Sommernacht

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HerbertH

Mitglied
Sommernacht

Am Tannensaum, gleich bei der Friedhofsmauer,
mischt Mondlicht helle Farben in das Blau
der Blüten rings um frisches Gräbergrau,
beleuchtet Blätter, nass vom Abendschauer.

Den Nachtigallen lauscht die alte Frau,
sie künden ihr von ihrer eignen Trauer
und trösten sie. Sie wartet, starrt genauer
zum Ulmenschatten in der nahen Au,

als könne sie den Mann am Bache sehen,
der alle Jahre ihres Glückes fand,
der bei ihr war bei ihren ersten Wehen,

der ihr die Bänder in die Haare band.
Sie krampft den Mund, als bisse sie auf Schlehen.
Ihr ist, als ruft er sie ins Schattenland.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich wollte das gleiche schreiben, wie Rogathe, so bleibt mir nur eine Bestätigung.
Die letzte Zeile funktioniert nicht gut.
Wenn der Konjunktiv "rufe -> ruf'" nicht passt, sollte es überarbeitet werden.
Beispiel: Als rufe er sie in das Schattenland.

Umgangssprachlich wird Konjunktiv heute oft durch Indikativ ersetzt, aber wir haben hier keine Umgangssprache. "Ruft" ist also ein Stilbruch.
 

HerbertH

Mitglied
Sommernacht

Am Tannensaum, gleich bei der Friedhofsmauer,
mischt Mondlicht helle Farben in das Blau
der Blüten rings um frisches Gräbergrau,
beleuchtet Blätter, nass vom Abendschauer.

Den Nachtigallen lauscht die alte Frau,
sie künden ihr von ihrer eignen Trauer
und trösten sie. Sie wartet, starrt genauer
zum Ulmenschatten in der nahen Au,

als könne sie den Mann am Bache sehen,
der alle Jahre ihres Glückes fand,
der bei ihr war bei ihren ersten Wehen,

der ihr die Bänder in die Haare band.
Sie krampft den Mund, als bisse sie auf Schlehen.
Ihr ist, als rief' er sie ins Schattenland.
 

HerbertH

Mitglied
Sommernacht

Am Tannensaum, gleich bei der Friedhofsmauer,
mischt Mondlicht helle Farben in das Blau
der Blüten rings um frisches Gräbergrau,
beleuchtet Blätter, nass vom Abendschauer.

Den Nachtigallen lauscht die alte Frau,
sie künden ihr von eigner bittrer Trauer
und trösten sie. Sie wartet, starrt genauer
zum Ulmenschatten in der nahen Au,

als könne sie den Mann am Bache sehen,
der alle Jahre ihres Glückes fand,
der bei ihr war bei ihren ersten Wehen,

der ihr die Bänder in die Haare band.
Sie krampft den Mund, als bisse sie auf Schlehen.
Ihr ist, als rief' er sie ins Schattenland.
 

JoteS

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Herbert,

ein wirklich schönes Gedicht, dessen gelungene Bilder meines Erachtens aber von der Form des Sonetts nicht optimal transportiert werden.

Gruß

Jürgen
 

Label

Mitglied
Lieber Herbert

gefällt mir gut, diese feingewobenen Sprachbilder mit einer duftigen Sprachebene, die den eher schweren Inhalt fein ausbalancieren.

auch das "Ihr ist, als rief' er sie" passt nach meinem Sprachgefühl ganz ausgezeichnet in das Stimmungsbild.

ein lieber Gruß von der
Label
 

HerbertH

Mitglied
Hallo Jürgen,

danke für Deine Einschätzung.

Hinsichtlich Sonettform: Ich versuche gerne, neuen Wein in alten Schläuchen zu transportieren. Manchmal führen die Bedingungen der festen Form zu künstlich klingenden Passagen.
Hier habe ich das m.E. vermeiden können.

lG

Herbert
 
Gedicht

Lieber Herbert H.,


vielen Dank für dieses wunderschöne Gedicht. Besonders im Sommer bin ich oft abends spät noch auf dem Friedhof , um die Gräber der Familie zu gießen. Ich kenne solche Frauen, die sich "gerufen" hören, auch auch aus meiner seelsorgerlichen Arbeit als ev. Pfarrer.

Ich bin neu bei der Leselupe, aber Deine Gedichte werde ich ab jetzt im Auge behalten.


Gruß Winfried Stanzick
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Winfried,

es freut mich, dass Du einen Bezug auf Deine Erfahrungen herstellen konntest. Vielen Dank dafür.

Über weitere Leser wie Dich werde ich mich sicherlich nicht beklagen.

Viel Freude auf der Leselupe und liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Sommernacht

Am Tannensaum, gleich bei der Friedhofsmauer,
mischt Mondlicht helle Farben in das Blau
der Blüten rings um frisches Gräbergrau,
beleuchtet Blätter, nass vom Abendschauer.

Den Nachtigallen lauscht die alte Frau,
sie künden ihr von eigner bittrer Trauer
und trösten sie. Sie wartet, starrt genauer
zum Ulmenschatten in der nahen Au,

als könne sie den Mann am Bache sehen,
der alle Jahre ihres Glückes fand,
der bei ihr war bei ihren ersten Wehen,

der ihr die Bänder in die Haare band.
Sie krampft den Mund, als bisse sie auf Schlehen.
Ihr ist, als rief' er sie ins Schattenland.

Rezitation: mp3/104723_soundclip-34.mp3
 
Hallo Herbert,

gerufen habe ich mich auch schon gefühlt (am Grab stehend), obwohl ich keine alte, oft gekrümmte Frau bin.

Wunderbares Gedicht!
Meine Lieblinge; gräbergrau und diese Zeile:
"der ihr die Bänder in die Haare band."

Kleines Problem habe ich mit dem Titel. Er ist mir zu beliebig.
Deine Rezitation ist sehr gelungen. Ich hoffe, aklle zukünftigen Leser hören sie sich an.
Ich verstehe JoteS Einwand, die Sonettform betreffend. 2. Quartett und 1. Terzett sollten wohl nicht überlappen. Es gibt auch inhaltlich gewisse Vorgaben(in den Quartetten These und Antithese, in den Terzetten Synthese und im letzten Terzett zudem noch ein Knallbonbon (Überraschung, aber das betrifft vielleicht nur das englische sonnet. ;-))

Trotzdem, wie schon geschrieben: schönes Gedicht!

lg

Serge
 

HerbertH

Mitglied
Hallo Serge,

"Das vorliegende Sonett ist aus einer Art Schreibaufgabe in einem anderen Forum entstanden zum Thema Sommernacht, bei der eine Reihe von Sonetten vorgestellt wurden, bei denen in der sommernacht nur völlige harmlosigkeiten gereiht wurden, denen ich mit meinen Gedicht etwas mit einem ernsten Thema als Kontrast entgegen stellen wollte. vor diesem Hintergrund ist die erste Strophe als eine Überleitung zu sehen von der Beschreibung von Naturschönheiten zu der von gedanklichen Prozessen, die ich für den Leser nachempfindbar darstellen wollte" schrieb ich dazu in einem anderen Forum, wo ich das Gedicht auch eingestellt habe. Das erklärt den Titel, den man in der Tat anders wählen könnte.

Die These-Antithese-Synthese-Knalleffekt Struktur halte ich hier sicherlich nicht ein. Es gibt aber sehr viele andere Sonette, die dies auch nicht tun. Auch Zeilen, die sich über zwei der vier Strophen ausdehnen, gibt es in modernen Sonetten recht häufig. Man könnte auch über eine andere Aufteilung der Zeilen zu Strophen nachdenken, z.B. eine 4-4-4-2 Aufteilung wie beim Shakespeare-Sonett oder gar eine einzige 14-zeilige Strophe. Mal sehen, ob ich dazu noch etwas unternehme.

Mich freut, dass die Stimmung des Gedichtes bei Dir angekommen ist und Dir auch die Rezitation gefällt, obwohl man über die Aufnahmequalität streiten kann. Aber das Rauschen, dass eine Außenaufnahme oder ein Rezitieren draussen suggeriert, passt irgendwie ganz gut.

Vor kurzem habe ich noch nachgedacht, ob ich aus der "alten Frau" eine "krumme Frau" machen sollte, weil das Bild der alten Frau schon etwas abgenutzt ist. Aber das muss ich mir noch längere Zeit überlegen.

Danke für Deinen ausführlichen Kommentar mit Lieblingstellen und den anerkennenden Worten.

Liebe Grüße

Herbert
 

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