer waren und sind mir deine Worte weit mehr als ich sie für beschreibbar halte. Diese Szene, diese Intimität des Fragilen, so leicht hingebettet, das unendlich Tiefe. Was du für mich einfängst, ist nicht das Kürzen eines Haares, es ist die Zuneigung, das blinde Vertrauen in jemand, in etwas, „deine hand sucht etwas, das ich sehen kann“. Ich will jetzt hier keine Zitierparade starten, aber da ist dieses leise Nehmen des Wenigen, ein Halten dieses Wenigen zwischen den Fingern, ein „schneide über ihnen ab“.

"du wartest mitten im satz.
ich halte ihn mit einer strähne fest."

Maren, das wird nicht der beste Kommentar meines Lebens, aber eines ist sicher: Deine Worte tragen mich hinein, hinein in etwas, das in einem gegenseitigen Spiegel ein stück september hält.

Dein ganzes Gedicht, von Anbeginn an, ergreift mein Gefühl. Was ich empfinde, liegt höher als es mein gesamter verfügbarer Wortlaut jemals zum Ausdruck bringt.

ich weiß das.

Dein Gedicht, es erfährt von mir eine innere Preisverleihung!

Und jetzt bin ich still, denn daran darf nichts zerredet werden, es trägt diese Einmaligkeit in sich, diese helle, so selten angesehene Schönheit.

Liebe Grüße,
ubertas
 

seefeldmaren

Mitglied
hallo ihr lieben, @klausKuckuck, @Rachel, @wiesner und meine liebe @Ubertas,

im moment ist zeit knapp. später gehe ich nochmal auf jeden ein.

manchmal glaube ich, je einfacher die sprache wird, desto weniger erklären muss sie. (aktiv wie passiv)
das gedicht ist ein test: wie viel beiläufigkeit kann schlichtheit generieren - das gedicht soll sich formal verhalten wie sein gegenstand. alles geschieht gerade jetzt, auch die erinnerungen, die eigentlich zukunft sind. auch das ende, es geht, wie es kommt.

also: ich melde mich ein weiteres mal dazu. muss jetzt leider...

maren

PS: @Ubertas tütütütütüt! :D
 



 
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