Sexualkunde bei Dr. Winderlich

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rotkehlchen

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Sexualkunde bei Dr. Winderlich

Dr. Winderlich (Biologie und Chemie) stieg in den zweiten Stock hoch.
Die Schüler hatten Wachen aufgestellt. Als der Knabe vor der 9b Winderlichs Kopf die Treppe hochschaukeln sah, lief er er in die Klasse zurück, rief: „Er kommt!“ und schloss die Tür.
Winderlich betrat den Klassenraum und staunte. Dreiunddreißig Schülerinnen und Schüler saßen angestrengt artig auf ihre Plätzen und sahen ihm erwartungsvoll entgegen. Sein Gruß wurde fast einstimmig beantwortet, jedoch gab er sich keinen Illusionen hin. Ihm war sofort klar, dass etwas in der Luft lag. Irgendetwas hatte diese Rasselbande ausgeheckt. Zeit genug war ja gewesen: Die Uhr über der Tür zeigte bereits zwölf nach zehn, regulärer Unterrichtsbeginn wäre um fünf vor zehn gewesen. Schreyvogel hatte wieder einmal kein Ende gefunden.
Dr. Winderlich setzte sich und blickte in die Runde. Er sah in vom Herumtollen erhitzte Gesichter, die ihn zum Teil lüstern grinsend oder auch verhalten mitleidig anstarrten. Die Atmosphäre war aufgeladen; für einen kurzen Moment vermeinte er Stallgeruch zu verspüren. Durch die Wand hörte er das Gepolter der Nachbarklasse; Frau Hübner ließ sich wieder einmal Zeit.
Winderlich ergriff das Klassenbuch, um den verspäteten Unterrichtsbeginn zu notieren. Von einer der hinteren Bankreihen erklang unterdrücktes Glucksen. Sofort begriff er: Der verfängliche Gegenstand war diesmal das Klassenbuch. Er schlug das Buch auf und erblickte ein lappiges, ausgeleiertes Präservativ.
Man hörte deutlich das Ticken der Uhr über der Tür, so mucksmäuschenstill war es (auch nebenan war mittlerweile Ruhe eingekehrt). Die Klasse war aufs Höchste gespannt.
Winderlich dachte: Und solchen Rangen soll ich die Grundzüge menschlicher Sexualität erklären. Es kommt jetzt alles darauf an, die richtigen Worte zu finden. Ein kleiner Mann will Schlachten gewinnen, ein großer den Krieg, also gewinnen wir den Krieg!
Natürlich wusste er sofort, woher der Wind wehte.
Er blickte die beiden Schülerinnen in der Bank vor ihm an, die ihn anstarrten als wollten sie ihn auffressen. Was er sah, erfüllte ihn nicht mit Zuversicht. Über Carmens rundem Gesicht erglänzte der Haarschopf teils in Schwaz, teils in blau-violetten Farbtönen. Die Wimpern waren dunkel übertuscht, in den Ohrläppchen und in der Unterlippe klemmten Piercings. Ihre Bluse schillerte schwarz-seiden, unter der Bank schauten blanke schwarze Stiefeletten hervor. Am Ringfinger ihrer rechten Hand, die gerade ihr Maskottchen tätschelte, steckte ein dicker Siegelring mit Totenkopffratze. Das andere Mädchen mit dem Gesicht eines Trompetenengels und mit violetten Lidschatten hatte sich etwas weniger auffällig herausstaffiert, aber für Winderlichs Geschmack immer noch auffällig genug.
Es war nicht ihr erster Versuch, Winderlich in eine peinliche Situation zu bringen.
Sie hielten diesen jungen Lehrer, der aus irgendeinem Grund keinen Ring trug, für einen verklemmten Junggesellen.
Winderlich überlegte blitzschnell. Es gab für ihn jetzt mehrere Möglichkeiten: Er konnte eine ärgerliche, eine belehrende, eine schlagfertige oder gar keine Bemerkung machen. Er entschied sich für die schlagfertige Variante.
„Das nächste Mal erbitte ich mir unbenutzte Ware! Und jetzt ist Schluss mit solchen Späßen! Aus und over!“
Es erklang heiteres, unbeschwertes Gelächter. Einige Schülerinnen klatschten sogar. Winderlich nahm es nicht ohne innere Genugtuung zur Kenntnis. Diese Schüler konnten alles Mögliche sein: Sie konnten faul, unhöflich, durchtrieben, unpünktlich, manchmal sogar bösartig sein, nur eines waren sie nicht: Sie waren nicht dämlich. Jeder wusste eine gute geistreiche Antwort zu schätzen.
Diese Runde war also an ihn gegangen. Aber er wusste auch: So schnell würden die beiden Mädels vor ihm nicht aufgeben! An ihren Blicken sah er: Sie sannen auf Revange. Schon steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten.
In der Klasse nebenan ging es wieder hoch her. Lautes Stimmengewirr war zu vernehmen. Anscheinend sausten Federtaschen durch die Luft. Etwas krachte mit dumpfen Knall gegen die Wand.
Winderlich ging durch die Bankreihen und überprüfte die Hausaufgaben. Ein Arbeitsblatt mit Lage und Funktion der innersekretorischen Drüsen sollte angemalt und beschriftet werden.
Eine Schülerin stöhnte: „Herr Winderlich, mir ist so warm!“, eine andere fragte: „Herr Winderlich, darf ich etwas trinken?“, ein Schüler wollte wissen, ob er etwas essen dürfe.
Auf solche und ähnliche Störmanöver hatte Winderlich verschiedene Standartantworten parat. Der einen Schülerin empfahl er: „Dann sitz still, denn jede Bewegung erzeugt noch mehr Wärme“, der anderen donnerte er ein klares „Nein!“ entgegen. Den Schüler beschied er folgendermaßen: „Der Apostel Paulus sagt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Außerdem ist dazu die Pause da.“
Jetzt beugte er sich über Carmens Platz, um ihr Blatt abzuzeichnen. Auch Carmen beugte sich vor und betrachtete scheinbar interessiert Winderlichs Schreibhand. Dabei bot sie ihm großzügig Einblick in den Ausschnitt ihrer knapp bemessenen Bluse. Ihre Nachbarin, ebenfalls körperlich schon erstaunlich gut dabei, assistierte mit betörenden Blicken und ebenfalls tiefen Einsichten. Sie kniete auf dem Stuhl, ihre knappen Jeans gaben den halben Hintern frei.
Nachdem Dr. Winderlich alle Bankreihen passiert hatte, setzte er sich und nahm sein kleines rotes Notizbuch zur Hand, das die Kreis & Volksbank alljährlich der Lehrerschaft spendierte (die Schüler nannte es abfällig 'Genickschussbuch'). Dort hinein notierte er die Namen derer, die das Blatt nicht oder nur unvollständig ausgefüllt hatten. Dies geschah nicht nur, weil es zu seinen Dienstpflichten gehörte, sondern auch als Demonstration seines blendenden Gedächtnisses. Als er alle Namen der sechzehn Sünder genannt und eingetragen hatte, herrschte für eine Weile bewunderndes Schweigen.
Winderlich trat zur Tafel und schrieb das Thema der folgenden Gruppenarbeit an. Es lautete: Dein Bruder gesteht dir, dass er homosexuell ist. Wie würdest du dich verhalten? Zeit: Zwanzig Minuten. Er sagte: „Die interessantesten Arbeiten wollen wir anschließend diskutieren. Die Auswahl nehmt ihr vor.“
Zunächst entbrannte eine Diskussion darüber, wer am Tisch den Thinktank bilden und wer schreiben sollte. Winderlich, der die Meinung vertrat, der beste Unterricht sei der, wenn der Lehrer Zeitung lese und die Klasse trotzdem arbeite, las zwar nicht Zeitung, aber er nahm eine Klausurenmappe hervor und versuchte zu korrigieren. Er war noch nicht weit gekommen, da sagte Carmen: „Herr Winderlich, darf ich Sie etwas fragen?“-
„Ja natürlich.“
„Ist Samenschlucken eigentlich schädlich?“
Irgendwo wurde gekichert, jemand sagte: „Genau das wollte ich auch schon die ganze Zeit wissen!“ und wurde mit der Bemerkung zurechtgewiesen: „Und warum haste nich jefragt, du Eimer?“
Dr. Winderlich klappte die Mappe wieder zu und beschloss, durch Sachlichkeit zu verblüffen. „Im Prinzip nicht, aber wie so häufig liegt der Teufel im Detail. Wenn der Samenspender körperlich gesund ist, hätte ich grundsätzlich keine Bedenken. Wenn er aber –“
Im Lautsprecher neben der Uhr knackte es, und die etwas rauchige Stimme der stellvertretenden Schulleiterin ließ sich vernehmen. Die Stimme teilte mit, die Schulleitung gebe den Klassen fünf bis zehn nach der vierten Stunde hitzefrei. Der Oberstufenunterricht finde nach Plan statt. Knacks, aus.
Wildes Indianergeheul erklang. Die Klasse schien geradezu in Ekstase verfallen zu sein. Winderling gelang es gerade noch, die Hausaufgabe für die nächste Stunde zu verkünden, dann stand er alleine im Raum.
Es war jetzt das erste Mal an diesen Vormittag, dass sich Winderlich wirklich ärgerte. Immer wieder diese verdammten Durchsagen kurz vor Stundenschluss! Diese Unterbrechung hatte ihn daran gehindert, durch Sachlichkeit zu verblüffen und seinen Ruhm zu mehren.
 

xavia

Mitglied
Hallo liebes Rotkehlchen,

neben ein paar Rechtschreibfehlern, von denen ich unten drei liste, haben mich beim Lesen drei Dinge gestört:

Erstens hatte ich in der Rubrik »Humor und Satire« mehr erwartet als nur ein Kondom im Klassenbuch und Federtaschen, die an die Wand geworfen werden.
Zweitens habe ich bis zur Mitte der Geschichte einen gestandenen Lehrer in mittleren Jahren oder auch gegen Ende seiner Dienstzeit vor mir gesehen, den ich dann gegen einen Jüngling austauschen musste, was ein ziemlicher Bruch gewesen ist.
Drittens finde ich das Ende nicht gut. Spätestens dort hätte ich mir etwas zum Lachen gewünscht. Die Andeutung, es hätte etwas gegeben, das jetzt aber nicht mehr aufgeschrieben werden kann, ist keine wirklich gute Pointe. Es könnte eine sein in einer Geschichte, die ein Trommelfeuer an Witzen enthält. Dann wäre man in der Stimmung, auch über einen weggelassenen Witz zu lachen.

Nichts für ungut und liebe Grüße
Xavia.

Revange ? Revanche

Standartantworten ? Standardantworten

das erste Mal an diesen Vormittag ? diesem
 

rotkehlchen

Mitglied
Hallo Xavia,

vielen Dank für deine Hinweise.

Zur Geschichte. Na ja, es sollte ja auch nichts Weltbewegendes sein. Ich dachte, vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser an seine eigene Schulzeit und kann wenigstens grinsen...

Liebe Grüße
rotkehlchen
 

xavia

Mitglied
Ja, so habe ich das wohl verstanden, denke aber, es würde sich lohnen, die Geschichte noch mal zu überarbeiten, damit sie ein Knaller wird. Sie liest sich schon schön und interessant, aber, wie gesagt, am Ende fühle ich mich betrogen, da fällt dir doch bestimmt noch eine unerwartete Wendung ein, wenn du mal in deiner Schulzeit kramst. Und den Lehrer, den kannst du doch gleich am Anfang schon jung machen, dann sieht er gar nicht erst meinem Ex-Physiklehrer ähnlich ;)
LG Xavia.
 

rotkehlchen

Mitglied
Antwort

xavia,

da gebe ich dir durchaus recht. Die Gesch. gleicht einem Hund ohne Schwanz. Nur, mir fällt im Moment nichts Passendes ein, und trivial will ich nicht werden. Also lege ich sie erst einmal beiseite. Was mich aber verwundert ist dies: Wieso erscheint dir der Lehrer zunächst als alt? Viell. wegen des Dr.? Dann also statt Dr.: Studienassessor.
LG,rotkehlchen
 

xavia

Mitglied
Nein, nicht wegen des Dr. (vielleicht doch?), sondern eher, weil meine Lehrer oft so viel älter waren als ich und das deswegen erst einmal die naheliegende Idee ist. Es steckt nicht im Text, sondern in meinem Kopf, aber der Text korrigiert mich erst spät. LG Xavia.
 

xavia

Mitglied
Tja, meckern ist offenbar einfacher als es besser zu machen. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, ob mir nicht irgendeine Situation einfällt, die an sich ganz harmlos ist aber gegen Ende der Stunde beim Hereinkommen einer Kollegin für Peinlichkeit sorgen könnte. Oder ein wirklich krasser Streich, den die Klasse dem Lehrer schließlich spielt. Aber – noch – ist mir nichts eingefallen. LG Xavia.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Lehrer mit Doktor-Titel sind eher selten. Ich habe da auch einen gesetzten Herrn gesehen: Er Chemie und Biologie studiert und in diesen Fächern promoviert (so legt es der erste Satz zumindest nahe), was Zeit kostet. Als klar wird, dass er Lehrer ist, kommt noch die Lehrerausbildung dazu. Und was dann kommt, lässt ihn abgeklärt und vor allem erfahren wirken. Letzteres bleibt auch so, so dass ich selbst nach der Behauptung, Winderlich sei jung, ihn nicht jung gesehen habe.
 

Tula

Mitglied
Hallo

Schlecht ist der Text nicht. Im Gegensatz zu manchen sprachlichen Verrenkungen in dieser Sparte, die merkwürdigerweise mit Humor verwechselt werden, versucht sich dieser Text mit einer 'feineren Situationskomik', welche trotz allem realistisch wirkt.
Der Kritik vor mir muss ich insgesamt zustimmen, hier steckt mehr drin. Der Spannungshöhepunkt der Geschichte und seine Auflösung überzeugen mich nicht sonderlich (was könnte Winderlich da noch hinzufügen, ohne die Schüler gleich wieder belehrend zu langweilen?). Bedenkenswert ist mMn der sonst so wichtige letze Satz: 'seinen Ruhm zu mehren?' Hhmm ...

LG
Tula
 

rotkehlchen

Mitglied
Sexualkunde bei Herrn Winderlich

Herr Winderlich (Biologie und Chemie) stieg in den zweiten Stock hoch.
Die Schüler hatten Wachen aufgestellt. Als der Knabe vor der 9b Winderlichs Kopf die Treppe hochschaukeln sah, lief er er in die Klasse zurück, rief: „Er kommt!“ und schloss die Tür.
Winderlich betrat den Klassenraum und staunte. Dreiunddreißig Schülerinnen und Schüler saßen angestrengt artig auf ihre Plätzen und sahen ihm erwartungsvoll entgegen. Sein Gruß wurde fast einstimmig beantwortet, jedoch gab er sich keinen Illusionen hin. Ihm war sofort klar, dass etwas in der Luft lag. Irgendetwas hatte diese Rasselbande ausgeheckt. Zeit genug war ja gewesen: Die Uhr über der Tür zeigte bereits zwölf nach zehn, regulärer Unterrichtsbeginn wäre um fünf vor zehn gewesen. Schreyvogel hatte wieder einmal kein Ende gefunden.
Winderlich, jung, dynamisch, mit strahlend blauen Augen, setzte sich und blickte in die Runde. Er sah in vom Herumtollen erhitzte Gesichter, die ihn zum Teil lüstern grinsend oder auch verhalten mitleidig anstarrten. Die Atmosphäre war aufgeladen; für einen kurzen Moment vermeinte er Stallgeruch zu verspüren. Durch die Wand hörte er das Gepolter der Nachbarklasse; Frau Hübner ließ sich wieder einmal Zeit.
Winderlich war zwar neu, aber kein Greenhorn mehr. Schließlich war er durch die harte Schule der Lehrerausbildung gegangen. Ihm war klar: Er sollte auf Praxistauglichkeit geprüft werden.
Er griff nach dem Klassenbuch, um den verspäteten Unterrichtsbeginn zu notieren. Von einer der hinteren Bankreihen erklang unterdrücktes Glucksen. Sofort begriff er: Der verfängliche Gegenstand war diesmal das Klassenbuch. Er schlug das Buch auf und erblickte ein lappiges, ausgeleiertes Präservativ.
Man hörte deutlich das Ticken der Uhr über der Tür, so mucksmäuschenstill war es (auch nebenan war mittlerweile Ruhe eingekehrt). Die Klasse war aufs Höchste gespannt.
Winderlich dachte: Und solchen Rangen soll ich die Grundzüge menschlicher Sexualität erklären. Nur, auf Gedanken kommt es jetzt nicht an. Es kommt jetzt alles darauf an, die richtigen Worte zu finden. Ein kleiner Mann will Schlachten gewinnen, ein großer den Krieg, also gewinnen wir den Krieg!
Natürlich wusste er sofort, woher der Wind wehte.
Er blickte die beiden Schülerinnen in der Bank vor ihm an, die ihn anstarrten als wollten sie ihn auffressen. Was er sah, erfüllte ihn nicht mit Zuversicht. Über Carmens rundem Gesicht erglänzte der Haarschopf teils in Schwaz, teils in blau-violetten Farbtönen. Die Wimpern waren dunkel übertuscht, in den Ohrläppchen und in der Unterlippe klemmten Piercings. Ihre Bluse schillerte schwarz-seiden, unter der Bank schauten blanke schwarze Stiefeletten hervor. Am Ringfinger ihrer rechten Hand, die gerade ihr Maskottchen tätschelte, steckte ein dicker Siegelring mit Totenkopffratze. Das andere Mädchen mit dem Gesicht eines Trompetenengels und mit violetten Lidschatten hatte sich etwas weniger auffällig herausstaffiert, aber für Winderlichs Geschmack immer noch auffällig genug.
Es war nicht ihr erster Versuch, Winderlich in eine peinliche Situation zu bringen.
Sie hielten diesen jungen Lehrer, der aus irgendeinem Grund keinen Ring trug, für einen verklemmten Junggesellen.
Winderlich überlegte blitzschnell. Es gab für ihn jetzt mehrere Möglichkeiten: Er konnte eine sachliche, eine belehrende, eine schlagfertige oder gar keine Bemerkung machen. Er entschied sich für die schlagfertige.
„Das nächste Mal erbitte ich mir frische Ware! Und jetzt ist Schluss mit solchen Späßen! Aus und over!“
Es erklang heiteres, unbeschwertes Gelächter. Einige Schülerinnen klatschten sogar Beifall. Winderlich nahm es nicht ohne innere Genugtuung zur Kenntnis. Diese Schüler konnten alles Mögliche sein: Sie konnten faul, unhöflich, durchtrieben, unpünktlich, manchmal sogar bösartig sein, nur eines waren sie nicht: Sie waren nicht dämlich. Jeder wusste eine gute geistreiche Antwort zu schätzen.
Diese Runde war also an ihn gegangen. Aber er wusste auch: So schnell würden die beiden Mädels vor ihm nicht aufgeben! An ihren Blicken sah er: Sie sannen auf Revanche. Schon steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten.
In der Klasse nebenan ging es wieder hoch her. Lautes Stimmengewirr war zu vernehmen. Anscheinend sausten Federtaschen durch die Luft. Etwas krachte mit dumpfen Knall gegen die Wand.
Winderlich ging durch die Bankreihen und überprüfte die Hausaufgaben. Ein Arbeitsblatt mit Lage und Funktion der innersekretorischen Drüsen sollte angemalt und beschriftet werden.
Eine Schülerin stöhnte: „Herr Winderlich, mir ist so warm!“, eine andere fragte: „Herr Winderlich, darf ich etwas trinken?“, ein Schüler wollte wissen, ob er etwas essen dürfe.
Auf solche und ähnliche Störmanöver hatte Winderlich verschiedene Standardantworten parat. Der einen Schülerin empfahl er: „Dann sitz still, denn jede Bewegung erzeugt noch mehr Wärme“, der anderen donnerte er ein klares „Nein!“ entgegen. Den Schüler beschied er folgendermaßen: „Der Apostel Paulus sagt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Außerdem ist dazu die Pause da.“
Jetzt beugte er sich über Carmens Platz, um ihr Blatt abzuzeichnen. Auch Carmen beugte sich vor und betrachtete scheinbar interessiert Winderlichs Schreibhand. Dabei bot sie ihm großzügig Einblick in den Ausschnitt ihrer knapp bemessenen Bluse. Ihre Nachbarin, ebenfalls körperlich schon erstaunlich gut dabei, assistierte mit betörenden Blicken und ebenfalls tiefen Einsichten. Sie kniete auf dem Stuhl, ihre knappen Jeans gaben den halben Hintern frei.
Nachdem Winderlich alle Bankreihen passiert hatte, setzte er sich und nahm sein kleines rotes Notizbuch zur Hand, das die Kreis & Volksbank alljährlich der Lehrerschaft spendierte (die Schüler nannte es abfällig 'Genickschussbuch'). Dort hinein notierte er die Namen derer, die das Blatt nicht oder nur unvollständig ausgefüllt hatten. Dies geschah nicht nur, weil es zu seinen Dienstpflichten gehörte, sondern auch als Demonstration seines blendenden Gedächtnisses. Als er alle Namen der sechzehn Sünder genannt und eingetragen hatte, herrschte für eine Weile bewunderndes Schweigen.
Winderlich trat zur Tafel und schrieb das Thema der folgenden Gruppenarbeit an. Es lautete: Dein Bruder gesteht dir, dass er homosexuell ist. Wie würdest du dich verhalten? Zeit: Zwanzig Minuten. Er sagte: „Die interessantesten Arbeiten wollen wir anschließend diskutieren. Die Auswahl nehmt ihr vor.“
Zunächst entbrannte eine Diskussion darüber, wer am Tisch den Thinktank bilden und wer schreiben sollte. Winderlich, der die Meinung vertrat, der beste Unterricht sei der, wenn der Lehrer Zeitung lese und die Klasse trotzdem arbeite, las zwar nicht Zeitung, aber er nahm eine Klausurenmappe hervor und versuchte zu korrigieren. Er war noch nicht weit gekommen, da sagte Carmen: „Herr Winderlich, darf ich Sie etwas fragen?“-
„Ja natürlich.“
„Ist Samenschlucken eigentlich schädlich?“
Irgendwo wurde gekichert, jemand sagte: „Genau das wollte ich auch schon die ganze Zeit wissen!“ und wurde mit der Bemerkung zurechtgewiesen: „Und warum haste nich jefragt, du Eimer?“
Winderlich klappte die Mappe wieder zu und beschloss, durch Sachlichkeit zu verblüffen. „Im Prinzip nicht, aber wie so häufig liegt der Teufel im Detail. Wenn der Samenspender körperlich gesund ist, hätte ich grundsätzlich keine Bedenken. Nehmen wir aber mal an, er ist mit HIV infiziert, und du hast Zahnfleischbluten. Was kann dann passieren?“
Schon während Winderlich die Frage stellte, wusste er, dass sie idiotisch war.
„Dann spuck ich´s eben wieder aus!“
Allgemeines Gelächter. Der Punkt ging eindeutig an Carmen.
„Unsinn“, sagte Winderlich, und belehrte: „Du kannst dich infizieren und an AIDS erkranken. Und das ist alles andere als lustig.“
Zunächst herrschte so etwas wie Arbeitsruhe, doch das nächste Überraschungsei war schon geschält.
Holger, ein riesiger Klops, der normalerweise unbeweglich wie eine alt-ägyptische Kolossalfigur auf seinem Stuhl hockte: „Herr Winderlich, meine Oma sagt, vom Wichsen wird man schwachsinnig.“
„Hahaha, was verstehst du denn davon, du Kloß!“, rief jemand.
„Arschloch!“, kam es zurück.
„Ruhe!“, brüllte Winderlich, „bin ich hier in einer terroristischen Vereinigung oder in einer neunten Klasse eines deutschen Gymnasiums?“ Erste Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
„Mann“, kam es von ganz hinten, „wo nehmen Sie diese Vergleiche her?“
„Wird man nun, oder wird man nicht?“, rief Holger.
Winderlich überlegte. Sollte er darauf antworten oder auf der Gruppenarbeit bestehen? Er entschloss sich, zu antworten, denn schließlich war Sexualkunde.
„Bestell deiner Oma einen schönen Gruß von mir“, sagte er, „aber von diesen Dingen scheint sie keine Ahnung zu haben!“
Heiteres Händeklatschen. Der Punkt ging an Winderlich. Aber der Rotz war noch nicht vom Ärmel.
„Mein Vater behauptet das auch!“, insistierte Kai. Seine verpickelte Stirn blühte. „Hat der auch keine Ahnung?“
Vorsicht an der Bahnsteigkante, dachte Winderlich, jetzt wird´s brenzlich. Ein falsches Wort, und ich stehe ich im Dienstzimmer des Schulleiters und hole mir einen Einlauf ab.
Aber gibt es ein höheres pädagogisches Gut als die Wahrheit?
„Nun ja“, begann er, „früher dachte man so, ja. Aber mittlerweile ist man anderer Ansicht. Es gibt keinen medizinischen Befund, dass Selbstbefriedigung das Nervensystem angreift. Die Organischen Vorgänge sind die gleichen wie beim Niesen. Differenzierte Bereiche des Ur-Magen-Darmtrakts kontrahieren und werfen Sekret aus.“
Atemlose Stille. Winderlich wusste nicht recht, war´s sein Vortrag, der sie verblüffte, oder war´s die Ruhe vor neuem Sturm.
Da knallte eine Stimme in den Raum: „Mann, das isn Ding! Ich werd nich mehr! Meine Oma niest manchmal siebzehnmal hintereinander!“
Das Gelächter war nicht enden wollend.
„So“, sagte Winderlich, als sich die Klasse halbwegs beruhigt hatte, „jetzt ist Schluss mit Lustig! Jetzt wird gearbeitet, und zwar ohne wenn und aber!“
„Machen wir, machen wir!“, tönte es von mehreren Seiten.
Eine Weile herrschte tatsächlich Ruhe, dann fragte Carmen: „Herr Winderlich, sind sie verheiratet?“
„Ich sagte Ruhe.“
„Ach, nun seien Sie doch nicht so. Sagen Sie es, und dann sind wir auch ganz brav.“
Winderlich wischte sich die Stirn. Was kam denn nun schon wieder? „Warum willst du das wissen?“
„Erst Sie, dann ich!“
„Na schön. Nein, ich bin noch nicht verheiratet, aber bald.“
„Darf ich Ihnen einen Kuss auf die Stirn drücken?“
„Jetzt nicht. Vielleicht beim nächsten Schulfest.“
Winderlich wusste: Er hatte bestanden.
 

Rumpelsstilzchen

Foren-Redakteur
Teammitglied
Tach rotkehlchen!

Hab' ein wenig ausgekehrt:
Wenn Du eine überarbeitete Version eines Textes einstellen möchtest, dann bitte mit dem "Bearbeiten"-Knopf, nicht als neuen Thread. Habe das jetzt für Dich übernommen und den Thread Fassung 2 gelöscht.


Flog mit seinem Besen
von Jetzthier
nach Bindagewesen
 

rotkehlchen

Mitglied
Hallo, liebe Leser,

habe mir die Kritik zu Herzen genommen und lange nachgedacht. Dabei kam obenstehende Neubearbeitung heraus.
 

Schrissi

Mitglied
Liest sich wie das Protokoll eines verklemmten Lehrers, der noch bei Mama wohnt und sich Abends eine auf die geile 15 jährige runterholt
 

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