Sie zeigen mir ihre Narben

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sohalt

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Sie werden leben, wenn ich tot bin. Manchmal zweifle ich daher, ob ich geeignet bin für eine Arbeit mit Kindern. Denn ich habe Angst, dass ich irgendwann deswegen umkomme vor Neid. Noch fehlt er. Aber ich warte auf ihn, seit ich 5 bin, seit mir beim Anblick eines Säuglings zum ersten Mal dieser Gedanke gekommen ist.

Wir warten nur noch auf die Eltern, auf großen, weißen Plastik-Stühlen unter einem weißen Sonnenschirm und wolkenlosem Himmel. Die Kinder sind nach dem Tennis glücklich ermattet und, weil sie gerade einen durch Hitze und Anstrengung mordsmäßigen Durst gestillt haben, höchst befriedigt, alles im Lot, die Welt ist eine Kinderschokolade-Werbung und die Gespräche plätschern friedlich dahin. Wir sind gerade bei den Spiel- und Sportverletzungen – gebrochene Knochen, genähte Lippen und Gehirnerschütterungen – ein unschlagbares Thema bei dermaßen aktiven Kindern; jedes steuert stolz etwas aus dem eigenen Erfahrungsschatz bei. Da zeigt mir die Kleine ihre Narbe. Ein schwarzer Punkt auf der Fingerkuppe, eintätowiert für die Ewigkeit – wie man ihn davonträgt, wenn einem der Sitznachbar den Bleistift in den Finger rammt. Hab ich schon öfter gesehen, scheint gängige Praxis – die obligatorische Bleistiftnarbe. Trotzdem: „Wie ist das denn passiert?“ Fröhlich: „Meine Freundin! Die hat mich gestochen! Fies nicht?“ – „Aber warum denn das?“ Achselzuckend: „Weil sie so wütend war.“ – „Und warum war sie gar so wütend?“ – Ihr Blick verschattet, ihre Antwort ist ein schwarzes Loch, schluckt das Licht und saugt alle Sonne aus der Szene.
„Weil ihre Mama heuer gestorben ist.“

Gewöhnlich brauchen kleine Mädchen nicht so triftige Gründe, um verletzend zu sein.

Ein Spielzeugmuseum, hinten ein großer Garten – 1000 phantasieanregende Spielideen, Barfußpfad, Holzfällerstation, Baumstammparcours, Zirkusskulisse, alles im Preis inbegriffen. Die beliebteste Attraktion ist ein kleines, grelles Plastikkarussell vor dem Eingang, für das man einen Euro einwerfen muss. 3 Mädchen sind schon seit Stunden dabei, hier ihr gesamtes Vermögen zu verbraten, Prinzessin und Gefolge: eine Plumpe-Laute, und eine Leise-Zarte. Die Leise immer dekorativ daneben, die Plumpe am Machen, setzt die Rechte ihrer Königin gegen die anderen Kinder durch. „Jetzt sind aber wieder wir dran, ihr wart schon dreimal! Nicht anschieben! Das wird so kaputt, hat die Frau gesagt, man muss zahlen, sonst geht das nicht. Und die da fährt jetzt nicht mit, die soll mal selber zahlen. Ich hab noch einen Euro, da darfst du mitfahren! Aber nur du! Du und ich. Und beim Heimfahren setzt du dich im Bus dann neben mich, ja?“. Tut sie natürlich nicht. Sie sitzt neben der Leisen.

Beim nächsten Ausflug fährt die Leise-Zarte allein mit. Ein penetrant niedliches Kind. Kindchen-Schema total. Die Hälfte des Gesichtsfeldes dominiert von den Augen. Mir schaudert. Große Augen, in zu wenig Baby-Speck eingebettet, zu tief – wie die großen Löcher im Totenschädel. Eine zu zarte Haut bedeckt ihn zu wenig. Das Mädchen schaut zum Busfernseher auf, mit seelenvollem Blick und leicht geöffnetem Mund, ganz fasziniert. Es wird gerade ein 08/15 Hollywood Kinder-Sport –Tier-Film gezeigt, ein basketballspielender Hund im Sprung beim Erzielen des spielentscheidendes Korbes. Was ist da bitte seelenvoll zu schauen? Und ich weiß, mit genau diesem seelenvollen Blick wird sie später wegen jedem Scheiß zu jedem beliebigen Typ aufschauen, sie kann gar nicht anders, es ist ihr Standard-Geschau und ich könnte aufspringen und sie schütteln: Schau nicht so seelenvoll!

Überhaupt, immer diese Kinderaugen.

Beim Töpfern vertu ich es mir mit Polly-Patent. Auch so ein niedliches Kind, aber weniger lieblich süß, mehr von der bodenständigen Niedlichkeit, wie die Hummelfiguren: rotbäckig, blond, Knopfaugen – aber wie die blitzen! Und sehr adrett, sehr geschickt, sehr ordentlich, alles im Griff, hat ihr eigenes Gefolge. Die töpfert natürlich die schönste Vase. Nachher müssen die Töpfereien aber auch noch gebrannt werden, zu diesem Zweck müssen sie zu mir gebracht und mit einer Nummer versehen werden, damit die Eltern dann in zwei Wochen auch die richtigen Stücke abholen. Polly hat ihre Nummer vorsorglich schon selber angebracht, sorgfältig in das Muster der Vase eingearbeitet. Es soll ja schön werden! Ich, gelangweilt und der Töpferei gegenüber seit jeher ignorant, bloß bestrebt, das Ganze anstandslos hinter mich zu bringen, und vor allem hauptsächlich die Stimme der Töpfertante im Ohr: Aber ja die Nummern deutlich schreiben! – ritze sie noch mal zur Sicherheit groß und fett quer über die ganze Vorderfront.

Seither weiß ich: Stahlblaue Augen sind mehr als eine abgedroschene Phrase.

Diese Pollies. Wenn man ein wenig schlampig ist und ein wenig patschert und ein wenig gedankenlos, hat man es nicht leicht mit ihnen. Erinnerungen steigen hoch, an sämtliche Pollies meiner Kindheit und ich kriege heute noch Angst. Selber müsste man dauernd im Erdboden versinken, aber diesen Pollies könnte nie was passieren. Polly Patent. Polly Perfekt.

Später ist Polly dann das einzige Kind, das nicht abgeholt wird. Wir warten mit ihr noch eine halbe Stunde und fahren sie dann selber heim. Sie wohnt in den Hochhäusern.

„Die von den Hochhäusern sind immer ein Fall für sich, das merkt man halt schon“, meint meine Kollegin. Und dass die Jugend immer mehr verroht, und dass Sitte und Anstand den Bach runter gehen und überhaupt Werteverfall, und Untergang des Abendlandes und alles, und wir konnten früher halt noch grüßen und bitte und danke haben wir auch gesagt und gewusst, was Respekt ist – das meint sie auch. Sie ist 18. Und verlobt auch schon, man wohnt bereits zusammen. Nach dem Studium wird geheiratet. Madame.

Aber bei denen von den Hochhäusern ist mitunter wirklich Obacht angebracht.

Mackie hat ein Messer und das hat er auch schon in die Schule mitgebracht. Wurde uns von den anderen Kindern erzählt. Mal mit Abscheu, mal mit Ehrfurcht. Zu unseren Ausflügen nimmt er hoffentlich keines mit, aber so genau wissen will ich das gar nicht. Außerdem schaffte er es auch ohne, Angst und Schrecken zu verbreiten. Ein brutaler kleiner Kerl. Dieser Jahr fährt er auf den Bauernhof mit, ein Ausflug, bei dem es hauptsächlich darum geht, Pferde zu bürsten, Ziegen zu melken, und Kleinvieh durch die Gegend zu schleppen. „So süß, die Küken! Und hast du schon die Hündchen gesehen? So süß! Ich mag auch mal streicheln! Gib her, ich mag das schwarze Kätzchen. Meins ist das weiß-schwarz gefleckte, das ist das Süßeste. Mama hat gesagt, wenn unsere Meerschweinchen tot sind, kauft sie uns auch eins. Hoffentlich kriegen wir es bald!“

Frage: Was will Mackie-Messer auf so einem Ausflug? Kätzchen streicheln? Mir schwant Böses.

Gestreichelt wird allerdings. Bloß keine Kätzchen. Mäckie übt sich im Nahkampf – und diesmal zur Abwechslung nicht im martialischen Sinn, sondern im Sinn der Altherrenwitze – im Sinn von - „Die liegen miteinander im Heu und er greift sie aus!“ – wie mir meine Kollegin entrüstet berichtet. Er stolze 13, sie zarte 12. Bei der Heimfahrt werden dann die Nummern ausgetauscht. Er schreibt ihr seine in das Malbuch, das sie bei der Schatzsuche gewonnen hat.

Die Schatzsuche: Die Kinder bekommen eine Landkarte, mit deren Hilfe sie losziehen, um die überall auf dem weitläufigen Grundstück verstecken Schätze einzusammeln. Meistens sind es Zuckerl, Lollies, Malbücher, Buntstifte, aber auch weniger kinderspezifische Sachen wie etwa Fliegenklatscher, Haarbürsten und Spiegel, die der Bauer irgendwo im Sonderangebot oder als Werbegeschenk aufgetrieben hat. Sie erhalten aber nicht nur 1A - 1-Euro-Shop-Wühltisch-Ramsch sondern auch eine Weisheit fürs Leben: Am Ende versammelt sie nämlich der Bauer jedes Mal feierlich alle um sich, und fragt in salbungsvollem Tone, was denn nun der größte Schatz im Leben sei.

„ Eine Sony-Playstation! Ein Barbi-Wohnmobil! Das neue Yugi-O-Kartenset“ – krähen die Kinder dann. In meinen Träumen. In der Realität rufen sie beflissen: „Gesundheit! Zufriedenheit! Freunde! Familie!“. Und zeigen womöglich vorher auf auch noch. (Wo bleibt Mäckie? Der liegt zu diesem Zeitpunkt bereits im Heu).

Und ich selbst, früher? An einem Tag hätte ich bei so einer Gelegenheit noch als erste und am lautesten Zufriedenheit gekräht. Und am nächsten schon hätte ich meine krähenden Mitkinder am liebsten geschlagen, weil sie tatsächlich so wenig Stolz hatten, so eine Frage auch noch ernsthaft zu beantworten und damit die Würde der gesamten Kinderschaft in den Dreck zogen. Dieser Schnitt vollzog sich plötzlich und durch nichts begründet und ich betrachte ihn als wichtigsten Fortschritt meiner geistigen Entwicklung.

Geistige Entwicklungen können problematisch sein. Vor allem ausbleibende.

Bis 14 dürfen sie mitfahren. Die meisten 14-jährigen nützen das Angebot nur mehr für den Kino-Ausflug, zum Glück; sie sind schwerer zu handeln. Aber der Go-Kart-Ausflug ist in dieser Hinsicht natürlich auch gefährlich. Wir wappnen uns schon einmal seelisch und entwickeln Strategien. Madame will nichts durchgehen lassen, ein Rüffel hie ein Rüffel da (Was muss ich da hören? Ficken? Schlampe? Keine solchen Ausdrücke in meiner Gegenwart! Na, ich wär schnell still, impertinentes Gfrast – sonst, sonst.. Ja, was sonst?), sie setzt auf Autorität. Schlechte Idee: Wir haben nämlich keine.

Ganz anders die zweite Kollegin: Mademoiselle. Ersten Freund vor 2 Monaten nach kurzer Romanze wehmütig wieder in den Wind geschossen. Balletttanz seit der Volksschule, das prägt. Noch beim Seniorentanzen wird sie etwas Mädchenhaftes an sich haben. Sie versucht es mit Infiltration. Fraternisieren mit dem Feind. Wir sind ja auch noch jung, wild und verwegen, wir wissen doch, was läuft – also erzählt mal, wo geht ihr so fort, was hört ihr so für Musik? – Lässt sich berichten und verteilt dann Lob und Tadel, Lob für Punkiges, Rockiges, Alternativ-Angehauchtes, Tadel für den allzu flauschigen Mainstream, denn unter Rammsteim, Metallica, den Ärzten und Gangster-Rap find sich doch auch so mancher Casting-Show-Klingelton – geizt allgemein nicht mit Aufmerksamkeit und hat sie damit voll erwischt, denn danach lechzen sie, wie Straßenköter nach Küchenabfällen.

Beim Go-Kart-Ausflug fährt sie mit, nicht Madame. Könnte klappen. 2 Fans hat sie schon, Spud und Sickboy. Die beiden sitzen mit uns im integrierten Gastronomiebetrieb, am Tisch mit Blick auf die Bahn, während sie warten, bis sie an der Reihe sind. 3 Mal darf jeder, außer dem Kleinsten, der ist umsonst mitgefahren, denn er erfüllt nicht die Sicherheitsbedingungen, würde unter dem Gurt durchrutschen. An sich ausführlich nachzulesen in der Broschüre, die wir zu Ferienbeginn ausgeben, haben die Eltern mal wieder nicht aufgepasst. Jetzt steht der Kleine den ganzen Tag am Rand der Bahn und schaut den anderen Kindern sehnsüchtig nach, wie sie davon fetzen. Eigentlich sollten wir neben ihm stehen, ihn trösten, schauen, dass er sich nicht zu sehr langweilt. Stattdessen lassen wir uns von Spud und Sickboy ihre umfangreiche Kollektion an mit dem Handy aufgenommenen Photos von davonfahrenden Polizeiautos zeigen. Und da heißt es immer, die Jugendlichen würden heute nur mehr vorm Fernseher oder vorm Computer vergammeln und hätten keine Outdoor-Hobbies mehr. Auf dem Stadtplatz treffen sie sich jedes Wochenende zum Vorglühen, da darf seit neuerstem kein Alkohol mehr getrunken werden, wird uns berichtet, schön, na, das sollen sie mal durchsetzen, werden schon sehen, jetzt erst recht! Ihr könnt uns ja verpetzen, wenn ihr wollt, verpetzt uns ruhig. Wir denken gar nicht dran. Es ist ein Spiel. Na seid ihr jetzt geschockt? Und jetzt? Und jetzt? Und jetzt? So leicht nicht, meine Herren! Wir lassen sie auch rauchen, mein Gott, sie sind 14. Von unseren Leuten haben die meisten mit 14 auch schon geraucht, oder nicht? Aber ein Bier holt euch bitte keines. Der Herr von der Gemeinde ist auch mit und könnte jederzeit reinkommen, eine Tschick kann man da leicht ausdämpfen, aber ein Bier…

Sie werden zutraulich. Sie erzählen uns alles. Wesentlich mehr, als wir wissen wollen. Wo sie sich mit Pornos versorgen (hauptsächlich übers Internet), welche Rauschmittel sie nehmen, woher sie das Geld dafür haben (Sickboy vercheckt auf seiner Schule geschmuggelte Zigaretten aus Tschechien, nächstes Jahr kommt er auf’s Sport-BORG, er freut sich schon: größere Schule, größerer Absatzmarkt - gut fürs Geschäft; Spud mäht seinem Onkel dem Rasen, später will er mal Koch werden – Kochen ist voll geil, erzählt er mit glänzenden Augen)und wie sie sich einmal vor meiner Zeit beim Angelausflug hinten auf dem Fisch-Ausnehm-Platz eingekifft haben. Ich bin beim Fischen heuer nicht dabei, Gott-Sei-Dank.

Sie haben uns so viel erzählt, jetzt sollen wir auch. Geht ihr oft fort? Schaut ihr euch Pornos an? Hattet ihr schon mal nen Filmriss? Wie oft musstest ihr schon kotzen? Ich wette, noch gar nie! Nein, dauernd! Ihr seid doch immer vollfett, gebt es zu! Sie werden zudringlich.

Vor allem zu Mademoiselle. Eine Neckerei. Spielerisches Gerangel. Sickboy triezt sie, knufft sie, klaut ihr das Haarband. Gib es her! Er grinst nur. Ich stimme ein. Gib schon her! Und was, wenn nicht? Auf unsere Autorität zurückgreifen? Wir haben doch keine, schon vergessen? Sie versucht, ihm das Haarband zu entwinden, ein Handgemenge, da hat sie natürlich keine Chance. „Lass das!“ sagt Spud, „man haut keine Mädchen“. Ach, Spud.

Was lernen wir daraus? Doch die falsche Strategie. Meine ist besser: Wissen, dass man keine Autorität hat, aber die anderen glauben lassen, man hätte womöglich eine, indem man es nicht darauf ankommen lässt. Die klassische Kopf-in-den-Sand-Methode. Flechte spielen. Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Billig, funktioniert aber. Grundessenz: Distanz wahren! Geheiligte Distanz. Zu diesem Zweck hab ich immer ein Buch dabei. Ihr könnt Drogen dealen, Mädchen handeln, auf schwarzen Messen Babies braten – das hier ist sowieso viel interessanter.

Aber gelegentliche abgebrühte Kommentare kann ich mir dann doch nicht verkneifen.
Hachja, die Jugend. Der Wille zum Rausch und der Kampf um das Recht auf Selbstzerstörung.

„Ja, hab ich auch schon mal gemacht“ sagt Spud. „Ritzen.“ Er zeigt mir die Narben auf seinem Unterarm. „Mach ich aber jetzt nicht mehr“ versichert er treuherzig.

Auf der Heimfahrt geht das Spiel weiter. Sie setzen sich extra vor uns und drehen sich alle Augenblicke zu Mademoiselle um und wollen irgendwas. Einmal sitze da aber nur ich, denn Mademoiselle ist hinten, um einem Kind, dem schlecht geworden ist, den Kübel zu bringen. „Lass es“ sagt Sickboy. „Die mag uns nicht“.

So würde ich das nicht sagen.
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Diese Geschichte wollte ich schon seit dem Sommer mal schreiben. Ich würd mich also wirklich sehr freuen, wenn das wer durchackert, auch wenn es sich zieht, denn ich wäre wirklich bereit, daran zu feilen.

zB in Bezug auf den Titel bin ich noch unschlüssig. Vielleicht wäre schlicht "Kinder" besser?
 

Rainer

Mitglied
hallo sohalt,


dein text gefällt mir ausgezeichnet; er entspricht meinem literaturgeschmack: keine geschichte um der handlung willen, sondern ein kleines "sittengemälde".
mag die/der ein(e) oder andere auch einzelne punkte als unrealistisch oder überzogen ansehen - es ist deine sichtweise, die ich mir nicht nehmen lassen würde. und entwicklung findet immer statt (hoffe ich mal :)).
durch den titel bestimmst du auch ein bißchen die richtung des textverständnisses; "kinder" würde den schwerpunkt von der gefühlten (z.b. verletzbarkeit) hin zur protokollarischen ebene verschieben.
ganz glücklich bin ich mit dem titel allerdings auch nicht; was würdest du von "narben" halten?

viele grüße

rainer
 

sohalt

Mitglied
Rainer, auf dich kann man sich halt verlassen. Eigentlich post ich die Sachen hier fast nur mehr, damit du sie liest, denn du bist oft der einzige, von dem ich noch eine Rückmeldung (und sei es auch nur in Form einer nicht-anonymen Bewertung) bekomme. Auch auf die Gefahr hin, dass das jetzt wegen Plauderei ausgeblendet wird: Dafür möchte ich mich einmal bedanken.


"Narben" ist wirklich eine Erwägung wert. Von "Kinder" komm ich sowieso immer mehr ab, das erinnert zu sehr an diesen einen Film "Kids".

Was den Realitätsbezug angeht: Was soll ich sagen, ich habe noch nie bei einer Geschichte dermaßen wenig Phantasie eingesetzt. Bloß "meine" eigenen Reaktionen im Text sind der Zuspitzung halber einigermaßen überzogen geschildert. (zB ist mir in realiter völlig wurscht, ob Kinder jetzt auf die Pseudo-Fragen der Erwachsenen ernsthaft antworten oder nicht, ich find das eher faszinierend, dass Kinder sich noch so freuen, wenn sie mal was sagen können).

hmm, Narben. Trifft es wahrscheinlich wirklich am besten, aber ich zögere noch, denn wenn ich das wo in einem Forum lese, erwarte ich mir gleich so die klassische Troubled-Teen-Selbstverstümmelungs/bzw. Kindesmissbrauch-Geschichte. Bei "Narben" allein glaubt man vielleicht zu sehr, zu wissen, was jetzt kommt.

Ausflüge? Kindersommer? Ringel-Reihen?

lg
sohalt
 

sohalt

Mitglied
Nachtrag:

Der 1. Absatz im letzten Posting sollte übrigens kein Gejammer sein. Mir ist schon klar, dass ich selber kaum Kommentare oder auch nur Bewertungen abgebe, und dass ich deshalb auch umgekehrt keine Ansprüche stellen kann.

sohalt
 

Rainer

Mitglied
hallo sohalt,

dank des titel-problems haben wir eine ausgezeichnete möglichkeit etwas literarisch zu plaudern ohne ausgeblendet zu werden, oder den text schröcklicherweise ins lupanum verschoben zu sehen :).

"kinder" vs. "kids"
auch wenn ich den film sehr mag; er wäre mir ehrlich gesagt nicht in den sinn gekommen, da seine sichtweise meines erachtens nach eine andere, vor allem eine reflektionslose, ist.

wie es immer bei schnellen schüssen aus der hüfte ist: "narben" finde ich, auch und vor allem dank deiner erläuterungen, inzwischen geradezu sträflich - entschuldige bitte den vorschlag.

"ringel-reihen" - 95 %
"kindersommer" - 70 %
"ausflüge" - 60 % zustimmung.

feedback - ach, es ist schade wenn man nicht genau weiß, wie es ankommt, da geht es den schreibern genauso wie den aushilfskritikern meiner couleur :).

dass dein text so weit auf eigenen erfahrungen beruht hätte ich nicht gedacht, aber damit bist du umso besser gegen eventuelle "na so ist es doch garnicht"-meinungen gewappnet.
du bist demnach in der, ich fasse es mal ganz weit, jugendarbeit tätig? alle achtung, das könnte ich nicht. ich habe es mal ein paar jahre als ehrenamtlicher streetworker versucht, da war meine klientel vielleicht fünf bis zehn jahre jünger als ich, aber ich habe recht schnell gemerkt, dass es mich fertig macht; ich alles mit nach hause nehme und durchwalke bis es ein großes graues filzstück ist, in dessen mitte ich sitze...; inzwischen lägen wohl eher 20 bis 25 jahre dazwischen - das würde es nicht besser machen :).
da lobe ich mir doch die naturwissenschaften: grün bleibt grün und ein plus eins immer zwei.

viele grüße

rainer
 

Roni

Mitglied
hallo sohalt,

ich wuerde dir ja gern helfen beim feilen ...
nur, ich find nix. dein text gefaellt mir sehr gut, ist plastisch, zuweilen lakonisch und trifft meinen nerv.

du sprichst von durchackern, von ‚es zieht sich’ – da bliebe dann das kuerzen. aber ehrlich gesagt: ich wuesste nicht, auf welche der passagen ich wuerde verzichten wollen, jede in sich spricht mich an.
wenn aber doch, dann schau vielleicht noch mal auf den textabschnitt rund um die schatzsuche. vor allem von ‚und ich selbst, frueher’ ... bis ‚meiner geistigen entwicklung’. ein bisschen gehst hier vom beschreiben weg und hin zur analyse ... das laesst sich vielleicht anders gestalten.

was habt ihr gegen den titel? ich finde, er passt eigentlich ganz gut. sie zeigen, du schaust und beschreibst, lenkst durch deine beschreibung den leser und laesst ihm doch noch raum genug, sein ganz eigenes bild zu gestalten.
vielleicht ‚und sie zeigen ...’ und die narben weglassen, find ich aber auch noch nicht optimal.
ansonsten: hat spass gemacht zu lesen.

lg
roni
 

blaustrumpf

Mitglied
Gewöhnlich brauchen kleine Mädchen nicht so triftige Gründe, um verletzend zu sein.
Und ich weiß, mit genau diesem seelenvollen Blick wird sie später wegen jedem Scheiß zu jedem beliebigen Typ aufschauen, sie kann gar nicht anders, es ist ihr Standard-Geschau (...)
Balletttanz seit der Volksschule, das prägt. Noch beim Seniorentanzen wird sie etwas Mädchenhaftes an sich haben.
Und das sind nur drei Gründe für meine Begeisterung.
Als wenn sich Begeisterung an etwas Fasslichem festmachen ließe!

Hallo, sohalt

Natürlich reicht es nicht, eine hohe Meinung per Klick zu ventilieren. Wenn es schofel ist, unkommentiert die Unterwältigung anzuzeigen (wohl gar noch anonym), ist es auch nicht immer ausreichend, "ja, supi!" zu jodeln.

Aber wie denn nun meine Faszination argumentativ untermauern (und dabei die paar Tippfehler natürlich auch anmerken, damit mich niemand für kraft Enthusiasmus zum Vollkoffer mutiert hält)?

Es sind natürlich nicht nur die drei vorangestellten Zitate, die mich ins lesende Herz treffen.
Das erste weckt mein erinnertes Leid.
Das zweite ist eine ebenso genaue Beschreibung, scheint mir bitterböse und doch voller Zuneigung.
Das dritte schätze ich wegen der Zärtlichkeit der Hoffnung. Ich kenne zuviele Trampel, deren einstudierte Anmut zu plumpen Posen verkommen ist. Aber dass du "Mademoiselle" den Seniorentanz gönnst, ohne mir komplizenhaft zuzuzwinkern, als seien wir uns einig, dass solche Veranstaltungen auch immer einen Kern von Lächerlichkeit und Peinlichkeit in sich tragen, das lässt mich endgültig die "10" zücken.

Das System, das System. Ich bin gespannt, was der grünen Grundrechenart mein Enthusiasmus schlussendlich wert sein wird.

Schöne Grüße von blaustrumpf

P. S.: Titelvorschläge meinerseits:
  • "Zwischenaufenthalt"
    - okay, nichtssagend und bedeutungsgeschwängert zu gleich, vulgo: Kunstkacke.
  • "Die Kinder sind immer aus Wien"
    - aber erinnert sich eigentlich noch irgendjemand an dieses Lied von André Heller?
  • "Sommerkinder"
    - könnte sein, das ich in letzter Zeit zuviel Lyrik geschrieben habe.
 
Hallo sohalt!

Auch mir gefällt der Text, vor allem der Ton, der manchmal etwas leicht Sarkastisches hat. Sprachlich ist er in Ordnung, stellenweise auch, wie blaustrumpf feststellt, sehr treffend und originell. Gelungen erscheint mir, dass es dir so halt gelingt, ein „gutes“ Deutsch mit salopperen Wendungen zu verbinden. Das wäre ein Stilmittel.
Allgemein sehe ich noch ein paar kleinere sprachliche Otpimierungsmöglichkeiten oder es sind eben Nuancen des Sprachverständnisses.

Der erste Absatz ist aus meiner Sicht nicht so gut wie der Rest. Der erste Satz trifft. Aber dann hängst du sprachlich-stilistisch zu viel am Neid auf, und die Sätze sind etwas hölzern. Du schreibst: „Manchmal zweifle ich daher, ob ich geeignet bin für eine Arbeit mit Kindern.“
Das ist richtig, in mir wurde der Satz aber sogleich zu: „Manchmal zweifle ich daher, ob ich für eine Arbeit mit Kindern geeignet bin.“
„Denn ich habe Angst, dass ich irgendwann deswegen umkomme vor Neid. Noch fehlt er.“ Ja, das mag alles stimmen, wirklich optimal ist es für mich noch nicht formuliert. Vor allem wenn es dann weiter geht: „Aber ich warte auf ihn…“ Ich habe jedenfalls dies „ihn“ nur schwer zuordnen können beim ersten Lesen. Der Neid-Gedanke hat was, er sollte aber vielleicht selbstverständlicher ausformuliert werden. Möglicherweise ist das Ausweichen auf das Pronomen "ihn" auch das Problem, ein so zentrales Wort hier (Neid), da knickt es mit dem "ihn" etwas ein und ist nicht genug verankert. Es geht mit dem Pronomen zu "leichtfüßig" weiter. So mein Eindruck. Das ist nur eine Nuance.


Schöner Satz:
"Wir sind gerade bei den Spiel- und Sportverletzungen – gebrochnen Knochen, genähte Lippen und Gehirnerschütterungen – ein unschlagbares Thema bei dermaßen aktiven Kindern; jedes steuert stolz etwas aus dem eigenen Erfahrungsschatz bei."

Hier eine Ungenauigkeit:

„Ein schwarzer Punkt auf der Fingerkuppe, eintätowiert für die Ewigkeit – wie man ihn davonträgt, wenn einem der Sitznachbar den Bleistift in die Hand rammt.“

Es geht um einen Punkt auf der FINGERKUPPE. Aber weiter im Satz heißt es, „in die HAND gerammt.“ Da ist für mich ein kleiner Widerspruch oder sagen wir: Man könnte es genauer abstimmen.


„Weil ihre Mama heuer gestorben ist.“
Sagt ein Kind das so? „Heuer“ ist veraltet. Aber vielleicht ist es auch landschaftlich.

Das waren einmal ein paar Beispiele. Prima Text! Titel ist m.E. in der jetzigen Form zu dramatisch und lenkt in eine falsche Richtung.
Es ist allerdings auch kaum eine Kurzgeschichte, doch wenn niemand was dagegen hat, lassen wir ihn so halt erstmal hier stehen.


Liebe Grüße

Monfou
 

blaustrumpf

Mitglied
Hallo, Monfou Nouveau

Mitnichten ist "heuer" veraltet. Der Text trägt noch ein paar mehr Austriazismismen, entdeckst du sie auch?
;-)
In Sachen "landschaftliches" Deutsch: Guckst du hier.

Schöne Grüße von blaustrumpf
 
heuer

Hi blaustrumpf,

ich vermutete ja auch "landschaftlich". Für norddeutsche und Berliner "Ohren" klingt es halt auch etwas altmodisch. Aber es ist ja süddeutsch, österr., schweizerisch, wie auch der Duden anmerkt, aber nicht eigentlich hochdeutsch.

Liebe Grüße

Monfou

PS: Danke für deine haarfeinen Anmerkungen. Entgegenkommend möchte ich anmerken: Du hast "das" und "dass" im letzten Satz deiner Antwort an sohalt verwechselt.
 

sohalt

Mitglied
ad monfou:
der 1. Absatz gefällt mir auch noch nicht ganz. Ich konnte aber vor deinem Beitrag noch nicht wirklich festmachen, woran das liegt. Vielleicht ist der Satz: Denn ich hab Angst, dass ich irgendwann umkomme vor Neid. -sowieso überflüssig und überdramatisch. Wenn ich ihn weglasse, spar ich mir das Personalpronomen bzw. die alternative Wortwiederholung. Achja, und weniger Kausaladverbien brauch ich dann auch!

Sie werden leben, wenn ich tot bin. Manchmal zweifle ich daher, ob ich für eine Arbeit mit Kindern geeignet bin. Noch fehlt mir der Neid. Doch ich warte auf ihn, seit ich 5 bin, seit mir beim Anblick eines Säuglings zum ersten Mal dieser Gedanke gekommen ist.


so besser?

die Bleistiftsache: wieder so ein Fall, wo bei mir die Wortwiederholungsparanoia zugeschlagen hat. Wird sofort auf "in den Finger gerammt" umgebessert.

danke! Falls dir noch sowas in der Richtung auffällt, bitte nur her damit.

ad rainer:

In der Jugendarbeit tätig? Irgendwann vielleicht im weitesteten Sinne, hab heuer angefangen mit Wirtschaftspädagogik und eigentlich schon vor, nachher zu unterrichten. Die Fächer gibt's allerdings bei uns erst in der Oberstufe, da kann ich dann nicht mehr so viel Schaden anrichten.

Das hier war nur ein Ferialjob. (Begleitperson für die Ferienaktion der Gemeinde). Zum Glück. Denn ich fürchte, diese eingangs erwähnten Zweifel (geeignet für Arbeit mit Kindern..) werden durch den Text voll bestätigt. Ich schätze, er entlarvt streckenweise ganz gut meine diversen short-comings als Kinderbetreuerin.

ad roni:
ich gebe zu, da war vorhin ein wenig Koketterie dabei. Ich finde nämlich auch, dass mir schon lang nicht mehr so ein Text geglückt ist. Ich wollte damit bloß der Tatsache Rechnung tragen, dass man mit dieser Text-Dareichungs-Form schon sehr dankbar sein muss, wenn wer so lange Stücke am Bildschirm liest. An dieser Stelle nochmal: Dank an alle.

ad blaustrumpf:
Freude, Freude, Freude! So ein schönes Lob. Und so schöne Titelvorschläge. Zwischenaufenthalt versteh ich zwar nicht ganz (Zwischenaufenthalt zwischen Kindheit und Erwachsen-Sein?), aber darf ich den trotzdem haben? Das Lied von André Heller kenn ich leider nicht, werd aber gleich mal nach-googeln.
-

Wegen des Titels:
wie wär's mit:

Enfants terribles

oder, noch eine Hommage an Astrid Lindgren:

Jaja, der Kindheit glückliche Spiele
(wie Gren, der alte Wucherer aus "Kalle-Blomquist lebt gefährlich" immer sagt)

Sonst tendiere ich wieder mehr in Richtung Ringel-Reihen. Oder Ringel-Reia. (so heißts ja bei uns eigentlich).

lg,
mög
 

Stern

Mitglied
hallo sohalt:),

ich bin fasziniert, lese deinen Text seit gestern mittag schon zum dritten mal und weiss immer noch nicht genau, wie ich es sagen kann.

Beim ersten Lesen störte mich die Distanz ein wenig, anfangs meinte ich eine gewisse Lieblosigkeit den Kindern gegenüber herauszuhören. Das nur als gefühlsmässiger, auf den Inhalt bezogener Eindruck. Aber spätestens beim letzten Satz war das verflogen oder mindestens "verziehen". Vielleicht läßt sich die Arbeit mit Kindern nur aus einer gewissen Distanz heraus so genial schildern. Ich selbst würde mir diesen Sarkasmus, den du stellenweise an den Tag legst, nicht zugestehen(jedenfalls nicht so ohne weiteres), und doch sehe ich, dass er ein Mittel ist, die Geschehnisse auszuhalten - und zu beschreiben! Saugut zu beschreiben, wenn ich mich mal so unqualifiziert ausdrücken darf.

Die einzelnen Szenen stehen alle in hellstem Licht vor mir. Was nur teilweise an meiner beruflichen Herkunft liegt. Deine feinen Beobachtungen gefallen mir, deine höchst eigene Art, deine Eindrücke widerzugeben, schnodderig, eben öfter sarkastisch, humorvoll. Auch dich selbst läßt du in dieser Art, auf die Dinge zu schauen, nicht aus, genausowenig deine Kolleginnen. - Will wissen, was herauskäme, wenn du mich einige Tage lang beobachten könntest... :rolleyes:

Die Passagen, die mehr über dich sprechen, fallen wohl ein wenig aus dem Rahmen. Unpassend sind sie für mich trotzdem nicht. Sie bleiben ja beim Thema. Geben meiner Neugierde auf die Schreiberin ein wenig Nahrung. Allerdings sind von solch penetranter Neugier bei weitem nicht alle Leser geplagt.

Der erste Abschnitt ist in der oben vorgeschlagenen Version vielleicht einen Deut besser als im Ursprungstext. - Jetzt hab ich mich schön vage ausgedrückt, aber so empfinde ich es auch.

Und der Titel - da fällt mir als erstes die Frage ein: was ist dir in dem Text wichtig? Der Titel, den du jetzt gewählt hast, weist auf zwei bestimmte Stellen deines Werkes hin. Er läßt auf Hintergründe schliessen, denn Narben kommen ja irgendwoher. Du beschreibst die Hintergründe nicht eingehend, aber du zeigst durch den Titel ein wenig mehr darauf. "Sie zeigen mir ihre Narben" drückt für mich aus, dass du in einer Beziehung zu ihnen stehst, macht mich neugierig, wer "sie" denn sind. Ich finde ihn so gut, aber das bin ich. "Enfants terribles" mag ich nicht, zu intellektuell für mich. Wenn, dann eher "Fürchterliche Kinder" oder "Schwarze Schafherde". Den Ringel-Reihen kann ich leider nicht ganz nachvollziehen. Sarkastische Verharmlosung?

Mit einem begeisterten und herzlichen Applaus,

Stern *
 

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