september (vier haikuartige fünfsiebenfünf-dreizeiler)

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Franke

Mitglied
Hallo Hansz,

zuerst möchte ich anmerken, dass ich kein fanatischer Verfechter der strengen Regeln des Haiku bin.
Mir kommt es auf die Worte und die Aussage an. Es muss etwas bei mir ankommen und das ist hier absolut der Fall.

Nach meinem Verständnis geht es hier nicht um September und den beginnenden Herbst, sondern um die vergängliche und schnelllebige Zeit.
Ich würde nur die Reihenfolge der Dreizeiler umstellen.
Wenn man die einzelnen Dreizeiler durchnummeriert, würde mir die Reihenfolge 3-2-4-1 besser gefallen.
Bei der Ausführung hast du ansonsten wieder gezeigt, dass du ein Meister der Worte bist.


Liebe Grüße
Manfred
 

Mondnein

Mitglied
[ 4] september


zeitung von gestern
heiszt es am abend früh schon
dämmerungsmüde

altpapier stapel
im karton zerfaltete
birken grau rinde

zeitgenau springen
die straszenlampen an zum
angelus läuten

das laubwerk dunkelt
die sinkende sonne kennts
morgenblatt nicht mehr
 

Mondnein

Mitglied
Habs sofort, lieber Franke,
probiert, umgesetzt. Ich lasse sonst immer alles so, wie es mir "gekommen ist". Aber nun so, wie von Dir vorgeschlagen.

Das "angelus läuten" war ursprünglich die Gesamthaiku-Pointe der vier Strophen. Jetzt gibt es einen Sprung ins kalte Wasser von dem Altpapierstapel, schon vorweg geahnt durch die Birkenrinde, die zunächst ja noch metaphorisch für die Zeitungsblätter stehen kann, in eine sinnlich präsente Situation, wo im Radio die Nachrichten beginnen und gleichzeitig die Glocke der nahen Kirche über den Balkon tönt.
Und es bedeutet, daß die nun vierte Strophe das Ganze zusammenfaßt, und das mit einer Schwermut, zugleich auch alles los lassender Resignation, die einer Gesamthaiku-Quintessenz zum Fazit (zum "macht's") dient.

grusz, hansz
 

Mondnein

Mitglied
Allerdings fällt mir nun um so mehr auf, daß die Strophen ursprünglich eine zeitliche Reihenfolge, eine logische Entwicklung dargestellt haben: So werden die Straßenlaternen gewiß erst anspringen, nachdem die Sonne untergegangen ist.
Das Dunkeln des Laubs geschieht über eine längere Zeitstrecke im Spätsommer, es hat mit der Dämmerung weniger zu tun.

Die ersten drei Strophen gingen in immer abstraktere Grautöne, und im letzten Moment wird die Zeit so abstrakt wie eine Uhr, und so konkret wie eine Uhr, punktgenau.

Ich stelle die Strophen wieder um.

Oder?
 

Mondnein

Mitglied
[ 4] september


das laubwerk dunkelt
die sinkende sonne kennts
morgenblatt nicht mehr

altpapier stapel
im karton zerfaltete
birken grau rinde

zeitung von gestern
heiszt es am abend früh schon
dämmerungsmüde

zeitgenau springen
die straszenlampen an zum
angelus läuten
 

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