Am Abend des Tages nach der tragischen Explosion betrat Charlotte die Montagehalle des Satelliten, stieg die Treppe hinauf in den ersten Stock und gelangte auf die Galerie. Durch das breite Panoramafenster konnte sie die Werkhalle gut überblicken. Der Satellit, der an einem dünnen, aber überaus tragfähigen Kabel von der Decke hing und wenige Yards über dem Boden schwebte, war fast vollständig zusammengebaut. Seine Form erinnerte an einen Kühlschrank, dessen Ecken durch Dreiecksflächen ersetzt worden waren. Unzählige dünne Antennen ragten in alle Richtungen. Eine kopfgroße Luke gab den Blick frei in einen winzigen Innenraum. Charlotte wusste, dass dort am morgigen Tag die nukleare Zerfallsbatterie eingesetzt werden sollte, ebenso wie die Steuerplatine.
Ach ja, die Steuerplatine, dachte sie und richtete ihren Blick auf den langen, weißen Tisch an der rechten Seite der Halle, auf welchem Werkzeuge, Kleinteile und eben auch jenes Bauteil lag.
Die Steuerplatine steckte in einem schwarzen, flachen Gehäuse, das so groß wie ein Briefpapier und so hoch wie ein Fingernagel war. An einer der Schmalseiten ragte auf fast der gesamten Breite ein Stück Platine heraus. Deutlich zu sehen waren die vielen goldenen Anschlüsse, welche die Steuerbefehle an die Effektoren des Satelliten - Manövrierdüsen, Kreiselstabilisatoren, Funkapparate und natürlich den Laser - weiterleiteten. Am oberen Ende der Cartridge ragte ein dünnes Kabel heraus, das an eine der Antennen des Satellitenkörpers angeschlossen werden würde.
Die extern angefertigte Platine war, nachdem die Pläne aus Fort Knox angeliefert worden waren, mit den Spezifikationen verglichen und durchgetestet worden. Nun lagen die Blaupausen in den beiden Tresorräumen, deren Sicherheitsaspekte nach Charlottes Erfolg als Einbrecherin deutlich verschärft worden waren. Insbesondere würden die Luftschächte mit Beton ausgegossen und dafür mehrere nur centmünzenbreite Lüftungsröhren gebohrt werden. Außerdem wurden bis auf Weiteres Wachtposten in den Tresorräumen stationiert.
Charlotte hätte gerne Photos dieses technischen Wunderwerks geschossen - der SPACE‑LASER war nicht nur der bis dato teuerste, sondern auch der instrumentenreichste künstliche Erdtrabant -, aber das war in diesem sensiblen Bereich strengstens verboten. Dennoch wollte sie eine Erinnerung davon anfertigen. Wenn es mechanisch-elektronisch nicht ging, dann eben auf die altmodische Weise.
Sie schlug den großen Zeichenblock auf, den sie sich aus dem Magazin besorgt hatte, und begann mit einer detaillierten Zeichnung des Satelliten. Sie versuchte, jedes Detail zu Papier zu bringen, jede Wölbung, jede noch so kleine Kante. Da sie nicht unter Zeitdruck stand, schritt das Abbild sehr langsam voran, und so hatte sie den Satelliten erst nach gut einer Viertelstunde als Strichzeichnung fertiggestellt. Ein paar Stellen musste sie noch einmal korrigieren, und sie zeichnete ein wenig nach, wenn die Schattierung nicht dem realen Bild entsprach.
Dann aber war sie zufrieden.
Charlotte schmunzelte ein wenig, als sie plötzlich ein schwaches blaues Flimmern um den Satellitenkörper wahrnahm. Das hatte sie erwartet, denn offensichtlich konnte sie keine Bilder mehr anfertigen, ohne dass eine Kopplung dabei entstand. Aber solange sie diese Zeichnung nicht signierte, bestand keine Gefahr für den Satelliten.
Dann zeichnete sie das Gehäuse der Steuerplatine. Zwar war der Satellit das viel dankbarere Motiv und viel interessanter als eine schlichte schwarze Box, aber es handelte sich immerhin um das Herzstück des SPACE‑LASER, denn ohne diese Box war der Satellit nur totes Metall. Außerdem symbolisierte es ihren Auftrag und war eine schöne Erinnerung.
Charlotte versuchte, die Kontakte akkurat abzubilden, und auch die silberne Plombe, die an einem dünnen Draht hing, der unlösbar mit der Box verklebt war, ließ sie nicht aus. Am Vortag war die Box nach Überprüfung und Abnahme der Schaltung geschlossen und versiegelt worden.
Auch um das Platinengehäuse stellte sich das blaue Leuchten ein. Es erschwerte das weitere Zeichnen ein wenig, da es den Schattenfall durch die Beleuchtung in der Halle überlagerte.
Zufrieden mit ihren Erinnerungsstücken klappte Charlotte den Block nach rund einer Dreiviertelstunde wieder zu. Nach wie vor war sie die einzige, die zu dieser späten Stunde den vier weißbekittelten Technikern, die zusätzlich Hauben, Handschuhe und Überzieher für die Schuhe trugen, bei ihrer Arbeit im Reinraum zusah. Was diese Leute genau taten, war Charlotte nicht ersichtlich. Für sie als Laie sah der Satellit so gut wie fertig aus.
Dann machte sie sich auf den Rückweg und ging in die Kantine, wo sie ein paar ihrer Kollegen traf und sich mit diesen unterhielt. So verging der Tag wie im Fluge, und der Start des SPACE-LASER rückte unaufhaltsam näher.
Aber die Gefahr schwebte weiter über dem Kennedy Space Center, denn der Spion war immer noch nicht enttarnt worden.
***
Am Nachmittag des darauffolgenden Tages versammelten sich sämtliche Anwärter auf der Galerie, um den finalen Handgriffen des Satellitenbaus beizuwohnen. Auch die Presseabteilung des Space Centers hatte wieder ein Kamerateam geschickt, das aber, solange der Satellit noch nicht verschlossen war, nichts aufzeichnete.
Charlotte kam als eine der letzten am Fenster an und musste sich mit ein paar Entschuldigungen und Bitten einen guten Platz erkämpfen, sodass sie die Halle in Gänze überblicken konnte. Ihren großen Zeichenblock hatte sie wieder dabei, denn sie wollte später ein Bild der Rakete mit Satellit anfertigen, wenn diese auf dem Crawler assembliert wurde.
Der Satellit sah noch genauso aus, wie sie ihn am Vortag gezeichnet hatte, inklusive des Blauschimmers. Charlotte achtete auf die Gespräche der anderen, ob vielleicht irgendjemand etwas Ungewöhnliches anmerkte - Phil hatte in Vancouver ja das Blau um die Hantel nicht gesehen, aber vielleicht gelang dies anderen Augen? -, aber nach kurzer Zeit wurde klar, dass nur Charlotte diesen Kopplungsschimmer wahrnahm.
Die Aktivität in der Halle hatte sich deutlich gesteigert. Mehr als zehn Personen wuselten durcheinander. Befehle wurden nicht selten gebrüllt, ebenso Messwerte quer durch die Montagehalle gerufen. Das Fenster isolierte nur teilweise, sodass die Zuschauer auf der Galerie einiges akustisch mitbekamen.
Der letzte Schritt stand an: die Steuerplatine sollte eingesteckt werden. Einer der Weißkittel trug das wertvolle Bauteil wie ein Geschenk auf ausgestreckten Armen vor sich her und schritt fast schon andächtig auf den Satelliten zu.
Charlotte sah ihn und die Platine von der Seite. Sofort regte sich ihr Unterbewusstsein. Etwas stimmte hier nicht. Und nach einer Sekunde wurde es ihr klar.
Die Platine leuchtete nicht mehr blau! Sie leuchtete überhaupt nicht mehr, war nur noch eine schwarze Box.
Ist die Kopplung erloschen?, fragte sich Charlotte. Aber der viel größere Satellit weist doch nach wie vor den Blauschimmer auf.
Vielleicht funktionierte diese neue Fähigkeit des Kopplungssehens nicht mit jedem Objekt? Oder sie war am Vortag, nachdem sie den Satelliten gezeichnet hatte, schlicht zu müde gewesen, um eine weitere dauerhafte Kopplung zu erreichen. Doch müde hatte sie sich eigentlich nicht gefühlt.
Charlotte nahm das Geschehen in der Halle nur noch bedingt wahr. Ihre Gedanken kreisten um die Worte Spion, Saboteur, Schwarzmarkt. Es war, soweit der Sicherheitschef Douglas ihr gesagt hatte, zu keinem weiteren Einbruchsversuch gekommen. Der Spion hatte also nach menschlichem Ermessen keine Chance mehr gehabt, an die restlichen Pläne von SPACE‑LASER heranzukommen.
Eine Idee blitzte in Charlottes Geist auf. Hatten dem Spion die Teilpläne genügt, und es war nie seine Absicht gewesen, den Rest auch noch an sich zu bringen?
Charlotte rief sich ins Gedächtnis, was auf den gestohlenen Plänen verzeichnet war. Ein paar elektronische Schaltungen, ein Messgerät für ionisierende Strahlung.
Aber auch die Steuerplatine!
Charlotte spürte, dass hier die Antwort lag, aber sie konnte sie noch nicht greifen.
Aber dann kam ihr ein wahnwitziger Gedanke.
Wenn es keine sichtbare Kopplung zu dieser Steuerplatine gab, war die einfachste Erklärung natürlich, dass diese im Laufe der letzten Stunden erloschen war. Vielleicht war sie auch nur schwächer geworden, sodass Charlotte diese nicht mehr wahrnehmen konnte. Ihre Versuche in Vancouver hatten ja gezeigt, dass sie nur eine wie auch immer genau definierte starke Kopplung erkennen konnte.
Das fehlende Blau konnte aber auch bedeuten, dass sich das gekoppelte Objekt stark verändert hatte. Hatte also jemand die Platine manipuliert?
Der Techniker legte das schwarze Gehäuse in diesem Moment auf einem kleinen Tisch ab, der am Fuß des Satelliten stand.
Jetzt, dachte Charlotte. Ob es noch eine Kopplung gibt, muss ich überprüfen. Wenn ja, ist alles in Ordnung da unten.
Sie schob sich an den Rand des Fensters und blätterte den Block auf die Zeichnung der Platine vom Vortag. Nachdem sie das Bild signiert hatte, schnippte sie leicht gegen die gezeichnete Box. Die reale Platine, die sie unverwandt anblickte, reagierte nicht. Diese bewegte sich kein Stück. Bei intakter Kopplung wäre dies aber aller Erfahrung nach zu erwarten gewesen. Noch einmal tippte Charlotte auf das Bild. In der Halle geschah nichts.
Keine Kopplung, dachte sie. Erloschen oder ...
Ihre Gedanken stoppten, als sie etwas Warmes in ihrer Nase spürte. Ein Blutstropfen fiel zu Boden. Rasch zog sie ein Taschentuch aus dem Overall, um die Blutung aufzufangen.
Sie war völlig verblüfft. Eine blutende Nase bedeutete, dass Kraft übertragen worden war. Sicherlich aber nicht an die Steuerplatine dort unten.
Aber wohin dann?
„Alles okay?“, fragte einer der angehenden Astronauten Charlotte.
„Wie? Was?“, gab sie automatisch zurück, als sie aus ihren Gedanken gerissen wurde, lächelte dann aber und erklärte kurz: „Ja, es ist nur Nasenbluten. Die Anstrengungen der letzten Tage ...“ Sie ließ den Rest des Satzes offen.
Dem Mann schien die Erklärung zu genügen, denn er wandte sich ab und blickte wieder durch das Fenster hinunter zu den Technikern.
Der kurze Moment der Ablenkung hatte Charlottes Gedankengänge sortiert. Nun war ihr klar, dass dieses Ergebnis nur eins bedeuten konnte: Es gab nach wie vor eine Kopplung zur Steuerplatine. Aber das, was der Monteur dort unten gerade in den Satelliten einbauen wollte, war nicht die Platine vom Vortag, sondern eine andere.
Nun gab es nur eins zu tun. Wenn sie danebenlag, würde sie möglicherweise den Start des gesamten Projekts verzögern. Das würde sie in arge Schwierigkeiten bringen.
Aber wenn sie recht behielt, konnte sie einen genial eingefädelten Sabotageakt vereiteln.
Sie blätterte auf eine leere Seite und zeichnete hochkonzentriert und in fieberhafter Eile die Plombe der falschen Steuerbox in der Halle. Diese glich einem Regentropfen, der an einer Scheibe herunterlief, und wies einige dunklere Stellen auf, sodass sie sehr schnell eine saubere und exakte Zeichnung anfertigen konnte. Zwei Überzeichnungen folgten, dann leuchtete die Plombe. Charlotte aktivierte ihr Bild und drückte mit dem Fingernagel auf einen der beiden gezeichneten Drähte, welche die Plombe hielten.
Der reale Gegenpart reagierte wie geplant und zerriss.
Niemand auf der Galerie hatte auf ihre Aktion reagiert. Charlotte starrte hinunter in die Halle und dachte: Mann, komm schon. Das muss doch einer von euch sehen. Da ist ein Defekt!
Doch in der Halle reagierte niemand. Einer der Wissenschaftler hatte die Steuerbox aufgehoben und stieg gerade die Stufen einer Treppe empor. Niemand schien die gelöste Versiegelung zu bemerken, auch nicht von der Galerie aus. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer war ganz offensichtlich auf die Luke gerichtet.
Dann halt anders, entschied Charlotte.
Sie hob die Fäuste und trommelte gegen die Scheibe. Dabei rief sie laut: „Die Plombe hat sich gelöst.“
Überraschte Blicke trafen sie von allen Seiten, doch Charlotte ignorierte diese. Noch einmal hämmerte sie an die Scheibe. Sie wiederholte ihre mündliche Warnung und schrieb gleichzeitig in dicken Lettern auf ihren Block die Worte ‚Plombe! Defekt!‘ Das Blatt drückte sie gegen das Fensterglas.
Endlich schaute einer der Männer in der Halle hoch. Sein Gesicht spiegelte Wut und Verärgerung. Auch als er offensichtlich Charlottes Nachricht las, änderte sich sein Ausdruck nicht. Er wollte sich schon abwenden, als Charlotte eine zweite und längere Nachricht aufgeschrieben hatte und hochhielt: ‚Plombendraht durchtrennt. Habe es deutlich gesehen. Bitte überprüfen! Sabotage?‘
Diese Worte schienen gewirkt zu haben. Der Mann rief etwas durch die Halle, das hier auf der Galerie nur als dumpfes Brummen zu verstehen war, und der Wissenschaftler auf der Treppe hielt an. Er drehte die Box zur Seite und blickte darauf.
Dann kam er die Stufen wieder herunter.
„Was geht hier vor sich?“, rief in diesem Moment ein Mann. Carl Douglas drängte sich rücksichtslos durch die Menge auf der Zuschauergalerie. „Carrington! Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Was fällt Ihnen ein, den Start zu stören? Das wird disziplinarische Konsequenzen haben, das garantiere ich Ihnen. Ich ...“
In seinem Funkgerät knackte es. „Sir, wir haben einen Sicherheitsvorfall. Montagehalle SPACE-LASER. Die Wissenschaftler haben Alarm gegeben. Die Steuerplatine ist nicht mehr versiegelt.“
In der Halle hatten sich alle Menschen um die Steuerbox, die wieder auf dem großen Tisch an der Seitenwand lag, geschart. Ein Bruch der Versiegelung war ein Vorfall, der den Start vorerst stoppte.
Charlotte brach der Schweiß aus, als sie sah, wie der zweite Draht an der Plombe gekappt und danach die Steuerbox aufgeklappt wurde. Würde sie recht behalten? Nicht nur sie hielt den Atem an. Einer der Weißbekittelten sagte etwas in die Sprechanlage an der Wand.
Ein paar Sekunden später dröhnte wieder die Stimme aus dem Funkgerät: „Sir, die Steuerplatine ist korrumpiert. Die Wissenschaftler melden die Existenz eines Bauteils, das laut Spezifikation nicht in die Schaltung gehört.“
Charlotte stieß hörbar die angehaltene Luft aus.
Das also war der eigentliche Plan des Spions gewesen. Jemand hatte die Steuerplatine nach den gestohlenen Plänen nachgebaut und verändert. Und sie dann, wahrscheinlich in der vorigen Nacht, gegen die echte ausgetauscht.
Und die Veränderung würde sicherlich nicht den Interessen der nordamerikanischen Länder dienen.
Hektische Aktivität ergriff Cape Canaveral.
Die Startvorbereitungen wurden nur vorübergehend gestoppt. Die baugleiche Ersatzsteuerplatine, welche noch beim Hersteller unter Verschluss lagerte, wurde angefordert. Sie konnte innerhalb von vierzehn Stunden eintreffen. Der Startzeitpunkt war noch nicht in Gefahr, zumindest nicht, solange nicht noch weitere Schwierigkeiten auftauchten.
„Mr Douglas, ich möchte bei der Suche nach der Originalplatine helfen“, bat Charlotte. Sie war entschlossen, sich nicht noch einmal abwimmeln zu lassen. Dort, wo sich die echte Steuerplatine befand, würde man vielleicht auf den Spion oder Spuren von ihm treffen, denn ein so teures Stück Technik warf man nicht einfach weg.
„Nun gut“, gab der Sicherheitschef ohne Gegenrede sein Einverständnis. „Donelly, Sie bilden mit Carrington ein Team. Planquadrat B4. Sie haben alle Vollmachten, Räume aufzubrechen.“
„Verstanden, Sir“, erwiderte der Sicherheitsmann.
Charlotte und er verließen im Laufschritt das Montagegebäude und fuhren mit einem kleinen Wagen zum angegebenen Gebiet.
„Nehmen Sie die Gebäude links, ich die beiden anderen“, sagte Donelly und gab Charlotte ein Spezialfunkgerät. Es sendete ein Kommando auf einer geheimen Frequenz aus, welches die Steuerplatine zu einer Funkantwort veranlasste. Auf der Platine war für Notfälle, wenn die Stromversorgung im Satellit ausfiel, eine Batterie verbaut, welche für wenige Minuten genügend Spannung lieferte, um letzte Befehle über die kleine Spezialantenne zu empfangen und im All auszuführen. Nun würde das System auf der Erde zum Einsatz kommen und hoffentlich ein Anpeilen ermöglichen.
Charlotte lief los und umrundete das äußere Gebäude zuerst einmal. Immer wieder drückte sie auf ‚Senden‘ und blickte auf die Empfangsanzeige, auf der sich jedoch nichts regte. So wandte sie sich dem zweiten Bau zu. Auch dort schlug ihr Detektor nicht an.
Sie wollte gerade in das Wohngebäude gehen, um genauere Untersuchungen anzustellen, als das Funkgerät sich meldete. Eine ihr unbekannte Stimme sagte: „Cameron hier. Ich habe eine positive Ortung. Gebäude 23A.“
Das war ganz in der Nähe. Ein, nein zwei Planquadrate weiter Richtung Osten. Charlotte lief zurück zum Wagen, den sie nur kurz nach Donelly erreichte. In wildem Tempo brauste das Fahrzeug los.
Schnell war das Zielgebäude erreicht.
Charlotte und Donelly waren nicht das einzige Team, das dem Ruf gefolgt war. Ein halbes Dutzend Autos parkten bereits vor 23A. Einer der Sicherheitsoffiziere hatte das Kommando übernommen und teilte die Leute ein.
Charlotte wurde zur Südseite beordert.
„Wir gehen jetzt rein“, kam eine Stimme aus dem Funkgerät. „Achtet auf Flüchtende.“
Charlotte ließ den Blick über die Wand gleiten, die etwa dreißig Fuß in die Höhe ragte. Hinter manchen der vielen Fenster schien Licht zu brennen.
Plötzlich öffnete sich ein Fenster im ersten Stock. Charlotte spannte ihre Muskeln vor. Eine Tasche wurde aus dem Fenster geworfen, dann sprang eine dunkel gekleidete Gestalt herab und landete, in den Knien federnd, auf dem Sandboden.
Charlotte drückte auf den Sendeknopf. „Carrington, Südseite 23A. Hier ist ...“
Sie sah das metallische Blitzen, noch bevor sie die Waffe erkennen konnte. Blitzschnell warf sie sich auf den Boden, obwohl sie hier keinerlei Deckung hatte. Sie war noch im Fallen, als es zweimal kurz hintereinander laut bellte. Mehrere Yards neben ihr schlugen Kugeln in den Wüstenboden ein. Sand spritzte hoch.
Nach einer Sekunde, in der ihre Reflexe die Kontrolle über ihren Körper innehatten, schaute sich Charlotte hektisch um. Wo sollte sie hin? Es gab nur eine Richtung, die ihr ein wenig Schutz versprach, wollte sie nicht im Fliehen ein perfektes Ziel abgeben.
Charlotte schnellte sich vorwärts und stand eine halbe Sekunde später auf den Füßen. Knappe fünfzehn Yards trennten sie noch von der Gestalt, die aber keine Anstalten machte, noch einmal zu feuern. Stattdessen wandte sie sich nach Osten und rannte in unglaublich hohem Tempo davon. Charlotte versuchte, ein Identifizierungsmerkmal an der Kleidung des Flüchtenden auszumachen. Doch da war nichts. Schwarzer Stoff, Falten, Flattern im Wind. Nichts, was eine erfolgreiche Kopplung erwarten ließ. Doch so schnell hätte sie ohnehin nichts zeichnen können, denn der Flüchtende bog in diesem Moment um die Ecke des Nachbargebäudes und verschwand aus ihrem Blickfeld.
„Carrington hier. Er ist hinter 24A verschwunden“, meldete sie.
Wenig später hörte sie das Geräusch mehrerer Fahrzeuge, welche in die angegebene Richtung preschten. Doch auch der Spion - denn wer sonst sollte hier zu fliehen versuchen? - hatte sich ebenfalls ein Gefährt besorgt und raste nun auf die östliche Umzäunung zu. Er hatte rund einhundert Yards Vorsprung.
Charlotte lief um 23A herum und hatte Glück. Da parkte noch ein Fahrzeug!
Sie warf sich hinter das Lenkrad und fuhr los. Mit weitem Abstand folgte sie den Sicherheitsleuten, die wiederum dem Spion hinterherfuhren. Zuerst änderte sich nichts an der Pattsituation, dann aber ertönte eine Explosion weit voraus.
Die Fahrzeuge der Sicherheit schienen zu verlangsamen, jedenfalls verkürzte Charlotte den Abstand zu ihnen rapide. Noch einmal explodierte etwas. Doch es konnte sich nur um eine kleine Bombe handeln. Als der Donner verklungen war und sich die Staubwolke ausreichend verzogen hatte, sah Charlotte, wie die dunkle Gestalt durch das gesprengte Loch im Zaun rannte und auf die wenigen Büsche zuhielt, die außerhalb des Space Geländes wuchsen. Dann verschwand der Flüchtende aus der Sicht. Wenig später ertönte ein Geräusch, als spränge jemand in Wasser.
Der Kerl will durch den Sumpf, ging Charlotte durch den Kopf. Die Küstenwache! Wir müssen die Küstenwache alarmieren.
„Carrington an Douglas. Spion in Planquadrat C4 auf Wasserweg in den Atlantik“, sprach sie ins Mikro. Doch sie war nicht die einzige, die meldete, was hier geschah. Mehrere Sicherheitsleute hatten den Chef ebenfalls verständigt.
„Die Suche wird abgebrochen. Zurück ins Sicherheitsgebäude“, ordnete Douglas an.
***
Drei Tage später erhob sich die neue SATURN-Rakete der Modellreihe V nach einem Bilderbuchstart in den strahlend blauen Himmel über Florida. Das tausende Tonnen schwere Ungetüm schob sich auf einem Feuerstrahl schnurgerade in Richtung Weltraum. Unzählige Besucher innerhalb und außerhalb des NASA-Geländes wollten sich das spektakuläre Ereignis nicht entgehen lassen.
Auch Charlotte stand auf der Besucherplattform und schaute der Trägerrakete nach. Sie trug Zivilkleidung, denn am Vorabend hatte man ihr mitgeteilt, dass sie leider nicht den Anforderungen einer Astronautin gerecht wurde. Charlotte hatte es mit Fassung aufgenommen. Alles andere wäre auch eine immense Überraschung gewesen. Vielleicht, wenn sie sich voll auf die Prüfungen hätte konzentrieren können ... Doch den kurz aufflammenden Ehrgeiz schob sie lächelnd zur Seite. Sie liebte ihren aktuellen Beruf viel zu sehr, um eine so grundlegende Veränderung ernsthaft in Erwägung zu ziehen.
Als die Rakete nur noch ein ferner, dunkler Punkt am Himmel war, kam wieder Leben in die Besucher.
Ein Mann trat zu Charlotte. „Miss Carrington, Mr Douglas bittet Sie, vor Ihrer Abreise noch einmal in seinem Büro vorbeizuschauen.“
„Jetzt sofort?“
„Wenn es Ihnen passt, gerne.“
Sie folgte dem Mann die Treppe hinunter, nahm auf dem Beifahrersitz Platz und ließ sich zu Douglas bringen.
Der Sicherheitschef erhob sich, als Charlotte sein Büro betrat.
„Sir, Sie wollten mich sprechen?“
Douglas deutete auf den bequemen Besuchersessel vor seinem Schreibtisch. Charlotte nahm Platz.
„Miss Carrington. Ich wollte Ihnen noch die letzten Ermittlungsergebnisse mit auf den Weg geben, bevor Sie in Ihre Heimat fliegen. Sozusagen aus erster Hand.“
„Das ist sehr freundlich von Ihnen“, erwiderte Charlotte. Sie war positiv überrascht, denn mit diesem Entgegenkommen hatte sie nun doch nicht gerechnet, obwohl sich das Verhältnis zu Douglas seit dem Vorfall mit der ausgetauschten Steuerbox weiter entspannt hatte.
„Das FBI hat den Spion mit Hilfe der Küstenwache festnehmen können. Der Mann schweigt sich aus und hatte leider nichts Verdächtiges bei sich. Zu unserem Unglück ist er Angehöriger einer ausländischen Botschaft und besitzt daher Immunität. Aber ...“
„Wirklich? Man wird ihn also nur ausweisen, mehr nicht?“, unterbrach Charlotte. Sollte der Kerl, der einen Menschen getötet hatte, so leicht davonkommen? „Was ist mit dem Mord an Mr Deighton?“
„Das würde leider ebenfalls unter die Immunität fallen. Aber in diesem Punkt hat der Spion sein Schweigen gebrochen und war kooperativ.“
Verwirrung zeigte sich auf Charlottes Gesicht. „Sir, das verstehe ich nicht. Warum einen Mord zugeben, aber nicht die Spionage?“
Douglas' Augenmuskeln zogen sich zusammen. Er war offensichtlich verärgert über Charlottes andauernde Unterbrechungen. „Miss Carrington, wenn Sie mich auserzählen ließen, wären wir hier schneller fertig.“
„Entschuldigen Sie, Mr Douglas.“
„Der Spion, dessen Name keine Rolle spielt, da dieser ohnehin falsch ist, hat ausgesagt, dass nicht er für die Bombe am Crawler verantwortlich sei, sondern die Anhänger von WAOGOE.“
Charlotte stutzte. Irgendwie konnte sie das nicht glauben. „Die Aktivisten wollten eine Weltraumrakete in die Luft jagen? Das wäre eine Eskalation gigantischen Ausmaßes. Ich habe die Leute an meinem Ankunftstag gesehen, als sie Farbballons an Reisebusse warfen. Und jetzt so etwas?“
„Die Kollegen vom FBI haben erste Befragungen durchgeführt“, erklärte Douglas weiter. „WAOGOE, oder besser, eine kleine Gruppe der Mitglieder, wollte einen unbenutzten Crawler in die Luft sprengen. Dass wir diesen verwenden, weil der Start des Wettersatelliten vorgezogen wurde, hatten sie nicht eingeplant.“
Klar!, dachte Charlotte. Das war es! Der vorgezogene Start, das hat mich an der ganzen Sache gestört. Es machte das Ganze so ungeplant, und das passt doch nicht zu einem Spion, der streng geheime Pläne stehlen kann.
WAOGOE würde die ganze Härte des Gesetzes treffen. Denn wer eine Bombe legte, war für alle Folgen verantwortlich. Egal, ob gewollt oder nicht. Die Organisation hatte mit dieser brutalen Tat ihrem Anliegen keinen Gefallen getan. Unterstützer würden sich abwenden, dessen war sich Charlotte sicher.
„Weiß man schon, was das zusätzliche Bauteil auf der Steuerplatine hätte ausrichten sollen?“
„Noch nicht genau“, antwortete Douglas. „Klar ist nur, dass der Chip der Steuerplatine Überrangbefehle erteilen kann, die auch von unserer Bodenstation nicht aufgehoben werden könnten.“
„Also könnte jemand den Satelliten im All kapern?“, vermutete Charlotte.
„Denkbar.“ Douglas schloss die Akte, die vor ihm lag. „Für die fehlerhaft funktionierende Zentrifuge war höchstwahrscheinlich aber der Spion verantwortlich.“
„Also Sabotage. Warum?“
„Das FBI vermutet, es sollte der Ablenkung vom eigentlichen Ziel dienen. Ebenso wie der Überfall auf Astronautin Nichols und die Preisgabe der Pläne auf dem Schwarzmarkt.“
Charlotte dachte kurz an ihren letzten Auftrag, als sie den hochgradig kriminellen Chris Sim gejagt hatte. Auch dieser Verrückte hatte seine wahren Motive in einer Anschlagsserie verborgen.
Douglas stand auf und kam hinter dem Schreibtisch hervor. „Ihre Regierung wird Sie sicherlich weiter informieren. Wenn Sie in Vancouver landen, wird unser FBI neue Ergebnisse haben.“
Er streckte Charlotte die Hand hin. „Sie haben gute Arbeit geleistet, Sergeant.“
Sie nahm die dargebotene Hand, verabschiedete sich und verließ das Büro.
Eine intensive Zeit auf dem Raketenstützpunkt lag hinter ihr. Nun aber freute sie sich auf zuhause.
***
Nach einem ereignislosen Flug landete Charlotte am Mittag wieder in Vancouver und fuhr sofort in ihr Apartment. Phil hatte die Photos, die sie vor ihrem Florida-Auftrag geschossen hatte, entwickelt, aber auf keinem war ein blaues Oval zu sehen. Das Phänomen, das nur ihr rechtes Auge um reale Objekte sah, war photographisch nicht nachzuweisen. Es blieb in ihrem Kopf. Aber für Einbildung hielt Charlotte es nicht, schließlich hatte das Fehlen dieses Schimmers erst zur Entdeckung der untergeschobenen Platine geführt. Und eine Einbildung, die im richtigen Moment nicht mehr auftrat - das war schlicht abwegig.
Nach einer Dusche und einem kleinen Imbiss ging die Detektivin in ihr Arbeitszimmer. Es sah aus wie immer und enthielt nichts Auffälliges. Charlotte setzte sich in ihren Schreibtischsessel und zeichnete geduldig Bild um Bild. Das Motiv, glaubte sie, spielte keine Rolle, und so nahm sie einfach alles, was in ihrem Blickfeld lag. Jedes Bild wurde mehrfach überzeichnet, bis das Motiv in der Realität einen Blauglanz bekam. Nach jeder Zeichnung schaute sie sich im Raum um, aber das Oval blieb verschwunden. So wuchs der Stapel an fertigen, aber nicht aktivierten Zeichnungen Blatt um Blatt.
Aber dann, nach dem neunten Bild, war es endlich soweit.
Die Luft flimmerte bläulich. Das Oval bildete sich aus und war nach der zehnten Zeichnung eindeutig zu erkennen. Es hing an derselben Stelle wie zuletzt und wies auch dieselbe Form auf: ein an den Enden abgeschnittenes, breitbauchiges Surfboard.
War das Oval immer im Raum, und sie konnte es erst nach einer gewissen Zeit, in der sie ihre Gabe nutzte, wahrnehmen? War es also das Analogon zur Hell-Dunkel-Adaptation des menschlichen Auges? Jemand, der aus der grellen Sonne in ein dunkles Zimmer kam, sah zuerst auch nichts, obwohl der Raum natürlich nicht leer war.
Oder gab es das Oval nicht dauerhaft, und sie, Charlotte, erzeugte es irgendwie?
Sie lief kurz in die Küche und kam mit dem Besen zurück. Den ausgestreckten Arm, der den Besenstiel hielt, schob sie vorsichtig zwischen Wand und Oval. Dabei blickte sie durch das blaue Schimmern - und konnte den Besen auf der anderen Seite gut erkennen. Sie bewegte ihren Arm nach oben und nach unten, und was sie sah, entsprach genau dieser Bewegung. Das Ding war also wirklich transparent und keine Projektion dessen, was beim Entstehungszeitpunkt dahinter gelegen hatte.
Das Oval stand im Arbeitszimmer. Gab es auch eins in den anderen Räumen ihres Apartments?
Charlotte lief ins Wohnzimmer und zeichnete konzentriert zehn Objekte. Auch hier wurde jedes Bild solange überzeichnet, bis das reale Motiv leuchtete. Dann, nach dem zehnten Bild, blickte sie sich aufmerksam um.
Nichts. Nirgends war ein blaues Irgendwas zu sehen. Charlotte schaute sogar hinter die Vorhänge, was ihr ein wenig lächerlich vorkam. Doch es blieb bei dem negativen Ergebnis.
Dann wiederholte sie das Experiment in der Küche, im Schlafzimmer und sogar in der kleinen Abstellkammer.
Nichts.
Sie war so in ihrem Experimentierfieber gefangen, dass sie gar nicht bemerkte, wie spät es schon geworden war. Trotz der drei Stunden Zeitverschiebung verspürte sie im Moment noch keine Müdigkeit, und so ging sie zurück ins Arbeitszimmer, um die Ergebnisse der Versuche sauber zu notieren.
Dass das Oval verschwunden war, verwunderte sie nicht weiter. Dieses Gebilde blieb nur eine gewisse Zeit stabil. Zumindest sah sie es nur für eine gewisse Zeit.
Es dauerte eine weitere Stunde, bis sie alles aufgeschrieben hatte, dann gähnte sie doch, und so ging sie zu Bett.
Am anderen Morgen nach einem raschen Frühstück, wollte sie die nächste Frage in Angriff nehmen. Sie rief bei Phil an, und der Freund kam eine Stunde später vorbei.
„Soll ich mir wieder etwas anschauen?“, fragte er. Doch richtig begeistert schien er nicht.
Die beiden gingen ins Arbeitszimmer, auf dessen Boden ein großes Areal mit weißem Klebestreifen abgesteckt war. „Nicht reintreten!“, bat Charlotte und begann mit ihren Zeichnungen.
Nach dem zehnten Bild stoppte sie, denn das Oval war für sie gut zu erkennen. Ein Seitenblick auf Phil zeigte ihr, dass der Kommissar aber weiter nichts Auffälliges erkannte. Charlotte stand vom Schreibtisch auf und nahm einen Bleistift. Sie stellte sich vor das Oval und warf den Stift wie eine Boulekugel in das Gebilde hinein. Der Bleistift flog ungehindert hindurch, prallte gegen die Wand und fiel zu Boden.
Phil verbiss sich ein Grinsen, doch Charlotte wusste nur zu gut, dass er am Liebsten so etwas wie „Das habe ich gesehen“ von sich gegeben hätte. Sie aber machte weiter mit ihren Versuchen und warf ein Buch, eine leere Filmdose und sogar eine Zitrone durch das ungewöhnliche Etwas in der Luft.
Alle Dinge flogen hindurch und fielen dahinter zu Boden.
Phil untersuchte die Gegenstände vor und nach dem Werfen, konnte aber keine Unterschiede feststellen. Nur die Zitrone wies eine Delle auf, aber das ließ sich leicht durch den Aufprall auf der Wand erklären. Es war also kein Beweis für ein für ihn nicht sichtbares Phänomen.
Dann begann sich das Oval vom Rand her aufzulösen. Charlotte fing sofort erneut zu zeichnen an, und stoppte erst nach fünf weiteren Bildern.
Als sie das Oval anblickte, stutzte sie. Dass der Rand nun wieder glatt war, die Einbuchtungen und Risse verschwunden waren, das hatte sie erwartet. Aber das Blau hatte an Intensität zugenommen. Gleichzeitig hatte es an Transparenz verloren. Die Wand dahinter war nurmehr schwer zu erkennen.
„Du, das Ding wird opak“, sagte sie zu Phil. „Siehst du es jetzt?“
Doch der Freund schüttelte den Kopf. „Alles in und über dem markierten Bereich sieht für mich weiter aus wie Luft.“
Charlotte fing eine neue Zeichnung an. Als das nächste Buch blau leuchtete, hatte das Oval seine Transparenz vollständig verloren.
„Phil, da schwebt nun eine Art blaue Wand im Raum“, sagte sie. „Ich vermute, wenn ich jetzt etwas werfe, prallt es ab. Und das müsstest du dann auch sehen.“
Sie nahm die Zitrone vom Boden auf, stellte sich in größtmöglicher Entfernung zum Oval in eine Ecke des Zimmers und zog Phil neben sich.
Der Kommissar spürte Charlottes Anspannung. „Vielleicht sollten wir hinaus gehen und vom Flur werfen?“ Der Vorschlag, wenn er sich auch seltsam anhörte bei einem völlig normalen Raum, war durchaus ernst gemeint.
„Gut“, stimmte Charlotte zu, und die beiden verließen das Arbeitszimmer. So brachten sie noch einmal gut anderthalb Yards Abstand zwischen sich und das undurchsichtige Gebilde.
Dann holte Charlotte aus und warf die Zitrone. Während des nur Millisekunden dauernden Flugs hielten die beiden Freunde unwillkürlich die Luft an. Charlotte hatte mit wenig Schwung geworfen, damit sie dem Objekt, wenn es abprallte und vielleicht in unerwartetem Winkel zurückkam, gefahrlos ausweichen konnte.
Doch es geschah etwas völlig anderes.
Die Zitrone traf auf das tiefblaue, undurchsichtige Oval, prallte aber nicht davon ab, sondern drang ein.
Und dann war sie verschwunden, als habe es sie nie gegeben. Nichts polterte irgendwo zu Boden.
Für Charlotte war die Zitrone im Blau verschwunden, für Phil in klarer Luft.
Mit ungläubigem Staunen schauten sich die Freunde an.
„Ist sie ... zerstört?“, fragte Phil.
„Charlotte ging ins Arbeitszimmer. In weitem Abstand lief sie um das blaue Oval herum und schaute zu Boden. „Also, ich sehe hier keine Zitronenreste. Wenn sie zerstört wurde, dann komplett und ohne Rückstände.“
Auch Phil hatte unterdessen den Raum wieder betreten. Er nahm den Bleistift vom Schreibtisch auf. „Soll ich?“
Charlotte nickte. Phil holte aus und warf das Schreibgerät in das Oval. Es verschwand ebenso spurlos wie sein Vorgänger.
„Tja“, meinte Charlotte, „wären wir Kids, würden wir jetzt wohl eine Hand reinstrecken.“
Phil grinste schief. „Das wäre dumm.“
„Stimmt. Aber wir könnten ...“ Charlotte brach ab, als sie am Rand des Ovals eine Veränderung bemerkte. „Du, Phil, es beginnt sich wieder aufzulösen.“
Sie trat zum Schreibtisch, öffnete eine Schublade und holte einen neuen Stift hervor. Doch bevor sie dazu kam, eine neue Zeichnung anzufertigen, um das Gebilde in der Luft zu stabilisieren, beschleunigte sich der Desintegrationsprozess sprunghaft. Innerhalb weniger Sekunden zerfaserte das seltsame Oval und verschwand schließlich ebenso spurlos wie die Objekte, die Charlotte und Phil hineingeworfen hatten.
Charlotte legte Stift und Papier zurück. „Ich könnte es wohl noch einmal erzeugen, aber irgendwie ist mir mulmig bei der Sache.“
Phil wiegte bedächtig den Kopf. „Wir sollten genau überlegen, was wir als Nächstes tun. Die Frage ist ja nun: Ist das, was wir reingeworfen haben, wirklich zerstört worden. Oder ...“
Charlotte setzte den Satz fort: „...oder befindet es sich nun an einem anderen Ort?“
ENDE
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Ach ja, die Steuerplatine, dachte sie und richtete ihren Blick auf den langen, weißen Tisch an der rechten Seite der Halle, auf welchem Werkzeuge, Kleinteile und eben auch jenes Bauteil lag.
Die Steuerplatine steckte in einem schwarzen, flachen Gehäuse, das so groß wie ein Briefpapier und so hoch wie ein Fingernagel war. An einer der Schmalseiten ragte auf fast der gesamten Breite ein Stück Platine heraus. Deutlich zu sehen waren die vielen goldenen Anschlüsse, welche die Steuerbefehle an die Effektoren des Satelliten - Manövrierdüsen, Kreiselstabilisatoren, Funkapparate und natürlich den Laser - weiterleiteten. Am oberen Ende der Cartridge ragte ein dünnes Kabel heraus, das an eine der Antennen des Satellitenkörpers angeschlossen werden würde.
Die extern angefertigte Platine war, nachdem die Pläne aus Fort Knox angeliefert worden waren, mit den Spezifikationen verglichen und durchgetestet worden. Nun lagen die Blaupausen in den beiden Tresorräumen, deren Sicherheitsaspekte nach Charlottes Erfolg als Einbrecherin deutlich verschärft worden waren. Insbesondere würden die Luftschächte mit Beton ausgegossen und dafür mehrere nur centmünzenbreite Lüftungsröhren gebohrt werden. Außerdem wurden bis auf Weiteres Wachtposten in den Tresorräumen stationiert.
Charlotte hätte gerne Photos dieses technischen Wunderwerks geschossen - der SPACE‑LASER war nicht nur der bis dato teuerste, sondern auch der instrumentenreichste künstliche Erdtrabant -, aber das war in diesem sensiblen Bereich strengstens verboten. Dennoch wollte sie eine Erinnerung davon anfertigen. Wenn es mechanisch-elektronisch nicht ging, dann eben auf die altmodische Weise.
Sie schlug den großen Zeichenblock auf, den sie sich aus dem Magazin besorgt hatte, und begann mit einer detaillierten Zeichnung des Satelliten. Sie versuchte, jedes Detail zu Papier zu bringen, jede Wölbung, jede noch so kleine Kante. Da sie nicht unter Zeitdruck stand, schritt das Abbild sehr langsam voran, und so hatte sie den Satelliten erst nach gut einer Viertelstunde als Strichzeichnung fertiggestellt. Ein paar Stellen musste sie noch einmal korrigieren, und sie zeichnete ein wenig nach, wenn die Schattierung nicht dem realen Bild entsprach.
Dann aber war sie zufrieden.
Charlotte schmunzelte ein wenig, als sie plötzlich ein schwaches blaues Flimmern um den Satellitenkörper wahrnahm. Das hatte sie erwartet, denn offensichtlich konnte sie keine Bilder mehr anfertigen, ohne dass eine Kopplung dabei entstand. Aber solange sie diese Zeichnung nicht signierte, bestand keine Gefahr für den Satelliten.
Dann zeichnete sie das Gehäuse der Steuerplatine. Zwar war der Satellit das viel dankbarere Motiv und viel interessanter als eine schlichte schwarze Box, aber es handelte sich immerhin um das Herzstück des SPACE‑LASER, denn ohne diese Box war der Satellit nur totes Metall. Außerdem symbolisierte es ihren Auftrag und war eine schöne Erinnerung.
Charlotte versuchte, die Kontakte akkurat abzubilden, und auch die silberne Plombe, die an einem dünnen Draht hing, der unlösbar mit der Box verklebt war, ließ sie nicht aus. Am Vortag war die Box nach Überprüfung und Abnahme der Schaltung geschlossen und versiegelt worden.
Auch um das Platinengehäuse stellte sich das blaue Leuchten ein. Es erschwerte das weitere Zeichnen ein wenig, da es den Schattenfall durch die Beleuchtung in der Halle überlagerte.
Zufrieden mit ihren Erinnerungsstücken klappte Charlotte den Block nach rund einer Dreiviertelstunde wieder zu. Nach wie vor war sie die einzige, die zu dieser späten Stunde den vier weißbekittelten Technikern, die zusätzlich Hauben, Handschuhe und Überzieher für die Schuhe trugen, bei ihrer Arbeit im Reinraum zusah. Was diese Leute genau taten, war Charlotte nicht ersichtlich. Für sie als Laie sah der Satellit so gut wie fertig aus.
Dann machte sie sich auf den Rückweg und ging in die Kantine, wo sie ein paar ihrer Kollegen traf und sich mit diesen unterhielt. So verging der Tag wie im Fluge, und der Start des SPACE-LASER rückte unaufhaltsam näher.
Aber die Gefahr schwebte weiter über dem Kennedy Space Center, denn der Spion war immer noch nicht enttarnt worden.
***
Am Nachmittag des darauffolgenden Tages versammelten sich sämtliche Anwärter auf der Galerie, um den finalen Handgriffen des Satellitenbaus beizuwohnen. Auch die Presseabteilung des Space Centers hatte wieder ein Kamerateam geschickt, das aber, solange der Satellit noch nicht verschlossen war, nichts aufzeichnete.
Charlotte kam als eine der letzten am Fenster an und musste sich mit ein paar Entschuldigungen und Bitten einen guten Platz erkämpfen, sodass sie die Halle in Gänze überblicken konnte. Ihren großen Zeichenblock hatte sie wieder dabei, denn sie wollte später ein Bild der Rakete mit Satellit anfertigen, wenn diese auf dem Crawler assembliert wurde.
Der Satellit sah noch genauso aus, wie sie ihn am Vortag gezeichnet hatte, inklusive des Blauschimmers. Charlotte achtete auf die Gespräche der anderen, ob vielleicht irgendjemand etwas Ungewöhnliches anmerkte - Phil hatte in Vancouver ja das Blau um die Hantel nicht gesehen, aber vielleicht gelang dies anderen Augen? -, aber nach kurzer Zeit wurde klar, dass nur Charlotte diesen Kopplungsschimmer wahrnahm.
Die Aktivität in der Halle hatte sich deutlich gesteigert. Mehr als zehn Personen wuselten durcheinander. Befehle wurden nicht selten gebrüllt, ebenso Messwerte quer durch die Montagehalle gerufen. Das Fenster isolierte nur teilweise, sodass die Zuschauer auf der Galerie einiges akustisch mitbekamen.
Der letzte Schritt stand an: die Steuerplatine sollte eingesteckt werden. Einer der Weißkittel trug das wertvolle Bauteil wie ein Geschenk auf ausgestreckten Armen vor sich her und schritt fast schon andächtig auf den Satelliten zu.
Charlotte sah ihn und die Platine von der Seite. Sofort regte sich ihr Unterbewusstsein. Etwas stimmte hier nicht. Und nach einer Sekunde wurde es ihr klar.
Die Platine leuchtete nicht mehr blau! Sie leuchtete überhaupt nicht mehr, war nur noch eine schwarze Box.
Ist die Kopplung erloschen?, fragte sich Charlotte. Aber der viel größere Satellit weist doch nach wie vor den Blauschimmer auf.
Vielleicht funktionierte diese neue Fähigkeit des Kopplungssehens nicht mit jedem Objekt? Oder sie war am Vortag, nachdem sie den Satelliten gezeichnet hatte, schlicht zu müde gewesen, um eine weitere dauerhafte Kopplung zu erreichen. Doch müde hatte sie sich eigentlich nicht gefühlt.
Charlotte nahm das Geschehen in der Halle nur noch bedingt wahr. Ihre Gedanken kreisten um die Worte Spion, Saboteur, Schwarzmarkt. Es war, soweit der Sicherheitschef Douglas ihr gesagt hatte, zu keinem weiteren Einbruchsversuch gekommen. Der Spion hatte also nach menschlichem Ermessen keine Chance mehr gehabt, an die restlichen Pläne von SPACE‑LASER heranzukommen.
Eine Idee blitzte in Charlottes Geist auf. Hatten dem Spion die Teilpläne genügt, und es war nie seine Absicht gewesen, den Rest auch noch an sich zu bringen?
Charlotte rief sich ins Gedächtnis, was auf den gestohlenen Plänen verzeichnet war. Ein paar elektronische Schaltungen, ein Messgerät für ionisierende Strahlung.
Aber auch die Steuerplatine!
Charlotte spürte, dass hier die Antwort lag, aber sie konnte sie noch nicht greifen.
Aber dann kam ihr ein wahnwitziger Gedanke.
Wenn es keine sichtbare Kopplung zu dieser Steuerplatine gab, war die einfachste Erklärung natürlich, dass diese im Laufe der letzten Stunden erloschen war. Vielleicht war sie auch nur schwächer geworden, sodass Charlotte diese nicht mehr wahrnehmen konnte. Ihre Versuche in Vancouver hatten ja gezeigt, dass sie nur eine wie auch immer genau definierte starke Kopplung erkennen konnte.
Das fehlende Blau konnte aber auch bedeuten, dass sich das gekoppelte Objekt stark verändert hatte. Hatte also jemand die Platine manipuliert?
Der Techniker legte das schwarze Gehäuse in diesem Moment auf einem kleinen Tisch ab, der am Fuß des Satelliten stand.
Jetzt, dachte Charlotte. Ob es noch eine Kopplung gibt, muss ich überprüfen. Wenn ja, ist alles in Ordnung da unten.
Sie schob sich an den Rand des Fensters und blätterte den Block auf die Zeichnung der Platine vom Vortag. Nachdem sie das Bild signiert hatte, schnippte sie leicht gegen die gezeichnete Box. Die reale Platine, die sie unverwandt anblickte, reagierte nicht. Diese bewegte sich kein Stück. Bei intakter Kopplung wäre dies aber aller Erfahrung nach zu erwarten gewesen. Noch einmal tippte Charlotte auf das Bild. In der Halle geschah nichts.
Keine Kopplung, dachte sie. Erloschen oder ...
Ihre Gedanken stoppten, als sie etwas Warmes in ihrer Nase spürte. Ein Blutstropfen fiel zu Boden. Rasch zog sie ein Taschentuch aus dem Overall, um die Blutung aufzufangen.
Sie war völlig verblüfft. Eine blutende Nase bedeutete, dass Kraft übertragen worden war. Sicherlich aber nicht an die Steuerplatine dort unten.
Aber wohin dann?
„Alles okay?“, fragte einer der angehenden Astronauten Charlotte.
„Wie? Was?“, gab sie automatisch zurück, als sie aus ihren Gedanken gerissen wurde, lächelte dann aber und erklärte kurz: „Ja, es ist nur Nasenbluten. Die Anstrengungen der letzten Tage ...“ Sie ließ den Rest des Satzes offen.
Dem Mann schien die Erklärung zu genügen, denn er wandte sich ab und blickte wieder durch das Fenster hinunter zu den Technikern.
Der kurze Moment der Ablenkung hatte Charlottes Gedankengänge sortiert. Nun war ihr klar, dass dieses Ergebnis nur eins bedeuten konnte: Es gab nach wie vor eine Kopplung zur Steuerplatine. Aber das, was der Monteur dort unten gerade in den Satelliten einbauen wollte, war nicht die Platine vom Vortag, sondern eine andere.
Nun gab es nur eins zu tun. Wenn sie danebenlag, würde sie möglicherweise den Start des gesamten Projekts verzögern. Das würde sie in arge Schwierigkeiten bringen.
Aber wenn sie recht behielt, konnte sie einen genial eingefädelten Sabotageakt vereiteln.
Sie blätterte auf eine leere Seite und zeichnete hochkonzentriert und in fieberhafter Eile die Plombe der falschen Steuerbox in der Halle. Diese glich einem Regentropfen, der an einer Scheibe herunterlief, und wies einige dunklere Stellen auf, sodass sie sehr schnell eine saubere und exakte Zeichnung anfertigen konnte. Zwei Überzeichnungen folgten, dann leuchtete die Plombe. Charlotte aktivierte ihr Bild und drückte mit dem Fingernagel auf einen der beiden gezeichneten Drähte, welche die Plombe hielten.
Der reale Gegenpart reagierte wie geplant und zerriss.
Niemand auf der Galerie hatte auf ihre Aktion reagiert. Charlotte starrte hinunter in die Halle und dachte: Mann, komm schon. Das muss doch einer von euch sehen. Da ist ein Defekt!
Doch in der Halle reagierte niemand. Einer der Wissenschaftler hatte die Steuerbox aufgehoben und stieg gerade die Stufen einer Treppe empor. Niemand schien die gelöste Versiegelung zu bemerken, auch nicht von der Galerie aus. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer war ganz offensichtlich auf die Luke gerichtet.
Dann halt anders, entschied Charlotte.
Sie hob die Fäuste und trommelte gegen die Scheibe. Dabei rief sie laut: „Die Plombe hat sich gelöst.“
Überraschte Blicke trafen sie von allen Seiten, doch Charlotte ignorierte diese. Noch einmal hämmerte sie an die Scheibe. Sie wiederholte ihre mündliche Warnung und schrieb gleichzeitig in dicken Lettern auf ihren Block die Worte ‚Plombe! Defekt!‘ Das Blatt drückte sie gegen das Fensterglas.
Endlich schaute einer der Männer in der Halle hoch. Sein Gesicht spiegelte Wut und Verärgerung. Auch als er offensichtlich Charlottes Nachricht las, änderte sich sein Ausdruck nicht. Er wollte sich schon abwenden, als Charlotte eine zweite und längere Nachricht aufgeschrieben hatte und hochhielt: ‚Plombendraht durchtrennt. Habe es deutlich gesehen. Bitte überprüfen! Sabotage?‘
Diese Worte schienen gewirkt zu haben. Der Mann rief etwas durch die Halle, das hier auf der Galerie nur als dumpfes Brummen zu verstehen war, und der Wissenschaftler auf der Treppe hielt an. Er drehte die Box zur Seite und blickte darauf.
Dann kam er die Stufen wieder herunter.
„Was geht hier vor sich?“, rief in diesem Moment ein Mann. Carl Douglas drängte sich rücksichtslos durch die Menge auf der Zuschauergalerie. „Carrington! Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Was fällt Ihnen ein, den Start zu stören? Das wird disziplinarische Konsequenzen haben, das garantiere ich Ihnen. Ich ...“
In seinem Funkgerät knackte es. „Sir, wir haben einen Sicherheitsvorfall. Montagehalle SPACE-LASER. Die Wissenschaftler haben Alarm gegeben. Die Steuerplatine ist nicht mehr versiegelt.“
In der Halle hatten sich alle Menschen um die Steuerbox, die wieder auf dem großen Tisch an der Seitenwand lag, geschart. Ein Bruch der Versiegelung war ein Vorfall, der den Start vorerst stoppte.
Charlotte brach der Schweiß aus, als sie sah, wie der zweite Draht an der Plombe gekappt und danach die Steuerbox aufgeklappt wurde. Würde sie recht behalten? Nicht nur sie hielt den Atem an. Einer der Weißbekittelten sagte etwas in die Sprechanlage an der Wand.
Ein paar Sekunden später dröhnte wieder die Stimme aus dem Funkgerät: „Sir, die Steuerplatine ist korrumpiert. Die Wissenschaftler melden die Existenz eines Bauteils, das laut Spezifikation nicht in die Schaltung gehört.“
Charlotte stieß hörbar die angehaltene Luft aus.
Das also war der eigentliche Plan des Spions gewesen. Jemand hatte die Steuerplatine nach den gestohlenen Plänen nachgebaut und verändert. Und sie dann, wahrscheinlich in der vorigen Nacht, gegen die echte ausgetauscht.
Und die Veränderung würde sicherlich nicht den Interessen der nordamerikanischen Länder dienen.
Hektische Aktivität ergriff Cape Canaveral.
Die Startvorbereitungen wurden nur vorübergehend gestoppt. Die baugleiche Ersatzsteuerplatine, welche noch beim Hersteller unter Verschluss lagerte, wurde angefordert. Sie konnte innerhalb von vierzehn Stunden eintreffen. Der Startzeitpunkt war noch nicht in Gefahr, zumindest nicht, solange nicht noch weitere Schwierigkeiten auftauchten.
„Mr Douglas, ich möchte bei der Suche nach der Originalplatine helfen“, bat Charlotte. Sie war entschlossen, sich nicht noch einmal abwimmeln zu lassen. Dort, wo sich die echte Steuerplatine befand, würde man vielleicht auf den Spion oder Spuren von ihm treffen, denn ein so teures Stück Technik warf man nicht einfach weg.
„Nun gut“, gab der Sicherheitschef ohne Gegenrede sein Einverständnis. „Donelly, Sie bilden mit Carrington ein Team. Planquadrat B4. Sie haben alle Vollmachten, Räume aufzubrechen.“
„Verstanden, Sir“, erwiderte der Sicherheitsmann.
Charlotte und er verließen im Laufschritt das Montagegebäude und fuhren mit einem kleinen Wagen zum angegebenen Gebiet.
„Nehmen Sie die Gebäude links, ich die beiden anderen“, sagte Donelly und gab Charlotte ein Spezialfunkgerät. Es sendete ein Kommando auf einer geheimen Frequenz aus, welches die Steuerplatine zu einer Funkantwort veranlasste. Auf der Platine war für Notfälle, wenn die Stromversorgung im Satellit ausfiel, eine Batterie verbaut, welche für wenige Minuten genügend Spannung lieferte, um letzte Befehle über die kleine Spezialantenne zu empfangen und im All auszuführen. Nun würde das System auf der Erde zum Einsatz kommen und hoffentlich ein Anpeilen ermöglichen.
Charlotte lief los und umrundete das äußere Gebäude zuerst einmal. Immer wieder drückte sie auf ‚Senden‘ und blickte auf die Empfangsanzeige, auf der sich jedoch nichts regte. So wandte sie sich dem zweiten Bau zu. Auch dort schlug ihr Detektor nicht an.
Sie wollte gerade in das Wohngebäude gehen, um genauere Untersuchungen anzustellen, als das Funkgerät sich meldete. Eine ihr unbekannte Stimme sagte: „Cameron hier. Ich habe eine positive Ortung. Gebäude 23A.“
Das war ganz in der Nähe. Ein, nein zwei Planquadrate weiter Richtung Osten. Charlotte lief zurück zum Wagen, den sie nur kurz nach Donelly erreichte. In wildem Tempo brauste das Fahrzeug los.
Schnell war das Zielgebäude erreicht.
Charlotte und Donelly waren nicht das einzige Team, das dem Ruf gefolgt war. Ein halbes Dutzend Autos parkten bereits vor 23A. Einer der Sicherheitsoffiziere hatte das Kommando übernommen und teilte die Leute ein.
Charlotte wurde zur Südseite beordert.
„Wir gehen jetzt rein“, kam eine Stimme aus dem Funkgerät. „Achtet auf Flüchtende.“
Charlotte ließ den Blick über die Wand gleiten, die etwa dreißig Fuß in die Höhe ragte. Hinter manchen der vielen Fenster schien Licht zu brennen.
Plötzlich öffnete sich ein Fenster im ersten Stock. Charlotte spannte ihre Muskeln vor. Eine Tasche wurde aus dem Fenster geworfen, dann sprang eine dunkel gekleidete Gestalt herab und landete, in den Knien federnd, auf dem Sandboden.
Charlotte drückte auf den Sendeknopf. „Carrington, Südseite 23A. Hier ist ...“
Sie sah das metallische Blitzen, noch bevor sie die Waffe erkennen konnte. Blitzschnell warf sie sich auf den Boden, obwohl sie hier keinerlei Deckung hatte. Sie war noch im Fallen, als es zweimal kurz hintereinander laut bellte. Mehrere Yards neben ihr schlugen Kugeln in den Wüstenboden ein. Sand spritzte hoch.
Nach einer Sekunde, in der ihre Reflexe die Kontrolle über ihren Körper innehatten, schaute sich Charlotte hektisch um. Wo sollte sie hin? Es gab nur eine Richtung, die ihr ein wenig Schutz versprach, wollte sie nicht im Fliehen ein perfektes Ziel abgeben.
Charlotte schnellte sich vorwärts und stand eine halbe Sekunde später auf den Füßen. Knappe fünfzehn Yards trennten sie noch von der Gestalt, die aber keine Anstalten machte, noch einmal zu feuern. Stattdessen wandte sie sich nach Osten und rannte in unglaublich hohem Tempo davon. Charlotte versuchte, ein Identifizierungsmerkmal an der Kleidung des Flüchtenden auszumachen. Doch da war nichts. Schwarzer Stoff, Falten, Flattern im Wind. Nichts, was eine erfolgreiche Kopplung erwarten ließ. Doch so schnell hätte sie ohnehin nichts zeichnen können, denn der Flüchtende bog in diesem Moment um die Ecke des Nachbargebäudes und verschwand aus ihrem Blickfeld.
„Carrington hier. Er ist hinter 24A verschwunden“, meldete sie.
Wenig später hörte sie das Geräusch mehrerer Fahrzeuge, welche in die angegebene Richtung preschten. Doch auch der Spion - denn wer sonst sollte hier zu fliehen versuchen? - hatte sich ebenfalls ein Gefährt besorgt und raste nun auf die östliche Umzäunung zu. Er hatte rund einhundert Yards Vorsprung.
Charlotte lief um 23A herum und hatte Glück. Da parkte noch ein Fahrzeug!
Sie warf sich hinter das Lenkrad und fuhr los. Mit weitem Abstand folgte sie den Sicherheitsleuten, die wiederum dem Spion hinterherfuhren. Zuerst änderte sich nichts an der Pattsituation, dann aber ertönte eine Explosion weit voraus.
Die Fahrzeuge der Sicherheit schienen zu verlangsamen, jedenfalls verkürzte Charlotte den Abstand zu ihnen rapide. Noch einmal explodierte etwas. Doch es konnte sich nur um eine kleine Bombe handeln. Als der Donner verklungen war und sich die Staubwolke ausreichend verzogen hatte, sah Charlotte, wie die dunkle Gestalt durch das gesprengte Loch im Zaun rannte und auf die wenigen Büsche zuhielt, die außerhalb des Space Geländes wuchsen. Dann verschwand der Flüchtende aus der Sicht. Wenig später ertönte ein Geräusch, als spränge jemand in Wasser.
Der Kerl will durch den Sumpf, ging Charlotte durch den Kopf. Die Küstenwache! Wir müssen die Küstenwache alarmieren.
„Carrington an Douglas. Spion in Planquadrat C4 auf Wasserweg in den Atlantik“, sprach sie ins Mikro. Doch sie war nicht die einzige, die meldete, was hier geschah. Mehrere Sicherheitsleute hatten den Chef ebenfalls verständigt.
„Die Suche wird abgebrochen. Zurück ins Sicherheitsgebäude“, ordnete Douglas an.
***
Drei Tage später erhob sich die neue SATURN-Rakete der Modellreihe V nach einem Bilderbuchstart in den strahlend blauen Himmel über Florida. Das tausende Tonnen schwere Ungetüm schob sich auf einem Feuerstrahl schnurgerade in Richtung Weltraum. Unzählige Besucher innerhalb und außerhalb des NASA-Geländes wollten sich das spektakuläre Ereignis nicht entgehen lassen.
Auch Charlotte stand auf der Besucherplattform und schaute der Trägerrakete nach. Sie trug Zivilkleidung, denn am Vorabend hatte man ihr mitgeteilt, dass sie leider nicht den Anforderungen einer Astronautin gerecht wurde. Charlotte hatte es mit Fassung aufgenommen. Alles andere wäre auch eine immense Überraschung gewesen. Vielleicht, wenn sie sich voll auf die Prüfungen hätte konzentrieren können ... Doch den kurz aufflammenden Ehrgeiz schob sie lächelnd zur Seite. Sie liebte ihren aktuellen Beruf viel zu sehr, um eine so grundlegende Veränderung ernsthaft in Erwägung zu ziehen.
Als die Rakete nur noch ein ferner, dunkler Punkt am Himmel war, kam wieder Leben in die Besucher.
Ein Mann trat zu Charlotte. „Miss Carrington, Mr Douglas bittet Sie, vor Ihrer Abreise noch einmal in seinem Büro vorbeizuschauen.“
„Jetzt sofort?“
„Wenn es Ihnen passt, gerne.“
Sie folgte dem Mann die Treppe hinunter, nahm auf dem Beifahrersitz Platz und ließ sich zu Douglas bringen.
Der Sicherheitschef erhob sich, als Charlotte sein Büro betrat.
„Sir, Sie wollten mich sprechen?“
Douglas deutete auf den bequemen Besuchersessel vor seinem Schreibtisch. Charlotte nahm Platz.
„Miss Carrington. Ich wollte Ihnen noch die letzten Ermittlungsergebnisse mit auf den Weg geben, bevor Sie in Ihre Heimat fliegen. Sozusagen aus erster Hand.“
„Das ist sehr freundlich von Ihnen“, erwiderte Charlotte. Sie war positiv überrascht, denn mit diesem Entgegenkommen hatte sie nun doch nicht gerechnet, obwohl sich das Verhältnis zu Douglas seit dem Vorfall mit der ausgetauschten Steuerbox weiter entspannt hatte.
„Das FBI hat den Spion mit Hilfe der Küstenwache festnehmen können. Der Mann schweigt sich aus und hatte leider nichts Verdächtiges bei sich. Zu unserem Unglück ist er Angehöriger einer ausländischen Botschaft und besitzt daher Immunität. Aber ...“
„Wirklich? Man wird ihn also nur ausweisen, mehr nicht?“, unterbrach Charlotte. Sollte der Kerl, der einen Menschen getötet hatte, so leicht davonkommen? „Was ist mit dem Mord an Mr Deighton?“
„Das würde leider ebenfalls unter die Immunität fallen. Aber in diesem Punkt hat der Spion sein Schweigen gebrochen und war kooperativ.“
Verwirrung zeigte sich auf Charlottes Gesicht. „Sir, das verstehe ich nicht. Warum einen Mord zugeben, aber nicht die Spionage?“
Douglas' Augenmuskeln zogen sich zusammen. Er war offensichtlich verärgert über Charlottes andauernde Unterbrechungen. „Miss Carrington, wenn Sie mich auserzählen ließen, wären wir hier schneller fertig.“
„Entschuldigen Sie, Mr Douglas.“
„Der Spion, dessen Name keine Rolle spielt, da dieser ohnehin falsch ist, hat ausgesagt, dass nicht er für die Bombe am Crawler verantwortlich sei, sondern die Anhänger von WAOGOE.“
Charlotte stutzte. Irgendwie konnte sie das nicht glauben. „Die Aktivisten wollten eine Weltraumrakete in die Luft jagen? Das wäre eine Eskalation gigantischen Ausmaßes. Ich habe die Leute an meinem Ankunftstag gesehen, als sie Farbballons an Reisebusse warfen. Und jetzt so etwas?“
„Die Kollegen vom FBI haben erste Befragungen durchgeführt“, erklärte Douglas weiter. „WAOGOE, oder besser, eine kleine Gruppe der Mitglieder, wollte einen unbenutzten Crawler in die Luft sprengen. Dass wir diesen verwenden, weil der Start des Wettersatelliten vorgezogen wurde, hatten sie nicht eingeplant.“
Klar!, dachte Charlotte. Das war es! Der vorgezogene Start, das hat mich an der ganzen Sache gestört. Es machte das Ganze so ungeplant, und das passt doch nicht zu einem Spion, der streng geheime Pläne stehlen kann.
WAOGOE würde die ganze Härte des Gesetzes treffen. Denn wer eine Bombe legte, war für alle Folgen verantwortlich. Egal, ob gewollt oder nicht. Die Organisation hatte mit dieser brutalen Tat ihrem Anliegen keinen Gefallen getan. Unterstützer würden sich abwenden, dessen war sich Charlotte sicher.
„Weiß man schon, was das zusätzliche Bauteil auf der Steuerplatine hätte ausrichten sollen?“
„Noch nicht genau“, antwortete Douglas. „Klar ist nur, dass der Chip der Steuerplatine Überrangbefehle erteilen kann, die auch von unserer Bodenstation nicht aufgehoben werden könnten.“
„Also könnte jemand den Satelliten im All kapern?“, vermutete Charlotte.
„Denkbar.“ Douglas schloss die Akte, die vor ihm lag. „Für die fehlerhaft funktionierende Zentrifuge war höchstwahrscheinlich aber der Spion verantwortlich.“
„Also Sabotage. Warum?“
„Das FBI vermutet, es sollte der Ablenkung vom eigentlichen Ziel dienen. Ebenso wie der Überfall auf Astronautin Nichols und die Preisgabe der Pläne auf dem Schwarzmarkt.“
Charlotte dachte kurz an ihren letzten Auftrag, als sie den hochgradig kriminellen Chris Sim gejagt hatte. Auch dieser Verrückte hatte seine wahren Motive in einer Anschlagsserie verborgen.
Douglas stand auf und kam hinter dem Schreibtisch hervor. „Ihre Regierung wird Sie sicherlich weiter informieren. Wenn Sie in Vancouver landen, wird unser FBI neue Ergebnisse haben.“
Er streckte Charlotte die Hand hin. „Sie haben gute Arbeit geleistet, Sergeant.“
Sie nahm die dargebotene Hand, verabschiedete sich und verließ das Büro.
Eine intensive Zeit auf dem Raketenstützpunkt lag hinter ihr. Nun aber freute sie sich auf zuhause.
***
Nach einem ereignislosen Flug landete Charlotte am Mittag wieder in Vancouver und fuhr sofort in ihr Apartment. Phil hatte die Photos, die sie vor ihrem Florida-Auftrag geschossen hatte, entwickelt, aber auf keinem war ein blaues Oval zu sehen. Das Phänomen, das nur ihr rechtes Auge um reale Objekte sah, war photographisch nicht nachzuweisen. Es blieb in ihrem Kopf. Aber für Einbildung hielt Charlotte es nicht, schließlich hatte das Fehlen dieses Schimmers erst zur Entdeckung der untergeschobenen Platine geführt. Und eine Einbildung, die im richtigen Moment nicht mehr auftrat - das war schlicht abwegig.
Nach einer Dusche und einem kleinen Imbiss ging die Detektivin in ihr Arbeitszimmer. Es sah aus wie immer und enthielt nichts Auffälliges. Charlotte setzte sich in ihren Schreibtischsessel und zeichnete geduldig Bild um Bild. Das Motiv, glaubte sie, spielte keine Rolle, und so nahm sie einfach alles, was in ihrem Blickfeld lag. Jedes Bild wurde mehrfach überzeichnet, bis das Motiv in der Realität einen Blauglanz bekam. Nach jeder Zeichnung schaute sie sich im Raum um, aber das Oval blieb verschwunden. So wuchs der Stapel an fertigen, aber nicht aktivierten Zeichnungen Blatt um Blatt.
Aber dann, nach dem neunten Bild, war es endlich soweit.
Die Luft flimmerte bläulich. Das Oval bildete sich aus und war nach der zehnten Zeichnung eindeutig zu erkennen. Es hing an derselben Stelle wie zuletzt und wies auch dieselbe Form auf: ein an den Enden abgeschnittenes, breitbauchiges Surfboard.
War das Oval immer im Raum, und sie konnte es erst nach einer gewissen Zeit, in der sie ihre Gabe nutzte, wahrnehmen? War es also das Analogon zur Hell-Dunkel-Adaptation des menschlichen Auges? Jemand, der aus der grellen Sonne in ein dunkles Zimmer kam, sah zuerst auch nichts, obwohl der Raum natürlich nicht leer war.
Oder gab es das Oval nicht dauerhaft, und sie, Charlotte, erzeugte es irgendwie?
Sie lief kurz in die Küche und kam mit dem Besen zurück. Den ausgestreckten Arm, der den Besenstiel hielt, schob sie vorsichtig zwischen Wand und Oval. Dabei blickte sie durch das blaue Schimmern - und konnte den Besen auf der anderen Seite gut erkennen. Sie bewegte ihren Arm nach oben und nach unten, und was sie sah, entsprach genau dieser Bewegung. Das Ding war also wirklich transparent und keine Projektion dessen, was beim Entstehungszeitpunkt dahinter gelegen hatte.
Das Oval stand im Arbeitszimmer. Gab es auch eins in den anderen Räumen ihres Apartments?
Charlotte lief ins Wohnzimmer und zeichnete konzentriert zehn Objekte. Auch hier wurde jedes Bild solange überzeichnet, bis das reale Motiv leuchtete. Dann, nach dem zehnten Bild, blickte sie sich aufmerksam um.
Nichts. Nirgends war ein blaues Irgendwas zu sehen. Charlotte schaute sogar hinter die Vorhänge, was ihr ein wenig lächerlich vorkam. Doch es blieb bei dem negativen Ergebnis.
Dann wiederholte sie das Experiment in der Küche, im Schlafzimmer und sogar in der kleinen Abstellkammer.
Nichts.
Sie war so in ihrem Experimentierfieber gefangen, dass sie gar nicht bemerkte, wie spät es schon geworden war. Trotz der drei Stunden Zeitverschiebung verspürte sie im Moment noch keine Müdigkeit, und so ging sie zurück ins Arbeitszimmer, um die Ergebnisse der Versuche sauber zu notieren.
Dass das Oval verschwunden war, verwunderte sie nicht weiter. Dieses Gebilde blieb nur eine gewisse Zeit stabil. Zumindest sah sie es nur für eine gewisse Zeit.
Es dauerte eine weitere Stunde, bis sie alles aufgeschrieben hatte, dann gähnte sie doch, und so ging sie zu Bett.
Am anderen Morgen nach einem raschen Frühstück, wollte sie die nächste Frage in Angriff nehmen. Sie rief bei Phil an, und der Freund kam eine Stunde später vorbei.
„Soll ich mir wieder etwas anschauen?“, fragte er. Doch richtig begeistert schien er nicht.
Die beiden gingen ins Arbeitszimmer, auf dessen Boden ein großes Areal mit weißem Klebestreifen abgesteckt war. „Nicht reintreten!“, bat Charlotte und begann mit ihren Zeichnungen.
Nach dem zehnten Bild stoppte sie, denn das Oval war für sie gut zu erkennen. Ein Seitenblick auf Phil zeigte ihr, dass der Kommissar aber weiter nichts Auffälliges erkannte. Charlotte stand vom Schreibtisch auf und nahm einen Bleistift. Sie stellte sich vor das Oval und warf den Stift wie eine Boulekugel in das Gebilde hinein. Der Bleistift flog ungehindert hindurch, prallte gegen die Wand und fiel zu Boden.
Phil verbiss sich ein Grinsen, doch Charlotte wusste nur zu gut, dass er am Liebsten so etwas wie „Das habe ich gesehen“ von sich gegeben hätte. Sie aber machte weiter mit ihren Versuchen und warf ein Buch, eine leere Filmdose und sogar eine Zitrone durch das ungewöhnliche Etwas in der Luft.
Alle Dinge flogen hindurch und fielen dahinter zu Boden.
Phil untersuchte die Gegenstände vor und nach dem Werfen, konnte aber keine Unterschiede feststellen. Nur die Zitrone wies eine Delle auf, aber das ließ sich leicht durch den Aufprall auf der Wand erklären. Es war also kein Beweis für ein für ihn nicht sichtbares Phänomen.
Dann begann sich das Oval vom Rand her aufzulösen. Charlotte fing sofort erneut zu zeichnen an, und stoppte erst nach fünf weiteren Bildern.
Als sie das Oval anblickte, stutzte sie. Dass der Rand nun wieder glatt war, die Einbuchtungen und Risse verschwunden waren, das hatte sie erwartet. Aber das Blau hatte an Intensität zugenommen. Gleichzeitig hatte es an Transparenz verloren. Die Wand dahinter war nurmehr schwer zu erkennen.
„Du, das Ding wird opak“, sagte sie zu Phil. „Siehst du es jetzt?“
Doch der Freund schüttelte den Kopf. „Alles in und über dem markierten Bereich sieht für mich weiter aus wie Luft.“
Charlotte fing eine neue Zeichnung an. Als das nächste Buch blau leuchtete, hatte das Oval seine Transparenz vollständig verloren.
„Phil, da schwebt nun eine Art blaue Wand im Raum“, sagte sie. „Ich vermute, wenn ich jetzt etwas werfe, prallt es ab. Und das müsstest du dann auch sehen.“
Sie nahm die Zitrone vom Boden auf, stellte sich in größtmöglicher Entfernung zum Oval in eine Ecke des Zimmers und zog Phil neben sich.
Der Kommissar spürte Charlottes Anspannung. „Vielleicht sollten wir hinaus gehen und vom Flur werfen?“ Der Vorschlag, wenn er sich auch seltsam anhörte bei einem völlig normalen Raum, war durchaus ernst gemeint.
„Gut“, stimmte Charlotte zu, und die beiden verließen das Arbeitszimmer. So brachten sie noch einmal gut anderthalb Yards Abstand zwischen sich und das undurchsichtige Gebilde.
Dann holte Charlotte aus und warf die Zitrone. Während des nur Millisekunden dauernden Flugs hielten die beiden Freunde unwillkürlich die Luft an. Charlotte hatte mit wenig Schwung geworfen, damit sie dem Objekt, wenn es abprallte und vielleicht in unerwartetem Winkel zurückkam, gefahrlos ausweichen konnte.
Doch es geschah etwas völlig anderes.
Die Zitrone traf auf das tiefblaue, undurchsichtige Oval, prallte aber nicht davon ab, sondern drang ein.
Und dann war sie verschwunden, als habe es sie nie gegeben. Nichts polterte irgendwo zu Boden.
Für Charlotte war die Zitrone im Blau verschwunden, für Phil in klarer Luft.
Mit ungläubigem Staunen schauten sich die Freunde an.
„Ist sie ... zerstört?“, fragte Phil.
„Charlotte ging ins Arbeitszimmer. In weitem Abstand lief sie um das blaue Oval herum und schaute zu Boden. „Also, ich sehe hier keine Zitronenreste. Wenn sie zerstört wurde, dann komplett und ohne Rückstände.“
Auch Phil hatte unterdessen den Raum wieder betreten. Er nahm den Bleistift vom Schreibtisch auf. „Soll ich?“
Charlotte nickte. Phil holte aus und warf das Schreibgerät in das Oval. Es verschwand ebenso spurlos wie sein Vorgänger.
„Tja“, meinte Charlotte, „wären wir Kids, würden wir jetzt wohl eine Hand reinstrecken.“
Phil grinste schief. „Das wäre dumm.“
„Stimmt. Aber wir könnten ...“ Charlotte brach ab, als sie am Rand des Ovals eine Veränderung bemerkte. „Du, Phil, es beginnt sich wieder aufzulösen.“
Sie trat zum Schreibtisch, öffnete eine Schublade und holte einen neuen Stift hervor. Doch bevor sie dazu kam, eine neue Zeichnung anzufertigen, um das Gebilde in der Luft zu stabilisieren, beschleunigte sich der Desintegrationsprozess sprunghaft. Innerhalb weniger Sekunden zerfaserte das seltsame Oval und verschwand schließlich ebenso spurlos wie die Objekte, die Charlotte und Phil hineingeworfen hatten.
Charlotte legte Stift und Papier zurück. „Ich könnte es wohl noch einmal erzeugen, aber irgendwie ist mir mulmig bei der Sache.“
Phil wiegte bedächtig den Kopf. „Wir sollten genau überlegen, was wir als Nächstes tun. Die Frage ist ja nun: Ist das, was wir reingeworfen haben, wirklich zerstört worden. Oder ...“
Charlotte setzte den Satz fort: „...oder befindet es sich nun an einem anderen Ort?“
ENDE
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