sprung in latex

Mondnein

Mitglied
[ 4]sprung in latex


sprache sind all die sich selbst prädizieren: subjekte
pflaumen wie du die sich wein prädikate zumeistern
fein ausgegorne erkorne verlorne projekte
seid ihr sich setzenden sätze die s ich überkleistern

glanz lack gelackter erinnerung kaut schuh kleider
keiner kann dich erkennen sie blicken ins nichts
nein – sie schauen hindurch und beneiden die neider
die sie da sehn in der spieglung des masken gesichts

heben die arme und falten die hände und neigen
sich vornüber zu springen zu tauchen zu vieren
dort über kreuz einander hindurch zu zeugen
daß sie dein ich sind wo sie einander berühren
 
S

shoshin

Gast
Hallo Mondnein,

Du hast unlängst ein Gedicht "Escher Mandala" eingestellt. Ich hab keine Ahnung, was du mit diesem hier sagen willst, aber ich habe den Eindruck es ist ein Mondnein Sprach-Mensch-Manadala oder eher noch ein Vexierbild, alles ist verschlungen, aber nichts berührt (sich). Macht mich total nervös, weil ich keinen Faden zu fassen bekomme.

LG
shoshin
 

Mondnein

Mitglied
Liebe Shoshin!

Mindestens zwei Ebenen schichten sich hier übereinander.
Eine unmittelbare Bedeutungsebene, und damit würde ich anfangen, und dann ein Spiel mit Bedeutungsvarianten, metaphorisch.

Sätze sind Prädikationen von Subjekten, das ist ein alter aristotelischer Grundsatz der Grammatik, der den "Satzglieder"-Funktionen in unseren Grammatiken zugrundeliegt. Das bedeutet zunächst einmal: Jeder Aussagesatz ist Prädikation, d.h. Aussage über etwas, und zwar Aussage über das Satzsubjekt. Da setzt der erste Vers an.
Aber er spielt sofort mit der anderen, der erkenntnistheoretisch-philosophischen Bedeutung von "Subjekt": Dort ist nämlich nicht das gemeint, wovon Aussagen getroffen werden, sondern eher die Person, die die Aussagen trifft. Und wenn ein Subjekt Aussagen über sich selbst macht, überkreuzen sich beide Bedeutungen des Begriffes "Subjekt".
Dann folgt gleich ein entsprechendes Spiel mit der Doppeldeutigkeit von "Prädikat".

Da würde ich ansetzen beim Verstehenversuch.

"kaut schuh kleider" liest sich auch als "Kautschuk-Leider".
Die Doppeldeutigkeit von "latex" habe ich schon oben angemerkt.

Von der zweiten zur dritten und eben in dieser dritten Strophe baut sich ein Bild auf: Vier Personen stehen an einem Beckenrand, etwa im Schwimmbad, und springen ins Wasser. Sie stehen vielleicht für die Selbst-Prädikation des Ichs, des "Subjekts, das sich zum Subjekt hat".

Die zweite Strophe sieht die Selbstprädikation kritisch: Blick "ins nichts", oder durch das Nichtsichselbstspiegeln des Spiegels ("nichts") scheinbar hindurch ins Spiegelbild, und dann folgt eben das Bild der dritten, wo die Ambivalenz zwischen Gebetshaltung der gefalteten Hände und der Sprung-Handhaltung von Schwimmern changiert.

Zuletzt die Doppeldeutigkeit des "zeugens".

Das wären einige Ansatzpunkte, ich hoffe, sie helfen.

Auf jeden Fall aber danke, danke sehr!, für das Lesen und Dichbeschäftigen mit den drei Strophen. Sie sind kein bloßes Klangspiel, so sehr ich sowas schon mal liebe, sie reflektieren die Sprachreflexion des sich selbst prädizierenden "Ich bin ...", und dies in dem Bewußtsein, daß das Bewußtsein sich in Bildern sieht, immer nur in Bildern, und vielleicht in allen möglichen Bildern, "facultas imaginandi", wie Kant die "Einbildungskraft" als Grundfunktion des "Ich bin ..." in der "Kritik der reinen Vernunft" latinisiert hat.

Aber dieses Gedicht setzt weder Aristoteles noch Kant voraus, wohl aber die schulisch gängigen Satzteil-Begrifflichkeiten von "Subjekt", "Prädikat" und deren alltagssprachlichen Krümmungen oder Spielvarianten ("Prädikatswein"), und beginnt eben mit der Definition des Aussagesatzes: Sätze sind Prädikationen von Subjekten, Aussagen über Satzgegenstände.

grusz, hansz
 
S

shoshin

Gast
Vielen Dank für deine ausführliche Erläuterung. Jetzt scheint es mir eigentlich vollkommen klar; ich habe mich irgendwie von der ersten Zeile in die Irre führen lassen ("Sprache sind ... ) und habe nicht mehr zurück gefunden. Aber ich glaube mit meinem Vexierbild (wer bin ich) und Mandala (letzte S der vier Ich-Schleifen) war ich gar nicht so weit weg. Ich denke aber die Aussage "daß sie dein ich sind wo sie einander berühren" ist wohl nicht wirklich richtig. Das "Ich" ist mE als Identitätsstifter ungeeignet, bleibt immer eine wandelbare Vielheit oder eben eine Einbildung.
LG
shoshin
 
S

shoshin

Gast
Ah ja, zur Form muss ich hier vielleicht auch noch etwas sagen:

Mir ist zuerst gar nicht aufgefallen, dass es ein Reimgedicht ist, aber wie immer arbeitest du mir viel Lautmalerei und Binnenreimerei - das ist mir manchmal zu überladen. Aus irgendeinem Grund ist mir das hier aber gar nicht so aufgefallen.

Warum, kann ich nicht erklären. Sag du's mir!

Der Dreifüßer hat teilweise viel Tempo, was ja zur Thematik des getriebenen Menschen passt; man bleibt aber immer wieder hängen, bei schweren Silben in Senkungen oder Zweifüßern, zB besonders auffällig in diesem Vers:

glanz lack gelackter erinnerung kaut schuh kleider
X (X) xXx xXxx X (X) Xx

welcher Vers vielleicht ja doch im Grunde für das ganze Gedicht stehen könnte (?) - Glanz und Latex - Lug und Trug (?)

LG
shoshin
 

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